Tee ist auch keine Lösung - Andreas Glahn - E-Book

Tee ist auch keine Lösung E-Book

Andreas Glahn

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Beschreibung

Sommer, Sonne, Inselurlaub! Ein älteres Ehepaar aus dem Ruhrgebiet freut sich auf entspannte Tage vor der ostfriesischen Küste. Nette Pension, Strand und Seeluft. Doch kommt alles anders. Furchtlose Ostfriesen versuchen, mit merkwürdigen Methoden der drohenden Katastrophe Paroli zu bieten. Ihnen bleibt nicht viel Zeit. Der größte Gegner ist ihre Starrköpfigkeit. "Liebenswert. Verrückt. Humor küsst Horror."

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Rita Die Frau meines Lebens

B.P.Für Dich, mein Freund.

Zum Buch

Ein älteres Ehepaar aus dem Ruhrgebiet freut sich auf entspannte Tage vor der ostfriesischen Küste mit Sonne und Strand. Doch kommt alles ganz anders. Eine Gruppe von furchtlosen Ostfriesen versucht, mit merkwürdigen Methoden einer drohenden Katastrophe Paroli zu bieten. Doch ihr schwerster Gegner ist die knappe Zeit und ihre eigene Starrköpfigkeit.

Inhaltsverzeichnis

Endlich Ferien

Krabben

Spätes Abendessen

Das Buffet ist eröffnet!

Gummistiefel

Netter Besuch

Zombiemove

Soundcheck

Dorfgeflüster

Metamorphose

Familienzusammenführung

Endlich Urlaub!

Nachschlag

Danke

Zum Autor

Vulkan der Liebe

Endlich Ferien

»Edgar, diese Luft! Jetzt guck doch mal!«, sagte Ursula und presste ihren dicken Busen an die Reling. Es war ungewöhnlich warm an diesem Morgen. Selbstbräuner perlte von der Stirn und hinterließ auf ihrer Nase gelbe Tupfer.

Ihr Mann schaute gelangweilt auf und biss herzhaft in seine Käsestulle. »Die Luft kann ich auch von hier im Sitzen gucken. Sag mal, haben wir noch wat von der Mettwurst?«

»Mettwurscht? Ist in der roten Plastikdose.« Sie schloss die Augen und atmete tief ein. »Hach, Edgar. Dat tut gut. Die See ist ja so gesund für die Lunge.«

Das Sonnendeck der Fähre war bis auf den letzten Platz belegt. Schönstes Sommerwetter sorgte für unbeschwerte Stimmung. Dicht gedrängt genossen die Fahrgäste ihre Überfahrt.

Ursula zog ihren nass geschwitzten Wollpulli aus.

»Nicht dat du dich erkältest.«, mahnte Edgar.

»Ach wat. Frischluft hat noch nie geschadet. Dat ist gut für Immunabwehr.«

Die Zugfahrt ab Bottrop war bequem. Erste Klasse mit Tisch dabei. Beide spielten gerne Karten. Am liebsten Canasta. Die Zeit verging damit wie im Fluge. Direkt am Hafen von Norddeich endete die Bahn. Mit der Fähre war es ein Katzensprung zur schönsten Insel des Universums.

Ursula fischte ein dickes Gürkchen aus einem Glas und stopfte es in den Mund. »Auf der Sandbank sind echte Seehunde. Da liegen sogar ein paar Welpen. Dat musst du fotografieren.«

»Die Babys heißen Brüller.«, verbesserte ihr Gatte.

Ein Herr drehte sich um. »Heuler.«, sagte er.

»Wat?«

»Die Seehundbabys.«, antwortete der Mann.

»Heuler ... hab ich noch nie gehört. Brüller sind dat.«, erwiderte Edgar.

»Ist doch egal!« Ursula beugte sich über die Reling. »Die sehen aus wie Kuscheltierchen. Mach mal Bilder, Edgar.«

Er nahm keine Notiz von seiner Frau. Edgar kramte die Zeitung heraus und studierte einen Artikel über heiße Nächte auf Mallorca. »In das Ausland brauchst du nicht zu fahren. Überall nur Sex und Drogen. Und die Hotels da sind alle komplett verlaust! Bei Hilde gibt es zum Glück nur vernünftige Leute.«, brummelte er.

