Telluris - Tom Farewell - E-Book

Telluris E-Book

Tom Farewell

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Beschreibung

Die Vakar sind Menschen wie Du und ich. Doch sie haben eine Aufgabe: Der Schutz der Telluris. Charly ist auserwählt ein Vakar zu werden. Doch noch bevor es dazu kommt, müssen er und seine Freunde eine abenteuerliche Reise tief in die Erde hinab antreten um mit den Telluris einen lange geglaubten Feind zu bekämpfen.

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Seitenzahl: 592

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Tom Farewell

Telluris

Das Volk der Erde

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Charles Geschichte

Charly erlernt einen Beruf

Die unterirdische Stadt

Der Rat der Ältesten

Die Reise zu den Telluris

Die verlassene Stadt

Die Abstimmung

Auf der Suche

Die besetzte Stadt

Um Leben und Tod

Der Feind kommt

Eine unerwartete Chance

Der Weg hinaus

Der Feind lässt nicht nach

Der Überraschungsangriff

Impressum neobooks

Charles Geschichte

»Ich will euch eine Geschichte von einem jungen Mann erzählen. Er war damals Soldat und war in der Normandie stationiert.« sagte der Großvater »In der Normandie ging es gefährlich zu, müsst ihr wissen. Damals hatte man gar nicht gewusst, was los war. Klar, es war ja Krieg aber auf einmal war er so dicht dran, das konnten die Leute dort gar nicht glauben.«

Der Großvater saß mit seinen Kindern und Enkelkindern am Tisch im Garten und erzählte mal wieder eine seiner alten Geschichten. Peter, sein Sohn, erhoffte sich bald eine willkommene Ablenkung zu finden und suchte verzweifelt in seinem Gehirn nach einer passenden Idee. Seine Tochter dagegen hörte ihrem Vater gerne zu. Sie war selten zu Besuch auf dem heimischen Hof in der Bretagne und freute sich immer, wenn ihre Kinder ihren Großvater besser kennenlernen konnten. Auch wenn es scheint, als seien viele seiner Geschichten, die er immer so liebend gerne erzählte, ausgedacht.

»Charles DuMont, so hieß der junge Mann, und seine Kameraden hatten von ihrem Vorgesetzten erfahren, dass die Amerikaner und Engländer einen Angriff planten und sie sollten sich in ihre vorgegebenen Positionen begeben. Dann wünschte er ihnen noch viel Glück und das war das letzte Mal, dass Charles ihn gesehen hatte.« sagte der Großvater. »Es war ein sonniger Tag und sie waren ja alle bereits den Lärm der Schüsse und Granateinschläge gewohnt, daher war es für sie ein Tag wie jeder andere. Doch als sie über das wunderschöne Meer hinaus sahen und dabei dunkel am Horizont die vielen Hundert Schiffe sehen konnten, wurde ihnen mulmig zumute und fast alle bekamen es mit der Angst zu tun.« sagte der Großvater und wurde unterbrochen.

»Wo ist die Normandie, Opa?« fragte sein Enkel.

»Das ist ein Landstrich im Norden Frankreichs, mein Junge.« er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Charles hatte mit Jean und Pascal Wachdienst. Sie saßen in einem Erdloch und versuchten sich mit Kartenspielen von dem drohenden Unheil abzulenken. Aber es wollte ihnen nicht gelingen.

Irgendwann gegen Mittag fing es dann an. Sie sahen die ersten Landungsboote auf den Strand aufsetzen und Tausende von englischen und amerikanischen Soldaten aus diesen herausstürmen. Die ersten Granaten, abgefeuert von den weit entfernt liegenden Schiffen, pfiffen laut durch die Luft, woraufhin ein unbeschreiblicher Lärm losbrach. Charles verlor auf einmal das Bewusstsein und plötzlich wurde es still und dunkel um ihn.«

Der Großvater machte eine kurze Pause und sah die Kinder betroffen an.

»Als er wieder zu sich kam, lag er in einem gemütlich weichen Bett, in einem mit Licht durchfluteten Zimmer und fühlte sich, als ob er drei Tage lang durchgehend auf dem Acker bei der Kartoffelernte geholfen hätte« sagte der Großvater und stand auf, um sich etwas zu trinken zu holen.

»Was ist denn passiert, wo war er denn« fragten seine Enkelkinder ungeduldig!

»Er war in Irland« antwortete sein Onkel und machte eine Miene als wolle er sagen, der alte Mann redet wirres Zeug.

»Du glaubst ihm immer noch nicht, oder?« raunte die Mutter der beiden ihren Bruder an.

»Wenn ich diese Geschichte noch mal hören muss, dann kann ich für nichts garantieren! Ich glaube, ich gehe mir lieber mal die Beine vertreten.« sagte er.

Er stand auf und ging durch den Garten hindurch raus auf die Straße. Seine Schwester sah ihm kurz nach. Eigentlich war er gar nicht so grob und gefühllos, wie es jetzt den Anschein machte.

»Na, träumst du wieder?« fragte der Großvater seine Tochter und setzte sich wieder an den Tisch.

»Opa, nun erzähl doch endlich weiter« forderten die Enkelkinder ihn eindringlich auf und lenkten ihn so von seinen eigenen Kindern ab.

»Als Charles aufwachte, war er, wie bereits gesagt, in einem mit Licht durchfluteten Raum. Er sah anfänglich nur weiße Wände und ein großes Fenster mit schönen langen weißen Gardinen. Aber allmählich konnte er auch kleine Bilder an den Wänden hängen sehen und entdeckte auch einen kleinen Schrank neben seinem Bett. Hier stand ein Krug mit Wasser für ihn bereit und er freute sich, das kalte Wasser trinken zu können. Natürlich versuchte er sogleich aufzustehen, er war aber noch etwas wackelig auf den Beinen. Er versuchte gerade, neben dem Bett zu stehen, als er jemanden außerhalb des Zimmers hörte. Die Dielen knarrten und er vermutete, dass er gleich Besuch bekommen würde. Einen Augenblick später sah er auch schon, wie sich der Türknauf bewegte. Er hatte sich schnell wieder hingelegt und schlafend gestellt, um erst einmal Zeit zu gewinnen. Sicherlich schien es ein gemütlicher Ort zu sein, an dem er da war, aber damals musste man mit allem rechnen. So auch mit der Möglichkeit in Gefangenschaft zu sein.

Als er ganz leicht die Augen öffnete, sah er einen Mann, der neben seinem Bett stand und den Krug tauschte. Während er dieses tat, hielt er kurz inne und wandte sich dann um zu Charles. Er hatte wohl bemerkt, dass Wasser im Krug fehlte und vermutete, dass Charles wach war, denn er fing auf einmal an, mit ihm zu reden. Charles musste eine Kugel am Kopf getroffen haben, dachte er so gleich, da er den Mann nicht verstehen konnte. Er schlug seine Augen auf und der Mann hatte nun Gewissheit, dass Charles wach war.

Er hatte noch einige Male etwas gesagt, es aber dann bald aufgegeben, da er gemerkte hatte, dass Charles ihn nicht verstand. Kurz, nachdem er den Raum verlassen hatte, kam eine junge Frau in Charles Zimmer und redete in einem gebrochenen Französisch mit ihm. Sie fragte ihn, wer er sei und woher er komme. Er wunderte sich zwar ein wenig über die Frage, stellte sich aber sogleich mit Charles DuMont vor und erklärte ihr, dass er Franzose sei und aus der Bretagne komme. Sie sah ihn misstrauisch an.

»Weißt du, wo du bist?« fragte die Fremde Charles.

»Ich nehme an in Frankreich?« antwortete Charles ihr prompt.

»Du befindest dich in Irland, genauer gesagt an der Südküste, in Glengarriff.« erwiderte Sie ihm.

Charles verstummte und schaute die Frau verwundert an. Er überlegte kurz, an was er sich als Letztes erinnern konnte! Er war mit seinen Kameraden zusammen gewesen und sie hatten gesehen, wie die feindlichen Truppen ihnen entgegen kamen. Von da an konnte er sich an nichts mehr erinnern.

»Vor einigen Tagen soll hier in der Nähe ein Flugzeug abgestürzt sein! Dich haben wir am Wegesrand liegen sehen und wir denken, du warst in dem Flugzeug. Vielleicht hast du dich nach dem Absturz irgendwie befreien können und bist bis zur Straße gekommen.« sagte sie und fügte hinzu »Ich heiße übrigens Claris.«

Charles war verwirrt. An ein Flugzeug oder Ähnliches konnte er sich noch weniger erinnern.

»Welches Datum haben wir heute?« fragte er.

»Der 10. Juni« sagte Claris. Charles wurde nun klar, dass er bereits seit vier Tagen ohne Bewusstsein gewesen sein muss. Der Angriff auf seine Stellung war am 6. Juni und das war das Letzte, woran er sich erinnern konnte.

