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WILLKOMMEN IM THE DARLINGTON
Rose’ Job als Küchenhilfe im The Darlington ist für sie nur ein Sprungbrett. Sie träumt davon, eine renommierte Kochschule zu besuchen, um Sterneköchin zu werden. Als sich der Skandal um das Luxushotel jedoch zuspitzt, würde sie am liebsten alles hinschmeißen. Bis sie ihren neuen Boss trifft: Logan Darlington, verstoßener Sohn der Familie - und der Mann, mit dem Rose einen unvergesslichen One-Night-Stand hatte! Eigentlich will Logan gar nichts mit dem The Darlington zu tun haben, aber der neue Job als Küchenchef ist der einzige Weg, um im Prozess gegen seinen Vater belastende Beweise zu liefern. Doch als er Rose wiedersieht, wird er von seinem Ziel abgelenkt. Denn sie geht ihm seit der gemeinsamen Nacht nicht mehr aus dem Kopf.
Große Gefühle, packende Enthüllungen und eine unvergessliche Nacht. Das spannende Finale um das Londoner Luxushotel The Darlington.
Band 3 der THE DARLINGTON-Reihe
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Widmung
The Blackroom
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The Blackroom
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The Blackroom
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The Blackroom
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The Blackroom
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The Blackroom
Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Bücher von Laura Kneidl bei LYX
Impressum
LAURA KNEIDL
The Darlington
LOGAN & ROSE
Roman
Rose’ Traum ist es, die renommierte Kingston-Kochschule zu besuchen, um Sterneköchin zu werden. Als Küchenhilfe im Luxushotel The Darlington will sie die Studiengebühren verdienen. Doch als sich der Missbrauchsskandal um Richard Darlington zuspitzt, würde sie am liebsten alles hinschmeißen. Bis sie ihren neuen Boss trifft: Logan Darlington, verstoßener Sohn der Familie und der Mann, mit dem Rose vor zwei Jahren eine magische Nacht verbracht hat. In all der Zeit hat sie Logan nicht vergessen können, aber er ist Richards Sohn – was eine gemeinsame Zukunft unmöglich macht! Eigentlich will Logan nichts mit dem Hotel seiner Familie zu tun haben, doch nur hier kann er belastende Beweise im Prozess gegen seinen Vater liefern. Als er als neuer Küchenchef unerwartet Rose wiedersieht, wird er jedoch von seinem Plan abgelenkt. Monatelang hat er nach der Frau gesucht, die ihm den Kopf verdreht hat – und jetzt, wo er sie gefunden hat, will er sie nicht mehr gehen lassen. Umso besser, dass Rose und er ein gemeinsames Ziel haben: seinen Vater hinter Gitter bringen. Dabei versucht Logan alles, um Rose davon zu überzeugen, ihnen eine zweite Chance zu geben.
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.
Eure Laura und euer LYX-Verlag
Für Elodin
Der Fall Richard Darlington hat eine Wendung genommen, die uns sprachlos macht. Seit März diesen Jahres muss sich Darlington wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten. Zu Beginn der Verhandlung sah es für den Hotelier schlecht aus. Doch durch gezielte Diskreditierung seiner Opfer und skrupellose Halbwahrheiten ist es Darlingtons Anwälten gelungen, den Triebtäter in ein gutes Licht zu rücken.
Das änderte sich schlagartig, als die heute 20-jährige Hazel Parker an die Öffentlichkeit trat. Die junge Frau beschuldigte Darlington ebenfalls des sexuellen Missbrauchs und legte dem Gericht ein vermeintliches Beweisvideo vor. Es zeigte, wie Darlington die damals Siebzehnjährige unter Drogeneinfluss gegen ihren Willen zum Sex zwang.
Wie sich nun herausgestellt hat, handelt es sich bei dem Video um eine täuschend echte Fälschung. Parker wurde von dem Investor Stuart Doyle dazu gedrängt, vor Gericht Falschaussagen gegen Darlington zu tätigen. Er nutzte die finanzielle Notlage der jungen Frau aus, mit der Absicht, den Ausgang der Verhandlungen zu beeinflussen. Sein Ziel war es, für Darlingtons sichere Verurteilung zu sorgen, um die Familie anschließend zum Verkauf des Luxushotels zu zwingen.
Wir sind schockiert und angewidert davon, wie skrupellos Doyle versucht, aus dem Leid anderer Profit zu schlagen. Diese Lüge hat nicht nur Hazel Parkers Glaubwürdigkeit zerstört, sondern auch das Vertrauen in die drei anderen Klägerinnen – Miranda McCloud, Chloe Lawrence und Amiyah Marsh – erschüttert. Denn Darlingtons Verteidigung nutzt diesen Täuschungsversuch nun als Vorwand, um die Vorwürfe aller Opfer infrage zu stellen.
Stuart Doyle hat mit seiner von Geldgier und Macht getriebenen Tat einen ohnehin schwierigen Kampf für Gerechtigkeit noch härter gemacht. Der Fall Richard Darlington steht erneut auf der Kippe. Doch wir dürfen nicht zulassen, dass dieses egoistische, vom Patriarchat profitierende Arschloch den gesamten Prozess ruiniert. Es gibt weitere Opfer. Weitere Beweise. Und es gibt Menschen, die wissen, was Darlington getan hat – und die nicht überhört werden dürfen. Dieser Mann darf nicht aufgrund der Lüge eines anderen freigesprochen werden. Darlingtons Opfer haben Gerechtigkeit verdient!
Diese geldgierigen Schlampen sind doch nur auf Kohle aus. #JusticeForDarlington
Kommentar auf The Blackroom
Rose
Schwungvoll klappte ich meinen Laptop zu. Ich ertrug die geistlosen Kommentare unter dem neusten The-Blackroom-Beitrag keine Sekunde länger. Dieses hirnrissige Gelaber bescherte mir einen Puls höher als der Kontostand von Richard Darlington, und der Mann war Milliardär. Seit Stuart Doyles Manipulationsskandal öffentlich geworden war, sprossen die Darlington-Sympathisanten wie Unkraut aus dem Boden. Und wie Unkraut wollte ich sie entfernen.
Es juckte mich in den Fingern, auf diesen Unsinn zu antworten, aber das wäre reine Zeitverschwendung. Wenn diese Leute bis jetzt nicht begriffen hatten, was für ein furchtbarer Mensch Richard Darlington war, dann würden meine Kommentare auch nichts daran ändern. Sie sahen nur das, was sie sehen wollten, und verschlossen ihre Augen vor der Realität, nämlich dass der Hotelier ein Monster war, das Leben zerstörte.
Frustriert stand ich von meinem Bett auf, um mir ein Wasser aus der Küche zu holen und mich runterzukühlen. Mich über diese Arschlöcher aufzuregen, half nicht, sondern kostete mich nur unnötig Nerven. Ich hatte The Blackroom vor etwa einem Jahr ins Leben gerufen, um der Welt zu zeigen, was für ein Mann Darlington senior wirklich war. Nur leider schien sich der Großteil der Welt nicht dafür zu interessieren. Männer wie er waren unantastbar. Und das machte mich rasend, aber auch ratlos, weil ich nicht wusste, was ich noch tun sollte, um diesen Leuten die Augen zu öffnen. Sie verteidigten Richard aufs Äußerste; und ich verstand nicht, wie das sein konnte, wenn sie ihm wiederum vollkommen egal waren. Sie waren für jemanden wie Richard nichts weiter als Ungeziefer unter den Sohlen seiner sündhaft teuren Schuhe aus italienischem Leder, und er würde sie, ohne zu zögern, zerquetschen, wenn es ihm danach beliebte, einfach, weil er es konnte.
Mit einem Seufzen öffnete ich den Kühlschrank, schnappte mir eine Flasche Wasser und lehnte mich gegen den Tresen, den meine Mum und ich vor ein paar Tagen mit Möbelfolie beklebt hatten, um noch etwas mehr Lebenszeit aus der alten Einbauküche rauszuholen. Meine Eltern wohnten seit fünfundzwanzig Jahren in demselben Apartment in Wembley, was zwar eine günstigere Miete bedeutete, aber auch, dass es inzwischen einige Alterserscheinungen aufwies.
Die Wände waren nicht mehr so weiß wie früher, der Boden nicht länger glatt und ebenmäßig, sondern voller Dellen und Kratzer, und hier und da gab es Flecken, die man einfach nicht mehr wegbekam. Dennoch konnte ich mir kein schöneres Zuhause vorstellen, denn diese Makel waren für mich die meiste Zeit unsichtbar. Wenn ich die Couch anschaute, sah ich nicht die Flecken auf dem Stoff, sondern erinnerte mich an die zahlreichen Filmabende, die ich mit meinen Eltern darauf verbracht hatte. Die Kratzer am Boden katapultierten mich zurück zu dem Tag vor acht Jahren, als mein Dad und ich spontan Möbel verrückt hatten, weil online stand, dass der Raum so ein besseres Feng Shui hätte. Und wenn ich die Wände betrachtete, störte ich mich nicht an dem gräulichen Schleier, weil ich nur Augen für die vielen bunten Fotos unserer Familie hatte.
