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Er ist alles, wovor sie sich schützen will. Doch nun muss sie ihm vertrauen ...
Die sicherheitsliebende Erin ist fassungslos: Um ihren Traumjob als Verhaltensbiologin zu ergattern, muss sie im Yosemite Nationalpark Hirsche beobachten. Dabei ist die unkontrollierbare Wildnis für sie der absolute Albtraum. Doch es kommt noch schlimmer. Denn Erin wird im Camp der Firefighters untergebracht, die den Park vor Bränden schützen und in dem auch Strafgefangene resozialisiert werden. Der distanzierte Jesse, der dort für sie zuständig ist, verkörpert alles, wovor Erin sich schützen will. Doch je mehr Zeit sie mit ihm in der atemberaubenden Landschaft des Yosemite verbringt, umso mehr verfolgt ihr Herz einen ganz eigenen Plan …
Wenn du auf diese Tropes stehst, bist du hier genau richtig:
Enemies to lovers
Forced Proximity
Spice-Level: 2 von 5
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Seitenzahl: 467
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die sicherheitsliebende Erin ist fassungslos: Um ihren Traumjob als Verhaltensbiologin zu ergattern, muss sie im Yosemite-Nationalpark Hirsche beobachten. Dabei ist die unkontrollierbare Wildnis für sie der absolute Albtraum. Doch es kommt noch schlimmer. Denn Erin wird im Camp der Firefighters untergebracht, die den Park vor Bränden schützen und in dem auch Strafgefangene resozialisiert werden. Der distanzierte Jesse, der dort für sie zuständig ist, verkörpert alles, wovor Erin sich schützen will. Doch je mehr Zeit sie mit ihm in der atemberaubenden Landschaft des Yosemite verbringt, umso mehr verfolgt ihr Herz einen ganz eigenen Plan …
Weitere Informationen zu Maja Schendel sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.
Maja Schendel
Roman
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Originalausgabe Januar 2025
Copyright © by Maja Schendel 2025
Copyright © dieser Ausgabe 2025 by Wilhelm Goldmann Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, Mü[email protected]
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH
Umschlagmotiv: Getty Images / naphakm; Trevillion Images / Mark Owen; FinePic®, München
Redaktion: Lisa Wolf
ES · Herstellung: ik
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-31302-9V002
www.goldmann-verlag.de
Für Ricarda
@Lifelikecharlie – »The Fire Inside Us«
The Verve – »Bitter Sweet Symphony«
Kings of Leon – »Sex on Fire«
Placebo – »The Bitter End«
Taylor Swift – »Anti-Hero«
Linkin Park – »Shadow of the Day«
Radiohead – »Creep«
Bruce Springsteen – »I’m On Fire«
Queens of the Stone Age – »The Lost Art of Keeping a Secret«
Placebo – »Purify«
Djo – »End of Beginning«
Ich + Ich – »Vom selben Stern«
Queens of the Stone Age – »Villains of Circumstance«
Soundgarden – »Black Hole Sun«
David Guetta (feat. Sia) – »Titanium«
Lady Gaga – »Bad Kids«
U2 – »With or Without You«
Therapy? – »Nowhere«
H-Blockx – »Ring of Fire«
Don Henley – »The Boys of Summer«
Artemas – »I Like the Way You Kiss Me«
Die Farben sind so wunderschön. Rot, Orange, Gelb zeichnen flackernde Formen in die Luft. Ein Meer aus Flammenblumen. Ich gieße noch etwas Spiritus hinein. Ein dumpfer Knall. Jemand schreit. Das Feuer breitet sich aus. Es klettert über den Rand der Feuerschale. Ich hab es freigelassen, und nun tanzt es wild im trockenen Gestrüpp, wiegt sich hin und her und brennt sich einen Weg zum Trailer. Es knistert und knackt, Scheiben springen, Rauch steigt mir in die Nase, hinterlässt ein kratzendes Gefühl im Hals. Ich muss husten.
»O mein Gott, was tust du da?« Eine Frau schüttelt mich, die leere Spiritusflasche fällt zu Boden.
»Ich …« Mein Hirn ist leer. Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache. Ich wollte nur die Farben sehen. Aber der Trailer … Es zieht mich dorthin. Ein ungutes Gefühl dringt wie durch Watte zu mir durch. Ich dränge mich an der Frau vorbei, die lauthals nach Hilfe ruft. »Feuer! Es brennt!«
Der Türrahmen ist heiß, und im Inneren des Trailers ist vor lauter Rauch nichts zu sehen. Es nützt nichts, ich muss da rein. Ich halte die Luft an, krabbele auf allen vieren hinein, taste mich vorwärts, stoße an ein Hindernis. Es klirrt. Mir fällt etwas auf den Rücken, und ich zucke zusammen. Ein Wimmern. Das kam nicht von mir, oder? Die Luft wird knapp, aber ich unterdrücke den Drang zu atmen. Ich muss weiter. Nur noch ein kleines Stückchen, gleich habe ich das Ende des Wohnwagens erreicht. Es brennt in meinen Augen, Tränen laufen mir über das Gesicht. Fahrig taste ich in der Umgebung herum, fühle den Bettrahmen und krieche darunter. Da ist eine Hand, die ich in meine nehme. Mir wird schwindelig, und ich kann nicht anders. Ich muss atmen. Heißer Qualm strömt in meine Lunge, und ich keuche. Keine Farben mehr, nur noch Schmerz.
To-do-Liste Dienstag 23.05.
