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»Ich bin der Indianer, der nicht sterben kann. Ich bin Amerikas schlimmster Albtraum.« 1870 ermordet die US-Kavallerie schlafende Frauen, Kinder und Alte der Blackfeet im historisch verbürgten Massaker am Marias River. Was wäre, wenn für dieses Verbrechen Gerechtigkeit geübt werden könnte? Die Antwort scheint einfach. Aber was, wenn diese Gerechtigkeit ein Monster erfordert? Good Stab hat das Massaker überlebt. Auf seine eigene, verfluchte Weise. Vierzig Jahre später betritt er die Kirche von Arthur Beaucarne – nicht für Absolution, sondern für eine Beichte, die den Pastor bis ins Mark erschüttert. Denn der Blackfeet erzählt, was er zu tun gezwungen war, um zu überleben und um Vergeltung zu üben – und dass er nicht zufällig Beaucarnes Kirche gewählt hat. Im Jahr 2012 findet die Professorin Etsy Beaucarne das Tagebuch ihres Vorfahren in einer Wand. Sie glaubt an den Fund ihres Lebens. Doch was sie liest, ist mehr als Geschichte. Es ist eine Warnung – vor einem Fluch, der noch nicht gebrochen ist. Stephen Graham Jones, selbst Blackfeet, schreibt mit The Buffalo Hunter Hunter in der authentischen Stimme seiner Kultur – brutal, poetisch, unvergesslich. Cover & Illustrationen: Vincent Sammy Bonusmaterial der Originalausgabe Highlights der Vorzugsausgabe: - 14 farbige Illustrationen sowie ein Wraparound-Coverartwork von Vincent Sammy - Innengestaltung von Vincent Sammy - Handgeprägte Signaturseite mit der Buchheim-Limited-Edition-Prägung - Signiert von Stephen Graham Jones und Vincent Sammy Daniel Kraus, NYT Bestsellerautor: »Für mich und Vampire gilt: Es gibt Stoker, es gibt Rice – und jetzt gibt es Jones. Erschütternd, qualvoll, nuanciert und geradezu philosophisch. Sehr wahrscheinlich Jones' Meisterwerk.«
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Seitenzahl: 724
Veröffentlichungsjahr: 2026
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HUNTER
STEPHEN GRAHAMJONES
Illustriert von
Vincent Sammy
Aus dem Amerikanischen von
Gerrit Wustmann
GrimmaBuchheim Verlag2026
Deutsche Erstausgabe
Vorzugsausgabe limitiert auf 666 Exemplare
ISBN E-Book: 978-3-946330-62-2
© 2026 Buchheim Verlag, Grimma
Alle Rechte vorbehalten
Cover & farbige Illustrationen: © 2026 Vincent SammyTitel- & Kapitelgrafiken: © 2026 Vincent SammyPapiergrafiken: © Abbasy Kautsar, Adobe Stock und © paladin1212, Adobe StockLektorat: Dr. Frank WeinreichSatz im Verlag
www.buchheim-verlag.de
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an:[email protected]
Hersteller: Buchheim Verlag, Inh. Olaf Buchheim,Lausicker Str. 5, 04668 GrimmaArtikelnummer: VZ20, einmalige Druckauflage
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
THE BUFFALO HUNTER HUNTER
Copyright © 2024 by Stephen Graham Jonespublished in agreement with the author,c/o The Marsh Agency Ltd., London andB. J. Robbins Literary Agency, N. Hollywood
HUNTER
für James und Lois:danke für all die Marmelade
aber die Kontrahenten behandeln den Fall auf eine Weise,die zeigen soll, dass sie weder Wahrheit noch Eintracht suchen,sondern uns ausbluten wollen
– Die Apologie der Confessio Augustana,Konkordienbuch
DAS BEAUCARNE-MANUSKRIPT: Teil 1
16. Juli 2012
DIE ABSOLUTION VON THREE-PERSONS 31. März 1912
DAS DUNKLE EVANGELIUM DES NACHZEHRERS 31. März 1912
DIE ABSOLUTION VON THREE-PERSONS 3. April 1912
7. April 1912
DAS DUNKLE EVANGELIUM DES NACHZEHRERS 7. April 1912
DIE ABSOLUTION VON THREE-PERSONS 11. April 1912
13. April 1912
14. April 1912
DAS DUNKLE EVANGELIUM DES NACHZEHRERS 14. April 1912
DIE ABSOLUTION VON THREE-PERSONS 18. April 1912
22. April 1912
DAS DUNKLE EVANGELIUM DES NACHZEHRERS 22. April 1912
DIE ABSOLUTION VON THREE-PERSONS 23. April 1912
25. April 1912
26. April 1912
28. April 1912
DAS DUNKLE EVANGELIUM DES NACHZEHRERS 28. April 1912
DIE ABSOLUTION VON THREE-PERSONS 1. Mai 1912
12. Mai 1912
DAS DUNKLE EVANGELIUM DES NACHZEHRERS 5. Mai 1912
DIE ABSOLUTION VON THREE-PERSONS 26. Mai 1912
2. Juni 1912
DAS BEAUCARNE-MANUSKRIPT: Teil 2
12. Januar 2013
17. Januar 2013
20. Januar 2013
21. Januar 2013
Noch immer 21. Januar 2013
22. Januar 2013
23. Januar 2013
DANKSAGUNG
BONUSMATERIAL
QUELLEN
ENDNOTEN
AUTOR
ILLUSTRATOR
Ein Tagelöhner greift in die Wand des Pfarrhauses, das seine Crew renoviert, und holt ein Stück Geschichte hervor, dessen Seitenränder unter den Fingern seiner Handschuhe zerbröseln, und ich stelle mir vor, wie dieser Ungelernte, wäre nicht in ebendiesem Moment sein Vorarbeiter vorbeigekommen, das Tagebuch aus dem vorigen Jahrhundert in seinen Werkzeuggürtel stopft, um es zu verscherbeln oder gegen Bier einzutauschen, und dass die Welt nie davon erfährt.
Aber wenn das hier funktioniert, verdanke ich dem Tagelöhner meine Karriere.
Im Januar wurde mir zwar nicht direkt die Festanstellung verwehrt, aber mir wurde gesagt, dass ich, anstatt meine Bewerbung durchzuziehen, lieber in Erwägung ziehen sollte, noch einmal um Verlängerung meiner jetzigen Anstellung zu bitten. Das Problem war nicht mein Unterricht – ich bin die Tagelöhnerin in Kommunikation und Journalismus, die alle Einführungs- und Vertiefungskurse abdeckt –, sondern dass meine Publikationen nicht den »Promotionsstandards« der University of Wyoming entsprechen. Heißt: Angel dir einen Buchvertrag, Etsy, dann reden wir weiter.
Und wenn du es nicht tust? Dann lösen sich deine ganze Ausbildung und all deine Träume, Professorin zu werden, in Rauch auf und du stehst draußen in der Kälte.
Bis dieser Tagelöhner zufällig in diese Wand griff. Bis das, was er da eingewickelt in von Mäusen angeknabbertem Wildleder fand, in den Händen von Lydia Ackerman, der Special-Collections-Bibliothekarin der Montana State University oben in Bozeman, landete, die die Handschrift weit genug entziffern konnte, um auf der allerersten Seite einen Namen zu erkennen: »Arthur Beaucarne«.
Von dort bis zu mir ist es nicht weit, schließlich ist das kein gängiger Nachname.
Und weil das Tagebuch technisch gesehen mir gehört – nun, meinem Vater und dann mir, aber mein Vater in der Einrichtung unten in Denver ist nicht gerade compos mentis –, hat Lydia Ackerman mir die digitalisierten Seiten geschickt, während sie verarbeitet wurden, da das Original ein gutes Jahrhundert zu empfindlich ist, um es in die Hände zu nehmen. Aber ich glaube nicht, dass sie das aus Wohlwollen tut. Sondern um zu verhindern, dass ich noch mal unangekündigt auftauche.
»Etsy?«, fragte sie, als ich ganz genau so im Mai vorbeischaute, wegen der Treppe noch schwer atmend. Sie blickte von meinem Ausweis zu mir, um zu sehen, was von beidem der Tippfehler war. Eigentlich heiße ich Betsy, aber das sage ich nicht, denn ein Junge mit einer Sprachstörung im Kindergarten …, wen interessiert’s?
»Der Nachname«, sagte ich so höflich wie möglich.
Und so wurde ich nach hinten zu der Werkbank geführt, auf der sie empfindliche literarische Artefakte konservieren, musste Maske, Handschuhe und Schuhüberzüge anlegen und mir derart ausstaffiert einen Vortrag über den Ligningehalt alten Papiers und hausgemachte Tinten des neunzehnten Jahrhunderts anhören und darüber, wie diese spezielle Tinte zu Säure gealtert war, die das spröde alte Papier fraß, auf das mit ihr geschrieben worden war, was hieß, dass die einzelnen Buchstaben schon beim kleinsten Hauch zu unrettbaren Krümeln zerfielen. Daher der Schutzkasten, in den das Tagebuch eingeschlossen war. Das sei auch zur Kontrolle von Feuchtigkeit und Temperatur, erklärte Lydia Ackerman, als würde sie Zweitklässlern eine Führung geben, hauptsächlich sei er aber dafür da, zu verhindern, dass eine leichte Brise die schwarzen Buchstaben von den Blättern fegt und diesen unglaublichen historischen Fund vernichtet.
»Außerdem ist es gegen Staub«, und Lydia Ackerman lehnte sich vor, um das in einer Art Vertraulichkeit zu sagen, als würde es sich bei »Staub« um eine Obszönität in diesem Raum handeln. »Sogar Staub wiegt genug, um die Buchstaben durchs Papier fallen zu lassen.« Um sicherzugehen, dass ich verstand, wie schlimm das alles war, riss sie die Augen auf und hob ihre Brauen.
