Taxiles - Joe Heimer - E-Book

Taxiles E-Book

Joe Heimer

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Beschreibung

«Kommandant, meine Nachricht ist eine traurige. Dein Bruder ist gefallen.» In diesem Moment ging Hermes durchs Zimmer. Hundert Jahre v. Chr. halten die Griechen Teile Indiens und des Nahen Ostens bis ins heutige Afghanistan und Pakistan besetzt. Doch angrenzende Stämme und die Römer, der neue Feind aus dem Westen, erobern blutig wichtige Handelsgebiete. Lysander, der Sohn des griechischen Kommandanten in der indo-baktrischen Stadt Taxila, hat in einem Hinterhalt seinen Vater verloren. Nun muss er seine Heimat und behütete Kindheit verlassen um am Hindukusch als Rekrut in den Dienst seines hartgesottenen Onkels zu treten. Einzig Phillip, ein altgedienter Soldat aus Alexandria begleitet ihn. Auf dem Rücken seines letzten Pferdes beginnt für Lysander eine Reise ins Ungewisse.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2019

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JOE HEIMER ist ein Pseudonym. Der Autor hat einen Abschluss in Alter und Neuer Geschichte. Seit dem Studium war er über fünfzehn Jahren für eine Reihe internationaler Konzerne in Spanien, Polen, Österreich und Deutschland tätig. Während einer kreativen Pause nach der Geburt seiner Zwillinge, setzte er einen langgehegten Wunsch um, parallel dem Schreiben historischer Romane nachzugehen. Aktuell arbeitet, schreibt und lebt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Bayern.

INHALT

Kapitel 1 – Hirsch

Kapitel 2 – Patrouille

Kapitel 3 – In Stratons Landen

Kapitel 4 – Neue Sichtweisen

Kapitel 5 – Jenseits von Gandhara

Kapitel 6 – Ein Weg nach Alexandria

Kapitel 7 – Rekrut

Kapitel 8 – Baktriens Schönheit

Kapitel 9 – Baktriens Problem

Kapitel 10 – Pfeile

Kapitel 11 – Noch ein Abschied

Kapitel 12 – Wohin das Meer dich führt

Kapitel 13 – Neuer Soldherr

Kapitel 14 – Stadt am Meer

Kapitel 15 – Könige und Könige

Kapitel 16 – Mit der Reiterschwadron

Kapitel 17 – Belagerung

GEOGRAPHISCHE NAMEN

Die Zuordnung der geographischen Namen hundert Jahre vor Christus wird schwieriger desto weiter man sich in den damaligen indo-griechischen Königreichen nach Osten oder Norden bewegt. Manche Orte gibt es heutzutage nicht mehr, oder auch an etwas anderer Stelle. Speziell im griechischen Sprachraum wurden teilweise Ortsnamen inflationär benutzt, das bekannteste Beispiel natürlich «Alexandria», aber auch «Tralleis», «Laodicea», «Nikaia» oder «Heraclea» bedürfen oft noch eines weiteren Hinweises damit der Leser weiß, wo er sich tatsächlich befindet. Natürlich findet man heute verschiedene Schreibweisen, so wird Mithridates Königreich manchmal Pontos an anderer Stelle Pontus geschrieben. An solchen Diskussionen will ich in diesem Buch sicherlich nicht teilnehmen, mein Ziel war es, dem Leser einen möglichst leichten Zugang in die Reisetätigkeit des Protagonisten zu ermöglichen. Einige Sonderbarkeiten, wenigstens aus unserer heutigen Sicht, wollte ich jedoch nicht ignorieren. So war für die damaligen Griechen der Kaukasus unser Hindukusch, und die Gegend um die Krim bedeutete das «Bosporanische Reich». Neben den Karten ist die nachstehende Liste ausgewählter Orte, Gebirge, Täler, Flüsse und Seen als Hilfe für den Leser gedacht. Sollte ein Leser Lust haben seine Fantasie zusätzlich zu beflügeln, darf das umfangreiche Material an Karten und Bildern, welches uns im Internet zur Verfügung steht dies gerne tun.

Ortsnamen

Adapazari

Agrilion, Türkei

Adinapur

Jalalabad, Afghanistan

Aksaray

Aksaray, Türkei

Alexandria:

am Kaukasus

Tscharikar, Afghanistan

am Oxus

Ai Khanoum, Afghanistan

Bukephalia

Gujrat, Pakistan

in Ägypten

Alexandria, Ägypten

in Arachosia

Kandahar, Afghanistan

Amaseia

Amasya, Türkei

Amisos

Samsun, Schwarzes Meer, Türkei

Artaxata

Jerewan, Armenien

Aslan Duz

Artashat, Armenien

Attock Khurd

Attock Khurd, Pakistan

Babolsar

Babolsar, Kaspisches Meer, Iran

Bagram

Begram, Afghanistan

Baktra

Mazar-i-Sharif, Afghanistan

Bamyan

Bamiyan, Afghanistan

Bithynion

Bolu, Türkei

Byzantion

Istanbul, Türkei

Cildir

Cildir Ruine, Türkei

Demetrias

Lashkar Gah, Afghanistan

Dioskurias

Sochumi, Georgien

Doshi

Dushi, Afghanistan

Eupatoria

Samsun, Schwarzes Meer, Türkei

Gandhara

Peschawar, Pakistan

Gorgan

Gonbade Kavus, Iran

Heraclea Pontica

Karadeniz Eregli, Türkei

Ikonion

Konya, Türkei

Komana Pontike

Tokat, Türkei

Kunduz

Kunduz, Afghanistan

Lankaran

Länkäran, Kaspisches Meer, Aserbaidschan

Maymana

Maymana, Afghanistan

Mazaka

Kayseri, Türkei

Merv

Ruinenstadt bei Mary, Turkmenistan

Myra

Demre, Taurusgebirge, Türkei

Nikaia (am Hydaspes)

