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Himmel und Hölle durchlebt das Mädchen Brigitte mit ihren acht Geschwistern. Erst in der Nähe des Bahnhofs, später auf »dem Texas«, in Kirchdorf, in Mecklenburg/Vorpommern, seinerzeit noch Bezirk Schwerin. Die Eltern sind beide alkoholabhängig. Schnell muss Brigitte lernen, was es heißt, sich um Eltern und Geschwister gleichzeitig zu kümmern. In ihrem Buch erzählt sie eine so berührende wie erschütternde Familiengeschichte ... und wie sie letztlich den Zuständen auf »dem Texas« entgeht. Die Autorin lebt heute in Thüringen.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Brigitte Reikat
TEXAS INMECKLENBURG
Mit dreizehn Illustrationen von Wolfgang Schieweck
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2019
Dank an Andreas Heß, Bad Klosterlausnitz, und Eberhard Ulm, Borna, für die Unterstützung.
Die Illustrationen Wolfgang Schiewecks entstanden exklusiv für „Texas“. Weitere Informationen zum Werk des Künstlers unter: www.wolfgang-schieweck.de
Einige dialektale und grammatische Eigenheiten entsprechen norddeutschen Gepflogenheiten bzw. der Intension und familiären Erfahrung der Autorin.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.
Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Lektorat: André Schinkel, Halle (Saale)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Das glaubt mir ja doch keiner,
doch – weil es wahr ist.
Martha
Brigitte
Wilfried
Margot
Knut
Dorothea
Andreas
Rudi
Ulrike
Cover
Titel
Impressum
Bahnhof
Die Abreibung
Kino
Der Pepitakoffer
Das Gewitter
Die Nacht im Heu
Das Senfglas
Die Negerpuppe
Das Fenster
Nikolaus
Das Marzipanbrot
Texas 01, 2821 Kirchdorf
Die Schraube
Mein Plan
Die Bratpfanne
Das ewige Stück Seife
Der Plisseerock
Der Schlüpfer
Besuch
Rote Lackschuhe
Schwarzer Tee und Ochotnitschi
Die Russen kommen
Spartakiade
Abschied
Popenkuhler und Tollwut
Rhabarberwein
Milchtank und Trosilin
Krusendorf
Wunder
Pumpesen
Der Strumpf
Die Spiegelbar
Schöne Bescherung
Oma und Opa – Rosenweg 07
Schwarzer Brokat und Buntes Trägerkleid
Alarm
Weißt du noch, weißt du noch?!
Brisant
Rosi
Katastrophe
Hoch die Tassen
Überraschung
Die Csárdás-Fürstin
Küchenwalzer
Kuss-Verbot
Rostock
Plan B
Invasion der Fliegen
Texas adé
„Oma, ich geh’ jetzt nach Hause.“
„Ist gut, Brigitte. Kannst du die Hühner noch füttern? Ich hacke noch ein bisschen Holz für den Küchenherd. Du weißt, ein Scheffel Gerste und ein halbes Scheffel Weizen.“
„Ist gut, Oma.“
Ich nehme die Abkürzung durch den Wald, den Tannenweg. Gleich am Anfang stehen meine beiden Freunde. Zwei wunderschöne Tannen. Ich lege mich zwischen sie und sehe in den Himmel. Es ist wunderschön ruhig. Der Wind wiegt die großen Äste. Mal streiten sie miteinander, mal „geben sie sich die Hände“.
Der Wind ist mein allerbester Freund. Ich höre den Halb-sechs-Uhr-Zug. Oh, ich muss mich sputen! Um sechs muss ich zu Hause sein.
„Macht es gut, meine Freunde. Vielleicht komme ich morgen wieder.“
Ich wohne mit meinen Eltern und drei Geschwistern auf dem Bahnhof in Kirchdorf. Der richtige Weg ist drei Kilometer vom Dorf entfernt. Diesen kommt Opa jeden Tag mit seinem Fahrrad gefahren. Er fährt dann mit dem Frühzug nach Güstrow zur Arbeit.
Unser Haus ist groß und sehr alt. Fünf breite große rote Steinstufen bis zur Haustür, sieben alte Holztreppen nach oben zum Podest, nochmal vier Stufen, und dann kommt der Flur. Die Dielen sind schon ganz schön durchgebogen. Unten im Haus ist rechts noch eine Tür. Da wohnt Herr Jonnek. Ich habe Angst vor ihm. Er redet nie mit uns, geht nie einkaufen im Dorf und hat fast immer die gleichen Sachen an. Sein Hund Senta zieht immer den Handwagen wenn sie zusammen früh in den Wald gehen. Sie kommen immer erst spät zurück.
Papa hat auch einen Hund. Er heißt Flocki und ist nicht so groß wie Senta. Ich spiele oft mit Flocki. Wir rennen immer um die Wette.
„Auch wenn Herr Jonnek euch nicht grüßt, ihr habt zu grüßen!“, sagt Mama immer.
Auf unserer Seite der Bahnschranken stehen noch zwei Wohnhäuser. Zaremba und Seidlitz wohnen drin. „Ihr geht nur bis Seidlitz seinem Haus und weiter nicht! Hinter dem Wald ist die Welt zu Ende“, sagt Mama immer. Ich schaue auf den langen Sandweg, der zu einem großen dunklen Wald führt und frage mich oft. wie dahinter das Ende der Welt wohl aussieht? Ein bisschen Angst habe ich auch vor dem Ende der Welt.
