Thalam - Gabriele Ennemann - E-Book

Thalam E-Book

Gabriele Ennemann

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Beschreibung

Gidion ist 15 und lebt in Thalam. Als die Lebensachse gestohlen wird, ist das Gleichgewicht der Erde bedroht. Gidion und seine Begleiter reisen in die Unten-Welt, damit Thalam und die Welt der Menschen nicht vernichtet werden. Das Abenteuer beginnt …

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gabriele Ennemann

Thalam

Die Hüter der Erde

1. Auflage 2015

Alle Rechte vorbehalten

© Copyright by

Riverfield Verlag, Basel

www.riverfield-verlag.ch

Umschlaggestaltung

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,

Lektorat und Korrektorat

Dr. Mechthilde Vahsen, Düsseldorf

Druck und Bindung

CPi Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

ISBN 978-3-9524523-2-5 (Print)

»Fantasie ist das Tor zu einer anderen Welt,

man kann nie genug davon haben.«

1

Ich stand hoch über Thalam auf dem Felsen Ehlion und blickte auf die stürmische See, die unter mir wogte. Der herbe Geruch von Meersalz und Seetang durchzog die Luft, die mir bei jedem Atemzug prickelnd in den Lungen brannte. Gerade hatte ich noch in meinem warmen Bett in einer Kammer der Schule für Schwertkampf gelegen und geträumt. Doch als ich das Heulen des Windes hörte, das wie ein Lockruf in meinen Ohren klang, gab es kein Halten mehr. Leise war ich in meine Kleider geschlüpft und hatte das Gebäude durch eine Seitentür verlassen. Diesen Weg nutzte ich häufiger für meine nächtlichen Abenteuer. Natürlich war es verboten, aber ich liebte diese Nächte und die damit verbundene Freiheit. Eilig war ich über den Pfad gelaufen, der zum Felsenplateau führte. Hier oben fühlte ich mich stark, als sei ich der Herrscher über ein unendliches Land.

Ich lauschte dem Wind, der Böen über das Küstenland trieb, als wollte er jemandem den Weg freiräumen, und stellte mir vor, ich wartete auf meine Späher. Mein Blick schweifte über das Wasser, als erwartete ich tatsächlich jemanden. Doch außer dem Nebel, der über dem Horizont aufzog und zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlich war, konnte ich nichts entdecken.

Der Wind nahm zu und ich senkte meinen Kopf, um mich zu schützen, als ein besonders heftiger Windstoß mir die Kapuze vom Kopf riss und meine schulterlangen, braunen Haare ungestüm im Wind flatterten. Fröstelnd zog ich die Schultern hoch und zerrte hastig an dem groben Stoff meiner Kapuze, um sie mir wieder tief über das Gesicht zu ziehen. Die Zweige der Büsche wogten unruhig im Wind, irgendwo knackte ein Ast, ein Uhu stieß seinen Ruf aus.

Ein solches Unwetter wie heute hatte ich noch nicht erlebt. Ich schaute in den nachtschwarzen Himmel, über den schwere Wolkenfetzen jagten, ab und an fiel fahles Mondlicht durch die wenigen Lücken und tauchte die Umgebung in ein gespenstisches Licht. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Regen kam. Ich beschloss, zurück in meine Kammer zu gehen und dort das Gewitter abzuwarten.

Für einen Augenblick tauchten im trüben Mondlicht zwei merkwürdige Schatten über dem Meer auf. Das Tempo, mit dem sie Richtung Küste zogen, war schneller als der Nebel. Noch bevor ich die Szenerie eindeutig erkennen konnte, schob sich eine Wolke vor den Mond und nahm mir die Sicht.

