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Das Top-Managment ist in Aufruhr. Die globale Konzernleitung hat wieder einmal grundlegende strukturelle Veränderungen angekündigt, die Stellungen und Einfluss der lokalen Elite gefährden. Überlebenskampf ist angesagt für die privilegierte, hoch bezahlte Clique. Abhängig von den subjektiven Erwartungen werden Allianzen geschlossen oder individuelle Taktiken entwickelt, um Rang und Status zu sichern. Das Hauen und Stechen vor und hinter den Kulissen nimmt seinen Lauf, und nicht jeder, der sich bereits als Sieger fühlt, hat am Ende wirklich gewonnen.
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Seitenzahl: 551
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Tenzer im Tollhaus - Eine kleine Schule der Niedertracht Ein veritables Märchen vom verwerflichen, doch alltäglichen Ringen um Macht, Geld und Sex auf profanem Parkett.
Die Handlungen dieses Romans sowie alle darin vorkommenden juristischen und natürlichen Personen sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten und lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
I. Geschätzte Kollegen
II. Keine wirkliche Überraschung
III. Begehrlichkeiten
IV. Sommerliebe
V. Späte Enttäuschung
VI. Ein honoriger Plünderer
VII. Mühsame Annäherung
VIII. Neue Besen
IX. Unliebsamer Besuch
X. Stellungswechsel
„Er wird‘s versaut haben, ich wette, er hat uns verkauft,“ quengelte Till Tenzer, unfähig, den Unmut, der sich in seine Gesichtszüge eingrub, zu verbergen. „Er ist einfach zu selbstgefällig und narzisstisch, um den Avancen der Honoratioren widerstehen zu können. Der Lord wird zu einem Lunch im kleinen, elitären Kreis geladen haben, und dann haben sie ihn hochgejazzt, mit den Erfolgen der letzten Zeit: Umsatzsteigerung, Ertragssteigerung, hohe Solvabilitätsquote. Sie haben davon geschwärmt, wie hervorragend er den Personalabbau hinbekommen hat, wie er die Betriebsräte ruhig stellt und wie souverän er die Vorstandsmannschaft führt.“
„Von wegen, Führung“, fiel Johann Semper, mit sonorem Bass ein, und was heißt hier „Seine Erfolge!“ Ohne uns hätte er gar nichts erreicht.“
„Ist doch völlig gleichgültig, was die glauben“, parlierte Tenzer launig. „Für die ist nur wichtig zu wissen, wie sie ihn manipulieren können. Sie kennen sein gestörtes Selbstbild und werden ihn maliziös lächelnd auf die höchste Wolke ziehen. Und wenn er oben ist, völlig besoffen vor Selbstgefälligkeit und Größenwahn, sich im prickelnden Wasser der Großmannssucht suhlend, vor Freude fast in die Hose pinkelnd, werden sie ihn wissen lassen, wie glücklich sie sich schätzen, einen High Performer wie ihn in ihren Reihen zu haben. Frank Baumann, Vorstandsvorsitzender der deutschen Londontown und Chief Executive Officer. Ein Schlüsselfaktor für das Unternehmen, für die Erfolge der Gruppe. Nicht nur in Deutschland, nein, in der ganzen Welt. Und dass einer wie er stehen muss, wenn andere wanken, voran gehen muss, wenn andere zögern, kurz: Führungsqualität zeigen muss. Du kennst doch die Lieblingsvokabel unseres Konzern-Chefs: Leadership! Im Nebensatz werden sie dann noch anmerken, dass es sich von selbst versteht, dass die beschlossene Zentralisierung auch in Germany umgesetzt werden muss. Sie werden vom globalen strategischen Nutzen faseln, vom New Deal, von den hehren Zukunftsaussichten des Unternehmens und den Worldclass Talents, die in diesem Zuge an die Konzernspitze rücken werden. Spätestens dann haben sie ihn! Es wird ihm ein halbes Dutzend internationaler Topmanager gegenüber sitzen, .....“
„....die er aber nur versteht, wenn sie schön langsam reden“, feixte Semper, völlig ignorierend, dass auch er selbst der Konzernsprache Englisch nur beschränkt mächtig war.
„.......denen er gefallen will. Auch das wissen die genau. Wer lässt sich schon im Kreise der Großkopferten feiern und verdirbt dann allen mit einer Verweigerungshaltung die Freude? Nicht Baumann, unser verehrter Kollege Vorsitzender. In New York ist es jetzt 12.15 Uhr,“ ergänzte er. „Wir hängen bereits am Fliegenfänger, auch wenn wir es noch nicht wissen und unser lieber Chef delektiert sich an einem opulenten Mittagessen.
„Judaslohn,“ lachte Semper, eher leidenschaftslos als wütend, und legte seine schlecht gepflegten Budapester auf die Holzplatte seines viel zu modernen, viel zu teuren Schreibtischs. Er drückte auf die Sekretariatstaste seines Cheftelefons und orderte zwei Tassen Kaffee, als seine Assistentin den Kopf zur Tür hineinsteckte. „...und bitten Sie Dr. Steinbach zu uns.“
„Ich glaube es erst, wenn es offiziell bekannt gegeben wird,“ wandte er sich an Tenzer, „aber du hast schon Recht! Es ist so verdammt einfach, das alles vorauszusagen, weil Baumann so verflucht berechenbar ist. Ein bauernschlauer Egozentriker, eitel und selbstverliebt. Der reagiert so vorhersehbar wie ein Taschenrechner.“
„Genau deshalb hat man ihn in den Vorstand berufen,“ bestätigte Tenzer. „Deshalb und weil man bei ihm nicht befürchten muss, dass er Eigeninitiative entwickelt. Ein braver, funktionierender Konzernsoldat, der kein Risiko eingeht. Eine lokale Marionette, wie gedrechselt, aus Sicht der Global Group.“
„Herr Kollege, so despektierlich können Sie doch nicht über unseren Führer und Vorgesetzten reden,“ spottete Semper und winkte scherzhaft mit dem Zeigefinger. „Das darf ich als stellvertretender Vorsitzender nicht dulden. Wenn unsere Einsichten aus diesem Raum heraussickern würden, könnten wir unsere Sachen packen.“
„Du hast doch wohl sichergestellt, dass dein Büro abhörsicher ist,“ fragte Tenzer just in dem Moment, als Steinbach den Raum betrat.
„Wie soll ich das verstehen,“ fragte er entsetzt. „Abhöreinrichtungen sind absolut nicht konform mit unseren Governance-Richtlinien. Haben Sie einen Verdacht?“
„Hören Sie nicht auf Tenzer,“ wiegelte Semper ab, „Sie kennen doch seinen seltsamen Sarkasmus. Aber abgesehen davon. Er meint, unsere Global Executives würden Baumann auf dem Top-10-Summit ein Bekenntnis zur Zentralisierungsstrategie des Konzern abluchsen, und wir dürfen die unausgegorenen Ziele dann in Deutschland umsetzen. Was sagen denn Sie als Personalvorstand und Arbeitsdirektor dazu? Wie würden Mitarbeiter und Betriebsräte darauf reagieren?“
„Gar nichts werde ich dazu sagen! Offiziell weiß ich nichts von neuen Strategien und außerdem ist ein deutsches Vorstandsteam ja wohl immer noch ein kollektives Entscheidungsgremium. Ergo, müssten wir einen solchen Beschluss als Gesamtvorstand treffen, wenn er wirksam werden soll. Oder hat sich das Aktiengesetz geändert?“
„Verdammt, Steinbach,“ mokierte sich Tenzer, „wie lange sind Sie eigentlich in diesem Laden? Das Global Board wird sich den Teufel darum scheren, was im Aktiengesetz steht. Sie ziehen mit oder werden entfernt! Das haben wir doch mehr als einmal erlebt. Wir haben höchstens dann eine Chance auf eine Sonderlösung oder einen Zeitaufschub, wenn wir gemeinschaftlich eine gefestigte Gegenposition mit konstruktiven Vorschlägen bilden würden. Aber das wäre ein äußerst riskanter Aufstand gegen die Konzernführung und ist außerdem Makulatur, wenn unser Heerführer gefallen ist. Dann heißt es nur noch: Mitmachen oder raus!“
„Ich sehe das nicht so defätistisch wie Sie,“ wandte der Personalchef nach einigen Sekunden des Nachdenkens ein. „Wir haben lokale Aufsichts- und Kontrollgremien, eine gestandene Vorstandsmannschaft und das Recht auf unserer Seite....“
„.....aber vielleicht nicht mehr lange,“ meldete sich Semper wieder zu Wort. „Baumann liegt der Entwurf eines Ergebnisabführungsvertrags der Konzernmutter vor, den er derzeit von einer renommierten Anwaltskanzlei prüfen lässt. Wenn der wirksam wird, können wir unsere kollektive Entscheidungsgewalt in der Pfeife rauchen. Dann ist unsere Muttergesellschaft in allen Belangen weisungsbefugt.“
„Das sind doch Horrorszenarien,“ entrüstete sich Dr. Steinbach. „Wir haben mit unserer englischen Muttergesellschaft immer gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Warum sollten die uns so brüskieren, ja geradezu unterminieren? Die brauchen uns! Wenn die deutsche Führungsmannschaft demissioniert, verliert das Unternehmen seine Funktionsfähigkeit und schlimmer noch, seine Ertragskraft.“
„So schnell werden unsere lieben Kollegen und Mitarbeiter nicht weglaufen. Zu viele unterschiedliche Interessen und die meisten wären von einer globalen Zentralisierung im ersten Schritt nicht betroffen. Aber selbst wenn es stärkere Verwerfungen gäbe, wird das unsere Konzernführung nicht interessieren. Im Global Board sitzen doch fast nur Amerikaner und Engländer. Die pflegen eine andere Managementkultur als wir. Machtkonzentration ist deren Credo und eine zentral gesteuerte Matrixstruktur deren Katechismus. Die finden immer wieder willige Gefolgsleute. Siehe Baumann! Machen wir uns nichts vor. Man ist gerade dabei, uns zu Operettenvorständen zu degradieren.“
Tenzers Stimme hatte sich genauso gehoben wie sein Blutdruck. Ohnmächtig sah er die Entwicklungen auf sich zukommen, nahezu ohne eine Abwehrmöglichkeit. Sie wurden vom Konzern beherrscht und konnten sich aussuchen, welchen Tod sie sterben wollten. Mit den Wölfen heulen und klein beigeben oder das Unternehmen verlassen. Semper nahm die Füße vom Tisch und seufzte. Er war ein Eigengewächs dieses Unternehmens und zu lange dabei, um noch einmal zu wechseln. Er würde schlussendlich mit den Wölfen heulen, unterstellte Tenzer. Steinmann schien das aufziehende Unwetter so lange ignorieren zu wollen, bis die ersten Tropfen tatsächlich fielen. In das bedrückende Schweigen sagte er:
„Schöne Scheiße!“
Es klopfte und durch die sich öffnende Tür meldete die Assistentin: „Ihr Vater ist am Telefon, Herr Semper.“
Steinbach und Tenzer verließen das Büro, um ihren Kollegen in Ruhe telefonieren zu lassen. Nachdem sie die Tür geschlossen hatten, nahm er den Hörer an sein Ohr. „Chef?“
„Ja, hier ist Baumann. Hallo, mein Lieber. Läuft bei euch alles in geordneten Bahnen, oder gibt es etwas, in das ich unbedingt involviert werden muss?“ Seine Standard-Eröffnung, auf die Semper mit seiner üblichen Antwort reagierte. „Keine Besonderheiten, alles unter Kontrolle.“
Wie sollte es auch anders sein, wenn man ihn als Statthalter bestellte, dachte er. Er kannte das Unternehmen, vor allem die deutsche Gesellschaft, viele Jahre länger als sein Vorsitzender. Die Unternehmensentwicklung, die Mitarbeiter und Führungskräfte, und, als Finanzvorstand, alle relevanten Zahlen. Baumann war ein dürftig profilierter Seiteneinsteiger. Ohne Wurzeln im Unternehmen, ohne Reputation in der Branche, ohne herausragende individuelle Fähigkeiten. Das Konzern-Management hatte ihn von einem branchenfremden Unternehmen geholt und zum Vorsitzenden des Vorstands gemacht. Dafür ließ sich nur ein erklärbarer Grund finden: Man brauchte einen willigen Vollstrecker, zweifelte aber am blinden Gehorsam und unbedingten Opportunismus der etablierten Vorstandsmannschaft. Die meisten Vorstände bildeten seit Jahren das Führungsteam, waren aufeinander eingespielt, vielleicht sogar eingeschworen. Sie hatten das Unternehmen effizient und erfolgreich gemacht und traten entsprechend selbstbewusst gegenüber der Muttergesellschaft auf. Als Lord Jonathan Bradbury vor nicht allzu langer Zeit die Konzernleitung der Londontown übernommen hatte, die aus einem Konglomerat der Royal General and Life Insurance und vielen zugekauften lokalen Versicherungsunternehmen gebildet worden war, begann er mit seinen Spin Doctors das Unternehmen umzukrempeln. Die bis dahin autonome Managementkultur der lokalen Gesellschaften wurden zum Auslaufmodell erklärt. Zentralisiertes Matrix-Management hieß ab nun die strikte Devise, obschon man nicht mit der strukturellen Umsetzung anfing, sondern zuerst Hierarchien und personelle Besetzungen änderte.
