The Crane and the Nightjar - Ada Bailey - E-Book

The Crane and the Nightjar E-Book

Ada Bailey

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Beschreibung

Zara hält sich nur an eine Regel: Vertraue niemandem.  Vor allem nicht Crane, denn im Kampf um ihre Freiheit ist er das größte Risiko.  Und ihre einzige Hoffnung.   In den berüchtigten Kerkern von Raspa wartet die  vermeintliche Diebin Zara auf ihre Hinrichtung. Doch dann verspricht der König ihr die Freiheit – unter einer Bedingung: Sie muss sich in seinem tödlichen Wettkampf gegen andere Verurteilte behaupten, um dann ein legendäres Relikt zu stehlen. Die Mission ist überaus waghalsig, ihre Gegner sind gefürchtete Verbrecher, und Zara weiß, ihre einzige Chance zu überleben ist eine Allianz mit ihrem Zellengenossen Crane. Dieser ist undurchschaubar, gefährlich – und verfolgt seine eigenen Ziele. Kann sie ihm wirklich vertrauen? Denn in diesem Spiel gibt es keine Gewinner. Höchstens Überlebende. Düster, rasant und herzzerreißend - der Auftakt zur Romantasy-Dilogie Tropen: Deadly Games, Strong Female Heroine, Rivals to Lovers, Morally Grey Hero, Hidden Identity, High Fantasy, Found Family

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Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2026

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The Crane and the Nightjar

Ada Bailey wurde 1996 an der Nordseeküste geboren. Wenn sie nicht gerade nächtelang in Bücherwelten voller Regency-Romantik und RomComs versinkt, verliebt sie sich regelmäßig in vielschichtige Videospielcharaktere oder fordert ihre Freunde bei Pen-and-Paper-Abenden heraus. Sie teilt ihre Liebe zum Lesen und Schreiben auf TikTok und Instagram unter @adas.worlds.

Zara hält sich nur an eine Regel: Vertraue niemandem.Vor allem nicht Crane, denn im Kampf um ihre Freiheit ist er das größte Risiko.Und ihre einzige Hoffnung.

Ada Bailey

The Crane and the Nightjar

Nebelverhüllt

Forever by Ullsteinwww.ullstein.de

© 2026 Ullstein Buchverlage GmbH, Friederichstraße 126, 10117 Berlin

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Covergestaltung: Giessel DesignCovermotiv: © saje design, www.saje-design.de

ISBN 978-3-98978-113-9

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Inhalt

Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34 

Kapitel 35 

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Epilog

Content-Note

Danksagung

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Widmung

Für Maxi, weil diese Geschichte deinetwegen mehr ist als eine bloße Idee.

Ach so, solltest du in irgendeiner Form mit mir verwandt sein, bitte lies dieses Buch nicht. Ruf mich einfach an, ich empfehle dir eine Alternative … Danke.

 

Liebe Leser*innen, dieses Buch enthält sensible Inhalte. Wir möchten, dass ihr das bestmögliche Leseerlebnis habt. Deswegen findet ihr auf Seite 393 eine Content Note. Achtung: Diese enthält Spoiler für die gesamte Geschichte.

Prolog

Die wichtigste Regel für die Bediensteten der raspischen Königsfamilie lautete: Betritt den grauen Flügel niemals ohne Einladung.

Romley besaß keine Einladung und konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es überhaupt Bedienstete gab, die jemals eine erhalten hatten. Er fragte sich, wie grausam die Strafe wohl ausfiele, wenn er es jetzt einfach tat. Würde es überhaupt eine Strafe geben? Immerhin war er kein einfacher Bediensteter; er war der oberste Berater des Königs.

Seine schwitzigen Hände griffen nach den Knäufen der dunklen Flügeltür, vor der er seit einer halben Stunde auf und ab lief. Die Scharniere klickten, die Dielen knarzten. Er versuchte, sich einzureden, dass er das Richtige tat. Schließlich hatte er wichtige Neuigkeiten.

Mit ihm fiel das Licht in den dunklen Gang, doch er wagte es nicht, das Rädchen an der Wand zu drehen, welches die Deckenleuchter entzündet hätte. Es gab sicher einen Grund, weshalb man den Flur unbeleuchtet ließ. Allein den grauen Flügel zu betreten, könnte ihn in große Schwierigkeiten bringen, da wollte er nicht riskieren, weiteren Unmut auf sich zu ziehen.

Der Klang seiner Schritte verlor sich in den dicken Fasern des roten Läufers. Es war, als wäre er gar nicht da.

Ein kleiner Teil von ihm hoffte, dass sich all das nur um einen gemeinen Albtraum handelte, aus dem er gleich erwachen würde. Doch er wusste es besser. Es war kein Traum. Er würde nicht aufwachen. Es gab kein Entkommen.

Das Blut rauschte in seinen Adern, als er die Hand hob und an die unscheinbare Tür am Ende des Flurs klopfte. Er schluckte und wartete. Keine Reaktion. Romley nahm all seinen Mut zusammen und drehte den Türknauf.

Er erwartete, ein fürchterliches Quietschen zu hören, das seine Furcht unterstrich, doch die Tür glitt tonlos auf. Der Berater trat zwei Schritte weit in das Zimmer und hielt dann inne.

Die meisten Möbel waren abgedeckt und staubig. Das einzige Licht spendete eine alte Öllampe, deren Lichtkegel so klein war, dass die warmen Strahlen es nicht bis in die Ecken schafften. In Romleys Vorstellung hockten dort die Monster des Königs, die nur darauf warteten, ihn zu fressen, wenn sie sein Eindringen bemerkten.

»Ich habe Euch nicht hereingebeten.«

Ein junger Mann saß am anderen Ende des Raumes vor einer Staffelei und malte. Der Berater hatte gar nicht gewusst, dass er sich für die Künste interessierte. Irgendwie ließ ihn das menschlicher wirken, dachte er.

»Ich weiß. Es tut mir leid.«

»Habe ich Euch hierher eingeladen und es einfach vergessen?«

Romley schluckte und schüttelte beschämt den Kopf.

»Dann solltet Ihr besser hoffen, dass das, was Ihr zu sagen habt, wichtig für mich ist.«

Er machte noch einen weiteren Schritt vor. »Das ist es, sogar sehr wichtig.«

»Na dann, fangt an.«

»Es hat einige Zeit gedauert und ich habe wirklich alle Teile von Raspa durchkämmt – was gar nicht so leicht war, wenn man bedenkt, dass ich es heimlich tun musste –«

»Habt Ihr noch vor, mir etwas zu erzählen, was ich nicht weiß?«

Romley nickte schüchtern. »Ich habe etwas gefunden, das uns helfen könnte. Einen Nebler. Allerdings wird es nicht leicht für mich, an die Person heranzukommen, ohne dass der König etwas merkt. Vielleicht sollten wir ein anderes Vorgehen in Erwägung ziehen, um Euch …«

»Na, na. Nicht so dramatisch, Romley«, mahnte der junge Mann höhnisch, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er wusste, wie Romleys Gesicht sich jedes Mal verfärbte, wenn er sich sorgte. Dafür brauchte er ihn nicht anzusehen. Lieber führte er seinen Pinsel mit ungewohnt weicher Hand über die mannshohe Leinwand vor sich. »Wenn Ihr mir sagt, wo ich sie finde, werde ich mich selbst darum kümmern.«

»Selbst?« Die Augen des königlichen Beraters weiteten sich. »Wenn der König das erfährt, steckt er Euch eigenhändig in einen der Galgenkäfige auf der Row of Thieves.«

Der junge Mann war kein großer Maler, aber es beruhigte ihn – besonders in Momenten wie diesen. Momente, in denen er wusste, dass Romley recht hatte, es allerdings keine Alternative gab. Für seinen Geschmack war der kleine Mann mit den staksigen Beinen wieder einmal zu besorgt. Auch wenn Romley die Weisheit mit seinen jungen Jahren sicher nicht mit Löffeln gefressen hatte, war er nicht dumm. Das Einzige, worin er nicht besonders glänzte, war ein ehrerbietender Tonfall.

Der blasse Mann setzte den Pinsel einen Moment lang ab und überlegte, bevor er ihn erneut in dunkelgrüne Farbe tauchte und ihn vorsichtig am Rand seiner abgenutzten Palette abstrich.

»Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Romley. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Es ist alles genau geplant.«

Wie von selbst schienen die feinen Borsten immer genau den richtigen Platz für ihre Striche zu finden. Romley ängstigte und beeindruckte die schlangenhafte Monstrosität auf der Leinwand gleichermaßen. Und mit jedem weiteren Farbtupfer sah sie noch realistischer aus.