Nachdem Charles sich angezogen hatte, trat er in eine Stube, die ihm wie im Traum vorkam. Er sah vor sich einen reich gedeckten Tisch mit den leckersten Sachen, die er sich selbst im Traum nicht hätte vorstellen können. Er hörte einen Ofen, in dem das Holz laut im Feuer knackte. Auf dem Ofen sah er einen großen Krug stehen, aus dem der Duft von heißer Milch mit Schokolade strömte. Claris, ihr Vater Dan sowie ihre Brüder Steven und Jim saßen bereits am Tisch und erwarteten Charles ungeduldig. Sie hatten noch nicht gefrühstückt und warteten sehnsüchtig darauf, endlich anfangen zu können. Charles setzte sich an den Tisch und sogleich begannen alle hastig ihre Teller zu füllen und gierig zu essen. Charles kam es vor, als hätten sie seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen.

Nach dem ausgiebigen Mahl zeigte Claris Charles das Haus mit den vielen Zimmern sowie den Hof und den Garten. Das Haus war ein großer Bauernhof mit einer großen Eingangsdiele, von der aus man in alle Zimmer kam. Die Küche war sehr geräumig, sodass hier ein großer Tisch mit acht Stühlen drum herum Platz fand. Außerdem gab es noch einen Hauswirtschaftsraum und eine Stube, in der anscheinend Dan die Bücher des Hofes führte. In diesem Raum standen Bücherregale sowie ein Schreibtisch, der am Fenster platziert war und zwei Ohrensessel, die in der Nähe eines Kamins standen. Neben der Küche war ein Gästezimmer eingerichtet, in dem Charles in den letzten Tagen übernachtet hatte. Oben im Haus waren die Schlafzimmer der Familienmitglieder eingerichtet. Jeder hatte sein eigenes Zimmer.

Der Hof war mit Kopfsteinpflaster ausgelegt. Überall fehlten Steine und da, wo sie fehlten, hatten sich kleine Pfützen gebildet. An das große Haus grenzten eine Scheune auf der linken Seite sowie ein Stallgebäude mit Kühen auf der rechten Seite an. Durch das offene Tor der Scheune konnte er einen großen Traktor sowie eine selbstgebaute Werkbank erkennen. An der Werkbank fehlten weder Amboss noch Schraubstock und es schien als würde viel daran gearbeitet. Claris erklärte ihm, dass ihre Familie bereits seit fünf Generationen hier lebte und seitdem her Landwirtschaft betrieb.

Nachdem sie die Scheune betreten hatten, sah Charles außerdem, dass hinter dem Traktor, an der anderen Seite der Scheune, die verschiedensten Geräte standen. Neben einem Pflug und der Egge waren hier noch Geräte, die er nie zuvor gesehen hatte und obwohl Charles immer wieder darum bat, unternahm Claris gar nicht erst den Versuch ihm diese zu erklären. Sie hatte Angst, dass ihr Französisch dafür nicht ausreichen würde und er sich über sie lustig machen könnte.

Nachdem sie die Scheune verlassen hatten und quer über den Hof zum Stallgebäude gegangen waren, entdeckte Charles Steven und Jim sowie Dan, die an den Fenstern standen. Als diese sich wiederum entdeckt fühlten, konnte Charles sehen, wie sie auf einmal wichtige Dinge an den Fenstern zu erledigen hatten, was doch recht unbeholfen aussah und Charles zum Schmunzeln brachte. Claris, die das Schauspiel ebenfalls beobachtet hatte, wurde verlegen und entschuldigte sich bei Charles, doch dieser freute sich über das, was er sah.

Im Stall angekommen, sah Charles, dass die Familie anscheinend recht wohlhabend sein musste. Denn wenn in Frankreich ein Bauer über fünfzig Kühe hatte und zudem anscheinend auch noch Schweine hielt, Charles hörte jetzt deutlich das Grunzen von Schweinen im Hintergrund, dann zeugte das von einem Landwirt, der sein Geschäft verstand. Der Stall zeigte sich geräumiger als er von außen aussah und Charles entdeckte schnell den hinteren Ausgang, der anscheinend zum Schweinestall führte. Sie gingen durch den Stall, doch bevor Sie am hinteren Ausgang angekommen waren, deutete Claris auf eine kleine Tür, die an der Rückwand des Stallgebäudes lag. Charles verstand sofort, dass Sie ihm hier noch etwas zeigen wollte, daher machte er die Tür auf und stand sichtlich erstaunt vor einem riesigen Garten, bestückt mit den verschiedensten Obstbäumen. Er sah hauptsächlich Apfelbäume, die bereits die ersten kleineren Früchte trugen. Er konnte aber auch einige wenige Kirschbäume sehen und war erstaunt, was diese Familie alles verstand, mit den eigenen Händen zu schaffen.

Im Haus wieder angekommen kam ihm Dan entgegen und bat seine Tochter, mit Charles zusammen in die Stube zu kommen. In der Stube warteten bereits Steven und Jim. Dan bat Charles Platz zu nehmen und fing an, sich mit Claris zu unterhalten, die sogleich anfing, das Gesprochene für Charles zu übersetzen.

»Wie es scheint, geht es dir gut« fing Claris an Dans Worte wiederzugeben. »Du bist gesund und munter und ich frage mich, was wir nun mit dir anfangen sollen.«

Charles wurde es mulmig zumute und er war gespannt, was jetzt kommen würde.

»Charles, wir wissen, dass in deiner Heimat Krieg ist und wir fragen uns, ob du derzeit wieder zurück nach Frankreich oder ob du noch einige Wochen hier bei uns bleiben möchtest.«

Charles überlegte zwar kurz, freute sich aber über das Angebot. Er hatte ja niemanden, der in Frankreich auf ihn wartete und außerdem hätte er dann wahrscheinlich wieder eine Uniform tragen und in den Krieg ziehen müssen.

»Ich freue mich, wenn ich hier bei euch bleiben darf. Ich fühle mich gesund und kräftig und würde mich freuen, wenn ich euch solange auf dem Hof helfen kann.«

Dan, Steven, Jim und Claris zeigten sich erfreut über seinen Entschluss und anscheinend hatten Sie mit nichts anderem gerechnet, denn Claris führte ihn in ein Zimmer, welches bereits für ihn zurechtgemacht wurde. Er fand ein Bett und einen Schrank sowie einen kleinen Tisch mit einem Krug und einer Waschschüssel vor. Ein Handtuch hing über der Rückenlehne des Stuhls und auf dem Bett lag ein Pyjama, welcher anscheinend Steven oder Jim gehören musste. Auch fand er einige Kleidungsstücke im Schrank, die wahrscheinlich von einem der Beiden stammten.

Es vergingen einige Monate, in denen Charles vieles über die Landwirtschaft lernte. Er hatte zuvor in Frankreich hin und wieder bei der Weinlese geholfen und sich so immer ein wenig Geld nebenher verdient. Hier aber war die Arbeit nun ganz anders aufgeteilt. Er übernahm bald selbständig die Fütterung der Tiere sowie das Ausmisten der Ställe. Nur das Melken viel ihm noch schwer, aber Claris wurde nicht müde, es ihm immer wieder erneut zu zeigen. HausH Steven und Jim dagegen konnten nur selten auf dem Hof helfen. Sie hatten im Ort eine Lehre begonnen. Jim wurde von einem Tischler im Handwerk der Holzverarbeitung angelernt, Steven dagegen war bereits seit einem Jahr bei einem Schmied in der Lehre. Dan wollte damit erreichen, dass die Söhne später auf dem Hof die Reparaturen selber erledigen konnten, um Geld sparen zu können. Steven und Jim zeigten sich auch nicht abgeneigt, mal etwas anderes zu machen, als immer nur auf dem Hof für den Vater zu schuften.

So verging die Zeit. Aus Wochen wurden Monate und aus Monaten Jahre. Ehe es jemand bemerkt hatte, lebte Charles bereits zwei Jahre auf dem Hof und bewohnte noch immer das Zimmer, welches damals Dan für ihn herrichten ließ. Steven und Jim waren mittlerweile auf den Hof zurückgekehrt und arbeiteten wieder hier.

Steven hatte an seinem erlernten Beruf so viel Spaß entwickelt, dass er sich direkt nach seiner Rückkehr eine Schmiede auf dem Hof eingerichtet hatte. Zu seinem Glück gehörte zu dem Hof ein kleines Gesindehaus, welches etwas abseits lag und bereits seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt wurde. Zu Zeiten seines Großvaters wohnten hier die Haushälterin und der Knecht. Die waren aber schon lange fort und seit dem wurde nichts mehr an dem Gebäude gemacht. Die Substanz der Wände war noch gut, da Dan über die Zeit immer wieder das Dach abgedichtet hatte, um ein Reinregnen zu verhindern. Die Mauern waren daher trocken. Doch gab es viele gebrochene Fenster, die mit Brettern vernagelt waren und auch die Dachkonstruktion musste hier und da erneuert werden. Jim, der seine Ausbildung zum Tischler ebenfalls beendet hatte, konnte Steven bei den Sanierungsarbeiten helfen, wodurch sie schnell vorankamen.

