Thanatos - Der Kelch der Zeit - Jean P. - E-Book

Thanatos - Der Kelch der Zeit E-Book

Jean P.

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Beschreibung

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ist nicht vieles von dem, was wir täglich erleben, vollkommen irreal? Macht es überhaupt Sinn, darüber nachzudenken? Keine Angst, das hier ist keine philosophische Lektüre. Wir versuchen diesen Fragen näherzukommen, indem wir eine Serie von Radiosendungen dokumentieren, die im Jahre 2070 ausgestrahlt werden. Bei der Recherche nach einem geheimnisumwitterten Kelch, der magische Kräfte besitzen soll, stößt das Reporterteam auf etwas Unglaubliches. Ganz am Rande unserer Nachbargalaxie M31, besser bekannt als "Andromedanebel", gibt es einen erdähnlichen Planeten. Hat "Thanatos", immerhin 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt, etwas mit diesem Kelch zu tun, dem sogar die Fähigkeit, durch die Zeit reisen zu können, nachgesagt wird? Die in Form von Holo-Podcasts ausgestrahlte Radioserie legen wir hiermit schriftlich vor.Bei der Recherche nach einem geheimnisumwitterten Kelch, der magische Kräfte besitzen soll, stößt das Reporterteam auf etwas Unglaubliches. Ganz am Rande unserer Nachbargalaxie M31, besser bekannt als "Andromedanebel", gibt es einen erdähnlichen Planeten. Hat "Thanatos", immerhin 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt, etwas mit diesem Kelch zu tun, dem sogar die Fähigkeit, durch die Zeit reisen zu können, nachgesagt wird?

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Thanatos - Der Kelch der Zeit

Esther Novalis & Jean P.

Thanatos

Der Kelch der Zeit

Über dieses Buch:

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ist nicht vieles von dem, was wir täglich erleben, vollkommen irreal? Macht es überhaupt Sinn, darüber nachzudenken? Keine Angst, das hier ist keine philosophische Lektüre. Wir versuchen diesen Fragen näherzukommen, indem wir eine Serie von Radiosendungen dokumentieren, die im Jahre 2070 ausgestrahlt werden.

Bei der Recherche nach einem geheimnisumwitterten Kelch, der magische Kräfte besitzen soll, stößt das Reporterteam auf etwas Unglaubliches. Ganz am Rande unserer Nachbargalaxie M31, besser bekannt als „Andromedanebel“, gibt es einen erdähnlichen Planeten. Hat „Thanatos“, immerhin 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt, etwas mit diesem Kelch zu tun, dem sogar die Fähigkeit, durch die Zeit reisen zu können, nachgesagt wird?

Die in Form von Holo-Podcasts ausgestrahlte Radioserie legen wir hiermit schriftlich vor.

Thanatos – Der Kelch der Zeit

Copyright: © Jean P und Esther Novalis.

2026 – publiziert von edition gazzetta

Haftungsausschluss und Verlagsadresse

https://jeanprocks.wordpress.com

Coverdesign: edition gazzetta unter Verwendung einer

Vorlage von Adobe Stock

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN: 978-3-946762-97-3

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://dnb.d-nb.de

Der Zeitreisende (denn so wollen wir ihn der Einfachheit halber nennen) legte uns eine höchst nebulöse Sache dar. Seine grauen Augen glänzten und blinzelten, sein sonst so blasses Gesicht war gerötet und voller Leben. Das Kaminfeuer brannte hell, und das sanfte Glosen der Kerzen in den Silberleuchtern spiegelte sich in den Luftbläschen, die in unseren Gläsern aufstiegen und vergingen …

(H. G. Wells – Die Zeitmaschine)

Viele Morlocks glauben, dass irgendwann ein Erlöser kommt, der dafür sorgt, dass sie wieder auf der hellen Seite leben können und wie die Eloi aussehen werden. Einige sind der Überzeugung, dass er einen heiligen Kelch besitzt, der ihm große Macht verleiht.

Unser tiefstes gemeinsames Band ist, dass wir alle Bewohner dieses kleinen Planeten sind. Wir alle atmen die gleiche Luft. Uns allen liegt die Zukunft unserer Kinder am Herzen. Und wir sind alle sterblich.

(John F. Kennedy)

Vorwort

Wir dokumentieren hier in Buchform eine Reihe von Radiosendungen, die im Jahr 2070 in Form von Holo-Podcasts gesendet wird. Bei dieser seit den 60er-Jahren des 21. Jahrhunderts gebräuchlichen Übertragungsform werden zur Illustrierung des Vorgetragenen ki-generierte holografische Bildsequenzen verwendet. Es handelt sich dabei um eine Entwicklung, welche die traditionellen Rundfunk-, TV- und Streamingprogramme in den Hintergrund drängt. Radio Gazzetta, die Radiostation der Edition Gazzetta, hat es sich in dieser Reportage zur Aufgabe gemacht, die Ungereimtheiten aufzuklären, die sich in den Geschichten um einen sagenumwobenen Kelch aufgetan haben.

Achtung! Wir erheben den Anspruch, die Wirklichkeit und nichts als die Wirklichkeit abzubilden. Doch lassen Sie sich nicht in die Irre führen. Es gibt viele Wirklichkeiten. Sollte es Ihnen einmal zu turbulent und undurchsichtig werden, denken sie daran, was der Dichterfürst gesagt hat: ‚Das ist die Welt, sie steigt und fällt. Sie klingt wie Glas. Wie bald bricht das.‘ (Faust, der Tragödie erster Teil)

Wir wünschen Ihnen spannende Unterhaltung!

Somnium

Ich bin wieder in meiner alten Schule. Stellen Sie sich einen altehrwürdigen, viktorianischen Bau vor. Alles ist ein bisschen geheimnisvoll, um nicht zu sagen gespenstisch. Mir geht es jedoch ganz prächtig, denn ich bin bis über beide Ohren verknallt, und meine Freundin ist ganz nahe bei mir. Wir halten uns in einem dieser geheimen Räume auf, in die man normalerweise gar nicht reinkommt. Unter der Turnhalle ist das, sieht aus wie ein Keller oder Abstellraum. Ich erinnere mich daran, dass ich da schon einmal war. Irgendwo da unten gibt es alte Umkleideräume, die normalerweise nicht mehr benutzt werden und ziemlich heruntergekommen sind.

