The Dating Game - Kathy Tailor - E-Book + Hörbuch
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The Dating Game E-Book und Hörbuch

Kathy Tailor

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Beschreibung

Tilda kann es nicht fassen: Ihre Zwillingsschwester Maxime bittet sie um Hilfe bei einer ihrer unmöglichen Aktionen. Tilda soll Maximes Platz in der Reality-Show The Dating Game einnehmen. Maxime ist nur zum Spaß für zwei Wochen nach Portugal geflogen, hat sich dann allerdings unsterblich in Junggeselle Florian verliebt. Da sie aber dringend zurück nach Deutschland muss, fleht sie Tilda an, sich als sie auszugeben und Florian für sie zu erobern. Tilda hat weder Zeit noch Lust, bei dieser waghalsigen Aktion mitzumachen. Ihr Jurastudium und der Job in Johnnys Kneipe nehmen sie voll ein. Doch als ihr Mitbewohner Nik, mit dem sie eine heiße Nacht verbracht hat, vor ihren Augen eine Frau nach der anderen abschleppt, reicht es ihr, und sie beschließt, als Maxime an der Show teilzunehmen. Nun heißt es für Tilda Florian um den Finger wickeln – und dabei nicht auffliegen. Gar nicht so leicht, wenn man ständig von Kameras beobachtet wird. Und von Kameramann Ben, der Tildas Lügengerüst ganz schnell zum Einsturz bringen könnte ...

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Zeit:9 Std. 49 min

Sprecher:Nina Reithmeier

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Über dieses Buch

The Dating Game – eine Realityshow, gedreht in Portugal, mit der Tilda eigentlich nichts zu tun haben will. Wäre da nicht ihre Zwillingsschwester Maxime. Maxime, die immer für eine Überraschung gut ist, nimmt an der Show teil und verliebt sich unsterblich in Single Florian. Doch sie muss aus dem heißen Portugal dringend zurück nach Deutschland und hat einen Plan: Tilda, die ihr bis aufs Haar gleicht, nimmt ihren Platz in der Show ein, um Florian für sie zu angeln. Keine gute Idee – oder doch?

Die perfekte Mischung aus Liebesroman und Datingshow – romantisch, humorvoll und sexy!

 

 

 

Für Caroline,

die mich selbst an trüben Tagen zum Lachen bringt.

Und für die drei kleinen Mädchen, die rund um dieses Buch geboren wurden – möget ihr immer euren Träumen folgen.

Kapitel 1

»Der Lieferservice ist da.« Mit einem breiten Grinsen knallt Sophie zwei riesige Kartons vor mir auf den Tisch, und der Duft nach Pizza legt sich über den nach eingetrockneten Essensresten, der wie so oft an unserer Küche haftet.

»Pass auf, meine Unterlagen!« Eilig räume ich das Gesetzbuch und die Karteikarten zusammen, stehe auf und lege sie auf den Kühlschrank – in sicherem Abstand zu Sophie, tropfendem Käse und Tomatensoße.

»Büffelst du etwa immer noch?« Sophie zieht skeptisch die Brauen hoch. »Hast du dich heute eigentlich auch mal von deinen Unterlagen wegbewegt? Seit dem Frühstück starrst du da drauf.«

»Ja.« Ich schütte den Kaffee, den ich mir vor zwei Stunden gekocht habe und der inzwischen längst kalt geworden ist, in die Spüle und nehme wieder am Küchentisch Platz, den ich seit dem Frühstück so gut wie gar nicht verlassen habe. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich zum Lernen in mein Zimmer zurückzuziehen, aber der Anblick meines Lesesessels und Betts haben mich wieder in die Küche getrieben. Hier gibt es keine Verlockungen, die einen vom Lernen abhalten. Keine Bücher – und damit meine ich solche, die nicht mit Gesetzestexten, sondern mit fantastischen und spannenden Geschichten gefüllt sind –, keine Kissen, die zum Dösen einladen, keinen Ausblick auf den begrünten Hinterhof. Nur schmutziges Geschirr, das sich in der Spüle stapelt, und Krümel auf dem Fußboden.

Sophie setzt sich neben mich an den runden Küchentisch, der seine besten Jahre lange hinter sich hat, und lässt mich nicht aus den Augen.

»Zwischendurch war ich auf dem Klo.«

Sophie betrachtet mich kopfschüttelnd. »Du kannst doch nicht den ganzen Tag lernen. Es ist Sommer!« Sie sagt es so, als sei es das Totschlagargument schlechthin.

»Ich muss den Stoff bis nächstes Jahr schaffen.« Ich hebe abwehrend die Hände. »Hast du eine Ahnung, wie viel das ist?«

»Ich kann es mir in etwa vorstellen. Schließlich kennst du seit Wochen kein anderes Thema als dein Examen. Gut, außer vielleicht Nik.«

»Ich weiß nicht, welches Thema das kompliziertere ist.« Ich öffne einen Pizzakarton und nehme ein großes mit Mozzarella und Tomaten belegtes Stück heraus. Fett tropft auf meine Hose und hinterlässt einen Fleck. Ich wische mit dem Handrücken darüber und mache es dadurch bloß schlimmer. Zum Glück trage ich lediglich meine ausgebeulte Jogginghose.

»Na ja, sieht dich eh keiner außerhalb der WG.« Sophie betrachtet mein Bein. »Und mich stört’s nicht. Auch nicht, dass du immer noch dein Schlafshirt trägst. Aber wehe, du fängst an zu müffeln, weil du keine frische Luft mehr abbekommst. Dann müssen wir ein ernstes Wort reden.«

Lachend knuffe ich Sophie in die Seite. Ihre knallharte Ehrlichkeit ist das Schlimmste und das Beste an ihr. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt stets frei heraus, was sie denkt, völlig egal, wer ihr Gegenüber ist. Das war schon früher bei unseren Lehrern so, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte. Seitdem hat sie weder vor Freunden, Partnern, unserem Vermieter noch ihren Dozenten an der Schauspielschule haltgemacht.

»Ich werd’s mir merken«, sage ich und beiße in mein Pizzastück. Es schmeckt himmlisch. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie groß mein Hunger ist, so konzentriert habe ich über meinen Lernunterlagen gebrütet.

Dass Jura eins der härtesten Studienfächer ist, die es gibt, habe ich bereits vor meinem ersten Semester gewusst, trotzdem habe ich unterschätzt, wie viel Zeit und Kraft mich dieses Studium kosten würde.

Wenn du etwas liebst, dann fühlt es sich nicht wie Arbeit an, sagt Sophie immer. Für sie selbst gibt es nichts Schöneres, als Texte und Songs für ihre Ausbildung zu pauken, ihrem Körper und ihrem Geist alles abzuverlangen, wenn sie sich tief in eine Rolle stürzt.

Für mich fühlt sich jeder Lerntag wie ein Sack voller Gewichte auf meinen Schultern an. Und jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, ein paar davon losgeworden zu sein, kommt jemand und füllt den Sack wieder auf.

Irgendwann wirst du darunter zusammenbrechen, flüstert eine Stimme in meinem Kopf, die von Tag zu Tag lauter wird. Trotzdem bemühe ich mich, sie so gut es geht zu ignorieren. Ich muss das Studium schaffen. Ich bewundere Sophie für die Leidenschaft, mit der sie ihren Traum lebt, genauso wie für ihr Grundvertrauen, dass sie sich hinterher mit der Schauspielerei schon irgendwie durchschlagen wird. Aber ich für meinen Teil möchte mich später nicht ›irgendwie durchschlagen‹. Schließlich habe ich aus nächster Nähe erlebt, wie das einen Menschen fertigmachen kann. Seit mein Vater uns verlassen hat, hat meine Mutter sich ›irgendwie durchgeschlagen‹, oft bis an den Rand der Erschöpfung.

»Wollen wir Musik anmachen?«

Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass Sophie aufgesprungen und zu dem weißen Billyregal gelaufen ist, auf dem unsere uralten Boxen stehen, die überraschenderweise noch immer funktionieren.

