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Tag und Nacht auf den Straßen Berlins, Männer und Frauen steigen ein und aus. Auf der Rückbank werden Geschichten und Geheimnisse offenbart. Frauen, die an zu schweren Koffern tragen, Arbeiter und Anzugträger, ein ehemaliger Waffenschieber, eine alte Dame mit drei Lilien, Prostituierte, Dealer und ein Literaturnobelpreisträger – sie alle geben sich die Klinke in die Hand. Stefan Strehler beobachtet in seinen Erzählungen mit den Augen eines Taxifahrers, wie seine Fahrgäste mit dem Leben ringen. Es geht um Einsamkeit, Freiheit, Geld und immer wieder um die Liebe. Aber der Taxifahrer ist mehr als ein stiller Beobachter, er wartet insgeheim auf den magischen Moment, in dem sich alles verändert. "Die Geschichten leben von sensibler Wahrnehmung und einem Blick für Milieu und Wesentliches, sind dicht und sprachschön erzählt. Sie sind humorvoll, wendig, originell und melancholisch wie der Blues. Am Ende möchte man entweder nicht aussteigen oder wenigstens wissen, wo der Stammhalteplatz von Taxi 784 ist." Märkische Allgemeine Zeitung
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Taxiblues basiert auf Erlebnissen des Autors als Taxifahrer im Berlin der frühen 2000er Jahre. Ursprünglich für eine Zeitungskolumne geschrieben, entwickelten die Geschichten eine erzählerische Kraft, die bald das Zeitungsformat sprengte. Teilweise bereits in der Berliner Kurzgeschichtenzeitschrift Storyatella veröffentlicht, wurden für die vorliegende Buchausgabe alle Erzählungen überarbeitet und erscheinen zusammen mit neuen Texten erstmals in einem erzählerischen Zusammenhang.
Gemeinsam mit dem Schmerwitzer Singer-Songwriter Thomas Rottenbücher gestaltet der Autor das Programm »Taxiblues – Stories und Songs«.
Termin und Anfragen unter www.stefanstrehler.de/taxiblues
Stefan Strehler, geboren in Esslingen am Neckar, studierte Publizistik und Theaterwissenschaften und arbeitete unter anderem als Journalist für Berliner Tageszeitungen, als Ghostwriter und Taxifahrer.
Er unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben in Berlin.
Mit seiner Familie lebt er in Hagelberg im Hohen Fläming.
Erzählungen
von
Stefan Strehler
Impressum
1. Auflage
© 2017 by Wiesengrund Verlag
www.wiesengrund-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Pascal Thomas
Layout: Swetlana Neumann
Druck und Bindung: Druckhaus Köthen
ISBN Print: 978-3-944879-50-5
ISBN Ebook: 978-3-944879-51-2
Wenn man nicht weiß, wohin man will,so kommt man am weitesten.
William Shakespeare
Am Bahnhof Wannsee
Tag
Montagmorgen
Kurzstrecke über die Liebe
Zwölf Uhr Mittag
Ausflug in die neue Welt
Ein Münchner in Berlin
Nacht
Im Nato-Hauptquartier
Sind Sie frei?
Guten Abend, Herr Doktor
Besser tanze mit mir
Blues
Das Geschenk
Die Magie von Westberlin
Alles, was ich habe
Taxiblues
Nach der Schicht
Der Taxihalteplatz am Bahnhof Wannsee ist ein Idyll unter den Berliner Halteplätzen. Immer wenn der Zufall mich hierhin führt, atme ich einmal tief durch. Anders als bei den meisten Berliner Halteplätzen, wo man zwischen Bordsteinkante und vorbeifließendem Verkehr eingeklemmt ist, steht man hier geborgen auf einem verschlafenen Bahnhofsvorplatz und muss nicht befürchten, dass jemand von hinten in die Fahrertür donnert, wenn man sie öffnet.