Die idyllische Pension »Hildes Seeblick« war für Edgar und seine Frau ein zweites Zuhause. Gemütlich, ohne laute Kinder und Haustiere.

Ideal für sonnenhungrige Senioren.

Edgar legte seine Zeitung beiseite. »Ich geh mal eine Runde.«, sagte er und stand pustend auf. Die Mettwurst lag schwer im Magen.

Seichte Wellen zauberten winzige Schaumkronen auf das Wasser. Letztes Jahr tobte ein ordentlicher Wind.

Edgar erinnerte sich ungern daran. Kotzte das komplette Unterdeck voll.

Unbeholfen jonglierte er eine steile Treppe hinunter. Der dicke Bauch versperrte seine Sicht auf die schmalen Stufen.

»Die brauchen hier einen Treppenlift.«, fluchte er.

Kurze Zeit später stand Edgar am Bordkiosk, bestellte ein Bier und trank es in einem Zug aus. »Ah ...«, seufzte er. »Junger Mann, haben Sie noch einen Absacker?«

Der junge Mann war Schiffsmechaniker und kümmerte sich nebenbei um den Kiosk an Bord. »Hochprozentiges verkaufen wir seit diesem Jahr nicht mehr.«

Edgar grinste und nickte verständnisvoll. »Aber eine kleine Zündkerze haben sie bestimmt unter der Theke?« Mit verstohlenem Blick schob er zehn Euro über den Tresen. »Der Rest wäre für Sie.«

Der Mechaniker sah Edgar verwirrt an. Lächelnd gab er den Schein zurück. »Sie haben schon genug getrunken.«, erwiderte er. »Wie ich schon sagte ...«

»Ja, ich habe schon verstanden. Sie können ja auch nichts dafür. Aber Ihr Bier war sehr lecker.«

»Mm. Na dann. Kann ich noch etwas für Sie tun?«

»Zwei Bockwurst mit Senf.«

»Gerne.«, sagte der junge Mann und fischte mit seinen Öl verschmierten Fingern Edgars Bestellung aus einem Topf. »Bitteschön. Macht dann noch mal zehn Euro.«

»Wat? Zehn Euro? Dat is ja Wucher.«

»Ist hausgemacht. Mit Seehund.«

»Seehund. Dat kann man essen?«

Der Verkäufer grinste. »War nur Spaß. Entschuldigung.«

»Sie sind ja ein Schelm.«

»Guten Appetit, mein Herr.«

Edgar zahlte und schnappte die Pappteller. »Die Wurst ist ja kalt.«, stellte er fest.

»Warm kosten die zwei Euro mehr.«

»Lassen Sie mal. Meine Frau mag die auch kalt.«

»Ihr Senf tropft runter.«

»Für den Preis darf er dat.«

»Sie haben aber einen Fleck auf dem Hemd.«

»Macht meine Frau weg.«

»Ich sag es Ihnen ja nur.«

»Ich guck da nicht so drauf.«

»Wollen Sie ein Taschentuch?«

»Das wäre nett.«

Der Mechaniker reichte ihm eine Packung. »Drei Euro.«

Mürrisch knallte Edgar seine letzten Taler auf den Tresen und dackelte wortlos davon.

»Oh, dat ist aber lieb von Dir.«, sagte Ursula.

»Hausmacherwurst. Lass Dir schmecken.«

Herzhaft biss seine Frau in die Bockwurst. »Die ist kalt.«

»Der Weg war ja auch weit.«

»Hast du Bier getrunken?«

»Wieso?« , erwiderte ihr Mann.

