The Fields – Was vergraben bleibt - Erin Young - E-Book
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The Fields – Was vergraben bleibt E-Book

Erin Young

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Beschreibung

Eine Tote im Feld, fieberhafte Ermittlungen und ein Dorf, das nie wieder so sein wird wie zuvor. Drückende Sommerhitze liegt über Iowa, als in einem Maisfeld eine übel zugerichtete Leiche gefunden wird. Die zuständige Ermittlerin Riley Fisher ist erst kürzlich in ihre alte Heimat im Mittleren Westen zurückgekehrt und verbindet eigentlich nur schlechte Erinnerungen mit der Gegend. Als sich herausstellt, dass die Tote eine ehemalige Schulkameradin ist und weitere Opfer auftauchen, fühlt sich Riley unter Druck, den Fall schnellstmöglich zu lösen. Doch während ihrer Ermittlungen stößt sie auf einen unvorstellbaren Skandal, der nicht nur ihr kleines Dorf und ihre eigene Familie betrifft … »Ein beklemmender, spannungsgeladener Thriller mit großartigen Charakteren.« PUBLISHERS WEEKLY »Einfach fesselnd! Ich möchte unbedingt noch mehr von der starken Ermittlerin Riley Fisher lesen!« Cristina Alger

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Mahler

© Erin Young, 2022

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »The Fields« bei Hodder & Stoughton, London 2022

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: zero-media.net, München

Covermotiv: WilliamSherman/iStock/GettyImages; Drunaa/Trevillion Images; FinePic®, München

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

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Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

1

Ohne nachzudenken, ohne Orientierung rannte sie los. Die Verzweiflung trieb sie tief in die Felder hinein. Die endlosen Maisreihen waren wie ein beklemmendes Labyrinth, die reifen Ähren beugten sich schwer über sie und verfingen sich in ihrem Haar. Eine Warnung aus ihrer Kindheit blitzte grell in ihrem Gedächtnis auf: Verirr dich nicht im Maislabyrinth! Wie Klingen peitschten ihr die Halme gegen die Handflächen, als sie durch die hoch aufragenden Stängel stürmte, ohne sich umzusehen.

Sie stolperte über den zerfurchten Boden, und die trockene Erde zerfiel unter ihren Füßen. Ein Turnschuh, der bereits die halbe Ferse entblößte, rutschte ihr vom Fuß. Sie schüttelte ihn ab, und Erde drang in ihre Socke. In ihren Ohren pochte es dumpf. Die Nacht war wolkenverhangen, und die tiefe Dunkelheit schien sie zu erdrücken. Sie spürte die Pollen um sich herum, wie sie ihr in den Augen brannten und ihr die Kehle zuschnürten, mit dem beißenden Geruch von Chemikalien. Die Stimme ihrer Mutter ertönte: Vergiss deine Medikamente nicht! Zwischen den Atemzügen stieß sie ein Schluchzen hervor.

Ihre Lunge brannte. Das Dröhnen in ihren Ohren wurde lauter. Es war nicht das Pochen ihres Bluts – da war etwas anderes. Dort draußen. Es kam näher. Entsetzen durchfuhr sie, als grelles Licht die Schatten durchschnitt und das verknotete Blätterdach über ihr grün schimmern ließ. Sie warf sich zu Boden und krümmte sich um die Stützwurzeln einiger Halme, die Augen zusammengekniffen. Die Drohne kreiste über ihr und heulte wie ein Zahnarztbohrer.

Langsam flog sie weiter und leuchtete die Felder gnadenlos aus. Was war das, was sie unter dem leiser werdenden Surren hörte? Das Brummen eines Motors in der Ferne? Bewegungslos lag sie auf dem Boden, eins mit den Wurzeln und der trockenen Erde. Wie eine Maus, die sich vor einem Falken versteckt.

Als sich ihre Atemzüge verlangsamten, setzte der Schmerz ein, den das Adrenalin bisher in Schach gehalten hatte. Ihr ganzer Körper schmerzte. Der Hinterkopf, der so hart getroffen worden war, dass sie Sterne gesehen hatte, zwei Finger ihrer linken Hand, die sich mit einem ekelerregenden Knacken zurückgebogen hatten, als sie gefallen war, ihr Oberschenkel, wo die dünne Baumwolle ihrer Kleidung zerrissen war. Am schlimmsten aber schmerzte ihr Hals, der zu brennen schien.

Sie wollte sich an die Kehle fassen, hielt aber inne, als ihre Finger etwas Glitschiges und Feuchtes ertasteten. Ihr T-Shirt war durchnässt. Sie hatte gedacht, es sei Schweiß, die Nachtluft war so drückend, dass sie kaum atmen konnte. Aber jetzt roch sie Blut. Warm und metallisch. Erinnerungsfunken: der Sturz vom Fahrrad, glühender Asphalt und aufgeschürfte Knie. Der Schlachthof ihres Onkels in Fayette, das Quietschen halb betäubter Schweine, das Sirren bogenförmiger Klingen. Rote Perlen auf ihrer Handfläche, die unter dem Rasiermesser aufquollen, der heiße Druck einer anderen Hand auf ihrer.

Sie zitterte am ganzen Körper. Sie wusste, dass sie aufstehen musste, aber ihre Glieder waren wie Blei. Ihr Atem ging schneller. Die Dunkelheit vor ihr schien zu schwanken, ein Windhauch ließ das Korn erzittern. In ihren Gedanken war jetzt ein Lachen zu hören. Hüfthohe Getreidefelder wogten vor ihr, während sie rannte. Er war hinter ihr und kam näher. Der köstliche Schock, als sich seine Arme um ihre Taille legten und ihr Lachen in einem Schrei endete, als sie in die Luft gehoben wurde. Seine Lippen auf ihren; Salzschweiß und Maisstaub. Das Verlangen, das sie warm durchströmte.

James.

Ihre Gedanken blieben bei ihm hängen. Wie er an ihrem Hochzeitstag Konfetti aus seinem Haar schüttelt. Wie er auf dem Weg zur Arbeit seine Krawatte im Spiegel zurechtrückt, ihr an der Haustür einen Kuss zuwirft, den sie mit der Hand auffängt und zu ihm zurückhaucht. Die Nächte in dem schönen Haus, das sie zusammen gebaut haben, das Zirpen der Zikaden durch die Fenster seines Arbeitszimmers, seine konzentriert hochgezogene Stirn, der Bildschirm, der sich in seiner Brille spiegelt, und die Gleichungen, die darauf hinaufgleiten. Das Knarren ihres Betts, als er zu ihr unter die Decke kriecht und eine Entschuldigung murmelt, als sie aufwacht.

»Wo bist du so lange gewesen?«

»Arbeiten.«

»Wie spät ist es?«

»Zeit zum Schlafen.«

Ihr Nacken pochte. Die Nässe breitete sich aus. Sie spürte ein seltsames Flattern tief in ihrem Inneren und erkannte, dass es ihr eigenes Herz war, das schnell und schwach wie kleine Flügel gegen ihre Brust schlug.

Sie sah sich selbst im Küchenspiegel, einige Stunden zuvor, die Augen rot, das blonde Haar zerzaust, als sie die Schlüssel nahm und das Haus verließ. Dann die Fahrt: die Klimaanlage, die ihre Augen trocknete, die ruhig gesprochenen Anweisungen des GPS. Raus aus den gepflegten Wohnvierteln und die Hinweisschilder des Einkaufszentrums entlang, vorbei an Wendy’s und einem Beerdigungsinstitut, vorbei an einer Bob’s-Lube-Autowerkstatt und einer Zahnarztpraxis samt Werbetafel mit einer Frau darauf, ihr Neonlächeln von Insekten umschwirrt. Vorbei an der Kum-&-Go-Tankstelle, über die Bahngleise, den ölschwarzen Fluss entlang, die Straßenlaternen in der Ferne. Vor ihr ein Wasserturm, der über die weite Dunkelheit der Maisfelder wacht. Sie war diese Strecke schon einmal gefahren, in Gedanken bei ihm, aber die Angst hatte sie umkehren lassen. Motten, die gegen die Windschutzscheibe klatschten. Rücklichter, die wie rote Schlieren in die Dunkelheit bluteten.

Das Flattern in ihrer Brust wurde schwächer. Sie spürte die Erde vor sich an ihren trockenen Lippen. Sie war noch nie so durstig gewesen. James, der sich an ihrem Hochzeitstag dicht an sie lehnt, während der Champagner in seinem Glas sprudelt. O Gott! James? Ihre Gedanken verebbten, die Erinnerungen verblassten wie ein ferner Güterzug, der einsam durch die Prärie fährt.

So durstig. So müde.

Zeit zum Schlafen.

2

Riley Fisher blickte erneut auf den Bildschirm. Das GPS wollte immer noch, dass sie rechts abbog, der Pfeil blinkte beharrlich. Ihr Blick wanderte zur Uhr. Dreiundzwanzig Minuten, seit die Zentrale angerufen hatte. Sie trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad und hoffte, dass die Ampel endlich umschalten würde. Der morgendliche Stoßverkehr – Pick-ups und Trucks – donnerte über den Highway.

»Von hier aus kann ich laufen.«

Im Rückspiegel sah Riley, dass Madison von ihrem Handy aufschaute.

»Ist schon gut, Süße.«

Ihre Nichte hielt ihrem Blick einen Moment lang stand, dann widmete sie sich wieder dem, womit sie beschäftigt war, seit Riley sich den Rucksack des Mädchens geschnappt und es aus dem Haus ins Auto gejagt hatte. Das Leuchten des Bildschirms betonte die scharfen Konturen von Maddies Wangen.