Als ich den Wagen verlasse, kurz vor Mittag an einem trüben Novembertag, liegt der Himmel schwer auf dem Platz. Das Idyll ist trostlos und leer. Der einzige Passant weit und breit ist ein Mann, der sich vor der Imbissbude über einen Stehtisch beugt, in der Hand eine Bierflasche. Als ich die beschlagene Glastür öffne, wehen mir warmer Dampf und der Geruch von verbranntem Öl entgegen. Eine Frau in fleckiger Schürze blättert in einer Illustrierten, die auf der Arbeitsfläche liegt, wo sonst die Currywürste geschnitten werden. Es ist kaum zu merken, dass sie den Kopf in meine Richtung anhebt.
»Einen Kaffee zum Mitnehmen, bitte«, sage ich und lege schwungvoll meine Taxibörse auf den sauberen Mittelteil des Tresens, zwischen Ketchupflecke und Fettstreifen.
»Weiß? Zucker?«, fragt mich die Frau, die erstaunlich flink eine halb gefüllte Kaffeekanne von der Warmhalteplatte hebt, um einen Plastikbecher zu füllen.
»Viel Milch, etwas Zucker, bitte«, sage ich.
Sie stellt den Becher neben meine Börse und schaut mich an. »Taxifahrer?«
»Ja«, sage ich. Taxifahrer bekommen den Kaffee billiger.
»Jewollt oder unjewollt?«
»Was haben Sie gesagt?«
»Na, fahrn se freiwillig Taxe oder weils nüscht anderes jibt? Oder sind se noch Student?« Sie neigt den Kopf zur Seite und schaut mich an.
Statt einer Antwort lege ich ein Geldstück auf den Tresen und nehme den Becher. Ich brauche einen Moment, um die Frage zu verdauen: Sehe ich wirklich noch wie ein Student aus? Wieso interessiert sie sich dafür? Der Becher ist so heiß, dass ich ihn sofort wieder absetze.
»Nehm se ne Serviette, dann jehts«, sagt die Frau und nimmt das Geldstück vom Tresen. »Taxifahrn is nich das Schlechteste. Aber passense gut uff, Ganoven jibt et überall.« Sie wendet sich wieder der Illustrierten zu. Erleichtert drehe ich mich um und gehe hinaus.
Vor der Tür steht der Mann mit dem Bier und starrt mich an. Eine dicke, rote Kruste zieht sich über sein linkes Auge.
»Alles in Ordnung?«, frage ich ihn. Der Mann nickt und wendet seinen Blick von mir ab.
Mit dem umwickelten Becher in der Hand gehe ich zur Bahnhofshalle. Die Frage geistert weiter durch meinen Kopf: Wieso wollte sie wissen, ob ich freiwillig taxifahre? Und wieso fühlte ich mich wie ein Idiot, als sie das fragte? Was war da nur los?
Obwohl ich langsam gehe, schwappt Kaffee aus dem Becher und kriecht heiß über meinen Handrücken. Ich bleibe stehen, um die Hand mit meinem Hemd abzuwischen. Plötzlich drängen Menschen aus den Bahnhofstoren, die soeben noch verlassen dalagen. Ein Mann im Anzug rempelt mich mit seinem Aktenkoffer an, erneut schwappt Kaffee auf meinen Handrücken, ich stöhne auf, der Mann murmelt »Oh, Schuldigung« und eilt, ohne sich umzudrehen, auf die erste Taxe zu.
Am Kiosk in der düsteren Bahnhofshalle kaufe ich eine Berliner Zeitung. Auf dem Rückweg höre ich schon das nervöse Hupen der Kollegen. Vor meinem Wagen klafft bereits eine große Lücke, dahinter hängt eine weitere Taxe mit dem Hinterteil auf der Straße und blockiert den Verkehr. Der Kollege gestikuliert wild mit den Armen. Ich zucke mit den Schultern, steige ein, starte den Motor und schließe die Lücke.
Jetzt bin ich Sechster.