»Ich werd’ vorsichtig sein«, versicherte ich ihr, und an dieser Stelle entriegelte sie den Glaskasten, wobei wir beide, da bin ich ziemlich sicher, hinter unseren Masken die Luft anhielten. Endlich sah ich das Tagebuch meines Urururgroßvaters vor mir.
Das Arbeitszimmer, in dem wir uns befanden, roch wie das Chemielabor meines Vaters auf dem Campus und trug mich in die Zeit zurück, als ich zehn Jahre alt war und ihn noch nicht betrogen hatte, indem ich die Geisteswissenschaften der Naturwissenschaft vorzog.
Sorry, Dad. Noch mal.
Ich wandte der Chemie den Rücken zu, wurde zur Alchemistin, ja, vermischte Fakten mit Rhetorik und Lobhudelei und einem eigenen Dreh, alles in der Hoffnung, dieser oder jener Vortrag möge mir ein Publikum verschaffen, und das hoffentlich auf eine Weise, die von Herzen kam. So funktioniert Kommunikation, in die ich mit dir eines Tages wieder eintreten möchte, Dad. Hoffentlich bald. Immerhin erhalte ich die Berichte deiner Ärzte.
Aber, wie mein Urururgroßvaters in seinem Tagebuch sagt (okay, mein größter Großvater): Das ist weder hier noch dort.
Und, ja, okay, ich gestehe es hier in der Privatsphäre dieses Laptops: Da ich keine »Wissenschaft« von Dad geerbt habe, entscheide ich mich dazu, von jemandem, der noch viel weiter in meiner Blutlinie zurückreicht, das Tagebuchschreiben zu erben. Nun, entweder »erben« oder »wiederbeleben«. Seit der Junior High habe ich meine edlen Gedanken nicht mehr in einem geheimen Notizbuch festgehalten. Dachte, ich wär aus so etwas rausgewachsen. Überraschung, schätze ich. Ich bin nach wie vor das ungeschickte Mädchen aus der siebten Klasse, nur dass die Feinde, die ich heute auf meine Hassliste schreibe, in meiner Evaluationskommission sitzen.
Aber, Urururgroßvaters, mir ist klar, dass ich nicht ansatzweise so viel Übung darin habe wie du, meine täglichen Gedanken und Erinnerungen strukturiert niederzuschreiben. Du hast deine Bildung im Jahrhundert erhalten, als Auswendiglernen noch an der Tagesordnung war. Du konntest lange Gedichte und Reden rezitieren, und ich, die Redenschreiben unterrichtet, kann mir kaum eine Telefonnummer merken.
Was uns auch unterscheidet: Du warst ein Pastor, ich bin mehr die professionelle Zweiflerin (das habe ich von meinem Dad geerbt).
Aber ich habe mich durch die ersten Tage deiner Aufzeichnungen gearbeitet, und langsam verstehe ich, weshalb Bozeman dafür bezahlen will, sie in der Sammlung zu behalten. Du warst gut, Arthur Beaucarne. Du hast meine Rhetorik, meinen Dreh, meine Lobreden genutzt, um von Herzen kommend zu klingen, ungeachtet der tatsächlichen Fakten. Aber du hattest auch den Blick eines Dokumentars, nicht wahr? Und das Ohr eines Dramatikers. Du hattest keine Kamera, aber du hattest einen Stift, und seine Spitze war scharf genug, um ohne Umweg ins Zentrum des Tages, des Jahres, der Ära zu treffen.
Aber du vertrittst deinen Standpunkt besser, als ich es könnte. Ich kopiere einen Zeitungsartikel von 1912, dem Jahr, in dem du aus deiner Kirche verschwunden bist, hier rein, und dann deine ausführlichere Version:
»Geschieht es wieder?« Dies ist die Frage, die der ehemalige Kavallerist und derzeitige Postangestellte Livinius Clarkson seinen Kunden den ganzen Montag hindurch gestellt haben soll.
Was L. Clarkson meint, ist die verstorbene Person, die gestern abseits des Weges gefunden wurde, draußen in der offenen Prärie jenseits des Yellowstone River, in der Nähe des Sunday Creek. Zuerst wurde spekuliert, es handele sich um einen Unglücklichen, der im letzten Winter erfror und unter der Fülle an Sonnenlicht der vergangenen Woche aufzutauen begann. Das würde den Zustand der Überreste erklären. Allerdings versicherten sachkundige Männer, die am Transport der Leiche in die Stadt beteiligt waren, dem Star, dass es sich nicht um Frostbrand oder Spuren von Aasfressern handele. Ebenso versicherten sie dem Star, dass Eis, wenn es der Haut anhaftet, diese zwar entfernen kann, dass deren Fehlen in diesem Fall jedoch absichtlich zugefügt aussehe.
Das bietet Grund zur Besorgnis.
Werden die Indianer wieder feindselig? Und wenn ja, welche? Die Crow, die Nakota, die Ree? Entlegenere Stämme wie die Blackfeet, Gros Ventre, Snake? Und wenn das ein Überbleibsel der Verwerfungen früherer Zeiten ist, was mag dann diesmal der Auslöser ihres Zornes sein? Versorgt unsere Regierung sie nicht mit Rindfleischrationen und mit Land, das sie brach liegen lassen und vernachlässigen, gar nicht daran interessiert, es zu bestellen wie von Gott vorgesehen?
Auf Nachfrage beteuerte L. Clarkson, der selbst kein Unterstützer der Indianer ist, worüber er sich stattdessen sorge, sei die Ähnlichkeit mit einer Reihe grausiger Entdeckungen, die ihm zufolge etwa vierzig Jahre zuvor gemacht worden seien, in den gesetzloseren Zeiten Montanas.
Was diese angebliche Reihe von Verstümmelungen betrifft, sprach der Star mit einem ungenannten Zeugen in den späteren Jahren seines langen und ereignisreichen Lebens. Einst unter anderem als Minenarbeiter tätig, erinnert sich diese Quelle an dieses Land, als es noch »jung und weit« gewesen sei. Spöttelnd angesichts L. Clarksons aufgeregter Behauptungen ruft dieser frühere Erzschürfer, Schatzsucher, Kutscher und gelegentliche Cowboy, der jung war, als die sogenannten »Mountain Men« bereits altersschwach wurden, das Ende der großen Büffelherden in Erinnerung und das verzweifelte Brüllen der Kälber in der Nacht. Und er weiß noch, wie schließlich, vor vierzig Jahren, die Männer aus »Milestown«, wie er Miles City nach wie vor zu nennen pflegt, auszogen und sie in einer einzigen Nacht erledigten und ihre Überreste gehäutet liegen ließen als Warnung an alle weiteren Störer des nächtlichen Friedens. Anscheinend hatten sie alle Kälber eingefangen, indem sie um einen großen Bullen eine Büffelhaut drapierten, den sie von einem ebenfalls ungenannt bleibenden Rancher ausliehen.
Die Häute der erlegten Kälber waren zu klein für Mäntel und zu gülden für den Hutmacher, sodass man sie zunächst auf einer Palette in einem Schuppen hinter dem alten Pferdestall lagerte, bis sie zu grindig waren, um noch verarbeitet werden zu können. Weshalb sie sodann an die Schweine verfüttert wurden. Dieser Zeuge früherer Zeiten versichert dem Star, es sei dieses Spektakel, dessen sich L. Clarkson irrtümlich erinnere, da ein Büffelkalb in etwa dasselbe wiege wie ein erwachsener Mann und es —– tot im Gras hinterlassen —– leicht sei, es für eine menschliche Leiche zu halten.
Zu bemerken ist, dass die zwei Hunde, die jene Gruppe begleiteten, die das tote Individuum holen sollte, beide über Nacht verendeten, während sie die Haut ihrer eigenen Bäuche fraßen. Aber selbstredend gibt es hier in Miles City keinen Mangel an Hunden.
Die Identität des verstorbenen Individuums ist bis zu diesem Tage offen; abgesehen davon, dass er männlich war und möglicherweise ein Reisender, ist sein unversehrtes Antlitz in diesen Breiten doch nicht bekannt.
Seine Beerdigung wird nicht öffentlich sein.
Das ist die Nur-die-Fakten-Version des Miles City Star, datiert auf den 26. März 1912 – auf Mikrofiche, ja. Und das hier hat mein größter Großvater am vorhergehenden Abend in sein Tagebuch geschrieben:
Gestern Abend verbreitete sich die Botschaft von einem tot in dem uns umgebenden Gräsermeer aufgefundenen Mann in der Stadt. Martha Grandlin, Skeet Grandlins zweite Frau (seine erste verstarb), war die erste Überbringerin dieser delikaten Botschaft. Ihr Antlitz in kultivierter Abscheu verzerrt, verlieh sie dem Bericht nicht die volle Kraft ihrer Stimme —– wie ich annehme, entweder in der Hoffnung, es habe sich tatsächlich doch nicht so zugetragen, oder um sich nicht als jemand zu offenbaren, der sich daran ergötzt, solch morbide Nachrichten in der Stadt zu verbreiten. Martha, ganz die freundliche Seele, die sie stets zu sein versucht, brachte einen halben Laib deutschen Brotes und ein wenig Marmelade, von der, wie sie behauptete, nicht viel übrig sei, und sie hielt die wöchentliche Post fest an ihre Seite gedrückt, um zu verhindern, dass eine von Skeets weitreichenden Korrespondenzen in ebenjene Gräsermeere geweht würde.
Mrs. Grandlin legte die Spitzen der Finger ihrer rechten Hand in die Beuge ihrer Kehle, während sie verkündete, dass die Haut des armen Mannes —– es gebe keinen anderen Weg, das zu sagen —– entfernt worden war, »als wäre er ein Tier!«.