»Dat riecht man doch. Du trinkst, seitdem wir zu Hause in dat Taxi gestiegen sind.«

Konnte er sich gar nicht dran erinnern. Lag am Reisefieber. Zudem machte ihn seine Frau ganz huschig. Um drei Uhr in der Früh lief sie durch die Wohnung. Jedes Jahr die gleiche Leier. Die Koffer waren seit Tagen gepackt. Ursi kramte die Hälfte noch mal heraus und überprüfte ihre Liste. Bloß nichts vergessen.

Im Taxi motzte sie den Fahrer an. Er solle sich sputen. Zu guter Letzt standen sie zwei Stunden am Bahnhof rum. Ohne Bierchen war das nicht zu ertragen.

Auf dem Sonnendeck wurde es hektischer. Erste Familien packten ihre sieben Sachen zusammen.

Kam wie gerufen, um vom Thema abzulenken. »Wir sind bald da.«, sagte Edgar. »Ich sehe schon den Hafen!«

Ursula sprang auf, drückte ihm grob den Rucksack in die

Hände. Ein paar Bierdosen kullerten heraus und rollten davon. »Steh nicht rum!«, zeterte sie. »Sammel den Müll wieder ein!«

»Entschuldigung, darf ich mal.«, murmelte Edgar.

»Schämen Sie sich.«, krakeelte eine Dame. Pikiert blickte sie zu ihm.

Er hockte auf dem Boden und steckte den Kopf unter ihre Sitzbank. »Ich hab da wat verloren.«

»Zwischen meinen Beinen? Ich ruf gleich den Kapitän, Sie Lustmolch!«

»Ist nur eine Bierdose. Wenn Sie die mir geben würden?«

Sie pickte die Dose auf und warf sie über Bord.

»Edgaar.«, rief seine Gattin. »Bist du endlich fertig?«

»Ich komme doch schon.« Er rutschte zurück und stand schwerfällig auf. »Erholsame Tage wünsche ich Ihnen.«

»Saufbold!«, zischte die Frau.

»Liebe Fahrgäste, in Kürze legen wir am Hafen an. Der Kapitän wünscht Ihnen einen angenehmen Aufenthalt auf Nordloog.«, schallte es über die Fähre.

»Edgar! Es geht los!«, keifte Ursula.

Startschuss für das große Rennen auf die vollgestopften Gepäckanhänger. Edgar schnallte den Rucksack um und nickte seiner Frau zu. Ursula verpasste einem gestressten Vater einen ruppigen Ellenbogencheck.

»Können Sie denn nicht aufpassen?«, schimpfte der und beruhigte sein plärrendes Kind.

»Kein Verständnis für alte Menschen!«, zischte Ursula. Diese Familien! Breiteten sich in den letzten Jahren wie Schimmelpilze über Nordloog aus.

»Ursiiii! Hänger Nummer vier! Komm, bevor es zu voll wird.«, brüllte Edgar. Der Urlaub war teuer bezahlt und jede Minute auf der Insel bares Geld. Mit forschen Schritten kämpften beide durch das Gewühle und rissen dem Hafenarbeiter ihre Koffer aus den Händen.

Entzückt äugte Ursula in den strahlend blauen Himmel. »Da können wir heute schön braun werden.«, schwärmte sie. Der wuchtige Koffer verhakte in einem Schlagloch. »Dat gibts ja wohl nicht.«, schimpfte Ursi.

Fluchen half nichts. Das Gepäckstück kippte zur Seite. Unterhosen fielen heraus.

Geblümte Schlüppies sowie weiße Feinripp ohne Eingriff. Hastig sammelte Ursi die Klamotten vom Asphalt und stopfte sie in ihr Dekolleté.

»Dat du den Koffer immer so vollpackst!«, moserte ihr Mann. Keuchend wischte er dicke Schweißperlen von der Stirn. »Ich brauch jetzt erst mal ein Bierchen. Diese Hitze bringt mich um.«

»Die Sonne hat Vitamin D. Dat ist Natur pur.«, erwiderte seine Frau und stolperte an ihm vorbei. »Komm schon, wir haben Urlaub!«

Edgar stellte seinen Koffer ab. Der Hals brannte. Sogar seine Spucke schien zu verdunsten. Verdammt, hatte er einen Durst.