Sophie angelt das Kabel unter einer der Boxen hervor und kramt dann in ihrem Rucksack. Nacheinander holt sie einen Korken, Dutzende lose Blätter, eine Holzfigur in Form eines Kranichs, einen Kamm, mit dem sie ihre langen Dreadlocks wohl kaum bändigen können wird, und einen Slip heraus. »Was? Das brauch ich alles für die Schauspielschule.« Sie nickt in Richtung des knallroten Tangas, der nun zwischen den Pizzakartons auf dem Tisch liegt. »Okay, den nicht.« Ohne eine Spur von Verlegenheit lässt sie ihn wieder in ihrem Rucksack verschwinden und wühlt weiter darin herum, bis sie schließlich aufgibt. »Ich finde mein Handy nicht. Du hast auch Spotify, oder?« Sophie schnappt sich mein Handy, das auf der Küchenzeile liegt. »Worauf hast du Lust? Ich hätte total Bock auf … Was ist das denn?« Mit dem Blick einer Mutter, die ein Playboyheft unterm Bett ihres pubertierenden Sprösslings gefunden hat, hält sie mir mein Handy entgegen. »Du hast nach Wohnungen gesucht?«

Nervös rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. »Na ja … ich dachte, ich schaue mich mal um. Ist eh alles unbezahlbar«, füge ich schnell hinzu, als ich das fassungslose Gesicht meiner Freundin bemerke.

Sophie zieht ihren Stuhl ganz nah zu mir heran und setzt sich verkehrt herum darauf, sodass ihre Knie gegen mein Bein stoßen. Sie verschränkt die Arme über der Lehne und sieht mich eindringlich an.

Ich weiche ihrem Blick aus und betrachte die beiden Löcher, die ihre Jeans, wie Sophie mir erzählt hat, nicht aus modischen Gründen zieren, sondern durch Schauspielübungen entstanden sind, bei denen sie wie eine Raupe über den Boden kriechen musste und deren Sinn sich mir bisher nicht erschlossen hat.

»Ich dachte, es ist besser geworden. Ist immerhin schon zwei Monate her. Und ich bin schließlich auch noch da.«

»Du kannst doch mitkommen. Wir suchen uns zusammen eine neue Wohnung.«

»Du weißt genau, dass das nicht geht. Ich hab in einem halben Jahr Abschlussprüfungen, ich hab gerade weder Zeit noch Nerven für Wohnungsbesichtigungen. Mal davon abgesehen, dass es in ganz Berlin keine Wohnung gibt, die so günstig ist wie diese.«

Sie hat recht. Diese WG ist ein echter Glücksgriff. Zumindest finanziell betrachtet. Mit ein paar Nachtschichten pro Monat in Johnnys Kneipe kann ich das Leben hier einigermaßen gut stemmen. Klar, ich könnte dort sicher deutlich mehr arbeiten, aber dann würde ich noch öfter in den Vorlesungen einschlafen, und ich hab so schon keine Ahnung, wie ich mein Examen schaffen soll. Der Berg, der vor mir liegt, ist gigantisch und scheint von Tag zu Tag höher zu werden.

Nein, die Miete ist nicht das Problem, und mit Sophie zusammenzuwohnen ist beinah so, als würde ich mit meiner Schwester zusammenwohnen. Sogar besser, denn ich bin sicher, mit Maxime gäbe es viel mehr Reibereien als mit meiner ältesten Freundin. Aber so schön es mit Sophie auch ist, so furchtbar ist es aktuell mit Nik.

Nik, der erst mein Mitbewohner, später ein Kumpel und irgendwann der Inhalt all meiner Gedanken war und nun wieder nur mein Mitbewohner ist.

Nik, wegen dem ich gleichzeitig hierbleiben und ausziehen will. Hierbleiben, weil ein Teil von mir immer noch hofft, dass zumindest eine winzige Chance besteht, dass er meine Gefühle eines Tages erwidert. Ausziehen, weil er mir jeden Tag das Gegenteil beweist, wenn er mir aus dem Weg geht und nur das Nötigste mit mir redet. Über Oberflächliches und Organisatorisches, aber niemals über das eigentlich Wichtige. Das, was zwischen uns war.

»Vielleicht sprichst du dich mal mit Nik aus?« Sophie erhebt sich und schließt mein Handy an die Box an. Sofort hallen afrikanische Trommelrhythmen durch die Küche. Sophie liebt solche Musik. Früher hat sie Schlagzeug gespielt, aber nachdem sie deswegen aus ihrer ersten eigenen Wohnung geflogen ist, verstaubt ihr Schlagzeug im Keller ihrer Eltern. Zum Rhythmus der Musik bewegt Sophie sich zurück zum Tisch, lässt sich auf ihren Stuhl sinken und trommelt mit den Fingern der linken Hand auf die Tischplatte, während sie sich mit der rechten ein gigantisches Pizzastück in den Mund schiebt.

Die Musik schwillt an. Ich wette, in spätestens zehn Sekunden klopft Frau Weber von unten mit dem Besenstiel gegen die Decke.

Eins.

»Und was soll ich ihm bitte sagen? Hey Nik, ich fand die Nacht mit dir richtig schön, und wenn du das auch so siehst, dann lass uns da weitermachen, wo wir aufgehört haben.«

Zwei.

Drei.

»Das klingt doch gut. Vielleicht sagst du es nicht ganz so miesepetrig, sondern ein bisschen … verruchter.«

Vier.

Von unten pocht es gegen die Decke. Frau Weber ist schneller geworden. Sophie trommelt währenddessen intensiver auf die Tischplatte. Wenn sie so weitermacht, werden wir uns so oder so eine neue Wohnung suchen müssen. Erst letzte Woche hat unsere Nachbarin die Polizei gerufen, als Sophie mit zwei Freunden bis nachts um drei bei lauter Musik und Wein in der Küche gesessen hat.

Ich gehe zum Regal und drehe die Musik leiser. »Ganz ehrlich: Wenn Nik Interesse an mir hätte, hätte er mir das längst klargemacht.«

Sophie seufzt. »Okay, du hast recht. Aber deswegen gleich ausziehen? Hak es als schöne Erfahrung ab und mach es ansonsten wie Nik – stürz dich ins nächste Abenteuer.«

»Aber das ist es ja! Für mich war es eben kein Abenteuer!«

Erneutes Pochen von Frau Weber.

»Ist ja gut!«, ruft Sophie Richtung Fußboden. »Das hier ist ein emotionaler Notfall, klar?« Sie schließt einen Moment die Augen und atmet tief durch, so als wolle sie sich selbst zurück ins Hier und Jetzt holen. »Das liegt sicher bloß daran, dass es dein erstes Mal war.«

»Aber es war nicht …«

»Ich meine dein erster One-Night-Stand. Oder hab ich irgendwas übersehen? Matthias: ein Jahr. Sebastian: drei Wochen, aber mindestens fünfmal so lange Liebeskummer de luxe. Timo: acht Monate und zwei Tage, die allerdings so schlimm waren, dass du die acht guten Monate davor in die Tonne treten konntest.«

Beeindruckt starre ich meine Freundin an. Sie weiß besser über mein Liebesleben Bescheid als ich. Und sie hat recht, ein One-Night-Stand war bisher nicht dabei, und wenn es nach mir gegangen wäre, wäre das mit Nik auch keiner geworden, sondern der Beginn von etwas Ernsthaftem. Immerhin finde ich ihn schon toll, seit er vor einem Jahr hier eingezogen ist. Auch wenn mir bereits am ersten Abend klar war, dass ich mir an ihm leicht die Finger verbrennen könnte – wenn nicht den ganzen Körper. Von Anfang an legte er diese Nichts-und-niemand-bindet-mich-Mentalität an den Tag, die mich gleichzeitig fasziniert und mir Angst gemacht hat. Trotzdem habe ich vor zwei Monaten all meine Bedenken über Bord geworfen.