Nach Mrs. Grandlins hastigem Aufbruch aß ich still das Marmeladenbrot und sann darüber nach, ob ein von seiner Haut befreiter und draußen im Gras zurückgelassener Mann etwas war, das in unserem neuen Jahrhundert noch geschehen konnte. Sollten derlei Dinge nicht der schmutzigen Vergangenheit dieses neuen Staates angehören? Und was würde jemanden zu solch einem Akt motivieren? Was mochte ein Mensch getan haben, um einen derartigen Akt auf sich zu ziehen?
Die Marmelade war aus Heidelbeeren gemacht, mit großen Fruchtstückchen darin, und wenn man geduldig genug war, sie ein paar Minuten lang auf dem Brot zu belassen, sog dieses sich mit ihrem Saft voll und wurde weicher, und das Ergebnis ähnelte etwas, das man als Cobbler bezeichnen könnte, wiewohl ich es, solange ich das vorsichtig tat, in den Fingern halten konnte, da die am Vortag gebackene Kruste noch fest war. Ich hatte mir gesagt, dass, würde Mrs. Grandlin mir diese Leckerei überreichen, ich sie auf die Woche verteilen wollte, da sie die Belohnung zum Ende meiner Pflichten sein sollte. Aber als ich einmal die richtige Einwirkzeit des Safts bei dem Brot gefunden hatte, verzehrte ich das Ganze gierig und beschämt mit einem Mal. Gott sah es, wie er alles sieht, doch sicher würde er einem gebrochenen alten Mann diese simple Schwäche vergeben, nicht wahr?
Und danke, Mrs. Grandlin. Dieser nachmittägliche Genuss war unerwartet. Was natürlich auch für die furchtbaren Neuigkeiten galt. Aber das hier ist Montana, sagte ich mir. Wo solche Dinge geschehen, oder nicht? Oder, wie manche meiner Gemeindemitglieder zu scherzen belieben könnten: »Wo solche Dinge geschehen, n’est-ce pas, Pastor Beaucarne?«
Trotz meiner Beteuerungen keinerlei unmittelbare französische Vorfahren zu haben, stochern diese Präriedeutschen gerne immer weiter in dem Thema herum, weshalb ich dies hier in King-George-Englisch verfasse, nicht im Deutschen, das ich für meine Predigten nutze, sodass neugierige Augen es nicht lesen können. Aber natürlich sind die herablassenden Bemerkungen meiner Herde über den gallischen Namen ihres guten Pastors nur ein Spaß, und solange seine Atzung weiter zur Verfügung gestellt wird, kann dieser Nicht-Franzmann nur dankbar sein.
Bezüglich der Frage, wer der unglückliche Mann, der wenige Meilen nördlich oder westlich des Ortes gefunden wurde, war oder ist, hatte Mrs. Grandlin nicht die leiseste Ahnung. Wohl aber bot die Intensität, mit der sie mich ansah, während sie dies kundtat, eine Erklärung dafür, weshalb ich der erste Halt auf ihrer Runde war. Da die Gläubigen mit ihren Problemen und Sorgen zu mir kommen, ging sie offensichtlich davon aus, dass ich etwas über einen Ehemann, Bruder oder Sohn gehört hatte, der auf tragische Weise verschwunden war.
Ich hatte keine Kenntnis von verschwundenen Ehemännern, Brüdern oder Söhnen, und bestimmt drückte mein Antlitz nichts Gegenteiliges aus, aber angesteckt von Mrs. Grandlins Neugier erlegte ich mir auf, diesbezüglich besonders aufmerksam zu sein. Wobei nicht jeder, den man auf einer Sauftour wähnt, auch tatsächlich betrunken ist. Nicht jeder, der plötzlich eine Arbeit fern der Heimat angenommen haben soll, verdient auch wirklich einen Lohn.
Neugierig auf diesen Fund in der Prärie, wenn auch aus keinem anderen Grund als dem, dass er mit der hiesigen Eintönigkeit brach, knöpfte ich meinen Mantel über den frischen und hartnäckigen Heidelbeerfleck auf meinem Chorrock —– meinem einzigen! —–, den ich übergeworfen hatte, als Mrs. Grandlin klopfte, und ging durch die Seitentür hinaus und hinab zur Veranda der Unterkunft, wobei ich, wie es unvermeidlicherweise so geht, ein Gefolge lärmender Hunde jeglicher Farbe, Größe und jedweden Temperaments mitbrachte.
Als ich mich näherte, bellten sie zu meinen Füßen und verkündeten ganz Miles City, ganz Montana meine Ankunft, und ich mühte mich, all das Kratzen und Schlurfen, das meinem Eintreffen an solch einem niederen Ort stets vorausgeht, nicht zu beachten. Auf ähnliche Weise beachtete ich jegliche Wölbungen unter den Jacken der Männer nicht, die vielleicht, vielleicht auch nicht Flaschen und Spirituosen sein mochten, und ich hielt fest an der Hoffnung, mich nicht weit genug nähern zu müssen, dass ihr Atem mir die Augen verätzte.
»Der hinkende Reverend!«, rief Willem Thomlinsen mit all der ihm gegebenen Heiterkeit aus, Bezug nehmend auf meinen Gang; eingeschränkt wie er eben ist aufgrund der drei Zehen meines linken Fußes, die diese Welt vor mir verlassen haben. Dasselbe würde ich von einem zehnjährigen Bub erwarten, der erwischt wird, wie er die Hühner gegen sich aufbringt. Dass Thomlinsen mich mit dieser Bezeichnung —– »Reverend« —– anrief, war ein altes Markenzeichen unserer Interaktionen, zumal meine Silhouette offenbar jeden, den ich bei meinen wackeligen Besuchen antraf, dazu anhielt, Scherz um Scherz auf meine Kosten zu reißen. Das ist wohl der Preis, der den Schwarzgewandeten abverlangt wird, mutmaße ich. Der dieser schroffen, dürren Silhouette abverlangt wird.
Auch wenn ich wünschte, es wäre anders, war Thomlinsens Scherz einer, der sich übers letzte Jahr unter seinen Kumpanen wie ein Präriefeuer ausgebreitet hat, weshalb ich von allen Stammgästen der Unterkunft eine Runde an Grüßen als »Pastor« und »Prediger«, »Bruder« und »Bischof« durchzustehen hatte, die bis zu Variationen reichte, die sie murmeln mussten, da sie kein echtes Verständnis der Termini besaßen, da sie ihre Kindheit auf Kirchenbänken der Quäker und Katholiken verbracht hatten, die heute so weit hinter ihnen lagen wie Märchen, die jemand anderem zugestoßen sind.
»Vater, Reverend«, schloss Thomlinsen die Runde, der anscheinend mehr Übung hatte als die anderen.
Der Humor des Westens kennt keine Grenzen, respektiert keine Grenzen.
Dennoch hielt ich inne, hielt ich durch, grinste ich ein Schafsgrinsen ob dieser Kameraderie und Akzeptanz, um die es sich hier handelte. So sagte ich mir zumindest jedes Mal, wenn es wieder geschah.
Der Grund dafür, dass ich mich diesem wohlgesonnenen Piesacken aussetzte, war der, dass die Veranda der Unterkunft das Auffangbecken für alle Neuigkeiten in und um Miles City darstellt. Die Gentlemen —– oder »Stammgäste«, sofern das eine treffendere Bezeichnung ist —– auf der langen, schwingenden Bank, die man, so war mir versichert worden, aus einer früheren, provisorischen Version meiner angesehenen Kirche gerettet hatte, waren respektlos und befanden sich meist in diesem oder jenem Stadium der Trunkenheit. Aber ihr Widerstand gegen die gesellschaftlichen Gepflogenheiten ließ sie als Wachtposten fungieren, die, so war es nun einmal, niemanden von Interesse vorbeiziehen ließen, bis sie das Neueste vom Tage mit ihm geteilt hatten. Auf diese Weise wird Tribut gezollt.
Weil ich wusste, dass jedwede nördlich oder westlich des Ortes gefundene Leiche an der Unterkunft vorbeigebracht werden musste, wusste ich außerdem, dass solch eine an dieser Unterkunft vorbeiziehende Parade genauestens untersucht und befragt werden würde. Es half, dass Sall Bertram, der stille Ulysses Grant dieser Stammgäste, bis 1899 Sheriff von Custer County und der amtierende Sheriff sein Deputy gewesen und seinem einstigen Vorgesetzten noch immer dankbar war. Was vielleicht zum Teil erklärt, weshalb die Veranda der Unterkunft sozusagen außerhalb des Gesetzes stand.
Aber das ist hier nicht das Thema, denn ich höre diese Art zu reden in letzter Zeit immer öfter von meinen Gemeindemitgliedern, was mich beunruhigt, da sie Dinge unter den Teppich kehrt, die offen angesprochen werden sollten, anstatt sie schwelen zu lassen. Aber diese Besorgnis selbst ist nicht so wichtig, nehme ich an. Sogar ein Prediger, Pastor, Bruder, Bischof, Vater, Pfarrer, der während des Sezessionskrieges im kampffähigen Alter war, kann Teil dieses kühnen neuen Jahrhunderts werden, jawohl.
Nachdem ich diesen Stammgästen jedes erfreuliche Detail des Brotes und der Marmelade, die ich tragischerweise vollständig verzehrte, beschrieben hatte, fragte ich nach dem armen Mann, der westlich des Ortes tot und exsanguiniert gefunden worden war, und fragte derweil mich selbst, ob ich nicht auf meine Weise ebenso schlecht war wie Mrs. Grandlin. Als Hüter der Herde musste ich über alles informiert sein, was sich als Einfluss auf die Herde erweisen mochte. Es würde nicht genügen, über die am Sonntagmorgen Versammelten zu blicken und sie einander Dinge zuflüstern zu lassen, von denen ich keine Kenntnis hatte.