Meine Freundin und ich sitzen nebeneinander in einem seltsamen Gefährt und knutschen. Das Gefährt sieht aus wie eine alte Kutsche. Der Raum ist nur durch einen schäbigen alten Vorhang von einem dahinter gelegenen, größeren Raum abgetrennt. Plötzlich bewegt sich da etwas. Da sind welche, die sich für den Sportunterricht umziehen. Man hört Getuschel.

‹Gegen die Klosterbrüder haben wir keine Chance›, sagt einer. Kennen wir den? Nein, aber der darf uns auf keinen Fall hier sehen, wird uns im selben Moment klar, in dem wir feststellen, dass die ‹Kutsche›, in der wir sitzen, eine Zeitmaschine ist. Sieht tatsächlich der aus diesem berühmten Film ganz ähnlich.

‹Wir dürfen nicht nur linear denken›, sage ich zu meiner Freundin. ‹Wenn wir in die Zeit zurückreisen, bevor die Schule gebaut wurde, können wir die Maschine an einen anderen Ort schieben. Dann kehren wir in unsere Zeit zurück und sind hier raus!›

Sie schaut mich skeptisch an, doch als der Vorhang sich bewegt, begreift sie, dass es keine andere Wahl gibt. Gemeinsam drücken wir den vor uns liegenden, silbrig glänzenden Hebel nach vorn und sind im nächsten Moment weg. Doch was ist das?

Es herrscht Krieg. Überall liegen Trümmer herum und aus der Ferne hören wir Schüsse und können Mündungsfeuer von Kanonen erkennen. So schnell es geht, die Zeitmaschine ist recht schwer, verschieben wir unser Transportmittel so weit, bis wir glauben, einen Ort gefunden zu haben, der in unserer Zeit außerhalb des Schulgebäudes liegt. Plötzlich schlagen links und rechts von uns Granaten ein. Hastig springen wir in die Maschine und betätigen die Steuerung. Eine wilde Reise durch die Zeit beginnt, da wir es noch nicht richtig raushaben, wie die Steuerung vernünftig dosiert werden muss.

Als Nächstes landen wir in einer Art mittelalterlichem Hexenprozess, anders kann ich das nicht bezeichnen, was in diesem Klostergemäuer vor sich geht. Da sind einige Frauen angeklagt, die anderen Frauen auf der Flucht vor ihren Besitzern geholfen haben. Als ob jemand jemand anderes besitzen kann! Plötzlich stelle ich entsetzt fest, dass auch meine Freundin auf der Anklagebank sitzt. Doch nein, das kann nicht sein. Sie sitzt nach wie vor neben mir in unserer Kutsche. ‹Das ist alles nur ein Traum!›, ruft sie.

Als sich mehrere dunkle Mönchsgestalten unserem Gefährt nähern, das inmitten des Kapitelsaals des Klosters steht, drücke ich erschrocken den Steuerknüppel nach vorne. Wohl ein bisschen zu viel, wie sich im nächsten Moment herausstellt. Sind wir in der Zukunft gelandet? In einem futuristischen Camp werden Paare darauf vorbereitet, auf einem fernen Planeten, Utopia genannt, zu leben. Doch nein, das stimmt gar nicht. Deren Kinder, die sie erst noch zeugen sollen, werden dort leben. Kann das wirklich sein? Ist auch das nur ein Traum?

Wir entdecken Hinweise, dass es tatsächlich darum geht, Babys für adoptionswillige Paare zu zeugen. Verdammt, das ist Menschenhandel! Erleichtert registrieren wir, wie schließlich ein großes Polizeiaufgebot das Camp erstürmt und diese Verbrecherbande aushebt. Bei dem entstehenden Schusswechsel trifft mich ein Streifschuss an der Stirn. Das war knapp! Gerade noch so eben schaffen wir es, in unsere Zeitmaschine zu gelangen, dir wir am Rande des Geländes auf einem Hubschrauberlandeplatz geparkt hatten. Diesmal bin ich vorsichtiger mit der Steuerung, doch scheinbar ist es völlig egal, was ich mache.

Wie im Rausch fliegt die Welt an uns vorbei. Ich bin verzweifelt. Heißt das vielleicht, dass ich nicht weiterleben soll? Ich bin an allem schuld. Ich habe meine Freundin dorthin geführt. Ich habe sie verführt! Gäbe es mich gar nicht, wäre das alles nicht passiert.

‹Hör zu›, sage ich entschlossen zu meiner Freundin, die ich über alles liebe, ‹wir müssen zurück in die Zeit, bevor ich geboren wurde, und verhindern, dass sich meine Eltern jemals begegnen. Das ist die einzige Chance!›

‹Aber nein›, entgegnet sie, ‹ich will nicht, dass es dich gar nicht gibt, denn du bist meine Chance. Schau doch mal!›

Die Zeitmaschine gleitet nun ganz langsam dahin, wie in Slowmotion, und wir begreifen, dass wir jetzt tatsächlich in der Zukunft angekommen sind – in unserer Zukunft! Wir haben eine Tochter, Sophia heißt sie und ist, ja, klug ist sie, schon als Kind. Und schön ist sie! Wir sehen, wie sie zur jungen Frau heranwächst und immer schöner wird. Jetzt trifft sie einen stattlichen, hoch gewachsenen jungen Mann. Den kennen wir schon. Fabio heißt der. Und jetzt? Und jetzt ...

‹Du, die küssen sich›, sage ich zu meiner Freundin und sie küsst mich auch. Wir sitzen nebeneinander, Hand in Hand. Die Zeit vergeht.

‹Vielleicht finden sie ja eines Tages den Kelch.›

Memento

31.12.2050 (1)

Nur wenige Eingeweihte wissen, was in jener Silvesternacht in den Schottischen Highlands geschehen ist und wie es 19 Jahre später den Verlauf der Geschichte nachhaltig verändern sollte. Wir starten unsere Dokusendung, indem wir darüber berichten.

In Phillips Manor, einem nach seinen früheren Besitzern benannten alten schottischen Herrenhaus, waren die Zeitreisenden und Weltraumabenteurer zusammengekommen, um zu feiern. Der Jahreswechsel bot dazu nur den äußeren Anlass. Im Mittelpunkt stand die Freude darüber, dass sie alle wieder zusammengefunden hatten und die erlebten Turbulenzen einer wohlgeordneten Zeitlinie gewichen waren. Jabari war damals 7 Jahre alt, Tumaini 5 und Sababu noch gar nicht geboren.

Doch lassen Sie uns zunächst die anderen Teilnehmer der Feier vorstellen. Diese drei werden uns auf alle Fälle wiederbegegnen. Sie sind die Hautprotagonisten.