Jhelam, Pakistan

Nikomedia

Izmit, Türkei

Pantikapaion

Kertsch, auf Halbinsel Krim

Pataliputra

Patna, Indien

Phanagoreia

Ruinenstadt Phanagoreia, Schwarzes Meer, Russland

Pharnakeia

Giresun, Schwarzes Meer, Türkei

Phasis

Poti, Georgien

Pol-e-Chomri

Pol-e-Chomri, Hindukusch, Afghanistan

Samarkand

Samarkand, Usbekistan

Sangala

Sialkot, Pakistan

Sarkisla

Sarkisla, Türkei

Sar-e Pol

Sari Pul, Afghanistan

Side

Manavgat, Türkei

Sinope

Sinop, Türkei

Trapezus

Trabzon, Schwarzes Meer, Türkei

Tios

Amasra, Schwarzes Meer, Türkei

Gebirge

Ararat Berg

Ararat Berg, Türkei

Argaios Berg

Erciyes Berg, Türkei

Baghlan Gebirge

Baglan Gebirge, Hindukusch, Afghanistan

Koh-e Baba Gebirge

Koh-e Baba Gebirge, Afghanistan

Margella Hügel

Margalla Hügel, Pakistan

Salang Gebirge

Salang Gebirge, Hindukusch, Afghanistan

Spin Ghar Gebirge

Spin Ghar Gebirge, Pakistan, Afghanistan

Pässe

Hajigak Pass

Hajigak Pass, Afghanistan

Khyber Pass

Chaiber Pass, Pakistan, Afghanistan

Shibar Pass

Shibar Pass, Afghanistan

Seen

Band-e-Amir Seen

Band-e-Amir Seen, Afghanistan

Baghoo Kenareh See

Baghoo Kenareh See, Iran

Gölköy Baraji See

Gölköy Baraji See, Türkei

Khozapini See

Khozapini See, Georgien, Türkei

Sapanaca See

Sapanaca Gölü See, Türkei

Sepanaca See

Sapanca Gölü See, Türkei

Yapialtin Baraji See

Yapialtin Baraji See, Türkei

Flüsse

Amnias Fluss

Gökirmak Fluss, Türkei

Araxes Fluss

Aras Fluss, Türkei, Armenien, Iran

Arghandab Fluss

Arghandab Fluss, Afghanistan

Billaeus Fluss

Filyos Cayi Fluss, Türkei

Darya-ye:

Oonduz Fluss

Kunduz Fluss, Afghanistan

Kabul Fluss

Tagab Fluss, Afghanistan

Pamaher Fluss

Darya-ye-Pamaher Fluss, Afghanistan

Payan Deh

Darya-ye-Payan Deh, Afghanistan

Dnjepr Fluss

Dnjepr Fluss, Russland, Weißrussland, Ukraine

Tanais Fluss

Don Fluss, Russland

Etymandros Fluss

Helmand Fluss, Hindukusch, Afghanistan

Ganges Fluss

Ganges Fluss, Indien, Bangladesch

Ghorband Fluss

Ghorband Fluss, Afghanistan

Halys Fluss

Kizilirmak Fluss, Türkei

Haro Fluss

Haro Fluss, Pakistan

Hrazdan Fluss

Hrazdan Fluss, Armenien

Hydaspes Fluss

Jhelum Fluss, Indien, Pakistan

Indos Fluss

Indus Fluss, China, Indien, Pakistan

Iris Fluss

Yesilirmak Fluss, Türkei

Kabul Fluss

Kabul Fluss, Afghanistan, Pakistan

Khanabad Fluss

Khanabad Fluss, Afghanistan

Kunar Fluss

Kunar Fluss, Pakistan, Afghanistan

Margos Fluss

Murgab Fluss, Afghanistan, Turkmenistan

Oxus Fluss

Amu-Darya Fluss, Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan

Quarah Su Fluss

Quarah Su, Iran

Sangarius Fluss

Sakarya Fluss, Türkei

Shahidan Khwar Fluss

Shahidan Khwar Fluss, Pakistan

Kapitel 1 – Hirsch

Frühling, ca. 100 v. Chr.

Es war mein erster Hirsch, den ich erlegte, und auch für meine Kameraden war es das erste große Wild. Unter den Stolz dieses schöne Tier gejagt zu haben mischte sich bei allen von uns auch ein beklemmendes Gefühl, ob des Todeskampfes dessen wir soeben Zeuge geworden waren. Der Tod war uns allen eben bewegt und präsent vor Augen geführt worden. Es war anders als die kleineren Schweine sterben zu sehen. Das Gefühl des Tötens war intensiv und unmittelbar, so dass man davor ebenso erschrocken war wie berauscht. Wir alle sollten dieses Gefühl noch allzu gut kennenlernen.

An diesem Abend verwässerte der wenige Wein, den wir noch übrighatten, die Emotionen nicht, als wir den Hirsch am Feuer zerlegten und zubereiteten. Einige gute Stücke packten wir zusammen mit dem Geweih in eine Decke, um es mit nach Hause zu nehmen. Solange das Feuer noch wärmte saßen wir zusammen. Ich dachte an heute Morgen und an meinen Vater in Taxila.

Mein Vater hieß Demetrios. Aber im Gegensatz zu König Demetrios und Alexander dem Großen durchquerte mein Vater Indien zur Gänze, bis zum großen Meer auf der anderen Seite im Gefolge von Menander, unserem großen griechischen König der Indien eroberte.

Von Baktrien kommend über den Hindukusch und das Punjab ziehend, über das Ganges Tal bis zur legendären Stadt Pataliputra wo die Könige der Mauryas nach Alexanders kurzem Besuch über ein großes Reich herrschten.

Menander eroberte alle Völker im Sturm bis sich ihm keiner mehr in den Weg stellte, und erfüllte so den großen Traum, den wir Griechen hier im fernen Osten seit Alexanders Tagen träumten. Nach der Einnahme Pataliputras zog Menanders Gefolge, ohne auf weiteren Wiederstand zu treffen nach Osten bis zum großen östlichen Weltenmeer, wie es Aristoteles vorhergesagt hatte. Aber mein Vater berichtete mir, dass es auch nach diesem Horizont noch eine Welt gäbe, und Schiffe weiterführen. Wohin sie führen, das weiß heute noch niemand.