Um sich im Inneren möglichst praktisch einzurichten, beschloss Steven, einige der Zwischendecken zu entfernen, da er die Zimmer im Obergeschoss nicht brauchen konnte. Stattdessen hatte er nun soviel Platz gewonnen, dass er einen großen Ofen in das Haus mauern lassen konnte, was Dan und ihr Nachbar übernahmen.

Zum Schmieden des Eisens hatte sich Steven den alten Amboss von der Werkbank geholt und diesen auf einem massiven Baumstumpf angebracht. Zum Legieren dienten zwei alte Fässer, die er sich aus dem Ort besorgt hatte. In dem einen Fass war Wasser und in das andere hatte er Öl eingefüllt. Darin würden die glühenden Eisen abgeschreckt werden, wodurch Schmutz austreten konnte und das Eisen eine bessere Qualität erhielt.

Zu guter Letzt wurde, um die Glut im Ofen immer auf die richtige Temperatur bringen zu können, ein großer Blasebalg aus Rindsleder installiert, den ebenfalls ein Handwerker der Umgebung angefertigt hatte. Steven hatte das Glück, dass er diesen nicht voll bezahlen musste und so konnte er erstmal einige Aufträge bearbeiten und selbst Geld verdienen, ehe er dem Handwerker den Restbetrag auszahlen musste. Der Blasebalg war so gebaut, dass ihn Steven mit dem Fuß bedienen konnte und er dadurch die Hände zum schmieden frei hatte.

Jim dagegen hatte sich eine kleine Tischlerei eingerichtet. Hierfür hatten alle zusammen in der Nähe des Haupthauses eine kleine Scheune gebaut, in welcher Jim eine Hobelbank, Sägetisch und viel Arbeits- und Lagerfläche hatte. Sowohl Steven als auch Jim hatten das Glück, dass Sie finanziell von Dan unterstützt wurden, sonst hätten sich beide ihre Werkstätten nicht leisten können.

Auch wenn es nun mehr auf dem Hof zu tun gab, so war es trotzdem nicht genug Arbeit um auch Charly, wie er mittlerweile von allen genannt wurde, zu beschäftigen. Der Krieg war vorbei und Charles überlegte oft, ob er wieder zurück nach Frankreich gehen sollte. Auch Dan und Claris fragten ihn immer wieder, was er vorhabe. Sie wollten ihn nicht loswerden! Ganz im Gegenteil hatten sie ihn sogar lieb gewonnen und freuten sich, dass er so lange bei ihnen blieb, doch hatte sich Charles nie geäußert, was er nun vorhabe. Er selber hatte sich immer davor gefürchtet, eine endgültige Entscheidung fällen zu müssen. Nun aber war es soweit. Er wollte für sich selbst endlich Klarheit schaffen.

Abends bat er alle draußen im Garten zusammenzukommen. Es war eine warme Sommernacht und Charly hatte im Garten eine Feuerstelle hergerichtet. Aus der Vorratskammer hatte er einige Würstchen geholt und diese dann auf lange Äste gespießt. Nachdem alle um das Feuer herum Platz genommen hatten, verteilte Charly die Spieße und sie fingen an, diese dann über dem Feuer zu grillen.

»Ich möchte euch danken« fing Charly nun auf Englisch zu reden an. Er hatte in den vergangenen Jahren die Sprache gut sprechen und hören gelernt. Nur mit dem Schreiben haperte es noch aber auch dieses lernte er fleißig mit Claris jede Woche. Sie hatten bereits vor zwei Jahren begonnen, immer wenn sie Lust und Zeit hatten, sich zusammenzusetzen, um sich gegenseitig ihre Landessprachen beizubringen. So lernte Claris Französisch und Charles lernte englisch.

»Seit über zwei Jahren bin ich nun bei euch und ihr habt mich immer wie ein Familienmitglied behandelt. Vom ersten Tag an habe ich mich bei euch zuhause gefühlt. Ich habe mich immer gefragt, warum ihr das für mich getan habt und nun weiß ich, dass es einfach nur eure Herzlichkeit ist, die euch zu dem macht, was ihr seid. Ich habe bei euch vieles gelernt. Früher, als ich noch in Frankreich lebte, da habe ich mich immer mit irgendwelchen Nebenjobs über Wasser gehalten. Als meine Mutter starb und ich mit 18 Jahren zur Halbweise wurde, hatte ich auch mein zuhause verloren. Mein Vater hatte uns bereits verlassen, als ich 5 Jahre alt war und somit stand ich damals alleine da. Die Wohnung meiner Mutter konnte ich zum Glück noch einige Monate behalten, bis ich eine kleinere gefunden hatte. Damals arbeitete ich auf dem Markt, gleichzeitig als Zeitungsjunge und habe auch Kohle ausgefahren. Als der Krieg dann zu uns kam, wurde ich zum Soldaten gemacht und habe dadurch meine Wohnung aufgeben müssen.

Heute, dreieinhalb Jahre später, bin ich nun bei euch, und wenn ich ehrlich sein soll, dann zieht mich nichts mehr zurück nach Frankreich. Darum möchte ich euch fragen, ob ich für immer bei euch bleiben kann!« Alle sahen sich erstaunt an! Sie hatten zwar gewusst, dass Charly sich wohlfühlte, dennoch hatten alle geglaubt, er würde irgendwann wieder zurück nach Frankreich wollen. Dan zeigte sich am wenigsten überrascht und schlug sogleich vor, über Charlys Bitte abzustimmen.

»Wer dafür ist, Charles auch auf Weiteres auf dem Hof aufzunehmen, der solle die Hand heben« schlug er vor.

Alle sahen Charly an und fingen an zu lachen. Natürlich waren alle dafür ihn aufzunehmen. Schließlich hatte man sich bereits so an ihn gewöhnt, da würde es auch Steven, Jim und Claris schwerfallen, ihn abzuweisen.

Charles freute sich über diese Antwort, die er förmlich erhofft hatte. Ihm wurde es immer schwer ums Herz, wenn er daran dachte, hier wieder weggehen zu müssen. Nun aber war er sich sicher, für immer in Irland zu bleiben.

»Wir müssen nun aber überlegen, wie wir in Zukunft den Hof bewirtschaften wollen. Steven, der nun das Handwerk des Schmieds erlernt hat, hat zwar ein paar kleinere Aufträge aus der Nachbarschaft, aber für ihn reicht es noch nicht, um von seinen Erträgen leben zu können. Jim dagegen hat schon deutlich mehr zu tun. Niemand im Umkreis von 200 km hat eine so sauber arbeitende Säge. Aber auch er hat noch immer Zeit und Lust, uns auf dem Hof zu helfen. Und auch Claris und ich haben auf dem Hof unser Einkommen, sodass es vielleicht ratsam wäre, wenn du, Charles, dir auch außerhalb etwas suchen würdest, wodurch du eine zusätzliche Absicherung für unseren Hof erwirtschaftest.« schloss Dan, der, wie immer, am ökonomischsten von allen dachte. Er hatte viel erlebt und seine Erfahrung lehrte ihm, dass es für alle am sichersten sei, wenn jeder etwas anderes beherrschte. So kann der Einzelne in einem ertraglosen Jahr von den Einnahmen der Anderen leben.

»Ja, du hast recht«, fing Charles an »auch ich sollte mir etwas außerhalb des Hofes suchen. Da ich allerdings keine Idee habe, was ich machen könnte würde ich mich freuen, wenn einer von euch einen Vorschlag machen könnte!«

»Lass uns heute darüber nicht mehr reden« sagte Claris, » statt dessen lasst uns lieber den Entschluss feiern«

Und so feierten die Fünf ein Fest am Lagerfeuer und freuten sich über das neue Familienmitglied.

Charly erlernt einen Beruf

Es vergingen einige Tage, in denen Charly sich nach Anstellungen im Ort erkundigte. Vieles bot sich ihm nicht an. Zum einen war da der Schmied, der nun wieder einen Lehrling suchte, ein Landwirt in der Nachbarschaft, der eine Hilfe für die Bestellung und Ernte der Felder benötigte. Auch der Schlachter im Ort bot ihm eine Anstellung an, die er jedoch sofort dankend ablehnte. Zuletzt hörte er von der örtlichen Post, dass Albert, der Postmann, jemanden suchte, der ihm bei der täglichen Arbeit half. Von der mageren Auswahl an möglicher Arbeit erschüttert, saß Charly traurig zuhause und wusste nicht weiter. Er überlegte noch einmal, welche Anstellungen ihm angeboten wurden.