Es dauerte kaum mehr als ein Jahr, um einige globale Spitzenmanager auszutauschen und auch erste Veränderungen in den Landeseinheiten vorzunehmen. Mit Baumanns Vorgänger war man gnädig umgegangen. Man hatte ihn auf eine wohlklingende aber irrelevante Stabsposition in London hochgelobt, um seine Verdienste um das Unternehmen zu würdigen. Jede Führungskraft hatte schnell durchschaut, dass Baumann genau der Managertypus war und die Eigenschaften besaß, die Tenzer, Vorstand für Informationstechnologie und Organisation, so treffend beschreiben konnte. Aber was nutzte diese Einsicht? Man musste sich mit ihm arrangieren und alle hatten es getan - mehr oder weniger. Auch die Kollegen, die sich bevormundet, überfahren und gedemütigt sahen. Und auch die, wie Steinbach, die noch daran glaubten, die Selbstständigkeit und die Privilegien von ehedem retten zu können. Kraft ihrer Erfolge, ihrer Kompetenz, vielleicht sogar mit dem Aktiengesetz unter dem Arm. Vergebene Liebesmüh´. Gallier-Mentalität, die man besser auf Comic-Heftchen beschränkte. Semper hatte die neuen Verhältnisse sofort durchschaut und sich mit ihnen abgefunden. Er hatte keinen Augenblick gezögert zuzustimmen, als Baumann in einem Privatissimum andeutete, mit ihm besonders vertrauensvoll zusammen arbeiten zu wollen. Stellvertretender Vorsitzender war er bereits seit einigen Jahren, Graue Eminenz war er als Herrscher der Zahlenwelt sowieso und jetzt war er auch noch der hilfreiche Vasall, der seinem Chef die langgeübten Orthodoxien des Unternehmens nahebrachte und ihm erklärte, wie Bilanzen und Statistiken der Gesellschaft interpretiert werden mussten. Selbstverständlich nicht zu seinem Nachteil. Aber wem schadete das schon? Er brach sich keinen Zacken aus der Krone, wenn er dem Vorstandsvorsitzenden ergeben zuarbeitete. Das gehörte zur Loyalität, die ein Vorsitzender erwarten konnte, auch wenn andere Kollegen das als dienstbeflissenen Opportunismus abqualifizierten.
Am Telefon ergriff Baumann aus Übersee wieder das Wort.
„Bitte laden Sie in meinem Namen die Kollegen zu einer Sondersitzung des Vorstands am nächsten Montag ein. Es gibt Außerordentliches zu berichten, und ich möchte, dass alle Vorstände schnellstens auf dem gleichen Informationstand sind.“
Die Einladung hätte auch deine Sekretärin aussprechen können, dachte Semper. Du kannst doch nur nicht abwarten, einige Neuigkeiten loszuwerden, eitler Selbstdarsteller.
„Das mache ich sehr gerne. Sie wollen uns doch sicher von den Ergebnissen des heutigen Meetings in Kenntnis setzen. Wie ist es denn gelaufen?“ Es entstand eine kleine Pause, aber bevor Semper das als negatives oder positives Zeichen werten konnte, behauptete Baumann:
„Hervorragend! Die Erfolgsdeterminanten für unser solides, deutsches Unternehmen sind neu justiert und verankert. Wir werden uns zukunftsorientiert ausrichten und das Beste daran ist: Man bezahlt uns die Umstrukturierung auch noch.“
Das läßt eine brutale Restrukturierung befürchten, sinnierte der Finanzvorstand, wenn die uns auch noch den Strick bezahlen, mit dem wir uns aufhängen müssen.
„Das klingt ja phantastisch, Herr Baumann. Daran haben Sie doch gewiss wieder großen persönlichen Anteil? Herzlichen Glückwunsch!“
„Nur keine Lobhudeleien, lieber Semper. Seien wir ehrlich, dem Zentralisierungskonzept können wir uns nicht widersetzen. Das ist eine globale Strategie, die nur erfolgreich sein kann, wenn sie unternehmensweit umgesetzt wird. Aber es ist mir gelungen, dem Konzernvorstand Zugeständnisse abzuringen. Einige Stellschrauben können wir nach unserem Gusto drehen. Und wir bekommen fünfzig Millionen, zum Ausgleich der Restrukturierungkosten.“
Klar doch, nach außen hin soll kein Ertragseinbruch der lokalen Gesellschaft sichtbar werden, begriff der erfahrene Finanzmann sofort, und dann schwante ihm auch noch etwas anderes.
„In welcher Form stellt man uns die Mittel zur Verfügung?“
„Darlehn,“ sagte Baumann, so überzeugt, als würde er einen Gewinnsprung verkünden. „Ist doch sowieso alles linke Tasche, rechte Tasche.“
Das hatte er doch gleich geahnt, dass sie die Zeche letztlich selbst zahlen mussten. Und außerdem, was waren schon fünfzig Millionen. Die reichten wahrscheinlich kaum für den Sozialplan. Noch kannte hier niemand das genaue Ausmaß des Strategiewechsels. Was bedeutete Zentralisierung schlussendlich eigentlich genau? Vielleicht waren die fortlaufenden Aufwände deutlich höher als die Kosten der Umsetzung. Interne Lizenzgebühren, Kostenumlagen der Zentralabteilungen, verdeckte Gewinnabführungen. Ihn schauderte, wenn er nur daran dachte, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich cleveren Konzernlenkern da boten. Die direkten Kosten der organisatorischen Anpassungen wären dann nur Kleingeld.
„Klingt alles sehr erfolgversprechend. Ich freue mich schon auf die Sitzung und möchte unbedingt mehr erfahren. Das Unternehmen kommt jetzt in eine entscheidende Phase, und ich bin dankbar, in verantwortlicher Position dabei sein zu dürfen. Wann fliegen Sie zurück?“
„Ich verbringe das Wochenende mit meiner Frau in New York und lande am Montagmorgen in Frankfurt. Aber Sie können die Sitzung für 10.00 Uhr anberaumen. Ich werde fit sein wie eine junge Katze.“
„Okay, dann erholen Sie sich noch ein bisschen. Sie haben es sich redlich verdient. Beste Grüße an die Frau Gemahlin.“
Semper legte auf und lehnte sich in seinem überdimensionierten Ledersessel zurück. Baumann wusste wahrscheinlich gar nicht, auf was er sich im Einzelnen eingelassen hatte. Aber er hatte Recht mit seiner Behauptung, dass ein global agierendes Unternehmen seine Strategien weltweit umsetzen muss. Da hatten die lokalen Gesellschaften keine Chance der Separation. Er war gespannt auf die Stellschrauben, die sein Chef für die deutsche Londontown durchgesetzt hatte. Bei seiner Naivität, konnte er nicht viel gewonnen haben. Wie hatte Steinbach so drastisch gesagt: „Schöne Scheiße“
Tenzer hatte sich von seinem Kollegen Steinbach vor dessen Büro verabschiedet und schlenderte gedankenverloren über den Flur der Vorstandsetage zu seiner Kemenate. Seit die neue Raumbelegungsordnung des Konzerns galt, war die Fläche der Büros der Führungskräfte der ersten Ebene auf 40 qm begrenzt. Sein altes Büro war fast doppelt so groß gewesen, aber Baumann hatte nach Inkrafttreten der Bestimmung darauf gedrungen, dass sie innerhalb von sechs Monaten von allen befolgt wurde. Auch von den Vorständen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran, der Arschkriecher! Er gefiel sich halt in der Rolle des Klassenbesten, und es war sicher keine große Schwierigkeit gewesen, ihn auf die Zentralisierung einzuschwören. Es wäre nicht verwunderlich, wenn er demnächst als glühender Verfechter der Neuausrichtung voranschritte und sich zur weltweiten Gallionsfigur machen ließ. Aber dieser Gedanke beschäftigte den IT-Vorstand nicht lange.