König Menander machte sich daran seine griechische Herrschaft über das riesige und reiche Gebiet im Osten zu erweitern und errichtete Militärkolonien. Mein Vater war einer seiner Kommandanten. Jedoch sind wir nun zu wenige Griechen für die riesigen eroberten Gebiete. Unsere Herrschaft besteht nur örtlich, und Indien ist nach Süden hin noch unendlich und unerschlossen. Manchmal erreichte uns Unterstützung von griechischen Söldnern aus den westlichen Königreichen. Meist nach Schlachten, Verrat, Dynastiestreitigkeiten oder anderen Missgeschicken die einen Söldner treffen konnten, und die diese Glücksritter zu uns ins verheißungsvolle Indien lockten. Jedoch war dieser Zustrom mehr und mehr am Versiegen seitdem die Parther, die Skythen und andere wilde Völker aus den Steppen nördlich von Samarkand einen Keil zwischen uns Griechen in Baktrien und in Indien und den großen Königreichen im Westen schoben.

Obwohl wir in Baktrien bereits schwer unter Druck geraten waren, verehrte mein Vater verehrte Menander, der Alexanders-Traum über Indien zu herrschen, wahrgemacht hatte. Er erzählte mir von dessen Schlachten, aber auch von der Weitsicht Menanders. Da Menander die zahlenmäßige Unterlegenheit der Griechen als Schwachpunkt seiner Herrschaft erkannte, gewann er die Inder und die einflussreiche Sekte der Buddhisten, auf die sich schon der Maurya-Fürst Ashoka stützte, für sich. Aber es war und ist ein zweischneidiges Schwert mit den Buddhisten. Die ältere Priesterkaste, die Brahmanen, hassen die Buddhisten und ihre friedfertigen Lehren sind ihnen verhasst. Die Brahmanen versuchten immer wieder Häuptlinge von ihrer göttlichen Mission zu überzeugen und redeten ihnen ein sie seien Könige. So entzündeten sie in Indien des Öfteren Wiederstand gegen uns Griechen und leider mit allzu viel Erfolg.

Deshalb hatte König Menander neben den Buddhisten auch immer seine griechischen Speere und Schilde in Ehren gehalten, denn er wusste was die Grundlage seiner Herrschaft war. Aber Menander verstarb vor seiner Zeit, und sein Sohn Straton kam minderjährig auf den Thron unter der Regentschaft seiner Mutter Agathokleia. Mein Vater gab ihr und ihren unzüchtigen Verbindungen mit den Einheimischen die Schuld am Verderben der so schwer errungenen griechischen Herrschaft über Indien.

«Sohn, was in Jahren mit dem Blut hunderter Soldaten teuer erkauft wurde, bringt der geile Schoß einer Frau in einer Nacht an den Mann», ließ mich mein Vater früh wissen.

Straton nahm das Friedensgefasel der Buddhisten offenbar zu ernst. Und nachdem einige frisch errichtete Militärkolonien von marodierenden Indern niedergebrannt, und die Besatzungen bis auf den letzten Mann dahingemetzelt worden waren ließ Straton, oder besser gesagt seine Mutter, meinen Vater und einige andere Militärkommandanten nicht zum Gegenschlag aushohlen, um Rache und Vergeltung zu üben. Darauf ging mein Vater und eine große Zahl Soldaten seiner Kompanie, die Griechen bleiben wollten, zu König Antialkidas über. Mein Vater musste sich vor sich selbst Zeit seines Lebens für seinen Verrat rechtfertigen, was ihm eher schlecht als recht gelang.

«Wenn wir Griechen wie die Inder sein wollen, dann müssen wir sie nicht erst unterwerfen, dann können wir sie auch einfach heiraten», pflegte mein Vater zu sagen. «Aber dazu habe ich zu viel Blut für unser Griechentum vergossen, als dass ich es nach dem Sieg einfach aufgebe!»

Antialkidas, der neue Herr meines Vaters dachte da ähnlich. Er herrscht im südöstlichen Baktrien, und nahm sich auch einige von Stratons Gebieten bis Taxila im Osten. Hier in Taxila bei den Margella Hügeln dem östlichsten griechischen Vorposten der Welt, wo bei Alexanders Zug Abisares und Poros herrschten, verteidigte mein Vater als Militärkommandant unsere griechische Kultur für unseren König Antialkidas, und hier wurde ich geboren, als Grieche in Indien. Meine Mutter habe ich nie kennengelernt, sie starb als ich noch zu jung war, um mich an sie erinnern zu können. Aber sie nannte mich wohl Lysander.

Taxila war keine der neuen griechischen Militärkolonie, sondern eine indische Stadt mit einer griechischen Besatzung. Zu Alexanders Zeiten herrschte hier ein Hindu-König der Alexander als Freund entgegenkam und der als Taxiles in Alexanders großen Tatenbericht einging. An der großen Handelsstraße von Pataliputra in den Westen gelegen, die manchmal auch Königsstraße genannt wird war Taxila bereits eine alte Stadt, die schon von den Achämeniden erobert wurde und Hauptstadt ihrer Provinz Gandhara war. Aber auch wenn die Herren hier wechselten, die Bedeutung für den Handel mit allen Waren aus Indien in den Westen blieb, und so war es eine reiche Stadt. Und seit Ashoka war es auch eine Stadt der buddhistischen Bildung was auch so blieb nachdem wir Griechen die Stadt erobert hatten. Taxila war bereits eine Stadt aus Stein, solide gebaut und mit guten Verteidigungsanlagen die ständig instandgehalten wurden. Die Tore waren fest und neben unserer Sicherheit war das auch wichtig für die wirtschaftliche Kraft, denn hier konnte der Zoll von den Händlern erhoben werden.

Wenn man, wie ich die Inder kennt kann man ahnen warum dieser Hindu-König Taxiles die Freundschaft Alexanders suchte. Er war wohl scharf auf das Land oder die Frau seines Nachbarkönigs, oder beides, und hoffte in Alexander einen Verbündeten zu finden. Aber den Grundsatz, dass der Feind deines Feindes dein Freund ist kannten nicht nur die Inder. In Taxila waren neben Griechen auch Inder des vedischen Glaubens und Buddhisten zuhause, sowie eine Menge eingesessener und durchziehender Händler aus aller Herren Länder. Mein Vater schärfte mir früh ein wie man eine Gruppe, gegen die andere ausspielt, denn in diesem östlichsten Vorposten waren wir Griechen in der Minderheit, und ein Aufstand war eine ebenso große Gefahr wie ein Angriff von außen, nur vermutlich sogar wahrscheinlicher.