Während ich den immer noch heißen Kaffee schlürfe, beobachte ich den Bahnhofsvorplatz. Die Menschen, die eben mit der S-Bahn eintrafen und mich beinahe umrannten, sind verschwunden. Der Wind hat eine Bauplane vor der still gelegten Bahnhofsgaststätte losgerissen, ein Stück Plane klackert unregelmäßig gegen eine Gerüststange. Zwei Möwen hüpfen über den Platz und picken Krümel vor der Imbissbude, wo sich immer noch der Mann am Bier festhält. Ich kann sein Gesicht jetzt nicht erkennen, denn genau zwischen ihm und mir befindet sich ein Schild.
»Gustav-Hartmann-Platz« steht darauf.
Gustav Hartmann ist eine Taxifahrer-Legende, angeblich Berlins letzter echter Pferdedroschkenkutscher, von allen nur der »Eiserne Gustav« genannt. Zum ersten Mal hörte ich seinen Namen aus dem Mund meines Großvaters. »Der eiserne Gustav, das war noch ein richtiger Kerl, ein echter deutscher Dickschädel, der mit seiner Droschke den ganzen Weg von Berlin nach Paris zurücklegte, weil er der Welt zeigen wollte, wie zuverlässig eine Pferdedroschke war, im Vergleich mit einem Benzinauto.« Mein Großvater hatte für richtige Kerle was übrig. Der Boxer Max Schmeling war noch so ein Kerl, den er bewunderte. Die richtigen Kerle, das waren in seinen Augen die guten, und ich wusste, dass er insgeheim auch Adolf Hitler dazu zählte, obwohl er das nie sagte. Die anderen, das waren die jämmerlichen Gestalten: Pastoren, Schulmeister und Politiker. Vor ihnen warnte mein Großvater mich. »Hüte dich vor den Schlawinern, die dir das Wort im Mund rumdrehen.« Als ich während des Studiums anfing Taxi zu fahren und meinem Großvater davon erzählte, schmunzelte er und sagte: »Soso, wie der Eiserne Gustav.« Ich war überrascht, aber es schien ihm zu gefallen.
Der Kaffee ist leer, ich steige aus, um den Becher wegzuwerfen. Aus dem Kofferraum hole ich Glasreiniger und eine Küchenpapierrolle und beginne die Fensterscheiben zu säubern. Ich wische sorgfältig bis an den Rand des Plastikwulstes, keine Schliere soll mehr zu sehen sein. Als ich noch als Student Taxi fuhr, blickte ich mit Verachtung auf die Kollegen, die diese Prozedur durchführten. Diese Spießer, dachte ich. Jetzt putze ich die Scheiben nicht nur außen, sondern auch von innen, so gründlich, als hinge meine Ehre davon ab. Als ich fertig bin, setze ich mich auf die Rückbank, dorthin, wo sonst die Fahrgäste sitzen und betrachte mein Werk. Wie zur Belohnung bricht ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke und taucht den gesamten Platz in weiches Licht. Die Laubhaufen glänzen auf einmal in allen Tönen. Die Schaufenster der Ladenzeile funkeln wie zu ihren besten Zeiten und sogar der ausgetrocknete Blumenladen blüht auf.
Nach vier Jahren in der ständig überhitzten Atmosphäre einer großen Werbe-Agentur genieße ich die nüchterne Stille des Taxiinnenraums.
»Ja«, sage ich laut zu mir, und nicke hinüber zur Imbissbude, zu der Frau mit der fleckigen Schürze, die mich jetzt nicht sehen kann: Ja, ich bin freiwillig Taxifahrer. Ich ziehe es vor, mich vom Zufall durch die Straßen von Berlin treiben zu lassen, anstatt mir jede Woche neue Werbesprüche aus den Fingern zu saugen. Taxifahrer zu sein ist vielleicht nicht meine gesamte Erfüllung, aber es ist eine anständige, abwechslungsreiche Arbeit, bei der man echten Menschen begegnet. Mir fällt der Held aus einer indischen Erzählung ein, der seine Bestimmung darin findet, als Fährmann zu arbeiten und Menschen sicher über den Fluss zu geleiten. Ein einfaches Leben führen, Menschen dienen, gute Gedanken haben, ab und zu ein kleines Abenteuer erleben. Das war es was ich wollte.