Ich schraubte die Wasserflasche auf und trank einen Schluck. Um mich herum war es still. Meine Mum ging ihrem Job im Supermarkt nach, und mein Dad war seit Kurzem halbtags als Hausmeister an einer Grundschule nur ein paar Blocks entfernt tätig. Ich arbeitete in der Küche des Darlington Dining, dem Sternerestaurant des The Darlington. Heute war jedoch mein freier Tag. Eigentlich hatte ich geplant, neue Artikel für The Blackroom zu schreiben, aber ich spürte, dass mein Nervenkostüm dafür gerade zu dünn war, obwohl es jede Menge zu tun gab.
Der Blog war in den letzten Monaten größer geworden, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Täglich besuchten Tausende Leute die Seite, und es wurden Hunderte von Kommentaren hinterlassen. Einige große britische Tageszeitungen hatten mich bereits zitiert, und vor ein paar Wochen hatte der INsider mir sogar eine eigene Kolumne in Aussicht gestellt, die sich kritisch mit der britischen Elite auseinandersetzen sollte.
Ich hatte abgelehnt. So verlockend der finanzielle Aspekt auch war, so abstoßend waren die wankelmütigen Moralvorstellungen des Boulevardblatts. Ihre Haltung zu Richard Darlington glich einem Fähnchen im Wind und änderte sich beinahe täglich mit der Meinung der Mehrheit. Doch mir ging es nicht um Klicks, Ruhm oder Reichtum, sondern um Gerechtigkeit. Richard sollte für das, was er getan hatte, zur Verantwortung gezogen werden. Weil er schuldig war. Er hatte diese Frauen vergewaltigt. Ich kannte die Wahrheit. Seine Anwälte waren nur verdammt geschickt darin, sie zu verdrehen.
Auf der Suche nach einem Snack wandte ich mich erneut dem Kühlschrank zu, als ich aus der Ferne mein Handy klingeln hörte. Eilig flitzte ich den Flur entlang zurück in mein Zimmer, wo mir der Name meiner besten Freundin vom Display entgegenleuchtete. Augenblicklich keimte Sorge in mir auf. In den letzten Monaten war so viel Scheiße passiert, dass es meinen Körper instinktiv in Alarmbereitschaft versetzte, wenn etwas außerhalb der Norm geschah. Und es war untypisch für Grace, unangekündigt anzurufen, vor allem während ihrer Arbeitszeit.
Erst vor wenigen Wochen war sie entführt worden. Gemeinsam mit Richard Darlingtons jüngstem Sohn Ethan hatte sie nach der Person gesucht, die für den Tod ihrer Schwester Amy verantwortlich war, die Ende letzten Jahres bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Kabinettsmitglied Alistair Eddington kidnappte Grace daraufhin, um die Tat seines Sohnes Charles, der nach dem Unfall Fahrerflucht begangen hatte, zu vertuschen. Grace war glücklicherweise nichts Schlimmeres zugestoßen, aber der Schock saß noch immer tief.
Ich nahm den Anruf entgegen.
»Hey, ist alles in Ordnung?«
Meiner Frage folgte ein langes Schweigen, das nicht dabei half, mich zu beruhigen.
»Wie man’s nimmt«, erwiderte Grace schließlich.
Sie klang besorgt. Fuck.
Ich ließ mich aufs Bett fallen. Mein Kopf fabrizierte in Windeseile ein Bouquet aus schlechten Nachrichten. »Was ist passiert?«
Grace holte tief Luft. »Henry hat Matthieu gefeuert.«
Diese Hiobsbotschaft war kein Teil meines Bad-News-Bouquets gewesen, aber das machte sie nicht weniger schlimm.
Matthieu war der Küchenchef des Darlington Dining. Er war ein Gott in der Küche und der Grund dafür, weshalb das Restaurant vor drei Jahren mit einem zweiten Michelin-Stern ausgezeichnet worden war. Er war brillant. Ein Pionier der gehobenen Küche. Ein Künstler. Außerdem war er nicht nur der beste Chef de Cuisine, unter dem ich jemals gearbeitet hatte, sondern auch der Kleber, der die Belegschaft trotz all der Widrigkeiten der letzten Monate zusammengehalten hatte. Ich wusste von mindestens drei Leuten, dass sie nur noch seinetwegen im Darlington arbeiteten – weil sie ihn genauso sehr vergötterten wie ich. Warum um alles in der Welt sollte Henry Darlington ihn feuern?
»Rose? Bist du noch dran?«
Ich schüttelte meine Benommenheit ab. »Ja. Ich bin nur sprachlos.«
»Verständlich. Ich konnte es auch kaum glauben.« Grace wusste, wie sehr ich an Matthieu hing. Ich hatte ihr zuletzt regelmäßig damit in den Ohren gelegen, dass ich befürchtete, er könnte kündigen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, Henry könnte ihn entlassen. Das war schon beinahe fahrlässig. Wer sollte jetzt das Restaurant leiten? Im Darlington Dining selbst gab es niemanden, der ihn ersetzen konnte, und die Leute rissen sich aktuell nicht gerade darum, für das in Verruf geratene Hotel zu arbeiten.
»Warum hat Henry das getan?«
Grace seufzte. »Matthieu war Stuart Doyles Spitzel.«
Ich erstarrte. »Er war was?!«
»Die Polizei hat Doyles Computer wegen dieser Hazel-Parker-Sache beschlagnahmt und darauf Mails zwischen Matthieu und ihm gefunden«, erklärte sie flüsternd, als hätte sie sich irgendwo im Hotel versteckt, um mich heimlich anzurufen. »Erinnerst du dich an den Stromausfall vor einer Weile, der das Darlington für mehrere Stunden lahmgelegt hat?«
»Ja, wir mussten an dem Tag echt viel Fisch und Fleisch wegschmeißen.«
»Das war Matthieu. Doyle hat ihn dafür bezahlt, den Strom zu kappen und dafür zu sorgen, dass der Generator nicht anspringt. Er hat ihn auch dazu angestiftet, das Restaurant während der Kontrolle des Gesundheitsamts schlecht dastehen zu lassen. Und die Finanzberichte, die seit Monaten immer wieder geleakt werden? Das war ebenfalls Matthieu. Er hat sie für Doyle von den Hotel-Servern gestohlen.«
»Scheiße«, fluchte ich und ließ mich rückwärts auf die Matratze fallen, den Blick an die Decke gerichtet.
Unter diesen Umständen war Henry keine andere Wahl geblieben, als Matthieu zu entlassen. Meine Enttäuschung war dennoch groß. Als ich vor vier Jahren den Job im Darlington Dining ergattert hatte, war ich vor Freude im Dreieck gesprungen. Es gab zwar viele Restaurants in London, aber nur wenige besaßen ein ähnlich hohes Prestige wie das Darlington Dining – unter anderem dank Matthieu. Es fühlte sich an, als hätte er nicht nur das Hotel hintergangen, sondern auch mich persönlich. Er hatte mir die Chance genommen, weiterhin unter seiner Leitung zu arbeiten, von ihm zu lernen, und das nahm ich ihm übel. Obwohl ich besser als jede andere verstand, warum man sich gegen das Hotel wendete.
In gewisser Weise tat ich mit The Blackroom das Gleiche, und sollte Henry jemals herausfinden, dass ich hinter dem Blog stecke, würde er mich ebenfalls feuern. Aus diesem Grund durfte niemand davon erfahren. Auch wenn es mir an manchen Tagen schwerfiel, mit niemandem darüber reden zu können. Gerne hätte ich Grace und Kate eingeweiht. Sie waren schließlich meine besten Freundinnen, doch das Risiko war zu groß. Weshalb mir keine andere Wahl blieb, als mein Geheimnis zu bewahren. Zumindest so lange, bis ich bereit war, dass The Darlington zu meinen eigenen Bedingungen zu verlassen.
»Ich muss Schluss machen«, sagte Grace. »Kommst du klar?«
»Ja«, antwortete ich, denn ich kam immer klar. Irgendwie.
Wir verabschiedeten uns. Anschließend ließ ich das Handy, das sich plötzlich schwer wie ein Stein anfühlte, neben mich auf die Matratze fallen. Was zum Teufel hatte sich Matthieu dabei gedacht, sich mit Stuart Doyle zusammenzutun? Es störte mich nicht, dass er das Hotel sabotiert und irgendwelche Dokumente gestohlen hatte. Am Ende des Tages schadete ich mit meinem Blog dem Darlington ebenfalls, das ließ sich nicht vermeiden, denn es war untrennbar mit Richard verknüpft. Aber mein Ziel war nicht, das Hotel zu vernichten, sondern Gerechtigkeit für die Frauen zu erwirken, an denen Richard sich vergriffen hatte.
Doyle hingegen war nicht an einem fairen Urteil interessiert. Ihm ging es um Macht und Reichtum und darum, möglichst viel Profit aus dem Unglück anderer zu schlagen. Matthieu musste das gewusst haben, dennoch hatte er ihm geholfen – dieser Verräter! Ich hatte zu ihm aufgesehen, ihn bewundert und geglaubt, er wäre einer der Guten. Dabei war er nur ein weiteres machtgeiles, geldgieriges Arschloch. Er hatte sich nicht für die Seite der Gerechtigkeit entschieden, sondern für die, welche ihm am meisten hatte bieten können.
Scheiß auf Moral.
Scheiß auf Mitgefühl.
Scheiß auf Menschlichkeit, Hauptsache, die Kohle stimmte.