Vor den Bahnschranken zum Dorf stehen auch noch zwei Häuser. Prahls und Peters wohnen darin. Das sind feinere Leute mit ordentlichen Häusern. Sie wollen nichts mit uns zu tun haben. Peters gehört auch der Dorfkrug, wo Mama und Papa oft hingehen.
Martha ist meine große Halbschwester. Sie ist zwei Jahre älter als ich, dünn wie eine Bohnenstange und will immer bestimmen. Ich bin nächstes Jahr ein Schulkind. Mein Bruder Wilfried hat mit mir Geburtstag. Er ist ein Jahr jünger als ich. Meine Schwester Margot ist noch klein und lernt gerade laufen.
Wilfried ist Papas Liebling und eine Memme. Immer wenn er mal hinfällt oder wir ihn schubsen, schreit er wie am Spieß, bis er blau anläuft. Einmal ist er sogar schon so umgekippt. Martha und ich müssen immer auf ihn aufpassen und herhalten, wenn er loslegt.
Heute ist ein schöner Sommertag. Wir drei sitzen draußen auf der Treppe und lassen uns von der Sonne wärmen. Es ist noch ganz schön früh. Wir albern rum. Um richtig warm zu werden, spielen wir dann Greifert. Wilfried fliegt hin.
„Los, Brigitte, halt ihn ja fest!“, schreit Martha. Ich nehme ihn in den Schwitzkasten. Martha stellt sich vor ihn hin.
„Wenn du jetzt anfängst zu brüllen, dann knalle ich dir so eine, dass du nochmal richtig hinfliegst! Diesmal halten wir nicht für dich hin.“
Wilfried läuft nicht blau an und fällt auch nicht um. Das Brüllen ist ihm im Hals steckengeblieben. Das war eine schöne leise Abreibung!
Ich sitze draußen auf der Treppe und habe „die grüne Langeweile“. Da sehe ich einen Waggon. „Wilfried, komm schnell! Ein Zigeunerwagen ist da hinten bei den Güterwaggons!“
Wir beide gehen hin und schauen vorsichtig. Sie wollen heute Nachmittag einen Kinofilm zeigen. Zwanzig Pfennig soll jeder bezahlen.
„Wilfried, du musst Papa fragen nach Geld, und ich frage Gerhard, ob er mitkommen darf.“
Gerhard Zaremba ist mein Freund. Er ist nicht eingebildet, so alt wie ich, ganz schön dick und immer lustig. Natürlich wohnt er auf unserer Schrankenseite bei den Bahnschienen.
Ich klopfe bei Zarembas. Rein in die Wohnung darf ich nicht, weil ich immer Flöhe habe.
„Gerhard, komm raus! Die Zigeuner sind hier. Sie wollen einen Kinofilm zeigen. Du musst aber zwanzig Pfennig mitbringen. Da kannst du bestimmt auch deinen Bauchtanz zeigen.“
Gerhard hat einen ziemlich fetten Bauch. Es ist immer ganz lustig. wenn er uns seinen Bauchtanz zeigt. „Komm, Gerhard, zeig uns vorher noch mal deinen Bauchtanz“, bettle ich ihn an.
Den zeigt er nicht oft, weil wir immer lachen müssen. „Aber wehe, ihr lacht wieder, dann geht es nicht mehr.“ Er zieht seinen Pullover hoch.
Gerhard stemmt seine Hände in die Seiten, macht seinen Mund zu, holt ganz tief Luft, bläst seine Backen auf wie ein Frosch und hält die Luft an. Dann geht es los. Ich halte meine Hand vor den Mund, gucke Wilfried und Martha an. Sie machen das Gleiche. Aus Gerhards Bauch werden zwei Speckrollen, und sie rollen unterschiedlich mal rein, mal raus.
Nun kann ich nicht mehr. Mein Bauch wackelt ja selbst schon, so doll verkneife ich mir das Lachen. Martha und Wilfried sind auch schon ganz rot im Gesicht. Länger kann ich es nicht mehr aushalten. Wie Gerhard nur aussieht! Es geht nicht mehr. Ich nehme meine Hand vom Mund pruste los und spucke dabei Gerhard auf seinen Bauch.
Das war ja wieder mal lustig! Dann gehen wir alle zum Zigeunerwagen. Das Geld hat Wilfried von Papa bekommen. Mama hat einen Besen vor unsere Haustür gestellt. „Wenn die Zigeuner einen Besen vor der Haustür stehen sehen, trauen sie sich nicht ins Haus.“
Es geht los. Wir gehen in den Wagen. Die Tür wird zugemacht. Alles ist dunkel. Der Film heißt: Die Suche nach dem kunterbunten Vögelchen.
Ich fürchte mich und habe Angst vor dem bösen Zauberer. Die Polizei befreit am Ende das kleine Vögelchen, und der böse Zauberer wird verhaftet. Ich bin froh, dass der Film endlich zu Ende ist, die Tür aufgemacht wird und ich raus kann.
Wenn ich darf, gehe ich morgen zu Oma und erzähle ihr alles. Ich frage gleich mal.