Irritiert starrte ich in die Nacht. Spielte mir meine Fantasie einen Streich? Ich kniff die Augen zusammen und wartete. Als ich sie wieder öffnete, hatte die Wolke ihren Weg fortgesetzt. Winzige Lichtreflexe tanzten auf den Wellenkämmen. Die Schatten waren noch da und wurden größer, es gab keinen Zweifel: Es waren zwei riesige Männer auf mächtigen Pferden, die sich der Küste näherten. Zur Vorsicht erzogen, kauerte ich mich auf den Boden, damit sie meinen Umriss nicht wahrnehmen konnten. Gebannt verfolgte ich ihren schnellen Ritt.

Das nächtliche Licht reichte aus, um die Gestalten etwas genauer zu betrachten. Ihre Beine steckten in schwarzen Lederhosen und schweren Stiefeln. Riesige Köcher und große Bogen schwangen auf ihren Rücken im Takt des Galopps hin und her. An den Gürteln baumelten überdimensionale Schwerter, die das Mondlicht widerspiegelten. Die Haare trugen sie zu einem langen Zopf gebunden, der seitlich über ihrer Brust pendelte. Aber was mir den Atem stocken ließ, waren ihre Ohren: Sie waren lang und spitz.

»Das sind Jaher!«

Erschreckt von meinem eigenen Ausruf und den heranstürmenden Reitern drückte ich mich noch tiefer auf den Boden. Ohne mich zu bemerken, galoppierten sie keine zehn Meter an mir vorbei. Aus einer der Satteltaschen ragte ein länglicher Gegenstand. An seinem Ende befand sich eine Kugel, so groß wie eine Melone, gefolgt von einer weitaus kleineren, die sich kurz über der Öffnung der Satteltasche befand. Ein sanfter goldener Schein ging von diesem Ding aus. Ein sonnenheller Gegenstand? Ein Stab von zwei Metern Länge mit großen und kleinen Kugeln? Woran erinnerte mich das?

Aufgeregt versuchte ich, weitere Details zu entdecken, doch wieder schob sich eine Wolke vor den Mond. Überrascht bemerkte ich, dass der merkwürdige Stab leuchtete, kräftig durchdrang sein Schein das Dunkel.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag: Das musste die Lebensachse sein!

So jedenfalls hatte sie Vater Mundus in den Geschichten beschrieben, die er mir, als ich noch bei ihm wohnte, abends am Kamin erzählt hatte. Wie war das gleich? Die Lebensachse diente seit Anbeginn der Zeit dazu, das Gleichgewicht des Planeten und der Menschheit aufrechtzuerhalten. Seit vielen Zeitaltern war sie mithilfe der beschützenden Hände der Thalamer an einem Ort tief unter der Erde verborgen, den nur Eingeweihte kannten.

Doch wenn die Jaher, die Jäger der Angat, sie hatten, dann konnte das nur bedeuten, dass sie geraubt worden war. Damit wäre das Ende der Welt gekommen, sagte die Legende.

»Sie haben mit ihrem handeln das Gleichgewicht des Planeten zerstört!« Tonlos flatterten die Worte von meinen Lippen in die Nacht. Es begann heftig zu regnen. Panik stieg wie ein Feuer in mir hoch. Ich sprang auf und rannte, von Furcht und Nässe getrieben, den schmalen Lehmweg hinunter ins Tal. Mein einziger Gedanke galt Vater Mundus. Ich musste ihm das Gesehene sofort mitteilen. Er würde wissen, was zu tun war.

Doch die Tatsache, dass ich Vater Mundus meinen nächtlichen Ausflug beichten musste, bereitete mir Unbehagen. Ich dachte an Kindheitstage, in denen ich öfter etwas hatte gestehen müssen. Jedes Mal, wenn ich besonders ungehorsam gewesen war, hatte er damit gedroht, dass mich die Jaher holen würden, wenn ich ihm nicht gehorchte. Ich war damals überzeugt, dass diese Furcht einflößenden Jäger eine Erfindung der Erwachsenen wären, um Kindern Angst zu machen. Aber was ich gerade gesehen hatte, war alles andere als ein Märchen. Die beiden Gestalten waren echt, sogar sehr echt, und sie kamen zu unserer Küste, mitsamt der Lebensachse. Was hatte das zu bedeuten?