6:00 Daily Walk ✓
6:30 Morgenroutine ✓
9:00 Frühschicht in der Uni-Bibliothek ✓
12:00 Mittagessen Mensa ✓
12:30 Telefonat mit Kelly (wg. Besorgungen für das Rescue-Center) ✓
13:00 Studierzeit Aggressionsverhalten bei Hunden
15:00 Biologiekurs bei Prof. Dr. Rafferty
18:00 Abendessen mit Susan (Susan kocht)
19:00 Bullet-Journal aktualisieren
Ein Hund mit kontrollkomplexbedingten Aggressionsproblemen hat in den meisten Fällen eine sehr geringe Frustrationstoleranz. Dies zeigt sich durch offensives Verteidigungsverhalten. Dazu gehört …
»Erde an Erin!«
Eine Hand an meiner Schulter. Ich zucke zusammen und schaue verwirrt von meinem Buch auf. Es ist Olivia.
»Was ist?« Nur langsam finde ich in die Bibliothek der San Francisco State University zurück.
»Ich hab dich zweimal angesprochen.« Mit einem Grinsen im Gesicht schüttelt sie den Kopf, sodass ihre roten Locken fliegen.
Das passiert mir regelmäßig. Seit ich lesen kann, verschwinde ich oft einfach zwischen den Buchdeckeln und bekomme nichts von meiner Umgebung mit. Meine Freunde kennen das.
»Du warst total weggetreten.« Olivia wirft einen interessierten Blick auf mein Buch, dann verzieht sie das Gesicht. »Dr. Allen schickt mich. Du sollst in einer halben Stunde zu ihm ins Büro kommen.«
»Aber …« Ich schlage mein Bullet-Journal auf, das neben dem dicken Schinken über Aggressionsverhalten bei Hunden vor mir auf dem Tisch liegt. »Ich habe jetzt noch fünfzig Minuten Studierzeit, danach beginnt der Biologiekurs. Wie jeden Dienstag.« Meine Kopfhaut kribbelt, und ich streiche mir eine braune Strähne hinters Ohr. Alles in mir sperrt sich gegen Dr. Allens Bitte. Nicht, weil ich ein unangenehmes Gespräch erwarte, sondern weil es meinen ganzen Plan durcheinanderbringt.
»Ehrlich, Erin. Als Jahrgangsbeste ist es bestimmt kein Problem für dich, mal ein bisschen weniger zu lesen. Du weißt sowieso schon alles.« Sie zwinkert. »Keine Ahnung, was er von dir will, aber es klang wichtig.«
»Okay, danke.«
»Bis später.« Olivia nickt mir zu, dann dreht sie sich um und geht. Ich atme tief durch, versuche, mich zu entspannen. Nur eine minimale Änderung meines Tagesablaufs, nichts Schlimmes. Das werde ich schon schaffen. Ich blättere zum morgigen Tag, checke meine Termine und trage die zwanzig Minuten Studierzeit, die mir jetzt abhandenkommen, vorm Abendessen ein. Geht doch. Zufrieden klappe ich meinen Planer zu und denke kurz drüber nach, was Dr. Allen mit mir besprechen will. Aber ich darf nicht abschweifen, jetzt sind erst mal die aggressiven Hunde dran. Damit ich die Zeit nicht aus den Augen verliere, stelle ich einen Erinnerungston an meinem Handy ein. Als es klingelt, sammle ich meine Bücher zusammen und stecke sie in den regenbogenfarbenen Jutebeutel, den ich mir beim letzten Basar im Rescue-Center gekauft habe. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem Doktorvater. Um zu seinem Büro zu kommen, muss ich in den Nordosten des Campus. Die Frühlingssonne wirft einen schwachen Schimmer auf den Weg vorbei am Wissenschaftsgebäude, wo ich wie immer einen Blick auf die Alligator-Statue werfe. Faszinierende Tiere. Kaum jemand weiß, dass sie durch ihren langsamen Stoffwechsel eine Lebenserwartung von neunzig Jahren haben können. Allerdings nur, wenn man sie lässt. Die Realität sieht da leider anders aus. Meistens erreichen die Tiere nicht einmal mein Alter. Fünfundzwanzig. Das ist nur ein Viertel von dem, was ihnen in die Gene gelegt wurde. Ein Jammer. Und das alles nur, weil wir ihren Lebensraum zerstören.
Ich gehe ins Gebäude, weiche einigen Studenten aus, die sich angeregt unterhalten, und klopfe wenig später an Dr. Allens Tür. Nichts passiert. Ich horche angestrengt, kann aber keine Stimme aus dem Inneren hören, also drücke ich vorsichtig die Klinke. Es ist abgeschlossen.
»Ah, Erin, sehr schön.« Dr. Allen kommt mit einem Stapel Hefter unter dem Arm auf mich zu. »Könnten Sie kurz?« Er drückt mir die Hefter in die Hand. »Einen Moment.« In seinen Taschen kramt er nach dem Schlüssel und öffnet uns die Tür zu seinem Büro. »Bitte«, sagt er, deutet hinein und nimmt mir den Stapel wieder ab.
»Danke.« Unschlüssig bleibe ich vor dem vertrauten schweren Schreibtisch aus Eiche stehen und mustere die grüne Lampe im Siebzigerjahre-Stil. Wahrscheinlich wurde die Einrichtung hier noch nie ausgetauscht.