Enzo Ambrosio, mit 91 Jahren der Älteste unter ihnen, war der zweite Mensch, der nachgewiesenermaßen Kontakt zu den Eloi hatte. Weil er eine verblüffende Ähnlichkeit mit der gleichnamigen Filmfigur aus dem Satireklassiker ‚Tanz der Vampire‘ besaß, wurde er von allen nur liebevoll Ambronsius genannt. Der erste Mensch übrigens, der Kontakt zu den Eloi gehabt haben muss, war 1890 H. G. Wells gewesen. Auch ihn ernannten die Eloi, wie später Ambronsius, zu ihrem Botschafter auf Erden. Doch ihre Hoffnung, über ihn mit den Menschen in einen friedlichen, fruchtbaren Austausch zu kommen, erwies sich als verfrüht. Die Eloi nahmen Wells das Versprechen ab, über diesen Kontakt Schweigen zu bewahren. Daran hat er sich gehalten. Um damit innerlich fertig zu werden, verarbeitete er es in Anlehnung an das, was die Eloi ihm wohl erzählt haben, in einer berühmt gewordenen Geschichte. In dem 1895 veröffentlichen Buch ‚Die Zeitmaschine‘ kommen jedoch weder die Eloi noch die damals mit ihnen verfeindeten Morlocks gut weg. Eine Retourkutsche Wells’? Möglicherweise, denn auch in dieser fernen Welt herrschte Krieg.

Doch zurück zu Ambronsius. Wir nennen ihn der Einfachheit halber ebenso. 1989 wurde er in seiner damaligen Funktion als Kurator des Bozener Stadtmuseums beauftragt, sich um den Kelch zu kümmern. Auf dessen wechselvolle Geschichte kommen wir noch zu sprechen. Er war damals im Kloster Muri-Gries in Bozen untergebracht und zur Zielscheibe diverser Diebstahlsversuche geworden. Ambronsius sollte sich um einen sicheren Aufbewahrungsort kümmern. Wir wollen hier nicht auf Einzelheiten eingehen. Alle Details der Geschichte sind in der 2051 von der Edition Gazzetta herausgegebenen Dokumentation ‚Die Rückkehr der Eloi‘ festgehalten. (Literatur- und Quellennachweis am Ende unserer Doku.) Um ebendiese Rückkehr im Jahr 2050 vorzubereiten, schickten sie Ambronsius via Subraumkanal eine holografische Botschaft – in den Kelch hinein! Dass der mit seltsamen, gar äußerst magischen Kräften ausgestattet war, wurde Ambronsius spätestens in jener Nacht klar, in der er es sich nicht nehmen ließ, am neuen geheimen Aufbewahrungsort des Kelches, einem verfallenen Kellerraum des Südtiroler Bienenmuseums, Wache zu halten. Auch diese Begegnung der unheimlichen Art ist in der genannten Dokumentation festgehalten worden. Sie sorgte dafür, dass Ambronsius 1989, einige Monate danach, den Kelch an die sogenannten ‚Auserwählten’, Fabio Wolf und Sarah MacKenzie - wir stellen sie später noch vor - aushändigte und ansonsten sein Leben lang ‚dichthielt‘.

Warum Ambronsius gerade einen schäbigen alten Kellerraum des gerade neu eingerichteten Südtiroler Bienenmuseums als Aufbewahrungsort aussuchte? Offenbar lag das, wie erzählt wurde, nicht nur daran, dass es kaum ein besseres Versteck geben konnte. Im Bienenmuseum arbeitete nämlich seine langjährige Verlobte Maria Hofer.

Damit kommen wir zur zweitältesten Person, die in jener denkwürdigen Silvesternacht in Phillips Manor weilte: Ambronsius’ Frau Maria. Sie war es, die 1989 die Verlobung aufgelöst hatte, weil er nichts als seine Wissenschaft, seine Bücher und sein Museum im Kopf hatte. 60 Jahre, ein gelebtes Leben später sozusagen, heiratete sie Ambronsius. Späte Liebe? Schicksal? Fügung? Die beiden Alten standen über den Dingen und sprachen, wann immer man sie fragte, achselzuckend von ewiger Liebe. Eine ebensolche verband sie auch mit ihrer Heimat Südtirol. Schon ganz zu Beginn ihrer Beziehung hatten sie sich, am Grab ihres Vaters stehend, vorgenommen, ebenfalls einmal dort in ihrer Heimaterde beigesetzt zu werden.

So sollte es auch kommen, selbst wenn das Leben seine eigenen, häufig seltsamen Wege geht.

Folge Eins

Heimat

Nicht zum ersten Mal ertappte sich Jabari, der mit Beinamen Telegonos hieß, bei der Frage, ob er wohl jemals in seiner Heimaterde beerdigt würde. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Jabaris größte Sehnsucht darin bestand, seine Heimat Elo kennenzulernen, ist so etwas sicherlich ein eher ungewöhnlicher Gedanke für einen gerade 26-jährigen jungen Mann, der über den Tod noch so gut wie nie nachgedacht hatte. Möglicherweise hing es damit zusammen, dass Ambronsius ein paar Tage vor Sababus 18. Geburtstag im gesegneten Alter von beinahe 110 Jahren gestorben war. Ambronsius war auf eigenen Wunsch in seiner Heimaterde in Südtirol neben seiner Frau Maria beigesetzt worden. Er war nicht sein leiblicher Urgroßvater gewesen, aber Sababu, Tumaini und Jabari hatten ihn, seit sie sich erinnern konnten, fest in ihr Herz geschlossen. Besonders Tumaini war von großer Trauer erfüllt, denn ihr hatte Ambronsius schon als kleines Kind auf Elo Geschichten erzählt und aus seinen Tagebüchern vorgelesen.

Genau genommen war Ambronsius nicht mit 110 sondern mit 114 Jahren verstorben. Zwar waren seit seiner Geburt im Jahre 1959 auf der Erde 110 Jahre vergangen, etwas mehr als 4 Jahre hatte Ambronsius jedoch auf dem schon erwähnten Planeten Elo – in einem Paralleluniversum – verbracht. Dort verläuft die Zeit anders. Auch Jabaris Mutter, die Biotechnikerin Sophia Philips war – chronobiologisch betrachtet – schon 65 Jahre alt, obwohl seit ihrer Geburt im Jahre 2018 erst 51 Jahre verstrichen waren – auf der Erde.