Sophie und Nik hatten die Gelegenheit genutzt, dass Frau Weber wegen ihres Asthmas auf Kur war, und eine WG-Party geschmissen. Ich war nach einem langen Unitag nach Hause gekommen und mitten in eine Gruppe lachender, tanzender Menschen geplatzt. Mein Plan für den Abend war es gewesen, schnell zu duschen, einen Happen zu essen und mich danach in mein Zimmer zu verziehen, um die Vorlesungen nachzubereiten. Aber das duldete Sophie nicht, und nach einer Stunde war ich einer dieser lachenden, tanzenden Menschen. Ich erinnere mich genau, wie gut es mir getan hatte, für einen Augenblick alle Sorgen zu vergessen, und wie ich mich fragte, warum dieser Teil des Studentenlebens in den letzten Jahren bei mir immer zu kurz gekommen war. Normalerweise verbot ich mir nahezu alles, was mich ablenkte, um das Studium so schnell wie möglich durchzuziehen.

Aber an jenem Abend war mir das egal. Es zählte nur der Moment. Der Moment, in dem es so eng in unserer ohnehin winzigen Küche wurde, dass ich mich plötzlich dicht an Nik gedrängt wiederfand. Der Moment, als er mir zum dritten Mal Wein nachschenkte und mir dabei so nah kam, dass mein Atem stockte und meine Beine zu zittern begannen. Der Moment, als ich ihm ins Ohr flüsterte: »So was sollte ich viel öfter machen«, und er mich lächelnd fragte, was genau ich meinte. Er tupfte mir mit dem Saum seines T-Shirts einen Tropfen Wein aus dem Mundwinkel, und plötzlich stand mein ganzer Körper in Flammen. »Auf die Vernunft scheißen«, hauchte ich, und als wäre das eine versteckte Botschaft, nahm er mein Gesicht in seine Hände und beugte sich zu mir hinunter. Sein Kuss schmeckte nach Wein und Chips, und meine Zunge schnellte vor und begann mit seiner zu spielen. Meine Hände vergruben sich in seinem dunkelblonden Haar, das er stets im Ich-bin-schon-so-aufgewacht-und-sehe-trotzdem-toll-aus-Look trug, und verwuschelten es noch mehr. Nik zog mich enger an sich heran und presste seinen Unterkörper so fest gegen mich, dass ich seine Erektion deutlich spüren konnte. Ich erkannte die Frau kaum wieder, die sich kichernd von Nik in sein Zimmer führen ließ. Im Vorbeigehen erhaschte ich einen Blick auf Sophie, die am Küchentisch lehnte und mir überrascht, aber anerkennend zunickte. Wahrscheinlich kannte sie diese Frau ebenso wenig wie ich. Nik musste sein Bett erst von einem Stapel Klamotten, uralter Ausgaben der Neon und einer Menge loser Blätter befreien. Das tat er, indem er alles mit einer einzigen Armbewegung auf den Boden und mich dann ebenso lässig aufs Bett beförderte.

Ab diesem Moment kann ich mich nicht mehr an alle Details jener Nacht erinnern, nur daran, dass es sich fremd und gleichzeitig vertraut anfühlte, in Niks Armen zu liegen. Seinen Oberkörper hatte ich schon oft nackt gesehen. Immer, wenn er mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad gekommen war. Deshalb empfand ich es als ganz natürlich, ihm in Rekordzeit die Kleider vom Leib zu reißen und jeden Zentimeter seines Körpers mit Küssen zu bedecken. Ebenso natürlich, wie es sich anfühlte, mich von ihm ausziehen zu lassen und seine Hände überall auf mir zu spüren.

Am nächsten Morgen war er weg.

Erst dachte ich, er sei nur kurz aufgestanden, um ins Bad zu gehen, aber als er auch nach einer Stunde nicht zurück in sein Zimmer kam, stieg ich aus dem Bett und klaubte hektisch – wie eine Verbrecherin – meine Klamotten zusammen.

Nik war weder im Bad noch in der Küche. Er war »ausgeflogen«, wie Sophie sagte, die vor einer dampfenden Kaffeetasse in der Küche saß und immer, wenn sie den Kopf bewegte, ächzende Laute von sich gab.

Ausgeflogen, ohne mich zu wecken. Der erste Stich in einer langen Reihe weiterer Stiche bohrte sich in mein Herz, doch in diesem Moment glaubte oder vielmehr hoffte ich, dass Nik einfach nur rücksichtsvoll gewesen war, indem er mich hatte weiterschlafen lassen. An diese Hoffnung klammerte ich mich, als er am Abend nach Hause kam und sich mit einem gemurmelten »Ich bin megafertig« in sein Zimmer zurückzog. Auch, als er auf mein Klopfen nicht reagierte – sicher war er längst eingeschlafen. Und auch noch, als er in den folgenden Tagen außer »Haben wir noch Müllsäcke?« und »Können wir am Wochenende bitte den Baddienst tauschen?« kaum ein Wort mit mir wechselte.

Inzwischen, nach gut zwei Monaten, habe ich begriffen, dass dieses Verhalten keinesfalls die Unsicherheit eines Mannes war, der sich in seine Mitbewohnerin verknallt hat und nicht damit umgehen kann. Sondern das Verhalten eines Mannes, der spürt, dass sich eben jene Mitbewohnerin in ihn verguckt hat, und ihr auf mehr oder weniger schonende Weise beibringen will, dass die gemeinsame Nacht für ihn nur das war – eine gemeinsame Nacht. Nicht mehr und nicht weniger.

»Zumindest hat er einen knappen Monat gewartet, bis er seine nächste Eroberung hier angeschleppt hat«, sage ich und lasse mich zurück auf meinen Stuhl fallen. »Das kommt für seine Verhältnisse fast dem Zölibat gleich.«

»Oh ja, ich erinnere mich gut.« Trotz des halb zerkauten Pizzaklumpens in ihrem Mund spricht Sophie so präzise, wie es die meisten Menschen nie schaffen würden. Liegt vermutlich daran, dass sie ihre Schauspieltexte meistens mit einem Korken zwischen den Zähnen übt. »Du hast es als Zeichen seiner Zuneigung zu dir gewertet. Dass er dich so mag, dass er erst mal keine andere angeguckt hat und sich mit dieser Frau nur von dir ablenken wollte.«

Ich spüre, wie mir die Schamesröte ins Gesicht schießt. Sie hat recht. Wie naiv ich war. Oder bin, schließlich habe ich auch einen Monat und drei Liebhaberinnen später wider besseres Wissen immer noch nicht komplett die Hoffnung aufgegeben, dass Nik und ich uns wieder näherkommen – körperlich und emotional.

»Ich weiß, dass es totaler Blödsinn ist.« Ich schiebe mir ein weiteres Stück Pizza in den Mund. »Und deshalb will ich hier weg. Solange ich Nik die ganze Zeit vor der Nase habe, werde ich niemals …«

»Redet ihr über mich?«

Sophie und ich fahren zur Küchentür herum.

Ich verschlucke mich und beginne zu husten. Nik steht grinsend im Türrahmen. Den Arm lässig um eine hübsche Blondine gelegt, die ihren Kopf in der Kuhle zwischen seinem Hals und seiner Schulter vergraben hat. Ich kann mich genau erinnern, wie sich diese Stelle anfühlt. Weich und warm. Wie gemacht dafür, den Kopf hineinzulegen. Aber doch nicht den Kopf dieser Fremden! Am liebsten würde ich aufspringen, sie zur Seite schubsen und schreien: »Das ist unsere Wohnung! Fremde Frauen müssen leider draußen bleiben.« Sophie wäre dazu vermutlich in der Lage, wenn eine andere Frau dem Mann, auf den sie steht, zu nah käme. Aber die sitzt nur da und stopft weiter Pizza in sich hinein, was sie aber nicht daran hindert, weiterzureden.

»Die Welt dreht sich nicht allein um dich, Sir Niklas. Nein, wir haben über Nick Carter gesprochen.« Ich bewundere sie im Stillen für die völlige Coolness, mit der sie Nik Lügen auftischt. Ich komme in seiner Gegenwart bereits bei einem Gespräch über die Einkaufsliste ins Stammeln. Was wahrscheinlich daran liegt, dass mein dummes Herz seit der Party in jedem Satz von ihm eine verdeckte Botschaft wittert. Selbst in seinem Angebot, er könne mir Müsli mitbringen.