»Da sind der Schmied, der Landwirt, der Schlachter und der Postbote« sagte er zu sich. »Einen Schmied haben wir bereits auf dem Hof, das brauche ich also nicht zu lernen. Landwirtschaft kann ich wohl am besten von Dan lernen und würde somit auch mehr unserem Hof schaden als helfen, denn wenn andere mehr ernten als wir hier, dann wird unser Verkauf der Waren darunter leiden. Das fällt also auch aus. Beim Schlachter möchte ich auch nicht arbeiten, das ist echt ekelig. Da bleibt mir also nur der Postbote« entschied sich Charly mit wenig Begeisterung. Dennoch wollte er es sich zumindest mal ansehen, bevor er gänzlich den Kopf in den Sand stecken und weiterhin auf dem Hof arbeiten würde.

Dan war zwar von der Idee wenig begeistert, da ein Postbote auf dem Hof von wenig Nutzen war aber Charly konnte ja vieles von seinen Söhnen lernen. Nur Claris freute sich über Charlys Entscheidung. Sie fand die Arbeit sehr passend zu Charly. Sie hatte immer das Gefühl, als würde Charly der Kontakt zu anderen Menschen fehlen. Und da er pflichtbewusst und fleißig war, war dieses wohl die beste Arbeit, die Sie sich für ihn denken konnte. Noch im Herbst fing Charly bei der Post an zu arbeiten.

Zu Beginn der Ausbildung sah Charly Albert bei dem zu, was er tat. Morgens gingen sie, jeder mit einer großen Ledertasche umhängend, durch den ganzen Ort und verteilten die Post, die Albert anscheinend schon vorsortiert hatte. Nachdem sie in Glengarriff fertig waren, kehrten Sie zum Postgebäude, welches auch gleichzeitig das Wohnhaus von Albert und seiner Frau war, zurück und stiegen dort in einen Wagen ein, der neben einem anderen hinter dem Haus parkte. Im Wagen fand Charly noch weitere Posttaschen vor, die anscheinend genau wie ihre jetzt leeren Taschen auch schon vorsortiert und durch Albert gepackt waren. Sie fuhren los und Charly stellte im Laufe des Tages fest, dass Albert nicht nur in Glengarriff, sondern auch die Post in vielen weiterer Ortschaften verteilte.

Nachdem Sie die ganze Post verteilt und in den Orten die zu versendende Post abgeholt hatten, fuhren sie zurück zur Poststation und fanden hier bereits zwei Jutesäcke vor, die an der Tür angelehnt standen. Anscheinend war ein Kurier da gewesen und hatte diese hier abgestellt. Albert und Charly nahmen sich jeder einen der Säcke und gingen damit in das Gebäude hinein. Hier sah Charly sogleich einen großen Tisch, der mit einer erhöhten Holzumrandung eingefasst war. Außerdem waren hinter dem Tisch mehrere große Ablageflächen, die ebenfalls mit einem hohen Holzrand versehen waren. Albert legte seinen Sack von der Schulter auf den Tisch und öffnete ihn. Er fasste den Sack am Boden an und hob ihn hoch, sodass der Inhalt auf den Tisch fallen musste. Heraus kam eine, für Charly, schier unvorstellbare Menge an Briefen, die sich auf dem Tisch verteilte. Albert bat Charly das Gleiche mit seinem Sack zu tun und so lagen nun einige Hundert Briefe vor ihnen auf dem Tisch.

»Die Briefe werden in Dublin und Cork vorsortiert« fing Albert zu erklären an. »In Dublin gibt es eine Postzentrale, die Überseepost und Post aus Nordirland, die für den Süden bestimmt ist, zusammenfasst und diese dann nach Cork weiterleitet. Hier wird die Post aus dem Süden Irlands nach den Himmelsrichtungen vorsortiert und dann weitergeleitet. Post für den Norden und Übersee gehen dann nach Dublin und so weiter. Die Post, die aus dem Süden kommt und für den Süden bestimmt ist wird dort zusammen mit der Post aus Dublin nach den einzelnen Postoffices der einzelnen Gemeinden sortiert und in Jutesäcke gepackt, so wie diese hier« Albert zeigte auf einen neben sich liegenden Sack.

»Unsere Aufgabe ist es nun, die Post zu seinem Empfänger zu bringen. Hinter dem Tisch siehst du viele Fächer, die für die verschiedenen Orte stehen, in die wir die Post liefern. Mittlerweile kenne ich alle Einwohner der Orte mit Namen, daher fällt es mir leicht die Post schnell zu sortieren. Du wirst dafür wohl etwas länger brauchen, daher schlage ich vor, wir teilen uns vorerst die Arbeit. Wir sortieren die Post gemeinsam und jeder teilt danach die Hälfte wieder aus. Wir packen dir die Briefe in die Reihenfolge, in der die Leute wohnen. Dann hast du es etwas leichter. Eines musst du mir aber versprechen. Bei jedem Brief, den du abgibst, achtest du auf den Namen des Empfängers« schloss Albert seine Einführung in den Beruf des Postboten.

Die eingehende Post, die die Einwohner von Glengarriff an der Poststelle abgaben, wurde von Alberts Frau Annabelle bearbeitet. Sie war den ganzen Tag über in der Poststelle und nahm die Post entgegen, sortierte diese bereits in die Postsäcke für Dublin und Cork und half meistens mit, wenn es darum ging, die Post für Glengarriff zu sortieren. Nebenbei betrieb sie noch einen kleinen Kaufmannsladen, der von den Einwohnern oft auch als Treffpunkt zum Reden genutzt wurde.

Am Anfang hatte Charly Angst, dass er sich die Namen aller Einwohner nicht merken könnte. Immerhin gab es in allen Ortschaften zusammen etwa dreitausend Menschen und er konnte sich nicht vorstellen, irgendwann mal jeden namentlich zu kennen. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, wie Albert es bisher geschafft hatte, die ganze Post alleine auszuteilen.

Zu Beginn sortierte Charly die Post nach Straßen und Hausnummern. Während er die Post aber austrug, erkannte er schnell, dass es hier und da Abkürzungen gab und er deswegen die Post nach dem Weg, den er gehen würde, sortieren müsste. »Das war also der Hintergrund, warum Albert die Post so sortierte«, dachte Charly.

Albert freute sich über Charlys Hilfe. Auch wenn er am Anfang kaum Arbeit abnahm, so zeigte sich doch schnell, dass zumindest das Austragen der Post für Albert schneller ging. In den ersten Wochen trug Albert die Post für alle Ortschaften bis auf Glengarriff aus, welche Charly übernahm. Er sollte zu Beginn Glengarriffs Einwohner kennenlernen. Bereits nach drei Wochen übernahm Charly dann den nächsten kleineren Ort namens Adrigole. Nach dem Austragen trafen sie sich immer in der Poststube zu einem Tee mit Annabelle und erzählten sich die neusten Geschichten aus der Gegend. Als Postbote, so lernte Charly schnell, erfährt man oftmals mehr, als irgendwo zu lesen war. Jeder wusste wieder etwas Neues über den Anderen. Nach der gemütlichen Runde zu dritt gingen Albert und Charly nach hinten in den Sortierraum und begannen, die Post für den nächsten Tag vorzubereiten.

Das Sortieren der Post fiel Charly am schwersten. Er bewunderte Albert, wie schnell dieser das machte. Er hatte kaum auf den Brief geguckt, da lag dieser auch schon im richtigen Fach. Charly brauchte dagegen bestimmt dreimal so lange für einen Brief. Auch hatte er oft Schwierigkeiten, überhaupt die Handschrift zu entziffern. Dann musste er Albert fragen und dieser erkannte meist bereits an der Handschrift, von wem der Brief kam und an wen dieser gehen sollte.

»Es sind doch immer die gleichen, die die Briefe schreiben. Und es sind auch immer die gleichen, die die Briefe dann erhalten« sagte Albert. »Du wirst bald sehen, auch dir werden irgendwann die Handschriften immer bekannter werden.«

So vergingen einige Monate, in denen Charly auch noch die anderen Ortschaften kennenlernte und sich mit Albert die Arbeit teilte. Auch konnte er bald die ersten Tage alleine arbeiten. Albert nahm sich nun ab und zu einen Tag frei, um seine Verwandtschaft besuchen zu fahren. Es war schon immer aufregend für Charly, wenn er ganz alleine in dem großen Sortierraum stand und die Arbeit vorbereitete. Aber zum Glück war Annabelle immer da und kümmerte sich auch weiterhin um die Post aus dem Ort und half auch immer Charly bei der Sortierarbeit, wenn sie konnte.