Verwirrt Sie das? Es handelt sich dabei nicht um die einzige Kuriosität in unserer Reportage, aber mit dieser Kuriosität wollen wir darin eintauchen, denn sie hat etwas mit Jabaris Beerdigungsgedanken zu tun. In ihm begann sich nämlich tatsächlich die kühne Idee einzunisten, ebenfalls in seiner Heimaterde beigesetzt zu werden, wenn es denn so weit wäre. Da gab es nur ein winziges Problem: Seine Heimaterde war 11 Lichtjahre von der Erde entfernt. Dass sie alle schon dort gewesen waren – also Ambronsius, Tumaini, deren Eltern sowie seine Mutter und sein von dort stammender Vater Nano sowieso – lag daran, dass die Eloi, die Bewohner dieses Planeten, schon seit Urzeiten die interstellare Raumfahrt beherrschten. Mittels eines sich alle 160 Jahre öffnenden Wurmlochs zwischen ihrem System und dem Sonnensystem besuchten sie schon seit Jahrtausenden die Erde. Zuletzt sind sie im Jahr 2050 hier gewesen, mehrmals sogar. Durch Zeitverzerrungen hatte sich eine äußerst dystopische Zeitlinie gebildet. Zunächst galt es, die von ihnen schon vor vielen Jahren zwecks Kommunikation Auserwählten – dabei handelte es sich um die bereits genannten Personen – zu retten. Dazu waren diverse, recht abenteuerliche, um nicht zu sagen, lebensgefährliche Weltraummanöver notwendig gewesen. Eins davon hatte sie auf den Planeten Elo – allerdings im Paralleluniversum – und ein anderes in ein Parralleluniversum im Jahr 2210 auf der Erde geführt. (Anm. d. Red.: dazu später mehr)

Diese Reisemöglichkeit schied aus. Das Wurmloch würde sich regulär erst wieder 2210 irdischer Zeitrechnung öffnen. Allerdings gab es seit der Erfindung des Warp-Antriebs die ersten vielversprechenden Flüge in die nähere Umgebung und insofern war Jabaris Idee nicht vollkommen unrealistisch. Wo wir jedoch wieder bei den Kuriositäten angelangt wären: Man muss kaum über umfassenden Kenntnisse der relativistischen Physik verfügen, um zu verstehen, dass die interstellare Raumfahrt geradezu eine Quelle von paradoxen Zeitverschiebungen sein kann. Führen wir nur das allseits bekannte Zwillingsparadoxon an. Ein Zwilling reist mit annähernd Lichtgeschwindigkeit zu einem weit entfernten Planeten, verweilt dort eine gewisse Zeit und kehrt zur Erde zurück. Während er kaum gealtert ist, ist sein auf der Erde verbliebener Zwillingsbruder um Jahre gealtert. Um wie viel, hängt natürlich von der Entfernung des Planeten und der genauen Geschwindigkeit zusammen. Doch obwohl das Zeitdilatation genannte Phänomen durch Experimente in Teilchenbeschleunigern als nachgewiesen gilt, sind immer wieder Zweifel angemeldet worden. Könnte es nicht doch möglich sein, überlegte man schon früh, dass durch gezielte Raumzeit-Krümmung oder andere Verzerrungen oder gar die Fortbewegung im Hyperraum und durch Wurmlöcher Überlichtgeschwindigkeit möglich ist und dadurch viel größere Entfernungen – und der Zeitfaktor an sich – überwunden werden könnten? Würde das jedoch nicht – auf das Zwillingsparadoxon bezogen – möglicherweise völlig abwegige Konsequenzen geben?

Verlassen wir einstweilen die Kuriositätenecke und kehren zurück zu unserer Geschichte. Fakt ist, dass die Eloi – und die mit ihnen verbundenen Menschen – nur das sich alle 160 Jahre öffnende Wurmloch haben und die die Warp-Blase nutzende Technik noch nicht so weit ist, um solche Distanzen überwinden zu können. Wenn wir etwas genauer hinschauen – und die folgende Erzählung wird erweisen, dass das hoch angemessen ist –, lag darin jedoch gar nicht der wahre Grund für Jabaris Beschäftigung mit dem Tod. Jabari wurde von einer nicht nur situationsbezogenen, sondern ahnungsvollen Traurigkeit überfallen! Das war so ein Gefühl, als ob etwas Schlimmes passieren könnte. Ein wenig hing das wohl auch mit einer ganz besonderen Gabe Jabaris zusammen. Während die Eloi über die für sie ganz selbstverständliche Fähigkeit der Telepathie verfügen, vermochte Jabari – möglicherweise, weil er Sohn einer Menschenfrau und eines Eloi-Vaters war – die Erinnerungen und die Träume besonders ihm nahestehender Personen zu sehen.

Um das verständlich zu machen, müssen zunächst die beiden anderen Hauptpersonen unserer Geschichte etwas näher in Augenschein genommen werden: Sophia, genannt Tumaini, und Sababu, die den Beinamen Terranata erhalten hatte. Die drei bildeten von Kindesbeinen an eine eingeschworene Gemeinschaft. Seit Sababus Geburt kümmerten sich Jabari und Tumaini sehr liebevoll um ihre kleine Schwester, denn über viele Jahre waren sie wie Geschwister aufgewachsen, obwohl sie keine leiblichen Geschwister waren. Das hing mit der besonderen familiären Konstellation ihrer Eltern, beziehungsweise deren Herkunft zusammen. Doch dazu später mehr. Jabari, Tumaini und Sababu waren dermaßen inniglich miteinander verbunden, dass sie eine längere Trennung nur schwerlich aushielten.

Nach Ambronsius‘ Trauerfeier und Sababus Geburtstagsfeier waren erst ein paar Wochen vergangen, da ereignete sich etwas, das nicht nur Jabari erschütterte, sondern ihr gemeinsames Leben und ebenso das ihrer Familiengemeinschaft nachhaltig veränderte. Man muss zuvor noch erwähnen, dass Sababu die erste auf der Erde geborene Eloi war. (Anm. d. Red.: daher der Beiname). Ihre Eltern Sunna und Argo gehörten zu der Raumschiffbesatzung, die zwar turnusgemäß, aber nach diversen Problemen zur Sommersonnenwende 2050 zur Erde gekommen war und gemeinsam mit ihren Freunden Margo und Senga beschlossen hatten, hierzubleiben und hier zu leben. Sie bildeten zusammen eine große Wohngemeinschaft mit Jabaris Mutter, der Gentechnikerin und Nobelpreisträgerin Sophia Philips und Tumainis Eltern, dem Archäologen Fabio Wolf und der Journalistin und Zeitungsverlegerin Sarah MacKenzie. Das war möglich geworden, nachdem sie das von Ambronsius geerbte oberhalb von Kaltern in Südtirol gelegene Anwesen baulich erweitert hatten.