Mein Vater ist wie ich größer als der Durchschnitt der Menschen in Indien. Und ebenso ist unser Haar und unsere Haut heller als die der einheimischen Inder, ob Aryas oder von irgendwelchen anderen Stämmen. Auch die grünen Augen habe ich von ihm geerbt. So konnte man ihn und auch die meisten anderen Griechen von weitem erkennen. Da war es unabdingbar den ein oder anderen Informanten bei den Buddhisten zu haben. Was nicht weiter schwer war. Mehr Kopfzerbrechen machten meinem Vater die Brahmanen in den umliegenden Dörfern.

Wir, die Söhne der Soldaten des Antialkidas, wurden griechisch erzogen. Auch die Söhne bei denen einer oder auch beide Elternteile nicht-griechisch waren, und davon gab es natürlich einige. Unser Platz war das Gymnasium. Wie so oft bei Völkern in der Diaspora waren wir vermutlich griechischer als die Griechen im Mutterland und in den großen Reichen der Diadochen, die sich auf dem Gebiet des Alexanderreiches etabliert hatten. Es wurde Wert auf unsere Unterrichtung in Mathematik, Geografie und Philosophie und natürlich unserer Geschichte gelegt. Wir alle kannten Platon und natürlich Aristoteles als Lehrer Alexanders. Wir waren der Beweis für einige seiner geographischen Lehren, und kannten auch schon einige seiner Fehler. Der Peloponnesische Krieg war unsere Geschichte, Xenophons Zug der Zehntausend war die Prophezeiung und Alexander der Vollstrecker. Er war uns allen das Maß aller Dinge. Daneben waren natürlich die körperliche Ertüchtigung und unsere Unterweisung in den Umgang mit den Waffen unser tägliches Vergnügen, und die Vorbereitung auf unseren späteren Dienst als Soldaten. Die Frage nach der Berufswahl erübrigte sich als herrschende Minderheit. Händler gab es genügend, und die Handelsstraßen wurden immer unwegsamer, und die Seefahrt war weit weg.

Beim Waffenlauf erkundeten wir die hügelige Umgebung im Osten. Das Land war dort in der näheren Umgebung nicht bewaldet. Hügelkette reihte sich an Hügelkette mit steinigen Wegen und steinigen Ebenen. Aber die Hänge der Hügel waren grün und eigneten sich als Weide für Ziegen. Dahinter wurden die Berge höher und bewaldet, das Terrain schwierig und manchmal begegnete man hier den Bergstämmen, die schon vor den Vedischen hier wohnten und kaum zivilisiert waren und ausschließlich von der Jagd lebten.

Mit meinen Freunden Amnytor und Klearchos übte ich hier Ausdauer beim Waffenlauf in den nahen Hügeln. Unsere Reitkünste verfeinerten wir in den ebenen Gebieten im Süden. Hier gab es südöstlich nochmals einen einzelnen Höhenzug und südlich noch mehr Land, das sich zum Ausreiten eignete. Von Zeit zu Zeit unternahmen wir auch Ausritte von einigen Tagen, um in der nördlich gelegenen Gegend jenseits des Flusses zu jagen. Hier war es ebener und stark bewaldet vor allem in der Gegend um den Fluss, der sich aus den hohen Gebirgen im Norden nach Süden schlängelte. Die Jagd nach Hirschen konnte hier ergiebig sein, aber man musste auch auf der Hut vor den Tigern und Leoparden sein, vor allem wenn man ein Bad in einem See nehmen wollte konnten diese riesigen Katzen unverhofft aus dem Gebüsch hervortreten. Die große Straße führte vom Südosten kommend über unsere Heimatstadt Taxila weiter nach Nordwesten ins Gebirge und über die hohen Pässe, die man nur im Sommer passieren konnte, hinüber nach Baktrien unter Stratons Herrschaft.

Im Sommer war viel los auf der Straße, aber im Winter waren die Pässe unpassierbar und auch in den Hügelketten im Osten lag zeitweise Schnee. Nach einem kalten Winter freuten wir uns, dass nun nach der Schneeschmelze die Flüsse wieder abschwellen würden und wir unsere Jagdgründe im Norden aufsuchen konnten. Ich war mit Amnytor und Klearchos bereits vier Tage weg. Nachdem wir am ersten Tag an einen uns gut bekannten See geritten waren und unser Lager aufgeschlagen hatten erlegte Demetrios am zweiten Tag gleich in den Vormittagsstunden eine Sau mit seiner Lanze vom Pferd aus auf der gegenüberliegenden Seite des Sees von unserem Lager. Da wir seit Wochen kein Wild mehr hatten und es ein schöner Tag war beendeten wir die Jagd, zerlegten die Beute und taten uns gütlich bis tief in die Nacht hinein. Die mitgebrachten Weinschläuche litten leider sehr, und wir ebenso am nächsten Tag. Deshalb entschieden wir uns am dritten Tag nicht auf die Jagd zu gehen, sondern das erste Bad des Jahres im See zu nehmen, und die frische Luft zu genießen. Am vierten Tag ritten wir ein kleines Rinnsal entlang, welches an der Nordostseite eine Böschung herunter in einen See floss. Nach einem kleinen Ritt weiter bergauf erreichten wir eine lichte Stelle. Hier banden wir unsere Pferde an einen Baum, schnallten uns eine kurze Lanze auf den Rücken, und nahmen Pfeil und Bogen in die Hand. Wir folgten weiter dem kleinen Bächlein, welcher am linken Rand der Lichtung entlangfloss. Die Lichtung war nach rechts hin abschüssig, und wir bewegten uns am Rande im Unterholz des Waldes. Der Fluss schlängelte sich ungefähr die Strecke einer dreiviertel Stadie am Waldesrand entlang. Am anderen Ende floss er aus einem kleinen Becken heraus welches aufgrund der Schneeschmelze noch die Lichtung und den Wald mehr als normal überschwemmte.