Auf dem Hof war während dessen nicht viel passiert. Nur Claris hatte jetzt auch eine Anstellung angenommen. Sie half bei einem Tierarzt aus, um sich später besser um die Tiere auf dem Hof kümmern zu können. Charly staunte über diesen Eifer der Familie. Es war für ihn beeindruckend, wie sehr hier alle zusammenhielten und wie sehr sich jeder für den Hof einsetzte.

Wenn man sich abends traf und Charly oft noch mithalf, Feuerholz zu schlagen oder das Essen vorzubereiten, dann erzählte er immer den neuesten Klatsch aus dem Ort. Alle freuten sich auf die abendlichen Geschichten, sodass jeder nun doch meinte, Charly würde einen guten Beruf erlernen.

Eines Tages, beim Sortieren der Post, fand Charly einen Brief in dem Haufen auf dem Tisch, der ihm merkwürdig vorkam. Auf dem Brief stand zwar ein Name geschrieben, allerdings gab es hierzu keine Anschrift. Nur Alberts Name stand darunter. Da Charly den Namen des Empfängers nicht kannte, fragte er Albert, ob er wohl wüsste, an wen der Brief gehen solle, da ja auch sein Name darauf stand. Albert nahm den Brief aus Charlys Hand und sah Charly einige Sekunden lang tief in die Augen, als ob er ihm etwas sagen wollte.

»Ja, der ist an einen Freund gerichtet. Ich bringe ihn nachher vorbei« sagte Albert und steckte den Brief in die Tasche seiner Jacke und sortierte weiter. Irgendwie kam Charly Alberts Verhalten komisch vor. Auch war er danach nicht mehr so gesprächig wie vorher. So standen sie schweigend nebeneinander und sortierten noch einige Zeit die Post, bevor sie beide Feierabend machten und Charly nach hause ging.

Zuhause angekommen musste Charly noch lange an den Brief denken. Es interessierte ihn brennend, für wen dieser Brief war und woher er kam, er wusste nur nicht, wie er Albert darauf ansprechen sollte. Beim Essen erzählte er den anderen von seinem Erlebnis. Keiner zeigte sich so richtig überrascht, was wiederum Charly überraschte. »Ich hatte eigentlich erwartet, dass ihr euch alle mit mir wundert. Anscheinend wisst ihr aber mehr über Albert als ich« sagte Charly.

»Wenn ich Albert im Ort getroffen habe, hat er mich immer überfreundlich gegrüßt und sich dann schnell weggedreht. Ich weiß nicht, aber ich fand ihn schon immer komisch.« sagte Steven.

»Ich habe ihn mal im Wald beobachtet, wie er mit sich selbst gesprochen hatte« sagte Jim. »Es war echt unheimlich. Wenn er nur gemurmelt hätte, dann wäre es ja noch okay gewesen, aber er hatte sich auf einen Baumstumpf gesetzt, sich eine Pfeife angezündet und dann genüsslich eine Pfeifenlänge lang geredet. Der ist auf jeden Fall komisch.« fuhr er fort.

»Albert ist schon immer ein Mensch gewesen, der Geheimnisse für sich behalten konnte« sagte Dan ernst. »Viele im Dorf halten ihn für exzentrisch, einige vermuten sogar er sei wahnsinnig. Ich dagegen glaube, dass er nichts ohne Grund tut und wenn er mit sich selbst spricht, dann hat er dafür seine Gründe.«

»Ich denke von den Gerüchten aus dem Ort sollte man nicht allzu viel halten. Auch denke ich, dass Albert seine eigenen Gründe hat, sich so zu verhalten, wie er es tut« sagte Claris »Wir Geschwister kennen ihn schon seit unserer Geburt. Dad, du kennst ihn noch länger. Und immer war er da. Jeden Tag hat er uns die Post gebracht und ich kann mich nicht daran erinnern, dass er auch nur einmal krank war. Albert ist der loyalste Mensch, den ich mir vorstellen kann.«

Charly war erstaunt, dass solch eine Diskussion losbrach. Auch hatte er nie etwas von Gerüchten über Albert gehört. Vermutlich hatten die Leute Angst etwas über Albert zu sagen, da Charly sie ja bei Albert hätte verraten können.

»Charly, wenn du wirklich wissen willst, was es mit dem Brief auf sich hat, dann frag ihn einfach. Dann kann Albert selbst entscheiden, ob er dir antworten möchte oder nicht.« schlug Claris vor. Dieses schien eine durchaus sinnvolle Idee zu sein, daher nahm sich Charly für den nächsten Tag fest vor, Albert noch mal auf den Brief anzusprechen.

Am nächsten Morgen spürte er vor lauter Aufregung ein Kribbeln im Bauch. Als er im Posthaus eintraf, war er allerdings alleine. Er sah sich um und bemerkte, dass Alberts Tasche fehlte. Albert war also schon losgefahren. Sie hatten vor einigen Tagen die Ortschaften untereinander aufgeteilt, sodass jeder nur die Hälfte der Post austeilen musste. Charly blieb somit nichts anderes übrig, als bis zum Nachmittag zu warten. Er nahm sich seine Taschen und verließ das Haus. Draußen belud er damit den zweiten Wagen und begann mit seiner Tour. Den ganzen Tag über versuchte er besser auf die Aussagen der Leute zu achten. Er hatte sich erhofft von dem einen oder anderen etwas erfahren zu können. Doch leider waren alle nur kurz angebunden und man wünschte sich lediglich gegenseitig einen guten Tag. Am Nachmittag, als er seine Post vollständig verteilt hatte und wieder zurück war, traf er endlich auf Albert. Der stand bereits am Sortiertisch und war schwer damit beschäftigt, die Post für den nächsten Tag zu sortieren. Charly stellte sich neben ihn, begrüßte ihn kurz und fing ebenfalls an, die Briefe zu sortieren. Albert war, so wie gestern nach dem Zwischenfall, immer noch nicht sehr gesprächig.

»An wen ging der Brief von gestern« fragte Charly?

Albert drehte sich zu Charly um und sah ihm wieder tief in die Augen. Mit seiner brummigen und ruhigen Stimme antwortete er nur: »Das kann ich dir im Moment noch nicht sagen, aber später wirst du es erfahren« und das war alles, was Charly an diesem Tag von Albert hörte.

Die nächsten Tage waren wieder wie gewohnt. Man traf sich morgens im Posthaus und trank zusammen einen Tee, bevor man sich dann aufmachte und die Post in die Orte hinaus trug. Am vierten Tag jedoch fand Charly wieder einen Brief ohne Adresse in dem Haufen voller Briefe, doch dabei sollte es nicht bleiben. Es waren noch zwei weitere dabei, die er sogleich Albert gab. Dieser packte sie in seine Tasche und schwieg sich darüber aus.

Die merkwürdigen Briefe wurden nun zum Alltag. Jeden Tag waren sie dabei, die immer nur einen Namen trugen, nie aber eine Anschrift oder einen Absender. Charly fragte gar nicht erst nach, sondern warf die Briefe auf einen Haufen auf Alberts Seite des Tisches. Charly wunderte sich schon über die Menge an Briefen, die da lagen. Das konnte unmöglich die Post eines Einzelnen sein, dachte er. Als er Albert darauf ansprach, sah dieser nun ein, dass er nicht mehr länger schweigen konnte.

»Eines musst du mir versprechen, Charly. Du darfst das, was ich dir heute zeigen werde, niemals irgendjemanden verraten!« sagte Albert und blickte mit ruhigen Augen Charly an.

»Okay, okay, ich verspreche es natürlich, sag mir nur endlich, was mit den Briefen los ist« forderte ihn Charly auf, der sich vor lauter Neugier kaum noch halten konnte.

»Sagen werde ich es dir nicht, aber zeigen. Ich gehe davon aus, dass du auch in Zukunft die Post für unsere Gemeinde austragen wirst, daher vertraue ich dir das größte aller Geheimnisse an. Lass uns heute noch einen kleinen Spaziergang machen und die besonderen Briefe mitnehmen.«

Nachdem die Arbeit getan war, packten sich beide ihre Taschen mit den Briefen voll und gingen vor die Tür.

»Wir müssen nach links der Hauptstraße folgen.« sagte Albert. Sie gingen ein gutes Stück die Hauptstraße entlang, bis sie links in einen kleinen Feldweg einbogen. Diesem Weg folgten sie bis zum Rand des großen Waldes, der rings um Glengarriff, bis auf den Süden, der an das Meer grenzte, wuchs. Der Wald bestand hauptsächlich aus Buchen und Birken, hatte aber hier und da auch Nadelbäume, die in kleinen Gruppen standen. Es schien, als würden sie durch die Laubbäume nur an diesen Stellen geduldet. Aufgrund des Klimas, welches in dieser Gegend herrschte, gab es aber auch tropisch aussehende Pflanzen zu bestaunen. Aufgrund der warmen Meeresströmungen, die in die Bantry Bay fließen, gab es noch nie Frost in und um Glengarriff herum und das ganze Jahr über herrscht hier eine erhöhte Luftfeuchtigkeit.