Mir jedoch waren Richards Opfer nicht egal. Ich wusste, was sie hatten durchleiden müssen. Und ich würde sie nicht im Stich lassen, sondern alles in meiner Macht Stehende tun, um ihnen zu helfen.
Angetrieben von Wut und Verachtung griff ich nach meinem Laptop und loggte mich erneut bei The Blackroom ein. Es wartete noch jede Menge Arbeit auf mich.
Die Darlingtons – eine Familie Krimineller? Amanda Darlington lässt Beweise im Fall Alistair und Charles Eddington verschwinden.
Headline des INsider
Logan
Ich hasste erste Dates. Und noch mehr hasste ich erste Dates, die gut liefen, denn sie ließen keinen Platz für Ausreden, warum es kein zweites Date geben würde. Kein Sie hat nur über ihren Ex-Freund geredet und auch kein Sie hat die ganze Zeit nur aufs Handy geschaut würden mir als Vorwand dienen, um abzusagen. Da war nur Raum für die Wahrheit, nämlich dass mit mir offensichtlich irgendetwas nicht stimmte. Jeder andere Mann wäre begeistert, Zeit mit Ally verbringen zu dürfen. Sie war hübsch, gebildet, humorvoll und flirtete bereits den ganzen Abend mit mir. Sie trieb keine Spielchen, da war nur ehrliches Interesse, und dennoch spürte ich nichts.
Kein Knistern.
Kein Kribbeln.
Keine Euphorie.
So weit nichts Neues. Dennoch war da diese vertraute Enttäuschung, weil ein kleiner Teil von mir gehofft hatte, dass es dieses Mal vielleicht anders laufen würde.
»Ich wollte schon immer Designerin werden«, erzählte Ally mit leuchtenden Augen, die keinen Zweifel daran ließen, wie sehr sie für ihren Job brannte.
Wir saßen in einem kleinen Restaurant in Notting Hill. Es wirkte von außen unscheinbar, fast schon schäbig, als wollte es seine Gäste nicht mit Äußerlichkeiten beeindrucken, sondern mit Leistung überzeugen – und das tat es. Das Essen war überragend, was bewies, dass Ally neben all ihren anderen positiven Eigenschaften auch noch guten Geschmack besaß. Denn sie hatte vorgeschlagen hierherzukommen.
»Schon als Kind hab ich mir von meiner Oma alles an der Nähmaschine zeigen lassen«, fuhr sie fort und gestikulierte dabei mit ihrer Gabel. »Ich habe Säume umgenäht, bevor ich richtig lesen und schreiben konnte. Mein erstes Kleidungsstück hab ich mit zehn designt. Den Rock hat meine Mum noch immer.«
Ich griff nach der gekühlten Weinflasche, die zwischen uns auf dem Tisch stand, und fragte Ally mit einer stummen Geste, ob sie noch etwas wollte. Sie nickte, während sie weiterredete. Ich schenkte uns nach und versuchte dabei, ihren Worten zu folgen. Was sie erzählte, war nicht uninteressant, dennoch fiel es mir schwer, bei der Sache zu bleiben, weil ich nicht aufhören konnte, daran zu denken, dass Ally nicht sie war.
»Aber genug von mir«, sagte diese, nachdem sie mir von ihrer Lieblingsdesignerin Natalia Asterdam vorgeschwärmt hatte.
Wenn sie gewusst hätte, dass ich Natalia persönlich kannte, wäre sie vermutlich ausgerastet. Doch im selben Atemzug hätte ich ihr gestehen müssen, dass ich ein Darlington war, und das wollte ich nicht. Nicht nur wegen der Vorwürfe, die gegen Richard – und nun auch Amanda – im Raum standen, sondern weil die Leute oft komisch reagierten, wenn sie erfuhren, dass ich einer der reichsten Familien Londons angehörte.
»Du hast dein eigenes Restaurant, nicht wahr?«
»Ja, mir gehört das The Meridian im Floral Court.«
Ally nahm das letzte Stück Brot aus dem Korb, teilte es und legte mir kommentarlos eine Hälfte auf den Teller. »Das stell ich mir aufregend vor.«
Es war aufregend, aber auch stressig. Weshalb wir uns auch an einem Montag trafen. Es war der einzige Ruhetag des Restaurants und somit der einzige Abend, an dem ich freihatte. Die restliche Woche stand ich in der Küche und bereitete das Essen für andere Leute zu, die auf Dates waren.
Ich erzählte Ally davon, wie ich meine Liebe fürs Kochen entdeckt und wie Maxton mich dazu überredet hatte, mit ihm ein Restaurant zu eröffnen. Die ganze Zeit über klebte sie mir an den Lippen, obwohl ich die Sätze total emotionslos abspulte. Es war mir zuwider, so zu empfinden, aber es kam mir vor, als würde ich in einem Bewerbungsgespräch für einen Job sitzen, den ich eigentlich nicht wollte und für den ich ehrlicherweise auch nicht qualifiziert war.
»Vielleicht kannst du bei Gelegenheit für mich kochen«, schlug Ally mit einem Wimpernaufschlag vor.
Ich wollte nicht lügen, also quittierte ich ihre Worte mit einem Lächeln, unsicher, ob sie mein Schweigen als die Absage verstand, die sich dahinter versteckte. Denn sie redete ohne ein Anzeichen von Enttäuschung weiter.
»Hattest du schon viele Dates über die App?«
»Nein, das ist mein erstes.«
Und vermutlich letztes.
»Meine Brüder haben mir die App vorgeschlagen«, ergänzte ich und nahm den letzten Bissen von meinem Steak. Henry und Ethan hatten mich dazu gedrängt, mich dort anzumelden, nachdem ich vorlaut verkündet hatte, dass ich nicht mehr an ihr hing, sondern nur nach einer Frau suchte, die mich dasselbe fühlen ließ wie sie. Obwohl ich gewusst hatte, dass es eine Lüge war. Sie war die Eine für mich, ohne Wenn und Aber. Von der ersten Sekunde an hatte sich das zwischen uns anders angefühlt. Besonders. Dennoch hatte ich mich auf die App eingelassen, vor allem, um mir meine Brüder vom Hals zu schaffen. Damit sie mir nicht vorwerfen konnten, ich hätte es nicht versucht.
»Mir hat meine Schwester die App empfohlen«, sagte Ally mit einem breiten Grinsen, als würde uns diese Gemeinsamkeit einander näherbringen. »Darf ich dir ein Geständnis machen? Als ich dein Profil entdeckt habe, hätte ich dich beinahe weggeswipt, weil ich dachte, du wärst fake oder ein Bot.«
»Wieso das?«
»Weil Männer wie du eigentlich nicht auf solchen Apps zu finden sind.«
»Männer wie ich?«
Sie antwortete nicht direkt, sondern ließ ihren Blick vielsagend über mein Gesicht und meinen Oberkörper gleiten. Ich trug ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, die meine bunten Tattoos zur Schau stellten. Während unserer kurzen Chats hatte Ally durchblicken lassen, dass sie ihr gefielen.
»Männer, die das ganze Paket sind«, antwortete sie schließlich mit einem Lächeln, als hätte sie das große Los gezogen. Dabei hatte sie in Wirklichkeit eine Niete erwischt. Sie wusste es nur noch nicht. Denn wäre ich tatsächlich das ganze Paket, wäre ich gedanklich nicht bei einer anderen Frau. Ich wollte nicht an sie denken, aber ich konnte nichts dagegen unternehmen. Und ehrlich? Es nervte mich selbst. Seit zwei Jahren verglich ich jede Frau, die ich kennenlernte, mit ihr. Ich verglich ihr Lachen.
Ihre Herzlichkeit.
Ihre Empathie.
Ihre Verletzlichkeit.
Ihren Humor.
Ihr … einfach alles.
Keine andere Frau konnte mit ihr mithalten. Sie hatte mir in einer einzigen Nacht nicht nur den Kopf verdreht, sondern auch das Herz gestohlen. Weshalb ich für Ally und mich keine Zukunft sah, die über den Rand meiner Matratze hinausreichte. Was sie verdiente zu wissen.
»Ally …«, setzte ich an, wurde allerdings vom Kellner unterbrochen, der zu uns an den Tisch trat.
»Hat das Essen gemundet?«
»Es war vorzüglich, wie immer. Danke.« Ally lächelte, womit mir eine weitere Ausrede flöten ging, nämlich dass sie nicht nett zum Servicepersonal war. Als jemand, der selbst in der Gastro arbeitete, war mir das extrem wichtig. Wenn eine Frau unhöflich zur Bedienung war, bedeutete das für mich eine absolute Red Flag. Ally hingegen war eine Green Flag durch und durch. Warum konnte ich sie nicht mögen?
»Darf ich Ihnen die Dessertkarte bringen?«, fragte der Kellner, während er unsere leeren Teller abräumte und geschickt auf seinem Unterarm stapelte.
»Könnten Sie uns noch einen Moment geben?«, bat ich.
Ich würde Ally jeden Nachtisch bestellen, den sie wollte, aber zuerst musste ich klarstellen, was das zwischen uns war. Und was nicht. Sie befand sich in dem Glauben, dass dieses Date irgendwo hinführte, aber das tat es nicht. Zumindest nicht langfristig. Und mein Bauchgefühl sagte mir, dass sie nicht die Art Frau war, die sich mit einer unverbindlichen Bettgeschichte zufriedengeben würde.