Das Hupen eines Pick-ups verriet ihr, dass die Ampel umgeschaltet hatte. Riley bog links ab. Sie fuhr die Lafayette hinunter und an der Polizei vorbei – in die entgegengesetzte Richtung, in die sie eigentlich fahren sollte –, als sie Logan Wood auf dem Parkplatz sah, dessen goldenes Dienstabzeichen im Sonnenlicht glänzte.

Er entdeckte sie und lief mit erhobener Hand auf den Bürgersteig. Als sie anhielt, öffnete Logan die Tür und steckte seinen Kopf in den Wagen. Er hatte eine Pilotenbrille auf. Unter seinem khakifarbenen Hemd trug er ein schwarzes T-Shirt mit dem weißen Schriftzug der Polizeibehörde: BHCSO. Black Hawk County Sheriff’s Office. »Bist du auf dem Weg zum Tatort? Ich habe gerade den Anruf bekommen, aber Carter hat noch nicht Feierabend, und wir haben zu wenig Streifenwagen.«

»Steig ein.«

Logan schwang sich auf den Beifahrersitz, wobei er das mobile Datenterminal so zur Seite rücken musste, dass seine breite Statur in den niedrigen Sitz des Dodge Charger passte. Dann entdeckte er das Mädchen auf dem Rücksitz. »Oh. Hey, Maddie!«

»Hi«, sagte sie, ohne aufzusehen.

Logan blickte zu Riley. Seine gebräunte Stirn legte sich in Falten. »Ethan«, murmelte sie und fädelte sich in den Verkehr ein. »Ich muss sie nur noch nach Hause bringen.«

Sechs Blocks weiter hielt Riley vor einem heruntergekommenen Haus am Rande eines der ärmeren Viertel von Waterloo. Die Straße war mit Schlaglöchern übersät, zwischen den Rissen wucherte Unkraut. Die Häuser standen dicht beieinander, in den kleinen Vorgärten hingen amerikanische Flaggen schlaff in der drückenden Morgenluft. Verrostete Grills und durchhängende Gartenliegen ragten aus wild gewachsenem Gras. Vor dem Haus ihrer Schwägerin stand ein großer roter Abschleppwagen halb auf dem Bordstein. An der Tür war die Aufschrift Mason Lee’s Auto Repairs zu lesen, unterstrichen mit einem Schraubenschlüssel.

Maddie kletterte aus dem Auto, das Handy noch immer in der Hand. Auf dem Gehäuse war ein weißer Totenkopf zu sehen, schwarze Augenhöhlen starrten zwischen ihren Fingern hindurch. Riley wusste nicht, wann Maddie das glitzernde rosa Gehäuse, das sie ihrer Nichte zum vierzehnten Geburtstag geschenkt hatte, ausgetauscht hatte.

»Wir sehen uns bald wieder!«, rief sie durch das runtergekurbelte Seitenfenster.

Maddie drehte sich zum Haus, schüttelte ihr dunkles Haar und schwang sich den Rucksack über die Schulter.

»Hey! Ich liebe dich.«

Das Mädchen blickte zurück. Ein Lächeln erhellte kurz ihr Gesicht. »Ich liebe dich auch.« Dann war sie weg, verschwand hinter dem roten Abschleppwagen und ging die Stufen zur Veranda hinauf.

Riley wartete, bis sich die Fliegengittertür geschlossen hatte, dann fuhr sie los.

»Ungefähr so gesprächig wie Jake und Callie frühmorgens«, bemerkte Logan.

Riley antwortete nicht. Sie hatte Logans Nichte und seinen Neffen schon ein paarmal getroffen und fand sie aufgeweckt und eher redselig. Ein kleines Wunder, wenn man bedachte, was sie durchgemacht hatten.

So war auch Madison gewesen, noch vor einem Jahr: Sie hatte viel gelacht und sich Riley gegenüber stets zugewandt gezeigt. Ein Beweis dafür war das ausgefranste Freundschaftsarmband an ihrem Handgelenk, das das Mädchen stundenlang für sie geflochten hatte, in ihren Lieblingsfarben – Pfauenblau und Ozeangrün. Die sind so in dem Alter, hatte Tante Rose gesagt. Aber Riley war sich nicht so sicher, ob Maddies Alter das Problem war. Ihr Blick ging zum Rückspiegel, in dem der Abschleppwagen immer noch zu sehen war. Dann bog sie um die Ecke und setzte den Fuß aufs Gaspedal.

Wenige Augenblicke später überquerten sie den Cedar River, der wie ein Stahlblech glänzte und sich durch endlose Meilen Ackerland und Prärie schlängelte, bis er in den Iowa River mündete, der schließlich in den mächtigen Mississippi strömte. Die Abgase der Fabriken an den Flussufern bedeckten den Himmel, und bald verschwand der Cedar hinter ihnen. Er lief in die Bäche aus, die sich ihren Weg durch die dichten Wälder des State Park bahnten. Alle Wasserläufe waren wie Adern miteinander verbunden und die Oberflächen der zahlreichen Tümpel mit Algen bedeckt.

Logan kippte den Bildschirm des Bordcomputers so weit, dass er die Angaben neben der GPS-Karte lesen konnte. Die Zielflagge stand mitten im Nirgendwo. »Ein Bauer hat Meldung gemacht?«

»Vor knapp einer Stunde.«

»Wer ist vor Ort?«

»Schmidt und Nolan sind da. Cole hat den Anruf entgegengenommen.«

Riley versuchte, ihren Tonfall neutral zu halten, aber sie bemerkte, wie Logan sie von der Seite ansah, und wusste, dass er die Schärfe in ihrer Stimme zur Kenntnis genommen hatte.

Sie bog vom Highway ab, ehe sie Cedar Falls erreichten, wo sie die Fahrt begonnen hatte, und endlich waren sie auf dem richtigen Weg, fuhren auf leeren Nebenstraßen nach Norden. Maisfelder erstreckten sich bis in die Ferne, an den Straßenrändern waren Schilder mit den Namen der verschiedenen Maissorten und ihrer Herkunft angebracht. Die meisten Schilder zeigten das Firmenlogo von Agri-Co – einem der größten Agrarunternehmen Amerikas, das für einen Großteil der Saatgutentwicklung des Landes verantwortlich war und zu den wichtigsten Lieferanten von Agrochemikalien gehörte. Es gab nicht viele Farmen im Corn Belt, die noch keine Produkte von Agri-Co verwendeten, welche entweder in den Boden gesät oder aufgesprüht wurden.

Logan schlug sich auf den Nacken. »Verdammtes Ungeziefer!« Er betrachtete seine Hand, dann fischte er ein Fläschchen Handdesinfektionsmittel aus der Ledertasche an seinem Gürtel, die neben seiner Waffe hing. Er drückte einen Klecks in seine Handfläche, rieb die Hände aneinander und erfüllte das Auto mit einem chemischen Geruch. »Ungeziefer, Scheiße und Mais.« Er deutete mit seinen desinfizierten Händen auf die schnurgerade Straße, die sich hinter der staubverhangenen Windschutzscheibe scheinbar endlos vor ihnen erstreckte. »Es hört nicht mehr auf, verdammt!«

Vor fast einem Jahr war Logan mit seinen Eltern aus Flint hergezogen. Sein Vater und die Kinder seiner Schwester waren von der Katastrophe schwer getroffen worden – Blei war in die Wasserversorgung von Flint gesickert, nachdem die Stadtverwaltung das Abwassersystem umgebaut hatte, um Geld zu sparen. Danach hatten die Verantwortlichen versucht, die verheerenden Folgen zu vertuschen. Logans Mutter beschloss, dass ein Neuanfang in der grün-goldenen Prärie von Iowa für sie alle gut sein würde. Aber Logan, der bei seiner Familie wohnte, um Geld zu sparen, schien sich nur schwer anpassen zu können, nicht zuletzt, weil er in Flint Detective gewesen und mit der Versetzung hierher zum Deputy degradiert worden war. Zudem kannte er sich im Streifendienst kaum aus.

»Man kann es auch Heimat nennen«, sagte Riley und blickte auf die Soja- und Maisfelder, die sich vor ihnen in sanften Wellen wie ein großes, ruhiges Meer erstreckten. Hier und da durchbrachen rote Scheunen die Felder wie die Bugspitzen graziler Schiffe, und die Flügel der Aermotor-Windmühlen, die Wasserpumpen antrieben, ragten wie Masten über ihnen auf. In der Ferne sahen sie Windräder und Getreidesilos wie silbern schimmernde Türme, die einige der größeren Bauernhöfe im Landkreis markierten. Die Luft war staubig. Ein Wasserturm, dessen bauchige Schale auf spindeldürren Stahlbeinen wippte, stand ganz in der Nähe. Nur ein paar weiße Wolkenfetzen zogen über den blauen Himmel. Ein »perfekter Baumwolltag«, hätte ihre Mutter gesagt.

»Und so verdammt flach«, murmelte Logan. »Als ob Gott darauf rumgetrampelt wäre.«

»Vermisst du die Berge von Michigan?«

»Wir haben Hügel. Hügel, wie du sie noch nie gesehen hast, Flatlander.«

»Für dich bin ich Sergeant Flatlander, du Hügeljunge.« Riley wählte ihre Worte sehr vorsichtig. In den sechs Monaten, als sie noch Streifendienst geschoben hatte und er ihr als Partner zugeteilt worden war, hatten sie sich immer auf diese Weise gegenseitig aufgezogen. Logan hatte sich über alles in Iowa lustig gemacht, meistens über die Absolventen der Hawkeye Law Enforcement Academy; sie hatte ihn wegen seiner Fitnessbesessenheit, seiner Proteinshakes und Vitaminkuren aufgezogen. Und wegen seines Hygienefimmels.