Trotz beschaulicher Größe tummelten im Hochsommer unzählige Urlauber auf der Insel.

Es gab klare Luft, kreischende Möwen, gepulte Krabben, Lenkdrachen und Matjesbrötchen. Urige Friesenhäuser prägten das Ortsbild. Weitläufige Strände mit Sand aus Puderzucker luden zu einem ausgedehnten Sonnenbad. Naturbelassene Dünen, Bänke zum Verweilen und eine belebte Promenade, an der unzählige Restaurants um ihre hungrigen Gäste buhlten.

Edgar schätzte besonders »Heinis Ankerstube«. Gonzales, der spanische Besitzer, begrüßte ihn jedes Jahr wie einen alten Freund und servierte Kebabteller mit Pommes. Zum Nachtisch gab es Apfelstrudel mit Vanilleeis.

In Bottrop bewohnte das Rentnerpaar eine beschauliche Wohnung. Barrierefrei. Ideal für ihr Alter. Mit Balkon, Badewanne, Fahrstuhl. Direkt an der Hauptstraße. Jeden Tag zogen endlose Blechkarawanen nach Gelsenkirchen. Edgar flüchtete oft in seinen Kleingarten.

Außer eine Handvoll E-Autos kreuzten auf Nordloog nur Kutschen und Fahrräder durch die Gegend. Deshalb war die Inselluft so einmalig.

Ungeduldig warteten die Senioren auf den Abholservice.

»Da kommt der Oleg!«, blökte Edgar und fuchtelte wild mit den Armen herum.

Breit grinsend stieg Oleg vom Kutschbock. Kurz darauf landete sein Kopf zwischen Ursulas Brüsten.

»Unser Oleg.«, säuselte sie.

Edgar haute ihm auf die breiten Schultern. »Hast mehr Muskeln bekommen.«, staunte er.

Oleg lächelte verlegen, befreite sich sanft aus Ursulas Klammergriff. »Für die Fahrt von Chefin«, sagte er und drückte Edgar eine Flasche Bier in die Hand.

»Sein Deutsch ist wieder besser geworden. Der Oleg wird ein waschechter Insulaner!«, trällerte Ursula.

Oleg nickte und wuchtete die Koffer in den Anhänger.

Edgar kippte sein Getränk in die Kehle. Zufrieden stieß er einen lauten Rülpser aus. »Dann kann es ja losgehen. Ursula, komm schon. Die Hilde wartet auf uns!«

Er hob schwerfällig ein Bein auf die Kutsche. Oleg packte Edgars geräumiges Hinterteil und presste ihn nach oben.

»Hildes Seeblick« lag etwas außerhalb am südlichen Ende der Insel. Direkt hinter den Dünen. Mit privaten Weg zum Sandstrand. Zwölf Appartements garantierten den Gästen einen unbeschwerten Aufenthalt.

Gabi Petersen führte das beschauliche Domizil in der dritten Generation.

Oma Hilde war seit Ewigkeiten verblichen. Ihre Eltern hatten Gabi vor einigen Jahren die Pension übergeben. Sie zogen in eine nette Residenz nach Oldenburg. »Du bist jetzt unsere neue Hilde!«, sagte ihre Mutter und überreichte feierlich den Schlüssel. Ein schweres Erbe. Eine Pension voller Senioren war oft, wie einen Sack Flöhe hüten. Ohne Oleg hätte sie die letzten Jahre niemals überstanden. Der ukrainische Hausmeister war Gabis rechte Hand. Und ihre große Liebe.

Gabi lehnte an der Hauswand und zündete eine Zigarette an. Eben durchatmen. Heute war Anreisetag. Zum Glück blieben die meisten Gäste ein paar Wochen. Hatten ja alle Zeit der Welt. Mit lautem Gepolter kündigte sich die Kutsche an. Hastig blies sie den Rauch aus und stopfte die Kippe in einen Blumentopf.

»Hallo Hilde!«, blökte Ursula.