Der Kellner nickte. »Selbstverständlich.«
»Danke«, erwiderte ich und wartete, bis er gegangen war, ehe ich mich erneut Ally zuwandte.
Ihr Blick lag hoffnungsvoll auf mir, was nur zwei Dinge bedeuten konnte: Entweder war sie nicht sehr gut darin, Menschen zu lesen. Oder sie hatte schon so viele schreckliche Dates mit furchtbaren Typen hinter sich, dass bereits der kleinste Hauch von Nettigkeit ausreichte, um sie zu beeindrucken.
»Ally …«
»Logan …«, echote sie spielerisch meinen Namen.
Ich lächelte. Es war jedoch ein steifes Lächeln, das nur dazu diente, den Schlag abzufedern, den ich ihr gleich verpassen würde. »Du bist eine tolle Frau, und ich hatte heute Abend eine gute Zeit, aber ich …«
»Schon okay«, unterbrach sie mich, bevor ich den Satz beenden konnte. Noch immer zeigten ihre Mundwinkel nach oben. Womöglich war das einfach der natürliche Zug ihrer Lippen, denn in ihren Augen konnte ich Enttäuschung aufflackern sehen. »Ich weiß, was nach einem solchen Aber kommt. Du kannst dir die Worte also sparen.«
Mein Herz fühlte sich schwerer und leichter zugleich an. Schwerer, weil ich Ally offensichtlich verletzt hatte. Leichter, weil ich nicht das Gefühl hatte, sie länger zu belügen.
»Es tut mir leid.«
Sie nahm die Stoff-Serviette von ihrem Schoß und faltete sie zusammen. »Muss es nicht, wenn du es nicht fühlst, fühlst du es nicht. Aber danke, dass du es mir gesagt hast, anstatt mich einfach zu ghosten.«
Der Kellner kam zurück an unseren Tisch. Offenbar hatte er im Laufe seiner Karriere schon viele Dates miterlebt, denn er spürte sofort, dass die Stimmung zwischen Ally und mir gekippt war. Er fragte nicht, ob wir bereit waren, in die Dessertkarte zu sehen, sondern sah uns lediglich erwartungsvoll an. Ich bat ihn um die Rechnung und darum, ein Stück von dem Käsekuchen einzupacken, von dem Ally bereits zu Beginn unseres Dates geschwärmt hatte. Vielleicht war der Nachtisch zumindest ein kleines Trostpflaster.
Kurz darauf verließen wir das kleine Restaurant. Ally umklammerte mit beiden Händen die Kuchenschachtel, ich hatte meine tief in die Taschen meiner Jeans geschoben.
»Wo musst du lang?«, fragte ich.
Sie deutete hinter sich. »In die Richtung.«
»Soll ich dich noch nach Hause bringen?« Ich sah vielleicht keine Zukunft für uns, ungeachtet dessen wollte ich, dass sie sicher heimkam.
Sie schüttelte den Kopf. »Danke, aber das ist nicht nötig.«
»Okay, ich wollte nur …«
»Ich weiß.«
»Es tut mir wirklich leid«, betonte ich erneut, weil ich mir trotz meiner Ehrlichkeit wie ein Arschloch vorkam. Vermutlich, weil ich tief in meinem Inneren von Anfang an gewusst hatte, dass dieses Date nirgendwo hinführen würde. Ich wünschte, es wäre anders, denn ich war es leid, einer Frau nachzutrauern, die mich nicht wollte. Aber mein Herz und mein Verstand gingen in dieser Angelegenheit getrennte Wege, und Ally war bedauerlicherweise nicht die Frau, die ich wollte.
Sie war es.
Hazel Parker und Stuart Doyle in Gewahrsam. Staatsanwaltschaft erhebt Anklage!
Headline des INsider
Rose
Der vertraute Geruch von fettigem Essen und frisch gezapftem Bier stieg mir in die Nase, als ich unseren Stamm-Pub in der Nähe des The Darlington betrat. Musik dröhnte aus den Lautsprechern, aber ging in dem Gewirr aus Stimmen beinahe unter. Der Pub war komplett überfüllt, was vermutlich an der großen Leinwand lag, auf der zwei Sportjournalisten das bevorstehende UEFA-Spiel diskutierten. Mein Dad war ein großer FC-Chelsea-Fan und hatte meiner Mum und mir beim Frühstück davon erzählt. Mir war Fußball egal, aber nun, da ich die ganzen Menschen sah, wünschte ich mir, ich wäre auf Grace’ Vorschlag eingegangen, uns auf der Dachterrasse des Darlington zu treffen anstatt hier.
Ich drängte mich durch die Menge, wobei meine nackten Arme für meinen Geschmack zu viele fremde, schwitzige Körper streiften, und machte den Hals lang, um mich nach meinen Freundinnen umzuschauen. Stattdessen war es ein anderes vertrautes Gesicht, das mir ins Auge stach und in mir den Wunsch weckte, sofort wieder umzudrehen: Ethan Darlington.
Ich hatte den Typen in den letzten Wochen öfter gesehen als in den vier Jahren davor. Während meiner Anfangszeit im Hotel hatte er noch irgendein Internat für reiche Schnösel besucht. Und unmittelbar nach seiner Rückkehr war er zu sehr damit beschäftigt gewesen, Party zu machen, um sich auch nur in der Nähe des Darlington Dining blicken zu lassen. Die Häufigkeit unserer Treffen hatte sich mit seiner Beziehung zu Grace jedoch vervielfacht. Denn aus dem früheren Fuckboy war der wohl treuste und anhänglichste Freund geworden, den man sich vorstellen konnte. Und er machte Grace glücklich, was es mir wiederum schwer machte, ihn zu hassen. Dennoch wünschte ich mir, sie hätte sich nicht in einen von Richards Söhnen verliebt. Denn immer, wenn ich ihn oder seinen Bruder Henry sah, musste ich an ihren Vater denken, was dazu führte, dass sich meine Eingeweide zu einem Knoten verstrickten. Es gab nichts, was ich dagegen tun konnte. Doch Grace zuliebe setzte ich ein Lächeln auf, bevor ich an den Tisch herantrat.
»Hey.«
»Da bist du ja!« Grace sprang von ihrem Platz am Rand der Sitzecke auf, um mich zu drücken.
Ich erwiderte die stürmische Umarmung. Eigentlich hatten wir heute gar nicht vorgehabt auszugehen, aber Kate hatte in unserem Gruppenchat ein Treffen vorgeschlagen, um mich aufzumuntern und abzulenken. Was nicht nur wegen Matthieu eine gute Idee war. Sein Verrat saß tief, noch tiefer saß allerdings mein Frust über die Kommentare auf The Blackroom.
Ich hatte meinen freien Tag damit verbracht, Nachrichten, die mich beleidigten und beschimpften, zu lesen, zu löschen und wenn möglich die Klarnamen der Verfasser ausfindig zu machen, um sie bei ihren Arbeitgebern oder Ehepartnerinnen anzuschwärzen. Vielleicht etwas radikal, aber gerechtfertigt. Das Internet war kein rechtsfreier Raum, und diese Männer hatten es nicht anders verdient – und ja, es waren fast ausschließlich Männer, bis auf ein paar wenige vom Patriarchat in die Irre geführte Frauen.
Kate rutschte nun auch von der Bank, um mich zu begrüßen. Sie trug ihr typisches Outfit, bestehend aus einer dunklen Jeans und einem schwarzen Top mit silbernen Steckern in den Ohren. Obwohl ich mit meinen eins zweiundsiebzig keine Riesin war, überragte ich sie dennoch ein gutes Stück. Ethan, der wiederum deutlich größer war als ich, stand ebenfalls auf, begnügte sich statt einer Umarmung jedoch glücklicherweise mit einem höflichen Nicken.
Er wusste, dass ich ein Problem mit seiner Familie und somit auch ihm hatte. Vor einigen Wochen hatte er mir deswegen sogar eine Nachricht geschrieben, weil er nicht zwischen Grace’ und meiner Freundschaft stehen wollte. In einem langen Text hatte er mir erklärt, dass er meinen Hass auf seine Familie verstehen konnte und dass er seinen Vater ebenso verabscheute. Doch das änderte nichts an ihrer Verwandtschaft oder daran, dass Ethan sein Ebenbild war und sich bei seinem Anblick jedes Mal die Härchen an meinen Armen aufstellten.
»Was willst du trinken?«, fragte er.
»Ich kann mir selbst was holen.«
»Sie nimmt ein Guinness«, antwortete Grace an meiner Stelle. Sie hatte das blonde Haar, das sie außerhalb der Arbeit eigentlich immer offen trug, zu einem hohen Zopf gebunden, vermutlich um sich abzukühlen. Es war für Ende Mai ziemlich warm, und die vielen Leute im Pub heizten die Luft zusätzlich auf.
»Kommt sofort.« Bevor ich protestieren konnte, machte sich Ethan bereits auf den Weg zur Bar.
Kate griff nach meiner Hand und zog mich hinter sich auf die Sitzbank. »Das mit Matthieu tut mir so leid«, sagte sie, der Blick aus ihren braunen Augen mitfühlend. »Ich bin aus allen Wolken gefallen, als Henry mir heute Morgen davon erzählt hat.«
»Wie geht es dir inzwischen?«, wollte Grace wissen.