Er ärgerte sich über Johann Semper. Der altgediente Londontowner, mit dem er seit einigen Jahren im Vorstand saß, einer von zwei Kollegen, die er duzte. Auch du mein Freund Johann, dachte er enttäuscht. Von wegen „Ihr Vater ist am Telefon.“ Der Finanzmann hatte ihm anvertraut, dass sein Vater in einem Heim für Demenzkranke lebte und am Rande des Bewusstseins dahindämmerte. Also konnte ‚Vater‘ nur ein verabredetes Alias-Wort sein. Eine Geliebte traute er seinem Kollegen eher nicht zu, dazu war er zu konservativ und zu behäbig. Also konspirierte er. Aber mit wem? Mit lokalen Vorständen oder mit Konzernmanagern? Er war lange im Unternehmen und kannte viele „alte Engländer“, Kollegen von der Insel, die sich aufgrund der Provenienz des Unternehmens von je her in den internationalen Führungsgremien tummelten. Nicht wenige hatte Lord Jonathan bereits entmachtet und verschoben, aber die Netzwerke hielten und die Informationen flossen. Mit Baumann arbeitete er eng zusammen. Nicht ungewöhnlich zwischen Vorsitzendem und Finanzchef. Aber würde er mit dem unter der Decke mauscheln? Der war bereits der zweite Vorsitzende, dem man dem langjährigen Stellvertreter vor die Nase gesetzt hatte, obschon der seine Ambitionen immer angemeldet hatte. Und auch seinem Vize räumte Baumann angeblich keine Sonderstellung ein, obschon der der dienstälteste Vorstand und beste Kenner des Unternehmens war. „In meinem Vorstand gibt es weder Küchenkabinette noch Graue Eminenzen“ hörte Tenzer ihn sagen. Lächerlich! Wusste der Mann wirklich so wenig von Gremiendynamik oder glaubte er, mit großen Tönen Eindruck schinden zu können?
Doch warum zog Johann ihn, seinen Kollegen aus dem IT-Ressort, nicht ins Vertrauen. Sie hatten schon manchen Vorstandsbeschluss vorab ausgekungelt und durch geschickte Ballwechsel zur Entscheidung gebracht. Gelegentlich verkehrten sie auch privat und tranken gerne gemeinsam mal ein Bier. Es tat gut, jemand im Kollegium zu haben, mit dem man sich bedenkenlos austauschen und über andere Mitspieler herziehen konnte. Hatte er sich in Johann Semper geirrt oder interpretierte er den Anruf einfach falsch? Vielleicht war ‚Vater‘ das Codewort für einen Schweizer Vermögensberater oder einen Stresstherapeuten. Seit diese Idioten an der Konzernspitze mit ihren undurchdachten Strategien und vollmundigen Ankündigungen angefangen hatten, Unruhe ins Unternehmen zu tragen, sah man überall Unbill und Verrat. Du siehst Gespenster, sagte er sich in einer Sekunde, um in der nächsten zu folgern, dass es nicht falsch sei, das Gras wachsen zu hören. Er marschierte in sein Vorzimmer und war erstaunt, seine Sekretärin, die hartnäckig darauf bestand, Assistentin genannt zu werden, zu sehen. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn wissen, dass es 19 Uhr 32 war.
„Schön, dass Sie noch fleißig sind, aber ich hatte doch verlauten lassen, dass ich Sie heute nicht mehr brauche.“
„Ich möchte einmal in Ruhe mit Ihnen reden. Dazu kommen wir tagsüber leider nie. Gehen wir in ihr Büro?“ Tenzer war geneigt, brüsk zu reagieren. Wenn Frauen oder Mitarbeiter „in Ruhe reden“ wollten, musste man auf zähe, langwierige Auseinandersetzungen gefasst sein. Dazu fehlte ihm jetzt eigentlich die Geduld. Aber Körperhaltung und Gesichtsausdruck seiner engen Mitarbeiterin ließen ihn resignieren.
„Ja, gerne,“ sagte er aufgeräumt. „Kommen Sie!“
Maren Wolf diente (so nannte sie ihre Arbeitsbeziehung nicht ganz unernst, wenn sie unter vier Augen waren) Tenzer, seit er vor sechs Jahren in das Unternehmen gekommen war. Damals war sie die zweiunddreißigjährige, unverheiratete Sekretärin eines Abteilungsleiters, die sich auf die ausgeschriebene Position einer Vorstandssekretärin in seinem Ressort bewarb. Ihn störten ihr Alter und ihr Familienstand. Seine direkten Mitarbeiterinnen sollten möglichst kinderlos verheiratet sein und auf die Vierzig zugehen. Das, so glaubte er, garantiere hohe Verfügbarkeit, maximale Belastbarkeit und uneingeschränkte Konzentration auf die Aufgabe. Keine Energieabrieb durch allabendliches Ausgehen, keine Konzentrationsverlust durch Partnerkämpfe, kein weibisches Gezänk mit Kolleginnen. Dass attraktive Junggesellinnen in ihrer physiognomischen Blüte mit diesen Defiziten belastet waren, hatte er zwar nie im direkten Umgang erfahren, aber oft gehört und als absolut plausibel verinnerlicht.
Dass Frau Wolf den Job trotzdem bekam, lag weder an ihren weiblichen Reizen noch an ihren Ausbildungs- und Arbeitszeugnissen, obwohl sie auf beiden Gebieten nachweisbare Qualitäten besaß. Sie repräsentierte, wie er nüchtern konstatierte, auf diesen Feldern, gehobenes Niveau, aber keine absolute Extraklasse. Doch er konnte sich nicht erinnern, jemals eine Frau kennengelernt zu haben, die ihm bereits beim ersten Treffen den Eindruck vermittelte, dass sie ihm mit Freuden geben würde, was immer er ihr abverlangte. Das beruhte nur eingeschränkt auf anerzogener Servilität und auf keiner erkennbaren masochistischen Devotion, nein, es war ihre kaum kaschierte Verzückung, die ihn beim Einstellungsgespräch überzeugte. Diese Frau hatte ihn gefunden, den Seelenverwandten, den kongenialen Partner, ihren Meister. Er würde innerhalb weniger Wochen herausfinden, ob er einem geschickten Täuschungsmanöver aufgesessen war. Dann würde er sie eben wieder zurückschicken! Drei Monate Probezeit! Jetzt war sie seit sechs Jahren die Herrscherin seinen Vorstandsbüros.
Maren nahm am Besprechungstisch in aufrechter Haltung Platz und schlug ihre wohl geformten Beine aufreizend übereinander. Ein weiteres Signal, das Ärger erwarten ließ. Madame gibt sich exaltiert, Muschi closed!
„Willst du mich provozieren, willst du mich vorführen oder willst du mir vor Augen halten, dass meine Zeit vorbei ist,“ presste sie mit mühsam beherrschter Stimme hervor. „Was immer es ist, das du vorhast, handele nicht stillos.“
Er überlegte fieberhaft, was der Auslöser für ihre Vorhaltungen sein mochte, die allesamt nicht zutrafen. Zweifellos hatte er sie vernachlässigt in letzter Zeit, wie man es tut, wenn man sich seiner Geliebten sehr sicher ist. Ihre Beziehung war einfach nicht mehr so aufregend wie zu Beginn ihrer Zusammenarbeit. Aber er sah überhaupt keinen Grund, ihre intime Partnerschaft zu beenden, die ihm außergewöhnliches Vergnügen bereitete.
„Im Büro und in der Öffentlichkeit duzen wir uns vereinbarungsgemäß nicht. Und ein ruhiges Gespräch, das Sie führen wollten, sollte nicht mit wilden Anwürfen beginnen.“ Mit Hinweisen auf kleine Verfehlungen ließ sie sich immer in die Ecke drücken. „Ich mache uns beiden jetzt mit der Alleskönner-Maschine, die Sie uns besorgt haben, eine Tasse Kaffee und dann sagen Sie mir, was Sie bedrückt“, bot er an. Nicht übermütig werden, mein Schatz. Die Spielregeln dürfen nicht außer Kraft gesetzt werden. Schließlich sind wir nicht miteinander verheiratet. Er brachte den Kaffee und sah sie auffordernd an.
„Ich habe dich gestern Abend gesehen“ sagte sie, seine Aufforderung zum Sie zurückzukehren ignorierend. „Bei Hamman‘s auf der Terrasse. Mit einem blonden Flittchen. Viel zu jung für dich. Hätte deine Tochter sein können. Aber du hast dich köstlich mit ihr unterhalten. Und mir erzählst du immer, dass du reifere Frauen bevorzugst. Wenn ich dich nicht mehr interessiere, dann lasse uns die Beziehung wenigstens anständig beenden. Oder glaubst du etwa, ich würde eine Nebenbuhlerin akzeptieren?“
Okay, da hatte sie ihm gleich die ganze Palette der Kränkungen auf den Tisch gelegt, die ihren Missmut verursachten. Sie sah sich in Konkurrenz zu einer anderen Frau, einer jüngeren dazu. Wann hatte er sich zuletzt mit ihr in die Öffentlichkeit getraut? Und wenn sie gemeinsam ausgingen, musste immer der Anschein eines geschäftlichen Anlasses vorgetäuscht werden. Sie fühlte sich als Frau zurückgesetzt und fürchtete vielleicht sogar um ihren Job. Und um ihre Liebe! Ja, sie behauptete mit unerschütterlicher Gewissheit, sie liebe ihn. Er war mit jeder Sekunde ihrer Ausführungen ruhiger geworden. Sie konnte nichts Kompromittierendes gesehen haben. In der Öffentlichkeit untersagte er sich jedwede körperliche Berührung, jede zweideutige Vertraulichkeit, wenn er mit Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts zusammen war. Die Stadt war groß und anonym, aber viele Leute - meist Mitarbeiter des Unternehmens - erkannten ihn, wie er immer wieder feststellte. Er hatte mit der jungen Frau im Restaurant gegessen, geredet, gescherzt. Mehr nicht. Und Maren hatte ihm ungewollt eine präzise Vorlage in den Lauf gespielt. Er brauchte seine Fantasie kaum anzustrengen. Mit warmer Stimme und freundlichem Augenaufschlag sagte er:
„Liebe Frau Wolf, Sie hatten Recht mit Ihrer Vermutung. Sie haben mich mit meiner Tochter gesehen.“
Sie war perplex, fühlte sich überfahren, glaubte ihm nicht.