»Im Westen?«, spuckte California Jim als Antwort, angewidert, und reagierte damit auf den ersten der zwei Bluffs, die ich in meiner Eröffnung untergebracht hatte, damit sie sie korrigieren konnten.
Ich hatte nie nach der Herkunft des Namens von California Jim gefragt, ging aber davon aus, dass er entweder auf diesen oder jenen Goldrausch oder auf eine seiner früheren Tätigkeiten anspielte.
»Exsang-was, Prediger?«, grummelte Sall Bertram und beugte sich vor, um zwischen seinen Stiefeln in einen Riss in der Veranda zu spucken, der bereits nahezu ganz verkrustet war von all den Tagen, die er hier verbracht hatte.
»Man hat ihn ausbluten lassen, oder nicht?«, fragte ich voller falscher Unschuld und schaute vom einen zum anderen, was wiederum sie dazu veranlasste, einander anzuschauen.
»Hat dein lutherischer Gott dir das geflüstert?«, fragte Thomlinsen schließlich.
Die Reaktion erschien mir seltsam, da ich ihnen lediglich die Möglichkeit des Ausblutens angeboten, also quasi das Kind in die Wiege gelegt und ins Blaue gestochert hatte, was heißen sollte, dass sie mich anhand der tatsächlichen Fakten korrigieren und dadurch zu Autoritäten werden konnten.
Männer in ihren späteren Jahren, deren einzige Aufgabe es ist, eine Bank zu besetzen, fühlen sich gerne wichtig, wie ich sehr wohl weiß. Es ist gut möglich, dass ich selbst an einer liturgischen Variante desselben leide.
»Ich schätze, das meiste Blut ist ausgelaufen, als er gehäutet wurde wie ein Buckel«, sagte Thomlinsen anstelle der anderen und starrte mich nieder, als wollte er einen, der so reinen Herzens ist, dazu herausfordern, sich etwas so Abscheuliches wie einen Menschen bildlich vorzustellen, dem man wie einem Büffel die Haut abgezogen hatte.
Wenn er nur wüsste.
Die Verdorbenheit des menschlichen Herzens kennt keinen Tiefpunkt, und jeder in diesem rauen Land trägt in seinem Leben ein schmutziges Kapitel, für das er entweder büßen oder vor dem er weglaufen möchte. Das ist, was wir gemeinsam haben.
Allerdings war ich nicht dort, um meine eigenen moralischen Verfehlungen publik zu machen, sondern um Genaueres über Mrs. Grandlins Offenbarung zu erfahren. Was ich bislang hatte, ohne direkt danach zu fragen, waren die Himmelsrichtung und »gehäutet« und jetzt möglicherweise noch »ausgeblutet«. Doch Letzteres konnte auch eine Missinterpretation meinerseits sein.
»Zu welchem Zweck häutet man einen Menschen?«, fragte ich.
»Ich hab ’nen Mann gesehn, in dem so viele Indianerpfeile steckten, dass er aussah wie’n Nadelkissen«, sagte Early Tate und leckte sich hungrig über die rissigen Lippen. »Neunundsechzig waren’s.«
»James Quail?«, sagte oder fragte Sall Bertram; es war schwer auseinanderzuhalten.
»Unten auf dem Trail«, antwortete Early Tate mit einem Schulterzucken, hielt dabei aber meinen Blick fest, vielleicht um zu schauen, ob ich ihn beim Wort nehmen würde.
Der »Trail«, von dem er sprach, das waren die tiefen Furchen des Oregon Trail, auf dem er in seinen Zwanzigern ein bekannter Viehtreiber gewesen war. Ich sollte hinzufügen, dass seine Heldentaten und Erlebnisse mit jeder Nacherzählung ein wenig grandioser wurden.
Aber den Nadelkissenmann bezweifelte ich nicht, ob er nun »James Quail« hieß oder nicht. In den späten Sechzigern des zurückliegenden Jahrhunderts, von denen er sprach, und in der blutigen Dekade, die darauf folgte, hatte ich selbst ähnliche Possen gesehen, die mich nach wie vor in meinen schwächeren Momenten heimsuchen, wenn ich nur noch eine letzte Kerze habe und der Ort um mich herum schon lange schläft. Aber man kann aus Schrift und Glauben eine Mauer um sich errichten.
»Wie ein Büffel gehäutet, sagst du?«, fragte ich dann.
Diese Frage führte zu weiteren Blickwechseln unter den Stammgästen. Blicke und Füßescharren, Zurechtrücken dieser oder jener Krüge und Flaschen in dieser oder jener Jacke. Schließlich rückte Sall Bertram damit heraus und sprach es aus, so immun wie er gegen Strafverfolgung war.
»Sein Gesicht war sogar bemalt«, verkündete er und zog seine Finger abwärts über Stirn und Nase bis zum Kinn.
»Gehäutet und dann bemalt?«, fragte ich zurück, ernsthaft skeptisch angesichts dieser Darstellung.
»Seine Gesichtshaut war schon noch da, wo sie hingehört«, sagte California Jim, der für einen Moment meine Anwesenheit vergaß und instinktiv einen großen Schluck aus der Flasche nahm, die er an die Brust geschmiegt hielt. »Entschuldigung, Vater«, fügte er hinzu und wischte sich den Mund am Ärmel ab.
»Vergebung hat ihren Preis, und keiner unter uns ist immun gegen die Sünde«, erwiderte ich, zuckte meine dürren Schultern und hielt seinen Blick mit meinem fest, sodass weitere Worte weniger ausgesagt hätten.
Unter den Stammgästen machte sich ein Grinsen breit, bis California Jim fröhlich den Kopf schüttelte und mir die Flasche hinhielt. Nachdem ich sichergestellt hatte, dass gerade keine puritanischen Augen auf uns gerichtet waren, nahm ich die Flasche, hob sie an die Lippen und goss mir zum ersten Mal, seit ich in diese Robe geschlüpft war, das vertraute Feuer in die Brust. Für einen Augenblick befand ich mich wieder in meinen Dreißigern und Vierzigern und dem ersten Teil meiner Fünfziger, als ich in einer Flasche wie dieser geschwommen war und durch das ungleichmäßige Glas in die Welt hinausgeschaut hatte, meine nachlassenden Augen und die träge wie Sirup fließenden Gedanken zu einer Abscheulichkeit verzerrt. Und von Schuld.
»Prediger!«, jubelte Thomlinsen und hielt seine eigene Flasche hoch.
»Reverend!«, stimmte Early Tate mit ein und grinste so breit, dass ich in den Rissen seiner Lippen das dunkle Blut sehen konnte.
»Gelb und schwarz«, fuhr der frühere Sheriff von Custer County fort, und ich musste mir diesen »Buckel« ausmalen: die Haut von seinem Rücken und wohl auch dem gesamten Oberkörper und möglicherweise den Armen und Beinen abgezogen, das Gesicht halb gelb, halb schwarz angemalt.
Aber man errät nicht, was der Indianer tut, und noch viel weniger, weshalb er es tut. Vielleicht könnte es Franz Boas, aber ich bin kein Boas. Wenn überhaupt, dann bin ich eher Boethius: Gefangen in meiner Zelle auf diesen nordwestlichen Ebenen kritzele ich meine aufrichtigen Nachforschungen in dieses Heft in der Hoffnung, am Ende eine höhere Wahrheit zu finden.
»Hatte einen kleinen roten Punkt in der Mitte!«, fügte Early Tate mit einem zufriedenen Kichern hinzu und lehnte sich entspannt auf der Bank zurück, die unter dem Gewicht seiner Äußerung knarzte.
Als ich meinen fragenden Blick auf ihn richtete, wackelte er mit seiner nackten, rötlichen Zunge, was Thomlinsen zu einem Hustenanfall veranlasste, um vom Thema abzulenken.
Doch ich hatte die Fährte gerochen, und da ich kein Anfänger war, zog ich den richtigen Schluss.
»Seine Zunge wurde entfernt?«, fragte ich, wobei meine Stimme vor Ehrfurcht zu einem Flüstern herabsank.
»Wozu sollte das gut sein?«, fragte Sall Bertram zurück, was ich als Bestätigung auffasste, und als California Jim offen aus seiner Flasche zu trinken ansetzte, stoppte ihn der frühere Sheriff. Die Botschaft, die er vermitteln wollte, war subtil, aber in dieser gerade erst aufgekommenen Stille trotzdem laut genug. Obwohl ich zuvor für einen Moment ein Bruder im Geiste war und am helllichten Tag damit umherstolzierte, war ich jetzt an dieser Weggabelung wieder allein: nicht länger ein Saufkumpan, trotz des großen Schlucks, den zu trinken ich mich entschieden hatte und der mir die Brust nach wie vor wärmte, mich beruhigte und durch meinen Geist jagte, weshalb ich die Sakramente der Eucharistie in Erwägung zog, zu denen ich unbeschränkten Zugang genieße.
»Gentlemen«, sagte ich zu ihnen mit so viel Dankbarkeit und Respekt und so wenig herausfordernd, wie es mir möglich war, und ging weiter meines Weges, wobei ich den Anwesenden gegenüber so tat, als hätte ich bloß zufällig hier an der Unterkunft haltgemacht, um meinen Tribut zu zollen, und ginge nun zu meinem ursprünglichen Ziel, dem Postamt. Als gäbe es irgendwen auf der Welt, der mir einen Brief schreiben würde.