Ich zuckte mit den Schultern. Da war ein tiefes Gefühl des Verrats, aber auch der Enttäuschung und Sorge. Denn das wahre Ausmaß der Katastrophe würde sich mir erst in den nächsten Tagen zeigen, wenn ich zurück in der Küche war. George und ein paar andere Kollegen und Kolleginnen hatten mir Nachrichten geschrieben. Sie waren alle außer sich, und ebenso wie ich zerbrachen sie sich den Kopf über die zukünftige Leitung des Darlington Dining. Vorübergehend würde wohl einer der Chefs de Partie Matthieus Posten übernehmen, aber das war nur ein winziges Pflaster auf einer großen Fleischwunde. Denn keiner von ihnen war qualifiziert und erfahren genug, um der Position langfristig gerecht zu werden. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Souschefin gewesen, für Matthieu einzuspringen, allerdings hatte die vor einigen Monaten ebenfalls gekündigt, und wegen des Skandals hatte das Restaurant bisher keinen Ersatz gefunden.
»Weißt du, was genau die Polizei auf Doyles PC gefunden hat?«, fragte ich an Kate gewandt.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Henry meinte nur, dass die Beweise ziemlich eindeutig gewesen sein müssen und dass Matthieu bereits gestanden hat.«
Kate erzählte uns, dass Henry auch alles andere als erfreut über diese Entwicklung war. Immerhin hatte Matthieu mehr als zehn Jahre für das Darlington Dining gearbeitet und viele Auszeichnungen für das Restaurant gewonnen. Sie hatten voneinander profitiert, und ihn zu verlieren, bedeutete einen herben Schlag für das Hotel. Andererseits war Henry froh, endlich den Ursprung für die Leaks und Störungen des Hotelbetriebs gefunden zu haben.
Ethan kam zurück an den Tisch und stellte ein Pint vor mir ab.
Ich griff nach meiner Tasche. »Was bekommst du?«
Er winkte ab. »Das geht auf mich.«
Ich wollte nicht in seiner Schuld stehen, aber ich war vernünftig genug, um zu erkennen, dass es für alle am Tisch unangenehm wäre, wenn ich jetzt anfing, mit Ethan über fünf Pfund zu diskutieren. »Danke.«
Er rutschte neben Grace auf die Bank und legte einen Arm um ihre Schultern, worauf sie zu ihm aufschaute und ihm ein verliebtes Lächeln schenkte. Selbst ich musste zugeben, dass die beiden ein süßes Paar waren. Und es freute mich, Grace endlich wieder glücklich zu sehen. Nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester war sie in ein Loch gefallen. Kate und ich hatten alles versucht, um sie da rauszuholen, aber am Ende des Tages war es Ethan gewesen, der sie gerettet hatte – wortwörtlich. Denn er war auch der Grund dafür, warum die Polizei sie nach ihrer Entführung so schnell hatte finden können. Allein dafür hatte er es verdient, von mir eine Chance zu bekommen, trotz der Bauchschmerzen, die mich wegen seines Dads plagten.
»Wie läuft es an der Uni?«, erkundigte ich mich. Vielleicht würde es mir leichter fallen, mit Ethan klarzukommen, wenn ich ihn besser kannte und mehr in ihm sehen konnte als Richard Darlingtons Sohn.
Überrascht sah er mich an. Für gewöhnlich vermied ich direkte Gespräche mit ihm und überließ Grace und Kate das Reden, wenn es um ihn ging. »Gut. Die ersten Prüfungen sind durch, und ich glaube, dieses Mal können sich meine Noten echt sehen lassen. Solange mir nicht wieder Betrug vorgeworfen wird.«
»Ist das denn schon mal passiert?«
»Ja, letztes Semester.« Ethan spielte an dem silbernen Schlangenring herum, der an seinem kleinen Finger steckte. »Mein Paper war so gut, dass mein Dozent geglaubt hat, ich hätte es von jemand anderem verfassen lassen.«
»Und, hast du?«
»Nein!«, antwortete er empört. »Die Arbeit war zu hundert Prozent von mir. Das war, kurz nachdem ich beschlossen hatte, mit den Partys etwas kürzerzutreten. Mir war deswegen langweilig, also hab ich mir ausnahmsweise Mühe gegeben. Und wofür? Den Vorwurf, betrogen zu haben. Der Prof hat mich dann vor die Wahl gestellt: Entweder wir klären die Angelegenheit vor dem Prüfungsausschuss oder ich schreibe eine neue Arbeit. Ich hab mich für Letzteres entschieden.«
»Und beim zweiten Mal hat er geglaubt, dass die Arbeit von dir ist?«, hakte Kate nach.
»Ja, ich hab absichtlich etwas nachlässig gearbeitet. Dadurch hab ich zwar nur knapp bestanden, aber egal.« Ethan zuckte mit den Schultern, und ich fragte mich, ob diese Unbekümmertheit gespielt war oder ob ihm seine Noten wirklich so gleichgültig waren. Immerhin hatten sie keinen Einfluss auf seine Zukunft. Er musste sich keine Sorgen darum machen, einen gut bezahlten Job zu finden. Seine Familie besaß genug Geld, um ihm nicht nur dieses Leben, sondern auch die nächsten tausend zu finanzieren. Eine Tatsache, um die ich ihn sehr beneidete. Er konnte sich alles leisten, ohne jemals auf den Preis achten zu müssen, während ich seit Jahren versuchte, genug Kohle für die Ausbildung an der Kochschule meiner Träume zusammenzukratzen.
Eine Kellnerin trat zu uns an den Tisch und stellte mehrere Teller mit frittierten Köstlichkeiten ab, die Ethan anscheinend an der Bar für uns bestellt hatte. Mein Magen gab ein Knurren von sich, da ich nichts mehr gegessen hatte, seit mir Grace die Nachricht von Matthieus Rausschmiss überbracht hatte. Sie und Kate griffen beherzt zu, also tat ich es auch, obwohl ich einen leichten Widerstand dagegen verspürte, noch mehr anzunehmen, das von Ethan bezahlt worden war.
»Was ich dich die ganze Zeit fragen wollte: Hat dein Dad seine Untersuchungsergebnisse schon?«, erkundigte sich Grace.
Ein Lächeln trat auf meine Lippen. Das erste ehrliche, seit ich den Pub betreten und Ethan entdeckt hatte. »Ja. Er ist immer noch in Remission.«
»Wie toll!«
»Wir sind auch echt erleichtert. Mein Dad hat sich natürlich ganz typisch vor allem Sorgen um seinen Job gemacht.« Ich verdrehte die Augen.
Kate tunkte ihre Pommes in einen See aus Mayo. »Ihm gefällt seine neue Stelle also?«
»Ja. Er meint, die Kinder würden ihm Leben einhauchen.«
»Wo arbeitet dein Dad denn?« Ethans Frage ging beinahe in dem schiefen Gegröle der Nationalhymne unter, anscheinend würde gleich das Spiel angepfiffen werden.
»Er ist Hausmeister in einer Grundschule. Zuvor war er im Darlington tätig.«
Ethan zog die Brauen zusammen und musterte mich eindringlich aus seinen eisblauen Augen, was dafür sorgte, dass mich ein kalter Schauder durchlief, obwohl die Hitze im Pub mein Deo auf eine Bewährungsprobe stellte.
»Warte!« Er lehnte sich zurück. »Ist dein Dad Juan Kennedy?«
Erstaunt sah ich ihn an. »Du kennst ihn?«
»Klar! Er hat früher bei meinen Eltern ständig irgendwelches Zeug montiert. Ich hab mich schon gefragt, was aus ihm geworden ist. Er hat mir sogar von dir erzählt. Er meinte, er hätte eine Tochter in meinem Alter, die später eine sündhaft teure Kochschule besuchen möchte. Ich wusste allerdings nicht, dass du das bist.«
Ich war mir nicht sicher, was mich mehr überraschte: dass mein Dad mit Ethan über mich geredet oder dass Ethan es sich gemerkt hatte. Was er sagte, klang allerdings ganz nach meinem Dad. Meine Eltern unterstützten mich in meinem Traum, Köchin zu werden. Mein Dad hatte mir damals sogar die Stelle im Darlington vermittelt. Allerdings verstanden sie nicht, wieso ich London verlassen wollte, um eine Kochschule in Plymouth zu besuchen, die ein kleines Vermögen kostete. Doch die Kingston war nicht irgendeine Kochschule, sondern die Kochschule, die mehr Sterneköche hervorgebracht hatte als jede andere vergleichbare Institution.
»Wollte dein Dad nicht zurück ins Darlington?«, hakte Ethan nach.
»Nein. Er hat zwar gern dort gearbeitet, aber es war auch echt stressig. Außerdem ist sein neuer Job deutlich näher an unserer Wohnung.«
»Grüß ihn von mir, wenn du dran denkst.«
Ich nickte, als hinter meinem Rücken das Spiel angepfiffen wurde. Während die Fans ihre Mannschaft anfeuerten, stellten wir fest, dass wir alle nicht viel mit Fußball anfangen konnten, und tauschten uns stattdessen über den Sport aus, den wir mochten. Kate liebte es zu laufen. Ethan mochte Krafttraining, und ich konnte mich mit Abstand am meisten für Kampfsport begeistern. Wann immer die Zeit es zuließ – was mit der Arbeit im Restaurant und dem Blog nicht oft passierte –, besuchte ich ein Boxstudio in der Innenstadt. Grace hingegen verabscheute Sport, aber schloss sich Ethan, Kate und mir dennoch regelmäßig an, weil sie fast alles tun würde, um Zeit mit uns zu verbringen. Sie war der sozialste Mensch, den ich kannte.