„Mama, darf ich morgen wieder zu Oma?“
„Nein, morgen müsst ihr drinnen bleiben. Papa und ich können ein letztes Mal einfach so nach Hamburg fahren. Dann sind die Grenzen zu. Wir fahren gleich mit dem Sieben-Uhr-Zug.“
Ich habe immer gedacht; dass man mit dem großen schweren Zug immer überall hinfahren kann. Eine Grenze kenn’ ich nicht. Wie soll die nur aussehen?! Wenn ich mal Zug fahren darf, guck’ ich sie mir mal ganz genau an.
„So, wir fahren jetzt. Ich stell’ euch was zu essen hier auf euren Tisch.“
Mama schließt uns ein. Sie gehen runter zum Zug. Jetzt sind wir wieder allein. Das sind wir oft.
Ich finde, dass ich komische Eltern habe. Ganz selten dürfen wir in die Stube. Sie nehmen uns nie in die Arm, spielen nie mit uns und sperren uns oft ein. Sie essen immer in der Wohnstube und wir immer im Kinderzimmer. Sie essen auch ganz andere Sachen als wir. Mama ist in Pommern auf einem großen Gutshof geboren. Sie hat noch vier Geschwister. Als der Krieg zu Ende war, kamen die Russen und haben ihnen alles weggenommen. Ihren Vater haben sie an die Wand gestellt und erschossen. Die Kinder mussten zusehen. Ihre Mutter ist an einer Lungenentzündung gestorben. Sie ist dann mit ihren Geschwistern geflüchtet. Mitgenommen haben sie nur die Federbetten und paar Kleinigkeiten. Das Silberbesteck haben sie vergraben. „Eines Tages fahre ich mit Tante Hildegard und Onkel Emil hin und hole es“, sagt Mama immer.
Papa ist in Kirchdorf groß geworden bei Oma und Opa. Er hat noch einen Bruder. Onkel Siegfried. Onkel Siegfried kommt nächstes Jahr zur Armee. „Brigitte, du kannst dann in seinem Zimmer schlafen, wenn du mal bei uns bleibst“, sagt Oma immer.
Mama und Papa arbeiten beide auf unserer LPG in Kirchdorf als Traktoristen.
Unser Kinderzimmer ist nicht sehr groß. Ich teile mir mit Martha ein Bett. Das steht an der Wand, Wilfrieds Bett an der anderen Wand. Margot schläft noch in einem Kinderbett. Es steht hinter der Tür. In der Mitte stehen der runde Tisch und Stühle. Einen Schrank haben wir nicht.
Im Bett streite ich mich immer mit Martha.
„Gib mir auch ein Stück Zudecke. Ich friere und kann nicht schlafen!“
„Dann wühl nicht immer so rum! Ab morgen schläfst du am Fußende und wage ja nicht, deine Quanten in mein Gesicht zu bewegen!“
Ich bin einverstanden. Nun hat sie auch das Kopfkissen für sich alleine.
Mama und Papa sind jetzt bestimmt schon in Hamburg und kommen bald zurück. Wir warten und warten. Der Vier-Uhr-Zug ist durch und auch der Sechs-Uhr-Zug. Eine Uhr brauchen wir nicht. Wir sehen und hören ja die Züge.
„Ich muss mal ganz doll!“, sagt Martha.
„Dann mach doch einfach in das Glas da.“
„Das geht nicht, Brigitte. Ich muss ganz dringend kacken!“
Auch das noch. In der Ecke unter all den Plünnen von uns liegt ein Pepitakoffer. „Dann mach eben in den Koffer. Aber mach ja den Deckel wieder zu.“ Ich räume die Plünnen runter. Martha hat es wirklich ganz eilig.
Wir halten uns die Nase zu. Martha macht den Deckel wieder zu, räumt die ganzen Sachen von uns wieder drauf, und wir warten und warten. Der Acht-Uhr-Zug kommt. Ich höre unten die Haustür. Mama und Papa sind endlich da. Wir haben Hunger.
„Wir waren ganz schön lange weg, aber wir haben was zu essen mitgebracht für euch.“
Mama klingt komisch. Bestimmt haben sie wieder Schnaps getrunken. Sie legt eine Tüte auf unseren Tisch. Drei riesengroße Bockwürste sind drin.
„Das sind ganz besondere Würste. Das sind Pferdebockwürste. Die schmecken besonders gut. Ihr werdet sehen.“
Martha beißt rein. „Pfui Deibel, die ist ja kalt und eklig!“ Sie kaut ihren Haps durch und pustet ihn an die Decke. „Los, Brigitte, mach mit und du auch, Wilfried! Wessen Stück am längsten an der Decke kleben bleibt, der hat gewonnen.“ Wir pusten um die Wette. Der Hunger ist weg. Ein Riesenspaß.
Plötzlich geht die Tür auf. „Was macht ihr denn für ein Krach hier drin?!“ Papa guckt uns der Reihe nach an. Wenn jetzt ein Stück von der Decke fällt, dann ist Polen offen!
„Martha hat gerade einen Witz erzählt“, sage ich schnell.
„Jetzt ist aber Ruhe hier! Schert euch ins Bett!“, schimpft Papa und geht.
Oh … da haben wir jetzt aber Glück gehabt.
Im Bett lass ich meine Quanten raushängen, damit sie nicht in die Nähe von Marthas Gesicht landen. Ich habe Hunger. Die Bockwurst hängt an der Decke oder liegt irgendwo im Zimmer in kleinen Stückchen rum. Ich kann nicht einschlafen. Die Tür geht auf.
„Brigitte, schläfst du schon? Hast du Hunger?“
Onkel Siegfried steht auf einmal vor unserem Bett. Er riecht nach Schnaps.