»Oh, auf den stand ich mit sechzehn total«, ruft Blondi. Wer hat die denn gefragt? »Wobei Brian auch nicht schlecht war.«

»Ja, der ist viel süßer als Nick«, pflichtet Sophie ihr bei. »Findest du nicht auch, Tilda?«

»Wie? Ich? Äh … ja«, stammele ich und komme mir vor wie der letzte Trottel.

»Ich fand die Backstreet Boys immer scheiße.« Nik löst seinen Arm von Blondi, geht zur Spüle und gießt sich ein Glas Wasser ein, das er in einem Zug leert. Blondi bietet er keins an.

»Natürlich fandest du die scheiße.« Sophie klappt ihren Pizzakarton zu. »Immerhin hatten die ein paar mehr weibliche Fans als du.«

»Das würde ich so nicht sagen.« Nik grinst in die Runde und sieht dabei unverschämt sexy aus. Blondi kichert albern, geht zu ihm und legt ihre Arme von hinten um seine Taille. Ein weiterer Stich bohrt sich in mein Herz, das mittlerweile zu einem Nadelkissen geworden ist.

Nik dreht sich zu Blondi um, beugt sich zu ihr hinunter und küsst sie. Genau an der Stelle im Raum, wo er mich vor zwei Monaten geküsst hat. Ist das seine Art, mir zu zeigen, dass auch er es nicht vergessen kann? Spielt er mir dieses Replay vor, um mir mitzuteilen, dass er sich genauso nach mir sehnt wie ich mich nach ihm?

Tilda, aus! Das ist völliger Bullshit. Er steht nicht auf dich, kapier das endlich!

Sophie wirft mir einen warnenden Blick zu, der exakt das ausdrückt, was die Stimme in meinem Kopf mir entgegenschreit. Sie haben ja recht. Aber es ist so verdammt schwer, sich einen Typen aus dem Kopf und dem Herz zu schlagen, wenn er die ganze Zeit vor deiner Nase ist. Wenn du Dusche, Küchentisch und Kühlschrank mit ihm teilst, weißt, wann er morgens das Haus verlässt, was er zu Mittag isst und wie oft er seine Bettwäsche wechselt. So selten im Übrigen, dass ich nicht sicher bin, ob Blondi sich nicht gleich in dieselbe Wäsche legen wird, in der Nik und ich uns geliebt haben.

Bei diesem Gedanken empfinde ich eine groteske Art von Genugtuung.

»Wollen wir rübergehen?«, flüstert Nik in Blondis Haar – gerade so laut, dass ich es hören kann. Sie küsst ihn zur Antwort, und Sophie verdreht so dramatisch die Augen, dass ich sie unterm Tisch trete.

Als die beiden die Küche verlassen haben, atmen Sophie und ich kollektiv aus.

»Der lässt echt nix anbrennen«, murmelt Sophie. »Dagegen bin ich die reinste Nonne.«

»Du bist so weit davon entfernt, eine Nonne zu sein, wie ich davon, Nik zu heiraten.« Ich greife nach den leeren Pizzakartons, gehe in den Flur und lege sie an die Wohnungstür, damit der Erste, der morgen das Haus verlässt, sie mit nach unten zum Altpapier nehmen kann. Eine Illusion, der ich mich ebenso vergeblich hingebe wie der, Nik und Blondi könnten in seinem Zimmer bloß ein Referat für die Uni vorbereiten.

»Die gute Nachricht ist, dass er wahrscheinlich niemals heiraten wird«, sagt Sophie, die mir gefolgt ist, viel zu laut.

Ich lege einen Finger an die Lippen. »Meinst du?«

»Ach Tilda, sei nicht naiv. Jemand wie Nik wird sich sein Leben lang sämtliche Optionen offenhalten. Von solchen Typen lässt man besser die Finger.« Sie tätschelt meine Schulter. »Gut, ist in deinem Fall jetzt leider zu spät. Aber für die Zukunft solltest du dir merken: Ein Mann, der sich alle Optionen offenhält, sollte für dich genau das Gegenteil sein: keine Option!«

 

Ich werde die Hersteller der Ohropax verklagen, sobald ich Anwältin bin. Erfinder der Ruhe. Pah! Bei der Entwicklung haben sie wohl nicht an stöhnende Mitbewohner und Blondis, die klingen wie Groupies auf einem Backstreet-Boys-Konzert, gedacht. Mit einem entnervten Knurren presse ich mir ein Kissen auf die Ohren, in die, trotz Ohropax, noch immer viel zu viele Geräusche aus dem Nebenzimmer dringen. So kann es echt nicht weitergehen!

Ich nehme mein Handy vom Nachttisch und tippe eine Nachricht an meine Schwester.

Muss mal dringend raus hier. Kann ich dich am Wochenende besuchen?

Maxime ist noch online. Im Gegensatz zu mir legt sie keinen Wert darauf, morgens pünktlich aus dem Bett zu kommen. Ob sie eine Vorlesung mehr oder weniger verpasst, ist ihr meistens egal. Mit dieser Einstellung hat sie es geschafft, drei Studiengänge abzubrechen, was mir jedoch mehr Sorgen zu bereiten scheint als ihr.

»Ich habe eben bisher nicht das Richtige gefunden«, sagt Maxime immer. »Das ist gar nicht so leicht. Sei bloß froh, dass du etwas studierst, das du magst.«

Haha.

Geht nicht. Ich bin am Wochenende nicht in Bremen. Aber wir können uns gerne am Donnerstag treffen. Da wollte ich Mama in Hannover besuchen, magst du auch kommen? Ich muss dringend mit euch reden.

Dringend mit uns reden? Wenn meine Schwester so etwas ankündigt, dann bedeutet das meistens nichts Gutes. Wahrscheinlich hat sie mal wieder festgestellt, dass ihr aktuelles Traumstudium in Arbeit ausartet und sie daher unbedingt was Neues ausprobieren will.

Schlimm?

Ich warte mit angehaltenem Atem auf ihre Antwort.

Im Gegenteil.

Hat sie jemanden kennengelernt? Oder ist sie … Eigentlich grenzt es fast an ein Wunder, dass sie mich nicht längst zur Tante gemacht hat. Schließlich waren alle ihre bisherigen Freunde die große Liebe, zumindest für ein paar Monate.

»Nik, du bist der Beste!« Blondis schriller Schrei dringt durch die Wand. Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf und zähle bis zehn. Die Geräusche aus dem Nebenzimmer ebben ab.

Egal, was Maxime mir am Donnerstag erzählen will, schlimmer als das Drama, das sich gerade in meiner Wohnung abspielt, kann es nicht sein.

Kapitel 2

»Du hast dich wo angemeldet?« Der Schluck Kaffee in meinem Mund landet vor mir auf der weißen Tischdecke.

»Matilda, du schlabberst wie ein kleines Mädchen.« Meine Mutter tupft mit ihrer Serviette auf dem Kaffeefleck herum. Sie sieht unfassbar müde aus. Wahrscheinlich ist sie direkt nach ihrer Nachtschicht im Krankenhaus in die Küche gewankt, um uns unseren Lieblingskuchen zu backen. So war es schon immer: Neben all der Arbeit wollte sie stets, dass es Maxime und mir an nichts mangelt.

»The Dating Game. Das habe ich doch gerade gesagt.« Maxime strahlt übers ganze Gesicht. Ihren Teller hat sie bisher nicht angerührt, obwohl sie normalerweise für ein Stück vom Erdbeerkuchen unserer Mutter morden würde. Das liegt daran, dass die Worte, seit wir an dem winzigen Küchentisch Platz genommen haben, unaufhörlich aus Maximes Mund sprudeln. Bis auf ein paar Nachfragen konnten meine Mutter und ich bisher nichts zu der Unterhaltung beitragen.

»Kennst du die Sendung etwa nicht?« Maxime wirkt überrascht. »Die läuft mittlerweile in der siebten Staffel.«

»Also ich kenne sie nicht«, sagt meine Mutter. Dennoch spiegelt sie Maximes Strahlen. Nur ich fühle mich wie ein Zerrspiegel, der genau das Gegenteil meiner Schwester zeigt. Dieselben großen braunen Augen, dasselbe kastanienbraune schulterlange Haar, dieselben geschwungenen Brauen, zwei Frauen, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen – bloß, dass die eine von einem Ohr bis zum anderen grinst und die andere entsetzt die Augen aufreißt.