»Hey! Hier ist ja was los«, erklang plötzlich eine tiefe Stimme neben mir.
Wir alle blickten gleichzeitig zu der Person auf, die zu uns an den Tisch getreten war. Henry Darlington. Mein Magen verkrampfte sich. Was machte er hier? Hätte ich geahnt, dass ich den Abend nicht nur mit einem, sondern gleich mit zwei Darlingtons verbringen würde, wäre ich zu Hause geblieben.
»Hi!«, begrüßte Kate ihren Freund, dabei strahlte sie übers ganze Gesicht.
Henry wirkte in dem Pub mit den ulkigen Bildern an den Wänden vollkommen fehl am Platz in seinem maßgeschneiderten Anzug und mit der teuren Aktentasche, die über seiner Schulter hing. Zwar war er nicht der Einzige im Anzug, da viele der Gäste hier ihr Feierabendbier genossen, aber seine Haltung ließ ihn dennoch herausstechen. Wirklich reiche Menschen hatten diese ganz bestimmte Ausstrahlung, die man nicht imitieren konnte.
Ich rutschte von der Bank, damit Henry neben Kate konnte. Zu fünft war es um den Tisch ziemlich eng. Meine linke Arschbacke hing praktisch in der Luft, als ich mich wieder setzte. Zwar war zwischen Henry und mir noch etwas Platz, aber ich wollte ihm nicht zu nahe kommen. Der Gedanke, seine Gegenwart nicht nur ertragen, sondern ihn berühren zu müssen, war scheußlich. Ich wusste nicht, ob es an seinem Auftreten lag, seinem Anzug, an der Tatsache, dass er mein Chef war, oder daran, dass er älter war als Ethan, aber er erinnerte mich noch mehr an seinen Vater als sein jüngerer Bruder. Ich rieb mir über die Härchen an den Armen, die schon wieder in Habachtstellung gegangen waren.
»Worüber habt ihr gerade geredet?«, fragte Henry und drückte Kate einen Kuss auf die Wange.
Bei dem Anblick verspürte ich ein unangenehmes Ziehen in der Brust. Keine Eifersucht, sondern Unbehagen, das sich tief zwischen meine Rippen bohrte. Doch ich ermahnte mich, ruhig zu bleiben. Henry war nicht Richard.
»Darüber, dass wir alle keine Fußballfans sind«, antwortete Kate und deutete zur großen Leinwand.
Henry drehte sich in die Richtung, in die sie gezeigt hatte, wobei sein Arm trotz des Abstands zwischen uns meinen streifte. Ich versteifte mich instinktiv, obwohl die Berührung offensichtlich ein Versehen gewesen war.
»Ich steh auch nicht so auf Fußball«, erwiderte er und wandte sich wieder Kate zu, wobei sein Arm mich erneut berührte.
Shit. Jeder Muskel in meinem Körper spannte sich an, und das mulmige Gefühl, das ich mit mir herumtrug, seit ich Ethan entdeckt hatte, wurde stärker. Ich holte tief Luft und rief Erinnerungen an jenen Darlington hervor, den ich nicht verabscheute. Eigentlich sollte ich ihn vergessen, aber das hatte in den letzten zwei Jahren nicht funktioniert, warum also jetzt damit anfangen? Ich versuchte, etwas von seiner Güte und Wärme in Henry und Ethan zu erkennen, doch egal, wie viel Mühe ich mir gab, wenn ich sie anschaute, sah ich nur Richard.
Seine schwarzen Haare.
Seine blauen Augen.
Seine kantigen Gesichtszüge.
Und sein heimtückisches Lächeln, während er der Welt Lügen erzählte.
Der Knoten in meinem Inneren zog sich enger, bis ich mir eingestehen musste, dass ich nicht hierbleiben konnte. Ich wünschte mir, tapfer, mutig oder zumindest abgeklärt genug zu sein, um einen Abend mit meinen beiden Freundinnen und ihren Freunden zu verbringen, aber das war ich nicht. Ich konnte mein Unbehagen nicht weglächeln und so tun, als würde es mir nichts ausmachen, mit Richards Klonen an einem Tisch zu sitzen.
»Ich hol mir was zu trinken!«, verkündete ich, obwohl mein Pint noch ziemlich voll war, und sprang von meinem Platz auf. Bevor mich jemand darum bitten konnte, etwas von der Bar mitzubringen, eilte ich davon, meine Tasche in der Hand, denn ich hatte nicht die Absicht, an den Tisch zurückzukehren. Früher oder später würde ich einen Weg finden müssen, mit Ethan und Henry klarzukommen – die beiden würden schließlich so schnell nicht wieder aus meinem Leben verschwinden –, aber dieser Tag war nicht heute.
Genervt von mir selbst und frustriert, weil sich Kate und Grace von den Millionen von Männern, die in London lebten, ausgerechnet die zwei hatten aussuchen müssen, die mit Richard verwandt waren, trat ich an die Bar. Es war viel los und dauerte deswegen eine Weile, bis ich an der Reihe war.
Während ich auf meinen alkoholfreien Gin Tonic wartete, versuchte ich, mich zu beruhigen, da mein Körper den Unterschied zwischen einer echten Gefahr und meiner blühenden Fantasie anscheinend nicht kannte. Mein Herz pochte viel zu schnell, und da war ein Kloß in meiner Kehle. Nicht erst seit eben, sondern bereits den ganzen Tag lang. Ach, eigentlich, seit es mit dem Prozess von Richard bergab ging und eine realistische Chance bestand, dass er von der Jury freigesprochen wurde. Vielleicht war ich heute deswegen so empfindlich, was Henry und Ethan betraf. Ihr Vater war ein verdammter Vergewaltiger, doch vermutlich würde er deswegen keine Konsequenzen tragen müssen. Nach seinem Freispruch würden die Medien vielleicht darüber berichten, wie unfair dieses Urteil war, aber über kurz oder lang würden sie sich anderen Themen zuwenden, und Richard könnte sein Milliardärdasein weiterführen wie bisher. Als wäre nie etwas gewesen. Als hätte er seinen Opfern keinen unwiderruflichen Schaden zugefügt.
»Hey!«, riss mich eine Stimme zurück ins Hier und Jetzt. Ich blickte auf und entdeckte Grace. »Alles in Ordnung?«
»Klar. Ich hol mir nur was zu trinken.«
Sie durchschaute meine Lüge, obwohl ich wirklich eine begnadete Lügnerin war. Die letzten Jahre hatten mich dazu werden lassen. »Sorry, dass wir das mit Henry und Ethan nicht vorher mit dir abgesprochen haben. Wir dachten, es wäre okay, wenn sie mitkommen.«
»Ist es auch. Sie sind eure Freunde.«
»Trotzdem. Wir wissen schließlich, wie du über die Darlingtons denkst.«
»Ja, aber das ist mein Problem. Nicht eures.«
»Doch! Du bist unsere Freundin, das macht es automatisch auch zu unserem Problem. Soll ich die beiden wegschicken?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, schon okay. Der Tag war einfach nur lang und anstrengend. Ich denke, ich such mir was zum Runterkommen.« In meinem Fall war das der Code für Sex. Für einen One-Night-Stand, um genau zu sein. Diese hatten sich in den letzten Jahren als zuverlässiges Mittel bewährt, mich aus meinem eigenen Kopf zu holen.
»Okay, aber falls du es dir anders überlegst: Ein Wort, und ich schick die Jungs weg.«
»Danke, das ist lieb von dir.«
»Schreibst du mir?«
Grace formulierte es als Frage, obwohl es keine war, denn ich ließ sie immer wissen, mit wem ich zusammen war und wohin wir gingen. Na ja, fast immer.
Ich versprach Grace, dass ich mich bei ihr melden würde. Sie umarmte mich zum Abschied, dann ließ sie mich allein zurück.
»Ein alkoholfreier Gin Tonic«, verkündete der Barkeeper in diesem Moment hinter meinem Rücken.
Ich bedankte mich und reichte ihm das Geld. Mit dem Drink in der Hand lehnte ich mich gegen den Tresen und ließ meinen Blick durch den Pub schweifen, als ich aus dem Augenwinkel einen blonden Typen mit tätowierten Armen wahrnahm. Nichts Ungewöhnliches in London, dennoch katapultierte seine Silhouette meinen Puls in ungeahnte Höhen, weil mein Herz für den Bruchteil einer Sekunde dachte, er wäre es. Der Mann, der mir vor zwei Jahren einen der schönsten Abende meines Lebens beschert hatte. Aber nein, es war nur irgendein Kerl, der entfernte Ähnlichkeit mit ihm hatte. Und obwohl ich kein Recht dazu hatte, so zu empfinden, spürte ich einen Stich der Enttäuschung in meiner Brust. Wann würde das endlich aufhören?