Aber jetzt war alles anders.

Logan grinste, die weißen Zähne hoben sich von seiner übertriebenen Bräune ab. Verstrahlte Bräune, hatte sie einmal gescherzt und die Worte schon bereut, als sie ihren Mund verlassen hatten. Logans Familie litt noch immer unter den Folgen des vergifteten Wassers – sein Vater wäre beinahe an der Legionärskrankheit gestorben, seine Nichte und sein Neffe kämpften mit Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten. Und Logan hatte nicht gelacht über die Bemerkung.

Vor ihnen, am Straßenrand, hatte jemand ein Schild an einen Strommast genagelt. Riley sah die rot, weiß und blau aufgemalten Buchstaben aufblitzen.

Wählt regional! Wählt Cook!

»Vielleicht hat sie eine Chance«, sagte Logan.

»Vielleicht.«

Am Morgen hatten die Nachrichtensender über den Vorsprung von Senatorin Jess Cook vor Gouverneur Bill Hamilton berichtet, den die letzten Umfragen zur Gouverneurswahl ergeben hatten. Cook, eine Bauerntochter und überzeugte Umweltschützerin sowie Verfechterin von nachhaltiger regionaler Landwirtschaft, schien gut auf den kleinen, aber heftigen Protestwellen zu reiten, die Hamiltons Wahlkampf begleiteten. Erst gestern war das Auto des Gouverneurs in Des Moines von Demonstranten mit Eiern beworfen worden, aus Protest gegen dessen Verbindungen zu großen Agrarunternehmen, deren Unterstützung ihm geholfen hatte, sich drei Amtszeiten lang an der Macht zu halten, deren Praktiken aber Familien aus dem Geschäft gedrängt und ganze Ökosysteme geschädigt hatten.

»Meine Stimme kriegt sie«, fügte Logan hinzu und blickte über die Felder. »Es wird Zeit, dass wir jemanden bekommen, der das Wohl der Gemeinschaft über sein Eigeninteresse stellt.« Er blickte zu Riley. »Was ist mit dir?«

»Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht.«

»Hal Edwards hat mir erzählt, dass du ihn kennst. Hamilton?«

»Mein Vater kannte den Gouverneur. Er hat für ihn in Des Moines gearbeitet.«

»Dein Vater war Anwalt, richtig?«

»War er.«

Eine Plakatwand mit einem Logo tauchte auf – drei gelbe Ähren vor einer aufgehenden Sonne. Der Schriftzug wurde deutlicher, als sie sich ihm näherten:

Zephyr Farms. Knowin’ what’s blowin’ in the wind.

Das GPS zeigte eine Rechtskurve an.

»Sie wurde auf Zephyr-Land gefunden?«

Riley bemerkte, wie Logan die Stirn runzelte und auf die Werbetafel starrte. »Du kennst diese Leute?«

»Carol und ich waren mit den Kindern letztes Jahr zu Halloween auf einer Veranstaltung, die sie organisiert haben. Eine Art Spukfarm – mit Geisterbahnen und so, und man konnte sich einen Kürbis aussuchen. Zephyr ist eine Genossenschaft.«

»Richtig.« Riley nickte.

Dank der Genossenschaften konnten einige kleinere Farmen in Iowa den unerbittlichen Vormarsch der großen Agrarunternehmen überleben, die den Staat überrollt hatten. Indem sie den Markt für Hybridsaatgut, Düngemittel und Pestizide – die heilige Dreifaltigkeit der Pflanzenproduktion – durch aggressives Markenrecht beherrschten, die Landwirte zur Verwendung ihrer Produkte zwangen, die Konkurrenz schluckten und taktische Lobbyarbeit auf höchster Regierungsebene betrieben, hatten Unternehmen wie Agri-Co einen Großteil des landwirtschaftlichen Reichtums des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Einige nannten sie ein notwendiges Übel. Fortschritt, sagten andere. Aber für diejenigen, deren Vorfahren dieses Land seit den Tagen der ersten Siedler aus New York, Philadelphia und Virginia bewirtschaftet hatten, die sich hier nach dem Black-Hawk-Krieg niedergelassen hatten, als die Ioway nach Westen vertrieben worden waren, stellten diese Giganten Geier, Umweltverschmutzer und Diebe dar.

»Über Zephyr war letztes Jahr im Courier ein Bericht«, fuhr Logan fort. »Sie sind von der Bürgermeisterin dafür gelobt worden, dass sie ihr Maismehl an örtliche Obdachlosenhilfswerke spenden.«

In letzter Sekunde sah Riley den Feldweg, der von dichtem Maisbewuchs verdeckt wurde. »Scheiße!« Sie wendete scharf, die Räder rutschten im Kies, ihr Sicherheitsgurt spannte sich vor ihrer Brust. Erschrocken fasste Logan nach dem Türgriff.

Dann bahnte sich der Wagen einen Weg zwischen den grünen Maisreihen hindurch und holperte über den zerfurchten Boden. Jeder Stoß fuhr Riley durch die Hände, mit denen sie das Lenkrad fest umklammerte. Überhängende Halme bogen sich vom Kühlergrill zurück, Maiskolben prallten vom Dach ab. Ein Vogel flog plötzlich vor ihnen auf.

»Hast du den Besitzer von Zephyr kennengelernt, als du hier warst?« Riley suchte auf dem Bildschirm des Bordcomputers nach dem Namen. »John Brown?«

»Ich glaube nicht. Es waren so viele Leute da. Hast du wirklich noch nie was von Zephyr gehört?« Logan hielt inne. »Aber eigentlich überrascht mich das nicht. Zephyr steht für Bioprodukte. Vom Bauernhof auf den Tisch. Du weißt schon, richtiges Essen. Nicht dieses künstliche Zeug, das du futterst, Sergeant Flatlander.«

Riley wandte sich wieder dem Bildschirm zu, als das GPS anzeigte, dass sie am Zielort waren. Das Funkgerät knisterte, durch statisches Rauschen ertönte eine Stimme. Jemand funkte die Zentrale an und verlangte mehr Beamte vor Ort.

»Ich habe vor einer halben Stunde angerufen. Wo zum Teufel bleibt die Verstärkung?«

Diese Stimme, voller Kraft und Arroganz, war unverkennbar. Jackson Cole.

Riley brachte den Wagen vor einer Gruppe von Fahrzeugen zum Stehen, die den schmalen Ablaufkanal zwischen zwei hohen Maiswänden blockierten. Ein John-Deere-Traktor überragte wie ein grüner Riese einen Cruiser und einen schwarzen Dodge Charger, der älter und ramponierter war als ihr eigener – der Wagen von Cameron Schmidt. Als sich der Staub gelegt hatte, öffnete Riley die Tür. Die Hitze umschloss sie wie eine Faust.

3

Die Männer standen direkt hinter den Fahrzeugen, im Schatten von Maisähren, unter ihnen der riesige Deputy Cameron Schmidt. Inzwischen war der Mann so alt, dass seine Körpergröße irgendwie merkwürdig wirkte – und niemand in der Dienststelle wusste, ob es seine gebeugten Schultern waren oder seine mehr als zwanzig Jahre als Detective, die ihm den Spitznamen Hunch eingebracht hatten.

Cam Schmidt sprach mit einem Mann, den Riley nicht kannte. Er war etwa so alt wie Cam – Ende sechzig –, spindeldürr und hatte ein braunes Gesicht, faltig wie eine Rosine. Der Farmer, nahm sie an. Er trug eine abgekippte Schrotflinte über dem Arm. An Schmidts Seite stand Jackson Cole. Die Arme des Hilfssheriffs waren vor der Brust verschränkt und zerknitterten das khakifarbene Hemd, das feucht an seiner Haut klebte.

Cole war der Erste, der sich nach Riley umsah. »Dachte schon, Sie hätten sich verfahren, Sarge.«

Sein Grinsen entblößte den schiefen Vorderzahn, den sie einst charmant gefunden hatte, als sie beide als Neulinge beim Department angefangen hatten – ein bescheidener Makel an diesem ansonsten perfekten Mann aus Iowa, die Statur breit wie die eines Linebackers, mit goldblonden Haaren und jeansblauen Augen. Im Laufe der Jahre hatte sie festgestellt, dass der Zahn nicht sein einziger Makel war.

Coles Augen verengten sich, als Logan hinter dem Traktor hervorkam. Offenbar fragte er sich, warum der Deputy zusammen mit ihr ankam.

»Sarge«, grüßte Schmidt, dessen Stimme von unzähligen Marlboros tief und rasselnd klang, obwohl er das Rauchen schon vor zehn Jahren aufgegeben hatte. Er wies mit einer Hand auf den Farmer. »Das ist John Brown. Er hat uns angerufen.«

»Mr Brown.« Riley streckte die Hand aus. »Sergeant Riley Fisher, Ermittlungsleiterin, Field Services Division.« Sie bemerkte, wie Jackson Coles Mundwinkel bei diesen Worten zuckten, und verspürte eine kurze Welle der Genugtuung.

»Es ist mir eine Ehre, Ma’am.« Brown sprach tief und lang gezogen. Iowa pur.

Riley war überrascht von seinem ernsten Tonfall und seinem festen Händedruck. Sie konnte die Schwielen an seiner Handfläche spüren. Er trug ein altes Hawkeyes-T-Shirt. Das Falkenkopf-Logo war vom vielen Tragen und Waschen verblasst. In den Schaft seines Gewehrs war ein Schriftzug geritzt: God Bless America.