»Showtime!«, flüsterte sie und richtete ihre Schürze.

Ursula drückte Gabi zur Begrüßung einen feuchten Schmatzer auf die linke Wange. Der Kuss müffelte nach Gurken und Bockwurst.

»Wie war die Fahrt?«, fragte Gabi.

»Anstrengend, aber schön.«

Ursulas Gatte humpelte heran. »Moin Moin.«, grüßte er.

»Dein Mann läuft schlecht.«

»Wat mach ich?«, fragte Edgar.

»Du läufst schlecht!«, wiederholte Gabi etwas lauter.

»Der Edgar kann ja nicht so lange sitzen. Musste letzten Monat operiert werden. Nabelbruch. Zwei Wochen lief Eiter aus der Wunde.«

»Wat erzählst du da denn alles? Mir gehts gut!«, zeterte Edgar.

»Zeig der Hilde mal deine Wunde.«

Ihr Mann nickte und zog sein Polohemd hoch. »Zweimal musste der Chirurg ran. Hat er aber gut genäht.«, sagte er stolz.

»Ach, der Edgar soll sich nicht so anstellen. Ich hatte im Winter Blasenentzündung. War über drei Wochen im Krankenhaus. Mit Schlauch unten drin.«, jöselte Ursi.

Gabi lächelte. »Na dann. Nun könnt ihr euch ja erholen.«

»Dat mit dem Darmdurchbruch erzähl ich dir nachher.«, sagte Ursula. »Wir wollen gleich zum Wasser.«

Karl Huismann vermietete seit siebenunddreißig Jahren Strandkörbe. Mit hochgelegten Beinen saß er vor seiner Holzbude. Das Gewusel am Strand war oft besser wie Fernsehen. Urlauber zeichneten mit Füßen einen Kreis um ihre Körbe. Ein tägliches Ritual. Reviermarkierung. Auf der gezogenen Grenzlinie wurde eine Sandmauer angehäuft. Einige verzierten ihren Wall mit Muscheln. Oft stand der Familienname drauf. Fußballvereine oder Heimatstädte waren ebenfalls sehr beliebt. Unerlaubtes Betreten einer Parzelle wurde mit bösen Blicken sowie wüsten Beschimpfungen bestraft. Manchmal flogen zur Verteidigung Bierflaschen durch die Gegend.

Karl verschränkte seine Arme hinter dem Kopf. Mit einer Hand strich er durch die grauen, für sein Alter üppigen Haare und verscheuchte einen Schwarm Bremsen. Die Insekten waren dieses Jahr eine Plage.

Ein paar Meter weiter stellte Edgar eine Korbtasche auf den heißen Sand und atmete tief die Seeluft durch seine dritten Zähne. »Ursi.«, seufzte er. »Papa ist zu Hause, und der Karl ist auch noch da.« Schnurstracks latschte er zur Holzbude. »Hallo! Wir sind wieder hier!«

Karl kniff die Augen zusammen. Irgendwoher kannte er die beiden.

»Uuursuulaaa, komm Karl begrüßen!«, trällerte Edgar und winkte seine Frau heran, die unbeholfen mit dem ganzen Strandgepäck zu ihrem Mann wackelte.

»Edgar, du kannst mir wenigstens mal helfen. Nimm doch den Schirm bitte!«

Karl trottete zu Ursula und nahm den Sonnenschirm ab. »Komm her meine Liebe.«, lachte er.

»Hach, der Karl ... dat ist aber nett. Edgar, nimm dir ein Beispiel dran.«, sagte Ursula vorwurfsvoll.

Edgar legte seine Arme in die Hüften und streckte den üppigen Bauch nach vorne. »So Karl, unser Strandkorb, wie immer die Nummer ... ach ich komm gleich drauf.«

»Zweihundertsiebenunddreissig Edgar!«, keifte Ursula.

»Dat ist mir grad eingefallen.«, log ihr Mann. Nummern konnte er sich nie gut merken.

»Tja, wenn wir die Frauen nicht hätten.«, erwiderte Karl.