Wir legten uns hier auf die Lauer, da wir im Vorjahr hier einiges Wild gesehen hatten, leider nachdem es uns gewittert hatte, und so hatten wir das nachsehen gehabt. Dieses Jahr sollten wir mehr Erfolg haben. Amnytor und ich legten uns in Schussweite der Lichtung auf die Lauer während Klearchos sich links in den Wald schlug, so dass er das Wild auf die Lichtung treiben konnte. Es war ein sehr warmer Tag für die Jahreszeit, und kurz nachdem die Sonne ihren Zenit erreicht hatte kam eine kleine Gruppe Hirsche, um zu trinken. Nachdem die Hirsche sich eingefunden hatten und ihre anfängliche Nervosität vorbei war schlich sich Klearchos auf mein Zeichen an die Hirsche und trat mit Geschrei hervor. Er feuerte einige Pfeile auf die nächststehende Hirschkuh ab. Die Gruppe tat uns den Gefallen und flüchtete auf die Lichtung wo ich und Amnytors die vorpreschenden Hirsche mit Pfeilen spickten. Wir trafen auch gut und beide das gleiche männliche Tier, das aber gemeinsam mit der Gruppe quer über die Lichtung davonsprengte. Wir rannten zurück zu unseren Pferden sprangen auf und den Tieren hinterher. Wir eilten über die Lichtung hinein in den Wald wo wir dem knacken der Äste folgen konnten, welches die flüchtenden Hirsche verursachten. Das Gelände stieg nochmals an, und endete in einem Vorsprung. Die übrigen Tiere der Gruppe konnten an einer etwas abgeflachten Stelle den Vorsprung erklettern, aber der von unseren Pfeilen verwundete Hirsch mit seinem stolzen Geweih hatte die Kraft nicht mehr. Amnytor scherte zu meiner Linken aus, Klearchos zu meiner Rechten, beide den Pfeil gespannt auf der Sehne ihres Bogens. Ich stieg zügig ab, denn ich wollte es schnell erledigen bevor er fliehen konnte. Ich nahm meine Lanze vom Rücken, näherte mich dem nervösen Tier langsam auf circa zehn Speerlängen, warf und traf tief in die vordere linke Seite hinter das Schulterblatt. Der Hirsch bäumte sich auf. Einmal und nochmals bevor er anfing zu stolpern und zu torkeln. Er schaute mich aus großen rollenden Augen unruhig an, und suchte noch nach einem Ausweg. Amnytor warf mir seine Lanze zu. Ich näherte mich auf circa zwei Speerlängen, den Blick fest auf die Augen des Hirsches gerichtet und schleuderte den Speer dem Tier in den Hals. Der Hirsch warf seinen Kopf hin- und her und schüttelte so die Lanze heraus. Aus seiner Wunde am Hals blutete er stark, so dass er rasch benommen das Gleichgewicht verlor. Beim Anblick des kurzen, aber heftigen Todeskampf fühlte ich Scham und auch Befreiung. Beides konnte ich mir nicht erklären.

Kapitel 2 – Patrouille

Am nächsten Morgen brachen wir sehr früh auf, um das Wildbret schnellstmöglich Heim zu bringen. Unsere Laune war wieder sehr viel besser, und wir freuten uns mit unserer Trophäe zu prahlen. Von weit her sahen wir die grauen Mauern von Taxila auf der Anhöhe und preschten die letzten Stadien in vollem Galopp. Am Tor angekommen winkten uns Phillip und Lysippos zwei Soldaten meines Vaters rasch durch. Wie gewöhnlich waren sie in voller Montur mit Arm- und Beinschienen sowie Brustpanzer auf ihrem Posten. Ungewöhnlich war jedoch, dass sie auch ihre Schilde hielten, was bei normaler Torwache nicht notwendig war.

Wir ritten zu unserem Haus, welches ja gleichzeitig auch Quartier des Kommandanten war. Hier stand eine Handvoll Soldaten meines Vaters ebenfalls in voller Montur vor dem Haus, was an sich nicht ungewöhnlich war, mich aber neugierig machte. Drinnen sah ich meinen Vater in Kriegsrüstung im Gespräch mit Lykurg, der unser Lehrer war, und meinen Vater vor allem in nichtmilitärischen Belangen beriet. Lykurg war schon sehr lange in Indien und hatte im Gefolge von Menander die Inder studiert. Er kannte sich sowohl in den vedischen Schriften als auch in den Lehren des Buddha aus. In unserem Land, das von so viel religiösem Eifer erfasst ist, ist dieses Wissen im Konfliktfall, wie mein Vater sagte, so wichtig wie Schilde und Speere und die richtige Taktik zusammen. Als mein Vater uns vor dem Eingang sah winkte er mich zu sich, ohne ein Wort an mich zu richten. Mein Vater war streng und sein Lebtag lang Soldat gewesen, so dass ich seine Befehle, und es waren immer Befehle, auch ohne Worte deuten konnte.

«Lykurg, wenn die Inder im Südosten ein vedisches Pferdeopfer machen und einen König wählen, dann könnte man meinen es ist erst einmal Stratons Problem. Er ist schwach geworden an unseren südlichen Grenzlanden. Aber auch wir haben hier Einige die davon angesteckt werden könnten, und an einem Aufstand in unserem südöstlichen Gebiet würde auch der Handel leiden. So gerne ich es auch sehe, wenn Straton und seine buddhistischen Einflüsterer über den Styx geschickt werden, es schadet auch uns, und kann gefährlich werden. Denn sollten sie Erfolg haben, dann sind nach Straton und den Buddhisten wir das nächste Ziel eines vedischen Aufstands. In der Stadt und unter den Händlern haben sie wenig Rückhalt, aber die Bauern auf dem Land sind ein Risiko.»

Mein Vater wandte sich zu Antigonos, der gerade zusammen mit einigen Soldaten eingetreten war und bereits aufgeregt seine Einschätzung kundtat.