Dem jungen Mann entgingen die nervösen Blicke des königlichen Beraters nicht. Er konnte es nicht besonders leiden, wenn jemand seine Werke anstarrte. Normalerweise war der Zutritt zu diesem Teil des Anwesens streng untersagt. Er warf ihm einen verärgerten Blick zu.

»Gibt es sonst noch etwas, Romley?«

Romley schluckte. »Nein. Das war alles.«

Aus Karavkos Almanach der Magie: Die Nebler

Magiebegabte Menschen aus den drei Königreichen Nietal, Heerait und Raspa, deren Fähigkeiten vererbt oder verkauft werden können, bezeichnet man als Nebler. Neben denjenigen Menschen, die als Nebler geboren werden, gibt es auch solche, welche die Magie von geborenen Neblern kaufen und als »gemachte Nebler« bezeichnet werden. Ihre Fähigkeiten sind in der Regel nicht so stark ausgeprägt. Unabhängig von ihrer Quelle kostet jedes einzelne Wirken der Magie ein Stück der eigenen Seele und kann zu ernsthaften Konsequenzen führen.

Orientierungslosigkeit, Halluzinationen, Übelkeit, plötzliche Erblindung, das Wachsen von Federn oder Krallen sowie ein unstillbarer Appetit auf Menschenfleisch sind nur einige der Symp­tome, die bei übermäßiger Nutzung auftreten können.

Der Ursprung der Magie eines Neblers bestimmt seine Macht. Demnach lassen sich die Nebler in vier Klassen einteilen:

Erstens: Zu dieser Klasse zählen Nebler, die als solche geboren werden und deren Vorfahren ebenfalls magiebegabt waren.

Zweitens: Obwohl nicht alle Mitglieder ihrer Familie Nebler waren, sind auch diese Menschen von Geburt an magiebegabt.

Drittens: Sie erwerben ihre Magie von den Neblern der ersten Klasse, womit sie auch automatisch deren Art der Magie annehmen.

Viertens: Sie erwerben ihre Magie von den Neblern der zweiten Klasse, womit sie auch automatisch deren Art der Magie annehmen.

Kapitel 1

Crane

»Du wirst weich, Crane, und das sage ich dir als ein Freund«, Sullivan tauchte die Nadel ein weiteres Mal in die silbrige Tinte, bevor er sie wieder in meine weißgraue Haut stach.

Beflügelnder Schmerz umschloss meinen Körper. Wie ich es hasste. Meine Fingernägel gruben sich tief in das weiche Leder des Sessels, auf dem ich die Prozedur durchstand. Heilige Scheiße, wie sehr ich es bereute, mich ausgerechnet in dem dreckigen Hinterzimmer einer Taverne auf das hier eingelassen zu haben. Hier konnte ich nicht mal schreien, ohne dass irgendjemand herausfand, was wir hier taten. Stattdessen biss ich die Zähne vor Schmerz aufeinander, bis mein Kiefer knirschte.

»Deshalb habe ich keine Freunde«, knurrte ich. Sullivan lachte kopfschüttelnd, dann stach er erneut zu. Wieder und wieder. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die exakten Nachbildungen meines Dolches und einiger Dietriche auf meinem rechten Unterarm verewigt waren.

»Du kennst die Regeln«, mahnte Sullivan, während er die frischen Tätowierungen mit etwas Distelbalsam desinfizierte und anschließend mit einem sauberen Tuch verband.

»Keine Zauberei bis morgen Abend und viel trinken.«

»Falsch, keine Zauberei in den nächsten drei Tagen. Wenn jemand erfährt, dass ich außerhalb des Nachtmarkts Magie verkauft habe, sind wir beide dran und dann ist alles vorbei.« Seine braune Haut glänzte warm im Licht der kleinen Laterne, die auf dem Tischchen neben uns stand. Schon bei dem Gedanken an die kaufwütigen Aristokraten, die sich in jeder zwölften Nacht eines Monats um die Nachtmarktstände tummelten, verdrehte ich die Augen. Die drei Reiche hatten sich darauf geeinigt, dass Neblermagie nur einmal im Monat zu einem Einheitspreis von tausend Dega verkauft werden durfte. So stellten die Königsfamilien sicher, dass sie die Menschen weiterhin kontrollieren konnten. Würde ich es ändern, wenn ich die Gelegenheit dazu bekäme? Vermutlich nicht, dafür war es mir eindeutig zu egal. Ich bog die Regeln sowieso, wann immer sie mich dazu zwangen. Nur für Sullivan machte ich davon hin und wieder eine Ausnahme.

»Gut. Ich habe sowieso nicht vor, sie einfach so zu verwenden.« Und dennoch würde die Magie, mit der Sullivan die Tinte angereichert hatte, unter meiner Haut kribbeln, bis ich es tat. Frische Magie im Körper zu haben, fühlte sich immer an, wie gesund zu werden, nachdem man lange krank gewesen war.

Sullivan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, ließ die Handschuhe beim Abziehen schnalzen und strich sich zufrieden über seine geflochtenen Cornrows.

»Gut, und jetzt, wo das geklärt ist, erwarte ich meine Bezahlung.«

»Was willst du dieses Mal?«

Ein schelmischer Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Alles, was du hast.«

»Alles?«

»Ja, alles. Wenn du willst, buchstabiere ich es dir noch mal.«

Den Ärmel meines schwarzen Hemdes herunterrollend, erhob ich mich aus dem Ledersessel und ging zu meinem Mantel. Er hing an einem hervorstehenden Nagel an der improvisierten Bretterwand. Das löchrige Holz war nicht schön, aber es reichte, um zu verhindern, dass die königliche Garde diesen Raum bei einer ihrer Tavernenrazzien zufällig fand. Zum Glück stand das Mistikat so selten auf ihrer Liste.

Mit einem Gefühl, als würde ich mich selbst bestehlen, glitt meine Hand in die Manteltasche und zog einen kleinen Beutel hervor, und als ich Sullivan den Beutel zuwarf, klimperte sein Inhalt.

»Eintausendeinhundert Dega. Die hundert extra sind für deine Diskretion«, sagte ich, woraufhin Sullivan bestätigend nickte und das Säckchen, ohne hineinzusehen, in seinen weißen Kittel steckte.

»Du vertraust mir?«

»Immerhin hast du einen Ruf zu verlieren.«

Ich lachte kurz auf. »Das hast du doch auch.«

»Deshalb wirst du davon auch niemandem erzählen. Kein Sterbenswörtchen.«

»Natürlich, mein Freund.«

»Und ich dachte, du hättest keine Freunde.«

»Aber ich bin heute Abend hier, um neue Freunde zu finden. Ich habe gehört, Kartenspiele eignen sich hervorragend dafür«, sagte ich grinsend, während ich mir den Mantel überstreifte. Kurz zuckte ich zusammen, als der Ärmel über die frisch tätowierte Haut rutschte. Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte Sullivan nie aufgehört, mit der Nadel auf meinen Arm einzustechen. In ein paar Tagen dürfte es sich legen, doch bis dahin würde ich leiden. Das ist der Preis der Magie.

»Bist du verrückt geworden? Kartenspiele sind illegal. Was hast du vor, Crane? Was suchst du dort?«

»Einen Nebler, der so gefährlich ist, dass der König sich wünscht, er hätte mich nie unterschätzt.«

»Rache bringt den Tod, Crane.«

Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. »Ich weiß. Doch dieses Mal bin ich der Tod.«

Bevor ich aus der Tür trat, sah ich noch, wie Sullivan mir zum Abschied zunickte. Eine stumme Tradition. Wir hatten schon so viel zusammen durchgestanden, dass ich aufgehört hatte zu zählen, wer wen öfter aus brenzligen Situationen gerettet hatte.

Das Hinterzimmer verließ ich durch einen schmalen Geheimgang. Erde und Staub rieselten zwischen den morschen Deckenbalken des provisorischen Ganges hinab. Ich verteilte den Dreck, so gut es ging, auf meinem Kopf, damit er mein sonst weißblondes Haar so grau färbte wie das Fell eines Streuners. Gerade jetzt wollte ich nicht erkannt werden, wenn ich zwischen den losen Brettern hinter den Latrinen des Mistikats hervorkam.