2

Im Dorf war von dem Sturm kaum etwas zu spüren, nur der Regen wollte nicht nachlassen. Als ich das Haus von Vater Mundus erreichte, waren meine Kleider durchnässt und schmutzig und meine Zähne schlugen vor Kälte hart aufeinander. Hektisch betätigte ich den Türklopfer. Das laute Pochen drang tief in das Innere des Hauses.

»Moment, ich komme!«, vernahm ich dumpf die mir vertraute Stimme. Voller Ungeduld wippte ich von einem Bein auf das andere. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Tür knarzend öffnete. Vor mir stand mein Vater in seinem dicken, braunen Morgenmantel aus Schafsfell und Leinen. Er blinzelte verschlafen. Erst als er mich erkannte, huschte ein Lächeln über sein faltiges Gesicht, das von weißen Haaren umrahmt war, die wirr um seinen Kopf standen.

»Sei gegrüßt, Gidion, komm herein.« Er machte eine einladende Handbewegung, der ich nur zu gern folgte. In der Wohnstube des alten Holzhauses war es warm und gemütlich.

»Vater! Ich habe sie gesehen!«, sprudelte ich los.

Vater Mundus schloss die Tür und wandte sich mir zu. »Von wem sprichst du?« Seine wachen, hellgrauen Augen schauten milde und unterstrichen sein warmes Lächeln.

»Die Jaher … sie … sie sind vom Meer gekommen! Es gibt sie … es gibt sie tatsächlich … und … und sie haben die Lebensachse … ich habe sie beobachtet!« Nervös strich ich meine nassen Haare aus dem Gesicht.

»Was sagst du da?« Seine Lippen wurden zu schmalen Strichen und in seine Augen trat ein bekümmerter Ausdruck. So ernst hatte ich ihn noch nie gesehen. Er bemerkte meine Angst, aber statt darauf einzugehen, reagierte er wie früher, wenn ich von einem spannenden Ausflug hungrig und müde nach Hause gekommen war.

»Jetzt beruhige dich erst einmal und zieh die nassen Kleider aus. Ich werde dir eine Wolldecke bringen, damit du dich nicht erkältest.« Behäbig schlurfte er in die hinterste Ecke seiner Wohnstube. Verdutzt über sein gelassenes Verhalten zog ich eine Augenbraue in die Höhe. »Hast du mich nicht verstanden, Vater? Die Jaher sind da! Sie haben die Lebensachse!«

Immer noch außer Atem, erzählte ich, was ich soeben erlebt hatte. Der Alte machte einen Katzenbuckel und kam mit schweren Schritten auf mich zu. Er reichte mir eine dicke, buntgewebte Wolldecke.

»Ich habe dich sehr wohl verstanden, Gidion, aber ich möchte, dass du dich zunächst einmal beruhigst. Nur ein ruhiger Krieger ist ein guter Krieger. Schlachten werden mit kühlem Kopf gewonnen, nicht mit hitzigem Geist.« Entschlossen reckte er den Kopf in die Höhe, um mir direkt in die Augen zu sehen. Das gelang ihm nur mäßig. Unwillkürlich musste ich grinsen. Sein Verhalten erinnerte mich an die Zeit, als ich kleiner gewesen war als er. Jedes Mal, wenn ich glaubte, mich gegen ihn behaupten zu müssen, streckte ich meinen Körper, so gut ich konnte, in die Höhe, um ihm in die Augen zu schauen. Mittlerweile überragte ich ihn mit meinen fast 1,80 Metern um eine gute Kopflänge. Damit hatte sich die Perspektive eindeutig zu meinen Gunsten verändert. Doch mein Respekt für ihn war keine Frage der Körpergröße.