Doch was passiert nicht alles in knapp 20 Jahren? Die beruflichen Erfordernisse hatten dafür gesorgt, dass man hier und da und dort war. Die Wohngemeinschaft bestand zwar immer noch und war für alle ein zentraler Ort, ein Zufluchtsort gar, doch in letzter Zeit lebten dort Jabari und Tumaini überwiegend allein.

Dort beginnt unsere eigentliche Geschichte.

Zuvor blicken wir allerdings abermals auf die schon erwähnte Silvesterfeier zurück.

Memento

31.12.2050 (2)

Erst noch eins: Die Hochzeit der beiden Alten fand seinerzeit im Rahmen einer außergewöhnlichen Zeremonie im Bozener Dom statt – zusammen mit der ersten katholischen Hochzeit zweier Frauen. Zelebriert wurde die Doppelhochzeit von Monsignora Lambretti, der späteren ersten Bischöfin des Bistums Bozen-Brixen (und derzeitigen Päpstin Lea). Bei den beiden Frauen, welche sich gemeinsam mit dem zum Zeitpunkt der Hochzeit wohl ältesten Paar aller Zeiten das Ja-Wort gaben, handelt es sich um die in der aktuellen Handlungsebene schon erwähnte Biotechnikerin Sophia Philips und die Journalistin Sarah MacKenzie. Das Ganze war ‚arrangiert‘ worden von dem ebenfalls erwähnten Archäologen Fabio Wolf. Auf alle drei kommen wir später noch zurück und erwähnen sie hier lediglich, weil sie nicht nur einen ganz besondere Liebesgeschichte verband, sondern weil sie zu den von den Eloi ‚Auserwählten‘ gehörten. Da die drei Telepathen in zweiter Generation waren, schienen sie den Eloi dazu prädestiniert, mit ihnen zu kommunizieren. Für die Eloi – und die Morlocks übrigens auch – ist die Telepathie, wie bereits erwähnt, eine altbewährte, völlig selbstverständliche Verständigungsmöglichkeit.

Apropos Telepathen der zweiten Generation: Sophias und Fabios Eltern und Will Smith, Sarahs Vater waren auch zugegen. Wir fahren mit der Vorstellungsrunde mal fort, indem wir in absteigender Reihenfolge des erreichten Lebensalters vorgehen.

Marc Philips war in jenem Jahr, als sich die Ereignisse überstürzten 70 geworden und er litt ein wenig darunter, dass er nicht mehr der große Hero war und tatenlos dabei hatte zusehen müssen, wie die Kinder auf andere Zeitlinien sowie in Paralleluniversen gerieten und – zusammen mit dem alten Ambronsius – diverse Weltraumabenteuer mit den Eloi hinter sich brachten. Gesehen, geschweige denn miterlebt, hatte er natürlich nichts davon, aber manchmal kann abwarten und nichts sehen und nichts tun können viel schlimmer sein. Das ist dann ganz besonders der Fall, wenn man es wie Marc Philips gewohnt war, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und das Geschehen aktiv mitzubestimmen. Das hatte er in der Tat sein ganzes Leben lang getan, zunächst als Geschäftsmann und später als Privater Ermittler. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass sein Detektivbüro, in dem seine spätere Frau Bea mitarbeitete, an der Aufklärung einiger Kapitalverbrechen beteiligt war.

Außerdem waren die beiden – und das ist der Hauptgrund, warum wir ihren Job besonders hervorheben – auch schon jenem sagenumwobenen Kelch auf der Spur gewesen, der die Geschicke der von uns hier vorgestellten Personen nachhaltig beeinflusst hat und deswegen im Mittelpunkt unseres Interesses steht. Auf seine wechselvolle Geschichte kommen wir noch zu sprechen. Es gab Zeiten, in denen man genau wusste, wo sich der Kelch befand. Dann wiederum verschwand er und sein Aufenthaltsort blieb im Dunkeln.

Allein das weist daraufhin, dass es mit diesem Kelch etwas Besonderes, um nicht zusagen, Außergewöhnliches auf sich hat, und wieso immer schon so viele nach ihm Jagd machten.

Im Jahr 2069 gerät er erneut in den Fokus.

Folge Zwei

Traumdeutung

«Meine Traumenergie ist auf einem hohen Niveau, aber fürs Schreiben fällt nichts ab.» Gedankenverloren warf Jabari einen Blick auf das Buch Ich habe einen Traum, welches auf dem Board neben seinem Schreibtisch stand. Es handelte sich dabei um das einzige ‚richtige Buch‘, das er veröffentlicht hatte. So nannte man das früher. Zwar hatte er bereits zehn Holo-Books geschrieben, aber ein richtiges Buch war schon etwas Besonderes – nicht nur, weil ihm das seine Mutter zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Ein Druck in herkömmlicher Form war so teuer, dass man das nur noch in ganz besonderen Fällen praktizierte, sei es für Festschriften, Einzelexponate für Museen oder Schmuckstücke für Leihbibliotheken. Die kurze Zitatwidmung, die er vorn ins Buch geschrieben hatte, hing zudem an der Wand darüber – gerahmt und auf Pergament gedruckt.

«Ich habe einen Traum ... Mein Land, es ist über dir, süßes Land der Freiheit, über das ich singe. Land, wo mein Vater starb, Land des Pilgers Stolz, von jedem Berghang lass die Glocken der Freiheit läuten.» Quellennachweis*

Ohne den Zusammenhang der berühmten Rede von Martin Luther King zu kennen, die beinahe auf den Tag genau einhundert Jahre vor seinem zwanzigsten Geburtstag gehalten worden war, hatten gerade diese Zeilen sein Herz berührt – und taten es immer noch. Seine Mutter hatte ihm das vorgelesen, als er sie damals in Princeton besuchte. Man gedachte dort wie in den gesamten U.S.A. der Rede Kings am 28. August 1963.