Er latschte in seine Hütte, nahm einen kleinen Schlüssel vom Haken. »Der Schlüssel für den Hausherren!«, sagte er lächelnd. »Und ein Willkommensbierchen für den ersten Urlaubstag.« Karl drückte Edgar eine kalte Dose Bier in die Hand. »Macht einen Euro für das Getränk.«

Umsonst gab es halt nichts im Urlaub.

Das Strandleben auf Nordloog wurde lebhafter.

Unzählige blasse Körper strömten Richtung Wasser und errichteten ihre Tageslager.

Ein paar Meter weiter der FKK-Strand. Abgegrenzt mit einem Holzzaun. Unter den erfahrenen Inselgästen auch Ossi-Getto genannt.

»Die hatten ja in der DDR nichts, außer nackig durch die Gegend zu laufen.«, hatte Edgar mal gesagt.

Edgar schloss das Holzgitter des Strandkorbes auf.

»Hast du die Schaufel eingepackt?«, fragte Ursula.

Ihr Mann sah erschrocken auf. Die kleine Plastikschaufel war noch im Koffer. Ruhte irgendwo unter Slipeinlagen und Thrombosestrümpfen.

»Äh, die hab ich vergessen.«, stammelte er und erwartete ein Donnerwetter.

»Dann besorg eine!«, polterte Ursula los. »Die Sandburg muss fertig. Was sollen denn die anderen Leute von uns denken.«

Ein Junge stolzierte mit einem kleinen Eimer an ihnen vorbei. Edgar nutzte die Gelegenheit und beugte sich herunter. »Ich kauf dir nachher ein Eis, wenn du mir deinen Eimer leihst.«

Der Junge starrte ihn entgeistert an. Kurz darauf röhrte sein Geheule über den gesamten Strand.

»Sie Schmutzfink!«, brüllte eine Frau und zog ihren Sohn grob zur Seite.

»Das ist peinlich. Entschuldige dich!«, schimpfte Ursula.

Edgar schaute der Mutter nach, die wütend mit ihrem heulenden Kind davon stapfte. »Die Burg muss fertig.«, schnaufte er. »Wat machen hier auch Kinder am Strand. Die sollten mal besser in die Schule gehen!«

Großzügig klatschte Ursula Sonnencreme auf ihre Arme.

»Komm mal her. Ich creme dich auch ein.«

»Lass mal. Ich werde sonst nicht braun.«

»Nicht dat du Krebs auf der Haut bekommst.«

»Blödsinn. Dat ist doch Meersonne. Da kann man kein Krebs von kriegen.«

Ursula nahm eine weitere Tube aus der Tasche. »Da ist Faktor acht drinnen.«, sagte sie. »Da wirst du achtmal schneller braun.«

»Wenn du dat meinst.«, erwiderte Edgar und ließ sich widerwillig den Rücken einschmieren. »Jetzt reicht dat aber. Ich muss die Burg bauen.«

»Mach dat vernünftig!«

»Ja, ja.«, murmelte ihr Mann. Er zog mit dem Zeigefinger einen Kreis um den Korb. Mühsam schippten seine Füße heißen Sand zu einem Haufen auf.

»Dat wird so nichts!.«, nörgelte Ursula.

Mein Gott! Er war Maurer. Vierzig Jahre lang. Seine Sandburg war mit Abstand immer die schönste auf der ganzen Insel. »Ich hole Muscheln.«, brummte er.

Auf allen vieren kroch Edgar im seichten Wasser herum und suchte den Boden ab. Ursula mochte gerne ein paar Steinchen als Deko. Am besten die Bunten. Ihm fiel ein besonders schöner Kiesel ins Auge. Sah fast aus wie ein Diamant.

»Das ist meiner. Hab ihn zuerst gesehen.«, zischte ein Mann und griff nach Edgars Fundstück.

»Wat fällt Ihnen ein? Der gehört mir.«, schimpfte Edgar.