Die Tür knarzte, als ich sie vorsichtig öffnete, um mich zurück ins Innere der Taverne zu schieben. Ich war noch gar nicht richtig eingetreten, da stolperte ein betrunkener Mann mit lichtem braunen Haar und klebrigem Vollbart fast in mich hinein. Er schien sich nicht sicher zu sein, ob ich ein Produkt seines Rausches oder ein Nebler mit der seltenen Gabe der Teleportation war. Unsere Blicke begegneten sich für meinen Geschmack ein wenig zu lange, bevor ich mich abwandte und in den belebten Gastraum trat.

Der Gestank von schalem Bier und Schweiß hing in der Luft. Die Menschen tranken, lachten und tanzten dicht aneinandergedrängt in dem dämmrigen Licht. Eine junge Frau, die zu den Musikern gehörte und auf den Seiten einer Lyra zupfte, fiel mir direkt ins Auge.

Sie war hübsch und sicher keinen Tag älter als neunzehn. Ihre schulterlangen blonden Locken wippten, als sie immer noch spielend auf mich zutänzelte. Ich kannte den Blick in ihren glänzenden grünen Augen nur zu gut. Sie hielt mich für ein leichtes Opfer. Wahrscheinlich würde sie mit mir flirten, damit sie unbemerkt in meine Manteltaschen greifen konnte. Wie schade, dass diese bereits leer waren.

Ich zog einen allerletzten Dega aus der Hosentasche und drängte mich an einer Gruppe singender Männer vorbei an den Tresen. Diskret schob ich die rote Münze über das raue Holz zu dem griesgrämigen Schankwirt hinüber. »Ein Bier.«

Der vollbärtige Hüne griff nach dem Geld und biss darauf, um zu testen, ob es rein war. Überraschenderweise schien es den Test zu bestehen.

»Wir haben nur noch Brackwasser. Der Rusbrandt ist aus. Dieser vermaledeite Nebel lässt einfach nichts wachsen und der Import ist zu teuer.«

»Brackwasser ist in Ordnung.«

Ich hatte jetzt keine Lust, über das Offensichtliche zu sprechen, sondern konzentrierte mich lieber darauf, mich nicht wie einen Festtagsbraten ausnehmen zu lassen. Vielleicht würde ich den Spieß sogar umdrehen, immerhin könnte ich ein paar Dega gut gebrauchen, um den Auftrag zu erfüllen, weswegen ich hergekommen war.

Die blonde Schönheit hatte derweil ebenfalls den Tresen erreicht, legte ihre schwarze Lyra neben mir ab und rutschte ungefragt auf meinen Schoß. Die Berührung und das plötzliche Gewicht auf meinen Oberschenkeln ließen mich für den Bruchteil eines Augenblicks erstarren. Sie ist nur ein Mädchen. Nur. Ein. Mädchen. Ich nahm einen tiefen Atemzug und mein Körper entspannte sich wieder. »Solltest du nicht weiterspielen? Die Menge vermisst dich sicher.«

»Die anderen können auch ohne mich spielen. Und du gefällst mir, weshalb ich dir einen Rat geben will, bevor du verschwindest.« Ihre Stimme klang lieblich, sicher war sie eine herausragende Sängerin.

Ich hob eine Augenbraue. »Normalerweise nehme ich keinen Rat von Menschen an, von denen ich nicht mal den Namen kenne.«

»Du siehst nicht aus wie jemand, den das normalerweise inte­ressiert.«

Ein kehliges Lachen entfuhr mir. »Das mag sein, aber bei dir interessiert es mich schon.«

Ihre Wangen verfärbten sich rötlich. Schmeicheleien verfehlten selten ihren Zweck. »Gut, ich sage dir meinen Namen, wenn du mir sagst, wer du bist und was du in Daling suchst.«

»Und dann bekomme ich den Rat?«

Sie nickte, also streckte ich ihr meine Hand entgegen, um diesen kleinen Handel zu besiegeln, als würde es nicht ausreichen, dass sie bereits auf meinem Schoß saß.

»Man nennt mich Crane und ich bin ein Kurzwarenhändler«, log ich beiläufig. Eine Ausrede, die man mir aufgrund meiner hochwertigen Kleidung nur zu gern abkaufte. Und so wie ihre hellen Augen aufleuchteten, hatte sie auf etwas Derartiges gehofft.

»Leslie Morning«, antwortete sie, doch dann fiel ihr auf, wie vage ich meine Worte formuliert hatte. »Moment. Man nennt dich? Also ist das nicht dein richtiger Name?«

»Sagen wir einfach, der Vorname, den mir meine Eltern gegeben haben, ist so blamabel, dass ich ihn schon seit Jahren nicht mehr verwende. Vermutlich habe ich ihn absichtlich vergessen.«

Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, doch es erreichte ihre Augen nicht.

»Ich frage mich, wie es ist, Eltern zu haben.«

In Wirklichkeit fragte ich mich das auch. Mein Vater beachtete mich nicht besonders und ich konnte mich nicht mehr an unser letztes vernünftiges Gespräch erinnern, so lange lag es zurück. Meine Mutter war eine Woche nach meiner Geburt an einem unbekannten Fieber gestorben. Aber so hoffnungsvoll wie Leslie mich ansah, war die traurige Wahrheit nicht das, was sie hören wollte.

»Es ist toll.« Lüge. »Man ist nie allein.« Lüge. »Und egal, was man tut, man hat immer einen Platz, an den man zurückkehren kann.« Lüge.

Mit jedem Satz hing Leslie mehr an meinen Lippen. Dann glitt ihr Blick beschämt zu Boden. »Wirklich? Man hat immer ein Zuhause? Selbst wenn man …« Sie beendete ihren Satz nicht. Was hast du nur getan, Leslie Morning? Was hast du nur getan?

Für einen Moment herrschte eine Stille zwischen uns, die lauter zu sein schien als das klappernde Besteck und die feiernden Seemänner und Hafenarbeiter um uns herum. Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich die Umgebung während unseres Gesprächs ausgeblendet hatte. Ich war unaufmerksam gewesen. Ein Anfängerfehler.

So unauffällig wie möglich tastete ich meinen Mantel ab. Mein Dolch war noch da.

Leslie war die kurz aufflackernde Panik in meinen Augen nicht entgangen. »Ich schulde dir noch meinen Rat. Zeig nicht so sehr, dass du nicht von hier bist, Crane. Sonst kommen die Leute noch auf Ideen.« Ein unpassender verführerischer Tonfall begleitete ihre Worte.

Immerhin hatte ich eine Sache richtig gemacht: Sie ahnte nicht, dass ich ganz aus der Nähe kam. Gut so, denn ich stammte aus dem finstersten Teil Raspas. Einem namenlosen Ort, dunkler und verschlagener als das Nebelmoor vor den Mauern von Daling. Hier wandelten die Albträume wie Kanalratten auf den offenen Straßen, doch da, wo ich herkam, wurden sie erschaffen. Etwas, das man erst sehen musste, um es zu glauben.

Ihre Finger strichen sanft über mein Hemd. Zumindest die ihrer rechten Hand. Ihre linke Hand tastete sich währenddessen über mein Bein, hoch zu meiner Manteltasche. Leslie war offensichtlich keine Diebin, so ungeschickt, wie sie sich dabei anstellte. Was also hatte sie vor? Ich ließ sie gewähren und tat so, als ahnte ich nichts.

»Was für Ideen?«

Sie nickte in die Richtung der fahl beleuchteten Eingangstür.

»Siehst du den Mann dahinten in der Ecke?«

Mein Blick wanderte zu ihm. Die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen, die Arme verschränkt, lehnte er im Schatten der Eingangstür des Mistikats. Die Haltung eines wartenden Diebs. Eines richtigen Diebs. Das hier wurde langsam interessant.

»Ja, wer ist er?«

»Mein Bruder, Dymen. Der beste Dieb in ganz Daling. Und so wie es aussieht, hat er dich im Auge. Er denkt, ich helfe ihm und lenke dich ab.«

Sie nahm ihre Hand von mir und griff nach dem Brackwasserkrug, den ich bisher ignoriert hatte.

»Der beste Dieb von Daling also? Seine kleine Schwester als Ablenkung zu benutzen, erscheint mir nicht wie etwas, auf das der beste Dieb der Stadt angewiesen sein sollte.«

Leslie nahm einen gierigen Schluck und lachte. »Das solltest du ihn besser nicht hören lassen.«

Da war ich mir sicher. Nun nahm ich ihr meinen Krug aus der Hand und trank von dem Zeug, das seinem Namen alle Ehre machte. Herb und schal, als hätte man ein gutes Bier mit Grabenwasser gestreckt und nur die Entengrütze abgefischt. Widerlich. Es war mir ein Rätsel, wie jeder Einzelne in der Taverne dieses Zeug, ohne die Miene zu verziehen, trinken konnte. Wahrscheinlich waren sie nichts Besseres gewohnt.