»Nun sind wir da« sagte Albert leise, als wollte er niemanden durch seine Anwesenheit stören. »Nimm die Briefe aus deiner Tasche und lege sie hier unten an die Wurzel der alten Buche.«

Charly sah Albert ungläubig an.

»Was sollte das nun wieder?« dachte er, tat aber wie ihm geheißen. Auch Albert legte seine Briefe hier ab.

»Nun lass uns ein paar Schritte von hier weggehen. Wir setzen uns dort auf den umgestürzten Baum.« Albert zeigte mit seinem Finger auf einen morsch aussehenden Baumstamm, der neben ihnen lag. Sie setzten sich nebeneinander hin und Albert zog seine Pfeife aus der Tasche und fing an sie zu stopfen.

»Was machen wir hier?« fragte Charly besorgt und Albert zeigte, nachdem er seine Pfeife fertig gestopft und sie angezündet hatte auf den Stapel Briefe, der gerade imstande war sich in Luft aufzulösen.

»Aber aber aber« stammelte Charly entsetzt »was, wie, warum?« Mehr konnte er nicht sagen und starrte auf den Boden vor der Buche, wo jetzt nichts als Gras und Wurzeln zu sehen war. Albert wiederum zog genüsslich an seiner Pfeife, blies Ringe aus seinem Mund, blickte dann zu Charly hinüber und fing herzlichst an zu lachen. Charly musste wohl recht komisch ausgesehen haben, wie er da mit offenem Mund saß und den Baum anstarrte.

»Hey Albert, was ist los, gibt’s was Neues? Wen hast du denn da mitgebracht? Ist das der Neue, von dem du erzählt hast?« sagte auf einmal eine Stimme, die anscheinend aus dem Nichts kam. Charly erschrak fürchterlich, und obwohl er dachte, es könnte nichts Schlimmeres kommen als sich plötzlich in Luft auflösende Briefe, hörte er auf einmal eine Stimme. Er drehte sich in alle Richtungen um, konnte aber niemanden entdecken, von dem die Stimme hätte kommen können.

»Albert, was ist hier los?« fragte Charly eindringlich.

»Was ist hier los, was ist hier los« äffte ihn die Stimme nach »Na der ist ja nett zu seinen Kollegen« sagte sie weiter und plötzlich tauchte, wie aus dem nichts, vor den beiden sitzenden ein komisch aussehender und ziemlich klein geratener Mann auf. Er war vielleicht 1,20 Meter groß, trug eine grüne Latzhose, einen weißen Pullover und hatte eine rote Mütze auf dem Kopf. Seine Nase war rund und knollig und die Hände grob und fest. Er hatte einen Vollbart aus dunklen Haaren und unter der Mütze wucherten dunkle, dicke Locken hervor. Schuhe hatte er keine an, dafür aber ebenfalls dicke, feste Füße, die anscheinend das Laufen auf Waldboden gewöhnt waren. Er trug einen großen Rucksack auf dem Rücken und einen Beutel an der Seite.

»Ich bin Balduin« stellte sich der zuvor Unsichtbare vor »und du bist Charly?«

»Ja« antwortete Charly vorsichtig.

»Schön, dass du endlich mal in unseren Wald kommst.« sagte Balduin.

»Du, du, bist ein, ich äh, wer bist du?« stammelte Charly unsicher und wusste nicht, was er sagen sollte.

»Ich bin Balduin und bin vom Volk der Telluris. Hast du noch nie etwas von uns gehört?« fragte er Charlie enttäuscht.

»Nein, bisher noch nicht« antwortete Charly nachdenklich.

»Das ist auch kein Wunder« warf Albert ein »die Telluris machen nie etwas Auffälliges, und wenn mal etwas geschieht, womit die Menschen nichts anfangen können, dann vermuten die gleich etwas Übernatürliches. Keiner hat bisher die Identität der Telluris offenbart und es ist anzunehmen, dass das auch gut so ist.« fuhr er fort und seine Stimme erschien jetzt eindringlicher als sonst.

»Lebst du hier im Wald?« fragte Charly Balduin neugierig und nun etwas selbstbewusster, da er nun glaubte, dass Balduin ihm nichts Böses wollen würde.

»Nein. Wir Telluris leben hauptsächlich unter der Erde. Es gibt nur wenige, die in den Wäldern leben.« antwortete Balduin, während er den Rucksack abstellte. Daraufhin holte auch er eine Pfeife heraus und warf sich im Schneidersitz vor Albert und Charly auf den Boden. Er hatte eine schöne, langstielige Pfeife, die anscheinend selbstgeschnitzt war, und packte dann noch ein Päckchen mit Essen aus. Einige Minuten lang geschah gar nichts. Keiner sagte etwas, keiner gab ein Geräusch von sich. Nur Balduin hörte man auf einmal kräftig schmatzen, da er nun genüsslich ein Butterbrot aß. Charly musste erstmal das Erlebte verkraften. Er konnte noch immer nicht glauben, was er hier soeben gesehen hatte. Vor ihm saß einer, der anscheinend nicht alleine hier im Wald lebte und sich unsichtbar machen konnte.

Albert zeigte sich von alledem unbeeindruckt und Charly vermutete, dass Balduin und er sich wohl schon längere Zeit kannten.

»Gibt es was Neues zu berichten?« fragte Albert ruhig, während er sich einen Apfel aus seiner Tasche holte und diesen zum Beißen ansetzte.

»Seit gestern ist nicht viel passiert« sagte Balduin schmunzelnd »Alba hat gestern wieder ihren unbeschreiblichen Auflauf gemacht. Du musst irgendwann mal wieder zu uns zum Essen kommen. Bring doch einfach Charly mit, dann kann er die anderen auch kennenlernen. Außerdem findet bald wieder unser Sommerfest statt. Magst du dieses Jahr wieder mitmachen? Du bist herzlichst eingeladen« fragte Balduin Albert und sah ihn freudestrahlend an.

»Gerne« antwortete Albert, ebenfalls sichtlich erfreut über die Einladung »Wann ist es denn wieder soweit?«

»In vier Wochen, wenn die Sonne am höchsten steht und die Nacht noch lange hell bleibt.« antwortete Balduin.

»Gerne kommen Annabelle und ich zu eurem Fest.« antwortete Albert schnell und drehte sich zu Charly um »ich denke es ist an der Zeit, dir einiges zu erklären. Vorher musst du jedoch versprechen, dass du alles, was du bisher weißt und noch erfahren wirst, für dich behältst. Du bist ein schlauer Mensch, Charly, und wir verlassen uns darauf, dass du keinem auch nur ein Wort darüber erzählen wirst« ermahnte Albert Charly nachdringlich.

»Das würde mir doch sowieso keiner glauben« antwortete Charly abwinkend.

Albert bedachte kurz Charlys Worte und stimmte ihm mit einem Lächeln zu.

»Die Telluris sind ein Volk, das überall verstreut auf der Erde lebt« fing Albert an. »Wie Balduin schon gesagt hat, sind sie in der Lage, fast überall zu leben. Die Telluris sind Lebewesen, die in großen Höhlen leben und unter der Erde riesige Tunnel, Gänge und Hallen haben. Dort existieren ganze Städte, mit Häusern und Gemeinschaftsküchen und Badehäusern und alles, was du dir nur vorstellen kannst. Das Balduin gerade eben unsichtbar war hatte etwas damit zu tun, wie er hier her gekommen ist. Wenn sie reisen, dann verändert sich ihr Aussehen, sodass man sie fast gar nicht mehr sehen kann. Sie sind ein lustiges Völkchen und leben sehr harmonisch zusammen. Ich glaube ich habe noch nie davon gehört, dass ein Telluris von einem anderen bedroht oder sogar bestohlen hat.

Von uns Menschen haben nur wenige Kontakte zu ihnen. Hauptsächlich sind es Leute wie du und ich, die bei der Post arbeiten, denn die Telluris nutzen die Postwege der Menschen, um ihre eigene Post zu versenden.

Ich glaube du hast für heute genug über die Telluris erfahren. Wir sollten jetzt wieder gehen. Es wird langsam dunkel und wir wollen doch nicht, dass sich jemand Sorgen macht.« schloss Albert seine Einführung in das Leben der Telluris. Charly, der noch immer recht sprachlos war, nickte Albert zu, wartete aber ab, bis sich die anderen bewegten, bevor er selber aufstand. Charly konnte gerade noch so Wiedersehen sagen, als Balduin auch schon unsichtbar wurde und verschwand.