»Das Prinzip ist ganz einfach.« Maxime häuft so viel Sahne auf ihren Teller, dass der Kuchen darunter verschwindet. »Zwanzig Frauen kämpfen um einen Mann, jede Woche fliegen ein paar von ihnen aus der Show, und am Ende entscheidet er sich für eine und lebt mit ihr glücklich bis ans Ende seiner Tage.«

Ich ziehe skeptisch eine Braue hoch. »Okay gut, das ist zumindest das Ideal – beim letzten Mal gab es drei Monate nach der Sendung eine Blitzhochzeit und kurz darauf eine Blitzscheidung. Aber: Ein Paar, das sich in einer der früheren Shows gefunden hat, hat vor Kurzem sein zweites Kind bekommen.«

»Und du willst da jetzt die große Liebe finden?«, frage ich. »Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?«

»Auf jeden Fall ist es ein großes Abenteuer.« Maximes Augen nehmen wieder diesen Ausdruck an, den sie jedes Mal bekommen, wenn sie eine neue fixe Idee hat. Ein neues Studienfach, ein neues Hobby, eine Geschäftsidee, die sie nach spätestens einer Woche wieder verwirft.

»Ich glaube nicht, dass man die große Liebe im Fernsehen findet.« Ich zerdrücke eine Erdbeere mit der Gabel.

»Wo denn sonst? In der WG?« Maxime scheint meinen erschrockenen Blick zu bemerken. »Tut mir leid, das ist mir so rausgerutscht.«

Trotzdem hinterlässt ihr Kommentar einen schalen Beigeschmack. Immerhin habe ich in der letzten Stunde, seit meine Mutter mich vom Bahnhof abgeholt hat, nicht ein einziges Mal an Nik gedacht. Jetzt ploppt das Bild seines Lächelns wieder in meinem Kopf auf. Ich versuche, es wegzuwischen, indem ich mich voll und ganz auf meine Schwester konzentriere.

»Und was ist mit der Uni?« Ich schiele Hilfe suchend zu meiner Mutter hinüber, die jedoch nur gedankenverloren in ihrem Kaffee herumrührt. Ihre Augen drohen jeden Moment zuzufallen. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, habe ich das Gefühl, sie ist um weitere fünf Jahre gealtert.

»Möglicherweise ist es dir nicht aufgefallen, Tildi, aber wir haben Semesterferien.« Maxime schiebt sich einen Löffel Sahne in den Mund. »Ich muss zwar für meine Klausuren lernen, aber das kann ich auch in Portugal machen.«

»Oh, ihr dreht in Portugal.« Unsere Mutter seufzt verträumt. »Da wollten euer Vater und ich vor vielen Jahren mal Urlaub machen. Wurde leider nichts draus …«

Ja, weil Papa abgehauen ist, als er gehört hat, dass du schwanger bist, und sich danach nie wieder gemeldet hat.

Maxime denkt offenbar dasselbe. Sie greift nach der Hand unserer Mutter und drückt sie zärtlich, dann wendet sie sich wieder mir zu. Der nervigen großen Schwester, die streng genommen gerade mal drei Minuten älter ist, auch wenn ich mich manchmal fühle, als sei ich doppelt so alt wie Maxime, was wohl weder für sie noch für mich spricht.

»Jedenfalls sehe ich kein Problem darin, mal zwei Wochen gratis Urlaub zu machen.«

»Zwei Wochen? Dauert so ein Dreh nicht länger?«, frage ich.

»Doch, klar. Aber ich sag dem Typen nach zwei Wochen, dass ich aussteige, dann habe ich immer noch ein bisschen Puffer zum Lernen. In gut vier Wochen beginnt die Klausurphase – ist meine letzte Chance.«

Ich schnappe nach Luft. Das ist mir neu. »Heißt das …«

»Ja, Mama.« Maxime rollt die Augen, und meine Mutter lacht über ihren Spruch. Sie lacht! Sollte sie nicht diejenige sein, die ihre Tochter daran hindert, auch ihr viertes Studium zu verhauen? Möchte sie für immer und ewig eine Nachtschicht nach der nächsten schieben, um Maxime unter die Arme zu greifen? Wie viele Falten aus Sorge und Erschöpfung werden sich noch in ihr Gesicht graben, bis meine Schwester es in einem Studiengang über das vierte Semester hinaus schafft?

»Ich habe noch einen Versuch, bevor ich exmatrikuliert werde, also beruhige dich, Tildi«, sagt Maxime. »Ich schaffe das. Außerdem kann ich am Strand sicher viel besser lernen als hier. Und nebenbei tue ich was für mein Studium – wer weiß, am Ende kann ich mir die Dreharbeiten als Praktikum anrechnen lassen.«

»Als Praktikum? Wirklich?«

»Aber ja. Von wegen Feldstudie, wie Menschen sich auf engstem Raum in einer Konkurrenzsituation unter erschwerten Bedingungen, wie der Abwesenheit des gewohnten Umfelds, verhalten.«

»Könntest du dir die Show dazu nicht einfach im Fernsehen anschauen?«

»Das wäre nicht dasselbe.« Maxime zwinkert mir zu.

»Wenn du glaubst, dass es dich in deinem Studium weiterbringt …« Meine Mutter schenkt sich Kaffee nach, aber sie müsste schon ganze Fässer davon trinken, um ihre Augenringe loszuwerden. »Ich bin sicher, du wirst dir das reichlich überlegt haben.«

Argh!

»Mensch, Tildi, entspann dich. Ich hab doch gesagt, in zwei Wochen bin ich wieder hier. Das ist eine einmalige Chance. So was wollte ich schon immer machen.«

Davon höre ich zum ersten Mal.

Manchmal erinnert Maxime mich an einen Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flattert. Je nachdem, welche ihr gerade am besten gefällt. Dass es aber auch giftige Blüten gibt, davon scheint sie keine Ahnung zu haben. Von denen versuche ich, die vorsichtige Biene, sie stets fernzuhalten. Aber hat man je eine Biene gesehen, die es schafft, einen Schmetterling am Landeanflug zu hindern? Ein unmögliches Unterfangen.

Ich sollte endlich lernen loszulassen. Maxime Fehler machen lassen, die sie zwar nicht voranbringen, sie aber um einige Erfahrungen bereichern, wie sie immer betont. Trotzdem fürchte ich, dass sie dieses Mal nicht wieder auf die Beine kommen könnte, wenn sie erneut scheitert.

Lehramt, Philosophie, Design und jetzt Sozialwissenschaft. Allesamt angeblich ihre Traumstudienfächer. Alle voller Euphorie begonnen und nach nur wenigen Semestern beendet, nachdem sie wichtige Prüfungen verhauen hatte. Jedes Mal gefolgt von einer Phase der Verzweiflung, der Antriebs- und Perspektivlosigkeit, bis Maxime sich wieder für ein neues Fach begeisterte und sich Hals über Kopf hineinstürzte. Ich kann nicht leugnen, dass ich meine Schwester heimlich dafür bewundere, dass sie es stets schafft, sich am eigenen Schopf aus der Scheiße zu ziehen. Dass sie sich jedes Mal aufs Neue begeistern kann und sich nicht aufgibt. Dennoch frage ich mich, wie oft das wohl noch klappt. Ob nicht irgendwann die Verzweiflung nach einem erneuten Scheitern größer ist als die Hoffnung? Ich will ihr einfach ersparen, eine weitere Exmatrikulationsbescheinigung im Briefkasten zu finden, sich wieder ein neues Fach, eine neue Stadt, eine neue Wohnung und neue Freunde suchen zu müssen. Ich will nur, dass sie glücklich ist. Langfristig, meine ich.

So glücklich wie du? Wenigstens kann Maxime sich für Dinge begeistern, auch wenn sie sich immer wieder ändern. Und was ist mit dir?

Ich wische den Gedanken trotzig beiseite. Hier geht es gerade nicht um mich.