»Da du mir so bereitwillig von seinem Plan erzählst und bisher nicht ernsthaft versucht hast, mir meine Dega abzunehmen, frage ich mich, was du wirklich vorhast.«

Leslie grinste verschwörerisch und wickelte eine ihrer blonden Locken um ihren Zeigefinger. Sie wollte definitiv nichts dem Zufall überlassen.

»Es kommen selten gut gekleidete, attraktive Fremde nach Daling. Warum bist du hier, Crane?«

»Ich bin Händler, das habe ich doch bereits verraten.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, niemand kommt nach Daling, um mit etwas anderem als Fisch oder Gewürzen zu handeln.« Leslie sah mir tief in die Augen, dann lehnte sie sich an meine Brust und sog scharf die Luft ein. »Du riechst kein bisschen nach Gewürzen oder nach Fisch und Schweiß, was bedeutet, dass du nicht einmal mit einem Schiff gekommen bist. Du bist kein Händler, Crane. Du bist ein Betrüger.«

Ungerührt schwenkte ich das Brackwasser in meinem Humpen. Ein Betrüger gab niemals zu, dass er einer war. »Eine harte Anschuldigung.«

»Nicht, wenn es stimmt.«

»Du erwartest hoffentlich keine ehrliche Antwort von mir.«

»Wenn du zu der Art Mann gehörst, für die ich dich halte, dann brauche ich keine Antwort.«

»Und für welche Art Mann hältst du mich?«

»Du bist gut mit Worten, was bedeutet, dass du was im Kopf hast. Mich interessiert aber viel mehr, ob du auch geschickt mit den Händen bist.«

Meine Augenbrauen hoben sich, doch bevor ich antworten konnte, legte sich ihr Zeigefinger auf meine Lippen.

»Nicht auf diese Weise. Ich spreche von«, sie unterbrach sich und ihre Stimme wurde zu einem Flüstern, »Karten.«

Bei dem Wort Karten horchte ich auf. An den Kartentischen in den Speichern und Tavernen an den nebelverhüllten Docks trieben sich die verschlagensten aller Verbrecher herum. Lügner, Spieler und Mörder. Der perfekte Ort, um Männer zu finden, die alles für eine Handvoll Dega tun würden.

»Willst du mich etwa zu einem Spiel verführen?«

Leslie rutschte auf meinem Schoß hin und her, bevor sie meinen Hals mit ihren Armen umschlang. Ihr Puls schlug schnell. Sie machte das hier zum ersten, höchstens zum zweiten Mal.

»Würdest du denn Ja sagen?«

Sie hatte wirklich keine Ahnung, dass sie dabei war, mir genau das zu geben, worauf ich aus war. Überall in Daling gab es unautorisierte Spielhöllen, in denen Kleinkriminelle und Banden einem das Geld aus den Taschen zogen. Die Veranstaltungsorte änderten sich täglich und außerdem kam man nur über Kontakte rein. Und ich hatte keine Kontakte in diese Richtung. Bis jetzt.

»Wenn der Einsatz stimmt.«

»Er stimmt.«

Ich griff nach ihrem Arm und führte ihn mit gespielter Enttäuschung und einem enttäuschten Gesichtsausdruck von meinem Hals weg.

»Da gibt es nur ein kleines Problem.«

»Und das wäre?«

»Ich habe meinen letzten Dega für dieses Bier ausgegeben.« Ich schnippte gegen den halb vollen Glashumpen rechts von mir.

»Oh, das ist kein Problem. Du würdest für mich spielen.«

»Du meinst, an deiner statt?«

Sie nickte. »Du bekämst fünfzehn Prozent vom Gewinn.«

»Für unter zwanzig setze ich mich an keinen Kartentisch. Dafür ist mir das Risiko, geschnappt zu werden, zu groß«, bluffte ich.

»Fein, dann zwanzig.«

Das war zu gut, um wahr zu sein. Ich nickte mit dem Kopf in Richtung ihres Bruders, doch dort, wo er zuvor gelehnt hatte, war nichts als eine leere Wand.

»Und was ist mit … Wo ist er?«

»Auf dem Weg in die Heek Tavern. Dort findet das Spiel statt.«

»Böses Mädchen. Du willst, dass ich deinen Bruder ausnehme?«

Leslie rutschte von meinem Schoß. Mit ihren zarten Fingern umklammerte sie meine linke Hand.

»Nein. Nicht nur meinen Bruder. Ich will, dass du sie alle ausnimmst.«

Das Spiel der Verdammten: Paarblatt

Zu Beginn des Spiels legt der Geber den Einsatz fest und alle Spieler erhalten drei Karten. Runde für Runde gibt der Geber eine weitere Karte an jeden Spieler aus. Das Spiel endet, sobald ein Spieler seine Hand offen auslegt und alle anderen zum Vergleich zwingt – es gewinnt, wer die Paare mit den höchsten Augenzahlen hat, wobei Bildkarten mehr zählen als Zahlen. Aber Achtung: Wird der Stapel leer, bevor jemand auslegt, gewinnt die Bank.

Ab Runde drei kommt eine neue taktische Möglichkeit ins Spiel: Jeder darf einmal pro Runde versuchen, verdeckt eine Karte mit dem Geber oder einem Mitspieler zu tauschen. Der Tausch ist freiwillig und kann damit genauso riskant wie nützlich sein.

Paarblatt war das beliebteste Kartenspiel der raspischen Bevölkerung, bis es aufgrund der hohen Suchtgefahr verboten wurde.

Kapitel 2

Zara

Mein Blick wanderte prüfend durch das düstere kleine Hinterzimmer der Heek Tavern. Kein Fenster ließ das trübe Licht herein, kein Spiegel verriet mir die Karten meiner Mitspieler und nur eine einzige Tür bot einen Ausweg, sollte es hier drin zu brenzlig werden. Das Weinregal, das sich auf der anderen Seite der schweren Holztür befand, versteckte diesen Raum, so gut es ging, vor unerwünschten Besuchern. Trotzdem hielt ich selbst beim leisesten Geräusch, das durch das schwere Eichenholz drang, die Luft an. Wenn man in den übelsten Gegenden Raspas aufwächst, lernt man schon, bevor man laufen kann, alles im Blick zu behalten.

Die Straßen von Daling waren gefährlich, besonders wenn man sich in den Hafendistrikt verirrte. Zwischen Schiffsladungen voll Rum und verwesenden Fischinnereien wurde man schnell überfallen. Sich mit fünf zwielichtigen Personen in das Hinterzimmer einer Seemannskneipe sperren zu lassen, gehörte dementsprechend kaum zu den klügsten Dingen, die man hier tun konnte. Genauso wenig wie einen Dolch im Ausschnitt seines Mieders zu verstecken. Und trotzdem tat ich beides in diesem Augenblick.

Mein Herz pochte, während ich mir die Kontrahenten der heutigen Nacht genauer ansah. Die meisten von ihnen kannte ich seit meiner Kindheit. Yu, die Tochter des Hafenmeisters, die mit ihrer sonnengebräunten Haut in Raspa auffiel wie ein blaues Kaninchen. Das Tageslicht kam hier aufgrund des Nebels nie über eine milchige Dämmerung hinaus. Die Sonne sah man nur, wenn man das Festland verließ. Ich beneidete sie manchmal dafür, dass sie sich einfach ein Schiff nehmen und wegsegeln konnte, wenn sie wollte. Sie saß zwischen Westfield und Soto, zwei Antiquaren, die neben Yu noch bleicher wirkten als ohnehin schon. Sie hatten ihre besten Jahre bereits hinter sich, taten aber noch immer so, als könnten sie sich nicht ausstehen, nur um sich dann heimlich die Trümpfe zuzuschieben. Ihr Schweiß glänzte im Licht des bronzefarbenen Kerzenleuchters, der auf dem abgenutzten Spieltisch stand.

So harmlos sie auch wirken mochten, sie alle waren Diebe, Halunken und Betrüger – doch der Einzige, der mir wirklich gefährlich werden konnte, war der dunkelhaarige Aufreißer, der sich gerade auf den leeren Platz neben mir sinken ließ. Dymen Morning, ein guter Dieb und der wahrscheinlich lausigste beste Freund diesseits der großen Seezunge. Ich hatte nicht geahnt, dass er heute Abend mitspielen würde. Normalerweise mied Dymen alles, was mit Karten zu tun hatte, seit er die ganzen Ersparnisse seiner toten Eltern verspielt hatte. Und doch war er hier. Ich musste grinsen, als er mir eine Brackwasserflasche rüberschob.