Ich beginne an dieser Stelle mit meiner Transkription, weil es hier offenbar anfängt, interessant zu werden. Ich meine, ich versuche ein Rätsel zu lösen: Was ist Arthur Beaucarne im Jahr 1912 zugestoßen? Ich kämpfte mich nach dem soeben wiedergegebenen noch einen Eintrag weiter, daher weiß ich, dass er eine Reihe wunderlicher Konversationen mit einem indianischen Mann, der in Montana im späten Jahrhundert als »The Fullblood« bekannt gewesen war, geplant oder sogar geführt hatte. Aber ich weiß noch nicht, ob das Kausalität oder bloß Korrelation bedeutet.
Und ja, liebe Evaluationskommission, ich weiß, das ist eher ein Projekt für eine Geschichtsprofessorin oder einen Völkerkundler, für die Amerikastudien, vielleicht für die Philosophie oder Theologie, sogar für die Anglistik, aber … sind irgendwelche Forscher dieser Fachrichtungen mit dem Subjekt verwandt? Das ist mein Aufhänger, da bin ich ganz sicher. Das ist, was dieser Juniorprofessorin einen Buchvertrag und eine lange und sichere Karriere auf dem Campus einbringen wird.
Wie meinem Dad, ja.
Und wie er trug ich ebenfalls eine Maske, Handschuhe und Schuhüberzüge bei der Arbeit, zumindest beim ersten Mal, saß auf meiner Couch, die Nase Zentimeter vor dem flimmernden Bildschirm meines Laptops, Taz My Cat – ja, das ist ihr voller Name – auf dem Kissen auf meiner Schulter zusammengerollt. Und ich hielt den Atem an. Ich stellte eine Verbindung zu jemandem her, der tatsächlich von meinem Blut war. Als einzige Tochter meines Vaters, ohne Geschwister, war mein Stammbaum eher ein verästelter Rebstock als irgendetwas, das sich zu einer die Generationen überspannenden Baumkrone verzweigt, weshalb es mehr als erstaunlich war, diesen unerwarteten Verwandten zu entdecken. Um mich Arthur Beaucarne näher zu fühlen, ging ich sogar zum Campus und holte das Papier für besondere Anlässe von ganz hinten im Materialschrank und druckte die eingescannten Bilder auf etwas, das für den Rest der Welt einfach nur Pappe ist.
Diese dicken Blätter habe ich zurzeit im ganzen Esszimmer und im Flur meiner Wohnung ausgebreitet, damit ich zwischen Urgroßvaters letzten Wochen umherspazieren kann.
Nach diesem letzten Eintrag ist er nie wieder gesehen worden, nein, und ich gestehe, wie nervös es mich macht, dorthin zu gelangen und mich von ihm verabschieden zu müssen, zusehen zu müssen, wie er in der Geschichte verschwindet.
Letzte Nacht stand ich auf dem Balkon meiner Wohnung und spähte in die funkelnde Dunkelheit hinaus, flüsterte seinen Namen – Arthur Beaucarne – und schloss die Augen und stellte mir vor, das Rascheln seiner dicken schwarzen Robe zu hören, als er da draußen in der weiten Finsternis den Kopf hebt und mich hört.
Was die Basis für die Einträge in seinem Tagebuch angeht, die ich vermutlich längst erläutert hätte, wenn ich Historikerin wäre: 1912 befand sich der Miles City Star in seinem zweiten Jahr; die Trinity Lutheran Church in ihrem sechsten. Miles City selbst war erst 1887 gegründet worden – zwei Jahre bevor Montana zum Bundesstaat erklärt wurde, und etwa fünfunddreißig Jahre nachdem Custer County in Erinnerung an die Schlacht am Little Bighorn seinen Namen erhielt. Obwohl es 1912 im östlichen Montana längst keine Büffel mehr gab – und auch in ganz Nordamerika nicht mehr –, lebte die Erinnerung daran fort, wie sie die Great Plains bevölkert hatten.
Jetzt, da ich dies schreibe, haben wir 2012; das Jubiläum des Verschwindens meines Urgroßvaters. Ich habe Lutheranerblut in mir, Überraschung. Ich war immer davon ausgegangen, dass meine Familie vor einigen Generationen französisch gewesen war, möglicherweise von aus Kanada eingereisten Franzosen abstammte, ehemalige Fallensteller und Pelzhändler, aber am Ende bedeutet Abstammung nicht viel, oder?
Was mich betrifft, und was ich schon ganz zu Beginn dieses Dokuments hätte sagen sollen: Ich bin Etsy Beaucarne. Single, weiß, zweiundvierzig. Ich wohne im ersten Stock eines Apartmentkomplexes und treffe gelegentlich Studenten aus meinen Einführungskursen im Treppenhaus, und die meisten Gespräche führe ich mit Taz MY Cat. (Taz ist die Kurzform von »Tasmanischer Teufel«, einer Zeichentrickfigur meiner Kindheit, die stets Chaos und Zerstörung hinterließ; du müsstest die Armlehnen meiner Couch und den unteren Teil der Gardinen vor der Glasschiebetür und den Bettüberzug sehen, um zu verstehen, weshalb ich sie so genannt habe.)
Aber ich liebe Taz, wie man nur eine Katze lieben kann. Wir sind zusammen durchs Feuer des Masterstudiums gegangen, haben zwei bei uns wohnende Männer überstanden, und ich hab ihn in der Küchenspüle gebadet, wenn er mit angebissenen Ohren und blutigem Fell nach Hause kam.
Aber er meint es gut. Seine Geschenke zeigen sein wahres Herz, oder? Die toten Vögel, die er auf dem Küchenfußboden ablegt in der Erwartung, dass ich mich freue. Die Mäuse, die er vor der Badezimmertür platziert. (Immer dort; keine Ahnung, weshalb. Weil es der »Mäuseplatz« ist, schätze ich.) Und zweimal hat er Maulwürfe mitgebracht; einer noch halb lebendig, der plötzlich sich windend bei mir im Bett lag. Erst neulich hat er völlig unpassenderweise einen Präriehund angeschleppt, und der war noch quicklebendig.
Als ich mit dem Stapel ausgedruckter Tagebuchseiten vom Campus kam (sie waren sehr viel schwerer als erwartet), umkurvte ich den großen Gummibaum gegenüber der Eingangstür, legte meine Umhängetasche auf der Couch ab, trat in den Flur, und da erblickten wir einander, der Präriehund und ich. Er war eine kleine Gestalt im Türrahmen zum Schlafzimmer, tief im Schatten, aber das galt vermutlich auch für mich, da meine riesige Gestalt das Licht an der Zimmerdecke blockierte.
Langsam erhob sich der Präriehund auf seine Hinterbeine und prüfte mich. Er erschnüffelte in der Luft meinen Geruch, und dann peste er wie ein Dromedar den Flur entlang. Der rationale Teil meiner selbst wusste, dass seine gelblichen, hervorstehenden Schneidezähne nur hinter Pflanzen und Stängeln her waren, aber das hier war kein rationaler Moment.
Ich jaulte auf, stieg geschickt auf die Couch und drückte ein Dekokissen an meine Brust, doch dieser Präriehund kam gar nicht ins Wohnzimmer. Nach einer gefühlten Stunde, die vermutlich nur zwei Minuten dauerte, stieg ich zimperlich von der Couch herunter, klammerte mich weiter ans Kissen und spähte in den Flur.
Er war leer.
»Taz?«, rief ich.
Er kam nicht, selbst dann nicht, als ich in die Küche ging und mit dem elektrischen Dosenöffner an seinem Futter hantierte; ein Schleifgeräusch, dem er eigentlich nicht widerstehen kann.
Zwei Stunden später plumpste er, wie es seine Art ist, auf den Balkon, als wäre er aus einem niedrig fliegenden Luftschiff gefallen, und steckte wie immer seinen Kopf für einen Rundumblick durch die Katzenklappe, als wollte er sichergehen, dass er sich in der richtigen Wohnung befand.
»Da bist du«, sagte ich, und er schlich herein.
Diesmal war er mit etwas bedeckt, das wie Frostschutzmittel aussah, und mir war klar, dass ich besser gar nicht erst fragte. Nachdem er freundlicherweise radioaktive Pfotenabdrücke auf einigen der Tagebuchseiten hinterlassen hatte, die in ihrer ersten Konfiguration auf der Couch lagen, brachte ich ihn zur Küchenspüle, nahm die gute Dawn-Seife und seifte ihn gegen seinen Willen ein.
»Ich hab gefunden, was du für mich dagelassen hast«, grummelte ich ihm zu, während ich seinen Pelz schrubbte, und für einen Moment hielt ich inne, machte meinen Rücken gerade, weil hinter mir der Fußboden geknarrt hatte, ganz als hätte Arthur Beaucarne soeben gehört, wie ich ihm für das dankte, was er mir hinterlassen hatte – sein Tagebuch –, und als hätte er beschlossen, aus dem Äther zu treten und in irgendeiner toten Sprache ein Gebet zu flüstern.
Aber ich schaute nicht hinter mich. Du kannst nicht jedes Mal hinter dich schauen, wenn du glaubst, nicht allein zu sein.
Denn wenn du damit einmal anfängst, hörst du nicht mehr auf.
Stattdessen bleibe ich einfach über meinen Laptop gebeugt sitzen und verderbe mir die Augen bei dem Versuch, eine hundert Jahre alte Schrift zu entziffern, die so ausgebleicht ist, als wäre sie gar nicht da. Aber ich werde sie abtippen, so gut ich kann, wie lange auch immer das dauern wird.
Also los.
Heute war er wieder da, der indianische Gentleman.