„Du hast mir nie erzählt, dass du Kinder in die Welt gesetzt hast.“
„Das gehört auch nicht zu meinen Ruhmestaten. Das Mädchen, Ellen, kein Flittchen übrigens, stammt aus einer kurzen, hitzigen Beziehung, die ich unterhielt, während ich mit einer anderen Frau zusammen lebte. Ich konnte ihre Mutter leider nicht zu einem Schwangerschaftsabbruch bewegen.“
„Leider doch nur, weil du zahlen musstest und weil deine offizielle Lebensgefährtin dann wohl davon erfahren hat,“ warf sie schnippisch ein. „Das klingt so furchtbar kalt: Zweitbeziehung unterhalten, nicht zum Schwangerschaftsabbruch zu bewegen. So distanziert wirktest du im Hamman‘s nicht. Was bringt dich denn deiner Tochter plötzlich so nahe?“
„Ich hatte sie bis vor wenigen Wochen noch nie gesehen, denn ich halte es für grundsätzlich falsch, sich in das Leben ungewollter Nachkommen zu drängen. Sie rief mich unerwartet an und fragte, ob sie mich sehen dürfe. Bei unserem Treffen bat sie mich, ihr bei der Wohnungssuche zu helfen. Sie will in Mainz studieren und glaubte, ich hätte Kontakte dahin. Vermutlich meint ihre Mutter, ich könnte meiner leiblichen Tochter über die monatlichen Zahlungen hinaus einiges Gute tun. Wie immer dem sei. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, und ich werde mich sicher noch das ein oder andere Mal mit ihr treffen.“
Maren nippte an ihrem Kaffee und schaute ihn aus dunkelbraunen Augen zweifelnd an. Er ließ ihr Zeit, ihre Gedanken zu sortieren. Als sie nicht sprechen wollte, redete er weiter.
„Muss ich Ihrem Schweigen entnehmen, dass Sie mir nicht glauben? Dann werde ich Ihnen Ellen vorstellen. Sie wird ihnen gefallen. Ein aufgewecktes Mädchen, das Ihnen nicht gefährlich werden kann. Zudem kennen Sie jetzt noch einen weiteren Mosaikstein meines ruchlosen Lebens. Sie suchen doch immer begierig nach Nuancen meiner Vergangenheit.“
Er schwieg, aber Sie nahm das Gespräch immer noch nicht auf. Seine Bekenntnisse reichten ihr noch nicht. Sie wollt mehr Entgegenkommen, intensivere Nähe, und er war gerne bereit dazu.
„Am Ende eines Tages mit vielen quälenden Gedanken und unerfreulichen Gesprächen steht mir der Sinn nach einem genüsslichen Ausklang. Machen Sie mir die Freude und essen Sie mit mir zu Abend. Wir suchen uns ein nettes Lokal, trinken einen schönen Wein und können Ihrem Wunsch nachkommen, in Ruhe zu reden.“
Mit gedämpfter Befriedigung betrachtete Tenzer die Frau, die mit ruhigen Atemzügen neben ihm schlief. Das durch die feingewirkten Gardinen einfallende Licht der Straßenbeleuchtung illuminierte ihr Gesicht mit kleinen Verschattungen. Ihre ausgeglichenen Züge strahlten eine Zufriedenheit aus, von der sie zu Beginn des gemeinsamen Abendessens weit entfernt gewesen war. Fast stoisch, aber doch unmissverständlich, ließ sie ihn spüren, dass sie ungehalten war; nicht einverstanden mit seinen Eskapaden und der ihres Erachtens damit zum Ausdruck gebrachten Geringschätzung. Ein Verhalten, das er hasste. Während er mit der Selbstlosigkeit des Klügeren nachgegeben hatte und die Wogen Ihrer Verstimmung zu glätten suchte, spielte sie das verletzte Opfer seiner Kaltherzigkeit, wahrte Distanz und kommunizierte betont zurückhaltend. Sie offenbarte genau das Quantum Abweisung, das sie ihm zutraute hinzunehmen, ohne den gemeinsamen Abend nach dem Dinner konsequent zu beenden. Eine unausgesprochene Revanche für die vielen kleinen Demütigungen, die er ihr, wie sie meinte, kontinuierlich zufügte. Er bevorzugte, direkt attackiert zu werden. Von den Gemeinheiten zu hören, die sie nur hinnehmen könne, weil sie ihn liebe und er wisse, dass sie ihn nicht verlieren wollte. Nahezu hörig sei sie, sonst könne sie solche Niedertracht nicht ertragen. Verabscheuenswürdig, dass er eine Abhängige mit seinem diffizilen Sadismus überziehe. Sie würde sich ihm nie so geöffnet, so ausgeliefert haben, wenn sie die dunklen Seiten seines Charakters eher durchschaut hätte. Ja, es war ihm viel lieber, wenn sie ihrer Frustration offen Ausdruck verlieh und ihn beschuldigte und beschimpfte. Auch deshalb, weil sie sich nie in der Öffentlichkeit echauffierte. Er ließ ihre Tiraden wortlos, kopfschüttelnd und mokant lächelnd über sich ergehen.
Wenn ihre hasserfüllten Augen und ihre zunehmend beißendere Stimme ihm signalisierten, dass sie sich verausgabt hatte, warf er eine Bemerkung ein, die darauf zielte, bei ihr die größtmögliche Verletzung auszulösen. Animiert durch ihre Konsternation nahm er sie und vögelte seine aufgestaute Wut aus sich heraus. Er liebte diesen brachialen Befreiungsakt, der sie schnell und unkompliziert in ihre Leidenschaft zurückkatapultierte. Maren brauchte nur Sekunden, um vom frustrierten Opfer zur verschlingenden Bestie zu werden, die sich in zerrissener, verschwitzter Unterwäsche keuchend hingab. Dann war sie fantastisch in ihrer Ekstase und Bedingungslosigkeit.
Wie anders, wenn sie, wie am gestrigen Abend, ihre unterkühlte, beherrschte Opferrolle spielte. Sie nahm sein Einlenken als Eingeständnis einer Schuld, deren Tiefe und Ausmaß sie im Vorfeld oktroyierte. Unbenommen, ob er jedes Fehlverhalten strikt verneinte oder die Situation mit deutlichen, wohl gewählten Worten taktisch transformierte, sie war verletzt worden. Mindestens enttäuscht. Nun gut, meistens beruhte ihre Verärgerung auf einer triftigen Ursache und wenn nicht, betrachtete er sie als ausgleichende Gerechtigkeit für die Verfehlungen, derer sie nicht gewahr wurde.
Aber es war unbillig, plausible Argumentationsketten nicht zu akzeptieren, wenn man keine zündende Replik entgegenzusetzen hatte. Obschon ihm diese simple, kindische Posse mittlerweile wohl bekannt war, ließ er sich zu seinem großen Missvergnügen immer wieder in dieses Spinnennetz locken. Sich selbst verachtend, artikulierte er diffuse Abbitten, wo er zuvor kraft eines treffenden Plädoyers doch seine Unschuld verdeutlicht hatte. Des lieben Friedens willen antichambrierte er wie ein buhlender Bittsteller, überschüttete sie mit Komplimenten und versuchte angestrengt, sie zum Lachen zu bringen. Dabei hatte er im Laufe der Zeit lernen müssen, dass er seine Leidenszeit nicht durch Nettigkeiten oder intellektuelle Brillanz verkürzen konnte. Gefordert waren Demut und Unterwürfigkeit, auch wenn sie in der Verkleidung verbaler Verformungen daher kamen. Buße, die in Zeit gemessen wurde und die Dauer eines ausgedehnten Abendessens einnahm, bevor sie - stockend zunächst - in eine versöhnende Wiederannäherung überging. Selbstverständlich mit Zugeständnissen seinerseits, Fragen der Achtung, Wertschätzung und Verbindlichkeit betreffend.
Wie oft war er seinem Vorsatz untreu geworden, sich zu diesem Zeitpunkt von ihr zu verabschieden. Ihr nach seinem mentalen Einknicken wenigstens den krönenden Abschluss vorzuenthalten. Dem Triumph, ihrer göttlichen Möse zu huldigen. Aber auch gestern Abend hatte er dem ersten Kniefall einen zweiten folgen lassen und sie wie ein gut domestizierter Beschäler besprungen. Sie zeigte ihm ihre Lenden und er bestieg sie gehorsam. Sanftmütig und liebevoll wie ein Kuschelbär tat er ihr gut, befriedigte sie mehrmals und gönnte ihr seinen Orgasmus, als sie befand, es sei genug.
Nicht dass es diesen Geschlechtsakten an Finesse oder Lustentfaltung mangelte. Aber diese Rituale waren mehr geprägt von ausgefeilter Sexualtechnik als von ehrlicher Leidenschaft. Wohl dosierte Kopulation statt besinnungsloser Selbstaufgabe. Und zwischen diesen beiden Polen das durchaus reizvolle Standardprogramm. Sie trieben es miteinander auf hohem Niveau und er konnte Maren Wolf keinesfalls das Talent für raffinierte, befriedigende Geschlechtsakte absprechen.
Es wurde immer schwieriger, eine überdurchschnittlich begabte Bettgenossin zu finden. Selbst in seiner Position und in seinem Alter. Keine Frage des Aussehens oder der Leistungsfähigkeit. Nicht, dass er seinen Instinkt für Frauen verloren hätte, die sich hemmungslos hingeben konnten und die Begabung besaßen, einen Partner an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu treiben. Die Zeiten hatten sich geändert, so abgedroschen das auch klang. Der Zeitgeist honorierte nicht die Risikobereitschaft reiferer Damen, die sich routiniert in leidenschaftliche Affären stürzen konnten, ohne ihrem Ruf oder ihren Ehen zu schaden. Die Anreize verblichen, Sexualität hatte während der letzten zwanzig Jahre stetig an Stellenwert verloren. Gesellschaftlich wie körperlich. Außereheliche Affären hatten nicht mehr den köstlichen Kitzel verbotenen Tuns, Doktorspiele für Erwachsene. Das Risiko der Entdeckung schob sich in den Vordergrund, das auch die augenzwinkernde Bewunderung der besten Freundin nicht immer ausgleichen konnte. Eher lief man Gefahr, mit einem Treue- und Disziplindefizit stigmatisiert zu werden.