Die Wolkendecke schließt sich, der Platz versinkt wieder in trübem Zwielicht. Ich wische noch eine Schliere weg, die ich im Sonnenlicht entdeckt habe.
Mittlerweile ist der nächste Menschenschwall auf den Bahnhofsvorplatz gespült worden. Aus der Reihe der wartenden Taxis vor mir schert ein Wagen aus und ganz vorne, neben dem ersten Taxi, steht eine Dame in einem Pelzmantel. Zu ihren Füßen befinden sich zwei unfassbar große, rote Schalenkoffer. Sie wartet offensichtlich darauf, dass ein Kollege aussteigt, um ihre Koffer zu verstauen. Sie steht aufrecht da. Trotz des schützenden Pelzes wirkt sie zerbrechlich wie eine Statue aus Glas. Sie hält die Hände theatralisch vor der Brust überkreuz, als müsse sie sich selbst festhalten, um nicht zu zerbersten.
Der Kollege auf Warteposition eins quält sich aus seinem Wagen. Krumm und steif klettert er heraus und dehnt die Glieder. Er braucht drei bis vier Schritte, um sich ganz aufzurichten. Als er die Dame und ihre großen Koffer sieht, verzieht er keine Miene. Bedächtig öffnet er den Kofferraum, packt den ersten Koffer, schleift ihn über den Boden wie ein Ringer seinen widerspenstigen Gegner und wuchtet ihn mit einer hastigen Bewegung über die Kofferraumkante. Er bietet seine ganze Kraft dafür auf. Die Dame, entdecke ich jetzt, trägt ein kleines Hündchen vor der Brust, es verschwindet beinahe in dem Pelz. Sie steht bewegungslos da und betrachtet mit kalten Augen die Bemühungen des Kollegen, der mindestens dreißig Taxijahre auf dem Buckel hat. Ich überlege, ob ich ihm zu Hilfe eilen soll, aber da greift er schon nach dem zweiten Koffer und hievt ihn mit einer weiteren ruckartigen Bewegung in den Kofferraum. Mir ist so als höre man seine Bandscheiben auf dem ganzen Platz knacken.
Ohne die gläserne Dame anzublicken, lässt er die Kofferraumlade zuschnappen, wackelt zurück zur Fahrertür, wo er zuerst mit dem Oberteil, dann mit dem restlichen Körper in seinem Wagen verschwindet. Zuletzt zieht er die Füße nach. Ich habe keine Ahnung wie er das macht. Die Dame steht immer noch ungerührt da und wartet, dass etwas passiert. Sie macht keine Anstalten, die Tür zu öffnen und einzusteigen, nur ein Zittern läuft durch sie wie durch ein nervöses Springpferd. Wie von Geisterhand wird schließlich die Tür von innen geöffnet, zwei Handbreit weit. Ich ahne, wie sich der Kollege nach rechts hinten streckt, um den Türgriff zu erreichen. Die Dame tritt näher, stößt die Tür mit einer Drehbewegung ihres Oberkörpers auf, so dass sie ganz offensteht, steigt ein und verschwindet aus meinem Blickfeld. Die beiden werden bestimmt Spaß miteinander haben.
Es dauert noch zwanzig Minuten bis ich selbst Erster bin. Erster zu sein bedeutet in absoluter Bereitschaft zu sein. Jederzeit kann ein Fahrgast auf mich zustürzen, die Wagentür aufreißen und in meine Welt platzen. Oder die Rufsäule klingelt, diese wunderbar altmodische Einrichtung, mit deren Hilfe der Fahrgast direkt mit mir Kontakt aufnehmen kann. Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, dass ich von der Funkzentrale mit einem Auftrag versorgt werde, aber kurz vor Mittag ist das wenig wahrscheinlich.