Dies ist erst der zweite Sonntag, an dem er teilnimmt, aber in einer so vertrauten Gemeinde wie der meinen erscheint mir ein unbekanntes Gesicht in der Kapelle als … nicht besorgniserregend. Eher sollte ich es als Geschenk empfinden, als eine weitere Chance, meine missionarische Pflicht zu erfüllen und mich auf diese Weise der Erlösung um ein paar weitere Zentimeter anzunähern. Doch seine Gegenwart ist befremdlich —– was aber nicht die Schuld des Indianers ist. Es ist, als wäre er entweder ein Gesicht aus der Vergangenheit oder aus meiner Vergangenheit, es ist schwer zu erkennen, was von beidem er unbeabsichtigt repräsentieren mag.
Während meiner gesamten Predigt verlangte es mich danach, einen Kiesel in Richtung seines isolierten Platzes ganz hinten zu werfen, um zu sehen, ob er diesen Kiesel im letzten Augenblick aus der Luft schnappen und dann für den Rest des Gottesdienstes im Schoß halten und mit den Fingern befühlen würde. Und ich würde außerdem die weitere Reise dieses Kiesels verfolgen, um zu schauen, ob er ihn auf seinem Weg hinaus an seinem rechten Bein herabfallen lassen würde. Oder vielleicht würde ich ihm sogar bis dorthin folgen, wo er zu finden beziehungsweise untergekommen war, würde schauen, ob er den Kiesel bei Feuerschein betrachtet und sodann womöglich in den Medizinbeutel steckt, den alle seiner Brut bei sich tragen, direkt auf der Haut.
Das hätte ich gerne zwischen uns geklärt, denke ich. Ich wäre gern Teil des geheimen Totems unter seinem Hemd, für alle Ewigkeit nahe und wertgeschätzt an seiner Brust.
Was das Erscheinungsbild des Indianers betrifft? Nun, er ist ein Indianer. Die rote Haut, das breite Gesicht und die große Nase, die axtförmigen Wangenknochen, der grimmige Strich eines nach unten gezogenen Mundes. Die sichtliche Belustigung in seinen Augen angesichts der Vorgänge in unserem Gotteshaus. Da ist aber ebenso ein rauer, bedrängter Ausdruck auf seinem Gesicht, der von zahlreichen Problemen und Sorgen, von Not und Verlust kündet. Sein Haar ist lang und ölig und schwarz, wohl kaum das eines Jesuitenschülers, und es steht in Kontrast zu seiner bodenlangen Robe, über deren Herkunft ich keine Vermutungen riskieren will, da sie mit den in einer Schlucht vermodernden Überresten eines Geistlichen zu tun haben könnten.
Was seine Intention, sich in dieses Gewand zu kleiden, angeht, so glaube ich, dass die sich leicht erklären lässt. Bestimmt dachte der indianische Gentleman, da er eine Kirche des weißen Mannes betreten wollte, sei es notwendig, sich auf dieselbe Weise zu kleiden, auf die er weiße Männer Kirchen hat betreten sehen. Ein Unvermögen, die Hierarchie innerhalb dieser Kirchenmauern zu verstehen, wo der Mann hinter der Kanzel und nur er allein sich derart kleidet, bedarf keineswegs einer Bitte um Entschuldigung. Stattdessen nehme ich diese Nachahmung als höchste Ehre, und ich bin dankbar für die kindliche Unschuld, in der sie dargeboten wird. Lasset die Kindlein zu mir kommen, ja.
Allerdings ist die Robe das einzig Kindliche an diesem Indianer. Derweil es schwierig ist, Vermutungen über das Alter von jemandem anzustellen, mit dessen Art ich nicht vertraut bin, würde ich diesen Gentleman zwischen den frühen Dreißigern und späten Vierzigern einordnen —– deutlich älter als jene, die in den vergangenen Dekaden Teil von Plünderergruppen waren, als derartige Dinge noch geschahen. Aber zugleich ist er vielleicht älter, als die Individuen seiner Rasse normalerweise werden. Bislang erkenne ich kein Silber in seinem Haar, weiß aber auch, dass das Grau seine Leute erst spät einholt.
Und obschon das keiner Erwähnung bedarf, ist sein Gesicht strahlend sauber, bartlos und auch nicht schnurrbärtig, und sein Haar, obwohl lang und schwer, hat er zurückgebunden, was ich als Zeichen des Respekts auffasse, so wie ein Köter seine Ohren an den Schädel legt in der Hoffnung, ohne einen Tritt oder ein harsches Wort passieren zu dürfen.
Damit habe ich ihn, so gut es geht, beschrieben für die Seiten dieses jüngsten Abschnitts meiner atemlosen Wanderschaften. Seine Körperhaltung an diesem Sonntag glich der des vorangegangenen, wie ich hinzufügen sollte —– feste Schultern, gerader Rücken. Es verursachte mir unverzüglich ein Unwohlsein, wie seine Augen jede meiner Bewegungen verfolgten, als wäre ich einer seiner Schwanzwedler, was, soweit ich es verstehe, die Bezeichnung seiner Leute für »Rehe« ist —– ob sich das auf die großohrige Variante oder die kleinere mit ihrem weißen Fähnchen von Schwanz bezieht, kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen. Aber natürlich ist es absolut logisch, dass er mich betrachtet wie ein Reh, das er auf dem Spieß rösten würde. Angenommen, er ist mit dem Englischen ausreichend vertraut, um eines einfachen Verständnisses fähig zu sein, so muss die Vaterzunge, in der ich meine Predigten überbringe, ihn verwirren. Seine Aufmerksamkeit ist daher wohl Beweis für seine Konzentration auf das, was ich sage.
Als alle anderen nach unseren Gesangbüchern griffen, griff auch er sich eines, das ihm eine fremdartige Blume sein musste, die er ohne Verständnis dafür, dass der Wälzer, den er für den Gesangsteil vor sich hielt, tatsächlich eine Bibel war, in die Hand genommen hatte —– weiterer Beweis für seinen Mangel an formaler Bildung. Eher hatte er jene Bildung wahrscheinlich in den Gefilden jenseits von Eden erworben, dessen Geflügel und Fauna er sicher besser lesen kann als ich nämliche Schrift.
Interessanter als sein Aussehen und Verhalten sind aber seine Gründe dafür, meinem Gottesdienst beizuwohnen. Hofft er, eine kleine Brücke von seinen zu meinen Leuten zu spannen und so eine Vereinigung vorzubereiten, wo es bislang nur Dekaden der Spaltung gab? Sah er einst in seiner Jugend einen Wagentreck vor einem Geistlichen versammelt und fragte sich, was für eine Art von Macht der Mann dort über diese Gemeinde hatte? Hat er von der Religion des weißen Mannes reden gehört und will nun wissen, welche Gemeinsamkeiten sie mit der ihm in die Wiege gelegten haben könnte?
Jetzt, da wir ausführlich im Vertrauen gesprochen haben von Dingen, die so wundersam sind, dass es sich um Mythen handeln mag, kann ich sein Denken, seine Motive besser verstehen, aber während ich an jenem ersten und dann an diesem Sonntag meine Predigt rezitierte, war ich, das gestehe ich ein, aufgebracht angesichts der sich mir stellenden Frage, ob oder ob er nicht lediglich einer Mahlzeit wegen anwesend war. Falls dem so war, hätte er sich mit einer dünnen weißen Oblate begnügen müssen. Es beschämt mich, zu sagen, dass ich mich während der Eucharistie so positionierte, dass ich ihn beobachten konnte. Doch an beiden Sonntagen beschränkte er sich auf nicht mehr als eine einzige Oblate —– strahlend vor seiner dunklen Haut, der Hand, die sich zum Mund erhob und dann niedersank —–, während er die ganze Zeit über meinen Blick in seinem hielt, als wollte er mir beweisen, dass das heilige Sakrament sich nicht auf seiner Heidenzunge in Rauch auflöste.
Ich hätte ihm mehr und von höherer Substanz erlaubt, natürlich, hätte er nur gefragt oder mir seinen Hunger zur Kenntnis gebracht. Wäre er nach jenem ersten Gottesdienst geblieben, so hätte ich ihn in mein Pfarrhaus geführt und das Brot mit ihm gebrochen —– nicht das von Mrs. Grandlin, so weit war ich noch nicht. Aber wäre er bei dessen Eintreffen anwesend gewesen, so hätten wir sicherlich auch diese Mahlzeit geteilt. Ich mag für mich allein gefräßig sein, aber in Gesellschaft hoffe ich ein besseres Beispiel abzugeben.
Als ich ihm allerdings letzten Sonntag solche Gesellschaft hätte anbieten wollen, stand er bei den Mitgliedern der Gemeinde, hielt über die noch hutlosen Köpfe der anderen meinen Blick, und es fühlte sich an, als wäre er gekommen, um mich vor aller Augen zu verurteilen. Würde ich zu mir selbst so sprechen, wie ich zu den Gemeindemitgliedern spreche, dann hätte ich darauf hinweisen können, dass jene, die die Gegenwart eines Richters fürchten, wahrscheinlich eine geheime Last der Schuld in sich tragen, von der sie sich zu befreien wünschen. Doch von einem Indianer verurteilt zu werden, hier in dieser neuen Zeit? Dieses zwanzigste Jahrhundert von seinem Vorgänger zur Rechenschaft gezogen zu sehen?
Deine Fantasien kennen keine Grenzen, nicht wahr, alter Mann? Lass jemanden nur zu lange mit seinen Gedanken allein, und er wird jedwede Möglichkeit nicht nur erforschen, sondern in ihr herumstochern, sie umherwälzen, bis sie ihren struppigen Kopf hebt und dich mit ihren lidlosen Augen fixiert. Solcherart ist der Preis der Isolation und ewigen Grübelns. Obschon einem anderen Orden angehörig, fühle ich mich doch wie ein Mönch in seiner nackten Zelle, der nichts zur Unterhaltung hat als Federkiel und Schriftrolle.