Der Mann steckte sich seine Beute in die Badehose. »Da irren Sie. Ist hier hin gespült worden. Meine Frau hat ihn vorhin gefunden!«

Edgar kam auf die Beine. »Geben Sie mir den Stein oder ich hol die Strandwache!«, forderte er harsch.

»Kevin.«, brüllte der Mann.

Ein baumlanger Kerl mit Tattoo am Arm kam angelatscht. Im Mundwinkel lässig eine Zigarette deponiert. »Was ist, Papa?«, fragte er gelangweilt.

»Der Mann will uns beklauen. Sag ihm, was wir davon halten.«

Kevin plusterte sich auf und verschränkte die Arme »Sie wollen sich mit Papa anlegen?«, brummte er. Um seine Worte zu untermauern, blies er eine Rauchwolke in Edgars Gesicht.

Der schnaufte tief durch. Unvermittelt griff er an Kevins Badehose und zog sie herunter. Voller Entsetzen riss er die Augen auf. »1.FCKölln« hatte der halbstarke Kevin in seine Haut gravieren lassen. Direkt über dem Pillermann. »Ein Kölner. Hab ich es mir gedacht.«, sagte Edgar mit breitem Grinsen. Was für Spinner. Konnten nicht mal ihre Stadt buchstabieren. Geschweige denn Fußball spielen.

Peinlich berührt zog Kevin die Hose nach oben.

Sein Vater fummelte den Stein hervor, drückte ihn Edgar in eine Hand. »Bitte sagen Sie es nicht weiter.«, stammelte er. »Der Kevin hat es nicht so gemeint.«

»Ihr erster Urlaub hier?«, fragte Edgar.

»Ja, warum?«

»Ich kenn mich hier aus. Und weiß wie die Regeln sind.«

»Aha. Und wie lauten die?«

Edgar hielt den Stein nach oben »Die schönsten Steine sind für uns alte Leute. Dafür habe ich viele Jahre hart gearbeitet!«

Der Kölner nickte seinem Sohn zu. »Komm Kevin. Der Opa ist nicht ganz richtig im Kopf!«

Kevin brummte, kratzte an seinem Hintern, steckte eine Zigarette zwischen die Zähne und stapfte seinem Vater hinterher.

Gedankenverloren pulte Ursula gelbe Hornhaut von den Füßen.

»Guck mal Ursi. Ist dat in Ordnung?« , fragte Edgar und musterte sein Werk.

»So sieht dat aber nicht schön aus.«, mäkelte sie. »Kann ja keiner lesen.«

Edgar schnaufte. So langsam hatte er die Nase voll. Er pickte die Muscheln wieder von der Sandburg. Alles von vorne. Widerworte nützten nichts bei seiner Frau. Nach einer knappen halben Stunde tippte er Ursula an. »Und jetzt?«

»Schöner wie letztes Jahr«, lobte sie ihn.

Puh! Glück gehabt.

Entspannt lümmelte sich der Urlauber in den Strandkorb und streckte seine Beine aus. Endlich Ferien!

Krabben

Für den täglichen Einkauf gab es im Dorf einen gut sortierten Supermarkt. In der Hauptsaison war der Laden eine Goldgrube. Heinz Saathoff leitete seit über zwanzig Jahren das Geschäft. Er kam eigentlich aus Emden. War dort Filialleiter eines Discounters.

Heinz packte neue Ware in die Kühltheke. Handgepulte Krabben. Vakuumversiegelt, eingelegt in salziger Tunke. Ein Verkaufsschlager. Inselbewohner verschmähten seine Ware und kauften ihre Krabben frisch vom Fischerboot.

Auf der Insel genoss Heinz eh keinen guten Ruf. Wurde von den meisten nur Geldhai genannt. Ihm war das egal. Die Schalentiere aus der Kühltheke bezog er günstig vom Hamburger Großhandel. Danach musste er sie nur noch veredeln. In mühevoller Kleinarbeit bastelte Heinz eigene Etiketten. »Frische Inselkrabben« stand drauf. Er pappte sie auf die Packungen und schon war das Zeug ein paar Cent mehr wert.