»Ich finde die Idee gut, Maxime«, sagt meine Mutter. »Ich glaube, das wird eine ganz besondere Erfahrung für dich. Und dein letzter Urlaub ist ja bereits eine ganze Weile her.«

Fünfzehn Jahre, um genau zu sein. Damals hatte meine Mutter ein bisschen Geld von ihrer verstorbenen Großtante geerbt. Sie wollte damit unbedingt eine Kreuzfahrt mit Maxime und mir machen. Leider reichte das Geld bloß für eine Fahrt von Bremen nach Hamburg. Irgendwann soll meine Mutter die Kreuzfahrt nachholen. Wenn ich erst einmal Anwältin bin und genug angespart habe, das habe ich mir fest vorgenommen, dann werde ich ihr diesen Traum erfüllen. Vielleicht glätten Sonne und Seeluft ein paar der tiefen Furchen, die die Doppelbelastung als vollberufstätige Alleinerziehende in ihr Gesicht gegraben hat.

»Danke, Mama.« Maxime steht auf und umarmt sie. Dabei stößt sie mit der Hüfte gegen die Waschmaschine, die unsere Mutter irgendwie in die kleine Küche gestopft hat, weil im Bad noch weniger Platz ist. »Ich bin sicher, es wird eine tolle Zeit.«

Meine Mutter streckt ihre Hand nach meiner aus und zieht mich zu sich heran. »Meine beiden Schätze.« Ich lehne meinen Kopf gegen ihre Schulter. »Ich will nur, dass ihr glücklich seid.«

»Wenn du glaubst, dass es dir guttut und dein Studium nicht gefährdet …«, sage ich gedehnt in Maximes Richtung.

»Im Gegenteil. Vielleicht schreibe ich sogar meine Bachelorarbeit über das Thema.« Maxime strahlt mich an, und ich beiße mir auf die Zunge, um den Gedanken nicht auszusprechen, der mir sofort durch den Kopf schießt. Auch wenn ich es ihr von Herzen wünsche, bin ich nicht sicher, ob es so weit überhaupt kommt.

»Schreib mir bitte regelmäßig, wie es dir geht, ja?« Unsere Mutter streicht Maxime und mir durchs Haar, als seien wir Babys, was wir für sie wahrscheinlich immer sein werden.

»Geht leider nicht. Absolutes Handyverbot. Steht im Vertrag. Kein Kontakt zur Außenwelt. Sonst gibt’s ’ne hohe Geldstrafe.«

Die meine Mutter im Zweifel bezahlen muss.

»Aber ihr seht mich ja dann im Fernsehen.«

»Wird das Ganze live ausgestrahlt?«

»Nein, die Woche über wird gedreht, und jeden Sonntag gibt es einen Zusammenschnitt der Woche und eine Liveshow, in der der Mann seine Entscheidung verkündet.«

»Na, das lassen wir uns nicht entgehen, nicht wahr, Matilda?«

Ich nicke ergeben.

»Am Sonntag fliege ich.« Maximes Wangen glühen. »Ab Montag wird gedreht. Mann, ich bin so gespannt auf die anderen Kandidatinnen und überhaupt auf alles. Hoffentlich ist der Mann heiß.«

»Ich dachte, du machst das nur für deine Feldstudien«, merke ich an.

Maxime grinst. »Schon. Aber manchmal kann man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.«

Kapitel 3

»Beeil dich, Tilda, es geht los!« Sophie sitzt im Schneidersitz auf ihrem Sofa und starrt gebannt auf den Fernseher, während sie sich wie ferngesteuert Popcorn in den Mund schaufelt. Ich lasse mich neben sie in die Kissen sinken und reiche ihr eine Flasche Bier.

»Ich kann’s kaum erwarten.« Ich verdrehe die Augen, und Sophie wirft mir einen tadelnden Blick zu.

Zumindest ist es nicht so schlimm, eine Kuppelshow im Fernsehen anzugucken, wie der Liveshow zu folgen, die seit Wochen in unserer WG stattfindet. Blondi war zwar seit fast zwei Wochen nicht mehr hier, aber zwischendurch hat Nik zwei weitere Kommilitoninnen von sich mit nach Hause gebracht. Angeblich zum Lernen. Doch ich frage mich, wieso beim Lernen das Bett quietscht und Nik keucht, als laufe er einen Marathon.

»Ach komm, das wird lustig. Ich liebe solche Shows! Sag mal, wusstest du, dass das Paar aus Staffel drei, Dennis und Michaela, gerade ihr zweites Kind bekommen haben? Valentin, schöner Name, oder? Und zwischen Cornelius und Isa aus der letzten Staffel tobt ein heftiger Rosenkrieg – sie hat ihm vorgeworfen, sie mit zwei ehemaligen Mitstreiterinnen betrogen zu haben. Bessere Promo kann der Sender sich wohl kaum wünschen.«

»Ich dachte, du interessierst dich nicht für Trash-TV.«

»Jeder hat ein dunkles Geheimnis.« Sophie zuckt mit den Schultern.

Lachend greife ich in die Popcornschüssel. Sophie behauptet immer, zu Studienzwecken nur Filme auf arte zu schauen, am liebsten im Original, und ihre Zeit nie und nimmer mit irgendwelchen Realityshows zu verschwenden – schließlich wolle sie eine ernst zu nehmende Schauspielerin werden, und das fange bereits im Kopf an.

»Ahhh, da ist Maxime!« Kreischend hüpft Sophie auf dem Sofa herum. Es ist so alt und zerschlissen, dass ich fürchte, es könne jeden Moment unter ihr zusammenbrechen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Sophie es vor ein paar Jahren auf dem Sperrmüll gefunden hat und wir es in einer waghalsigen Aktion durch unser enges Treppenhaus bis in den fünften Stock gewuchtet haben.

Ich schüttele die Erinnerung an meinen Beinahsturz über das Treppengeländer ab und wende mich dem Fernseher zu, über dessen Bildschirm die ersten Bilder der Show flackern.

Der Vorspann zeigt ein paar Szenen aus der vergangenen Woche.

Bildschöne junge Frauen, die sich in enge Kleider quetschen und falsche Wimpern ankleben, sich mit Sekt zuprosten und genauso kreischen, wie Sophie es gerade tut.

Auch Maximes Gesicht erscheint hin und wieder auf dem Bildschirm. Ihr Strahlen lässt das der meisten anderen verblassen. Ihr Haar glänzt wie nie, ihr Make-up ist dezent und atemberaubend.

Ist es wirklich schon über eine Woche her, dass Maxime Mama und mir begeistert verkündet hat, sie werde nach Portugal reisen? So lange nichts von ihr zu hören, ist völlig neu für mich. Wenigstens kann ich sie heute Abend wiedersehen, wenn auch nur auf einem Bildschirm.

Als die eigentliche Sendung beginnt, führt eine spindeldünne Moderatorin mit angetackertem Dauerlächeln kurz in das Konzept der Show ein.

»… von der großen Liebe träumen viele. Aber hier in Portugal wird der Traum für eine unserer Ladys vielleicht bald Wirklichkeit. Denn, meine Damen und Herren, so viel darf ich verraten, wir haben einen echten Traumprinzen für sie aufgetrieben. Charmant, gut aussehend, sexy. Jede Woche wird er die Ladys zu aufregenden Dates entführen und jeden Sonntag live verkünden, welche der Damen er in der nächsten Woche wiedersehen will. Es wird Tränen geben, Nervenkitzel und vor allem Liebe, so viel dürfen wir erwarten. So, nun aber genug gequatscht. Sicher sind Sie schon sehr gespannt darauf, unseren Junggesellen kennenzulernen, und ich kann Ihnen verraten, das waren die Damen auch. Aber sehen Sie selbst.«

Das Bild wechselt zu einer cremefarbenen Villa mit rotem Dach. Sie ist gigantisch und von einem riesigen Garten gesäumt, in dessen Mitte ein Swimmingpool eingelassen ist. Wie von Geisterhand öffnet sich das schmiedeeiserne Gartentor, und die Kamera fährt einmal quer über die Wiese bis ins Innere der Villa, wo gemütliche Sofas und Sessel zum Relaxen einladen.