Dann startet im Handschuhfach ein nervtötendes Piepen, das Signal für die Rufsäule. Ein optisches Signal verstärkt den Alarm. Ich schnappe den Säulenschlüssel und eile hinaus.
»Hallo, guten Tag, hier ist der Taxifahrer.«
»Welcher Taxifahrer? Ja, wo sind Sie denn?«, dringt eine spitze, aufgeregte Stimme aus dem Rufsäulenlautsprecher.
»Ich bin die 784 und stehe am Bahnhof Wannsee.«
»Es ist eine Unverschämtheit. Kommen Sie sofort hierher.«
»Wo soll ich denn hinkommen?« Die Unverschämtheit überhöre ich einfach.
»Grassoweg 12. Kommen Sie sofort. Ich warte vor der Tür.« Es macht Klick, bevor ich fragen kann, wohin die Fahrt gehen soll.
Langsam gehe ich zu meinem Wagen zurück und blicke auf die Schlange der Taxen hinter mir. Wie geduckte, kraftvolle Tiere vor dem Sprung lauern sie darauf, dass ich verschwinde, um meine Position einnehmen zu können. Die Frau klang hysterisch. Betrunkene Frauen klingen so ähnlich. Wer weiß, ob sie überhaupt beförderungsfähig ist?
Drei Minuten später fahre ich über die Wannseebrücke und biege kurz darauf links ab. Der Grassoweg ist eine ruhige und gepflegte Wohnstraße, die zum kleinen Wannsee hinunterführt. Villen mit großen Gärten säumen die mit Kopfstein gepflasterte Straße. Ich versuche eine Hausnummer zu erkennen, aber es ist nicht nötig. Meine Anruferin ist nicht zu übersehen.
Es ist die Dame mit den roten Koffern, mit dem Pelz und dem Hündchen auf dem Arm. Sie steht vor einem hohen Metallgartenzaun und winkt aufgeregt mit der rechten Hand, wobei sie kurz das Hündchen loslässt. Ich stoppe direkt vor ihr und steige langsam aus.
»Da sind Sie ja endlich!«, herrscht sie mich an.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, frage ich vorsichtig.
»Ihr Kollege war sich zu fein, mir die Koffer hinein zu tragen.« Ich blicke auf die beiden roten Koffer. Es sind wirklich Monster. Dickbäuchig, hartschalig, ohne Rollen unten dran. Solche Dinger werden gar nicht mehr gebaut, die sind aus den achtziger Jahren. Wer mit solchen Koffern durchs Leben kommen will, braucht entweder selbst eine starke Hand oder reichlich Charme, um die Hilfe anderer dafür zu gewinnen. Ich betrachte das Grundstück hinter dem Zaun. Ein mit Laub bedeckter Plattenweg führt durch einen parkähnlichen Garten zu einer Villa aus dunkel verwittertem Stein.
»Was stehen Sie da und glotzen? Ich will nicht meinen ganzen Tag auf der Straße verbringen!«
Zum ersten Mal schaue ich die Dame genauer an. Wie eine schlecht verputzte Fassade liegt dickes Make-up auf ihrem Gesicht.
»Wohnen Sie hier?«, frage ich.
Die Dame schnaubt. Ihr Hündchen gibt Piepslaute von sich. »Sind Sie von der Polizei oder der Chauffeur?«, fährt sie mich an.
Ich könnte jetzt einfach weiterfahren. Ich könnte sie hier stehen lassen, in ihrer feindseligen Welt, in der es niemand gibt, der ihre furchtbaren Koffer hineinträgt. Ich bin nicht dazu verpflichtet, ihr zu helfen, ich bin ein freier Taxifahrer.