»Setzen Sie sich doch, Erin.« Dr. Allen legt die Heftordner in die überquellende Ablage, seufzt und lässt sich in seinem Stuhl nieder. Ich nehme gegenüber von ihm Platz. Er wirkt gestresst, aber die Lachfalten um seine Augen zeugen von seiner ungebrochenen Lebensfreude. Er ist mit Abstand der engagierteste Professor, den diese Uni zu bieten hat, und ich bin mehr als dankbar, hier ein Stipendium bekommen zu haben. Ohne diese Möglichkeit hätte ich niemals studieren können.
»Ich habe großartige Neuigkeiten für Sie, deshalb der spontane Termin.« Der Blick, mit dem er mich mustert, ist stolz, fast triumphierend. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, worauf er hinauswill.
»Okaaay«, sage ich gedehnt, und er lächelt.
»Dann spanne ich Sie nicht länger auf die Folter, ich weiß, Sie haben einen engen Zeitplan.« Er zwinkert mir zu. Natürlich kennt er meine Macke, und mir macht es nichts aus, wenn er mich damit ein bisschen aufzieht.
»Ja, meinen Biologiekurs darf ich nicht verpassen.«
»Werden Sie nicht.« Er sieht sich suchend um, nimmt die Lesebrille und setzt sie auf. Aus einer Schublade holt er ein Schriftstück mit dem Logo des Forschungsprogramms der Universität. »Ich habe heute Morgen mit Mrs. Howard gesprochen. Es kommt nicht oft vor, aber im Forschungsprogramm wird eine Stelle frei.«
Ich brauche einen Augenblick, um zu begreifen, wovon er spricht. Mrs. Howard ist eine absolute Koryphäe auf ihrem Gebiet und mein großes Vorbild. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als wissenschaftlich zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass unsere Tierwelt es ein Stück weit besser hat. Für das Forschungsprogramm mit dem angegliederten Wildlife-Rescue zu arbeiten, wäre mehr, als ich mir je erträumt hätte. Nur, was hat die freie Stelle mit mir zu tun? Ich muss erst noch meine Doktorarbeit schreiben, und selbst wenn ich die schon fertig hätte, wäre ich sicher nicht die Einzige, die heiß auf diesen Job ist.
»Warum erzählen Sie mir das?«
»Sie wollen die Stelle mit einer vielversprechenden Doktorandin besetzen.« Dr. Allen nimmt die Brille ab, lehnt sich zurück und verschränkt lächelnd die Arme vor der Brust. Offenbar wartet er auf eine Reaktion von mir.
»Doktorandin? Es soll also eine weibliche Person sein?«
Dr. Allen lacht auf. »Sehr witzig, Erin.« Er schüttelt belustigt den Kopf. »Es soll keine weibliche Person sein. Aber es wird eine weibliche Person. Und zwar Sie.«
»Ich.« Das Wort klingt wie ein heiserer Schluckauf.
»Ja. Mrs. Howard war schon immer sehr angetan von Ihnen und hat sich bereits entschieden. Wenn Sie Ihre Doktorarbeit jetzt angehen, können Sie direkt danach mit der Arbeit im Forschungsprogramm starten.«
»Aber …« Der Rest vom Satz bleibt irgendwie stecken. Ich weiß überhaupt nicht, was ich dazu sagen soll. Natürlich hab ich immer von so einem Job geträumt, aber das geht zu schnell. Ich ziehe mir die Ärmel meines dünnen Strickpullis weit über die Handflächen und kralle die Fingernägel ins Bündchen. »Ich hab mir noch kaum Gedanken gemacht zur Doktorarbeit.«
»Dann fangen Sie am besten gleich damit an. Pläne zu schreiben, ist doch Ihre leichteste Übung, Erin.« Er blättert in seinen Unterlagen. »Eine Verhaltensstudie wäre bestimmt was für Sie. Außerdem passt das zu Ihrer zukünftigen Tätigkeit im Programm.« In seinen Augen blitzt etwas auf. »Ich kann Sie in den Yosemite-Park bringen. Ein Freund von mir arbeitet dort als Ranger. Sie müssen sich nur noch überlegen, welche Tierart Sie beobachten möchten und welches Thema Ihre Doktorarbeit haben soll.«
Forschungsprogramm, Yosemite, Tierart. Ich bin überfordert. »Ähm …« Mehr bringe ich nicht heraus. Gedanken fliegen durch meinen Kopf wie ein aufgescheuchter Schwarm Stare. Ich kann keinen richtig fassen. Diese Unordnung verunsichert mich. Unwillkürlich greife ich zu meinem Kettenanhänger. Ein kleiner Schutzengel, den mir meine Tante Susan geschenkt hat, als ich sechs Jahre alt war und ständig Angst hatte.
»Alles gut, Erin. Am besten, Sie machen für heute Feierabend«, sagt er, bevor er lacht. »Auch wenn Sie das natürlich nicht machen und in den Biokurs gehen werden. Überlegen Sie sich danach alles in Ruhe. Ich bin überzeugt, Sie schaffen das.« Er wirft einen Blick auf seinen Kalender. »Und morgen sprechen wir noch einmal miteinander, ja? Können Sie gegen fünfzehn Uhr?«
Wie in Trance krame ich meinen Planer aus der Tasche. Morgen Nachmittag habe ich einen Termin mit Jane zur Nachhilfe. Ich habe ihr versprochen, ihr zu helfen, und ich werde auf keinen Fall absagen. Vielleicht kann ich den um eine halbe Stunde verschieben … Mir behagt das alles nicht, trotzdem nicke ich. Was bleibt mir auch anderes übrig?
Dr. Allen lächelt mir aufmunternd zu, als ich mich verabschiede und mich auf den Weg zu meinem Biologiekurs mache.