„Ja, und wo kommst du denn her?“
„Ich bin schon lange hier, und ich bring’ dir was zu essen. Aber sei leise.“
Onkel Siegfried geht und kommt gleich wieder. Er macht auch kein Licht an. Er setzt sich auf die Bettkante und gibt mir mein Essen. Ich beiße hungrig rein.
„Iiiiie…h, das ist doch Seife! Du bist gemein, Onkel Siegfried!“
Er lacht und sagt: „Ich komm nachher bei euch mit ins Bett“ …und geht wieder in die Stube zu Mama und Papa. Ich weine enttäuscht, bin wütend, mache mich ganz klein im Bett, rolle mich zusammen, damit Onkel Siegfried nachher auf Marthas Seite geht.
Am Nächsten Morgen ruft Opa, früh halb sechs Uhr, schon nach Onkel Siegfried. „Kum rut dor und scher di no hus!“, brüllt er auf Plattdeutsch: „Komm raus da und scher dich nach Haus!“ Siegfried versteckt sich bei uns unter dem Bett. Niemand von uns geht ans Fenster, denn wir dürfen nichts sagen. Opas Zug kommt, und er fährt zur Arbeit nach Güstrow.
Ein schöner Sommertag. Ich darf heute wieder zu Oma ins Dorf. Schön, ich freue mich.
Oma steht vor dem Küchenherd und heizt an. Sie hat mich gar nicht gehört. Ich schleiche mich ran.
„Na, Oma!“, sage ich laut. Oma dreht sich wie ein wild gewordener Handfeger um und verpasst mir eine riesige Ohrfeige.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, Brigitte, du sollst mich nicht immer erschrecken! Merk dir das endlich!“ Ich halte meine Wange und bin total verdattert. Jetzt merk’ ich es mir ganz bestimmt.
Meine Oma Lydia ist die beste Oma auf der Welt. Sie schimpft mich nicht und ist immer lustig. Manchmal klönt sie ganz lange mit Frau Ida Kludasch. Das ist ihre Nachbarin. Opa Friedrich kommt immer um sechs Uhr von der Arbeit. Da muss ganz pünktlich das Abendbrot auf dem Tisch stehen. Es gibt immer was Warmes. Wenn Oma zu lange mit Tante Ida erzählt, dann schafft sie es manchmal nicht. Da gibt es dann Riesenärger.
Heute ist Tante Ida nicht da. „Brigitte, ich hacke noch ein bisschen Holz, und du kannst es im Schuppen auf die unteren Reihen schon stapeln. Aber nicht mehr lange. Es sieht nach Gewitter aus. Da gehst du besser vorher nachhause.“
„Opa Friedrich ist geizig, böse und ein Gnatzkopf“, sagt Mama immer. Ich darf nichts von zu Hause erzählen, sonst darf ich nicht mehr hin. Für mich ist Opa Friedrich ein strenger Opa, aber lieb. Jeden Abend warten wir auf den Halb-sechs-Uhr Zug mit dem Opa von der Arbeit kommt. Er bringt uns immer einen Lutscher mit. Sonnabends kommt er schon mit dem Halb-einser-Zug. Da bekommen wir dann einen braunen Vollmilchlutscher mit Pfeife. Und einmal war sogar Kaffee drin!
„Brigitte, du musst jetzt nach Hause. Das Gewitter geht bald los. Die Hühner füttere ich heute. Geh am besten die Straße lang.“
„Ist gut, Oma. Ich komm’ dich bald wieder besuchen.“
Ich gehe nicht den langen Weg. Da muss ich ja bei Peters und Prahls vorbei. Die zwei blöden großen Jungs, Joachim und Willi, ärgern mich nur wieder. Außerdem möchte ich noch zu meinen beiden Freunden. Ich lege mich zwischen ihnen ins Gras. Mein allerbester Freund, der Wind, wiegt ihre Äste hin und her. Heute pustet er so doll, dass sie sich manchmal umarmen. Es sieht aus, als würden sie tanzen. Ich höre dem geheimnisvollen Rauschen zu. Wenn Mama und Papa sich mal so umarmen würden, das wäre schön.
„So, jetzt muss ich mich aber sputen. Ich komme bald wieder.“
Heute möchte ich unbedingt sehen, wie es bei Herr Jonneck aussieht. Vielleicht kommen er und Senta früher nach Hause. Ich setze mich unten im Flur auf die zweite Stufe und warte. Sie kommen endlich. Die Haustür geht auf.
„Guten Tag, Herr Jonneck.“ Er sagt keinen Ton, macht seine Tür nur einen kleinen Spalt auf, und schon sind sie beide verschwunden. Ich habe gar nichts gesehen.
Spät am Abend geht das Gewitter los. Mein allerbester Freund, der Wind, hat richtige Wut. Er fegt viele Dachziegel von unserem Haus. Es blitzt und donnert laut. Wir alle haben fürchterliche Angst. Papa ist auch noch nicht zuhause. Er ist bestimmt wieder bei Peters im Krug.
Mama sucht alle Papiere zusammen. „Ihr nehmt jetzt jeder euren Impfausweis. Wir gehen zu Herr Jonneck runter.“
Mama klopft an. Wir stehen auf der Treppe und warten. Ich habe so eine Angst vor dem Gewitter und Herrn Jonneck, dass ich gar nicht mehr neugierig bin auf sein Zimmer.