Da fällt mir der Eiserne Gustav ein. Was hätte er getan? Wahrscheinlich hätte der stolze Dickschädel dieser arroganten Dame den Dienst erwiesen. Es wäre ihm um seine Droschkenkutscherehre gegangen. Er hätte vielleicht etwas in seinen Bart gemurmelt, einen unhörbaren Fluch, dann ein routiniertes Lächeln aufgesetzt und sich den ersten Koffer geschnappt, vielleicht auch beide auf einmal. Er war bestimmt ein starker Kerl. Die Dame sieht jetzt sehr verlassen aus. Sie schnauft und schnaubt und je länger ich nachdenke, umso hilfloser wird sie.
»Zeigen Sie mir den Weg«, sage ich schließlich und packe einen der beiden Koffer. Er wiegt genauso schwer wie er aussieht. Ohne weiteren Kommentar öffnet die Dame das Gartentor und stolziert vor mir über den Plattenweg. Das Laub liegt wie eine dicke Schleimschicht darauf, ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche. Die Dame steuert auf eine Eingangstür aus dunklem Holz zu, schließt umständlich auf, wobei sie zum ersten Mal das Hündchen kurz absetzt, und betritt eine geräumige Diele. Stickige Luft empfängt uns. Den Koffer lasse ich auf den Steinboden knallen und bevor sie etwas sagen kann, drehe ich um, um den zweiten zu holen.
Als ich kurz darauf mit dem zweiten Monstrum zurück bin, ist die Diele leer und von der Dame nichts zu sehen. Auf einer Kommode steht eine Fotografie. Darauf erkenne ich sie wieder, etwas jünger und etwas fröhlicher. Neben ihr, etwas krampfhaft lächelnd, ein Mann, und ein puppenhaftes Mädchen in einem eleganten Kleid. Das Bild einer Familie, die vorgibt glücklich zu sein. Dann höre ich ein fiepsendes Geräusch näherkommen. Das Hündchen biegt um die Ecke, läuft auf mich zu und streicht um meine Beine. Wie ein leises Echo höre ich aus der Ferne menschliches Wimmern.
Ich trete weiter in die Diele hinein, so dass ich einen Blick durch die große Tür werfen kann, aus der das Geräusch zu kommen scheint. Vor mir öffnet sich ein kahler, hallenartiger Vorraum, von dem mehrere Türen abgehen. Am anderen Ende sitzt die Dame zusammengesunken auf einem Stuhl und weint. Ich weiß nicht, ob sie bemerkt, dass ich im Türrahmen stehe. Ich sollte jetzt gehen, denke ich. Aber etwas fesselt mich. Es ist nicht das Geld, das ich von ihr noch bekomme. Sie hebt den Kopf. Ihr Make-up ist verschmiert. Sie sagt nichts, sie blickt mich nur an. Ihr Mund bleibt verschlossen, aber ich höre in Gedanken ihre Worte: Was wollen Sie noch von mir? Stehen Sie nicht blöd herum. Das haben schon so viele vor Ihnen getan. Helfen Sie mir oder verlassen Sie endlich mein Leben. Ich trete einen Schritt zurück und deute zu meiner eigenen Überraschung eine leise Verbeugung an. So trete ich aus ihrem Blick. Schon die leere Diele erleichtert mich. Die Haustür lasse ich offenstehen, damit frische Luft hereinwehen kann und obwohl der Herbsttag alles andere als strahlend ist, fühle ich mich wie ein Bergmann, der aus dem Schacht fährt. Langsam gehe ich zum Gartentor zurück. Du bist nicht für das Seelenheil deiner Fahrgäste zuständig, flüstere ich mir zu. Du bist nur der Taxifahrer. Mit diesem Gedanken im Kopf fahre ich zurück zum Bahnhof Wannsee. Der Halteplatz ist voll, das letzte Taxi ragt mit dem Hinterteil auf die Straße. Ich überlege nicht lange, ich habe genug von diesem Idyll. Ich drücke aufs Gaspedal und hupe zweimal, als ich am Bahnhofsplatz vorbei rausche. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Mann vor der Imbissbude, der sich immer noch an seinem Bier festhält und den Kopf etwas hebt, als er die Hupe hört.