Später biege ich mit meinem klapprigen Chevy in die Dolores Street ein. Wie immer gibt er ein leises Klappern von sich, und ich hoffe inständig, dass er nicht vorhat, in den nächsten Wochen den Geist aufzugeben, denn ich kann mir keinen neuen Wagen leisten. Fast mein gesamtes Erspartes und eine erhebliche Finanzspritze von meiner Tante sind dafür draufgegangen, und ich weiß, dass Susan viel mehr gegeben hat, als sie eigentlich kann. Sie sagt es nicht, aber in unserer kleinen Frauen-WG gibt es seitdem nicht mehr den guten Kaffee von Starbucks, sondern nur den vom Discounter. Ich seufze. Susan ist zu gut für diese Welt. Nicht das erste Mal bin ich froh, dass sie mich aufgenommen hat und ich bei ihr das Zuhause gefunden habe, das Mom mir nie geben konnte.
Einfache Reihenhäuser säumen die Straße, und vor unserem ist tatsächlich noch ein Parkplatz frei. Die Spätfrühlingssonne wärmt meine Arme, als ich aussteige. Nicht mehr lange, dann hört man die Mieter der schicken Luxusapartments gegenüber täglich im Pool plantschen.
»Hallo, bin da«, rufe ich, während ich die Tür zur Wohnung öffne.
»Perfekt, Essen ist fertig«, antwortet Susan.
Der Duft von gebratenen Tomaten liegt in der Luft, ein Rezept, das zu den günstigsten Mahlzeiten gehört, die ich kenne. Tomaten, Zucker, Gewürze und dazu ein einfaches Brot. Schmeckt himmlisch.
Nachdem ich meine Tante kurz umarmt habe, setze ich mich an den winzigen Tisch, der bereits gedeckt ist. Dennoch folge ich dem Impuls, mein Bullet-Journal hervorzukramen.
Während Susan unsere Teller füllt, blättere ich zu dem heutigen Tag und aktualisiere die To-do-Liste. Am liebsten würde ich direkt in die Planung gehen, denn das Gespräch mit Dr. Allen pikst wie ein Dorn in meinem Hinterkopf.
»Erin, Schatz. Tu mir einen Gefallen und klapp deinen Kalender zu. Nur solange wir essen, okay?« Susan sieht mich mit hochgezogenen Brauen an.
Seufzend komme ich ihrem Wunsch nach und widme mich den Tomaten, die sie mir gegeben hat. Aber im Kopf geht die Gedankenspirale weiter, die ich mit meinem Planer versucht habe zu stoppen.
»Erzähl mir, was los ist.« Meine Tante tunkt ein Stück Brot in den Sud und schiebt es sich in den Mund. Sie hat dieselben braunen Augen wie ich. Und wie meine Mutter. Aber sonst sieht sie ihr kein bisschen ähnlich. Ein komplett anderer Mensch, und zwar nicht nur äußerlich. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich nicht untergegangen bin. Wenn sie mich nicht vor neunzehn Jahren zu sich geholt hätte, dann … Ich wische den Gedanken beiseite und berichte Susan, was mich so unruhig macht.
»Das verstehe ich gut. Aber ich bin mir sicher, du kriegst das hin.« Sie lächelt zuversichtlich.
Ich weiß es zu schätzen, dass sie mir Mut macht, und wahrscheinlich hat sie recht. Das ungute Gefühl, vor einem tiefen Graben zu stehen und rüberspringen zu müssen, lindert es dennoch nicht. Aber ich musste schon zigmal springen. Und ich werde es wieder schaffen.
Nach dem Essen gehe ich in mein Zimmer. Es ist genauso winzig wie die Küche, aber das macht mir überhaupt nichts. Ich habe hier mein eigenes Reich, und das war nicht immer so. Für einen Moment strecke ich mich auf dem Bett aus, streiche über die Patchworkdecke, die Susan selbst gemacht hat, und fühle die unterschiedlichen Stoffe unter meiner Hand. Von den im Dunkeln leuchtenden Sternen, die seit meiner Kindheit an der Decke kleben, lösen sich ein paar an den Spitzen. Aber das tut der Wirkung keinen Abbruch – ich liebe es, vor dem Einschlafen in den Sternenhimmel zu schauen, auch wenn es nicht der echte ist.
Ich stehe auf und setze mich an den Schreibtisch. »Hallo, Vera«, begrüße ich die kleine Aloe-Pflanze, die auf der Fensterbank neben mir steht, und berühre sanft ihre Blätter.
Dann ziehe ich ein großes Blatt Papier aus der Schublade und notiere alles, was ich für die Doktorarbeit im Yosemite bedenken muss. Ich mache mir Listen, unterteile die großen Aufgaben in viele kleinere Schritte, und mit jedem Eintrag in mein Bullet-Journal wird der Druck auf meiner Brust ein winziges bisschen leichter.
Seit fast einer Stunde marschieren wir durch die Wildnis des Yosemite-Parks. Vorbei an uralten Bäumen, über mit allerlei Grünzeug bewachsenen Boden, aus dem auch mal der ein oder andere Stein herausragt. Die Sonne scheint durch die Blätter, wirft Reflexionen auf den kleinen Pfad, dem wir vom Camp aus gefolgt sind. Eigentlich bin ich kein Naturfreak, habe immer lieber an Autos herumgeschraubt oder war bei Einsätzen der Freiwilligen Feuerwehr dabei – aber seit ich im Crane Fire Camp stationiert bin, hat sich das geändert. Die Stille, der Frieden und das pure »Sein« hier draußen lassen mich aufatmen.