»Kleine Runde heute«, sagte er. »Wenn ich gewinne, massierst du mir den Nacken.«

Ich entkorkte die braune Flasche und grinste. »Davon träumst du. Wir spielen um Geld, falls du das noch nicht mitbekommen hast.«

Er tauchte seine Züge in gespielte Enttäuschung. »Um Geld? Wirklich? Dann bin ich wohl im falschen Raum. So ein Ärger. Jetzo, warum hast du mir das verschwiegen?«, wandte er sich an den einäugigen Kartengeber, der neben ihm Platz genommen hatte und bereits dabei war, die Karten zu mischen. Der junge Mann verzog keine Miene. »Ich weiß nicht, wo du sonst spielst, Morning. Aber hier geht es immer um Geld.«

Neckend stupste ich Dymen an. »Sag ich doch.«

Gerade als er etwas erwidern wollte, öffnete sich die Tür und die Köpfe aller wirbelten herum.

Leslie, Dymens kleine Schwester, stolzierte herein, einen Mann Ende zwanzig im Schlepptau. Er war groß und breitschultrig, mit mattem gräulichen Haar und Augen, die glänzten wie geschliffene Smaragde. Misstrauisch musterte ich seine zugegebenermaßen attraktive Erscheinung. Wer war der Kerl?

»Meine Herren, Zara, Yu, das hier ist Crane. Er ist ein Händler und gerade auf der Durchreise. Heute wird er für mich spielen«, verkündete Leslie stolz. Crane nickte stumm zur Begrüßung, blieb aber noch einen Augenblick neben Dymens hübscher Schwester stehen. Mir fiel direkt auf, wie intensiv Leslie ihre Begleitung betrachtete, während Crane sich in Gleichgültigkeit übte.

Das entging auch Dymen nicht. Die Angst, sie könnte ihn nach dem Spiel mit in ihre kleine Hütte am Hafen nehmen, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Wenn es um Leslie ging, verstand er keinen Spaß.

Und auch Jetzo strich sich wenig begeistert über seine rotbraunen Locken, bevor er auf den freien Platz gegenüber von mir deutete.

»Willkommen, ich bin Jetzo und heute Nacht der Kartengeber. Sind Ihnen die Regeln von Paarblatt bekannt?«

»Ich habe es bereits ein paar Mal gespielt.« Bei dem Klang seiner Stimme überzog kribbelnde Gänsehaut meinen ganzen Körper. Sie war rau und dunkel wie das Meer.

»Gut. Dann wollen wir mal sehen, was Sie können.«

Jetzo stellte uns alle kurz vor, während er die Karten für die erste Runde austeilte.

Ich machte den Fehler, mich von unserem unerwarteten Gast ablenken zu lassen. Ich hätte auf die ersten Reaktionen meiner Mitspieler achten sollen. Ein Fehler, der mich den Sieg der ersten Partie und somit fünfzig Dega kostete. Und auch wenn ich es besser wusste, glitt mein Blick immer wieder zu dem mysteriösen Unbekannten, der mir gegenübersaß.

Ich konnte nicht genau sagen, was mich an ihm so fesselte. Crane starrte die meiste Zeit in seine Karten und sah dabei so regungslos aus, als hätte man seine scharfen Gesichtszüge in Marmor gemeißelt. Es war unmöglich, irgendetwas in ihnen zu lesen. Wer war dieser Mann? Wo hatte Leslie den nur wieder aufgetrieben?

Auf dem Markt ganz bestimmt nicht, so viel war sicher. Er war zwar gut gekleidet, stank aber nicht nach Salzwasser, Fisch, Pferd oder Rum. Und von Händlern, die ihre Waren zu Fuß transportierten, hatte ich noch nie gehört. Ein seltsamer Mann, aber er brachte etwas ins Spiel, das ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Eine Herausforderung.

Zwar hatte er bisher keine Runde gewonnen, aber ich ging davon aus, dass es sich dabei lediglich um eine Taktik handelte – es war wichtig, seine Gegner in falscher Sicherheit zu wiegen. Crane ging so vor, wie ich es sonst tat. Seine Spielzüge waren klug und nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen.

Cao hatte mich immer wieder davor gewarnt, dem Kick zu erliegen, den solche Spiele mit sich brachten, und doch würde der alte Mann sich freuen, wenn ich in der Früh mit vollen Taschen zurück auf die Blue Lady kam. Auch wenn er jedes Mal die Münzen überprüfte, bis er sicher sein konnte, dass ich mich nicht hatte übers Ohr hauen lassen. Als ob das jemals passiert wäre.

Es gab nichts auf dieser Welt, das unerreichbar schien, wenn ich ein paar Reisenden ein paar blutrote Münzen aus der Tasche zog. Und auch heute Nacht würden die Spielkarten in meinen Händen und mein Verstand meine engsten Verbündeten sein. Das würde ich auch unseren Gast spüren lassen.

In der Mitte des Tisches, um den alten Kerzenleuchter herum, hatte sich mittlerweile ein beachtlicher Geldhaufen gebildet. Siebenhundertdreißig Dega, die ich verdammt gut gebrauchen konnte. Das war der Zeitpunkt, an dem das Spiel interessant wurde. Nichts durfte mir entgehen. Nicht noch einmal. Das Einzige, was ich von ihnen brauchte, war ein kleines verräterisches Zeichen, wenn sie in ihre neuen Karten sahen.

Die Anspannung stand ihnen allen ins Gesicht geschrieben. Soto versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden, doch seine schwitzigen Finger zitterten. Schweiß tropfte von Dymens dunklen Strähnen hinab auf seine Karten. Er war also an denselben Punkt gekommen, an dem Yu und Soto schon waren. Er war dabei, ein kleines Vermögen zu setzen. Und ich würde es mir schnappen, auch wenn er dann wieder eine Woche so tun würde, als wären wir keine Freunde.

Das Blatt, das ich auf der Hand hatte, war gut, aber leider nicht preisverdächtig. Es kam also darauf an, was ich als Nächstes zog oder was die anderen legten.

Dymen kratzte sich an der Schläfe. Das tat er immer, wenn er so wirken wollte, als ob er verzweifelt wäre. In Wirklichkeit bedeutete es, dass er mindestens zwei Paare auf der Hand hielt.

Yu schob sich die Schiebermütze in den Nacken, wenn ihre Karten zu nichts zu gebrauchen waren. Jetzt gerade fächerte sie diese auf und lächelte. Das war zu viel des Guten. Ihr Blatt war höchstens in Ordnung.

Ich konnte sie alle lesen wie die Bücher in einer Bibliothek. Die Jagd nach den besten Karten entfachte einen Rausch in ihren Adern, der sie leichtsinnig werden ließ. Und genau das war mein Trumpf. Normalerweise. Crane sorgte dafür, dass ich heute nicht warm wurde. Und das, obwohl er die meiste Zeit des Spiels schwieg. Leslie setzte sich immer wieder auf seinen Schoß und flüsterte ihm Tipps ins Ohr, er schien sie jedoch zu ignorieren. Ganz anders als Dymen, den das Verhalten seiner kleinen Schwester regelmäßig schlucken ließ.

»Neue Karten?«, grummelte Soto, als er eine rostige Dose mit Kautabak aus der Tasche seines alten Jacketts hervorzog und sich etwas davon zwischen die gammligen Zähne schob. Alle nickten. Niemand legte aus.

Jetzo begann, den verbleibenden Kartenstapel zu mischen, und gab Leslie ein Zeichen. Irgendjemand musste hin und wieder nachschauen, ob sich die königliche Garde in die Taverne verirrte, damit wir im Notfall alles rechtzeitig unter den Dielen verschwinden lassen konnten. Sie schaffte es, sich von ihrem neuen Freund loszureißen, um zurück in den Hauptraum der Heek Taverne zu gehen. Nachdem sie den Raum verlassen und die Tür hinter sich zugezogen hatte, teilte Jetzo aus. Während meine Mitspielenden ihre Karten musterten, beobachtete ich sie genau. Vor allem ihre Augen verrieten mir alles, was ich wissen musste.

In denen von Soto, Dymen und Yu spiegelte sich Enttäuschung. Sehr schön. Westfield kratzte sich zufrieden den kahlen Nacken, und Crane …

Unsere Blicke trafen sich. Gänsehaut überzog meinen Körper. Er musterte nicht seine Karten. Sondern mich. So fühlt sich das also an.