«Das wird schon Jabi», tröstete ihn Tumaini. «Du sagst doch selbst immer: Ein Zauberwort muss her und plötzlich fließt es wieder.» Sie war hinter ihn getreten, massierte ihm liebevoll die Schultern und schmiegte ihren Kopf auf den seinen. Ihr langes engelblondes Haar glitt ihm ins Gesicht und kitzelte an seiner Nase. «Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort, hieß das nicht so?» **Quellennachweis

«Ja, so hieß das!» Er drehte sich auf seinem altmodischen Schreibtischdrehstuhl, den ihm Ambronsius mal vermacht hatte, leicht nach links, zog sie bestimmend auf seinen Schoß und umschloss sie fest mit seinen kräftigen Armen. Die Wärme der Nacht hüllte ihren nackten Körper noch wie ein schützender Mantel ein. Tumaini fror niemals und scherzte manchmal, dass es daran läge, dass sie schon mal im Weltall war – und dort sei es schließlich sehr kalt. Sie genoss es dennoch, wie er versuchte, sie zu wärmen.

Meist war sie schon vor ihm auf, aber heute hatte ihn ein Impuls an seinen Schreibtisch getrieben, um eine Traumerinnerung festzuhalten. Doch dann hatte das Zauberwort gefehlt. Dafür zog sie beide nun der Zauber der frühmorgendlichen Stunde in ihren Bann. Soeben legte sich der Hauch des Silberglanzes auf das spärliche Wolkenmeer, welches über den leuchtenden Bergwipfeln des Rosengartens schwebte. Ein wunderschöner Tag erwartete sie – aber auch ein anstrengender. Das alljährliche Treffen anlässlich des Tags der Rückkehr der Eloi stand an. Es war im Laufe der Jahre zu ihrer aller ganz besonderen Sommersonnenwendfeier geworden. In diesem Jahr zelebrierten sie es zum neunzehnten Mal.

«Hast du von mir oder von Sababu geträumt?», durchbrach Tumaini flüsternd den Moment der Versunkenheit. Jabari ergriff ihr Kinn, drehte ihren Kopf, so dass er ihr direkt in die Augen sehen konnte und setzte den bösesten Blick auf, den er drauf hatte. «Höre ich da Untertöne, Sophia?»

«Ach Jabari, sei nicht böse», entgegnete Tumaini und strich ihm besänftigend durch sein krauses schwarzes Haar. Ihren Geburtsnamen Sophia verwendete Jabari nur dann, wenn er bewusst ernst sein wollte – etwas, das ihm selten gelang. «Erstens ja und zweitens war meine Frage anders gemeint. Untertöne zu hören ist ja Teil deiner Gabe, wie wir alle wissen, und dass die dich auf ganz besondere Weise mit Sababu verbindet, pikst manchmal schon ein kleines bisschen. Aber auch das weißt du. Jetzt sei lieb und erzähl, was du geträumt hast, beziehungsweise, denn das habe ich eigentlich fragen wollen, in wessen Traum oder Erinnerung du hineinsehen konntest.»

Jabari presste die Lippen zusammen und holte tief Luft, so als fiele es ihm nicht leicht zu sagen, was er zu sagen hatte.

«In Sababus Traum – und der war recht merkwürdig!», begann er und küsste Tumaini dabei wie zum Trost auf die Stirn, nachdem er ihre blonden Locken liebevoll nach hinten gestrichen hatte, «waren wir alle bei ihnen in Phillips Manor und Margo führte uns zum ehemaligen von ihm modernisierten Wirtschaftsgebäude herüber, um uns seine neueste Errungenschaft zu präsentieren. Dort stehen ja, wie du weißt, seit Urzeiten neben dem Shuttle-Flieger die beiden inzwischen sicher an die 100 Jahre alten Oldtimerautos. Den X1/9-Bertone von deiner Mom hat er mit seinem neuen Antimaterieantrieb ausgerüstet. Für den Shuttle-Flieger sei der noch im Versuchsstadium befindliche Antrieb zu schwach, erläuterte Margo, aber das kleine Auto könne er mühelos in Sekundenbruchteilen von A nach B transportieren.

‚Auch nach Elo?‘, fragte ich.

‚Du kannst es ja mal ausprobieren», entgegnete Margo grinsend und fügte, nachdem ich mich schon in das Auto hineingezwängt hatte, lachend hinzu: ‚Aber fahr vorsichtig. Ich habe noch nicht getestet, ob die Kiste auch weltraumtauglich ist.‘

Dass Tumaini kräftig gegen den Impuls ankämpfen musste, lauthals loszulachen, nahm Jabari ihr nicht übel. Es war ja auch wirklich zu komisch. Außerdem wusste er ihre Deutungen als inzwischen angesehene Psychotherapeutin zu schätzen. Zudem zählte sie zu den Wenigen, die seine tiefe Sehnsucht kannten und akzeptierten, obwohl sie gerade ihr sehr zu schaffen machte. Verwunderlich war es also nicht, dass ihre Traumdeutung in eine ganz andere Richtung weisen würde, denn dass sich seine Sehnsucht auch in diesem Traum zu Wort meldete, war nachgerade banal und ihm natürlich vollkommen klar.

«Gib mir etwas Zeit, es sacken zu lassen», entgegnete sie, löste sich aus seiner Umarmung und stand auf. «Komm, wir machen Frühstück. Ein wenig müssen wir auch an die Zeit denken, sonst verpassen wir noch unseren Flieger. Ich zieh mich rasch an und du bereitest uns einen richtigen Kaffee zu, okay?»

Jabari nickte zustimmend. Der richtige Kaffee verschaffte ihr etwas mehr Zeit zum Nachdenken. Sonst tat es morgens meist der Getränkereplikator. Doch benötigte Tumaini tatsächlich mehr Zeit zum Nachdenken? Sie war eine brillante Psychologin und ertastete den Seelengrund meist sehr schnell. Die Traurigkeit hatte sie eingeholt. Ambronsius war zum ersten Mal nicht mit dabei. Jabaris Traumbericht war der Auslöser gewesen. Er spürte es und ließ ihr Zeit.

Erst, als sie im Flieger von Bozen nach Inverness saßen, holte Tumaini, ohne das Jabari das eingefordert hatte, den Traum in ihre Mitte zurück. Zunächst hatte ihrer beider bewunderndes Staunen über dieses von Margos und Argos Firma - zu Ehren Nanos Nano-Enterprises genannt - mitentwickelte technische Meisterwerk, welches sie transportierte, seinen gebührenden Platz eingenommen.

«Es war nicht dein Traum, sondern Sababus», begann sie ihre Stellungnahme. Ihr Flieger, das erste mit Solarenergie betriebene Mittelstreckenflugzeug der Welt, hatte eben die Alpen hinter sich gelassen. «Du neigst ja manchmal dazu, das zu vergessen. Ist auch kein Wunder, denn deine gesamte Schreiberei basiert darauf, dass du dich in die Träume und Erinnerungen anderer hineinvertiefst, als wären es deine eigenen. Ich betone das nur erneut, damit du die innenliegende und gewiss auch verständliche Projektion berücksichtigst. Einfach ausgedrückt: Den Schuh darfst du dir nicht anziehen. Und dass ich befangen bin, ist dir auch klar, oder? Ich bin nicht deine Therapeutin!»