»Ich kannte Ihren Großvater, Ma’am. Sheriff Joe Fisher war ein Freund, auch nachdem er das Department verlassen hatte. Er hat mit dem Bürgermeister und dem Stadtrat zusammengearbeitet. Hat dafür gesorgt, dass wir unser Land behalten haben, obwohl diese Hurensöhne mit allen Tricks versucht haben, es uns wegzunehmen. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Wie geht’s ihm?«

Riley ließ Browns Hand los, und in ihrem Kopf tauchte das Bild ihres Großvaters auf, wie er vor sich hin starrend auf dem abgewetzten Sessel im Altersheim saß und ihm Speichel aus dem verzogenen Mund rann. Der Besuch letzte Woche war brutal gewesen. Sie wollte nicht über ihn sprechen, schon gar nicht mit einem Fremden. »Mit allen Tricks? Meinen Sie Agri-Co?« Sie hatte solche Beschwerden schon öfter gehört. Brown nickte. Er schürzte die Lippen, und Riley dachte, er würde ausspucken. »Wie viel von diesem Land gehört Ihnen, Sir?«

»Also, alle Zephyr-Farmen zusammen haben wir fünfzehnhundert Morgen.« Man konnte hören, wie stolz er darauf war. »Von den Ufern des Cedar bis zur Bezirksgrenze.«

»Das ist ziemlich groß.«

»Die Browns sind in einer Genossenschaft mit den Farmen von Garrett, Davis und Wilson, Sarge«, sagte Schmidt.

Brown nickte. »Wir bauen Gemüse und Soja an, aber der größte Teil unserer Ernte besteht aus Dentmais.«

»Dentmais?«, fragte Logan.

Brown lächelte und zog die Augenbrauen zusammen. »Du bist nicht von hier, Junge, oder?« Er zeigte auf das grüne Feld neben ihnen. »Das meiste, was man in Iowa sieht, ist Dentmais – also Dellenmais. Er heißt so, weil die Körner zur Erntezeit eingedellt sind.«

»Er wird hauptsächlich als Viehfutter verwendet«, fügte Riley für Logan hinzu. »Und für die Ethanolproduktion.«

»Richtig, Ma’am. Aber hier in Zephyr verwenden wir ihn nur für Maismehl. Trocken gemahlen schmeckt er richtig gut.«

»Meine Schwester hat eine Tüte bekommen, als wir an Halloween hier waren«, sagte Logan. »Meine Mutter hat geschworen, dass sie noch nie besseres Maisbrot gebacken hat.«

Auf Browns breites Lächeln hin verfinsterte sich Jackson Coles Miene.

»Ja, das ist eine neue Sorte. Wir haben über drei Jahre daran gearbeitet. Sie ist für den Iowa Food Prize nominiert.« Brown musterte die Gesichter reihum nach einer Reaktion. »Das ist einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Preise des Landes. Der Gewinner wird auf der State Fair im August bekannt gegeben. Es gibt fast neunzigtausend Farmen in Iowa, und die meisten von ihnen werden dort vertreten sein. Wenn wir diesen Preis gewinnen, ist das ein Riesenschritt nach vorne für Zephyr. Dann haben wir es geschafft. Soll Agri-Co nur versuchen, uns aufzukaufen.«

Plötzlich hielt er inne, sein Blick schweifte über die Maishalme. »Aber wenn sich herumspricht, dass …«

»Sie haben die Leiche gefunden?«, fragte Riley.

»Jawohl, Ma’am. Ich war heute Morgen mit dem Adler unterwegs.«

»Adler?«

»So nennen wir unsere Erntedrohne. Sie kontrolliert die Felder. Stellt sicher, dass alles so wächst, wie es soll. Ich habe gesehen, dass einige Halme im Norden dieses Felds beschädigt waren.« Er deutete aufgeregt hinter sich. »Das wollte ich mir genauer anschauen und …« Er brach ab, sein Blick glitt zurück über die dichten Maisreihen.

Riley studierte sein Gesicht, um zu überprüfen, ob er vielleicht log. »Wir müssen uns die Drohnenaufnahmen ansehen.«

»Alles vorbereitet, Sarge«, warf Schmidt ein. »Mr Brown sagt, er war vor drei Nächten auf dem Heimweg, als er eine fremde Drohne über seinen Feldern gesehen hat.«

»Ich war mit Ed Wilson bei den Getreidesilos unterwegs«, erklärte Brown. »Wir haben die Lichter von der Straße aus gesehen. Ich wusste, dass unser Vogel nicht in der Luft war – der war in meinem Truck. Wir dachten, es könnte einer der Verräter sein.« Er wandte den Kopf erst nach Osten, dann nach Westen.

»Verräter?«

»Davon gibt es jetzt eine Menge hier in der Gegend – Farmen, die sich Agri-Co angeschlossen haben.« Browns Stimme wurde fester. »Früher wussten die Menschen, was sie anbauten. Seit der Siedlerzeit haben sie ihr Saatgut geteilt. Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du auf das Feld von deinem Nachbarn gehst, mach dir die Hosentaschen voll. Aber dann hat Agri-Co ein Markenrecht auf alles erhoben und uns das gottgegebene Recht genommen, Saatgut zu sparen, Hybriden zu entwickeln und dieses Wissen mit unseren Nachbarn zu teilen. Jetzt wissen die meisten Leute nicht mal mehr, was sie in den Boden stecken. Sie lassen sich ihr Saatgut einfach von Agri-Co-Laboren liefern, unterschreiben die Verschwiegenheitserklärungen und nehmen ihren Anteil in Empfang, wenn die Ernte eingebracht ist. Diese Farmen sind nichts weiter als …« Er runzelte die Stirn. »Gebärmaschinen. Damit Agri-Co ihre Pflanzen testen und die Daten für sich selbst verwerten kann. Daten im Wert von Milliarden. Verdammt, ich kann manche Farmer ja verstehen. Wenn wir Zephyr nicht gegründet hätten, stünde ich jetzt nicht hier. Man geht unter oder schwimmt, man wird groß oder verkauft. Aber unsere Nachbarn haben dazu beigetragen, Agri-Co zu dem Monopol zu verhelfen, das sie heute hat. Zu mächtig, als dass man es angreifen könnte. Zu groß, um zu scheitern. Maiszüchtung und Gentechnik, Pestizid- und Düngemittelherstellung – sie hat bei allem ihre Finger im Spiel. Eine Handvoll Firmen kontrollieren Amerikas Lebensmittelversorgung. Sie bestimmen die Preise für die Verbraucher und die Löhne in der Industrie.«

Riley bemerkte, wie Logan bei Browns Worten nickte.

»Sie werden durch Versicherungen und staatliche Subventionen geschützt, von denen wir kleinen Leute nur träumen können«, fuhr Brown fort. »Und sie schnappen sich vor allem die armen Bauern, die ums Überleben kämpfen, die nicht mehr so stolz sind, dass sie ihren eigenen Boden nicht für die Saat eines anderen opfern würden, wenn sie dadurch eine weitere Ernte einfahren können.«

»Und Sie glauben, die fremde Drohne könnte zu einer dieser Farmen gehört haben?«, unterbrach Riley ihn, ehe Brown seinen Vortrag fortsetzen konnte.

»Also, ich bin mir ziemlich sicher, dass es einer der Schoßhunde von Agri-Co war, der Frank Garret vor vier Jahren sabotierte, bevor er dann zu uns kam. Fünf Hektar Soja, kurz vor der Ernte, besprüht mit dem Herbizid Dicamba. Ein Unfall, haben sie gesagt. Eine technische Panne. Das Sprühflugzeug sei mit den falschen Koordinaten programmiert worden. Alles Lüge. Hat die ganze Ernte vernichtet.« Browns Blick kehrte zu Riley zurück. »Die Drohne, die ich gesehen habe, ist tief über meine Felder geflogen und abgehauen, als Ed und ich versucht haben, ihr in meinem Truck zu folgen. Ich hätte sie ausgeknipst, wenn wir sie erwischt hätten.« Er rüttelte die Schrotflinte an seinem Arm.

Riley ignorierte für den Moment, dass Brown offenbar bereit war, ein Bundesgesetz zu brechen. »Sie sind also nicht hergekommen, als Sie die Aufnahmen gesehen haben?«

»Nicht nötig.« Brown rümpfte die Nase. »Ich wusste, was ich vor mir hatte. Habe es sofort gemeldet und bin nur hergekommen, um Ihre Männer hier zu treffen.«

Riley blickte zu Schmidt. Er nickte. Mit etwas Glück hatten sie einen sauberen Tatort. Zumindest so sauber, wie es bei dieser Hitze möglich war.

»Und Mr Wilson wird bezeugen, dass Sie bei ihm waren? In der Nacht, als Sie diese Drohne gesehen haben?«

John Brown nickte, dann erkannte er die Tragweite von Rileys Frage. »Oh, natürlich, Ma’am«, sagte er schnell. »Und meine Söhne waren später am Abend mit mir auf der Farm. Auch die Frauen und Enkelkinder. Wir haben rund um die Uhr gearbeitet. Wir bereiten uns auf die State Fair vor.«

»Wir brauchen eine Liste Ihrer Kollegen und Angestellten in der Genossenschaft. Mit jedem, der Zugang zu Ihrem Land hat.«

Brown fuhr sich mit einer Hand durch das schüttere Haar. Er sah gequält aus, nickte aber. »Alles, was Ihnen hilft.« Er zögerte. »Wird das denn alles publik, Ma’am? Wird die Öffentlichkeit erfahren, dass es unser Land ist, auf dem sie gefunden wurde? Ich meine, Gott weiß, es tut mir leid für sie. Aber da unser Mais den Preis gewinnen könnte …« Er schob seine Daumen in die Taschen der verblichenen Jeans. »Die Frau hatte hier draußen nichts zu suchen, soweit ich das beurteilen kann.« Brown schüttelte den Kopf. »Überhaupt nichts.«

»Wir werden tun, was wir können«, sagte Riley, wobei ihr ruhiger Tonfall nicht verriet, ob sie das wirklich ernst meinte.