«Stratons Militär ist zwar schwach, und der Einfluss seiner Mutter ist immer noch groß, aber der buddhistische Teil der Inder und die Griechen, die bei ihm geblieben sind, stehen fest hinter ihm. Das sollte immer noch eine starke Verteidigung gegen einen Aufstand der Vedischen sein. Stärker natürlich, wenn Straton davon frühzeitig erfährt. Wir sollten ihn warnen. Stratons Mutter, Agathokleia mag dir noch grollen, deshalb sollest du jemanden schicken und nicht selbst gehen. Letztlich sind es immer noch Griechen. Wir müssen zusammenhalten.»

Mein Vater schritt mit gesenktem Kopf zum Fenster und drehte sich plötzlich mit entschlossenem Blick zu uns. «Selbstverständlich unterstütze ich Straton, wenn es gegen einen Aufstand der Vedischen geht, vor allem wenn der Aufstand auch uns schadet. Aber ich habe nur die Berichte des buddhistischen Händlers, der das Pferd verkauft hat. Und dann in unsere Richtung weitergefahren ist. Ich kenne ihn noch nicht lange. Er bringt mir Nachrichten seit zwei Jahren. Bisher aber immer nur Belanglosigkeiten, die aber stets korrekt waren. Was ich weiß könnte Straton auch wissen. Warum bekommen wir keine Warnung von ihm? Ist er schlecht informiert? Weiß er etwas und verrät es uns nicht, weil er glaubt, dass wir es zu unserem Vorteil nutzen? Ich weiß einfach zu wenig, auch zu wenig, um ihm eine Warnung zusenden zu können. Wir müssen es uns vor Ort ansehen. Ich werde eine Grenzpatrouille wie gewöhnlich schicken. Nur werde ich diesmal persönlich dabei sein, und mich am südöstlichsten Punkt unserer Route absetzen und als Reisender in das Dorf gehen, welches mir der Händler genannt hat. Wir brauchen drei Tage hin und können dann in zwei Tagen auf direktem Weg zurückkommen. In einer Woche wissen wir mehr.»

«Die normale Patrouille wird dann den normalen Weg weitergehen bis an die nordöstliche Grenzregion. Das dauert in der Regel zehn bis zwölf Tage je nach Witterung. Was wenn wir von euch nichts hören bis die Patrouille wiederkommt?», gab Antigonos zu bedenken.

«Wenn wir nach Ablauf des siebten Tages nicht wieder zurück sind, Lykurg, dann schlag Alarm bei Antialkidas. Er soll Verstärkungstruppen schicken. Sende dann auch eine Warnung an Straton, das Unruhe herrscht an unserer südöstlichen Grenze und, dass wir keine aggressiven Absichten haben, und gerne zur Beruhigung der Lage mit ihm kooperieren. Lysimachos, du vertrittst mich während meiner Abwesenheit in militärischen Dingen. Lykurg, du regelst die politischen und vor allem diplomatischen Belange. Wir brechen übermorgen auf.»

«Patrouille!»

Am nächsten Morgen instruierte mich mein Vater was ich mitzunehmen hatte. «Du bist alt genug mitzureiten, und musst die Grenzen unseres Gebiets kennenlernen. Du weißt was Platon über die guten Anführer sagt: Sie sollen bei der Jagd und beim Ausritt allzeit auf die Topografie achten, und sich vorstellen wie sie im Kriegsfalle genutzt werden kann. Ich will, dass du deine Arm- und Beinschienen und deinen Brustpanzer mitnimmst. Auch kurze Lanze und Schwert, aber lass deinen Schild zuhause. Wir werden uns in der Gegend um Alexandria Bukephalia von der Patrouille trennen und die Kleider von Händlern überziehen. Die Lanze können wir tarnen indem wir die Spitze abnehmen und das Schwert können wir unter dem Sattel verstecken, aber der Schild verrät uns.»

Auf der Agora kaufte mein Vater uns noch gewöhnliche Kleidung wie sie Kaufleute tragen, und ließ unsere Sachen und Proviant auf ein extra Pferd packen. Als wir aufbrachen waren wir eine Gruppe von zwanzig Mann. Eine klassische Grenzpatrouille griechischer Soldaten, alle zu Pferd mit fünf extra Pferden für Proviant und Ausrüstung.

Die Handelsstraße bog bereits im Tal links nach Südosten ab. Wir aber ritten bei Sonnenaufgang aus dem Stadttor und gerade nach Süden. Erst die Hänge um Taxila herunter, dann den Gebirgszug im Südwesten zu unserer rechten Seite in die große Ebene im Süden. Richtig eben war es nicht. Die leicht hügelige Landschaft mit den zahlreichen Flussbetten, die bald wieder austrocknen sollten, führten noch Wasser von der Schneeschmelze. Wir ritten den ganzen Tag, und als es Abend war sahen wir in der dunstigen Luft im Süden den Gebirgszug, welcher vor dem Hydaspes lag, und so etwas wie eine Grenze zwischen uns und Straton bildete. Jedoch haben weder er noch wir Kontrolle über das Gebiet. Bewohner gab es hier sowieso erst einmal nicht. Das Land war nicht bebaubar, und selbst für Schafherden war es aufgrund der Dürre, die auf die Überflutung im Frühjahr folgte, wenig interessant. Davon abgesehen wurden hier nicht einmal die Kaninchen fett bei dem dornigen Gestrüpp, das den Widrigkeiten der Gegend trotzte. Erst am frühen Abend des dritten Tages erreichten wir die Hügelkette nördlich des Hydaspes. Die Nächte davor hatten wir in unsere Häute eingewickelt auf Anhöhen geschlafen und hatten den mitgebrachten Proviant aufgebraucht. Ich war froh zuvor auf der Jagd gewesen zu sein, und mich dabei ordentlich am Fleisch satt gegessen hatte. Der Proviant war nur das Notwendigste gewesen. Am Fuße der Hügel kamen wir in ein Dorf. Die Bewohner kannten die Patrouillen. die zwei bis dreimal jährlich hier vorbeikamen, und da die Bauern hier abseits der Handelsstraße wohnten war es für sie eine willkommene Gelegenheit ihre Überschüsse versilbern zu können. Lyssipos erledigte die Besorgungen, da er die Bauern hier kannte, und am besten ihren Dialekt verstand.