Unser Campleiter Joe gibt das Kommando zum Anhalten. Endlich haben wir die gesuchte Stelle erreicht. Das Gebiet ist von etlichen Laubbäumen bewachsen, keine Ahnung, welche, damit hab ich mich nie beschäftigt. Es ist sowieso egal, denn viele von ihnen müssen weg, auch wenn ich es nicht leiden kann, in die Natur einzugreifen. Aber die Brandschneise muss sein, zu ihrem Schutz, bevor wir in der Hochsaison der Waldbrände noch mehr Naturflächen verlieren.
Zuerst begutachtet Joe, wie wir die Bäume anschneiden sollen, markiert die Stämme und teilt dann die Gruppen auf: Fünf Männer gehen mit ihm nach rechts, die anderen fünf folgen mir nach links. Maddox ist leider einer von ihnen. Er wirft mir einen missbilligenden Blick zu, dann macht er sich an die Arbeit. Kurze Zeit später zerstört das Geräusch der Motorsäge die Idylle, und die Luft füllt sich mit dem Geruch nach frischem Holz und Benzin. Die Männer sind weit genug auseinander, damit sie sich nicht in die Quere kommen. Das erste »Achtung – Baum fällt« ertönt, und die Motorengeräusche verstummen. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen stürzt die Krone zu Boden. Wir beginnen mit dem Entästen und sägen den breiten Stamm in transportfähige Stücke. Obwohl die Temperaturen Ende des Frühlings längst nicht so hoch sind wie in einigen Wochen, läuft mir der Schweiß übers Gesicht. Verdammte Sicherheitskluft. Alles in Orange, damit jeder auf den ersten Blick sieht, dass wir zu den Strafgefangenen gehören. Und dann auch noch der Helm. Da tröstet mich nicht einmal die Bemerkung meiner Schwester, wie sehr meine dunklen Haare und die blauen Augen durch die Farbe zur Geltung kommen. Ich ziehe eine Grimasse, weil im Camp andere Dinge wichtiger sind. Wie im echten Leben. Aber ich bin froh, dass ich meine Strafe hier draußen absitzen darf und dazu noch etwas Sinnvolles tun kann, statt in irgendeiner Zelle ewig über das nachzudenken, was jetzt zu Hause ohne meine Anwesenheit passiert. Mein Magen krampft sich zusammen. Dad wird schon irgendwie klarkommen, ja, aber meiner Schwester wird er nicht helfen können. In einem Anflug von Frust kicke ich einen Ast von mir. Diese Hilflosigkeit ist einfach nur ätzend.
Maddox ruft Sam etwas zu, das ich nicht verstehe, deutet auf mich, und anschließend lachen beide. Er kann es einfach nicht lassen, zu provozieren. Genauso wie Mike. Sein bester Freund, der leider draußen frei herumläuft und mit dem meine Schwester zusammen ist. Ich tue so, als hätte ich nichts mitbekommen, schultere ein Stück Holz und schaffe es zu dem Platz, den Joe als Lagerstätte eingerichtet hat. Hier stapeln wir das Holz, weit genug weg von der Brandschneise, wo am Ende nur noch der blanke Boden übrig sein wird, damit das Feuer kein Futter findet.
Stundenlang fällen wir einen Baum nach dem anderen, bis wir erschöpft eine Pause einlegen. Ich setze mich auf den Stamm des Baums, der eben erst gefallen ist. Die Schnittfläche ist noch frisch, Flüssigkeit quillt hervor und rinnt an den Seiten der Rinde hinunter. Erst im Camp habe ich gelernt, dass Bäume bluten, wenn man sie umlegt.
Als ich den Kopf in den Nacken lege und tief Luft hole, fällt mein Blick auf ein Streifenhörnchen, das ein paar Meter entfernt einen Baum hochhuscht. Zum Glück ist es keiner der markierten Bäume. Über der Krone prangt der Himmel in einem satten Blauton, und die Sonne strahlt so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Ich wende mich ab und drehe meine Wasserflasche auf.
Plötzlich klatscht mir etwas ins Gesicht. Maddox hat sich mit einem großen Ast in den Händen umgedreht und mich mit den Zweigen getroffen.
»Hey! Kannst du nicht aufpassen?« Ich reibe mir über die schmerzende Wange.
Maddox sieht mich an. »Ach, hat die Pussy sich wehgetan? Das wollte ich aber nicht.«
Ein paar der Männer lachen.
Ich stehe auf, fixiere Maddox. »Dünnes Eis. Sehr dünnes Eis«, sage ich. Und genau das ist es. Ich will mich nicht mit ihm anlegen, das wäre für keinen von uns beiden gut. Aber ich leite die kleine Gruppe und darf nicht zulassen, dass Maddox jemanden in Gefahr bringt, weil er unkonzentriert ist.
Wir starren uns an. Obwohl ich dieses Machogehabe ätzend finde, senke ich den Blick nicht. »Vielleicht machst du mal eine Pause.«
Maddox fällt es sichtlich schwer, nachzugeben. Aber er tut es. Er wirft den Ast hin, lacht übertrieben laut und macht eine abfällige Handbewegung, als wäre ich nicht seiner Zeit und Mühe wert. Ich atme unauffällig tief aus. Noch mal gut gegangen. Maddox ist kein schlechter Mensch. Zumindest will ich das glauben. Mike hat einen schlechten Einfluss auf ihn, und er hat einfach nur falsche Entscheidungen getroffen, die ihn hierhergeführt haben. Wie alle von uns. Aber er ist mit Abstand der Auffälligste. Ich streiche mir über die Wange, fühle etwas Nasses. Ein bisschen Blut, nichts weiter. Mit dem Wasser aus der Flasche wasche ich mir das Gesicht. Auf keinen Fall werde ich es melden – das ist genau das, was Maddox will. Er weiß, wie wichtig den anderen Loyalität ist und was passieren wird, wenn ich ihren Respekt verliere. Ich bin nicht so dumm, es in den letzten vier Monaten drauf anzulegen. Wenn ich die Zeit ohne Zwischenfälle überstehe, bin ich frei und kann wieder zurück nach Hause. Meine Familie braucht mich.