Ertappt faltete ich die Hände über meinem Kartenstapel und versuchte, Cranes Blick standzuhalten. Seine grünen Augen funkelten einnehmend, und zum ersten Mal an diesem Abend bildete ich mir ein, mehr darin zu sehen als bloßes Desinteresse.

»Haben Sie vor, mich weiter so anzustarren, oder werden Sie auch noch einen Blick auf Ihre neue Karte werfen? Wenn Sie wollen, kann ich das auch für Sie übernehmen.«

Bei Cranes Worten sahen die anderen Mitspieler auf. Nun war jedes einzelne Augenpaar an diesem Tisch fragend auf mich gerichtet. Wenn ich meine Karte jetzt umdrehen würde, könnte jeder hier meine Reaktion ausspähen und mein Vorteil wäre dahin. Also griff ich stattdessen nach einer Wasserkaraffe, die neben ein paar leeren Brackwasserflaschen auf dem Tisch stand, und drehte das mäßig saubere Glas auf dem ausgefransten Untersetzer vor mir um.

»Nein danke. Das schaffe ich gerade noch selbst.«

Cranes rechter Mundwinkel verzog sich nach oben. Der Mann kann also auch anders aussehen als eine dieser Steinstatuen, die sich die reichen Leute auf ihre Gräber stellen. Gut zu wissen.

»Dann bin ich ja beruhigt. Ihre Narben sehen schmerzhaft aus. Ich hoffe, Sie können so überhaupt klar sehen.«

Ich erstarrte. Manchmal vergaß ich, dass Leute sie bemerkten, diese feinen Linien, die sich über mein rechtes Lid hinunter zu meiner Wange zogen. Obwohl ich durch sie jeden Tag beim Blick in den Spiegel daran erinnert wurde, was ich verloren hatte.

Ich hielt einen Moment lang den Atem an, bevor ich Wasser einschenkte, als hätten seine Worte mich nicht kalt erwischt. Nun war ich die mit dem falschen Lächeln auf den Lippen. »Machen Sie sich darüber mal keine Sorgen, Mr Crane …«

Er hob die Hand und schnitt mir das Wort ab: »Nur Crane.«

Seine Absicht, mich aus dem Konzept zu bringen, war offensichtlich. Doch was er konnte, konnte ich schon lange. Ich erhob mich von meinem Stuhl und ging mit der Karaffe in der Hand um den Spieltisch zu ihm herum. Niemand sagte etwas, aber ich spürte, wie sie mich anstarrten. Sie rechneten damit, dass ich etwas Unbedachtes tat. Aber ich war nicht hier, um irgendwelche Klischees zu erfüllen. Ich war hier, um zu gewinnen.

In solchen Momenten galt: Verwirre deine Gegner, wenn du musst. Egal, auf welche Weise.

Also griff ich über Cranes Schulter und drehte das Glas vor ihm ebenfalls um, damit ich ihm etwas Wasser einschenken konnte. Nicht ein Tropfen ging daneben. Bevor ich zurück zu meinem Platz schritt, blieb ich einen Moment neben Crane stehen und musterte ihn so offensichtlich, dass es ihm unangenehm sein musste. Sein schwarzes Hemd spannte sich über seine Muskeln, und obwohl es in diesem kleinen Raum sehr warm war, krempelte er es nicht hoch. Doch genauso wenig wie die Hitze kümmerten ihn meine Blicke. Es funktionierte nicht. Crane sah mich weiterhin lächelnd an.

»Wie dem auch sei. Meinen Augen geht es hervorragend, aber …«, ich unterbrach mich absichtlich und lehnte mich ein Stück zu ihm hinunter. Dabei kam ich ihm so nah, dass ich seinen warmen Atem auf meinen Lippen spüren konnte. Crane versteifte sich. »Vielleicht sollten Sie Ihre mal untersuchen lassen. Sie scheinen so unnatürlich grün zu sein. Ich kenne da eine hervorragende Heilerin. Aber es ist auch irgendwie bezaubernd.«

Langsam bewegte ich mich zu meinem Platz zurück. Ein Gefühl von Überlegenheit floss durch meinen Körper. Wer auch immer dieser Crane war, er war genauso eitel wie alle anderen Männer auch. Zufrieden sank ich zurück auf meinen Stuhl und schielte unter meine neue Karte, gerade als sich die Tür öffnete und Leslie wieder eintrat. Doch Crane hatte offenbar nicht vor, sich davon beirren zu lassen.

»Sie sollten mich begleiten, dann kann sich die Heilerin das unnatürliche Grün Ihrer Haare auch direkt mit ansehen.«

Cranes Ausdruck hatte etwas Schelmisches, im Gegensatz zu dem von Leslie, die nun wieder hinter ihm stand und verwirrt in die Runde schaute.

Jetzo räusperte sich. »Haben jetzt alle ihre Karte gesehen?«

Alle nickten.

Jetzo legte nun sechs Karten verdeckt vor sich auf dem roten Vlies aus. »Gut, da wir uns nun in der dritten Runde befinden, darf jeder eine Karte gegen eine dieser sechs verdeckten tauschen oder mit einer der anderen Spieler.«

»Wir kennen die Regeln, Augenklappe. Lass mich mit Soto tauschen«, blaffte Westfield.

»Mit dem will ich nicht tauschen!«

An diesem Punkt wurde das Spiel für gewöhnlich zu einem erbärmlichen Schauspiel. Das hatte selbst Dymen durchschaut, so wie er jetzt die Augen verdrehte. »Himmel, diese Show stinkt zum Teufel«, stöhnte er genervt, bevor er wie Yu eine seiner Karten gegen eine der verdeckten von Jetzo tauschte. Gerade als ich überlegte, es ihnen gleichzutun und Crane somit als letzten Verbleibenden dazu zu zwingen, ebenfalls eine der verdeckten Karten aufzunehmen, kam er mir zuvor.

»Ich will mit Miss Nightjar tauschen«, sagte er zu Jetzo, bevor er sich zu mir wandte und eine seiner Karten verdeckt vor mir ablegte.

»Was tust du da, Crane?«, herrschte die hinter ihm stehende Leslie ihn unzufrieden an, doch er ignorierte sie.

»Nimmst du es an?« Seine Stimme wurde dunkler, als wäre das, was er mir da anbot, keine Spielkarte, sondern sehr viel intimer. Normalerweise war es dumm, in den Tausch eines anderen Spielers einzuwilligen, weil der einem das zuschob, was er loswerden wollte. Normalerweise – aber dies war keine gewöhnliche Partie.

Zwei, Drei und Vier waren am unbeliebtesten, weil sie, selbst wenn sie ein Paar bildeten, wenig Punkte brachten. In meiner Hand befanden sich ein Paar Siebener, eine Drei, eine Sechs und eine Zehn. Mit Letzterer konnte ich bei Crane wohl kaum rechnen. Aber was, wenn er bereits zwei Paare auf der Hand hielt und davon ausging, dass ich ihm genau die niedrige Zahl rüberschob, die er für ein drittes brauchte? Drei Paare besiegelten in der Regel das Ende eines Spiels, egal, wie niedrig das letzte zählte. Die Drei bekam er also nicht. Was sollte ich also tun?

Mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich die Sechs aus meiner Hand zog und gegen seine Karte austauschte. Volles Risiko.

Die Zufriedenheit in seinem Blick ließ mich zaudern, die neue Karte anzusehen. Was hatte er vor?

»Willst du sie nicht umdrehen?« Crane fixierte mich gespannt. Ich war sicher, dass er eine bestimmte Reaktion von mir erwartete. Freude, Wut, Enttäuschung. Nichts davon würde ich ihm geben.

Ich drehte das warme Papier in meiner Hand und sah auf die Zahl. Auf einmal fiel es mir schwer, meine Überraschung zu verbergen. Zehn. Ich biss die Zähne zusammen und hoffte, dass niemand das Glänzen in meinen Augen bemerkte. Kein Wunder, dass Leslie so entsetzt dreingeschaut hatte, als er mich zu einem Tausch aufgefordert hatte.

Ich sah auf, doch Cranes Gesicht hatte sich wieder in die statuenhafte Maske verwandelt, die wir schon seit Stunden von ihm zu sehen bekamen.

»Sind alle bereit für die nächste Runde?«, fragte Jetzo. Wieder nickte jeder von uns bestätigend. Die Karte, die ich als Nächstes zog, war eine Drei. Wie viel Glück konnte man haben?