Er lässt uns rein. Vielleicht hat er auch Angst. Ein riesiges Bett steht gleich hinter der Tür. Martha, Wilfried, Margot und ich, wir müssen uns hineinlegen. Martha und ich am Kopfende, Margot und Wilfried am Fußende.
Das Zimmer ist ziemlich groß und durch einen Vorhang geteilt.
„Wollt ihr was trinken?“, fragt Mama. Wir nicken. Herr Jonneck kocht uns Muckefuck.
Ich beobachte alles ganz genau. Er hat nur einen Becher zum Trinken.
Ich schubse Martha an. „Guck doch mal, der macht Salz in den Kaffee! Den trinke ich nicht.“ Herr Jonneck guckt uns nur an. Bestimmt hat er alles verstanden. Gesagt hat er noch kein Wort. Vielleicht kann er gar nicht sprechen?! Er gibt mir den Becher. Ich gebe ihn weiter an Martha. „Du zuerst, du bist älter!“ Wir trinken den Becher Kaffee der Reihe nach aus und bleiben am Leben.
Senta liegt ganz zusammengekauert unter dem riesengroßen Bett und winselt. Es donnert und blitzt immer noch. Dachziegel fallen krachend herunter. Auf keinen Fall werde ich einschlafen. Ich muss aufpassen, was so alles passiert und was Herr Jonneck noch so macht. Ich sehe ihn das erste Mal ohne seine Schildmütze. Er hat ganz weißes Haar und schöne Augen. Er ist ganz schön dünn. Als ich aufwache, ist es Tag. Mist, nun bin ich doch eingeschlafen.
Herr Jonneck und Senta sind schon weg. Das Gewitter hat großen Schaden an unserem Dach angerichtet. Überall fehlen Ziegel. Papa und Herr Zaremba reparieren es, so gut es geht.
„Immer nur bei uns…“, sagt Papa.
„Ihr habt ja auch das höchste Haus hier. Irgendwo muss sich doch der Sturm austoben können“, sagt Herr Zaremba.
Papa geht dann den langen Sandweg zum großen dunklen Wald entlang. Bestimmt will er zum Ende der Welt – gucken, was der Sturm dort angerichtet hat. Ich gehe hinterher. Kurz vor Seidlitz bleibt er stehen.
„Du gehst jetzt wieder nach Hause. Mit Seidlitz darfst du niemals sprechen. Das ist ein Verbrecher. Hörst du?!“
„Ist gut, Papa.“
Sie gehen zusammen in den Wald und ich nach Hause. Am Nachmittag kommen sie wieder.
Papa, Herr Zaremba und der Verbrecher setzen sich vor unserm Haus auf die Bank und wollen das ‚neue Dach‘ begießen. Mama kommt auch dazu. Sie hat noch das Beil vom Holzhacken in der Hand. Sie werden immer lauter und schreien sich an. Warum gehen sie nicht alle nach hinten in den Hof? Da hört und sieht sie doch keiner. Und Opa kommt auch gleich mit dem Zug von der Arbeit.
Plötzlich nimmt Papa das Beil und geht auf Seidlitz zu. „Du Verbracker, du, mock, dat du noch Hus kümmst, soss passiert di wos!“
Die Erwachsenen sprechen immer plattdeutsch, damit wir Kinder nicht alles verstehen. Ich höre immer genau zu und verstehe schon ganz schön viel Platt.
„Hört auf, hört auf …!“, schreie ich nun auch. Herr Zaremba nimmt Papa das Beil weg. Herr Seidlitz steht auf und geht.
Opa kommt mit dem Zug. Er guckt zu uns rüber und schüttelt nur mit dem Kopf. Ich schäme mich für meine Eltern. Papa ist heute wieder ‚rennduhn‘. Wenn das so ist, dann hat er nicht genug Schnaps getrunken und fängt doll an zu streiten. Ich habe dann immer große Angst.
Jetzt fährt er erstmal zu Peters. Aber heute kommt Papa gleich zurück. Er hat Schnaps geholt. Wir gehen alle ins Haus. Wir in unser Zimmer, Mama und Papa in die Stube.
„Ich geh’ jetzt ins Bett, damit ich ganz fest schlafe, wenn sie sich wieder streiten“, sage ich. Martha und Wilfried machen es auch so. Wir können nicht schlafen. Überall juckt es uns. „Ich gehe jetzt eine Runde um den Tisch, macht ihr mit? Vielleicht hilft es ja.“
Martha und Wilfried machen mit. Viele, viele Runden gehen wir. In der Stube wird es immer lauter. Jetzt kracht und scheppert es. Ich halte mir die Ohren zu. Plötzlich reißt Mama unsere Tür auf.
„Los schnell, nehmt eure Sachen und rennt in den Hof auf den Dachboden!“
Unsere Sachen haben wir noch an. Martha schnappt sich Margot und ich das Kissen aus ihrem Bett. Ganz schnell rennen wir die Treppen herunter. Herr Jonneck macht seine Tür auf und gleich wieder zu. Wir rennen über den Hof in die Scheune auf den Boden hoch. Mama kommt hinterher.