To-do-Liste Mittwoch 24.05.
5:00 Daily Walk
5:30 Morgenroutine
7:00 Arbeit im Rescue-Center
12:30 Mittagessen in der Mensa
13:00 Vorlesung Genetik
15:00 Nachhilfe Jane
15:00 Treffen mit Dr. Allen
15:30 Nachhilfe mit Jane NEU
17:40 Studierzeit Aggressionsverhalten bei Hunden vom Vortag zu Hause nachholen NEU
18:00 Abendessen Susan (ich koche)
19:00 Bullet-Journal aktualisieren
Ganz allmählich wird es heller, und der Tag kündigt sich an, als ich die letzten Meter zurück zu unserer Wohnung gehe. Fröstelnd ziehe ich die Strickjacke enger um meinen Körper, die Stunde, die ich heute früher unterwegs bin, merke ich an der Außentemperatur. Aber ich brauche meinen festen morgendlichen Ablauf, nichts könnte mich dazu bringen, darauf zu verzichten. Lieber stehe ich eine Stunde früher auf, so wie heute. Ich schleiche mich in unsere Frauen-WG, um Susan nicht zu wecken. Ihre Schicht in der Reinigungskolonne der Apartmenthäuser beginnt erst um zehn. Leise bereite ich mir einen Kaffee mit der French Press zu, schäume Vanillemilch auf und gebe eine Prise Zimt auf den Schaum. In meinem Zimmer setze ich mich mit meinem Journal an den Schreibtisch, genieße den ersten Schluck, denn der ist immer der beste, und notiere mir in Ruhe alles Wichtige zu dem bevorstehenden Tag. Nachdem ich den Kaffee ausgetrunken habe, mache ich zehn Minuten Yoga, gehe duschen und style meine hellbraunen Haare, bis sie mir gewohnt wuschelig auf die Schultern fallen. Ein bisschen Mascara und Lipgloss – und fertig. Ich weiß nicht, wieso, aber der immer gleiche Ablauf gibt mir ein gutes Gefühl. Und Sicherheit.
Eine halbe Stunde später parke ich meinen Wagen wie jeden Mittwoch auf dem Parkplatz der Hundeauffangstation California Rescue Dogs. Meine Kurse fangen an diesem Tag erst später an, weshalb ich Kelly bei der Frühschicht unterstützen kann. Vor vier Jahren hab ich sie kennengelernt. Für einen Augenblick legen sich eiskalte Hände um mein Herz, als ich an die Situation zurückdenke, die uns zusammengeführt hat. Ich war unterwegs zur Uni, fuhr nichts ahnend und in Gedanken versunken die übliche Strecke, bis mir im Graben eine Mülltüte auffiel. Sie bewegte sich. Ich hielt an, näherte mich ihr vorsichtig und hörte dann einen qualvollen Laut, der sich mir bis heute tief in mein Innerstes gegraben hat. In der Tüte, die fest zugeschnürt war, befand sich ein verletzter Hund. Ein lebendes Wesen mit Gefühlen und einer Seele, weggeworfen wie überflüssiger Müll. Ich habe nach dem nächstgelegenen Rescue-Center gegoogelt und den Chihuahua Goliath, wie er später genannt wurde, zu Kelly gebracht. Ihr Engagement für die ungewollten Hunde und ihr großes Herz haben mich vom ersten Moment an in den Bann gezogen. Seitdem helfe ich ihr und dem Center, sooft ich kann, und statte Goliath regelmäßig einen Besuch ab.
Ich will gerade aussteigen, da vibriert mein Handy. Es ist Dylan.
Wollte dir nur einen schönen Tag wünschen. Grüß die Hunde von mir :-) und melde dich doch mal. Bis hoffentlich bald!
Zum Glück nur eine Nachricht, aber trotzdem. Es ist eine von vielen, die mich zu mehr Kontakt auffordern. Obwohl ich ihm mehrfach gesagt habe, dass ich nicht will. Wir sind über ein Jahr getrennt. Auch wenn ich gern mit ihm befreundet wäre, funktioniert es irgendwie nicht. Er macht sich Hoffnungen, die ich ihm nicht erfüllen kann und will. Ich werfe das Handy auf den Beifahrersitz. Mit einer Futterspende aus dem Supermarkt um die Ecke betrete ich das schlichte Plattengebäude.
»Hallo«, formt Mrs. Martin mit den Lippen, das Telefon am Ohr. Seit vielen Jahren leitet sie die Station und ist immer sehr beschäftigt. Sie deutet auf das Futter, dann auf mich und flüstert: »Danke.«
Dann wendet sie sich ab und diskutiert mit jemandem über verwahrloste Neuzugänge. Unwillkürlich versetzt es mir einen Stich, weil es viel zu häufig passiert, dass Hunde aus miserablen Haltungsbedingungen zu uns kommen.