Gehorsam entledigte ich mich meiner nassen Gewänder und hüllte meinen trainierten Körper in die wärmende Wolle, während Vater Mundus meine Kleider zum Trocknen auf eine Leine in der Nähe des Feuers hing. Ich machte es mir vor dem prasselnden Kamin auf der alten, grünen Couch gemütlich. Der Schein des Feuers malte zuckende Umrisse auf die Wände, während der würzige Duft von brennenden Buchenscheiten durch den Raum zog. Die Einrichtung war karg und bestand aus der alten Sitzecke nebst Couchtisch und einem weiteren Holztisch, der Vater Mundus als Arbeitsmöbel diente. Langsam drang die Wärme in meine kalten Muskeln und gab meinen Gliedern ihre ursprüngliche Geschmeidigkeit zurück.

Mein Vater war kein Mann großer Worte. Also wartete ich, bis er sich mit zwei dampfenden Tassen Tee zu mir setzte. Der Tee duftete süß nach Vanille. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich fühlte mich in die Zeit zurückversetzt, als ich ungefähr sechs Jahre alt war. Ich sah mich Vanilletee schlürfend, Zuckerplätzchen knabbernd und vor Erregung über Vaters Geschichten zu einem schlotternden Häufchen zusammengekauert auf dem Sofa hockend, seinen Erzählungen von mutigen Helden und ruhmreichen Kämpfen lauschend. Nie wurde ich müde, ihm Löcher in den Bauch zu fragen, schließlich wollte ich wie jedes Kind eines Tages ein mutiger Held sein. Da war es nur dienlich, wenn man mit dem Heldenstudium so früh wie möglich begann. Nun war ich 15 Jahre alt und wurde in Schwertkampf und weiteren Techniken ausgebildet. So sah der Alltag eines Helden aus. Als Kind glaubte ich, man würde als Held geboren. Dass es jedoch mit so viel Mühe und Schweiß verbunden war, hatte ich erst in der Schwertkampfschule begriffen.

Vater Mundus unterbrach meine Gedanken. »Wenn es wirklich so ist, wie du sagst, dann werden die Menschen auf der Erde auf das, was nun kommt, nicht vorbereitet sein. Sie haben schon lange vergessen, dass es uns hier unten gibt, und so werden sie vielleicht zu unbewussten Helfern der Sinister.«

Nachdenklich strich er über sein bärtiges Kinn. Diese Geste kannte ich gut. Sie kam immer dann, wenn er nicht sofort die Lösung eines Problems oder eine passende Antwort wusste. Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. »Stimmt es, was die Legende besagt? Ist es wahr, dass Thalam aus dem Rhythmus gerät, wenn die Lebensachse von ihrem angestammten Ort entfernt wird? Und dass dann alles Leben auf und unter der Erde stirbt?«

Der Alte nickte vage. »Ja, so steht es im Ersten Buch Thalams geschrieben, Gidion. Du kannst dich sicher noch an deinen Geschichtsunterricht erinnern, ihr habt vor einiger Zeit dieses Buch bis auf wenige Abschnitte gelesen. Wer die Lebensachse besitzt, besitzt die Macht über das Leben und den Tod unseres Planeten.

Wenn tatsächlich die Jaher den kriegerischen Sinistern die Lebensachse übergeben, dann werden sie diese unvorstellbar große Macht besitzen und sie, so wie ich sie kenne, missbrauchen. Sie können dann entscheiden, wie es mit der Welt und ihren Bewohnern, also auch mit uns Thalamern, weitergeht. Das bedeutet für uns: Sie werden aus Habgier das zerstören, was wir seit vielen tausend Jahren bewachen. Wie du weißt, hält die Lebensachse alles in der Waage, sodass nichts verloren geht und nichts aufgebraucht werden kann. Wird sie aus ihrer Halterung entfernt, gerät der gesamte Planet mehr und mehr aus dem Gleichgewicht, bis er schließlich zum Stillstand kommt.«

Ich schluckte.