Der Courier würde innerhalb weniger Stunden darüber berichten. Aber schon vorher würden die Einheimischen es wie einen Flächenbrand verbreiten, die Nachricht von dem Verbrechen würde von der Farm zum Laden, von der Autowerkstatt zur Bar getragen werden und überall ihre Spuren hinterlassen. Ernste Gesichter, betroffene Nachbarn und Kneipengäste, die sich ein Bud bestellten, aus Respekt. Jugendliche würden schon bald Selfies vor den Absperrbändern am Tatort machen und dann auf Instagram posten.

Riley wandte sich Schmidt zu. »Nolan ist also bei der Leiche. Ich seh’s mir mal an. Hast du die Gerichtsmedizinerin angerufen?«

»Wollte ich gerade.«

Riley nickte Cole und Logan zu. »Sperrt den Tatort ab und fangt mit dem Protokoll an. Ich will nicht, dass noch jemand diese Felder betritt, bevor wir den Tatort gesichert haben.«

Nachdem sie sich ein Paar Schutzüberschuhe angezogen hatte, bahnte sie sich einen Weg durch den Mais und folgte Schmidts Weisungen. Die letzten Worte des Detectives gingen ihr durch den Kopf.

Sie sieht übel aus, Sarge.

Der Mais umschloss sie engmaschig, die Seidenfäden hingen wie schlaffes Haar an den Kolben. Sie erinnerte sich an die Stimme ihres Großvaters. Knee-high by Fourth of July. Die alten Sprichwörter schienen nicht mehr zu gelten. Diese Pflanzen reichten weit über ihren Kopf, und es war erst Ende Juni.

Die Halme spendeten zwar etwas Schatten vor der grellen Sonne, aber die Hitze auf dem Feld war erdrückend. Der Anfang des Sommers war feucht gewesen, nach einem wilden, nassen Frühling waren Tornados über den Staat hinweggezogen, acht schlimme Stürme seit April.

Es dauerte nicht lange, bis sie ihn roch – den faulig-süßen Gestank des Todes. Ein paar Meter weiter hörte sie den Piepton einer Kamera. Fliegen umschwirrten ihr Gesicht. Weiter vorne konnte sie Bob Nolans massige Gestalt ausmachen. Der Tatortermittler hockte zwischen den Maiswurzeln, die Kamera im Anschlag. Sein grünes Polohemd mit der gelben Aufschrift CSI war hoch-, seine Cargohose hingegen heruntergerutscht und enthüllte unglücklicherweise viel blasse Haut, Flaum und die Pospalte. Mit den blauen Handschuhen über den sommersprossigen Armen hatte er etwas Clownhaftes.

Nolan erhob sich, als Riley sich näherte, und schob die scharfen Halme beiseite. Mit der Kamera in einer Hand zog er sich die Hose hoch. Sein Ausrüstungskoffer lag offen auf dem Boden. Er trug Überschuhe und eine Gesichtsmaske, aus der sich sein kastanienbrauner Bart büschelte. »Da drin ist eine Ersatzmaske, Sarge.« Er deutete auf den Koffer. »Sie ist überreif.«

Riley hatte in ihrer zwölfjährigen Karriere in Black Hawk County schon viele Leichen gesehen. Opfer von Erntemaschinen, zerhackt von verbogenem Metall. Tote, die aus Seen gezogen und von gefrorenen Feldern geborgen wurden. Landwirte, die in ihren eigenen Getreidesilos ertranken, und vor ein paar Jahren zwei Jungen, die von einem Mähdrescher zerfetzt worden waren. Sie hatte Todesopfer von Tornados gesehen, die zwischen den zertrümmerten Überresten ihrer Häuser verstreut lagen, Opfer einer Überdosis und Selbstmörder. Aber es war trotzdem ein Schlag in die Magengrube, als sie über Nolans Schulter blickte, um zu sehen, was der Kokon aus Wurzeln vor ihm umschloss.

Die Frau lag auf der Seite, das Gesicht verdeckt von blonden Haaren, die ihr über die Wangen fielen und von getrocknetem Blut verfilzt waren. Ihre Beine waren angewinkelt, die Arme lagen neben ihrem Kopf, als hätte sie sich im Schlaf zusammengerollt. Ein Turnschuh fehlte, die weiße Socke am Fuß war verdreckt. Ihre Kleidung – eine Baumwollhose und ein T-Shirt – war an einigen Stellen zerrissen und entblößte grau-grün gesprenkelte Haut. Sie war vor Fäulnis geschwollen und hier und da mit dunklen Wunden gezeichnet, das Blut schwarz und geronnen, das Fleisch an vielen Stellen zerfetzt. In ihren Eingeweiden wimmelten weiße Maden.

Riley verzog das Gesicht, während sie nach einer Maske griff und versuchte, nicht durch die Nase zu atmen, aber der Gestank – ein giftiger Geruch aus stechendem Methan und beißendem Ammoniak – schien alles zu durchdringen.

»Sie ist schon mindestens ein paar Tage hier draußen. Und bei diesen Temperaturen …« Nolan schüttelte den Kopf.

»Haben Sie eine ungefähre Todeszeit?«

»Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich sagen, dass sie seit drei oder vier Tagen tot ist. Die Maden befinden sich noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung, und ein Großteil des Gewebes ist noch intakt.«

»Also ist sie etwa zu der Zeit gestorben, als Brown die fremde Drohne gesehen hat?«

»Könnte sein. Webb wird uns hoffentlich eine genauere Zeitangabe machen können, wenn sie die Autopsie durchgeführt hat. Hat Hunch sie schon angerufen?«

»Er ist gerade dabei. Und die Todesursache?« Riley sah an Nolan vorbei auf die Leiche. Diese Wunden. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Die Frau sah aus, als hätte etwas an ihr gezerrt und gerissen.

Eine Fliege landete auf Nolans Maske. »Es ist zu früh für eine verlässliche Aussage. Diese Kratzer an ihren Armen …« Vorsichtig machte er einen Schritt, seine eingehüllten Füße setzten weich auf dem Boden auf. Trotz seiner Größe war er an Tatorten bemerkenswert feinfühlig. »Sieht aus, als hätte sie sich diese Wunden bei ihrer Verteidigung zugezogen. Zwei Finger scheinen gebrochen zu sein, auch die Nägel sind abgerissen, und auf der Rückseite ihres Schädels ist eine ziemlich große Beule. Ich denke, das hier ist wahrscheinlich von unserem Täter.« Nolan deutete auf eine gezackte Wunde am Hals der Frau, die teilweise von ihrem Haar verdeckt wurde. »Der Blutverlust war wohl beträchtlich.«

»Hat der Täter eine Waffe benutzt?«

Nolan runzelte die schweißnasse Stirn. »Keine Ahnung. Es ist auf jeden Fall eine merkwürdige Wunde. Für ein Messer ist die Haut zu sehr aufgerissen – es sei denn, es handelt sich um eine gezackte Klinge.« Er hielt inne. »Was auch immer es war, es war ein extrem brutaler Angriff. Die Wunde reicht bis auf den Muskel.«

Riley spürte ein Ziehen in ihrem Bauch, wie ein Knoten, der straff gezogen wird. Ihr Blick wanderte zu den Händen der Frau, die diese sich vors Gesicht hielt. Sie konnte den rosafarbenen Schimmer des Lacks auf einem abgebrochenen Nagel sehen, schwarze Erde darunter. Riley stellte sich vor, wie sich diese Hände im Dreck abstemmten. Etwas hatte auf der Frau gelegen. Hatte an ihr gezerrt.

Halt still, oder ich tue dir weh!

»Sergeant?«

Riley wurde klar, dass Nolan mit ihr gesprochen hatte. »Wie bitte?«

»Ich werde jetzt ihr Haar zur Seite schieben. Ich will ihr Gesicht sehen. Vielleicht können wir mit der Identifizierung beginnen.«

Riley nickte und sah zu, wie Nolan das Haar der Frau scheitelte, sanft, als wäre sie eine Geliebte. Sie betrachtete das graue Gesicht der Leiche. Hohe Stirn und Stupsnase, kleiner Mund und weicher Kiefer. Die Züge verschoben sich in ihrem Kopf, definierten sich neu zu einer lebendigen Frau. Lebendig und viel jünger. Ein Schock durchzuckte Riley. »Mein Gott!«

»Was ist los?«, fragte Nolan. »Sergeant?«

»Chloe«, murmelte Riley.

Mädchenhaftes Lachen, ein Kopf, der sich dicht an ihren schmiegte, feines blondes Haar, das ihren Arm kitzelte. Ein Flüstern in ihrem Ohr und ein warmer Atemzug, der nach Zuckerwatte roch.

Er schaut dich an, Ri!