Ich gehe durch den Eingangsbereich bis zur hinteren Stahltür. Die Geräusche werden immer lauter, die Hunde kläffen, bellen, jaulen und knurren. Als ich den Trakt mit den vielen Zwingern betrete, ist es kaum auszuhalten. So ist es immer, kurz bevor es Futter gibt. Manche Hunde sind auch den ganzen Tag laut, einfach, weil sie mit der Situation nicht klarkommen, Langeweile haben oder frustriert sind. Andere werden ganz still und apathisch, ziehen sich zurück und geben sich auf. So wie das kleine verfilzte Knäuel in Zwinger acht, an dem ich gerade vorbeigehe. Einer der Neuzugänge, von denen Mrs. Martin sprach. Er hockt zusammengekauert und zitternd in der hintersten Ecke und sieht mich aus großen Kulleraugen an.
»Hey, Erin.« Kelly zieht mich in eine kurze Umarmung. »Schön, dass du da bist. Wir haben gestern acht neue Hunde bekommen.« Sie presst die Lippen aufeinander. »Einer in einem echt schlechten Zustand. Er lässt sich nicht anfassen. Vielleicht schaffst du es ja. Wir müssten dringend schauen, ob er Verletzungen unter dem verfilzten Fell hat.«
»Ich kümmere mich nach dem Füttern um den Kleinen.«
»Das ist super. Aber Goliath darfst du auch nicht vergessen.« Kelly zwinkert mir zu.
»Natürlich nicht.«
Nachdem ich Goliath gefunden hatte, musste er operiert werden. Er war so stark am Auge verletzt, dass er es verlor. Außerdem hat er kaum noch Zähne. Der Schönste ist er also nicht gerade, und deshalb wird er bei Adoptionsanfragen auch immer übersehen. Verstehen tue ich das nicht, Goliath ist ein Schatz. Lieb, genügsam und ja, auch ein bisschen speziell, aber gerade das macht seinen Charakter aus. Ehrlich gesagt ist er mir sehr ähnlich. Mir fehlen zwar keine Zähne, und meine Augen sind beide an ihrem Platz, aber ich bin auch speziell und habe in der Vergangenheit etwas Schlimmes erlebt. Trotzdem habe ich es überstanden und mich wie Goliath durchgekämpft.
»Okay, los geht’s, die Damen und Herren sind hungrig.« Kelly trällert die letzten Worte, und ich muss lachen. Trotz der Schicksalsschläge, die sie hier fast täglich miterlebt, bleibt sie fröhlich und schafft damit eine entspannte Atmosphäre für die Tiere. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt hin und her, während sie sich auf den Weg in die Futterküche macht. Wenn sie nicht gerade alles für die Hunde gibt, beschäftigt sie sich mit Make-up-Tutorials. Jemand, der Kelly nicht kennt, würde sie glatt für eine oberflächliche Tussi halten. Dabei ist sie das komplette Gegenteil. Ich kenne keinen empathischeren und tiefgründigeren Menschen als sie.
Nach einer Stunde sind alle Hunde mit Futter und Wasser versorgt. Wir gönnen uns eine Verschnaufpause, bevor es weitergeht. Die Tiere dürfen in den Freilauf, und die Zwinger werden sauber gemacht.
Es ist fast zehn Uhr, als ich endlich Zeit finde, mich zu dem kleinen verfilzten Etwas in Zwinger acht zu setzen. Er zittert und versteckt sich hinter dem Körbchen, nur die Ohren und die weit aufgerissenen Augen sind zu sehen. Ich weiß genau, wie er sich jetzt fühlt. Oft genug habe ich mit meiner eigenen Angst zu kämpfen. Mit dem Rücken zum Tier gehe ich langsam in die Knie, erzähle ihm mit unaufgeregter Stimme, dass er hier in Sicherheit ist und ich ihm nichts tun werde. Natürlich weiß ich, dass er kein Wort versteht, aber den Tonfall kann er schon einschätzen, und indem ich ihm den Rücken kehre, zeige ich ihm, dass ich keine Bedrohung bin. So verharre ich im Zwinger, rede mit dem Kleinen, ohne ihn auch nur einmal anzuschauen. Irgendwann nehme ich ein Leckerli aus der Hosentasche, rolle es vorsichtig in seine Richtung und drehe mich seitlich zu ihm. Er hat aufgehört zu zittern und reckt die schwarze Nase in die Luft. Ich sehe weg, um ihm Raum zu geben, und tatsächlich: Nach ein paar Minuten schleicht er sich langsam an den Leckerbissen ran. Ein kleiner Erfolg. Während er frisst, strecke ich ihm vorsichtig meine Hand entgegen. Erst erstarrt er, dann fängt er an zu schnuppern, und mir gelingt es, ihn am Kinn zu berühren. Diese Momente geben mir ein Gefühl der Zuversicht. Auch wenn ich selbst unter meinen Ängsten leide, bin ich trotzdem in der Lage, anderen da herauszuhelfen. Vielleicht sogar genau deswegen.
Nicht bei allen Hunden gelingt die Kontaktaufnahme in so kurzer Zeit, bei manchen dauert es Tage, in denen wir stundenlang neben ihnen sitzen und auf den richtigen Moment warten. Oft ist es auch nicht ungefährlich, wenn sie sich entscheiden, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Aber was ich bei Tieren so faszinierend finde, ist, dass man sie genau lesen kann. Ein kurzes Zucken im Mundwinkel, ein leichtes Sträuben des Nackenfells, und ich weiß genau: Ziehe ich mich jetzt nicht zurück, bin ich selbst schuld, wenn ich gebissen werde. Tiere sind nicht hinterlistig oder unberechenbar. Menschen schon.