„....und auf der Weide wächst nichts Begeisterndes mehr nach,“ bestätigte man sich bei Herrenabenden gegenseitig. Es war wirklich ein Kreuz. Je fescher die Hasen auftraten, je asexueller schienen sie zu sein. Das Diktat der Sommermode versuchte jede Frau unter dreißig zur Nutte auszustaffieren. Nie ließ die Alltagsmode mehr Blicke auf nackte Haut und Einblicke in Körperöffnungen zu. Aber diese Schauspielerinnen wollten sich nur optisch prostituieren. Keine triebgesteuerte Spontanität, keine One-night-stands, eine ausgetrocknete Promiskuitätskultur. Feste Beziehungen, am besten mit Gleichaltrigen. Die Bewahrung der Unschuld schien zum Volkssport zu werden. Schlechte Zeiten für Liebhaber lustvoll zelebrierter Kopulation, die auch vom Reiz der Abwechslung leben.
Ellen, Tenzers zweiundzwanzigjährige Eroberung, konnte als Beispiel für die Ausnahme wie auch für die Regel dienen. Sie unterhielt eine Beziehung zu einem Studienkollegen, mit dem sie weder zusammen lebte noch schlief. Sie hatte noch nicht festgelegt, ob diese Beziehung auch längerfristig Bestand haben sollte. Es erschien ihr besser, den Austausch von Körpersäften auf gelegentliche Speichelzirkulation per Zungenübertragung zu beschränken. Ob ihr Freund das auch so wollte, oder notgedrungen akzeptieren musste, interessierte Tenzer nicht, obschon ihm die Tatsache, dass sich ein Vierundzwanzigjähriger mit sexueller Abstinenz, wenn auch nur vorübergehend, abfinden konnte, abartig vorkam. Wozu brauchte man als junger Mensch eine Freundin, wenn nicht zum Beischlaf? Kneipenbesuche oder philosophische Diskussionen waren im Kreise männlicher Begleiter leichter zu bestehen. Aber was machten diese Burschen, wenn der Alkohol, Drogen oder die natürliche Triebhaftigkeit ihr Blut in Wallung brachten? Vögelten sie sich gegenseitig, gingen sie ins Bordell oder masturbierten sie?
„Drogen sind passé,“ sagte Ellen „und wer nicht als disziplinloser Schlappschwanz gelten will, genießt Alkohol in Maßen und muss sich dann auch nicht durch zügelloses Brunftgehabe blamieren.“
Diese armen Menschen, was blieb ihnen von ihrem jungen Leben? Zu den größten Privilegien der Jugend gehört die Ungezwungenheit und der Vorzug, ab und an über die Stränge schlagen zu dürfen. Das verliert sich, das kommt nicht mehr zurück. Wie kann man sich freiwillig auf Disziplin determinieren, wenn man nicht muss?
„Es ist wichtig, Kraft und Zeit nicht zu verschleudern, seine Energie zielgerichtet einzusetzen,“ dozierte seine junge Geliebte.
In fünf oder zehn Jahren müsst ihr euch für die Aufzucht eurer Brut verausgaben und eure Karrieren mit allen Kräften befeuern, dann bleibt wieder nichts übrig für ungezügelte Lust und Leidenschaft, dachte er und konstatierte:
„Nichts setzt mehr Energie frei, als ein guter Fick.“ Sie unterstellte ihm eine sexistische Einstellung. Aber bevor er sie belehren konnte, was Sexismus wirklich bedeutet, wurde ihm bewusst, dass der Anwurf vielleicht zum ersten Mal zutraf. Und wie zur Untermauerung ihrer These behauptete er:
„Was soll denn eine Frau von einem Mann halten, der sie liebt und verehrt, aber nicht mit ihr schläft.“ Sie verdrehte die Augen und seufzte „Manchmal frage ich mich wirklich, was ich an dir finde“
„Ist doch klar,“ beharrte er lachend, „ich besorg es dir. Verkehrte Welt. Früher hatten jungen Frauen einen Sugardaddy für die materiellen und praktischen Dinge des Lebens und einen ungestümen jugendlichen Liebhaber. Heute ist es anscheinend genau umgekehrt.“
„Wie kann ein lebenserfahrener, erfolgreicher Mensch nur so einen Unsinn reden,“ antwortete sie streng und blockierte das Thema, dem er sich eigentlich jetzt gerne widmen wollte. „Ich gehe mit dir aus, weil du meinen Horizont erweiterst. Du hast Erfahrungen gemacht und Situationen erlebt, die mich faszinieren und inspirieren. Wenn du gut aufgelegt bist, kannst du charmant und unterhaltsam sein. Wenn nicht, hat auch dein Zynismus seinen Reiz. Vor allem aber sind deine Ansichten, deine Spontanität und Ausdrucksweise für dein Alter und deine Position eher unkonventionell. Du tendierst permanent zwischen einem disziplinierten Erfolgsmenschen und einem hedonistischen Lebemann. Das ist interessant zu beobachten.“ Bevor sie ihr Referat fortsetzen konnte, warf er ein:
„...und zur Erhaltung dieser seltenen Spezies, lässt du dich von mir begatten, damit meine Art nicht ausstirbt.“
„Nichts wäre fataler, als ein weiteres Exemplar dieser Gattung in die Welt zu setzen,“ wehrte sie scherzhaft ab, „und ich werde das zu verhindern wissen. Aber ich weiß, wie wichtig das Geschlechtliche für dich und dein Wohlbefinden ist und möchte dir nicht vorenthalten, was dir soviel Freude bereitet.“
Eigentlich hätte er sie jetzt fragen müssen, ob sie es denn nicht genösse und dann hätten sie sich ein wenig geneckt und wären spielerisch im Bett gelandet. Aber er fragte sie nicht. Das würde sie nur blockieren. Sie hatte keine Sprache für diese Art der Konversation, stimulierende Anmache, verbale Sexualattacke. Auch fehlten ihr die lasziven Worte, reizenden Anzüglichkeiten und deftigen Aufforderungen während des Geschlechtsspiels. Dabei gab es weder in ihrem akustischen Repertoire noch in ihren Körperreaktionen geringste Anzeichen von Schüchternheit oder gar Frigidität. Sie keuchte, stöhnte und gurrte. War weich, wo sie zart sein musste und fest, wenn sie erigierte. Sie nahm ihn in sich auf, wo immer er aufgenommen werden wollte und war weder scheu noch trocken. Aber so sehr ihn ihr makelloser junger Körper und ihre Willigkeit begeisterten, die lasziv-ordinäre vokale Begleitmusik zur Kopulation vermisste er doch. Und da sie obszöne Reden verweigerte, versiegte auch sein Redefluss. Alleinunterhalter wollte er nicht sein.
So setzte er seine Kreativität mit missionarischen Eifer dafür ein, ihr Erfahrungen zu vermitteln, die sie noch nicht erlebt hatte und die Intensität ihrer Orgasmen zu steigern. Sie machte Fortschritte, ohne Zweifel, aber er war nicht sicher, ob sie mehr lernbegierig als lustbegierig war. Sie ließ ihn zwar tun, was immer er wollte und beschwerte sich nur, wenn er ihr Schmerzen zufügt. Auch stand sie ihm zur Verfügung, solange er sie wollte und ihre Vagina hielt die Lubrikation erstaunlich lange. Aber mehr als drei Orgasmen hatte er ihr nie verschaffen können und wenn sie keine Lust mehr verspürte, ließ sie ihn gewähren, spielte ihm aber nichts vor. Sie war bezaubernd, geistreich, wohl erzogen, gut aussehend und sexy. Aber eine herausragende Liebhaberin war sie nicht. Und wenn ihn vorwiegend ihr makellosen Äußeres faszinierte und er nahm, weil er nehmen durfte und nicht weil er unbedingt wollte und wenn er ihre Anwesenheit besonders in Gesellschaft anderer auskostete, dann..... hatte sie wohl Recht mit ihrer Etikettierung: Tenzer 2002, der Sexist! Nicht dass ihn diese Erkenntnis fundamental belastet hätte. Er fühlte lediglich einen kleinen Verlust an moralischer Integrität. War es seine Schuld, dass es immer weniger Frauen gab, die man vorrangig aufgrund ihrer sexuellen Anziehungskraft begehrte? Und diese wenigen schillernden Talente mussten auch noch auf den Verdacht geprüft werden, aus Gründen der Vorteilsnahme zugänglich zu sein. Wie sollte er sich da bedenkenlos engagieren, alle Hemmungen über Bord werfen, Leidenschaft bis an den Rand der Selbstaufgabe zeigen? In einer so verarmten Welt musste selbst ein nimmermüder Jäger kompromissbereit sein.
Eine gelegentliche Brüllattacke oder ein Abend in Demut waren leichter zu überstehen, wenn man sich bewusst machte, dass man dadurch die uneingeschränkte Inanspruchnahme einer hervorragenden Geliebten sichern kann. Wohl dem, der seine schlaflosen Nächte mit Gedanken dieser Art füllen kann, dachte er wehmütig, denn er lag nicht wach, weil er sich Sorgen um sein Geschlechtsleben machte oder mit seinen Charaktereigenschaften haderte. Der duftende, atmende Körper neben ihm, hatte ihn lediglich einige Minuten abgelenkt.
Die inakzeptablen Strategien der Konzernspitze waren es, die ihn und seine Kollegen seit Wochen beschäftigten, auch wenn die meisten es nicht zugaben. Die altbekannte Forderung der Anteilseigner nach höheren Renditen, nach mehr Profit, repräsentiert die selbstverständliche Erwartung an jede Führungsmannschaft. Je nach Ausmaß und Pressur werden die Mittel ausgewählt, die Vorgaben zu erreichen. Selten reichen reine Wachstumsstrategien, meistens müssen sie mit Rationalisierungsprogrammen ergänzt werden. Seiner Vertriebstruppe in den Arsch zu treten, noch mehr Geld für idiotische Marketingaktionen auszugeben, oder Produktvariationen, die niemand wirklich braucht, zu entwickeln, gehört zu den angenehmeren Arten, Wachstum zu erzeugen.