Ich atmete einmal tief durch, um mich zu sammeln und die Erinnerung an ihn zu verdrängen, ehe ich meinen Blick weitergleiten ließ. Ich entdeckte einen Typen am anderen Ende der Theke, der gelangweilt das Fußballspiel auf der Leinwand verfolgte. Er sah gut aus, mit breiten Schultern und kräftigen Armen, aber das war es nicht, was mich an ihm reizte. Sondern seine roten Haare und dunklen Augen, sein Kontrast zu den beiden Männern, mit denen ich eben noch am Tisch gesessen hatte. Genau das machte ihn zur perfekten Wahl für heute Nacht. Er war das genaue Gegenteil meiner Albträume.
Kein Gefängnis für Richard Darlington? Waren die Anschuldigungen falsch?
Headline des INsider
Logan
»Vielleicht solltest du deinen Nachnamen ändern«, sagte Maxton.
Wir standen vor dem The Meridian und waren dabei, ein Graffito zu entfernen, das jemand über Nacht an die Fassade unseres Restaurants geschmiert hatte. Es war bereits der dritte Vorfall dieser Art in den vergangenen Monaten, und sie alle waren auf meinen Familiennamen zurückzuführen: Darlington. Ich hatte seit sieben Jahren nicht mehr mit meinem Erzeuger gesprochen und mich von dem gleichnamigen Hotel distanziert. Dennoch bescherten mir die zehn Buchstaben nichts als Ärger, weil man versuchte, mich in die Sache mit reinzuziehen. Und egal, wie viel Mühe ich mir gab, unter dem Radar zu fliegen, irgendwie wurden die Leute doch immer wieder auf mich aufmerksam.
»Wie wäre es mit Prescott?«, schlug Maxton mit einem Grinsen vor. Es erleichterte mich, dass er in Anbetracht der Situation seinen Humor noch nicht verloren hatte. Genauso gut hätte er stinksauer auf mich sein und mir die Entfernung des Graffito allein überlassen können, anstatt seinen freien Vormittag dafür zu opfern.
Als wir vor drei Jahren die Entscheidung getroffen hatten, gemeinsam ein Restaurant zu eröffnen, rechneten wir mit allerlei Komplikationen, aber ganz gewiss nicht damit, dass wir wegen meines Vaters mehrfach das Wort »Rapist« von unserer Hausmauer würden entfernen müssen.
»Ist das deine Art, mir einen Heiratsantrag zu machen?«, fragte ich spöttisch und betrachtete meinen Geschäftspartner.
Obwohl Maxton und ich nicht unterschiedlicher hätten sein können, sahen wir beide nicht wie die Inhaber eines High-Class-Restaurants aus. Maxton hatte lockiges dunkelbraunes Haar, tiefbraune Augen und trug ausschließlich schwarze Kleidung. Das einzig Helle an ihm waren die silbernen Ringe in seinen Ohren, an seinen Fingern und in seinem rechten Nasenflügel, die das Sonnenlicht reflektierten. Im Vergleich zu ihm wirkte ich mit meinen bunten Tattoos und dem blonden Haar wie ein Paradiesvogel, obwohl das gewiss nicht das erste Wort war, das den Leuten in den Sinn kam, wenn sie mich sahen.
Maxton schnaubte. »In deinen Träumen, Darling.«
»Dein Pech. Ich wäre ein guter Fang.«
»Mit deinen Bindungsängsten? Ich denke nicht.«
Ich ließ die Aussage unkommentiert und konzentrierte mich stattdessen auf meine Arbeit. Während Maxton die Fassade neu grundierte, kratzte ich mithilfe von Aceton und einem Glasschaber die rote Farbe von der Scheibe. In einer Stunde würden die ersten Gäste im Meridian eintreffen, und ich wollte nicht, dass bei ihrer Ankunft noch irgendetwas an das Graffito erinnerte.
In der Küche wurden bereits die Vorbereitungen für den Mittagstisch getroffen. Als Küchenchef hätte ich mich vermutlich besser ums Essen kümmern und diese Drecksarbeit jemand anderem überlassen sollen. Doch der Gedanke, einen der Mitarbeitenden damit zu beauftragen, die Farbe von der Hausmauer zu entfernen, missfiel mir, schließlich war ich dafür verantwortlich, wenn auch nur indirekt. Und Maxton wollte ich damit auch nicht allein lassen.
»Apropos Bindungsängste …«, nahm dieser den Faden nach ein paar Sekunden Stille wieder auf. »Wie lief das Date gestern?«
Ich hatte mich schon gefragt, wie lange es dauern würde, bis er mich darauf ansprach. Er hatte sich überraschend viel Zeit gelassen. »Gut. Wir waren im Rue 42 in Notting Hill. Falls du es nicht kennst, solltest du unbedingt mal hin. Das Essen war der Hammer. Als Vorspeise hatte ich einen Salade de Lentilles mit frisch gebackenem Brot. Und das Entrecôte Marchand de Vin im Hauptgang war nicht von dieser Welt. Vielleicht sollten wir das mal auf die Wochenkarte setzen. Die dunkle Rotweinsoße gibt mir allerdings herbstliche Vibes. Ich würde damit also bis Oktober oder November warten.«
Maxton reagierte nicht.
Ich schaute zu ihm.
Mit ausdrucksloser Mine starrte er mich an.
»Was?«
»Alter, ich hab dich nach deinem Date gefragt, nicht nach einer Restaurantempfehlung. Wie war es mit Ally? Habt ihr euch gut verstanden? War sie nett? Trefft ihr euch wieder?«
Sein leicht genervter Tonfall verriet, dass er die Antwort auf seine letzte Frage bereits kannte.
Ich seufzte. »Es war ein schöner Abend. Wir haben uns gut unterhalten. Sie war nett. Aber nein, wir werden uns nicht wieder treffen.«
»Warum nicht?«
»Es hat sich nicht richtig zwischen uns angefühlt.« Ich wich Maxtons Blick aus, plötzlich voll darauf konzentriert, die restliche Farbe vom Fenster abzukratzen.
»Was soll das heißen?«
»Es heißt, was es heißt. Ich sehe mit Ally keine Zukunft.«
»Ihr hattet ein Date, niemand erwartet, dass du eure gemeinsame Zukunft planst. Ihr kennt euch kaum. Allerdings wirst du auch nie eine Frau richtig kennenlernen, wenn du jede nach nur einem Date absägst.«
Das war mir bewusst, aber es erschien mir wie Zeitverschwendung, öfter mit einer Frau auszugehen, die mir nicht bereits beim ersten Treffen dasselbe Gefühl geben konnte wie sie. Allerdings bezweifelte ich nach zwei Jahren und einem Dutzend ersten Dates, dass das überhaupt möglich war. Eine verdammt frustrierende Erkenntnis. Als hätte ich meine große Liebe schon gefunden und wieder verloren.
Glücklicherweise rettete mich unsere Paketbotin Linda davor, Maxton weiter Rede und Antwort stehen zu müssen.
»Was ist denn hier passiert?«
Mit ihrem Sackkarren kam sie auf uns zu. Ihr stand der Schweiß auf der Stirn, denn für Ende Mai war es ziemlich warm. Die Sonne knallte auf die Dächer, und die Hitze verfing sich zwischen den Gebäuden, was die Luft schwül und stickig machte.
»Irgendjemand fand es wichtig, Logan daran zu erinnern, dass Richard Darlington ein Vergewaltiger ist«, antwortete Maxton. Mehr Erklärung brauchte es nicht.
»Ist das nicht schon das zweite Mal?«
»Das dritte«, korrigierte ich Linda und wischte mir an einem Lappen die Hände sauber, bevor ich auf dem Gerät unterschrieb, das sie mir entgegenhielt.
Sie lud das Paket von ihrem Karren neben mir ab, während Maxton ins Restaurant eilte, um ihr etwas zu trinken zu holen. Dankend nahm sie die Wasserflasche an und verabschiedete sich.
»Hast du was bestellt?«, fragte ich und betrachtete das Paket.
Maxton ging in die Knie, zog ein Klappmesser aus seiner Hosentasche und machte sich daran, den Karton zu öffnen. »Ja, neue Speisekarten.«
Ich stieß ein Ächzen aus. »Schon wieder?«
»Du wirst sie lieben!«
»Du kannst nicht ständig neue Speisekarten drucken lassen.«
»Wieso nicht? Ist Druckertinte Mangelware?«
»Nein, aber die Scheiße kostet Geld.«
»Wir haben genug Geld, um es für Scheiße auszugeben«, erinnerte mich Maxton.
Er hatte recht. Trotz der negativen Assoziation mit meinem Nachnamen und Zwischenfällen wie mit dem Graffito hätte es für das The Meridian nicht besser laufen können. Wir waren jeden Abend ausgebucht und am Wochenende sogar schon mittags. Doch die aktuellen Speisekarten waren erst ein paar Wochen alt. Es gab keinen Grund, sie zu ersetzen. Maxton sah das offensichtlich anders, aber im Gegensatz zu mir hatte er auch kein Problem damit, Geld auszugeben. Ich war geradezu krankhaft sparsam, seit ich auf die harte Tour hatte lernen müssen, wie es war, völlig pleite zu sein. Denn ich hatte mich nicht nur von meinen Eltern distanziert, sondern auch von deren Vermögen, weil es das eine nicht ohne das andere gab. Und ich drehte lieber jeden Penny zweimal um, anstatt mich von Richard und Amanda kaputtmachen zu lassen. Das war es nicht wert.