»Die Sinister waren schon immer ein rücksichtsloses Volk. Sie wollen seit jeher die absolute Macht und jeglichen Besitz an sich reißen. Nun scheinen sie ihrem Ziel nah zu sein. Wenn erst ihre dunkle Herrschaft den gesamten Planeten ergriffen hat, werden sie uns Thalamer vernichten, denn der Hass, den sie in sich tragen, gilt nicht der Menschheit. Was sie wollen, ist Thalam.«

»Und warum hat niemand um Hilfe gerufen nach dem Diebstahl?«

Vater Mundus hielt inne, hob die Tasse zum Mund und trank in kleinen Schlucken den heißen Tee. »Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Der Ort, an dem sich die Lebensachse befindet, ist geheim. Alle, die dort leben, sind dort geboren und verlassen diesen Ort niemals. Aber du müsstest das im Unterricht durchgenommen haben.«

Zerknirscht gab ich zu: »Ich habe in der Schule oft nicht aufgepasst. Kannst du mir erklären, wer die Sinister eigentlich sind? Und wo Sinistrien liegt?«

Nervös rutschte ich auf der Couch hin und her. Vater Mundus schenkte mir ein nachsichtiges Lächeln. »Wenn es weiter nichts ist. Dann pass aber jetzt besser auf, denn dieses Wissen ist wichtig, wie du merkst.« Er räusperte sich. »Die Menschen wohnen auf der Oberfläche unseres Planeten und sie haben so gut wie keinen Einfluss auf das Geschehen des Erdballs, obwohl sie es glauben.

Unser Teil der Welt ist etwas komplizierter. Thalam ist zwar relativ klein, aber wir sind entscheidend für den Fortbestand des Planeten, da wir den Lebensrhythmus bewachen, der das Geschick der gesamten Welt lenkt. Wir sind sehr tief unter der Erdoberfläche, tief genug, dass die Menschen nicht so einfach zu uns durchdringen können. Direkt unter uns befindet sich ein weiterer Teil, der zur einen Hälfte zu Thalam und mit der anderen zu Sinistrien gehört.

Das Land Sinistrien liegt neben uns im Norden auf gleicher Höhe. Doch obgleich sie unsere Nachbarn sind, können die Sinister nicht einfach so zu uns kommen. Und wir nicht zu ihnen, denn es gibt unsichtbare und unüberwindbare Grenzen, die einen Besuch in dem jeweils anderen Teil unserer Welt fast unmöglich machen. Über all das herrscht die große Tenebrae. Sie hat, als sie diese Welt erschuf, festgelegt, dass man nur durch bestimmte Tore in die anderen Welten, wie ich sie nenne, gelangen kann. Es gibt zwei verschiedene Arten von Toren, die von ihr und ihren Helfern kontrolliert werden: Die einen sind fest mit den Welten verbunden, die anderen werden je nach Willen und Zweck Tenebraes an einen Ort gestellt. Hast du das bis hierhin verstanden?« Erwartungsvoll ruhten seine Augen auf meinem Gesicht.

»Ich denke schon. Aber ich frage mich, warum bisher keiner meiner Freunde oder ich selbst so ein Tor entdeckt haben?«

Vater Mundus ignorierte meine Unruhe. »Die Tore sind zum größten Teil gut getarnt, manche sogar unsichtbar und glücklicherweise zu weit weg, durch Zufall findet man sie nicht. Außerdem möchte Tenebrae nicht, dass ein junger Abenteurer wie du in Gefahr gerät. Es wäre eine Katastrophe, wenn einer von euch aus Versehen nach Sinistrien gelangen würde. Du kannst dir so viel Bosheit, wie es sie dort gibt, gar nicht vorstellen, Gidion. Wären die Grenzen offen, wäre niemand von uns mehr sicher. Dann wäre es in unseren Dörfern sehr schnell vorbei mit der beschaulichen Ruhe, wie du sie kennst.«