Patrouillen bewegen sich nicht immer mit derselben Geschwindigkeit. In der ebenen Landschaft mit kleinen Hügeln mussten wir sehr langsam vorangehen, denn in den kleinen Senken kann man problemlos eine Gruppe von dreißig Mann mit Pferden verstecken, und so eignet es sich hervorragend für einen Hinterhalt. Außerdem muss man darauf achten, ob sich Menschen angesiedelt haben, oder Straßen und Wege entstanden sind, die Händler nutzen könnten, um Taxila und seine Zölle zu umgehen. Um ein Gebiet zu beherrschen muss man sich zum einen dort auskennen, zum anderen muss man sich auch sehen lassen. Sonst glaubt einem keiner, dass man es beherrscht. Und wenn man herausgefordert ist sollte man sich im eigenen Gebiet besser auskennen als der Feind, und wissen wer auf welcher Seite steht, auch von den Bewohnern des eigenen Territoriums.

Lyssipos kaufte für den Abend unter anderem zehn Hühner. Obwohl die Schläuche noch mit Wein gefüllt waren, und die Bewohner hier eh keine Weinvorräte hatten, kauften wir ein wenig von ihrem vergorenen Saft, und es wurde ein lustiger Abend in einem Obst Hain an einem Hang über dem kleinen See, welchen die Dorfbewohner uns gerne als Lagerplatz anboten. Die Hühnchen brieten über dem Feuer, und die Abendsonne schien endlich ohne den Dunstschleier der letzten Tage in unsere Gesichter. Der Dorfälteste und einige weitere führenden Männer gesellten sich zu uns. Mein Vater kannte die Männer, auch wenn er nicht jedes Mal mit auf Patrouille ging versuchte er einmal im Jahr alles mit eigenen Augen zu sehen, und vor allem mit eigenen Ohren zu hören! Mein Vater sprach erst über die Ernte, was bei Bauern dazu führt, dass sie in einen Redeschwall kommen, mit der Neigung im Verlauf dieses Ergusses ins Lamentieren zu geraten.

«Eigentlich sehr gut, keine großen Überschwemmungen und Hagel, aber der Weizen hat nicht so viel eingebracht wie das Jahr zuvor, und auch wenn die Äpfel normal getragen haben, waren die Kirschen wegen dem frühen Frost praktisch ganz weg.»

Das geht so weiter bis einem ein fetter Kerl erzählt er wäre gestern erst fast verhungert, wenn man das Gespräch nicht in andere Bahnen lenkt.

«Dann hattet ihr ja kaum etwas zu verkaufen an durchziehendes Volk? Habt ihr denn genug Silber, um auf dem Markt einzukaufen, oder müsst ihr dort Ware tauschen?», fragte mein Vater nach.

«Ach viel vom Markt brauchen wir nicht, nur ein bisschen Eisenzeug für die Arbeit und den Haushalt. Aber es kommt hier sowieso keiner vorbei. Entweder nehmen sie die Straße im Osten zu euch nach Taxila, oder sie fahren auf dem Fluss», antwortete einer der Bauern und trat einen Schritt näher. Ermutigt durch die direkte Ansprache meines Vaters fuhr er amüsiert fort.

«Was jenseits des Flusses genau ist weiß ich gar nicht. Ich war, glaube ich noch kein einziges Mal drüben. Aber es ist auch besser, dass niemand über den Fluss setzt, vor allem keiner der bettelnden Mönche! Die bleiben gottseidank auch bei euch in der Stadt, und fressen neben Schriftrollen vermutlich eure Kornkammern leer!»

Man muss dazu wissen, dass das Dorf eigentlich buddhistisch war. Da aber seit Jahren kein Mönch mehr vorbeischaute, und die Bewohner sich auch nicht weiter um Religion scherten, sondern um ihre Ernten beurteilen wir diesen Zustand als durchaus gut.

«Meine Kornkammern bleiben ihnen verschlossen! Wer ihnen etwas geben will soll ihnen geben, und ansonsten sind es lauter brave Schriftgelehrte», erklärte mir mein Vater später entschlossen. «Und für den Handel ist es nur gut eine bekannte und gute Schule zu haben. Die Reisenden schätzen es sehr sich mit ihnen zu unterhalten und einige Tage länger zu bleiben. Das wiederum schätzen meine Wirte! Und ich erfahre auch ein wenig aus der weiten Welt im Westen, und selten einmal etwas aus dem Osten.»

«Hört man denn bei euch etwas aus Stratons Reich?», hakte mein Vater bei den Dorfbewohnern nach.

Ein anderer Bauer meldete sich sofort zu Wort. «Von Straton hört man nur, dass er eine Mutter hat, die die Buddhisten mehr liebt als die Vedischen, und dass die Vedischen das natürlich genauso wenig mögen wie ihr Griechischen. Allerdings kann ich mir immer nicht merken welcher Gott jetzt woher kommt. Meistens sind es doch die gleichen Götter, nur mit anderen Namen in der anderen Sprache. Aber von den Vedischen kommt nie einer über den Fluss, und auf unserer Seite findet man in zwei Tagesmärschen Reichweite keine vedischen Völker.»

Wie leider erwartet, waren diese guten Bauern wirklich im Tal der Ahnungslosen, aber wohl nicht zu ihrem Nachteil. Am nächsten Morgen ritten wir sehr spät weiter. Es ging jetzt merklich bergauf, und wir waren langsam. Wir erreichten gegen Mittag einen kleinen Fluss, der südwärts floss, und welchem wir folgten. Es ging leicht bergab in ein kleines Tal hinein. Der Fluss floss hinunter und in den Hydaspes.