Die ersten Monate ohne ihre finanzielle Unterstützung waren die Hölle gewesen. Ich hatte bei null anfangen müssen, ohne je gelernt zu haben, mit Geld umzugehen. Trotz mehrerer Jobs war mein Konto anfangs ständig leer gewesen. Das hatte mich nachhaltig geprägt, weshalb es mich störte, wenn Maxton neue Speisekarten bestellte, obwohl die alten ihren Zweck noch erfüllten. Vor allem, ohne es mit mir abzusprechen. Aber sich darüber aufzuregen, brachte nichts, das Kind war bereits in den Brunnen gefallen.
»Zeig mal her.«
Maxton reichte mir eine der Speisekarten, und ich musste widerwillig eingestehen, dass sie echt gut aussah. Der Umschlag der Karte war aus dunkelgrünem Leder, passend zum Branding unseres Restaurants. Der Name »The Meridian« war in Gold auf den Einband gedruckt, während das Logo nur geprägt war, was der Karte einen eleganten, minimalistischen Look verlieh. Das Papier im Inneren war hochwertig und mit einer hauchdünnen, kaum spürbaren Folie überzogen, was sie deutlich resistenter gegen Flecken machte als unsere aktuelle Karte.
»Das mit dem Logo ist eine gute Idee«, gab ich zu und fuhr mit meinem Zeigefinger die Konturen nach. »Sieht viel cleaner aus als vorher. Wieso bin ich nicht darauf gekommen?«
»Kann eben nicht jeder so einen guten Geschmack haben wie ich.«
Ich schnaubte und legte die Karte zurück in den Karton, damit sie nicht dreckig wurde. Anschließend entfernten wir die restliche Farbe. Nachdem Fenster und Fassade vollständig von dem Graffito befreit waren, packten wir alles zusammen und brachten die Sachen in die Abstellkammer, bevor sich Maxtons und meine Wege trennten. Er überprüfte im vorderen Bereich des Restaurants, ob alles für die Gäste vorbereitet war, und tauschte die Speisekarten aus, während ich mich hinter den Kulissen umzog.
In meiner Kochuniform trat ich schließlich vor den Spiegel im Pausenraum, um mein Haar neu zu binden. Es war schulterlang mit einem Undercut, der ebenso dringend rasiert werden musste wie mein Bart. Aber bei meinen langen und untypischen Arbeitszeiten fehlte es mir oft an Zeit und Motivation, mich darum zu kümmern. Meistens war ich bis weit nach Mitternacht im Restaurant, nur um am nächsten Morgen in aller Früh aufzustehen, weil ich auf den Markt musste oder zu unseren Gewächshäusern außerhalb der Stadt, die meiner Obhut unterlagen.
Nachdem ich mein Haar gebändigt hatte, warf ich einen letzten Blick auf mein Handy, da in der Küche ein striktes Mobiltelefonverbot herrschte. Ich hatte eine ungelesene Nachricht in dem Gruppenchat mit meinen Brüdern.
ETHAN:
Wie lief das Date?
Ich überging die Frage, da ich keine Lust hatte, dieses Gespräch erneut zu führen, stattdessen teilte ich ein Foto der beschmierten Fassade.
ICH:
Ratet mal, womit ich meinen Vormittag verbracht habe.
HENRY:
Schon wieder?! Die sollten sich mal was Neues einfallen lassen.
ETHAN:
Das ist schon mal passiert?
HENRY:
Ja, letzten Oktober und im Februar.
ETHAN:
Shit, das wusste ich nicht. Können wir helfen?
Obwohl nichts daran witzig war, trat ein Lächeln auf meine Lippen. Hätte man mir vor einem halben Jahr gesagt, dass es einen Gruppenchat mit meinen beiden Brüdern und mir geben würde, hätte ich es nicht geglaubt.
Henry und ich waren als Kinder unzertrennlich gewesen. Bis ich von unseren Eltern auf ein französisches Internat geschickt wurde, was unserer Beziehung einen Knick verpasste. Aber nach meiner Rückkehr nach London fanden wir wieder zueinander, auch wenn wir durch unsere sehr unterschiedlichen Leben nicht mehr ansatzweise so viel Zeit füreinander hatten wie früher.
Eine neue Entwicklung war jedoch die Sache mit Ethan. Obwohl er nur gut vier Jahre jünger war als ich, hatten wir nie ein enges Verhältnis gehabt. Ich wusste noch, wie sehr ich mich damals gefreut hatte, als Richard und Amanda uns mitteilten, dass wir noch ein Geschwisterchen bekommen würden. Ich hatte immer der ältere Bruder für jemanden sein wollen. Aber meine Freude war sehr schnell in etwas umgeschlagen, von dem ich heute wusste, dass es Eifersucht gewesen war. Ein Gefühl, das ich inzwischen nicht mehr nachvollziehen konnte, doch damals hatte ich es verabscheut, wie sehr vor allem Richard Ethan mit Aufmerksamkeit überschüttet hatte, während ich ihm scheißegal gewesen war. Er hatte keinerlei Interesse an meinen Vorlieben und Hobbys gezeigt, oft hatte er mich sogar vollkommen ignoriert. Gleichzeitig war er besessen von Ethans Klavierspiel gewesen. Jahrelang hatte sich dadurch ein unterbewusster Hass auf meinen jüngeren Bruder in mir aufgebaut, den ich erst deutlich später im Leben hatte loslassen können.
ICH:
Danke, aber Maxton und ich haben uns schon drum gekümmert.
ETHAN:
Wirst du Anzeige erstatten?
ICH:
Nein. Das führt doch zu nichts.
HENRY:
Soll ich was zu den Materialkosten dazugeben?
ICH:
Wenn ich Ja sage, schickst du mir dann wieder fünf Pfund wie beim letzten Mal?
Keine Minute später meldete sich meine Bank-App mit einer Benachrichtigung, die mir mitteilte, dass Henry sechs Pfund überwiesen hatte. Der Verwendungszweck lautete: Gönn dir!
ICH:
@Henry: Du bist so ein Arschgesicht.
HENRY:
Du solltest dir auch mal was Neues einfallen lassen.
ICH:
Tête de con!*
HENRY:
Glaubst du, ich weiß nicht, dass das Arschgesicht auf Französisch heißt?
ICH:
Branleur!**
HENRY:
Va te faire foutre!***
ICH:
Ta gueule!****
ETHAN:
Ich wartete darauf, dass Henry mir eine weitere Beleidigung an den Kopf warf. Es war vielleicht seltsam, aber Beschimpfungen waren unsere Sprache der Liebe, weil wir letzten Endes immer wussten, dass der andere es nicht böse meinte. Doch statt einer Beleidigung ploppte eine Nachricht in unserem privaten Chat auf.
HENRY:
Können wir uns treffen? Ich muss was mit dir besprechen.
ICH:
Klingt ominös. Worum geht’s?
HENRY:
Erzähl ich dir dann.
ICH:
Okay. Schreib mir wann und wo. Ich muss in die Küche.
HENRY:
Verbrenn dich nicht.
* Arschgesicht
** Wichser!
*** Fick dich!
**** Halt die Klappe!
Spionage und Intrigen im The Darlington: Geht das Hotel trotz eines möglichen Freispruchs von Richard Darlington zugrunde?
Headline des INsider
Logan
Mit zehn Minuten Verspätung betrat ich das Better Days, das Henry für unser heutiges Treffen vorgeschlagen hatte. Es war mein erster Besuch in dem kleinen Café, aber ich verstand auf Anhieb, wieso mein Bruder es ausgesucht hatte. Die Einrichtung war gemütlich, die Atmosphäre entspannt, und es duftete köstlich nach frischem Gebäck, das anscheinend noch selbst zubereitet wurde. Eine Frau mit buntem Haar und Spritztüte in der Hand stand hinter der Theke und dekorierte Cupcakes. Das mit Abstand Beste an dem Laden war in diesem Moment allerdings die Klimaanlage. Ich liebte London, aber warme Temperaturen verwandelten die Stadt in ein gigantisches Treibhaus.
Ich entdeckte Henry an einem Platz am Fenster. Energisch tippte er eine Nachricht auf seinem Handy. Erst als ich mich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen ließ, blickte er mit gehetztem Gesichtsausdruck auf. Früher hätte ich mir vermutlich nichts dabei gedacht, aber seit ich wusste, dass er monatelang aufputschende Medikamente zu sich genommen hatte, um seinem Workload und dem Stress gerecht zu werden, war ich achtsamer geworden. Seine Freundin Kate hatte zwar auch ein Auge auf ihn, ebenso wie seine Therapeutin, aber sollte er wieder abrutschen, ohne dass jemand es bemerkte, würde ich mir das niemals verzeihen.
»Hey. Wartest du schon lange?«
»Eine Ewigkeit. Siehst du meine grauen Haare nicht?«
Er deutete auf seinen Kopf, aber da war nichts zu sehen. Sein Haar war komplett schwarz, genauso wie das von Ethan, denn die beiden kamen ganz nach unserem Erzeuger, während ich das blonde Haar unserer Mum geerbt hatte. Wofür ich ziemlich dankbar war. Nicht auf den ersten Blick als Darlington erkannt zu werden, war vor allem heutzutage definitiv von Vorteil.
»Hast du schon bestellt?«
»Ja, Tee für mich und einen extrastarken Kaffee für dich.«