»Ich lege aus«, kündigte ich an, bedacht darauf, so souverän wie möglich zu klingen. Westfield und Soto sahen verständnislos he­rüber, als sie ihre Handkarten offenlegten. Sie hatten je ein Paar. Vierer und Fünfer. Dymen hatte einen Knaben und ein Regentinnen-Paar, die je sieben zählten. Genau wie Yus Joker-Paar. Crane legte ein Sechser-, Zweier- und ein Neuner-Paar aus. Offenbar hatte er bei dem Tausch darauf spekuliert, dass ich ihm eine mittlere Zahl zuschob. Und es hatte funktioniert. Sehr gerissen. Doch nicht gerissen genug, denn meine Paare waren mehr wert.

»Ein knapper Sieg für Miss Nightjar. Sie gewinnt mit sechs Punkten Vorsprung«, verkündete unser Geber zufrieden darüber, dass ich unseren Gast geschlagen hatte.

»Schiebung!«, schimpfte Soto, worauf Westfield eifrig zustimmte.

»Sie ist eine Frau, sie kann nicht gewinnen!«

»Sie hat euch schon mehrfach geschlagen, ihr Fischgesichter«, erinnerte Dymen sie zu Recht. Das war ein Umstand, den sie entweder von selbst oder durch ihren enormen Brackwasserkonsum verdrängten.

»Das kann nicht sein. Ich will eine Revanche!«, forderte Westfield erbost.

»Sie hat rechtmäßig gewonnen. Lebt damit«, schnaubte Yu.

»Eine Wahl haben wir wohl nicht.« Leslies Worte klangen bitter. »Ich werde nie wieder für dich backen, Zara. Nie wieder!«, fügte sie noch hinzu.

Sowohl Dymen als auch ich konnten uns ein Lachen nicht verkneifen.

»Hast du ein Glück, Zara. Vielleicht sollte ich die nächste Runde gewinnen, damit sie auch aufhört, für mich zu backen«, warf Dymen in den Raum. Nun lachten alle. Selbst Cranes Mundwinkel zuckten. Leslie hingegen fand den Witz auf ihre Kosten überhaupt nicht lustig und stampfte wütend auf.

»Ihr werdet noch sehen, was ihr davon habt!«, schnauzte sie beleidigt, doch niemand reagierte darauf. Stattdessen nahm Jetzo die abgegriffenen Karten erneut in die Hand.

»Nächste Runde?«

Westfield, Soto und Yu waren sofort Feuer und Flamme. Auch Dymen schien dem Ganzen nicht abgeneigt zu sein. Ich hingegen hatte keine Lust, meinen ganzen Gewinn wieder aufs Spiel zu setzen. Hochmut kam vor dem Fall und mir war nicht nach einem Fall zumute, zumal Cao und ich dringend neues Schießpulver besorgen mussten, wenn wir wollten, dass mein Feuerwerk weiterhin ein paar zusätzliche Besucher in seine momentan kläglich besuchten Shows lockte.

»Ich denke, ich bin raus für heute«, verkündete ich und erhob mich von meinem Stuhl. Yu sah mich entgeistert an.

»Zara, das ist doch nicht dein Ernst. Wie soll ich da mein Geld zurückgewinnen?«

»Gar nicht«, antwortete ich zufrieden. Offenbar hatten einige damit gerechnet, ihre Einsätze in der nächsten Runde zurückzubekommen, und vielleicht würden sie das ja auch noch. Nur nicht von mir.

Sorgsam sammelte ich die Dega von dem klebrigen Stoff auf und steckte sie in den Beutel, der am Lederbund meines braunen Kleides baumelte. Ich konnte fühlen, wie meine enttäuschten Mitspieler jede einzelne Bewegung meiner Fingerspitzen genauestens beobachteten. Erhobenen Hauptes lief ich zu der Tür, die mich durch die Küche zurück in den Gastraum der Heek Tavern führen würde.

»Ein schönes Spiel, meine Herren. Ich wünsche noch gute Karten und eine Menge Dega.« Mit einem Augenzwinkern öffnete ich die Tür und verschwand aus dem kleinen Zimmer.

Kapitel 3

Crane

Meine Augen klebten an ihr, als sie durch die Geheimtür verschwand, als wäre sie nie hier gewesen. Mir wurde bewusst, dass Zara Nightjar die einzige Gegnerin am Tisch gewesen war, die mir etwas entgegensetzen konnte. Und so eindringlich, wie sie mich angesehen hatte, war auch ihr das nicht entgangen. Spätestens jetzt hätte ich begonnen, sie interessant zu finden, wäre das nicht längst der Fall gewesen.

Heute Nacht hatte ich kein Geld gewonnen, doch das machte nichts. Schließlich war ich auf der Suche nach einer Person für einen gewissermaßen einzigartigen Job nach Daling gekommen und nicht, um ein paar lausige Kartenspieler um ein paar Dega zu erleichtern.

Das Einzige, was ich tun musste, war, Zara davon zu überzeugen, dass mir zu helfen bedeutete, sich selbst zu helfen. Denn Zara war sicher niemand, der Dinge aus reiner Barmherzigkeit tat. Sonst wäre sie heute Nacht nicht hier gewesen. Sie brauchte Geld und ich brauchte jemanden, der Geld brauchte. Eine Win-win-Situation.

Die Holzbeine meines durchgesessenen Stuhls knarzten unangenehm, als ich ihn beim Aufstehen zurückschob.

»Was tust du da?«, fragte Leslie beunruhigt.

»Ich denke nicht, dass es für mich heute Nacht noch etwas zu gewinnen gibt.« Ich klang kühler als beabsichtigt, aber immerhin verfehlten meine Worte ihre Wirkung nicht.

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, dass ich jetzt gehen werde.«

Leslie verschränkte die Arme vor der Brust. »Oh nein, das war nicht der Deal. Der Plan war, dass du für mich spielst und die anderen fertigmachst!«

»Wie du siehst, hat das hervorragend funktioniert.« Meine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus. Das gefiel ihr so gar nicht. Die anderen, deren Namen ich schon längst wieder vergessen hatte, beobachteten das Geschehen aufmerksam. Nur der Geber verdrehte entnervt die Augen. Verdenken konnte ich es ihm nicht.

»Du hast mein Geld verloren und nicht mal den Anstand, es mir zurückzugewinnen? Ich dachte, du wärst gut im Kartenspielen.«

»Das habe ich nie behauptet. Du hast gefragt, ob ich geschickt mit meinen Händen bin. Und Himmel, das bin ich.« Langsam machte ich einen Schritt auf sie zu. »Und ich würde es dir ja zeigen, aber dafür ist mir hier eindeutig zu viel Publikum«, raunte ich, um sie aus der Fassung zu bringen. Es funktionierte jedes einzelne Mal. Die Wangen der hübschen jungen Frau färbten sich rot. Es war beinahe schade, dass sie so uninteressant für mich war.

Nun erhob sich auch der dunkelhaarige Dieb, der während des Spiels neben Zara gesessen hatte. Ohne Kapuze und Umhang wirkte Dymen in seinem schmutzigen Leinenhemd viel weniger mysteriös als zuvor im Mistikat.

»Pass auf, was du sagst, Crane. Sie ist immer noch meine kleine Schwester«, knurrte er.

Ich zuckte die Achseln. »So was hört sie sicher nicht zum ersten Mal.«

Dymens Fingerknöchel wurden weiß, weil er die Hände so stark zu Fäusten ballte. Für einen Dieb war er recht unbeherrscht. Schade. So kam er für meine Mission leider nicht infrage.

»Ich dulde keine Gewalt an meinem Tisch. Wenn ihr euch wegen Miss Morning prügeln wollt, könnt ihr das draußen machen, aber nicht hier«, warf Jetzo ungerührt ein, während er die Karten geschickt durch seine Finger gleiten ließ.

Beschwichtigend hob ich die Hände. Es wurde nun wirklich Zeit zu verschwinden, bevor Zara über alle Berge war. Ich nahm meinen Mantel von der Stuhllehne und zog ihn über. An der Tür angelangt, hielt ich kurz inne und zog ein kleines Münzsäckchen aus meinem rechten Stiefelschaft – das musste ich vorhin bei Sullivan wohl vergessen haben. Ich drückte es Leslie in die Hand: »Als Entschädigung.«

Jeder hier hatte gespannt sein Augenmerk auf mich gerichtet.

Dreh deinen Feinden niemals den Rücken zu, Junge. Sie werden bei jeder Gelegenheit auf ihn einstechen – so wie ich gerade. Die Worte meines Vaters hallten wie ein längst verlorenes Echo durch meinen Kopf. Eine von vielen Lektionen, die mich Blut und Schweiß gekostet hatten.