Rileys Hand ballte sich zur Faust, die Finger gruben sich in ihre Handfläche, die von einer winzigen weißen Narbe gezeichnet war. Einer Narbe, von der sie wusste, dass sie auch auf der Handfläche der toten Frau unter all dem Blut und Schmutz zu sehen sein musste. »Chloe Clark«, wisperte sie, ohne ihren Blick von der Leiche zu nehmen. »Wir waren …« Sie zögerte bei dem Wort, stieß es dann aber hervor. »... Freundinnen.«

4

Sie trafen im Laufe des Tages ein, und der Staub der Autos legte sich über den Feldweg. Sheriff Reed, zwei Hilfssheriffs der K-9-Einheit und weitere Streifenpolizisten wurden gerufen, um beim Durchkämmen der Felder zu helfen, oder sie kamen einfach vorbei, um mit ihren Kollegen zu plaudern und sich in der brütenden Nachmittagshitze den Schweiß von der Stirn zu wischen. Gelbe Absperrbänder säumten die Felder. Im Westen zogen Gewitterwolken auf.

Mit der Dämmerung kamen die Insekten, gefolgt von Reportern des Courier und einem Team der Lokalnachrichten, die sich am Rande der Absperrbänder aufhielten und die Beamten, die sie kannten, um Informationen baten. So etwas passierte in Black Hawk County nicht, wo die Geschäfte am Sonntag noch geschlossen waren und Fremde auffielen.

Der vermisste Turnschuh wurde in einiger Entfernung von der Leiche gefunden, dann Teile von Reifenabdrücken auf einem schmalen Weg, der nördlich des Feldes entlanglief und schließlich auf die Straße mündete. Der ganze Staat war von solchen Wegen durchzogen: namenlose Arterien, die unzählige isolierte Farmen mit der Welt verbanden.

Bob Nolans Kamera klickte weiter im trüben Abendlicht, jeder Blitz enthüllte einen neuen Aspekt des Körpers. Jede fleckige Wunde. Jeden Zentimeter verwesendes Fleisch. Bodenproben wurden genommen, Maden eingesammelt. Die Tagesschicht wechselte, die Deputys gingen, darunter Logan Wood und Jackson Cole, andere kamen an, meldeten sich bei Riley, bevor sie in das Tatortprotokoll eingetragen wurden.

Es war schon spät, als Riley schließlich die Felder von Zephyr verließ und die wenigen Meilen nach Cedar Falls fuhr, wo die Lichter der Stadt sie aus der tiefen Dunkelheit der Maisfelder befreiten. Sie überquerte die Bahngleise und bog in die Straße zu ihrem Haus ein, das am Rande eines Bachs in den schattigen Ausläufern des State Park lag. Das Licht auf der Veranda brannte; ein matter Stern, der zwischen den Platanen schimmerte. Unser viktorianisches Fräulein, so hatte ihr Großvater das Haus genannt, dessen blassblaues Türmchen hoch wie eine Haube über der weiß getünchten Veranda thronte.

Riley hielt auf dem Hof neben dem grünen Pick-up ihres Großvaters – einem alten Dodge, der halb vom Rost zerfressen war. Er war vor dem alten Lagerschuppen geparkt, der nahe beim Haus stand, wo der hochgewachsene Rasen zum Bach hin abfiel. In dem verrotteten Gebäude stapelte sich der Kleinkram von Generationen der Familie Fisher. Berge von Dingen, die gelagert, ausrangiert oder vergessen wurden – kaputte Möbel, Halsbänder von toten Hunden und Fähnchen vom vierten Juli, die sich in alter Weihnachtsbeleuchtung verhedderten, schimmlige Zelte und Jagdausrüstung.

Als sie den Motor abstellte, hörte Riley Musik, die durch die offenen Fenster des Hauses drang. Ethan war daheim.

Sie blieb einen Moment lang sitzen und spürte, wie der Tag in ihr weiterarbeitete. Den Geruch der Leiche – Chloes Leiche – hatte sie immer noch in der Nase. Sie wusste, es würde Tage dauern, bis er sie verließ. Riley raffte sich auf und stieg aus dem Auto. Die Nacht war erfüllt vom Zirpen der Zikaden. Scrounger bellte an der Fliegengittertür. Im Licht auf der Veranda schwirrten Motten, und ihre Schatten flatterten über den leeren Stapel Holzscheite vom letzten Winter und die von der Sonne ausgebleichten Kissen des Schaukelstuhls. Zerdrückte Bierdosen lagen verstreut neben einem überquellenden Aschenbecher.

Riley schob Scrounger zurück, als sie eintrat. Scrounger war ein ehemaliger K-9-Hund aus Bremer, der eigentlich eingeschläfert werden sollte. Riley hatte in der Zeitung über ihn gelesen, und bevor sie richtig nachdenken konnte, war sie über die Bezirksgrenze zum Tierheim gefahren, in dem der Hund nach einer langen, erfolgreichen Karriere gelandet war. Traurige Augen hinter den Käfigstäben, eine struppige Schnauze, die hoffnungsvoll gegen ihre Hand drückte.

»Was ist los mit dir?«, fragte sie, als Scrounger an ihrer Seite durch die Küche und in den Flur – das Herz des Hauses – hechelte, von dem aus das selten genutzte Esszimmer der Familie, das Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und das Bad abgingen. Die Musik war hier lauter, sie drang aus dem Schlafzimmer, wo Licht unter der Tür hindurchschien. Irgendein Countrysong, Gitarren und Melancholie. Riley kauerte sich neben den Safe unter der Treppe, zog ihre Glock 19 aus dem Halfter und tippte den Code ein. Sie verstaute die Waffe, zog ihre staubigen Stiefel aus und ging zurück in die Küche, wo sie von Scrounger beäugt wurde.

Als sie das Hauptlicht anknipste, sah sie, dass die Wasser- und Futternäpfe des Hundes leer waren und offenbar seit dem Morgen nicht mehr aufgefüllt worden waren. Riley unterdrückte die Wut, die heiß und plötzlich in ihr aufstieg. Dafür hatte sie heute Abend keine Kraft mehr.

Nachdem sie Scrounger gefüttert hatte, starrte sie in den halb leeren Kühlschrank, ohne zu wissen, was sie wollte, und griff dann nach ein paar Käsescheiben und einem Bier. Sie öffnete die Bierdose und trank, dann zog sie das Zellophan vom Käse ab und stellte sich an die Theke, um die Ecken der Plastikverpackung aufzureißen.

Riley nahm sich noch eine Dose und wollte gerade zur Treppe gehen, als Ethan aus seinem Zimmer kam. Sie standen sich gegenüber, mehrere Meter wurmzerfressene Dielen und ein fadenscheiniger Teppich zwischen ihnen. Sie hätte mit einem oberflächlichen Hallo weitergehen können – kein Wort über diesen Morgen oder über Scrounger –, wenn da nicht die süßliche Rauchwolke gewesen wäre, die ihr Bruder mitbrachte.

»Verdammt noch mal, Ethan!« Sie presste die Worte mit einer Heftigkeit hervor, die sie beide überraschte. »Wie oft denn noch?«

»Lass mich in Ruhe, Ri. Es ist genauso mein Haus wie deins.«

Sie hasste es, wenn er sie so nannte – so, wie ihre Freunde sie einst genannt hatten. Viel zu vertraut, als dass irgendjemand es benutzen sollte, geschweige denn er. »Ja, und es ist mein Job, der dafür sorgt, dass wir es behalten können. Ein Job, den ich verliere, wenn dieser Mist hier gefunden wird.«

Ethan schüttelte den Kopf und ging an ihr vorbei in die Küche. Bartstoppeln verschatteten sein Gesicht. Seine blauen Augen waren rot umrandet, sein T-Shirt schmuddelig. Vierzig Jahre alt war er – fünf Jahre älter als sie –, und es war, als würde man mit einem Teenager zusammenleben. »In Kalifornien kann man sein eigenes Gras anbauen, verdammte Axt.«

Sie hatte keine Lust, sich in eine weitere sinnlose Debatte über die Drogengesetze der verschiedenen Bundesstaaten verwickeln zu lassen. Ethan beklagte sich andauernd über die drakonischen Vorschriften in Iowa und den Rückstand gegenüber dem Rest der USA. »Es geht nicht nur um das Gesetz.« Riley folgte ihm in die Küche. »Was ist, wenn Maddie es gefunden hätte?«

»Glaubst du, sie hat noch nie Gras gesehen?« Er drehte sich zu ihr um. »Ihre Mutter und dieses Stück Scheiße rauchen es vor ihren Augen! Schlampe«, zischte er und riss den Kühlschrank auf.

Riley war sich nicht ganz sicher, ob das Schimpfwort für die Ex-Frau ihres Bruders, Sadie, oder für sie bestimmt war. »Ich musste sie heute Morgen nach Hause fahren. Schon wieder. Ich kam zu spät zu einem Einsatz.«

Er nahm sich ein Bier und stieß den Kühlschrank zu. »Ich habe lange gearbeitet. So wie du früher auch.«

Riley starrte ihn an. Sie hätte fast gelacht. Wie konnte ihr Bruder glauben, dass ihre Nachtschichten auf Streife das Gleiche waren wie sein Job in einer Spelunke, wo er für seine nichtsnutzigen Kumpels Drinks ausschenkte? Sie hatte vorgehabt, ihn auch auf den vernachlässigten Hund anzusprechen, aber jetzt verließ sie der Wille. Der Kampf war für sie vorbei. Nur die Sinnlosigkeit ihres ewigen Streits und der Geruch einer toten Frau auf ihren Kleidern blieben. »Fick dich, Ethan!«

Kurze Zeit später brannte die Hitze des Duschstrahls auf ihrer Haut. Das Wasser, das in den Abfluss gurgelte, war grau vom Schmutz der Felder. Riley schloss die Augen und gab sich den Erinnerungsbildern hin. Die Leiche zwischen den Wurzeln. Der Schock des Wiedererkennens. Sheriff Reeds Stirnrunzeln, als sie ihm sagte, dass sie die Tote gekannt hatte. Seine Fragen. Wann hatte sie Chloe Clark zuletzt gesehen? Was wusste sie über die Familie? Wo hatte Chloe gewohnt?