Auf dem Rückweg schwiegen sie sich gegenseitig an. Charly dachte die ganze Zeit über das nach, was er soeben gesehen hatte. Schritt für Schritt ging er die letzte Stunde noch mal durch. Hatte er Halluzinationen oder war dass die Wirklichkeit? Er sah Albert an. Dieser grinste nur zurück und sagte:

»Das erste Mal ist es immer komisch. Man glaubt alles zu wissen und zu kennen und dann passiert so was! Aber glaub mir, es ist eine Bereicherung, wenn man sie erstmal besser kennengelernt hat. Es ist schön, dass du nun endlich Bescheid weißt, ich hatte echte Schwierigkeiten die Briefe vor dir geheim zu halten. Annabelle hatte immer schon vorab die Postsäcke durchsucht und die Briefe an die Telluris aussortiert, aber dann hat sie wohl mal einen übersehen. Und ausgerechnet den hast du dann gefunden.

Aber früher oder später hättest du es sowieso erfahren. Denn wenn du mal in meine Fußstapfen trittst und die Post übernimmst, spätestens dann hättest du Balduin und seine Leute sowieso kennengelernt.«

Jetzt war Charly gänzlich geschockt. Er sollte die Post übernehmen? Er machte den Job doch nur, um auch noch was anderes außer dem Hof kennenzulernen und etwas anderes zu können, falls es auf dem Hof mal nicht so gut laufen sollte. Und nun sprach Albert von seiner Zukunft, über die er selbst bisher nie nachgedacht hatte. Wollte er das? Wollte er nun den Rest seines Lebens Briefe austragen? Nein, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Außerdem, wie sollte er das dann mit der Annahme der Briefe aus dem Ort machen? Albert hatte ja seine Frau, aber er hatte nur sich. Vielleicht könnte man die Poststelle in den Hof verlegen, dachte er, da ist immer jemand, der die Briefe entgegennehmen könnte. Aber konnte man es den Leuten aus dem Dorf zumuten, immer raus auf den Hof zu kommen, um die Post abzugeben? Vor allem die Älteren wären dann benachteiligt. Charly ertappte sich dabei, wie er bereits Pläne schmiedete, um später mal die Post zu übernehmen, obwohl er bis vor 10 Minuten gar nicht daran gedacht hatte, überhaupt die nächsten Jahre Post auszutragen.

»Ich bin nicht mehr der Jüngste und Annabelle und ich planen seit einiger Zeit, uns zur Ruhe zu setzen. Wir haben noch woanders ein Haus mit einem großen Garten« Albert stockte »nein, jetzt erzähle ich dir schon das, was ich den Anderen auch immer erzähle. Nein, wir wollen zu den Telluris ziehen und dort den Rest unseres Lebens verbringen.«

Charly staunte nicht schlecht über diese Neuigkeit.

»Wir Menschen können also tatsächlich dahin, wo die Telluris leben?« fragte Charly ungläubig, denn er konnte sich nicht vorstellen unter der Erde zu leben und sich dort genau so frei zu fühlen wir hier an der Oberfläche.

»Ja. Sie leben ja auch im Wald aber die, die unter der Erde leben, können durch versteckte Eingänge von uns Menschen besucht werden. Die Telluris brauchen diese Eingänge allerdings nicht. Es gibt Stellen, an denen sie mit Strömungen, die durch die Erde laufen, mitfließen können. Für uns Menschen ist das allerdings nicht so toll. Wenn man einen Telluris dabei berührt, wenn er sich auf die Reise begibt, dann wird man mit ihm mitgezogen. Danach hat man zwei Tage lang den Geschmack von Erde im Mund!« lachend bog Albert nun in die Hauptstraße ein. Charly folgt ihm und war nun verwirrt und fasziniert zugleich.

»Wann werden wir Balduin wieder sehen?« fragte Charly neugierig.

»Oh, ich sehe ihn jeden Tag. Er ist sozusagen der Postbote bei den Telluris und ich bringe ihm jeden Tag die Post in den Wald. Er ist nicht wirklich der Postbote, sondern er lagert bei sich die Post und die anderen kommen bei ihm vorbei und holen sich ihre Briefe ab. Dabei nimmt dann einer die Briefe für sein Wohnviertel mit und bei ihm werden diese dann wieder abgeholt und so weiter und so weiter. Wenn du magst, kannst du morgen wieder mitkommen.«

Da sie jetzt am Postgebäude angekommen waren, trennten sich nun ihre Wege. Sie verabschiedeten sich kurz und Albert ermahnte Charly erneut, zu schweigen, drehte sich dann um und schloss die Tür hinter sich zu. Charly war nun sichtlich genervt von diesen dauernden Ermahnungen. Er war schließlich kein Kind mehr und hatte bereits beim ersten Mal verstanden, was Albert meinte.

Im Gedanken versunken kam er schnell am Hof an. Hier erwartete ihn bereits ein herrliches Abendessen, was ihn schnell wieder besser stimmte. Claris fragte Charly noch, warum er heute so spät kam, doch der winkte nur ab und sagte, dass heute besonders viel zu tun war. Es tat ihm Leid, dass er Claris anlügen musste und es lag ihm auf der Zunge, das zu erzählen, was er heute erlebt hatte, aber er besann sich auf sein Versprechen und schwieg lieber.

Claris dagegen wollte sich mit der Antwort nicht zufriedengeben. Sie spürte, dass da noch mehr hinter steckte als nur viel Arbeit, aber sie konnte noch so viel nachbohren, sie bekam aus Charly kein Wort mehr heraus.

Die unterirdische Stadt

Claris hatte den ganzen Tag wieder bei Collin Earls, dem Tierarzt, verbracht. Sie war zwar erst seit drei Monaten dabei, konnte dem Tierarzt dennoch bei vielem assistieren und auch einige Aufgaben selbständig übernehmen. Er freute sich eine so wissensdurstige und fleißige Schülerin zu haben. Oftmals bedauerte er, dass sie nicht, so wie er, in Dublin oder in Oxford studieren wollte. Sie war, wie Dan, der Meinung, dass ein Studium unnütz sei und nur durch praktische Erfahrung ein Handwerk gelernt werden kann. Da Collin Earls der Meinung war, dass Claris eindeutig das Potential dazu hatte, eine gute Tierärztin zu werden, beschloss er, ihr soviel beizubringen, wie es ihm nur möglich war. Er nahm Claris sogar zu Vorträgen und Lehrgängen mit. Getarnt als persönliche Assistentin, da eigentlich immer nur studierte Ärzte zugelassen waren, konnte er Sie überall mit hinnehmen, ohne dass jemand Verdacht schöpfte.

Sie freute sich immer wieder darüber, dass nun auch sie eine Ausbildung außerhalb des Hofes machen konnte. Sie verspürte seit einiger Zeit einen kleinen Anflug von Neid, wenn Sie ihre Brüder betrachtete und zusehen musste, wie sie sich entwickeln konnten. Andererseits hatte sie selbst den Ausbildungen von Steven und Jim zugestimmt und immer beteuert, dass sie auf dem Hof bleiben und keine Lehre machen wolle, zumal sie die jüngste der Geschwister war. Mit der Zeit hatte sie aber gesehen, dass es ihren Brüdern anscheinend Spaß bereitete und sie hatte durch die vielen Erzählungen und Geschichten immer mehr das Bedürfnis bekommen, auch etwas anderes machen zu wollen.

Charles freute sich für Claris. Er konnte förmlich beobachten, wie sie jeden Tag dazulernte und immer fröhlicher und munterer wurde. Er empfand sie vorher nicht als traurig oder langweilig, doch hatte sie sich durch die Anstellung bei Collin Earls stark verändert. Oft saßen nun beide abends zusammen und Charles ließ sich von Claris ihre neuesten medizinischen Erkenntnisse und Erlebnisse berichten, was er überaus interessant fand. Vor allem war er erstaunt, dass sich Claris alles so gut merken konnte. Er selbst hielt es für unmöglich, sich die ganzen lateinischen Namen und Begriffe zu merken. Auch welche Dosierung eines Medikamentes bei welcher Körpergröße und welchem Gewicht eine bestimmte Wirkung erzielte, wusste Claris auswendig. Sicherlich kannte sie noch nicht alle, aber alle die, die bereits durch Collin Earls verwendet wurden. Collin erklärte ihr immer die Eigenschaften sowie die Nebenwirkungen der Medikamente, die er verabreichte. So konnte sich Claris eines nach dem anderen merken.

Da sich Charly und Claris regelmäßig abends trafen und ihre Erlebnisse austauschten, hatten sie sich gut kennengelernt. Deswegen kam ihr wahrscheinlich auch Charlys Verhalten sehr merkwürdig vor, als er so spät nach Hause kam und als Begründung, die viele Arbeit angab. Sie hatte gespürt, dass es eine Ausrede war.

Als Charly am nächsten Morgen zur Arbeit gehen wollte, fing ihn Claris in der Eingangsdiele ab.

»Guten Morgen Charly« begann sie und versuchte natürlich zu klingen.

»Guten Morgen« erwiderte Charly träge. Er hatte kaum geschlafen und stattdessen die halbe Nacht an Balduin denken müssen.