Die Bäckersfrau mit den müden Augen in der Kopenhagener Straße fragt mich jeden Morgen, was ich haben will. »Kaffee zum Mitnehmen, etwas Zucker, viel Milch, bitte!« Wie immer.
Ganz sicher kennt sie mich, auch wenn sie mir nie in die Augen schaut. Vielleicht rechnet sie damit, dass ich mich über Nacht verändere und auf einmal Tee bestelle, oder Kaffee schwarz. Vielleicht ist es ihre Art, professionell zu sein.
»Und ein Stück Apfelkuchen, ja, das mit Rosinen.«
Es ist kurz nach sieben, der Himmel spannt sich weit und wolkenlos über den Prenzlauer Berg. An der Ecke Sonnenburger Straße vor der Hipsterbar küssen sich zwei Frauen eng umschlungen. Ein älterer Mann quetscht sich mit einem großen Hund an den beiden vorbei. Es ist noch ruhig, keine Autos rollen durch die Straßen. Ich kann es kaum erwarten, den ersten Bissen vom Apfelkuchen zu nehmen, der an manchen Tagen so frisch und fruchtig schmeckt, als hätte meine Oma ihn gebacken. Aber noch gedulde ich mich. Zuerst verwandle ich den elfenbeinfarbenen Mercedes in ein richtiges Taxi. Mit ein paar Handgriffen montiere ich Taxilicht und Funkantenne, dann steige ich ein und fahre vorsichtig los. In der linken Hand halte ich den heißen, mit einer Serviette umwickelten Kaffeebecher, mit rechts lenke ich durch holprige Nebenstraßen zum nächsten Taxihalteplatz und lasse dabei meinen Blick etwas schweifen.
Vielleicht steht ein verlorenes Kind der Nacht am Straßenrand, mit durchgetanzten Schuhen, das müde und allein in der wohligen Anonymität meines Taxis seine letzten wachen Minuten genießen will? Auch wenn es nur um die Ecke fahren will, es könnte der angenehme Auftakt zu einer erfolgreichen Schicht sein. Der Motor noch kalt, und schon hüpft der erste Fahrgast in den Wagen. Ich weiß, ich sollte mir das wünschen. Ich nehme vorsichtig einen Schluck Kaffee. Doch mein tiefster Wunsch ist, ungestört zum Halteplatz zu gelangen, um dort in Ruhe frühstücken zu können. Dieser Wunsch ist so stark, dass ich meinen Blick jetzt entspannt auf die Straßenmitte fokussiere, so dass alle Bewegungen am Straßenrand verschwimmen. Außerdem lasse ich den Taxifunk aus, um nicht aus Versehen in einen unerwünschten Auftrag hineingezogen zu werden.
Am Halteplatz in der Eberswalder Straße kauern fünf Taxen vor mir. Das reicht gewöhnlich, um für die Dauer eines Frühstücks ungestört zu sein. Mit etwas Glück kann ich mir sogar am Kiosk gegenüber eine Zeitung holen. Zufrieden drehe ich den Zündschlüssel um und packe den Apfelkuchen auf meinem Schoß aus. Doch ich komme nicht zum Genießen, die Kollegen vor mir werden zügig über Funk weggerufen. Es ist Montagmorgen, und das Geschäft brummt. Einer nach dem anderen rollt davon. Im Minutentakt muss ich nachrücken und kann den Wagen nicht verlassen, ohne den ganzen Betrieb aufzuhalten. Ich schlucke gerade den letzten Krümel hinunter, da bin ich Erster in der Taxischlange. Und hinter mir schon sieben neue Kollegen. Wenn ich mir nichts vormachen will, muss ich jetzt den Funk einschalten.