„Ihr versteckt euch hier hinten in der Ecke im Heu und wartet bis ich wieder da bin. Ich gehe Opa holen. Soll er mal sehen, was sein Sohn so angerichtet hat!“
Wilfried flennt. „Ich friere, mir ist kalt, ich habe Angst.“
„Pssst, hör auf zu flennen! Sei leise. Denkst du, ich schwitze und habe keine Angst?“ Ich boxe ihn mit meinen Ellenbogen in die Seite und wünsche mir, dass Papa uns nicht findet. Endlich kommt Opa hoch in die Scheune auf den Boden.
„Ihr kommt jetzt mit mir. Margot bleibt mit Mama hier.“ So, wie wir sind, gehen wir dann mit Opa. Opa nimmt die Abkürzung durch den Wald. Ich nicke meinen beiden Freunden heimlich zu. „Danke, dass ihr mich gerettet habt“, flüstere ich.
Es ist schon ganz schön spät. Der Zwölf-Uhr-Zug ist schon vorbei. Es ist kalt und dunkel. Opa sagt keinen Ton. Wir auch nicht. Bestimmt dürfen wir nachher in Omas schönen Bett schlafen Ich freue mich schon drauf.
Martha und Wilfried sind wieder zu Hause. Ich bleibe noch ein paar Tage bei Oma und Opa. Ich habe so lange gebettelt, bis Mama endlich Ja gesagt hat. Oma freut sich und ich mich auch. „Da bin ich nicht immer tagsüber allein zuhause. Du kannst mir schön bei der Arbeit helfen. Opa geht ja früh aus dem Haus und kommt erst am Abend wieder.“
„Natürlich, Oma. Ich kann abtrocknen, die Küche ausfegen, Holz stapeln, die Hühner füttern und auch das Gras von den Steinplatten bei deiner Haustür und unter dem Küchenfenster rausrupfen. Ich kann schon ganz schön viel, Oma.“
Oma hat einen wunderschönen Fußboden in der Küche. Er ist ganz und gar aus Stein, glatt und hat keine Ritzen. Ich kann viele kleine blanke Kieselsteine in ihm entdecken. Opa sagt, der Fußboden heißt Terrazzo. Wenn Oma auf dem Feld ist, werde ich ihn mal wischen, als Überraschung. Da wird sie sich bestimmt freuen.
Das Rübenfeld von Oma und Opa ist weiter weg. Oma fährt immer mit dem Fahrrad hin, um die Rüben zu hacken. Heute auch. Ich bleibe dann so lange zuhause und vertreibe mir die Zeit. Ich beobachte die Hühner. Sie scharren und suchen nach Futter im Hof. Fast nie gehen sie auf den schmalen, roten Steinweg. Den Weg hat Opa aus Maurerziegeln gebaut. Er sagt immer zu Oma: „Pass up, dat de Heuner nich alls werrer vüllschidden.“ Oma hat sie bestimmt schon oft vom Weg gescheucht, damit die Steine sauber bleiben. Also haben die Hühner sich das gemerkt und sind nicht dumm.
Auf dem Steinweg neben dem Küchenfenster steht eine einfache Holzbank, ohne Lehne an der Hauswand. Unter der Bank stehen immer die Nachttöpfe. Oma holt sie abends immer rein. Das Klo ist am Ende des Steinwegs. Es ist ganz schön groß, mit einer Holztür davor. Opa lässt die Tür jedes Mal auf, wenn er „Sitzung“ auf dem Thron hat. Sonntags liest er immer die Zeitung dabei und lässt sie dann liegen zum Hinternabwischen. Ich gehe ganz, ganz selten da drauf. Ich habe Angst, dass ich reinplumpse und mich dann die fetten Maden mit dem viereckigen Hintern auffressen. Die schwimmen im Sommer immer in der Kuhle rum. Und wenn die Kacke dann weit oben ist, sind sie auch mit oben und knabbern mich an. Zuhause haben wir auch so ein Klo, draußen hinten im Hof. Oben im Flur steht ein Eimer mit Deckel, wenn wir nachts mal pullern müssen.
Opa macht die Kuhle immer mit der Jauchenkelle leer und gräbt alles im Garten ein. „Da werden die Kartoffeln aber wachsen und schmecken“, sagt er dann immer und lacht. Mich schüttelt es, aber Kartoffeln esse ich ganz gerne.
Die Hühner gackern auf einmal laut. Martha, Wilfried und … Gerhard sind plötzlich da. „Was wollt ihr denn hier? Kannst du einen neuen Bauchtanz, Gerhard?“
Martha stellt sich vor mir hin: „Du sollst nach Hause kommen, hat Mama gesagt. Wir wollen dich abholen.“ Ich gehe ein Stück zurück. Gerhard stellt sich vor mich.
„Ich komme nicht mit euch. Das stimmt doch gar nicht! Ich warte, bis Oma wieder da ist und frage sie dann.“
„Du kommst jetzt mit, aber flott!“
„Nun lass sie doch in Ruhe. Dann warten wir eben solange, bis deine Oma wieder da ist“, sagt Gerhard.
Martha ist wütend. Auf dem Fensterbrett steht ein leeres Senfglas. Sie nimmt es in die Hand. „Wenn du jetzt nicht zur Seite gehst, schmeiße ich!!!“
„Schmeiß doch, schmeiß doch, traust dich doch sowieso nicht!“
Mit aller Wucht schmeißt Martha das Senfglas und trifft Gerhard an den Kopf. Es blutet wie verrückt. Sein weißes Turnhemd wird ganz rot. Was nun …? Martha steht da und rührt sich nicht vom Fleck. Die Nachbarn sind alle nicht zuhause.