Nach den Ereignissen dieses Nachmittags habe ich nun wohl diesen Indianer zur Konversation. Sofern ich bereit bin, mich ihm nahe genug zuzuneigen, um seine leise Stimme vernehmen zu können.
Aber ich war dabei, sein erstes Erscheinen in der vergangenen Woche zu dokumentieren, über das zu schreiben ich mich an jenem Sonntag weigerte, und zwar, wie ich glaube, in der matten Hoffnung, er wäre kaum mehr als eine Anomalie in meiner wöchentlichen Routine und nicht wert, ihm Tinte zu widmen.
Und selbst jetzt noch ergehe ich mich in der sprachlichen Fülle und der Ablenkung dieser Nacherzählung, anstatt es zu wagen, diesen Indianer direkt anzuschauen. Aber mein Tintenfass ist voll, diese Kerze groß, mein Rücken schmerzt noch nicht zu sehr und meine Nerven scheinen gewillt, diese Feder noch etwas länger über diese gleichmäßig linierten Blätter zu ziehen, und gerade wartet niemand akut darauf, dass ich seine Seele errette. Was also kann es schaden? »Kämpfe weiter, Pastorbrudermann«, würden die Männer auf der Bank vor der Unterkunft mich vielleicht antreiben.
Sie sind es, denen ich die Schuld zuschreibe für den Kelch voller Abendmahlwein, der halb im, halb außerhalb des Kerzenlichts steht. Besser, ihn nicht zu Essig verkommen zu lassen. Das wäre die wahre Schande.
Ich weiß jedoch, dass ich die Kraft finden muss, diesen Indianer unverstellt anzusehen, wenigstens auf diesem furchtlosen Blatt.
An jenem ersten Sonntag, dem er beiwohnte, gegen Ende des Gottesdienstes, da der Geist auf eine Weise unter der Gemeinde wandelte, die mein Herz stets erfreut, erhob er sich mit einer Schnelligkeit, die sein Alter um eine volle Dekade senkte. Doch als ich durch die Körper waten wollte, um seine braunen Hände in meine zu nehmen und ihm bedeutungsschwanger in die Augen zu sehen, drehte er sich weg und senkte sein Gesicht hinter die eigentümlich verdunkelten Augengläser, die ich Reisende am Bahnhof hatte tragen sehen, um in den endlosen, grellen Himmel blicken zu können.
Einmal schaute er zurück, um sich des Verfolgers, den er zu erwarten schien, zu versichern, denn solcherlei Dinge nahm sein wilder Instinkt untrüglich wahr. Doch als ich auf meine hinkende Weise den hinteren Teil der Kapelle erreicht hatte, schritt dieser indianische Gentleman hinfort ins Tageslicht, wobei seine Jesuitenrobe im Takt der weiten, selbstbewussten Schritte schwang, die Hände einander gegenüber in die Aufschläge gesteckt.
Die Hunde dieses Sonntagmorgens machten einen großen Bogen um ihn, ein Phänomen, das ich zum ersten Mal in meiner Zeit in Miles City beobachtet habe. Aber bestimmt ist es das Bärenfett in seinem Haar, das sie auf Distanz hält, oder der Geruch von Tragik auf seiner Haut oder dass er sich auf der beschatteten Seite der Straße hält, wo keine Wärme ist. Oder vielleicht liegt es daran, dass sie seine Augen nicht sehen können und so nicht wissen, ob er sie beobachtet, sie seine nächste plötzliche Bewegung nicht vorausahnen können und ebenso wenig seine Intentionen. Für sie ist er eine Roben tragende, glasäugige Kreatur, deren Vorlieben ihnen rätselhaft sind.
Im Laufe der Woche redete ich mir ein, dass ich an einem Ort so weit im Westen auf Besucher wie ihn vorbereitet sein und seiner Gegenwart keine Bedeutung zuweisen sollte.
Seine düstere Anwesenheit hinten in meiner Kirche war ein einmaliges Ereignis, versicherte ich mir, ein zufälliges Vorkommnis. Es war kein Zeichen.
Doch dann war er an diesem Morgen zum Gottesdienst wieder da.
Als er im letzten Moment eintrat und sich auf der hintersten Bank niederließ, am Gang saß, als gehörte er dorthin, sodass da niemand war zwischen ihm und mir, da, gestehe ich, verlor ich auf halber Strecke des Vaterunser den Faden, obwohl es mir so vertraut ist wie die Konturen meines Gaumens.
Dergestaltiges ist Schwäche. Dergestaltiges ist Blasphemie.
Ich weiß, meine Buße wird lang sein und gerecht. Und sie beginnt spät in meinem Leben mit —– wie ich heute sagen kann —– diesem indianischen Gentleman, was, soweit ich weiß, das erste Mal ist, dass einer seiner Rasse auf diese Weise mit Tinte bezeichnet wird.
Anstatt in seine dunklen Augengläser zu starren und sich unter das geschäftige Gewusel des Sonntagnachmittags zu mischen, blieb er diesmal an seinem Platz sitzen, während die Gemeinde an ihm vorbei aus der Kirche zog. Die Frauen machten einen weiten Bogen um ihn, und die Blicke der Männer verhärteten sich, als sie dieses Relikt erblickten, mit dem sie soeben den Gottesdienst geteilt hatten. Ich weiß, dass manche von ihnen nach wie vor an Erinnerungen von niedergemetzelten Nutztieren nagen, von in der Nacht gestohlenen Pferden, von übel misshandelten Frauen, von entführten Kindern, deren Vergangenheit ausgelöscht und durch eine Wildheit ersetzt worden war, die sie gegen ihre Leute richten würden, gäbe man ihnen nur die kleinste Gelegenheit.
Aber beide Seiten hatten Gewalt ausgeübt, erklärte ich meiner Gemeinde tröstend. Und die Versöhnlichkeit des Herrn wäscht all das hinfort, erlaubt uns, neu anzufangen, auf dass wir gemeinsam in dieses neue Jahrhundert schreiten können, von der Vergangenheit entbunden, egal welch blutige Abdrücke unsere Stiefel hinterlassen haben. Entferne dich weit genug vom Ort der Gewalt, und deine Stiefel gleichen denen deines Nachbarn, sauber wie nach der Beichte, wie wiedergeboren.
Wie es zum Ende des Sonntagsgottesdienstes meine Art ist, verließ ich meinen Rang als Pastor und wurde zum Pförtner für jeden, der hinaus ins grelle Sonnenlicht schritt, was natürlich auch nur bedeutet, eine andere Art von Hirte zu sein. Und dann war ich in der dunklen, leeren Kapelle allein mit diesem indianischen Gentleman.
Seine Ruhe war abschreckend, wenn ich ganz ehrlich sein will.
Und um ihn nicht durch Fragen oder Aufmerksamkeit zu verschrecken, begann ich damit, die Bänke aufzuräumen, wobei ich ihm allerdings regelmäßige Blicke zuwarf. Üblicherweise summe ich beim Erledigen dieser Aufgabe, um die bedrückende Stille zu lindern, aber aus Rücksicht verzichtete ich darauf.
Glaubte ich, er würde sich erheben und einen Tomahawk aus Stein in meinem Rücken versenken? Was ich jedenfalls nicht erwartete, war, was er schließlich sagte, und zwar in klarem Englisch mit einer Stimme, die exakt so tief war, wie ich es in meinem Herzen vermutet hatte: »Vater.«
Ich versuchte, meine Nerven zu beruhigen, indem ich mich vor der vorderen Bank aufrichtete, die ich gerade zu rücken vorgab, nur um sie erneut gerade zu rücken, und wandte mich ihm sodann zu, wobei ich die Fingerspitzen beider Hände vor den Hüften aneinanderlegte, meine Haltung nachdenklicher, als ein Mann meines Alters und meiner Position sie annehmen sollte, aber man kann sich nicht immer so halten, wie man will.
»Pastor«, korrigierte ich ihn und versuchte dabei, alles Schulmeisterliche aus meiner Stimme fernzuhalten.
Der indianische Gentleman nickte, akzeptierte den »Pastor« ohne Frage, doch dann schaute er mich an, und in seinen Augen glitzerte etwas, und als würde er eine Falschaussage berichtigen, sagte er: »Three-Persons.«
»Three-Persons?«, fragte ich zurück, bezüglich meiner selbst.
»Vater, Sohn, Schöpfer«, sagte er und zählte an seinen langen braunen Fingern ab.
Ich korrigierte seine Auffassung der Trinität nicht.
»Stört es dich, Three-Persons?«, fragte er dann und hielt seine dunklen Augengläser zwischen uns, bot sowohl sie als auch diese neue und schmeichelhafte Bezeichnung für einen einfachen Pastor dar. Ich ließ den Namen auf mich sinken wie einen Umhang und versuchte dann, zu erahnen, was die dunklen Gläser zu bedeuten hatten. Da ich keinen mentalen Halt fand —– wollte er, dass ich sie polierte? —–, erläuterte er: »Diese … Die Helligkeit hier drin.« Er bewegte seine Finger an der Schläfe vor und zurück, an seinem rechten Auge, um zu zeigen, wie sehr die Helligkeit ihn plagte.
Ich schaute mich in der Kapelle um, die ich bewusst dunkel halte, um die Konversationen zu dämpfen und den Fokus aller Aufmerksamkeit nach vorne zu lenken. Ich kann das, was meine Herde im Inneren bewegt, nicht immer beeinflussen, aber im Kleinen und auf indirekte Weise vermag ich durchaus, ihre äußere Haltung zu kontrollieren. In der Ruhe beginnt die Hingabe, nicht wahr?
»Natürlich nicht«, gab ich dem indianischen Gentleman zur Antwort und trat zwei Bänke näher, die Hände weiter vor mir verschränkt.