»Hast du gut geschlafen?« fragte in Claris.

»Ich bin hundemüde« antwortete Charly »Ich konnte irgendwie die halbe Nacht nicht schlafen«

»Du hast wohl gestern zu viel gearbeitet? Oder war es doch etwas anderes?« platzte es aus ihr heraus, obwohl sie es gar nicht sagen wollte. Charly guckte Claris einen Moment lang tief in die Augen.

»Naja« fing er an »ich musste schon an etwas von gestern denken, aber« er unterbrach sich und dachte kurz an sein Versprechen. Er wollte es Claris so gerne erzählen, aber sein Gewissen bremste ihn.

»Lass uns ein andermal darüber reden. Ich muss jetzt los« und Charly schnappte sich seine Jacke und stürzte aus dem Haus.

»Willst du gar nichts frühstücken?« rief ihm Claris nach, aber Charly winkte nur ab und lief eilig davon. Nun wusste Claris definitiv, dass er über irgendetwas nicht reden wollte. Ihre Neugier war geweckt und so nahm sie sich vor, es am Abend noch mal bei Charly zu versuchen.

»Oh verflixt« murmelte Charly vor sich hin, als er auf dem Weg zur Poststation war. »Wie gerne man doch ein Geheimnis ausplaudern möchte.«

Bei der Post angekommen, fing alles wieder in gewohnter Form an. Man trank zusammen eine Tasse Tee und danach machte sich jeder daran, die Post zu verteilen. Gegen Mittag trafen sich Albert und Charly wieder am Sortiertisch.

»Annabelle und ich haben gestern noch lange über unsere Zukunft gesprochen.« sagte Albert. »Du weißt schon, wegen unseres Ruhestandes und dass wir dann von hier wegziehen wollen. Wir haben uns gefragt, wie du darüber denkst und ob du vielleicht die Post irgendwann übernehmen möchtest«

Charly brauchte einen kleinen Moment, ehe er antwortete. Genau das hatte er sich seit gestern auch immer wieder gefragt. Er war doch erst 21 Jahre alt. Konnte er da schon so eine Verantwortung übernehmen? Charly war klar, dass er das nicht beantworten konnte. Nachdem er nichts sagte, zeigte Albert sich verständnisvoll.

»Ich habe mir schon gedacht, dass du mir darauf nicht antworten würdest. Ich glaube du denkst, du seiest zu jung, um jetzt schon zu bestimmen, was du dein Leben lang machen möchtest. Das kann ich gut verstehen. Mir ging es damals auch nicht anders. Denk in Ruhe darüber nach und wenn du zu einem Entschluss gekommen bist, dann lass es mich wissen.«

Inzwischen hatten sie die Briefe fertig sortiert und Albert fing an, seine Tasche mit der Post für die Telluris zu füllen.

»Kommst du mit?« fragte er Charly.

»Ja, gerne« antwortete dieser freudestrahlend. Er hatte sich seit gestern nichts anderes gewünscht.

Sie gingen die Hauptstraße entlang und da Charly bereits den Weg kannte und er sich darauf freute Balduin wieder zu sehen, bestimmte er nun das Tempo. An der Buche angekommen, klopfte Albert leicht gegen ihren Baumstamm und kurze Zeit später erschien Balduin vor ihnen. Die Briefe packten sie nun direkt in seinen Rucksack und Balduin zeigte sich erfreut, dass Charly wieder dabei war.

»Schön, dass du mitgekommen bist. Ich war gestern noch bei Albert und Annabelle und da haben wir über die Zukunft gesprochen.« begann Balduin. Charlys Stimmung schlug schlagartig um. Wieso unterhielten sich alle über seine Zukunft? Warum wurde er dazu nicht eingeladen? Seine Meinung musste doch auch von Interesse sein, dachte er.

»Schön« grummelte er nun vor sich hin.

»Albert hatte dir ja erzählt, was er vorhat und ich dachte, du möchtest vielleicht erst mal alles sehen, bevor du dich entscheidest?« fragte Balduin unbeeindruckt von Charlys Reaktion.

»Was meinst du mit: Alles?« fragte ihn Charly.

»Ich meine damit die Welt der Telluris. Wenn du magst, dann kannst du gleich mit zu mir kommen und dir alles angucken.«

Charlys Missstimmung verschwand sofort und wich einem freudestrahlenden Lächeln. Seit gestern hatte er an nichts anderes mehr denken können und er hatte sich gewünscht, möglichst bald mal mitgehen zu können. Er hatte sich viele Gedanken gemacht und sich gefragt, wie es bei ihnen wohl aussehen mag, aber so richtig vorstellen, konnte er sich nichts.

»Ja gerne« antwortete er etwas zurückhaltend. Er schämte sich seiner Reaktion, die er eben noch zutage gelegt hatte.

»Albert, kommst du auch mit?« fragte Balduin.

»Nein danke, Annabelle wartet bestimmt schon mit dem Essen auf mich.« antwortete Albert »Aber ich wünsche euch viel Spaß.« Nachdem Albert seinen Stapel Briefe an Balduin gegeben hatte, verabschiedete er sich kurz und winkte beiden beim Weggehen über die Schulter zu.

»Möchtest du über den geheimen Eingang im Wald zu uns kommen oder sollen wir es mal mit Fluxen versuchen?«

»Fluxen musste das Mitfließen mit den Strömungen sein, von dem Albert erzählt hatte. Man soll ja danach nichts als Erde schmecken, aber was soll’s, ich will jetzt sehen, wie es da unten aussieht und nicht erst noch eine halbe Stunde durch den Wald laufen« dachte Charly.

»Lass uns fluxen« antwortete er also.

»Gut, dann halt dich an meiner Hand gut fest und atme noch mal tief ein.« sagte Balduin. »Hast du alles?« fragte er noch, und bevor Charly antworten konnte, fühlte er schon, wie sein ganzer Körper warm wurde. Er schaute an sich herunter und sah, dass er nun auch unsichtbar war, ganz wie Balduin es immer machte, denn anstatt seines Körpers sah er nun nur den Waldboden. Und bevor er Balduin fragen konnte, wie er das gemacht hatte, spürte er einen Ruck an der Hand, mit der er sich an Balduin festhielt, und es wurde plötzlich dunkel vor seinen Augen.

Es hat nicht mehr als einige Sekunden gedauert und es wurde wieder hell vor Charlys Augen. Sie fanden sich in einer kleinen Höhle wieder, welche durch etwas an der Decke hell erleuchtet war. Durch das Licht konnte Charly die Felswände erkennen, in die die Höhle geschlagen wurde.

»Wie geht’s dir?« fragte Balduin. Sie waren nun beide wieder sichtbar und trotzdem spürte Charly immer noch eine wohlige Wärme.

»Mir geht’s gut« antwortete er. »Aber es stimmt, man hat das Gefühl als hätte man Sand gegessen.«

Balduin musste lachen. »Ja, so schmeckt Waldboden. Warte erstmal ab, bis wir durch einen frisch gedüngten Acker fluxen«

Charly wollte es sich lieber nicht vorstellen und verzog ekelerfüllt das Gesicht.

»Gut, dann lass uns gehen« Balduin zeigte auf eine massiv aussehende Holztür an der Wand, die Charly bei seiner ersten Begutachtung des Raumes nicht aufgefallen war. Er war gespannt, was ihn dahinter erwartete, denn was er bisher sah, fand er wenig aufsehenerregend. Er hatte sich gedacht, dass die Telluris irgendwie spektakulärer wohnen würden.

Balduin öffnete die Tür und sie beide traten hinaus in ein unglaubliches Getümmel von Telluris und Tieren. Sie standen am Rande einer, so wie es aussah, Hauptverkehrsstraße, die etwa so breit war, dass vier Fuhrwerke nebeneinander Platz hatten. Als Charly sich umsah, konnte er neben der Straße auch Bäume erkennen. Hinter diesen schien aber die Tunnelwand zu sein, da er stellenweise durch das Laubwerk Felswände sehen konnte. Er blickte nach oben und konnte in weiter Ferne die Decke des Tunnels ausmachen. Sie war etwa doppelt so hoch wie ein Haus und er konnte in regelmäßigen Abständen die Leuchtquellen sehen, die alles in ein helles und warmes Licht tauchten.

»Wieso ist es hier unten so hell und warum wachsen hier Bäume« fragte er Balduin.

»Sieh mal da oben an der Decke. Da sind überall Luminakristalle, die das Licht abgeben. Hier, sieh mal« sagte Balduin und drückte Charly einen kleinen Luminakristall in die Hand. »So einen trägt jeder von uns bei sich. Man weiß ja nie. Wenn du ihn mit einem Tropfen Wasser beträufelst, notfalls geht auch deine Spucke, dann fängt er zu leuchten an.«