Jabari runzelte die Stirn. «Das klingt ja dramatisch», verlieh er seiner Verwunderung Ausdruck, als ein Holo-Call aus seiner Hand ihn ablenkte. Um ihn anzunehmen, schloss er die Hand zweimal zur Faust, öffnete die Hand wieder und sah zu, wie sich das Hologramm seiner Mutter aus dem in der Handmitte implantierten Mikrochip heraus aufbaute.

«Solange du deine Mama in der Hand hast, kann ja nichts passieren», flüsterte Tumaini augenverdrehend. Hoffend, dass ihr despektierliches Geflüster nicht bei Jabaris Mutter angekommen war, beeilte sie sich, sie als Erste zu begrüßen: «Hi, Tante Sophia, hat bei dir alles geklappt?»

Jetzt war es an Jabari, die Augen zu verdrehen. Tante Sophia und die kleine Sophia, wie Tumaini im Familienjargon noch immer gelegentlich genannt wurde, hatten eine ganz besondere Beziehung zueinander. Manchmal nervte das nur, doch gelegentlich machte ihm das ernsthaft zu schaffen. Dass die Tante Sophia der kleinen Sophia, die weder ihre Nichte noch sonst wie verwandt mit ihr war, eine Gastdozentur in Princeton für das kommende Wintersemester verschafft hatte, war auch noch nicht richtig verdaut. Objektiv betrachtet war das für Tumaini natürlich eine Riesenchance, aber es behagte ihm ganz und gar nicht, dass er dann in dem riesigen Anwesen oberhalb von Kaltern für eine recht lange Zeit größtenteils alleine leben musste. Sababu war ihren Eltern schon vor zwei Jahren nach Schottland gefolgt – nicht nur wegen der Ausbildung, sondern weil sich das nördliche Klima für die Eloi als gesünder herausgestellt hatte. Und Fabio, sein Adoptivvater, hielt sich, wenn er überhaupt mal da war, meist in der Bozener Altstadtwohnung auf, welche Sarah, Tumainis Mutter schon vor längerer Zeit in der Nähe der Geschäftsstelle der Edition Gazzetta erworben hatte.

«Dasselbe wollte ich gerade euch fragen. Mein Flieger landet in einer halben Stunde in Inverness. Bin also etwas früher da als ihr, wenn ich das richtig sehe. Fabios Eltern, höre ich gerade, können erst morgen kommen.»

Interferenzen sorgten dafür, dass das Hologramm zu flackern begann und schließlich ganz erlosch. Jabari ballte seine Hand wieder zur Faust und schaltete damit auf reines Audio. So blieb genug Energie für die Sprachfunktion. Ganz ausgereift war die Holo-Kommunikation über den Mikrochip noch nicht. Aber Jabaris Mutter Sophia hatte die Implantation des Chips ohnehin aus anderen Gründen forciert. Er überwachte Jabaris Vitalwerte und vor allem den Custodex-Spiegel im Blut. Die regelmäßige morgendliche Einnahme der Custodex-Pillen war unerlässlich geworden. Die genetisch bedingte Chromosomenanomalie als Folge der Vermischung des Genoms – die Eloi besitzen zwei Chromosomenpaare mehr als die Menschen – hatte bei Einsetzen der Pubertät zu Stoffwechselproblemen geführt, deren Ursache nicht anders erklärt werden konnte. Den Chip hatte Nano-Enterprises konstruiert, das Medikament Sophias Biotechnikfirma in Basel.

Zunächst war Jabari wenig begeistert gewesen, doch allmählich hatte er es zu schätzen begonnen, dass er deswegen keinen normalen Holo-Kommunikator mit sich rumschleppen musste.

«Das siehst du richtig», antwortete Jabari, als sich Tumainis Holo-Kommunikator zu Wort meldete. Doch auch auf ihrem zusammenklappbaren Gerät kam kein Hologramm zustande. Möglicherweise lag es an atmosphärischen Störungen.

«Hi, Mom», rief Tumaini erstaunt, «Tante Sophia ist bei Jabari auch gerade in der Leitung.» Mit dem Anruf hatte sie jetzt nicht gerechnet, weil ihre Mutter bereits seit ein paar Tagen in Inverness weilte. Sie nahm an einem internationalen Treffen von Zeitungsverlegern teil. «Ist Dad auch schon da?»

Das war stets ein gewisser Unsicherheitsfaktor. Zur Zeit tourte er mit seinem ganzen archäologischen Team irgendwo in Ägypten rum – am Ufer des Nils, im Bereich der antiken Stadt Theben. Dorthin hatte es ihn zusammen mit Sarah und Sophia bei ihrem ersten Zeitreiseabenteuer ins Jahr 30 v. Chr. verschlagen – an die Stelle, wo der Kelch zum ersten Mal erschienen war. Ihre Hoffnung, den Lauf der Geschichte zu ändern hatte sich dort als so irrational erwiesen, wie eine solche Emotion nur sein kann. Den Lauf der Geschichte kann man nicht ändern. Der Kelch hatte seinen Lauf durch die Geschichte bereits genommen, sonst hätten sie ihn ja – logischerweise – nicht 2079 Jahre später in ihren Händen halten können.

«Ja, schon seit zwei Tagen», antwortete Sarah, etwas unwirsch erscheinend, so als könne sie nicht schnell genug zum Eigentlichen kommen.

«Hört zu, der Kelch ist weg und euer Vater in heller Aufregung. Recht hat er! Wer in aller Welt sollte das Versteck je finden? Hätte er nicht nach dem Kelch gesehen, um auszuprobieren, ob die römische Münze, die er am Nil gefunden hat, in die leere Ringfassung am Fuß des Kelchs passt, wer weiß, wann wir es überhaupt bemerkt hätten?»