„Ich renne jetzt zum Konsum, da wird uns bestimmt jemand helfen. Du, Wilfried, wartest hier auf Oma.“
Ich renne los. Bis zum Konsum ist es nicht weit. „Warte, ich komme mit!“ Gerhard kommt mir mit seinem blutigen Turnhemd hinterhergelaufen. Sein Kopf blutet immer noch. Im Konsum macht Frau Zengel eine Binde drum und ruft auf dem Bahnhof und bei der LPG an. Gerhard und ich, wir warten im hinteren Zimmer des Konsums. Mama, Papa und Herr Zaremba kommen, und wir gehen zu Oma. Oma und Wilfried warten schon auf uns. Papa und Herr Zaremba sind sehr wütend.
„Wo ist Martha? Die kann was erleben!“
„Ich weiß nicht, sie war auf einmal weg. Oma und ich, wir haben auch schon gerufen und gesucht. Bestimmt ist sie in den Wald gerannt.“ Wilfried guckt ganz ängstlich.
„Ihr helft jetzt alle mit suchen, wir müssen sie finden, bevor es dunkel wird“, sagt Mama. Wir gehen los. Gerhard bleibt bei Oma. Wir rufen und rufen in den Wald hinein.
„Martha, komm raus. Du brauchst keine Angst zu haben. Papa tut dir nichts, und Herr Zaremba ist auch nicht mehr böse. Gerhard ist auch bei uns. Er muss nicht ins Krankenhaus!“ Keine Antwort. So langsam wird es schon dunkel. Wir rufen und suchen immer noch.
„Ich hol’ jetzt Kornberger. Wir müssen es melden. Wenn es einmal dunkel ist, finden wir sie nicht im Wald“, sagt Papa. Herr Kornberger ist unser Dorfpolizist und fährt immer mit einem Motorrad. Papa und Mama und sagen immer: „Das ist unser ‚Dorfsheriff.‘“
Wir stehen da flennen und haben Angst, dass Martha was Schlimmes passiert ist. „Ich bin schuld“, sagt Gerhard.
„Halt deinen Mund!“, schimpft Papa.
Plötzlich steht Martha bei Oma auf dem Hof. „Wo kommst du denn jetzt auf einmal her?“, fragt Mama.
„Ich war bei Kolms im Schweinestall und habe mich da versteckt.“
Kolms sind die Nachbarn von Oma und Opa. Dann kommt erst Frau Kludasch,‚Tante Ida‘. Wir sind alle froh.
„So, jetzt geht es aber nach Hause. Und du, Brigitte, kommst auch gleich mit!“ Alle zusammen nehmen wir die Abkürzung durch den Wald.
Ich bin richtig froh. Niemand schimpft. Gerne gehe ich mit nach Hause heute. Marthas Hand liegt in meiner. Ganz fest drücke ich sie. Meinen zwei Freunden winke ich heimlich zu, als wir an ihnen vorbeigehen.
Mama ist heute zuhause. Es ist schön warm draußen. Wilfried, Martha und ich gehen in den Garten. Wir spielen: Vater, Mutter und Kind. Wilfried baut sich in der Sandkuhle einen Trecker. Mama steht an der Gartentür und ruft nach uns. „Ich habe für euch drei ‚Hamburger Schnitte‘ gemacht.“
Wir wetzen los. Jeder will der Erste sein. So was Leckeres gibt es ganz, ganz selten! Ich freue mich riesig und nehme meine Schnitte vom Teller. Ganz frisches warmes Brot vom Bäcker Geest aus unseren Dorf. Mama hat immer eine dicke Scheibe Weißbrot und eine dicke Scheibe Schwarzbrot abgeschnitten, schön Butter draufgeschmiert, Zucker draufgestreut und dann alles zusammengeklappt. So habe ich, haben wir zwei Schnitten auf einmal.
Schwarz und weiß. Und wie das schmeckt!!! Wir hauen rein. Warum es heute Mittag so was Leckeres gibt, weiß ich nicht. Dann kommt Papa auch schon nach Hause.
„Naaa, was habt ihr denn heute gespielt?“, fragt er.
„Vater, Mutter und Kind. Und guck mal, Papa, ich habe einen Trecker aus Sand gebaut. Sogar mit Sitz“, sagt Wilfried stolz.
Papa sagt nichts und geht weg. Wilfried guckt dumm. Dann ist Papa auf einmal wieder da und hat ein altes Treckerlenkrad in der Hand. „So jetzt kannst du auch lenken mit deinem Trecker.“
Wilfried platzt bald vor lauter Stolz. Martha und ich, wir gucken uns fragend an. Was ist denn heute los?! So kennen wir Papa doch gar nicht.
Ich habe mir schon ganz lange eine Negerpuppe gewünscht.
„Muss es denn unbedingt eine Negerpuppe sein? Die gibt es doch bei uns gar nicht?“, fragt Mama mich immer wieder.
„Ja ich möchte NUR eine Negerpuppe mal haben. Was anderes nicht.“
„Wir fahren jetzt Geld holen und dann noch mal nach Hagenow. Das Wetter ist schön, und ihr könnt so lange draußen spielen. Wir kommen nachher gleich wieder.“
Mama und Papa fahren los. Gerhard steht am Gartenzaun.