Riley hatte nicht viel für ihn. Es war achtzehn Jahre her, dass sie mit Chloe und Mia und dem Rest ihrer Schulclique befreundet gewesen war. Als sie die Cedar Falls High damals verlassen hatte – in jenem Sommer –, hatte es kaum einen Tag gegeben, an dem Riley nicht an ihre Freunde dachte oder sich fragte, ob ihre Freunde an sie dachten. Aber die Zeit hatte ihre Erinnerungen verdunkelt, und sie kehrten nur zurück, wenn Riley im Laufe der Jahre unerwartet einem von ihnen begegnete, im Einkaufszentrum oder an einer Tankstelle. Wäre die Stadt kleiner gewesen, wäre Riley vielleicht nicht zurückgekehrt, aber bei siebenunddreißigtausend Einwohnern in Cedar Falls und fast doppelt so vielen in der Nachbarstadt Waterloo – der sechstgrößten Stadt in Iowa – waren solche Begegnungen glücklicherweise selten.

Gott, warum musste es ausgerechnet sie sein?

Nachdem sie geduscht hatte, zog Riley ein T-Shirt aus ihrer Studienzeit an, mit dem Aufdruck Go Panthers über der Brust. Sie saß auf dem Bett, und die Nähte der Patchworkdecke, die ihre Großmutter geschneidert hatte, kitzelten ihre nackten Beine. Ihr nasses Haar wurde von den Umdrehungen des Deckenventilators zerzaust. Das Zimmer mit seinen gelben Wänden, welche die Morgensonne in Butter verwandelte, hatte vier Generationen ihrer Familie miterlebt. Es war das Zimmer, in dem ihr Großvater geboren worden war und ihr Urgroßvater, George Fisher, seine Frau und seinen Sohn zum Abschied geküsst hatte, bevor er mit der 34. Infanterie-Division nach Italien zur Winterfront musste. Hier hatten sie um ihn getrauert, als er nicht zurückkehrte, einer der vielen, die es nicht mehr aus Europa nach Hause schafften, und das Blue-Star-Banner vor dem Haus wurde zum Gedenken an die Gefallenen durch einen goldenen Stern ersetzt, wie es militärischer Brauch war. Dieses Zimmer wurde zum Zimmer ihres Vaters, drei Jahre bevor Eisenhower die ersten Truppen nach Vietnam entsandte.

Später gehörte das Haus Rileys Eltern, als ihr Vater mit der Familie aus Des Moines wegzog, um seine sterbende Mutter zu pflegen. Er arbeitete weiterhin unter der Woche in der Stadt und fuhr an den Wochenenden zwei Stunden nach Hause. Die elfjährige Riley hatte in den ersten Monaten nur mit ihrer Mutter hier geschlafen, und beide waren entnervt von der absoluten Dunkelheit, dem Sirren der Insekten und den gewaltigen Stürmen, von den unbekannten Dingen, die sich im Bach bewegten und im Wasser verbargen.

Riley lehnte sich ans Kopfende des Bettes, überflog die Nachrichten auf ihrem Handy und versuchte, sich auf den Bericht von Cam Schmidt zu konzentrieren, um ihre Gedanken für das morgendliche Briefing zu ordnen, zu dem Sheriff Reed sie einberufen hatte. Doch schon bald wanderte ihr Blick zu den Fotos, die um den Waschtisch gruppiert waren. Joe Fisher in der Uniform des Sheriffs. Ihre Mutter und ihr Vater bei der Hochzeit. Michael Fisher, ein angesehener Anwalt, aufrecht und stolz, Jenny Fisher, die Anwaltssekretärin, die lächelnd zu ihm aufblickte. Sie selbst und Ethan auf einem John-Deere-Traktor, Grimassen ziehend. Tante Rose und ihre Partnerin Lori Bell im Krankenhaus mit dem kleinen Benjamin. Maddie, vor zwei Jahren, mit geflochtenem Haar und einem Mädchengrinsen.

Das waren die einzigen Fotos, die sie aufgestellt hatte, alle anderen waren in Alben im Arbeitszimmer verschlossen. Aber im Grunde war dieses Haus ein einziges großes Album – jede schattige Ecke schien vor Erinnerungen zu strotzen. Die Veranda, auf der sie zum ersten Mal mit Chloe und Mia gesessen hatte, als sie zwölf Jahre alt war und vor Stolz anschwoll, weil sie Kekse für ihre neuen Freundinnen brachte und ihre Mutter sie dafür mit einem Lächeln belohnte. Das Bett in ihrem alten Zimmer am Ende des Flurs – jetzt das von Maddie –, in dem sie sich zu dritt in Schlafsäcken zusammengekauert hatten, um Süßigkeiten zu teilen, während der Schnee ans Fenster tupfte. Das düstere Grün, ein Spätsommerabend am Bach, die Heuschrecken im Gras. Das Blut, das sie sich bei einem Schwur gegenseitig auf die Handflächen schmierten.

Sagen Sie nichts.

Riley stieß sich vom Bett ab und ging zum Kleiderschrank, wobei die Dielen knarrten. Sie knipste das Licht an, griff zum obersten Regal und schob einen Tennisschläger, Schlittschuhe und Decken beiseite. Dahinter befand sich ein alter Karton, dessen Gewicht sie überraschte, als sie ihn herunterhob. Sie stellte ihn auf den Boden und setzte sich im Schneidersitz davor. Ihre Hände durchwühlten das Innere des Kartons und holten Schmuck- und Erinnerungsstücke heraus. Eintrittskarten für die Iowa Cubs und Buttons von Popstars, Karten für Geburtstage und Weihnachten, die in ihren Fingern glitzerten. Patronen vom Schießen mit ihrem Großvater, eine Jagdtrophäe und ein Arnold’s-Freizeitpark-T-Shirt. Ich habe die Achterbahn überlebt! Eine Kopie der Gottesdienstordnung von der Beerdigung ihrer Eltern.

Die Jahrbücher der Cedar Falls High lagen ganz unten. Es waren die letzten Dinge, die sie ausgrub. Sie legte die Ausgaben der späteren Jahre beiseite und nahm das erste Jahrbuch zur Hand. Ihre Augen flirrten über die Bilder, und mit jedem Foto von den Tribünen, den unmöglichen Frisuren und den von Akne gezeichneten Gesichtern, den Homecomings und Schulaufführungen wurden Erinnerungen wach. Plötzlich entdeckte sie Chloe. Chloe, Mia und sie selbst, alle auf derselben Seite. Vierzehn Jahre, an der Schwelle zu fünfzehn. Beste Freundinnen seit der Mittelstufe. Sie spürte einen Stich. Bedauern? Sehnsucht? Sie hätte sich wieder mit ihnen in Verbindung setzen sollen.

Jetzt ist es zu spät.

Als Riley das Buch anhob, um es genauer zu betrachten, fiel ihr etwas in den Schoß. Es war ein Foto, das all die Jahre wie eine Spinne zwischen den Seiten eingeklemmt gewesen war; längst tot, aber immer noch erschreckend.

Das Foto zeigte sie auf der Iowa State Fair, zusammen mit Mia und Chloe, Arm in Arm. Mikro-Jeans-Shorts. Gebräunte, schlanke Beine, knallenge Oberteile und Lipgloss. Mädchen, die Frauen spielten. Ihr stockte der Atem, als sie die goldene Sternenhalskette sah. Ein Geschenk ihres Großvaters zu ihrem vierzehnten Geburtstag.

Für meine kleine Stellvertreterin.

Ihre Mutter hatte geflüstert, dass ihr Großvater viel Geld von seiner Rente dafür bezahlt hatte und sie die Kette sicher aufbewahren sollte. Hinter ihr, auf dem Foto, verdichtete sich der blaue Himmel, und die Fahrgeschäfte waren mit Lichtflecken übersät. Das Foto war zerrissen. Eine Seite fehlte.

Der fehlende Teil des Fotos war wie ein Geist in ihrem Kopf, der aus der Vergangenheit auf sie zustürmte. Der Geruch von Corndogs und Zuckerwatte. Hartes Rattern von Fahrgeschäften. Dröhnende Musik und sich drehende Lichter. Eine Hand an ihrer Hand. Finger, die sich fest verschränken.

5

Am nächsten Morgen hielt Riley auf dem Heimweg an der Sweet-Tooth-Bäckerei in der Main Street, um Gebäck und Kaffee zu kaufen. Hetty, die sie bediente, überschüttete sie mit Fragen zum Mord, errötete über ihre eigene Unverschämtheit, wollte aber unbedingt mehr wissen.

Die Schlagzeile prangte auf der Titelseite des Courier über einer dramatischen Aufnahme von Maisfeldern unter düsterem Himmel. Die junge Frau, die man tot auffand, wurde nicht namentlich genannt. Streifenbeamte hatten sich gestern Abend auf den Weg gemacht, um Chloes Eltern und ihren Ehemann zu informieren. Laut einer SMS von Schmidt waren sie noch immer bei ihnen.