Die edelste Art seine Führungsqualifikation auf diesem Feld unter Beweis zu stellen, ist selbstverständlich die Akquisition und Integration anderer Unternehmen. Die Königsdisziplin, sozusagen. Unangenehmer wird es, wenn Rationalisierungsmaßnahmen unumgänglich sind, um die Unternehmensziele zu erreichen. Dann gilt es, an der Infrastruktur zu sparen, Ausbildungs- und Reisekostenbudgets zusammenzustreichen oder Mitarbeiter zu entlassen. Ein Haufen Arbeit und Ärger mit Gewerkschaften, Betriebsräten und Mitarbeitern, verbunden mit dem Verlust vieler kleiner Annehmlichkeiten. Am Ende muss man seinen eigenen Chauffeur feuern und fliegt nicht mehr Erster Klasse. Das Top-Management muss schließlich mit gutem Beispiel vorangehen. In diesem Szenario hatten sie seit sechs Jahren kontinuierlich gelebt und gehandelt. Wachstum durch Unternehmensübernahme, Rationalisierung durch Unternehmensintegration. Sie hatten das handwerklich sauber und sozial verträglich abgewickelt, mit allen bekannten Werkzeugen aus dem Methoden-Bauchladen von Strategie und Führung. Der Umsatz hatte sich eklatant erhöht, die Kostenquote war gesunken und die Gewinne waren explodiert.
Aber das war den Süchtigen im Hauptquartier immer noch nicht genug. Sie wollten mehr und glaubten, das mit der weltweiten Gleichschaltung von Strukturen und Prozessen zu erreichen. Allein dieser Annahme, die mittlerweile im offiziellen Maßnahmenkatalog der Rationalisierer verankert war, entbehrte jeder praktische Bezug. Die Märkte und Kunden waren nicht überall auf der Welt gleich. Selbst der bezüglich Globalisierung privilegierten Computerbranche war es nicht gelungen, ihre Produkte weltweit hundertprozentig gleichzuschalten. Wie sollte das erst mit Produkten, Abläufen und Organisationsstrukturen eines Versicherungsunternehmens funktionieren?
Aber die unerträgliche Crux des Ganzen war das Zentralisierungsziel. Noch hatten die Herren in den entscheidenden Positionen nicht verlauten lassen, was das für die lokalen Organisationen bedeuten würde. Aber bei aller Geheimniskrämerei war allen - nicht nur den Betroffenen - klar, dass viele Manager einen neuen Vorgesetzten bekommen würden. Und an der Spitze der Struktur würde irgendein blutleerer Zentralist stehen. Jemand, der die lokalen Märkte nicht verstand. Einer aus der Riege der Generalisten, die vielleicht nicht einmal in ihren Geschäftsbereichen kompetent sind. Steife Absolventen englischer Elite-Universitäten, arrogante Bürschchen der einschlägig bekannten französischen Wirtschaftsschulen, amerikanische Ego-Rambos, unerschütterlich in ihrer eigenen Hybris. Wie soll jemand in einer solchen Hierarchie zurechtkommen, dem bisher kraft Gesetz abverlangt wurde, unternehmerisch zu denken und zu handeln, diesen Vorsatz nur zum Wohle seines Unternehmens einzusetzen, im Kollektiv zu entscheiden und nur seinem Aufsichtsgremium verantwortlich zu sein. De jure konnte man diese Anforderung durch einen Abführungsvertrag lösen, da hatte Semper Recht. Aber würde dieses Konstrukt auch im operativen Geschäft erfolgreich sein können?
Kann ein Manager in diesem Modell agieren, der in seinem Geschäftsbereich bisher eigenständig entscheiden konnte und eine nahezu sakrosankte Position hielt? Nein, kann er nicht, hatten alle Vorstände für sich entschieden. Zumindest die, die in ähnlicher Verantwortung standen wie ihre deutschen Kollegen. Aber es gab erstaunlich viele Strategien, wie dieses „Nein“ ertragen werden konnte. Von Anpassung bis Zugeständnissen, von Anwalt bis Vertragsauflösung, von Abwarten bis Sofortzum-Headhunter. Nur von Widerstand redete niemand, denn allen war klar, dass diese Verhaltensweise zwecklos und selbstschädigend sein würde. Selbst die Erfolgreichsten würden eine offene Konfrontation mit dem System nicht durchstehen, das hatten die bisherigen Entscheidungen des Lords allen deutlich vor Augen geführt.
So gesehen tat er Baumann Unrecht, wenn er ihm vorwarf, nicht zu kämpfen. Ein harmoniebdürftiger Retriever konnte nicht plötzlich zum kampflustigen Bullterrier werden. Aber das Terrain, auf dem sich der Vorsitzende bewegen musste, war keine Hundekampf-Arena, es war eine Schlangengrube! Und in diesem Milieu musste sich ein CEO eigentlich bewegen können. Einige Landeseinheiten hatten zudem bereits vorgemacht, dass man durch lokalen Schulterschluss und geschicktes Taktieren seinen Platz im zentralen Strategiegebilde finden kann, ohne Eigenständigkeit und Entscheidungsfreiheit vollständig aufzugeben. Wäre man nicht selbst betroffen und müsste sich um seinen eigenen Kopf Gedanken machen, könnte man die unterschiedlichen Vorgehensweisen mit großem Interesse analysieren, dachte Tenzer.
Die Assoziationsstrategie der Briten. Gespielte Euphorie, bedingungslose Adaption verkündend, überhöhend auf die Spitze treibend, vorgeben, mehr liefern zu wollen, als verlangt und dabei letztlich so ergebnisverfälschend, dass die Einhaltung der Vorgaben nicht mehr überprüft werden kann.
Oder die Ignoranzstrategie der Russen. Widerspruchslos akzeptierend, Umsetzungshoheit und Zeit einfordernd, Intransparenz und Verdeckung während der Transformationsphase ausübend, unerschütterlich erklärend, dass der Versuch gezeigt habe, dass es für ihre Organisation nicht die richtige Lösung sei, sich abstrafen lassen und beteuern, dass man jetzt endgültig umsetzen wird. Wenn man das zwei Jahre durchhält, ist die Chance groß, dass die Global Group bereits wieder eine neue Strategie angekündigt hat.
Dann die Eleganzstrategie der Spanier. Pompöse Einführungsveranstaltungen mit internationaler Beteiligung, Solidaritätsadresse,........ach, Scheiße. Irgendeine Taktik hätte man doch auch für Deutschland entwickeln können. Aber mit Baumann war das ja nicht zu machen. Der glaubte kraft Intuition und seines phänomenalen taktischen Geschicks, das Beste herausholen zu können. Leider war er der Einzige, der sich diese Fähigkeiten zubilligte.
Neben Tenzer räkelte sich Maren im Übergang vom Schlaf in ein dämmriges Wachsein. Es war Bestandteil ihrer BeischlafInszenierung. Wenn sie genug hatte, schlief sie eine Stunde, wachte wieder auf und forderte mehr. Ihr Körper bog und schlängelte sich unter der anschmiegsamen Satindecke, die im Sommer das Oberbett bildete. Sie kam auf dem Rücken liegend zur Ruhe und winkelte ihr rechtes Bein an. Herausfordernd schob sie es ihm soweit entgegen, dass der Saum der Decke bis in ihre Leiste rutschte. Mit hinter dem Kopf verschränkten Händen drückte sie ihr Kreuz durch. Ihre Brüste bildeten sich unter dem dünnen Stoff deutlich ab. Sie öffnete die Augen und schenkte ihm, jetzt vollkommen wach, einen zärtlichen Blick. Die Querelen des Abend und die mühsame Wiederannäherung waren vergessen. Und auch er wollte sich nach seinen gedanklichen Exkursen in die perfide Berufswelt nur noch am lasziv dahinfließenden Körper seiner Geliebten delektieren. Seine Finger glitten über die seidig-weiche Innenseite ihres Oberschenkels auf ihr Wäldchen, geteilt von der feuchten Furche, die wohltuende, ermüdende Befriedigung verhieß.
Jürgen Althaus hatte sein Büro um sieben Uhr zehn betreten und unverzüglich damit begonnen, einen kaschierten Projektstatusbericht zu erstellen. Er verwendete die Zeit, die er durch sein frühes Erscheinen ungestört nutzen konnte, bevorzugt für kreative Aufgaben, die am besten ohne Unterbrechung zu erledigen sind. Am Morgen, wenn der Frühaufsteher mit einem halbstündigen Lauf seine Geister geweckt hatte, fühlte er sich frisch und energiegeladen wie ein Zentralprozessor, der begierig seine Systeme hochfahren möchte. Seine Sekretärin und die überwiegende Zahl seiner Mitarbeiter bequemten sich nicht vor acht Uhr dreißig ins Büro. Sie wollten etwas länger schlafen, oder in Ruhe frühstücken, oder mussten die Kinder zur Schule bringen, oder ihre Hunde Gassi führen. Es war ihm unverständlich, wie Menschen, die von ihrem Beruf lebten und ihn ernst nehmen sollten, so behäbig in den Arbeitsalltag starten konnten. Diese Leute waren nicht hinreichend auf ihre werktäglichen Kernaufgaben fokussiert, haderte er immer wieder. Aber bei allem Missfallen musste er einsehen, dass Arbeitnehmer wie er die Ausnahme bildeten. Menschen, deren Freizeit und häusliche Verrichtungen genauso penibel verplant waren, wie der zwölfstündige Arbeitstag, der im Bedarfsfall auch über 19 Uhr hinaus verlängert werden konnte. Flexibilität war schließlich ein Kriterium für einen guten Plan. Zwölf Arbeitsstunden hatten sich als sein Leistungsoptimum herauskristallisiert. Am Vormittag die denkintensiven Aufgaben und die Gespräche, die mentale Stärke erforderten. Nach dem kurzen Mittagessen, der Routinekram. Und am Nachmittag, wenn die Biokurve für einige Zeit wieder nach oben zeigte, die Meetings und Workshops, die mehr Zeit erforderten und manchmal mit offenem Ende geplant werden mussten. Wenn die zwölf Stunden für sein Pensum nicht reichten, konnte er auf das Wochenende ausweichen.