Die Kamerafahrt geht weiter eine geschwungene Treppe hinauf und durch mehrere Schlafzimmer mit rosa Wänden und Betten, auf denen sich weiße und pinke Kissen türmen.

»Was für ein Klischee.« Sophie nimmt einen Schluck von ihrem Bier. In ihrem Zimmer kommt die Farbe Rosa ebenso wenig vor wie in meinem, in dem alles in Grün- und Erdtönen gehalten und jede Ecke mit Pflanzen vollgestellt ist.

Endlich kommt die Kamera zum Stillstand und zoomt auf einen Brief, der auf einem der Betten abgelegt wurde. Eine rosa Schleife ist darumgewickelt – natürlich …

Schnitt.

Eine Horde junger Frauen fegt schreiend vor Begeisterung wie ein Schwarm wild gewordener Hornissen durch sämtliche Zimmer der Villa. Eine davon ist meine Schwester. Sie schreit nicht, strahlt aber übers ganze Gesicht beim Anblick der Stuckdecken und der riesigen Tafel, die im Wohn-Essbereich steht, von dem aus man direkt auf den Pool schauen kann.

Ein paar Interviews werden eingeblendet. Die Charaktere der Kandidatinnen sind genauso unterschiedlich wie ihr Äußeres. Es gibt eher schüchterne, introvertierte Frauen, laute, selbstbewusste und jene, die ich auf den ersten Satz nicht leiden kann. Allen voran eine Violetta-Constanze, die mit wenigen Worten klarmacht, was sie von ihren Konkurrentinnen hält: nichts.

Ihre nahezu durchsichtige Haut sieht aus, als hätte man sie mit Sicherheitsnadeln hinter den Ohren festgesteckt. Nicht die geringste Falte ist zu erkennen, nicht einmal eine Lachfalte um die Augen. Ob das an ihrem mangelnden Humor oder moderner Chirurgie liegt, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall wird schnell klar, dass diese Frau keine Rücksicht auf Verluste nehmen wird, wenn es darum geht, die Show zu gewinnen.

Am sympathischsten ist mir eine junge Frau mit lockigem schwarzem Haar und brauner Haut, die ihr freundliches Lächeln besonders zur Geltung bringt. Sie stellt sich den anderen als Lisa vor, und ich kann selbst durch den Fernseher erkennen, dass meine Schwester sie auf Anhieb in ihr Herz geschlossen hat. Zwar heißt das bei Maxime nicht viel, ihr Herz ist so groß und offen, dass es sogar für ihre Ex-Freunde und deren neue Freundinnen Platz bietet, aber bei Lisa scheint sie den richtigen Riecher zu haben. Zumindest, soweit ich das aufgrund der eingespielten Szenen der letzten Tage beurteilen kann.

Nachdem etwa eine Viertelstunde die Ankunft in der Villa und kurze Interviewsequenzen der Kandidatinnen gezeigt wurden, wird der Brief, der auf dem Bett deponiert war, verlesen. Die Frauen sollen sich etwas Elegantes anziehen und draußen im Garten auf Mr Unbekannt warten.

Gebannt beobachten Sophie und ich, wie die Kandidatinnen nach einigem Geschrei und Tränen der Überforderung die Schränke aufreißen und Schuhe und Kleider in sämtlichen Farben des Regenbogens hervorholen.

Maxime erscheint in Großaufnahme im Bild, sie trägt ein Kleid, das ihr bis knapp über die Knie reicht. Sie sieht bezaubernd aus, und das Gelb ihres Kleides unterstreicht ihren Charakter perfekt. Unsere Mutter nennt sie stets ›unser Sonnenscheinchen‹ und hat damit absolut recht. Langsam und konzentriert bindet Maxime die Bänder ihrer braunen High Heels um ihre Knöchel. Ich bin beeindruckt, mit welcher Souveränität sie auf den schwindelerregend hohen Absätzen nach draußen in den Garten schreitet und sich mit den anderen Frauen, die das Tor keinen Moment aus den Augen lassen, vor dem Pool aufreiht.

Die Kamera zoomt wieder an Maxime heran, die sich nervös auf die Lippe beißt. Erschrocken registriere ich, dass ich genau dasselbe tue. Das ist auch Sophie nicht entgangen.

»Es kommt mir vor, als würde ich dich durch den Fernseher beobachten, während du neben mir sitzt. Total crazy.«

Ich nehme einen Schluck Bier und kann die Augen nicht von meiner Schwester abwenden. Ihre Haut hat bereits nach einem Tag in Portugal so viel Sonne getankt, dass sie von einer leichten Bräune überzogen ist. Ihre Augen sprühen vor Neugier und Energie Funken. Wenn dieser Typ sie nicht vom Fleck weg heiratet, dann ist ihm echt nicht zu helfen.

Plötzlich ertönt ein Kreischen. Hinter Violetta-Constanze steht ein hochgewachsener Mann mit blondem Haar und stechend blauen Augen, die in der Abendsonne leuchten. Der Mann ist nicht, wie die Kandidatinnen erwartet haben, durch das Gartentor, sondern offenbar durch den Haupteingang der Villa und über die Terrasse nach draußen gekommen, wo er sie von hinten überrascht hat. Aufgeregt schnatternd stürzen sich alle auf ihn. Floskeln werden ausgetauscht.

Ich bin so nervös. Ich auch.

Wie heißt du? Florian, und du?

Wo kommst du her? Aus Münster.

Was machst du so? Ich studiere Architektur.

»Der ist ja wohl mal ultraheiß!« Sophie hat die Bierflasche auf halben Weg zum Mund vergessen und starrt über sie hinweg auf den Bildschirm.

»Ich finde, er sieht wie ein ziemlicher Schnösel aus. Eine Tube weniger Gel hätte es auch getan.«

»Tilda, bist du blind? Der Typ ist eine glatte Zehn!« Sophie stellt ihr Bier am Boden ab und stützt den Kopf auf ihre Hände. »Wenn Maxime schlau ist, nimmt sie ein paar heiße Küsse mit, bevor sie die Show verlässt. Wenn sie die Show verlässt.«

»Das wird sie! Sie hat es versprochen. Sie wird ihr Studium ganz sicher nicht für ein paar Wochen Sonne und Mr Schnösel sausen lassen.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.« Sophie klingt nicht überzeugt.

Nachdem sich alle Kandidatinnen Florian vorgestellt haben, findet eine feucht-fröhliche Cocktailparty statt, die damit endet, dass alle ihre Abendgarderobe gegen Bikinis (in einigen Fällen eher Stoffreste, die nur das Nötigste verdecken) eintauschen und in den Pool hüpfen.

Dass aus Sophies offen stehendem Mund kein Speichel tropft, ist verwunderlich. »Wie kann man nur so einen sexy Körper haben?«, fragt sie mehr an sich selbst als an mich gerichtet.

»Indem man seine Prioritäten auf dessen Aufbau und Erhaltung statt auf andere Dinge setzt.«

»Oh Mann, der Typ weiß, wie man Prioritäten setzt.«

»Sophie, du bist echt schlimm! Das ist doch keine Fleischbeschau.« Ich betrachte all die halb nackten Singles, die im Pool planschen und Florian dabei deutlich öfter als notwendig wie zufällig berühren. »Okay, wahrscheinlich ist es genau das. Aber das ist doch total idiotisch. Geht es in dieser Sendung darum, die Liebe zu finden oder nur jemanden zum …«

»Ach Tilda, sei nicht so naiv. Natürlich geht es da um einiges mehr. Gratis am Pool rumlümmeln, flirten und nebenbei die eigene Karriere als Influencer vorantreiben.«

»Oder für sein Studium ein paar Erfahrungen sammeln«, werfe ich ein.

Sophie schüttelt lachend den Kopf. »Du glaubst das deiner Schwester echt?«

»Sie glaubt es sich selbst.«

»Okay, mag sein. Aber wenn du mich fragst, sieht das nicht nach professioneller Distanz aus.« Sophie deutet auf den Fernseher. Maxime hält einen so geringen Abstand zu Florian ein, dass kaum ein Blatt zwischen sie passen würde. Ihr Strahlen ist intensiver als Sonnenlicht, und Florian sieht aus, als habe er all die anderen Frauen, die ihn wie Nixen umkreisen, völlig vergessen.