„Kann ich mit euch spielen? Ich weiß was ganz Geheimnisvolles, was ihr NIEMANDEN verraten dürft. Ich habe gestern Abend was gehört und was gesehen!“
„Los komm rein. Und was?“, frage ich ihn.
„Wir können erstmal ‚Dornröschen‘ spielen im Schuppen. Diesmal bekommt Martha den Kuss. Danach gehen wir auf den Boden.“ Ich gucke ihn blöd an. Er ist doch mein Freund, und den Dornröschenkuss krieg’ doch immer ich! Na gut! Ich bin neugierig, was noch kommen soll. Gerhard gibt Martha meinen Kuss, und wir gehen auf den Boden. Oben auf den Boden liegt in einer Ecke Heu. An der Seite, neben dem Giebelfenster, steht eine alte Wäschemangel, daneben ein altes Sofa. Davor sollen wir uns hinstellen.
„So, nun müsst ihr mir WIRKLICH versprechen, dass ihr es NIEMANDEM verratet, was ich euch jetzt zeige. Auch nicht Schatzi und Moni.“
Wir stehen da und nicken. Schatzi ist unser Bahnhofvorsteher, ein ganz wichtiger Mann und ein Süßhahn dazu, sagt Mama immer zu mir. Moni ist Gerhards Schwester. Sie ist zehn Jahre älter als Gerhard und kommandiert ihn nur rum.
„Na los, was jetzt?“, frage ich ungeduldig.
„Das Wort dürfen nur Erwachsene sagen, und was ich euch zeige, dürfen auch nur Erwachsene machen. Ich habe gesehen, wie es Moni und Schatzi gemacht haben. Erst hat er gefragt, ob sie mitmacht, und dann ging es los. Das heißt F…‘“, sagt Gerhard. „Wollt ihr mal sehn, wie es geht …?“
„Wo seid ihr denn schon wieder? Kommt mal runter vom Boden!“
Mama und Papa sind schon wieder von Hagenow zurück. Gerhard darf nicht mit bei uns ins Haus und auch nicht auf den Boden. Er darf eigentlich überhaupt nicht mit uns spielen.
„Gerhard, du bist ganz leise. Wir gehen jetzt runter, und du schleichst dich dann raus beim Garten durch den Zaun.“
„Mach ich, Brigitte.“
„Brigitte, komm mal her!“ Papa guckt ganz ernst. Mir wird mulmig.
„Hier hast du was.“ Papa gibt mir eine NEGERPUPPE!!! Ich muss weinen, so doll freue ich mich. So lange habe ich mir eine gewünscht, und jetzt habe ich endlich eine.
„So wir fahren noch mal ins Dorf und ihr spielt schön, ja.“
Mama und Papa fahren los. Bestimmt wollen sie wieder zu Peters in den Krug. Wer weiß, wann sie wieder nach Hause kommen. Gerhard ist auch verschwunden. Sie haben ihn nicht gesehen. Ich setze mich mit meiner Puppe auf einen Stein neben dem Waschhaus und zeige ihr alles: Die Pumpe, den großen Bottich, in dem immer kaltes Wasser ist für unsere Milchkanne, die im Bottich steht, zum Kühlen. Manchmal bekommen wir ganz schön viel Milch von Busekes. Die wohnen etwas weiter weg von uns, aber auf unserer Schrankenseite. Manchmal muss ich auch hinlaufen und eine kleine Kanne voll holen. Heute hat Papa die Milch geholt, weil es so viel ist.
„Guck mal, meine Kleine, soviel Milch haben wir heute gekriegt.“ Die Puppe rutscht mir aus der Hand und fällt in die Milchkanne. Auweia!!! Auf der Milch bilden sich lauter kleine schwarze Pfützen, und der Rand wird auch schwarz. Die Milch riecht auf einmal wie Teer. „Mooonika, komm schnell mal her! Ich kriege meine Puppe nicht aus der Kanne. Sie ist mir in die Milch gefallen, und jetzt stinkt die Milch und ist schwarz!“
Martha kommt angewetzt. „Ach, du grüne Neune! Los, wir müssen uns beeilen, bevor Mama und Papa wiederkommen.“
Marthas Arme sind lang genug. Die Puppe ist draußen. Sie sieht ganz gescheckt aus.
„Du wäscht sie jetzt ab, und ich schöpfe das Schwarze von der Milch. Wenn Mama fragt, warum es auf einmal so wenig ist, dann sagen wir eben, dass wir Durst hatten. Hast du gehört Wilfried!?“ Martha guckt ihn an.
„Ja, das sage ich auch.“
Meine Puppe sieht nicht mehr schön aus. Sie ist nicht schwarz und auch nicht weiß, sondern ganz verschmiert nach dem Abwaschen.
„Wir gehen jetzt hoch und ins Bett. Wenn sie dann von Peters kommen, tun wir so, als ob wir schlafen.“, sagt Martha. Meine Puppe verstecke ich unter unserem Bett. Diesmal haben wir sie nicht nach Hause kommen gehört. Es war bestimmt schon ganz spät.
Ein neuer Tag: „Wir haben viel Milch, da gibt es heute Milchsuppe. Brigitte, du kannst mal welche hochholen.“
Mir wird ganz mulmig. Ob Mama was merkt?
„Werner, kümm mol hir, de Milk dat stinken. Ganz kümmisch.“
Papa riecht es auch. „Dem Buschenbeuner (Milchnachbar) ward ick wat vertellen. Ick goo glick mol hen!“