Ich nickte, auch wenn ich zu wenig Lebenserfahrung hatte, um mir dieses Szenario ausmalen zu können. »Aber warum kommen die Jaher zur Küste Thalams? Wieso sind sie nicht sofort nach dem Diebstahl der Lebensachse nach Sinistrien geflohen?« Ich schaute ihn forschend an. Vater Mundus erwiderte stumm meinen Blick. In seinen Augen lag ein Ausdruck, der mir Unbehagen bereitete. Schließlich erklärte er: »Ich selbst war zwar noch nicht in dem Berg, in dem die Lebensachse ihren Platz hat, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Jaher den für sie sinnvollsten Weg gewählt haben. Sie haben sicher nicht damit gerechnet, dass jemand um diese Zeit und bei diesem Wetter auf dem Felsplateau steht und sie bemerkt. Und wer sagt uns, dass sie den Raub der Lebensachse nicht vor einem der ihren geheimhalten wollten? Der Weg über das Meer war für sie vermutlich sicherer, um unbemerkt nach Sinistrien zu gelangen, statt durch eines der Dörfer zu reiten. Nur der Zufall wollte es, dass ausgerechnet du heute Nacht auf dem Felsen gestanden und sie gesehen hast. Wahrscheinlich wäre sonst noch mehr kostbare Zeit verstrichen, bis wir benachrichtigt worden wären.«

Seine Worte hörten sich plausibel an, trotzdem hatte ich noch nicht alles verstanden. »Also, es gibt die Erdoberfläche und die Menschen, darunter Sinistrien als dunklen Ort und Thalam als den Ort des Guten. Und was ist das dann für ein Ort, der zu einem Teil zu Thalam und zum anderen Teil zu Sinistrien gehört? Wenn er unter unserer Welt und unter der Welt der Sinister liegt, wie heißt er, wozu gibt es ihn und wer lebt dort?«

Vater Mundus strich sich erneut durch seinen Bart. »Warte ab, das wirst du noch früh genug erfahren.« Er stellte seine Tasse auf den Couchtisch. »Wir sollten uns jetzt wichtigeren Dingen zuwenden.«

Wichtigere Dinge? So abweisend war er nur, wenn er mir etwas verheimlichen wollte. Ich wusste, dass er ausgesprochen stur sein konnte, also würde ich mich gedulden müssen, bis er den Zeitpunkt für gekommen hielt, mich einzuweihen. Noch zu aufgedreht, um schlafen zu können, verwies ich wieder auf die Legende. »Was erwartet die Menschen? Was erwartet uns?«

Vater Mundus seufzte, bevor er geduldig antwortete: »Das kann niemand sagen, Gidion, denn die Lebensachse wurde noch nie gestohlen. Sie war, solange ich denken kann, immer an ihrem Platz und hat ihren Dienst verrichtet. In vielen Schriften und Nachträgen, die das Erste Buch Thalam enthält, ist von Katastrophen wie Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Überschwemmungen und fehlendem Sauerstoff die Rede. Doch welche Auswirkungen dieser Diebstahl wirklich hat, kann man nur vermuten. Eines ist allerdings sicher: Ohne den Rhythmus Thalams wird es auf Dauer keine Jahreszeiten mehr geben und damit ist das Leben auf und unter der Erde dem Tod geweiht.« Mit müder Geste strich er sich durch sein immer noch wirres Haar.

»Und woran kann man erkennen, dass die Lebensachse nicht mehr funktioniert?«

»Nun ja. Gestern Abend ging ich in den Garten, um nach dem Gemüse zu sehen. Da bemerkte ich, dass das Grün der alten Linde nicht mehr so leuchtend war wie die Abende zuvor. Normalerweise ist dieser Baum nicht sehr empfindlich, doch als ich ihn näher in Augenschein nahm, stellte ich fest, dass seine sonst so kraftvollen Äste etwas müde herabhingen. Einige seiner Blätter hatten sich verfärbt, als wäre es gewöhnliches Herbstlaub. In diesem Moment wurde mir klar, dass etwas Entscheidendes nicht stimmt. Nun wissen wir, dank deiner Beobachtung, woran es liegt. Bleibt die Lebensachse in den Händen der Sinister, wird Thalams Rhythmus zum Stillstand kommen. Außer es schafft jemand von uns, die Lebensachse rechtzeitig zurück an ihren Platz zu bringen.«