Der Anblick meiner Schwester versetzt mir einen Stich. Normalerweise hören wir täglich voneinander, sei es per Telefon oder Voicenachricht. Dass ich bereits seit über einer Woche weder eines ihrer lustigen Selfies, auf denen sie die verrücktesten Gesichtsverdrehungen vollführt, bekommen noch ihre Stimme gehört habe, ist ein völlig neues Gefühl für mich – eins, das mir gar nicht gefällt. Ich vermisse sie. Wie es ihr wohl in diesem Moment geht?

Die Antwort erhalte ich knapp zwei Stunden später, als die Sendung nach dem Zusammenschnitt der ersten Woche in die Liveshow übergeht. Dem Kennenlernen folgten ein paar Dates, in der Gruppe und in Maximes Fall auch allein. Es gab die ersten Zickereien, erste Tränen, und eine Teilnehmerin stieg freiwillig aus, weil sie ihren Ex-Freund mit einem Mal so vermisste. Meine Schwester tanzte und lachte inmitten der anderen, doch am meisten strahlte sie in Florians Gegenwart.

»Sie steht total auf ihn.« Sophie drückt mir ein neues Bier in die Hand.

»Quatsch. Sie ist ein Sonnenschein, das war sie schon immer.«

»Wie du meinst.«

»… liegt eine aufregende Woche hinter unseren Mädchen und ihrem Traummann. Und nun, meine Damen und Herren, wird es ernst. Die Frage, die uns alle brennend interessiert, ist: Für wen wird Florian sich entscheiden?« Die Moderatorin, die in die Show eingeführt hat, steht in ihrem rosa-weiß gestrichenen Studio vor einer Fotowand mit Bildern der Kandidatinnen. »Wen wird er mit in die nächste Woche nehmen? Wir schalten nun live in die Villa.«

Schnitt.

Die Kandidatinnen stehen wie am ersten Abend aufgereiht im Garten. Florian begrüßt jede mit dem obligatorischen Links-Rechts-Küsschen und fasst kurz zusammen, wie er die erste Woche empfunden hat, was der ein oder anderen Frau die Tränen in die Augen treibt. Er geht dabei nicht gerade sparsam mit Komplimenten um, und wenn man ihn so reden hört, könnte man glatt meinen, dass er am Ende alle Frauen mit nach Hause nehmen möchte – und vielleicht würde er das wirklich gern. Aber das wäre gegen die Spielregeln. Die sehen eine Entscheidung vor, und zu der kommt Florian nach langem Herumgesülze nun endlich. Die Frauen müssen die Augen schließen, während Florian die Reihe abschreitet und seine Favoritinnen auf die Stirn küsst. Eine nach der anderen atmet erleichtert auf und fällt ihm um den Hals.

Schließlich steht Florian vor Maxime. Er hält kurz inne, scheint zu überlegen. Dann grinst er unverschämt frech in die Kamera und drückt meiner Schwester einen Kuss auf die Stirn. Lachend reißt sie die Augen auf und schlingt ihre Arme um Florian. Ihr Strahlen weitet sich von ihren Augen und ihrem Mund auf ihren ganzen Körper aus. Er glüht regelrecht vor positiver Energie, und dieses Glühen geht auf Florian über, der Maxime fest an sich drückt.

Sophie lässt sich nach hinten in die Sofakissen sinken. »Deine Schwester hat echte Chancen, das Ding zu gewinnen.«

Ich winke ab. »Selbst wenn. Nächste Woche ist die Reise für sie zu Ende.«

»Warten wir’s ab.«

Ich werfe ein Kissen nach meiner Freundin. »Nix da mit warten wir’s ab. Sie hat es versprochen.«

Sophie zieht skeptisch die Brauen hoch. »Mag sein. Aber da hatte sie Florian noch nicht gesehen.«

»Es braucht schon mehr als einen heißen Typen, damit meine Schwester ihr Studium schmeißt«, sage ich, obwohl mir klar ist, dass Maxime ihre Pläne in der Vergangenheit für weit weniger über Bord geworfen hat.

Diesmal nicht, beruhige ich mich. Diesmal ist es ihr ernst damit. Sie wird die Show wie angekündigt in einer Woche verlassen. Ganz sicher.

»Am Sonntag wirst du sehen, dass ich recht habe.« Ich schalte den Fernseher ab. »Ich kenne meine Schwester, so schnell sie sich für Dinge begeistern kann, so schnell verliert sie auch wieder das Interesse.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, wiederholt Sophie, und die Art, wie sie das sagt, gefällt mir ganz und gar nicht.

Kapitel 4

»Jetzt leg das doch mal zur Seite, die Entscheidung steht an.« Sophie, die gerade mit einer Schüssel frischen Popcorns aus der Küche zurückkommt, sieht mich auffordernd an und deutet auf das aufgeschlagene Gesetzbuch in meiner Hand. »Du starrst schon den ganzen Abend mehr da rein als auf den Fernseher.«

»Ich kann mir den Mist nur in homöopathischen Dosen reinziehen«, sage ich, klappe dann aber das Buch zu. Die letzten zwei Stunden ist mein Blick ständig zwischen Bildschirm und Buchstaben hin- und hergewandert. Von der zweiten Folge von The Dating Game habe ich nur Fetzen mitbekommen. Den Ausritt, bei dem Lisa vom Pferd gefallen ist und sich den Knöchel verknackst hat. Den Aufschrei von Nadja, als sie den Sonnenbrand in ihrem Dekolleté entdeckt hat. Sonja, die beinahe das Gruppendate verschlafen hat. Und ehrlich gesagt hat mir das völlig gereicht. Das ständige Gekreische der Frauen und – sobald sie im Interviewzimmer sitzen – die Lästereien über andere Kandidatinnen, denen sie kurz zuvor noch in den Armen lagen, sind kaum zu ertragen. Nicht, dass Gesetzestexte eine angenehme Alternative wären, aber immerhin schreien sie mir nicht schrill in die Ohren.

»Toll, jetzt hast du Maximes ersten Kuss mit Florian verpasst«, ruft Sophie.

»Was?« Ich reiße entsetzt die Augen auf.

»Spaß. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass er sie bei dem Gruppendate am Lagerfeuer gerne geküsst hätte, dumm nur, dass dieser Vico ausgerechnet in dem Moment schlecht wurde.«

»Wer ist Vico?«

»Na, Violetta-Constanze«, sagt Sophie, als sei das völlig offensichtlich.

»Dann sollte ich ihr wohl dankbar sein, dass sie verhindert hat, dass meine Schwester eine Dummheit macht.«

»Wieso? So ein bisschen Knutschen am Strand ist doch schön. Du solltest echt mal den Stock aus deinem Hintern nehmen, Tilda.«

Sophie ahnt gar nicht, wie ähnlich sie meiner Schwester manchmal ist. Den Satz habe ich von Maxime so oft gehört.

»Das letzte Mal, als ich das gemacht habe, war ein ziemlicher Reinfall.« Ich nicke in Richtung der Wand, hinter der Niks Zimmer liegt. Ausnahmsweise ist daraus kein Stöhnen zu hören. Oder Sophie hat den Fernseher laut genug gedreht, sodass er alles andere überdröhnt.

»Still jetzt!«, ruft Sophie und wirft Popcorn nach mir. »Es geht los!«

Ich zupfe mir ein paar der Krümel vom Pullover. »Hey, das klebt alles voll!«

»Scht!«

Gebannt starren wir auf den Fernseher. Florian steht in einem weißen Anzug (Schnösel – hab ich doch gesagt!) vor den ebenfalls fein herausgeputzten Frauen, die alle die Augen geschlossen halten.

»Heute müssen uns leider drei von euch verlassen.« Er lässt seinen Blick von einer zur anderen wandern. »Das bedauere ich sehr, denn ihr seid alle tolle Mädchen.«

Mädchen …

»Die sind doch keine Kinder mehr.«

»Scht!«

»Ist ja gut.«

»Tilda!«

»Aber ich musste eine Entscheidung treffen, und die ist mir alles andere als leichtgefallen …«