»Meine Herren, meine Damen. Ich wünsche noch einen erfolgreichen Abend.«

Bevor jemand Einspruch erheben konnte, schob ich mich durch die Geheimtür und stand in der Küche der Heek Tavern. Zu meiner Überraschung roch es weder nach altem Fisch noch nach altem Fleisch. Das Essen hier schien, dem Geruch nach zu urteilen, frisch zubereitet zu werden. Zumindest roch der Eintopf, in dem der wohlbeleibte Koch gerade herumrührte, wie etwas, das man gefahrlos verzehren konnte. Wahrscheinlich war er daran gewöhnt, dass ständig Menschen durch seine Küche kamen, denn er beachtete mich erst, als ich ihn direkt ansprach.

»Entschuldigung, die junge Frau mit den grünen Haaren, ist sie …?«

Der Koch deutete mit einer seiner großen Pranken zu einer schmalen Holztür. »Sie ist gerade durch den Liefereingang raus.«

Ich nickte dankbar, bevor ich Zara in die dunkle Gasse hinter der Hafentaverne folgte.

Kühle salzige Luft vermischte sich mit dem üblichen Nebel und dem unangenehmen Geruch von verdorbenem Fisch. Gestapelte Kisten und Fässer ragten im fahlen Licht der Straßenlaternen an den Wänden empor. Sie war nicht mehr hier, aber weit konnte sie nicht sein.

»Zara?« Meine Stimme hallte durch die leere Gasse. »Zara Nightjar!«

Ich spürte, wie mich jemand am Ärmel packte und ruckartig hinter eine Kiste an die Steinwand zog.

»Sei still, sie entdecken uns noch.« Sie war also doch noch hier.

Sie sah mich nicht an, sondern versuchte stattdessen, an der Kiste vorbei die Straße hinab zu spähen, während sie mich mit beiden Händen gegen die kalte Mauer drückte.

»Wer sollte uns hier sehen? Und warum wäre das schlimm?«, flüsterte ich.

»Die Gardisten patrouillieren. Also sei still.«

Ich versuchte, mich auf die Umgebung zu konzentrieren, doch das Einzige, was ich wahrnahm, waren die dumpfen Tavernengeräusche. Lachen, Singen und das Scheppern, als ein Glas zu Bruch ging. Und dann war da noch mein Herzschlag, der unter ihren Fingerspitzen rebellierte. Doch ich hörte keine schweren Stiefel oder klappernden Waffen.

»Ich glaube nicht, dass hier jemand ist. Du kannst mich loslassen.«

Nun sah sie zu mir auf. Ihre Augen waren verengt und sie machte keinerlei Anstalten, ihre Hände von meiner Brust zu nehmen.

»Noch nicht. Man merkt, dass du nicht von hier bist.«

»Und du bist ziemlich paranoid.«

»Ich will einfach nicht wegen der ungewöhnlich hohen Menge Degas in meiner Tasche verhaftet werden. Und jetzt sei still, ich muss hören, ob jemand kommt.«

Ich schwieg für einen Augenblick, doch dann weiteten sich ihre Augen. »Da, hörst du es?« Ihre Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.

»Was meinst …«, ich brach ab, als auch ich die Stimmen bemerkte, die von klappernden Rüstungen untermalt wurden. Stiefel, die durch den Matsch der aufgeweichten Straßen stapften.

»Was passiert jetzt?« Mein Flüstern verlor sich beinahe in ihrem Haaransatz.

»Sie teilen sich auf. Der Großteil wird die Taverne durchsuchen. Der Rest umstellt das Gebäude.«

»Werden sie hierherkommen?«

Sie nickte.

Wenn ich heute etwas nicht gebrauchen konnte, dann war es, mit einem frischen Neblertattoo verhaftet zu werden. Und doch näherten sich die Schritte nun unserer Position. Ich spürte, wie sich meine Muskeln verkrampften, als sich die rauchige Stimme eines Gardisten erhob. »Schaut auch hinter den Kisten oder in den Fässern, Männer!«

»Schaffen wir es, unbemerkt zu fliehen?«

Dieses Mal schüttelte Zara den Kopf. »Das hier ist eine Sackgasse. Aber ich habe eine Idee.«

»Ich hoffe, sie ist gut.«

»Vertraust du mir?«, fragte sie. Angst spiegelte sich in ihren Augen.

»Kein bisschen.«

»Gut. Das wollte ich hören.«

»Warum?«

»Weil es bedeutet, dass du das hier absolut nicht falsch verstehen wirst.«

Sie ließ sich nach vorn an meine Brust fallen und presste ihre Lippen auf meine. Der Kuss war nicht sanft. Er war kalt und kalkuliert wie ein Messerstoß. Trotzdem stockte mir der Atem, als würde mich das erste Mal jemand küssen. Wie von selbst legten sich meine Arme um ihren Rücken und zogen sie näher an mich. Sie ließ mich gewähren, als wäre das hier echt.

»Na, was haben wir denn da?«, ertönte eine Stimme hinter uns und unterbrach, was auch immer wir hier gerade begonnen hatten. Lachen zerschnitt die Luft. Das war der Moment, in dem Zara sich erschrocken von mir löste und ein Stück zurücktaumelte.

»Nichts, gar nichts«, säuselte sie verlegen. Peinlich berührt strich sie sich eine grüne Strähne hinters Ohr, während ich versuchte, so zu tun, als wäre mein schweres Atmen ebenfalls Teil der Showeinlage.

»Wir haben hier nur den Mond beobachtet«, log ich so offensichtlich, dass den Wachen keine Wahl blieb, als in Gelächter auszubrechen.

»Den Mond also. Ja, der ist heute besonders schön zwischen den ganzen Wolken und dem Nebel. Oder, Männer?« Wieder lachten alle. Doch die Ausgelassenheit der Gardemitglieder währte nur kurz. Lautes Gerumpel und Schreie ertönten aus dem Inneren der Taverne. Die Razzia hatte begonnen. Wir mussten schleunigst verschwinden.

»Wir sollten das vielleicht woanders fortsetzen, wo wir keine Gardisten bei ihrer Arbeit behindern«, sagte Zara und verbeugte sich respektvoll vor dem Hauptmann. Dabei rutschte etwas aus ihrem Ausschnitt und fiel zu Boden. Ein Dolch. Verdammt, sie hatte eine Waffe dabei.

Das war auch dem Hauptmann nicht entgangen.

»Warum hast du das dabei, Mädchen?«, fragte er und wollte nach dem Dolch greifen, doch Zara war schneller. Sie hob ihn auf und wischte ihn an ihrem Rock ab.

»Heutzutage weiß man ja nie, wem man so auf der Straße begegnet. Ein Mädchen muss sich verteidigen können.«

Die Miene des Hauptmanns wurde finsterer. Er glaubte ihr nicht. Dann fiel sein Blick auf den prall gefüllten Beutel an ihrer Taille.

»Moment mal!«, er machte einen Schritt auf sie zu, woraufhin Zara reflexartig ihren Dolch aus der Scheide zog. Scheiße.

»Leg die Waffe nieder!«, schnauzte der Hauptmann grimmig unter seinem silbernen Helm hervor.

»Waffe runter, Mädchen! Wir sagen es nicht noch mal!« Nun richteten sich zwei der Lanzen auf sie.

»Ich habe nur … er ist … ich …«, stammelte Zara, offensichtlich überfordert mit der Situation. Es gehörte wohl nicht zu ihrem Alltag, von Gardisten bedroht zu werden. Sie war also eine geschicktere Diebin, als ich vermutet hatte. Nicht erwischt zu werden, wenn man in ihren Kreisen verkehrte, gehörte zu den hohen Künsten eines Gauners.

»Na, wenn mir das hier nicht nach mehr aussieht als einem romantischen Stelldichein. Nehmt sie beide fest! Wegen des Verdachts auf illegale Prostitution«, befahl der Kommandant. Die beiden Gardisten neben ihm stürmten auf Zara zu.

»Das ist ein Missverständnis! Sag es ihnen!«, flehte Zara mich nun an. Eine Träne löste sich aus ihren angsterfüllten Augen. Scheiße.

Einer der Gardisten drehte ihr den linken Arm auf den Rücken und zwang sie zu Boden. Ein schmerzerfülltes Stöhnen entfuhr ihr.

»Crane«, wisperte Zara. Sie klang so verzweifelt. »Sag doch was, Crane! Bitte!«