»Aber schaden sich die Sinister damit nicht selbst?«

Vater Mundus legte mir die Hand auf die Schulter. »Die Sinister und ihr Heer der Angat sind aus einem anderen Holz, mein Junge. Die meisten brauchen keine Sonne und keine Jahreszeiten. Sie sind Geschöpfe der Dunkelheit und nehmen sogar den eigenen Tod billigend in Kauf, wenn sie dafür die Genugtuung eines einzigen Tages der absoluten Herrschaft genießen können.«

»Aber wenn sie so bösartig sind, wozu brauchen sie dann die Jaher? Sie hätten doch einfach ein paar Krieger aussenden können, um die Lebensachse an sich zu ­bringen.«

»Die Jaher, mein Sohn, sind lautlose Jäger, sie haben keine andere Aufgabe, als den Sinistern Dinge oder Menschen herbeizuschaffen. Hätten sie Krieger ausgesandt, wäre dies nicht unbemerkt geblieben und es hätte mehr Zeit gebraucht. Die Jaher hingegen sind schnell und in der Nacht fast unsichtbar.«

»Und wo …? »

Er unterbrach mich. »Habe noch etwas Geduld, deine Fragen werden nicht unbeantwortet bleiben, Gidion. Noch bleiben Thalam und der Welt etwas Zeit und die sollten wir klug nutzen.«

Ich konnte nicht verbergen, dass mich das Gehörte erschreckte. Gleichzeitig beschlich mich eine sorgenvolle Vorahnung. Ich hatte den Eindruck, das Vater Mundus mir Dinge verschwieg, die für mich persönlich wichtig waren. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er mich vor 15 Jahren aufgenommen hatte, als feststand, dass ich weder Eltern noch Verwandte besaß?

Ich starrte auf meine Hände, die ich zu Fäusten geballt hatte. Da war sie wieder, die alte Verzweiflung. Obwohl ich mich wehrte, kehrte ich zurück zu dem Moment, als ich zwölf Jahre alt war und Vater Mundus mir erzählte, dass er mein Pflegevater sei. Damals erklärte er mir, dass meine Eltern während eines geheimen Auftrags im Kampf gegen die Angat ums Leben gekommen waren. Da war ich gerade mal drei Monate alt. Ich versuchte mich seitdem an meine Eltern zu erinnern, doch da war nichts als Leere. So kam es, dass ich mich tief in mir nach etwas sehnte, das ich nicht kannte. Ein lautes Knacken aus dem Kamin brachte mich in die Gegenwart zurück.

»Können wir nicht gegen die Sinister und ihre Angat kämpfen?« Ich wusste, dass Vater Mundus die Angst in meiner Stimme hörte, doch es war mir egal.

»Sicher, Gidion. Du glaubst doch nicht, dass wir kampflos die Lebensachse und das Geschick unseres Planeten aufgeben!?«

Ich fasste all meinen Mut zusammen und sprang entschlossen von meinem Platz auf. »Dann lass auf der Stelle jeden Mann des Dorfes wecken – wir ziehen in den Krieg!« Meine Stimme donnerte durch den Raum. Vater Mundus lachte laut auf und zog mich wieder zurück auf die Couch. »Es ist schön zu sehen, dass du kein Feigling bist. Aber es gefällt mir nicht, dass du dich wie ein Narr benimmst!«

Seine Worte waren für mein Selbstwertgefühl wie eine Ohrfeige. Irritiert schaute ich ihn an. »Aber was sollen wir dann tun, wenn wir nicht kämpfen?«

»Junge! Was glaubst du, werden wir gegen die starken und brutalen Kämpfer der Angat mit einer Handvoll Männern auf Eseln ausrichten? Ich verspreche dir, wir werden kämpfen, aber nicht so, wie es dein sich aufbäumender Trotz verlangt.«

Er hatte Recht. Allein die beiden Jaher konnten meine Schulkameraden und mich mit einem Schwerthieb vernichten. Da musste man schon einen ganzen Sack voll Glück haben, wenn man sie besiegen wollte. Aber wenn man jung und wild war, wollte man sich nur zu gern auf dieses Quäntchen verlassen, also warum nicht? Schnaubend wie ein Stier blies ich die Atemluft durch die Nase, mir saß das Adrenalin in den Haarspitzen, es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich hätte mit den Füßen gescharrt. Mein Vater strich mir besänftigend über den Kopf.