Die Fahrt von Cedar Falls nach Waterloo dauerte auf der Autobahn nur zehn Minuten, aber da sie sich auf halber Strecke der Main Street befand, nahm Riley den etwas längeren Weg durch die Vororte, entlang der Nabelschnur aus Tankstellen, Motels und Fast-Food-Läden, welche die beiden Städte miteinander verband. Der Übergang war jedes Mal aufs Neue abrupt – von den baumbeschatteten Alleen, malerischen Geschäften, Restaurants und Schankwirtschaften von Cedar Falls zu den verlassenen Lagerhäusern und verfallenden Vierteln von Waterloo. Wäre da nicht die University of Northern Iowa – wo sie Kriminologie studiert hatte – mit ihrem jährlichen Zustrom von Studenten und Geld gewesen, wäre Cedar Falls vermutlich in die gleiche Depression verfallen wie Waterloo.

In den letzten Jahren hatte es einige mutige Wiederbelebungsversuche gegeben – Mikrobrauereien, die auf mit Unkraut bewachsenen Grundstücken entstanden, Kajakverleih auf dem Cedar River und ein jährliches Pride-Festival, gegen das die örtlichen Kirchen Sturm liefen. Aber diese Neuankömmlinge kämpften mit einem starken Abwärtssog. Waterloo war einst eine blühende Industriestadt gewesen, gegründet 1845, aufgebaut auf Mais, Fleisch und Patriotismus, verbunden mit Chicago und Omaha durch die alte Illinois Railroad und durch den Fluss Cedar, der in den Mississippi mündete. Doch der Niedergang der Landwirtschaft in den Achtzigerjahren hatte eine Rezession ausgelöst und die Landschaft verändert. Danach waren nur noch die größten Unternehmen in der Lage, zu überleben und zu florieren – gefördert von den jeweiligen Regierungen.

Seitdem waren viele Städte in Amerika zu Orten geworden, in denen man nur mit zwei Jobs überleben konnte, aber in Waterloo war es nicht ungewöhnlich, dass man drei Jobs hatte. Sogar einige von Rileys Kollegen nahmen Schichten bei der Feuerwehr oder als Ranger für den Staatspark, um über die Runden zu kommen. Sie dachte über John Browns Klagen über Agri-Co nach. Zu mächtig, als dass man es angreifen könnte. Zu groß, um zu scheitern. Es stimmte, je größer diese Unternehmen wurden, desto mehr konnten sie für sich beanspruchen – Land und Forschungsgelder, staatliche Subventionen und politische Unterstützung. Aber es gab noch mehr, was diese Giganten aufsaugten.

Überall im Land wurden ganze Gemeinden zu Geisterstädten, da lokale Unternehmen und Familien, die nicht mehr konkurrenzfähig waren, gezwungen wurden, zu schließen. Der Lebensnerv des ländlichen Amerikas wurde ausgelaugt und hinterließ leere Hüllen von Städten, in denen Armut und Kriminalität rasch zunahmen. Dieses Erbe war nur allzu deutlich in den verrammelten Fabriken und Verarbeitungsbetrieben zu erkennen, die wie zerstörte Gräber um die einst stolze Stadt herumstanden, in der sich Landstreicher, Dealer und Nutten herumtrieben und nachts die Streifenwagen der Polizei von Waterloo unterwegs waren.

Riley dachte an Logan, wie er über Senatorin Jess Cook gesprochen hatte, die die Macht wieder in die Hände von Kleinunternehmen legen und Investitionen in Gemeinden statt in Unternehmen tätigen wollte. Vielleicht sollte sie Logans Beispiel folgen und für Cook stimmen? Aus reiner Gewohnheit hatte sie in der Vergangenheit immer Bill Hamilton gewählt. Sie war dem Gouverneur keine Loyalität schuldig. Es war Jahre her, dass ihr Vater für diesen Mann gearbeitet hatte.

Nachdem sie in die East Sixth eingebogen war, fuhr sie auf den Parkplatz der Behörde. Das braune Backsteingebäude mit seinen Kastenfenstern war an das Bezirksgefängnis angebaut und von Büros von Kautionsjägern und Anwälten umgeben. Insgesamt waren im Sheriffbüro und im Gefängnis einhundert vereidigte Beamte und vierzig Zivilisten tätig, die das gesamte Black Hawk County abdeckten. Riley parkte den Dodge neben der Reihe von Cruisern und den Harley Road Kings der Motorradstreife. Die Motoren einiger Fahrzeuge liefen im Leerlauf und hielten die Innenräume arktisch kalt. Die Gewitterwolken der letzten Nacht hatten nur gedroht, und die Luftfeuchtigkeit blieb hoch.

Sie grüßte den Schalterbeamten und passierte die Sicherheitskontrolle mit einem geistigen Gruß an ihren Großvater, dessen Bild einen Ehrenplatz an der Wand der Helden einnahm. Mit dem Gebäck in der Hand betrat sie die von Neonröhren beleuchteten Treppen und Korridore der Field Services Division. Hier roch es nach Reinigungsmittel und Kaffee.

Im Büro herrschte mehr Hektik als sonst, Telefone klingelten, Kollegen riefen sich gegenseitig etwas zu, Kopierer surrten. Der Courier lag auf mehreren Schreibtischen. Auf einem anderen lag eine Ausgabe von USA Today, aufgeschlagen auf einer Seite, die über einen Cyberangriff auf ein petrochemisches Unternehmen in Polk County berichtete. Riley hatte einen Teil der Geschichte im Radio mitbekommen. Man hatte Ökoterroristen im Verdacht. Es war das zweite Mal in den letzten Monaten, dass die Gruppe, die sich selbst Mission Erde nannte und vermutlich in Iowa ansässig war, landesweit Schlagzeilen machte. Das Bild neben der Schlagzeile zeigte den Slogan der Gruppe, der an eine Wand gesprüht war. Wie die Meere ansteigen, so werden auch wir aufsteigen. Das FBI ermittelte.

Logan saß an seinem Schreibtisch und war in seinen Computermonitor vertieft. Sein dunkles Haar war glatt, zweifellos frisch gewaschen unter der Dusche im Fitnessstudio. Über ihm an der Wand neben der Dartscheibe, an der noch ein abgerissener Fetzen eines Bildes von Hillary Clinton klebte, hing ein Poster des vermissten Teenagers Gracie Foster. Bei der Sechzehnjährigen, die vor zehn Tagen spurlos aus ihrem Haus in Waterloo verschwunden war, hatte es sich um den größten Fall der Behörde gehandelt. Bis gestern.

Sergeant Hal Edwards, Leiter der Streife, dicklich und Ende fünfzig, mit buschigem Schnurrbart, der zuletzt in den Achtzigern in Mode gewesen war, stand in der Tür und sprach mit Jackson Cole und einem anderen Deputy. Sie bemerkten Riley, als sie vorbeiging. Edwards nickte, unterbrach sein Gespräch aber nicht. Cole sah ihr kurz in die Augen, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Sergeant zuwandte. Riley vermutete, dass sie inzwischen alle von ihrer Bekanntschaft mit der toten Frau wussten. Die Erinnerungen, die gestern mit Chloes Leiche aufgetaucht waren und sie bis tief in die Nacht wach gehalten hatten, kratzten an den Rändern ihres Geistes. Aber sie verdrängte sie.

Konzentrier dich auf die Arbeit. Tu einfach das, was du auch in jedem anderen Fall tun würdest.

Der nächste Raum, viel kleiner als der der Streife, gehörte dem Ermittlungsteam. Durch die Innenfenster sah Riley Cam Schmidt am Telefon. Seine Anzugjacke lag zerknittert über der Stuhllehne, die Hemdsärmel waren hochgekrempelt, und unter den Achseln bildeten sich feuchte Ringe. Auf seinem Schreibtisch standen mehrere Styroporbecher, Manila-Ordner und eine fettverschmierte Take-away-Box von Wok and Roll. Gerahmte Fotos zeigten seine Kinder, die inzwischen beide eigene Kinder hatten. Ein anderes zeigte Schmidt und seine Frau Sue, eine zierliche, weißhaarige Frau, deren Kopf kaum die Brust ihres Mannes erreichte. Sie standen mit rosigen Wangen und grinsend neben ihren Fahrrädern. Riley hatte die Karten auf Schmidts Schreibtisch gesehen, auf denen die Radwege eingezeichnet waren, die sie auf ihrer nächsten Tour nehmen wollten, rote Linien, die nach Norden über die Grenze nach Kanada führten. Wilde Prärie und Berge, Seen und Kiefern. Es gibt nichts Vergleichbares, Riley. Als ob man wirklich in der Welt wäre. Ein Teil von ihr.

Vier weitere Schreibtische standen im Raum – ihrer und der von Bob Nolan, der die meiste Zeit zwischen den Tatorten, dem Labor und der Asservatenkammer hin und her pendelte. Die anderen waren leer. Die Abteilung hatte in den letzten sechs Monaten, seit Riley zum Sergeant ernannt worden war, zwei Detectives verloren – Carl Kramer durch eine Darmkrebsdiagnose und Eric Hansen durch Frühpensionierung. Hansen hatte irgendeinen Blödsinn darüber erzählt, dass er mehr Zeit mit seinen Enkeln verbringen wollte, aber sie wusste, dass nicht familiäre Verpflichtungen der Grund für seinen Weggang gewesen waren. Sowohl er als auch Schmidt hatten sich um die Stelle des Sergeants beworben, zusammen mit einem halben Dutzend Deputys der Streife. Schmidt hatte ihre Beförderung hingenommen und war einer der Ersten gewesen, die ihr ein Bier spendiert hatten. Andere waren nicht ganz so bereitwillig gewesen, sich von einer Frau anführen zu lassen, vor allem nicht von einer jüngeren Frau, die den Posten vielleicht nur aufgrund des Rufs ihres Großvaters bekommen hatte.