Althaus hatte keine Kinder. Niemand, den man zur Schule bringen, mit dem man Hausaufgaben machen oder vor dem Zu-Bett-gehen herumtollen musste. Auch um sein eheliches Gespons musste er kein Gedöns machen. Er hatte darauf geachtet, eine Frau zu heiraten, deren Karriereambitionen den seinen glichen. Keine gelangweilte Hausfrau, die unterhalten werden wollte. Alles eine Frage der Lebensplanung. Doch der heutige Tag verlief nicht zu seiner Zufriedenheit. Es war gleich halb neun und eigentlich freute er sich um diese Zeit über die erste gelungene Verrichtung des Tages, erwartete den Morgenkaffee, den seine Sekretärin präzise nach seinen Vorgaben kochte und hatte sich ein Personalgespräch vorgenommen, das er unmittelbar nach Eintreffen des betroffenen Mitarbeiters führen würde.
Seine angeblich spontanen Mitarbeitergespräche waren gefürchtet, da weder angekündigt noch vorhersehbar. Wenn er auf der abendlichen Heimfahrt den Tag Revue passieren ließ, geriet häufig ein Untergebener in den Fokus, der ihm positiv oder negativ aufgefallen war. Diesen Punkt nahm er am nächsten Vormittag zum Anlass ein grundsätzliches Performance-Gespräch zu führen, das den Delinquenten entweder in den Himmel hob oder ihn auf kahlem Fels zerschellen ließ. Letzteres geschah mit größerer Wahrscheinlichkeit, denn einen überzeugenden Lobgesang zu formulieren fiel ihm schwerer als einen verbalen Vernichtungsschlag zu führen. Das war letztlich eine Frage der Übung, denn seine Mitarbeiter konnten seinen Anforderungen selten genügen. Sie zeigten eine zu hohe Fehlerquote, die korrigiert werden musste.
Aber heute fand er nicht in seinen Rhythmus. Beim Morgensport hatte er sich vertreten, war aber trotz Schmerzen weitergelaufen. Das hatte eine Reizung der Achillessehne verursacht, deren höllische Wirkung erst nach dem Lauf voll zur Entfaltung kam. Seine Sekretärin hatte einen Inspektionstermin mit seiner Autowerkstatt für sechs Uhr fünfundvierzig vereinbart, damit er pünktlich im Büro sein konnte. Wie befürchtet, waren Werkstatt und Annahme noch nicht besetzt. Nach fünfminütiger Wartezeit ließ er seinen Wagen auf dem Werkstatthof zurück und humpelte ins Büro, das er trotzdem nicht pünktlich erreichte. Seine Sekretärin würde den Schlüssel später zur Werkstatt bringen müssen, Unnötig das alles, einfach unnötig.
Der Statusbericht war ihm nicht gelungen. Das Projekt InFeuer, eine Anwendung, die sein Bereich für das Ressort Industrie-Sachversicherung entwickelte, war notleidend, aber sein Vorgesetzter wollte einen „unauffälligen“ Bericht für den Lenkungsausschuss. „Schreiben Sie nichts Unwahres, was man uns anhängen könnte. Kleine Schwierigkeiten einräumen, aber positiver Grundtenor hinsichtlich der Restlaufzeit. Einführungsziel nicht gefährdet!“
Das waren Vorgaben, die er hasste. Nicht übertriebene Wahrheitsliebe beeinträchtigte ihn. Aber etwas, das im Argen lag, überzeugend positiv zu beschreiben, war etwas, das ihm nicht lag. Es gab genügend zutreffende, plausible Argumente, um den Zustand des Projektes objektiv zu beschreiben. Und er hatte genügend Ideen, wie man Qualität und Fertigstellungstermin doch noch halten konnte. Wozu also die Scharade, hatte er seinen Chef gefragt, als der ihn zur Schönfärberei aufgefordert hatte.
„Warum sollen wir uns kritischen Fragen aussetzen, wenn wir das Baby letztlich retten? Sollten wir es doch nicht schaffen, reicht es, zum Schluss am Pranger zu stehen. Wenn wir bereits jetzt den Notstand ausrufen, stehen wir ein halbes Jahr im Feuer.“
So einfach ticken Vorstände, hatte Althaus sarkastisch gedacht, aber erleben müssen, dass sein Vorturner ihm im Umgang mit Problemsituationen einiges voraus hatte. Trotzdem waren ihm diese Lügenberichte zuwider und dementsprechend uninspiriert fielen sie aus.
Von einem uninspirierten Bericht sprach sein Vorgesetzter, Till Tenzer, immer dann, wenn er Form und Inhalt der Aussage für Bockmist hielt. Wenn er der Meinung war, er müsse Althaus schurigeln, schmiss er das Papier ärgerlich auf den Besprechungstisch und knurrte „Das können Sie besser.“ Dann musste Althaus seinen Bericht so lange überarbeiten, bis sein Chef gnädig gestimmt war und das Elaborat mit geseufztem „Na ja“ vor sich auf den Tisch legte. In diesem Fall brachte er selbst den Report in eine ihm genehme Form und Althaus war erlöst, wenn auch mit dem unguten Gefühl, den Anforderungen seines Chefs nicht gerecht geworden zu sein. Und das wollte er unter allen Umständen vermeiden, auch wenn Tenzer ihm weder sonderlich sympathisch war, noch er um seine Position fürchtete. Einen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit auszuführen gehörte einfach zu seinem Leistungsverständnis.
Dieses Mal würde er wohl überarbeiten müssen, denn Tenzer war seit Tagen in schlechter Stimmung. Irgend etwas war im Busch, die gesamte obere Leitungsebene wirkte nicht gerade locker. Wahrscheinlich standen wieder einmal Veränderungen an. Die gehörten in diesem Unternehmen zur Kultur, aber in den letzten Jahren wurden sie in immer kürzeren Abständen durchgepeitscht. Man hatte kaum Zeit, eine Restrukturierung abzuschließen, dann stand bereits die nächste an. Alles mit heißer Nadel gestrickt! Hektik pur, von der Qualität ganz zu schweigen. Und wie immer würde das Gros der Arbeit beim Middle Management hängen bleiben, also bei Leuten wie ihm. Aber zumindest war sein Job dadurch sicher. Mal abwarten, ob sein Boss etwas verlauten ließ.
Wenn es etwas Konkretes gab, würde Althaus es als einer der ersten erfahren, denn er war Tenzers Mann für die schwierigen Fälle. „Der Mann für die Drecksarbeit, Putzer des Kaisers,“ spotteten seine Kollegen. Neidvoll, wie er meinte. Auch wenn er im Brennpunkt stand, letztlich stand er auch im Blickpunkt, kassierte die Meriten und die fette Prämie. Denn bei allen Ecken und Kanten, die er bei seinem Vorgesetzten teils bewunderte, teils hasste, er schmückte sich nicht mit fremden Federn, sondern ließ die feiern, die die Arbeit gemacht hatten. Althaus wusste, dass er instrumentalisiert wurde. Aber er gefiel sich in der Rolle als Tenzers Lieblingsinstrument und seines bevorzugten Protegés. Doch auch die Aussicht, eine exklusive Neuigkeit zu erfahren, besänftigte ihn nicht, als seine Sekretärin Daniela Grund gegen Viertel vor neun eintraf.
„Wo zum Teufel bleiben Sie,“ bellte er. „Sie wissen, dass ich um neun beim Vorstand sein muss. Jetzt müssen wir unsere Tagesplanung verschieben und einen Kaffee bekomme ich auch nicht.“
„Der Hund....“ hub Frau Grund an.
„....interessiert mich überhaupt nicht,“ fiel ihr Althaus ins Wort. „Ich bezahle Sie nicht dafür, acht Stunden in dieser Abteilung zu arbeiten, ich bezahle Sie dafür, acht Stunden für mich geplant verfügbar zu sein. Das ist doch nicht zu viel verlangt,“ wütete er, „ich zeige doch wirklich genügend Kulanz, was ihre Dienstzeiten anbelangt.“
Er drehte verächtlich schnaufend ab und stampfte in sein Büro. Sie vermied geflissentlich, ihn auf die Gleitzeitreglung des Unternehmens aufmerksam zu machen und wusste, dass sie ihn jetzt einfach in Ruhe lassen musste. Wahrscheinlich befürchtete er negative Konsequenzen aus dem anstehenden Meeting. Unstimmigkeiten mit Ranghöheren gingen ihm an die Nieren, das machte ihn immer noch nervös, nach all den Jahren im Unternehmen. Aber würde er sie auch so behandeln, wenn sie zwanzig Jahre jünger wäre?
Althaus nahm die Registermappe mit der Aufschrift Chief Technology Officer aus dem Sideboard, warf die Status-Präsentation mit Grafiken und Schlagzeilen, die er eben erst erstellt hatte, in das erste Abteil und sichtete die weiteren Vorgänge, die er für das Gespräch mit seinem Vorgesetzten einsortiert hatte. Je nach Stimmungslage von Tenzer würde er Anträge und Vorlagen zur Unterschrift aus seiner Mappe zaubern, erläutern und um Abzeichnung bitten. War die Gemengelage nicht gut, würde er sich ausschließlich auf den vorgesehenen Tagesordnungspunkt beschränken.
Er nahm seine Mappe und fuhr mit dem Aufzug auf die Vorstandsetage. Es war eine Minute vor neun, er würde pünktlich sein. Tenzer war seit acht Uhr im Büro, aber auch er hielt sich akribisch an seine fixierten morgendlichen Abläufe und hasste es, wenn jemand vor der Zeit erschien. Althaus konnte das gut verstehen. Er klopfte an die Vorzimmertür und trat ein, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten.
Maren Wolf hatte Reiseunterlagen vor sich und schaute nicht auf, als sie Guten Morgen sagte. Ganz die kühle, beherrschte Chefsekretärin, Türhüterin und Vertraute ihres Bosses, die präzise und unbestechliche Verwalterin seines Büros, und, wenn man der ewig brodelnden Gerüchteküche Glauben schenkte, dessen Geliebte. Kein sensationelles Thema. Jedem Gespann auf den ersten beiden Führungsebenen, das genügend Virilität ausstrahlte, um eine solche Beziehung anstrengungslos zu bewältigen, wurde das angedichtet. Kriterien wie Altersunterschied und Physiognomie galten nicht, schließlich hatten die beiden aus freien Stücken zueinander gefunden. Irgendwelche Anzeichen, die die Vermutung bestätigten, waren immer zu finden. Man musste sie nur richtig deuten.