»Ich weiß, dass ihr Jungen euch nur zu gern beweisen möchtet. Und erst recht, seitdem du und deine Freunde auf der Schule für Schwertkampf seid. Doch ich sage dir: Muskeln und jugendlicher Leichtsinn reichen nicht aus, um diese Gegner zu besiegen.«

Traurig ließ ich den Kopf hängen. Ich begriff, dass meine Heldenträume jeglicher Realität entbehrten. Auf das Glück konnte man sich eben nur verlassen, wenn man alles andere beherrschte, und das konnte ich von mir und meinen Mitschülern nicht behaupten.

»Sei nicht verzagt, mein Sohn. Ich schlage vor, du bleibst über Nacht hier. Ich werde einen Boten zur Schule schicken und dich entschuldigen lassen, damit man dich nicht sucht.« Er hielt inne. »Oder sucht man dich schon? Wieso bist du überhaupt mitten in der Nacht auf dem Felsplateau gewesen?«

Unter dem Blick seiner forschenden Augen schrumpfte ich zusammen. »Ich war nicht müde und wollte frische Luft schnappen. Ich bin einfach nur so herumgelaufen und plötzlich stand ich auf dem Berg Ehlion. Man wird mich nicht vermissen, denn niemand hat gesehen, dass ich die Schule verlassen habe. Du kannst mit der Nachricht also warten, bis es hell wird.«

»Gut, wir werden bis morgen warten. Aber dann werde ich der Schule Bescheid geben müssen.« Er nickte kurz in meine Richtung. »Ich möchte, dass du heute Nacht hier in der Wohnstube auf der Couch schläfst. Morgen reiten wir in aller Frühe gemeinsam zu König Onuphrius. Ich werde den Boten bitten, noch vor Sonnenaufgang aufzubrechen. So kann er zuerst die Schule informieren, bevor er unseren Besuch auf dem Schloss ankündigt.«

»Wir gehen zum König?« Vor Überraschung weiteten sich meine Augen.

»Ja, mein Sohn.«

»Aber ich durfte noch nie zum Schloss. Glaubst du tatsächlich, wir kommen an den Wachen vorbei? Wir haben doch gar keine Einladung.«

»Mach dir darüber keine Gedanken. Ich bin mir sicher, dass uns der König empfängt.« Vater reichte mir ein weiches Kopfkissen und eine weitere Decke. »Leg dich jetzt hin, mein Junge, morgen haben wir einen anstrengenden Tag.«

Ich nickte und rollte mich auf dem alten Sofa zusammen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich diese Nacht gern in meinem Zimmer verbracht, aber wie ich Vater Mundus kannte, war es nicht geheizt, und so ersparte ich mir die Nachfrage. Soweit ich wusste, hatte noch keiner meiner Klassenkameraden das Schloss von innen gesehen, und ausgerechnet ich durfte morgen dort hinauf. Vielleicht lud uns der König zum Tee?

»Gute Nacht, Gidion.« Vaters Stimme drang wie Watte durch meine Gedanken.

»Gute Nacht«, antwortete ich lahm. Kurz darauf drang sein Schnarchen zu mir herüber und machte mir die eigene Müdigkeit bewusst. Leise knisterte das Holz im Kamin. Die Standuhr im Flur ließ zweimal ihren warmen Gong ertönen. Ich gähnte herzhaft. Etwas in mir sagte, dass mit dem Morgengrauen das Abenteuer beginnen würde, auf das ich schon seit meinen Kindertagen gehofft hatte. Endlich!

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