Hier im Tal lag ein kleines Dorf. Der Ort war anders. Die Bauern bestellten die Felder, es gab Obst und Weidewirtschaft auf den satten Weiden, und es wurden Überschüsse an Händler verkauft, die meist auf dem Fluss anreisten. Es gab auch eine kleine Fischersiedlung direkt am Fluss die noch zum Dorf gehörte, auch wenn sie eine halbe Tagesreise entfernt lag. Die Menschen hier waren ganz auf den Fluss und auf den Handel, der darauf geschah, ausgerichtet. Es wandelten Mönche in den Straßen, und auch einige Vedische mit dem Punkt auf der Stirn. Der alte Bauer im Dorf am See hatte also nicht gelogen. Er war wohl nicht nur nie über den Fluss gesetzt, sondern wohl auch noch nie über den Hügel hinter seiner Scheune gelangt. Wir ritten in den Ort ein, saßen aber sofort ab, denn es war ordentlich was los auf den breiten Gassen. Es wurde neben anderen Waren vor allem viel Schafwolle vom frisch geschoren Winterfell auf den Markt getragen. Unser Ziel war der Marktplatz, die Agora. Hier war es noch geschäftiger. Neben dem Marktplatz stand ein großes Haus welches als Markthalle für Waren diente, die weniger Platz benötigten. An einer Seite des Hauses befand sich eine Küche ausgestattet mit spärlichen Sitzbänken im Schatten. Auch hier waren wir keine ungewöhnliche Erscheinung. Meinem Eindruck nach wurden wir eher ignoriert. Das bisschen Silber, das zwanzig Mann verfressen viel hier nicht ins Gewicht, wohingegen die Marktzölle, welche zu entrichten wären, merklich den Umsatz schmälern würden. Während wir beim Essen saßen ließ mein Vater den Dorfvorsteher holen. Wir hatten natürlich Anspruch auf einen Teil der Marktzölle, eigentlich auf alle minus der Unkosten für Instandhaltung der Markthalle und des Lohns für die Zolleintreiber. Aber es war unmöglich zu kontrollieren wieviel die Händler einnahmen, ja nicht einmal wie oft Markttag war, es sein denn man legte eine Besatzung, die dann die Zolleinnahmen verschlingen würde in den Ort. Es war also so, dass die Markttreiber ihren Gewinn kleiner darstellten als er war, und wir unsere Bereitschaft eine Besatzung hierhin zu verlegen viel größer darstellten als sie in Wirklichkeit war. Beide wussten davon, und so war es eher eine recht unwürdige bewaffnete Erpressung als ein regelmäßiges Zolleintreiben.

Mein Vater pochte darauf, dass der Gewinn mehr sein müsse als im Vorjahr, der Marktvorsteher, insistierte dass es weniger sein müsse, am Ende war es das gleiche Geld wie im Vorjahr, mit der Zusicherung es gebe elf Markttage im Jahr, und sollte man weitere einführen würden die Zollabfuhren an Taxila entsprechend steigen. Von der Verhandlung bekam ich nur am Rande mit, da ich auf der anderen Seite der Bänke bei Phillip saß, der mir das Procedere erklärte. Ich hatte aber den Eindruck, dass beide Seiten hinterher unzufriedener waren als sie es vorher erwartet hatten.

«Dieser verfluchte Ort!», lamentierte mein Vater. «Ich weiß genau, dass sie öfters Markt machen, und dass sie regen Handel treiben mit dem anderen Ufer, sowie flussabwärts jenseits unserer Gebiete. Es ist zwar nicht der einträgliche Fernhandel wie in Taxila, wo wertvolle Waren wie Edelsteine, Perlen, Gewürze, Drogen, ja sogar manchmal Seide gehandelt werden, aber auch mit Wolle erzielen sie Gewinne. Die Schafe gedeihen gut auf den Hängen hier oben, und flussabwärts herrscht wohl rege Nachfrage.»

Ich nickte und mein Vater fuhr fort.

«Selbst, wenn ich eine Besatzung hineinlege, würde sie sich sogar von den Kosten selbst tragen. Aber dann habe ich keinen Gewinn und noch mehr böses Blut an der Grenze zu Straton und den indischen Herrschern weiter südlich. Und am schlimmsten ist, ich habe nicht einmal Männer, um eine Besatzung hineinzulegen. Früher trafen noch Söldner aus dem Westen ein, um hier ihr Glück zu machen, oder dem Unheil dort zu entgehen. Aber die Parther haben uns abgeschnitten von den übrigen Hellenen, und unsere Freunde in Baktrien haben alle Hände voll zu tun die Parther und andere Skythen abzuwehren wie mir dein Onkel neulich wieder geschrieben hat. So verlassen wir den Ort wenigstens mit ein bisschen Geld, und es bezahlt die Patrouille. Das Geld benötige ich außerdem für unsere Tarnung. Wenn ein Händler keine Waren hat, dann gibt es nur zwei Gründe: Er wurde ausgeraubt, oder er hat seine Waren im Westen verkauft und kehrt mit Silber zurück. Das wird unsere Geschichte sollten wir eine benötigen, und wenn nicht werde ich Geld brauchen, um Zungen zum Sprechen zu bringen.»

Kapitel 3 – In Stratons Landen

Abends lagerten wir am Bach zwischen den Bergen. Den Hydaspes sollten wir erst am nächsten Vormittag kurz vor Mittag erblicken. Mein Vater rief mich zu sich als er am Lagerfeuer die Befehle für die Nacht erteilt hatte.

«Mein Sohn, morgen werden wir uns mit Phillip, Plautes und Harpalos in zivil kleiden und mit einer Fähre übersetzen, um zu sehen was sich auf der anderen Seite tut, und ob wir uns über die Vedischen in Stratons Reich und an unserer Grenze sorgen machen müssen. Spione und Informanten sind wichtig, aber nichts ersetzt einem Kommandanten den eigenen Augenschein. Vor allem in so unübersichtlichen Grenzregionen wie der unsrigen. Aber ich wollte einmal mit dir über deine Zukunft sprechen.»

Dann offenbarte er sein wahres Interesse.

«Was sind deine Pläne? Du bist in einem Alter wo das Gymnasium dir nicht mehr viel bieten kann, und du dich über deinen weiteren Weg Gedanken machen solltest.»

«Ich möchte natürlich Soldat werden wie du und alle anderen. Was auch sonst?», antwortete ich mit gewissem Stolz.

«Ja, für einen Händler hast du wohl nicht die richtige Natur, und als Handwerker scheinst du mir auch nicht zu taugen, und was ich von Lyssipos hörte zieht es dich auch nicht unbedingt auf die Akademie in Athen», scherzte mein Vater und fuhr in ernsterem Ton weiter.