Am Montagmorgen gibt es wenig Laufkundschaft. Da ist die Vermittlung eines Funkauftrags der schnellste Weg, um zu einem Fahrgast zu kommen. Die Anzugträger der Stadt wollen zum Flughafen, weil sie nach Frankfurt oder Düsseldorf fliegen, um dort an wichtigen Meetings teilzunehmen, und am Flughafen drängeln sich schon die soeben gelandeten Anzugträger aus Stuttgart und München. Die Anzugträger bilden die ökonomische Basis eines erfolgreichen Arbeitstages. Die Anzugträger bestellen ihr Taxi über Funk, weil sie ein Taxi verlangen, das Kreditkarten akzeptiert. Nicht jeder Kollege fährt auf Kredit.
Der Funk klingt so: »Unter den Linden? Unter den Linden? Grand Hotel? Grand Hotel? Ein Wagen bitte für Unter den Linden.« Gekrächze.
»Drei acht fünf.« Ein quäkender Summton.
»Knaack?« Gekrächze.
»Also, Knaack kann ja wohl nur einer vorn stehen. Oder stehn Sie da übereinander?«
»Ick steh vorne, die fünfzehn doppel vier.«
»Also, fünfzehn doppel vier, dann für Sie.« Summton.
»Schuldigung, ich hab den Kollegen nicht gesehen.«
»Eberswalder?« Kurze Pause. »Steht keiner Eberswalder?«
»Ja, doch, Froilleinchen, Zweiter ist die siebenunsiebzig dreiundzwanzig.«
Mist, ich hab geschlafen, das ist mein Auftrag.
»Ach, ich sehe gerade, mit Kreditkarte, siebenundsiebzig dreiundzwanzig. Ham Sie so was?«
»Nö, Froillein, nur Bares.«
»Steht denn jemand Eberswalder mit Kreditkarte?«
»Ja, die sieben acht vier«, melde ich mich.
»Sieben acht vier. Für Sie die Oderberger doppel zwo auf den Namen Potzada.«
»Zentrale, der sieben acht vier hat sich ja als Erster eben gar nicht gemeldet.«
»Wievielter sind Sie denn, sieben acht vier?«
»Ich bin Erster. Ich hatte gerade den Mund voll, als Sie mich ansprachen. Ich wollte nicht unhöflich sein.«
»Und Sie haben Kreditkarte?«
»Ja, Zentrale.«
»Dann fahrn Sie mal, sieben acht vier, und nehmen Sie zukünftig Ihr Frühstück zu Hause ein. So, weiter geht’s. Wer steht am Rosenthaler?«
So tost es den ganzen Montagmorgen durch den Äther. Erst gegen Mittag wird es stiller. Das Dilemma ist: Stille auf dem Funk ist für die Ohren und meinen Organismus wohltuend, bedeutet aber, dass geschäftlich nichts läuft. Werden hingegen pausenlos Aufträge vermittelt, ist das für mein Nervensystem ein permanenter Attackezustand. Es gibt Menschen, die glauben, der Taxifahrer hat Zeit, er kann in Ruhe Zeitung oder ein Buch lesen, wenn er wartet, oder schöne Gedanken denken. Eine Art mobiler Bohemien, der halt im Taxi statt im Kaffeehaus sitzt. Aber es stimmt nicht: Wer neben dem schönen Lesen auch Geld verdienen will, muss lernen, ständig ein Ohr am quasseligen Funk zu haben.
Zurück zu meinem Auftrag, denn ich bin die sieben acht vier, ich fahre jetzt zu Potzada in der Oderberger Straße, und zu neunundneunzig Prozent geht es zum Flughafen, das ist klar, wegen der Kreditkarte.
Herr Potzada steht schon auf der Straße und winkt. Er trägt einen dunklen Anzug und hat keinen Koffer bei sich, nur eine zusammengerollte Zeitung. Er setzt sich ohne zu fragen zu mir nach vorne und wünscht mir einen »Schönen guten Morgen«, als wäre ich sein Publikum beim Frühstücksfernsehen. Alles an ihm verströmt gute Laune und Selbstbewusstsein. Ich richte mich etwas auf und streiche mir mit einer schnellen Bewegung die Kuchenkrümel von der Hose.