Urlauber Manfred knüllte seinen Jutebeutel zusammen und schlüpfte in Sandalen. Vor der Mittagshitze wollte er noch schnell einkaufen. Bier, Remoulade, Krabben. Das Übliche halt. Manfred lebte in Velbert, kurz hinter Essen. Seit knapp vier Jahren pensioniert, glücklich geschieden und keine Kinder. In Velbert besaß Manni ein nettes Haus. Mit Garten, Jägerzaun und Doppelgarage.

Velbert hatte eine nette Altstadt, glänzte aber sonst nicht mit Höhepunkten. Und frische Krabben bekam man dort erst recht nicht.

Entspannt spazierte er durch das Nordlooger Dorf. Der Inselladen lag gleich um die Ecke. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Alle zwei Tage gönnte Manni sich ein leckeres Remouladenbrötchen. Dick belegt mit echten Inselkrabben.

»Moin.«, grüßte er und schnappte einen Einkaufswagen.

Heinz lächelte verkniffen. »Moin.«

»Haben Sie noch Krabben?«

»Müssen Sie nachsehen.«, brummte Heinz.

Manni schlenderte durch das Geschäft und steckte den Kopf in die Kühltheke. Zwei Packungen waren noch da.

Heinz latschte an ihm vorbei. »Ich bekomme keine nach, falls Sie mehr brauchen.«

»Dann nehm ich gleich beide mit.«, antwortete Manfred.

»So wie Sie meinen.«, erwiderte Heinz.

»Haben Sie noch frische Ostfriesenbrötchen?«

»Sehen Sie schlecht? Direkt hinter Ihnen.«

»Och ... hab ich gar nicht gesehen. Die besten Brötchen, die ich kenne. Wer backt die denn eigentlich?«

»Na ich.«

»Was ist ihr Geheimnis? Altes Familienrezept?«

»Keine Ahnung. Ich tau die auf, und ab in den Ofen.«

»Mm ... na jedenfalls ein Lob an den Bäcker.«

Heinz nickte und verzog sich in sein Büro.

Manfred schnappte seine Tageszeitung und trottete zur Kasse. »Moin, junge Dame.«

»Ebenso. Das macht genau zwanzig Euro.«, sagte die Kassierin lustlos. »Aber wir nehmen keine Kreditkarten oder so.«

Der Urlauber zahlte, stopfte die Sachen in eine Tüte und nickte der Verkäuferin freundlich zu.

Heinz wartete, bis Manni aus dem Laden war. »Gisela, füll mal die Krabben wieder auf.«, blökte er aus seinem Büro.

So fühlt sich Leben an, dachte Manni. Frische Krabben, gleich ganz ungezwungen mit Badehose auf dem Bett. Gab ja keinen, der sich darüber aufregte. Von seiner Frau hatte er sich vor Ewigkeiten getrennt. Jedes Jahr bestand sie auf diese langweiligen Kreuzfahrten. Ein dauerndes Streitthema damals. Irgendwann war der Kanal voll und er ließ sich von ihr scheiden. Kaum bei dem Anwalt raus latschte er in ein Reisebüro, schloss die Augen und fuhr mit einem Finger über die Angebote.

»Ich lasse mein Schicksal entscheiden.«, sagte er zu der hübschen Beraterin. Sein Finger stoppte. Manni riss die Augen auf. »Ostfriesland, ach du Scheiße.«

»Für Ihr Alter genau die perfekte Wahl.«, säuselte die junge Frau.

»Kann ich noch mal suchen?«

»Nein, nein. Haben Sie gerade selbst gesagt. Ihr ...«

»Ja, ja. Mein Schicksal. Ich weiß. Verkaufen Sie zufällig auch Gummistiefel?«

Ostfriesland. Bitte nicht. Da hatte Manfred überhaupt keine Lust drauf. Regen, Schafe und literweise Tee. Na prima. Das konnte ja was werden. Aber dann war es Liebe auf den ersten Blick. »Wenn ich mal abkratze, lass ich mich hier begraben.«, tönte er oft am Strand herum.