Der Beziehungsbeweis bei Tenzer und Wolf wurde aus der Tatsache abgeleitet, dass es einfach keinen sichtbaren Beweis, nicht den geringsten Anlass für diese Vermutung gab. Sie arbeiteten korrekt und distanziert zusammen. Sie verloren keine beißenden Worte übereinander, aber auch keine lobenden. Wurden sie außerhalb des Büros zusammen gesehen, gab es dafür immer gute geschäftliche Gründe. Auch aus der Gehaltsentwicklung von Frau Wolf, der Anzahl ihrer Schulungstage oder sonstigen Bevorzugungen, konnten die Klatschmäuler keinen Honig saugen. Hinter soviel bemühter Political Corectness musste einfach mehr stecken. Obschon eine disziplinierte Schönheit wie Maren einen impulsiven Rabautz wie Tenzer nie ihre Gunst geschenkt hätte, wäre er nicht in gehobener Position und dieser entsprechend mit erklecklichem Einkommen gesegnet. Weisheiten, die die Firmen-Plebejer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annahmen. Wenn auch ohne besonderen Thrill. Es gab einfach zu viele solcher Klatschgeschichten, die an Trivialität nicht zu überbieten waren.
Wirklich sicher, dass die beiden ein Verhältnis hatten, war sich nur Jürgen Althaus, der fundierte Basisdaten ins Feld führen konnte. Maren Wolf war seine Geliebte gewesen und hatte ihm den Laufpass an dem Tag gegeben, an dem Tenzer ihr den Sekretariatsjob zusagte. Althaus und Maren Wolf hatten den gleichen vordergründigen Abstand zu einander demonstriert, den sie jetzt mit Tenzer inszenierte. Zwar war sie nicht seine Mitarbeiterin gewesen, hatte aber trotzdem darauf bestanden, auf Firmenebene nur die nötigsten Kontakte zu pflegen. Wenn sie zusammen waren, zeigte sie sich ausnehmend wissbegierig; wollte verstehen, was er tat und darüber hinaus, wie das Unternehmen funktionierte.
Sie hatte es ihm nicht sehr schwer gemacht, sie zu seiner Geliebten zu machen. Warum, war ihm nicht klar. Seine Qualitäten als Liebhaber, die er hoch einschätzte, waren niemand im Unternehmen bekannt. Er wollte gerne glauben, dass sie mit weiblicher Intuition seine Fähigkeiten erkannt hatte. Doch es erschien ihm naheliegender, dass sich ihr Ego mit einem Abteilungsdirektor schmücken wollte, auch wenn sie ihn nicht vorzeigen konnte. Außerdem war er zu dieser Zeit noch nicht verheiratet. Weiß Gott, wie langfristig manche Frauen denken. Aber diese Gedanken führte er für sich selbst nie weiter aus, solange er sich ihrer sicher sein konnte. Es gab nichts an ihr auszusetzen Sie war als Gesprächspartnerin und Geliebte untadelig. Aber so oft sie auch miteinander schliefen, er hatte nie das Gefühl, ihre ultimative Wahl zu sein.
Da war Tenzer bestimmt in einer besseren Position. Er lebte nicht in einer festen Beziehung, wenngleich sein privater Status nicht transparent war. Zu offiziellen Anlässen, zu denen Manager in Begleitung eingeladen wurden, trat er mit einer attraktiven Dame auf, deren Charme und Esprit sie sofort zum Mittelpunkt jeder Gesellschaft machte. Tenzer ließ offen, in welcher Beziehung er zu ihr stand, aber alle, die seine Begleiterin kennen gelernt hatten, gelangten übereinstimmend zu der Meinung, dass sie nicht seine Lebensgefährtin sein könne. Warum nicht, hatte Althaus immer gedacht. Sein Vorgesetzter hatte eine unterschwellige Art, zu bekommen was er wollte und Frauen waren davon nicht ausgeschlossen.
Er bewunderte die offene Art, mit der sein Chef ihm erklärt hatte: „Sie sind ein Arschloch, Althaus, wie ich! Wir haben erschreckend viel gemeinsam. Das macht sie nicht sonderlich sympathisch, aber kalkulierbar. Das schätze ich bei Mitarbeitern.“
Genau so sah Althaus es vice versa. Der IT-Chef instrumentalisierte ihn, konditionierte ihn, nutzte jede Fähigkeit, die er anbieten konnte. Aber er ließ ihm den Freiraum, sich seine Spielwiese zu suchen und darauf zu profilieren. Er war in allen Förderprogrammen, hatte keine Probleme mit der Genehmigung von Auslandsreisen oder exklusiven Seminaren. Er wurde gut bezahlt und durfte seine Erfolge für sich markieren. Doch die größte Verbundenheit mit seinem Vorgesetzten beruhte darauf, dass der immer einmal wieder darauf hinwies, dass Althaus ein potenzieller Nachfolgekandidat für ihn sei. Was mehr kann man sich wünschen? Da lag es doch in seinem ureigensten Interesse, Tenzer zu den Erfolgen zu verhelfen, die ihm den nächsten Karriereschritt ermöglichten. Und genau damit tat er sich jetzt schwer.
Ingrimmig dachte er an die Präsentation in seiner Mappe, die das verunglückte Projekt nicht reinwaschen konnte, wie Tenzer es verlangt hatte. Er enttäuschte eine Reihe von Menschen, die ihm wichtig waren: seinen Boss, sich selbst und auch den Auftraggeber des Projekts InFeuer, Bernhard Melchior.
Maren Wolf schien sich nur mit ihren Reiseunterlagen zu beschäftigen und würdigte ihn keines Blickes. Das Anmelden eines Besuchers gehörte nicht zu den üblichen Gepflogenheiten des Tenzer‘schen Vorzimmers. Man hatte zu warten, bis sich die Tür zum Allerheiligsten öffnete und der Meister selbst den oder die Besucher mit einer plakativ-herzlichen Begrüßung herein bat. Kaffee und Wasser standen auf dem Besprechungstisch bereit, und seine preliminaren Freundlichkeiten dauerten exakt so lange, bis seine Gäste sich bedient hatten. Dann pflegte er externe Besucher zu fragen `Was können Sie für mich tun? Interne schaute er lediglich an und wartete ungeduldig auf ihren Vortrag.
Es dauerte kaum mehr als 20 Sekunden, bis Althaus begrüßt wurde. Sein Vorstand verlangte sofort nach der Statuspräsentation und las, während Althaus sich mit Kaffee und Milch bediente. Nur das Rascheln der Seiten, die der Leser auf den Tisch legte, unterbrach die angespannte Stille.
„Sie meinen also,“ sagte er sichtlich gereizt, nachdem er das letzte Chart abgelegt hatte, „ich sollte mit dieser Präsentation manifestieren, dass wir den Einführungstermin um drei bis sechs Monate überziehen werden und das Budget dann zu 160% ausgeschöpft sein wird? Wie würden Sie als neutraler Dritter ein solches Projekt bezeichnen? Würden Ihnen Adjektive wie chaotisch oder dilettantisch einfallen? Würden Sie an Unfähigkeit und Zur-Verantwortung-ziehen denken? Würden Sie sich als Auftraggeber weigern, die immensen Mehrkosten zu tragen?“ Diese Zuspitzungen kannte er zur Genüge und sie ließen ihn unbeeindruckt. Doch Tenzer überzog nur scheinbar. Er meinte genau, was er sagte. Das Projekt war aus der Spur gelaufen und der Projektleiter Althaus trug die Verantwortung. Aber eigentlich wollte sein Chef ihn nicht für den Projektabsturz schurigeln. Die Schieflage des Projekts war ihm bereits seit Monaten bekannt. Er wollte seinem Mitarbeiter die Grenzen aufzeigen, ihm veranschaulichen, dass er nicht in der Lage war, aus einem misslungenen Projekt unbeschadet heraus zu kommen. Und demütigen wollte er ihn, dafür bestrafen, dass er nun selbst eingreifen und die Kastanien aus dem Feuer holen musste.
Viele Kollegen hielten das für Tenzers altruistische Ader. Wenn es unangenehm wurde, stellte er sich vor seine Leute, nahm sie aus der Schusslinie. Respekt! Aber Althaus war sich sicher, dass dieses Verhalten anders motiviert war. Der betrieb Schadenbegrenzung, weil er nicht an die Fähigkeit seiner Mitarbeiter glaubte, wirklich kritische Aufgaben zu lösen. Da übernahm er lieber gleich selbst. Nur der Boss kann‘s richten. Warum nicht, dachte er, wenn er diese Art von Bestätigung braucht. Nur nicht provozieren lassen.
„Ich meine,“ entgegnete Althaus ruhig, „viele valide Argumente aufgezeigt zu haben, warum die ursprüngliche Projektplanung nicht tragfähig war, warum die Anwendung ihre Nutzenziele trotzdem erreichen wird, und was wir getan haben und tun, um die Abweichungen zu begrenzen.“
„Haben Sie,“ entgegnete sein Chef, „haben Sie! Aber im Vorstand wird hängenbleiben, die IT überzieht wieder einmal um Millionen! Damit kann ich gleich einpacken. Können Sie mir einen guten Headhunter empfehlen?“
Wenn er zynisch wird, hat er eine Lösung im Kopf, wusste Althaus. Dann brauche ich meine Argumente erst gar nicht zu verteidigen. Der macht sowieso sein eigenes Ding. Jetzt nur noch brav Männchen machen und den Meister bewundern anschauen. Mehr wird nicht verlangt.
„Lassen Sie ihren Controller den Kostenplan analysieren und kämmen Sie jede gottverdammte Position aus, die nicht unmittelbar mit der Anwendung zu tun hat. Infrastruktur, Architektur, Einbindung in das Workflow-Management, neue Entwicklungswerkzeuge, Schulungen und so weiter. Sie kennen das besser als ich. Und sehen Sie zu, dass das in Summe mindestens soviel ausmacht, dass wir wieder im Budgetrahmen sind, wenn wir die atypischen Kosten eliminieren.“ Althaus sah seinen Chef fragend an.
„Dann sind wir wieder im Budget,“ bestätigte er. „Aber trotzdem muss irgend jemand den Aufwand tragen.“