«Und was meint Sababu dazu?», entgegneten Jabari und Tumaini wie aus einem Mund und sahen sich dabei mit entsetztem Blick an. Sababu meinte nicht lange, Sababu handelte – leider oft unüberlegt. Schlagartig wurde ihnen außerdem bewusst, dass der Traum damit, jenseits aller Deutungen, einen geradezu wegweisenden Charakter erlangte. Sababu besaß einen siebten Sinn, dem man mit der Beschreibung ‚übersinnliche Wahrnehmung‘ nicht gerecht wurde. An ihrem 18. Geburtstag hatte sie die anlässlich ihrer Taufe in Ambronsius‘ Garten am Bienenmuseum vergrabenen Zeitkapseln gefunden und dass, obwohl sie weder davon wusste, dass für sie alle so etwas gemacht, noch dass es im Laufe der Jahre schlichtweg vergessen worden war.

«Sababu ist mit Yacho unterwegs auf Spurensuche. Sie hat das Gefühl, dass der Dieb noch irgendwo in der näheren Umgebung von Phillips Manor ist.»

Memento

31.12.2050 (3)

Geben wir Sababu eine Weile Zeit für ihre Suche und wenden uns erneut der Vergangenheit zu. Das passt insofern gut, weil als Nächstes Bea Philips an der Reihe ist, vorgestellt zu werden. Sie war nämlich Sababus großes Vorbild.

Bea war knapp 11 Jahre jünger als Marc Philips und über eine wirklich heiße Liebesaffäre in seine Detektei gestolpert. Ihre später gemeinsam gelösten Fälle sind dokumentarisch festgehalten in der Büchern Immaculati, Utopia und Genom, damals in den 2020er-Jahren im leider nicht mehr existierenden Telegonos-Verlag erschienen, und wurden später in Sarah Mackenzies Zeitungsverlag Edition Gazzetta neu herausgegeben. Sababu liebte Jabaris Großeltern, als ob es ihre eigenen wären, und ihre Bewunderung für Bea begann, als sie die erwähnten Bücher, allen voran Genom gelesen hatte. Dafür, dass Bea behauptete, die darin geschilderte Entführung Marcs durch das Verbrechersyndikat GENOM stecke ihr heute noch in den Knochen, hatte Sababu vollstes Verständnis. In diesem Fall ist mit heute übrigens wirklich heute, also 2069, gemeint, denn Marc und Bea, inzwischen 89 beziehungsweise 78 Jahre alt, erfreuen sich nicht nur immer noch bester Gesundheit, sondern stehen, wo sie können, mit Rat und Tat zur Verfügung. Ein wenig liegt das, so glauben sie selber, an den Nebenwirkungen von Epiphysox, jenem Präparat, für dessen Synthetisierung Sophia Philips, ihre Tochter, 2050 den Medizinnobelpreis erhielt. Letzteres geschah natürlich nicht als Folge der Nebenwirkungen, sondern weil das Präparat die erfolgreiche Bekämpfung verschiedener Formen von Demenz- und Depressionserkrankungen ermöglicht hatte. Die Nebenwirkung, die Dezimierung der sogenannten Freien Radikalen im Körper, war sozusagen ein feiner, aber ungewollter Bonus.

Sophias Vater Marc, der seinerzeit, als er auf die Siebzig zuging, die ersten Anzeichen von Altersdemenz erkennen ließ und Sarah MacKenzie, die an der frühen Demenz litt, waren nicht nur Sophias erste Versuchspersonen gewesen, sondern quasi ihr Motiv. Nichts hatte sie stärker angetrieben, als die Hoffnung auf deren Heilung.

Warum wir all diese weit zurückliegenden Dinge erwähnen? Nun, all das hatte einen enormen Einfluss auf Jabari, Sababu und natürlich auch Tumaini. Und bedenken Sie bitte Folgendes: Jabari war auf einem anderen Planeten geboren und Sababu, die erste auf Erden geborene Eloi. Mit denen meinten es alle besonders gut. Ob das wirklich so gut war, ist allerdings eine andere Frage.

Neben Bea und Marc gab es noch ein großes Vorbild für Sababu: Will Smith. Will, damals auch schon in der Ü-60-Alterskohorte angekommen, hatte, bevor er in den Ruhestand gegangen war, als MI5-Agent gearbeitet. Nach dem frühen Tod seiner ebenfalls für den MI5 arbeitenden Frau Sarah MacKenzie, Mutter ihrer gemeinsamen Tochter Sarah MacKenzie, hatte er sich vollkommen der Jagd nach dem Schwerverbrecher Gregori Romanescu hingegeben und ihn schließlich erschossen – auf einer anderen, dystopischen Zeitlinie. Mal sehen, ob wir darauf zurückkommen müssen. Das war nicht ohne. Im Moment führt das zu weit vom aktuellen Geschehen weg – sorry, von dem von vor knapp 20 Jahren.

Bevor wir unsere Liste der Teilnehmer an der Silvesterfeier weiter abarbeiten, noch eine kleine Ergänzung zu Will Smith und den Philips. Als Will Smith den Dienst quittierte, suchte er nach einer wirklich abgeschiedenen Bleibe. Seine Beweggründe lassen sich erahnen. In seinem Job macht man sich Feinde. Phillips Manor schien ihm ideal und so nahm er Marcs Angebot an, das Haus seiner verstorbenen Eltern zu übernehmen. Man könnte sagen, dadurch blieb das Haus in der Familie, denn dazu waren die Philips und er schon lange geworden. Ein wenig hing das damit zusammen, dass Wills Tochter Sarah, seiner beruflichen Tätigkeit und dem frühen Tod ihrer Mutter geschuldet, ihre Kindheit und Jugend überwiegend bei Marc und Bea verbracht hatte. Darüber hinaus blieb und ist Phillips Manor für Familie und Freundeskreis ein beliebter Treffpunkt und Ferienort – auch nachdem die eloisianischen Migranten dort eingezogen sind.

Das mit dem Namen soll auch noch geklärt werden. Als Marc Phillips und Bea Philipps, so ihr aus einer alteingesessenen Hamburger Familie stammender Mädchenname, heirateten, beschlossen sie, je einen Buchstaben zu opfern. Seiher heißen sie Philips. Ihre bis zu ihrer Hochzeit engsten Freunde waren Fabios Eltern, die nächsten beiden auf unserer Liste.

Yvonne Stern war lange Herausgeberin der Zeitschrift Gazzetta gewesen, damals noch in Boscona ansässig – in unmittelbarer Nachbarschaft zu Beas und Marcs Detektivbüro. Das Blatt war zunächst ein kleines, satirisches Independance-Magazin gewesen, bevor es von Sarah MacKenzie, Wills Tochter, übernommen wurde. Die machte daraus das Unternehmen, was Sie kennen: Aus der Gazzetta sotto Copertura wurde die weltweit agierende Edition Gazzetta