Er senkte sein Gesicht hinter die dunklen Gläser und sah durch sie hindurch zu mir auf, und ich kann nicht anders, als mir vorzustellen, dass ich für ihn in der Dunkelheit der Kapelle kaum mehr als ein Schatten war.
»Ich habe ein Gebrechen«, erklärte er mir, tippte seitlich an seine Gläser, und ich nickte, trat zwei Bänke näher.
»Ich kannte einen Minenarbeiter in Missouri, der es nicht aushielt, im Haus zu sein«, sagte ich in meinem freundlichsten, verständnisvollsten Tonfall. »Nicht seit die Decke eines Stollens, in dem er gearbeitet hatte, über ihm um seinen Genossen zusammengebrochen war.«
»Wie ein Großmaul, das es dürstet, das aber das Wasser anbellt, anstatt zu trinken«, sagte der indianische Gentleman, wie um mir mitzuteilen, dass wir tatsächlich miteinander kommunizierten.
»Ein … Großmaul?«, fühlte ich mich da zu fragen verpflichtet.
Der indianische Gentleman bohrte seinen Blick in einen Punkt über meiner Schulter, dann nickte er anscheinend zu sich selbst und korrigierte sich mit: »Ihr würdet ihn Wolf nennen.«
»Ah, ein irrer Wolf, meint Ihr«, sagte ich und nahm den Olivenzweig, den er mir hinhielt. Als würde ich zu einem Kind sprechen, tat ich, als würde Schaum über meine Lippen quellen.
Der indianische Gentleman grinste schwach, als er das sah, wandte den Blick ab, als wollte er mich meine Würde bewahren lassen, und sagte: »Nicht der Mad Wolf, den ich kannte, nein. In meiner Jugend war es Mad Wolf, vom Stamm der Hard Topknot, der sich während eines Pferderaubs stets im Hintergrund hielt, bis sein Weib-an-seiner-Seite ihn schließlich verließ und dem Rest des Stammes mitteilte, wäre sie ein schönes Pferd, dann hätte er nicht die Frechheit, ihr zu folgen und sie zu seinem Bau zurückzuführen.« Der indianische Gentleman grinste zurückhaltend darüber, als er dies erzählte, was mich vermuten ließ, dass es sich um einen Scherz handelte. »Sie hatte recht«, fügte er hinzu, was möglicherweise der Teil seiner Erzählung war, bei dem jene aus seiner Sippe, die in einem ihrer Tipis ums Feuer saßen, nicken und unisono kichern würden.
Ich gestehe an dieser Stelle, dass seine Erzählung mich zwar interessierte, seine altertümlichen Formulierungen mich aber noch mehr faszinierten, zumal ich sie kaum zu übersetzen vermochte. »Weib-an-seiner-Seite«, »Großmaul« und ihre Kojotenbrüder, die »Kleinen Großmäuler« —– das ist alles so rational und einfach, so deskriptiv und kindlich. Im Verlauf unseres Nachmittags benutzte er diese altertümliche Sprache mehr und mehr, sie türmte sich auf wie ein Berg aus Büffelschädeln —– pardon, »Schwarzhorn«-Schädeln.
»Echtbär.«
»Langbein.«
»Kaltmacher.«
»Klebmaul.«
Dieser Letzte, so entnahm ich dem Kontext, ist nicht ganz ein Bär, aber mehr als ein Wiesel; vielleicht mit einem typischerweise speichelbenetzten Maul?
Trotzdem versuche ich, diese Absonderlichkeiten so gut es geht zu Papier zu bringen, schließlich mag dies das letzte Mal sein, dass sie ausgesprochen werden, denn die Gattung des indianischen Gentlemans schreitet dem Sonnenuntergang ihres Tages entgegen.
»Was also führt dich heute hierher?«, fragte ich ihn dann, um ihm zu zeigen, dass wir uns deutlich genug verständigten und mir bewusst war, dass er noch mehr zu sagen hatte.
Die Art, wie er meinen Blick daraufhin erwiderte, wobei er den Kopf ganz leicht hin und her bewegte, als befände er sich an Deck eines Dampfschiffes in ruhigen Gewässern, war, so denke ich, bezeichnend für den Unterschied unsrer beiden Völker. In seinen Tipis und um die Feuer seines Volkes herum wird jedes Wort, jede Antwort genau abgewogen, bevor gesprochen wird, um ja nichts Unnötiges zu äußern. Für jemanden, der sich oft selbst an der Kanzel lauscht und sich fragt, wer da spricht und was es ist, das er gerade sagt, ist das in der Tat ungewohnt.
Als Pastor mit einiger Erfahrung darin, der Herde zu lauschen, wusste ich allerdings, dass ich mich während dieser Konversationen den Richtlinien und Bedürfnissen meines Gegenübers fügen musste. Andernfalls lief ich Gefahr, dass der Gentleman ungeduldig wurde, sich wieder zu seinen eigenen Leuten zurückzog und sich Gottes Gnade verwehrte, die ich so gern mit ihm teilen wollte und in der ich ihn zu instruieren gedachte.
»Was mich heute hierherführt …«, wiederholte er auf seine Weise mit fast geschlossenen Lippen, als wäre diese Frage ein zu komplizierter Knoten, als dass er sich mit einer einfachen Antwort lösen ließe.
Ich sah, dass er die Augen hinter seinen dunklen Gläsern fest geschlossen hielt, und jetzt konnte ich sein Gesicht näher betrachten, als es mir der Blick von der Kanzel erlaubt hatte. Nun erkannte ich, dass sein Gesicht und sein Kiefer, obschon glänzend glatt geschrubbt, tatsächlich vernarbt waren, was auf eine Begegnung mit den Pocken hindeutete, mit denen er sich bestimmt tagelang in einer flohverseuchten Büffelrobe gewälzt hatte, während ein Medizinmann über ihm gesungen und getrommelt und Rauch geschwenkt hatte, ohne je zu wissen, wie nutzlos jene uralten Praktiken gegen dieses moderne Leiden waren.
Als sich die Augen des indianischen Gentlemans wieder öffneten, ließ ich meine zur Seite gleiten, im Sinne der Lüge, ich hätte diese Gelegenheit nicht genutzt, um ihn anzustarren wie ein kleines Kind.
Doch noch immer blinzelte er ob der Helligkeit.
»Hier«, sagte ich und eilte in der Kapelle umher, zwickte einige Dochte aus und brachte die einzige verbliebene Kerze mit zurück, ging aber sicher, sie weit genug von uns entfernt auf dem Boden abzustellen, sodass sie geringer strahlte als die Glut der Kohlen nach einem Feuer in dunkler Nacht und unseren Gesichtern gerade mal den schwächsten Glanz verlieh, obwohl sie dabei vielleicht übertrieben große Schatten meiner zwischen die Knie gelegten Hände gegen die ungestrichene Decke warf. Doch ich wagte nicht, zu schauen.
»Danke, danke«, sagte der indianische Gentleman und nahm sich die Brille ein Ohr nach dem anderen vom Gesicht, was mehr Kopfbewegungen als von mir erwartet erforderte, da die Beine oder Arme dieser Augengläser beinahe kreisförmig hinten eingehakt waren.
Die Brille faltete er geschickt in eine seiner Stulpen, und ich fragte mich, was er dort wohl sonst noch verborgen hielt.
»Was ich wünsche, ist, zu beichten, Three-Persons«, sagte er schließlich, meinen Blick haltend, und da ich zum ersten Mal seine Augen aus solcher Nähe sah, fand ich mich wie hypnotisiert, als ob er eine animalische Macht über mich ausübte. Wie ich aus der Ferne gesehen hatte, waren seine Augen undurchdringlich tintenschwarz, aber im mittleren Teil, der üblicherweise einem großen Punkt ähnelt, waren sie angeschwollen, wie ich es zuvor nur bei den Toten und jenen in ewiger Ruhe gesehen hatte.
Natürlich musste er es dunkel haben für seine Beichte.
»Hast du keine Kiste, in der wir sitzen können?«, fragte der indianische Gentleman dann und blinzelte in der Kapelle umher auf der Suche nach dem Beichtstuhl. Dann korrigierte er sich: »Einen hölzernen Schrank, in dem wir sprechen können, sprechen durch das —– das …?«
Er hielt die Hände flach zwischen uns, die Finger übereinander gespreizt, um Spalten oder Löcher zu simulieren, was mir sagte, dass er irgendwann einmal das Gitterwerk in katholischen Beichtstühlen gesehen haben musste.
»Dies ist ein lutherisches Gotteshaus«, erklärte ich so sanft wie möglich; als wäre es lieblos von mir, anzunehmen, er würde die Varianten des christlichen Glaubens kennen —– und das an einem Tag, da ich gerade erst eine Predigt über den Samariter gesprochen hatte. »Aber ja, nachdem wir die Gebote gelesen haben, können wir ans Altargitter treten und …«
Ich schwenkte meinen Arm zum vorderen Bereich der Kirche, um zu zeigen, was ich meinte.
»Hier kannst du dich entlasten, wenn du das wünschst«, versicherte ich ihm und nahm entweder ein Zögern oder Unverständnis wahr —– was von beidem, konnte ich nicht sagen.
»Können wir es hier tun?«, fragte er und schaute auf den Fußboden zwischen seinen polierten Stiefeln, die ich nun sehen konnte, da seine Jesuitenrobe durch das lange Sitzen am Bein hochgerutscht war. Die Stiefel waren, sofern ich nicht irre, von der Art, wie die Kavallerie sie in jener Zeit trug, da man der Kavallerie noch öfter bedurfte. Es rief mir die Zeit ins Gedächtnis, da die Indianer sich mit dem Schmuck ihrer Opfer kleideten, sowohl der männlichen als auch der weiblichen.