»Na, du …« Ich streichle über seine schwarze Fellmatte, die nicht gerade gut riecht und sich furchtbar anfühlt. »Soll ich dich davon befreien? Du wirst sehen, dir geht es sofort besser.« Behutsam nehme ich ihn hoch, und er lässt es geschehen, auch wenn ich an seinem Zittern merke, dass er mir noch nicht ganz vertraut.
Eine halbe Stunde später bringe ich einen gefühlt anderen Hund zurück in Zwinger acht. Zumindest sieht der Kleine anders aus, das Fell ist kurz geschoren, und er wirkt noch dünner als vorhin. Aber er kann sich viel besser bewegen ohne die Filzplatten, die überall auf der Haut zu Reizungen geführt haben. Nur auf dem Kopf hab ich die struwweligen Haare stehen lassen.
»Hey, gute Arbeit«, lobt mich Kelly, die an den Zwinger tritt und den Kleinen mustert. »Er sieht ein bisschen aus wie Einstein, findest du nicht?«
Ich muss lachen. »Ja, stimmt. Hallo, Einstein. Nun musst du nur noch so schlau sein, die richtige Familie von dir zu überzeugen. Aber dabei helfen wir dir.«
Nachdem ich Einsteins Körbchen noch mit einer weichen Decke ausgestattet habe, widme ich mich endlich Goliath. Der kleine Chihuahua-Opa springt vor Freude am Gitter hoch, als er mich kommen sieht. Sein aufgeregtes Quietschen trifft mich direkt ins Herz, und mir schießen Tränen in die Augen.
»Hallo, kleiner Mann.« Ich öffne die Tür, beuge mich zu ihm hinunter, und er hüpft an mir hoch, erwischt mit seinem kalten Näschen meine Wangen. »Beruhig dich, ich bin ja da«, murmle ich und kraule ihn hinter beiden Ohren.
Wieder einmal frage ich mich, warum niemand ihn will. Er hat ein tolles Zuhause mehr als verdient, nach allem, was er mitmachen musste. Aber ich kann ihn nicht nehmen. Er wäre ständig allein, wenn ich in der Uni bin. Susan arbeitet auch den ganzen Tag. Das wäre nicht fair. Seufzend ziehe ich Goliath sein Geschirr an und gehe eine Runde mit ihm spazieren. Nachdem ich noch einmal ausgiebig mit ihm gekuschelt habe, ist der Vormittag schon vorbei, und ich muss mich auf den Weg zur Uni machen. Die Arbeit im Rescue-Center ist eine echte Herausforderung, aber nicht zum ersten Mal bin ich dankbar, dass meine eigenen Probleme und Sorgen dabei immer in den Hintergrund treten. Keinen einzigen Moment habe ich an die Doktorarbeit, den Yosemite-Park, Dr. Allen und das Forschungsprogramm gedacht. Dafür prasselt es jetzt wieder auf mich ein. Nach dem Genetikkurs steht mein Termin mit meinem Doktorvater auf dem Plan.
Dr. Allen begrüßt mich in seinem Büro mit einem strahlenden Lächeln.
»Hallo, Erin. Ich bin ganz gespannt, was Sie sich überlegt haben. Nehmen Sie doch Platz.«
Selbst wenn ich nicht mit meinem Journal und einer großen Mappe hier reingekommen wäre, wüsste Dr. Allen, dass ich gestern stundenlang an einem Essay und dem Plan für eine mögliche Umsetzung gebrütet habe. Er kennt mich einfach zu gut. Ich setze mich, und in der nächsten halben Stunde besprechen wir, was den Schwerpunkt meiner Doktorarbeit ausmacht und wie viel Zeit ich für die entsprechenden Verhaltensbeobachtungen im Yosemite aufbringen müsste.
»Mir gefällt, dass Sie sich für die Maultierhirsche entschieden haben. Die meisten Studenten sind scharf auf Bären und Wölfe, und dementsprechend gibt es auf dem Gebiet schon viele unterschiedliche Studien.« Dr. Allen tippt mit der Spitze seines Kugelschreibers auf mein Essay. »Ich denke, mit acht Monaten sollten Sie gut auskommen. Drei Monate Beobachtungen im Park, zwei Monate, um Ihre Ergebnisse zu ordnen und zu einer Doktorarbeit zu strukturieren, und weitere drei Monate, um sie zu schreiben.«
Das ist ein sportlicher Plan, aber machbar. Und genau das, was ich mir schon selbst zurechtgelegt habe.
»Sie könnten direkt anfangen, wenn Sie wollen. Ich rufe Brandon Thompson an, er schuldet mir noch einen Gefallen.« Mein Doktorvater lächelt zufrieden.
»Thompson?«, hake ich nach und versuche, das Wort »direkt« zu verdauen. Ich hab zwar jetzt einen Plan, wie ich die Doktorarbeit angehen kann, aber ich muss auch das ganze Drumherum bedenken. Wo werde ich unterkommen? Wie komme ich täglich ins Gelände, um eine Herde zu finden? Was ist mit der Verpflegung? Kann ich meine Morgenroutine einhalten? Beim Gedanken, dass ich meine Gewohnheiten ändern muss, wird mir abwechselnd heiß und kalt.
»Ja, er ist Ranger im Yosemite-Park.«
»Wie bitte?« Mit großen Augen sehe ich zu Dr. Allen auf.
»Brandon Thompson.« Er mustert mich einen Moment. »Sie schaffen das, Erin. Ich weiß, irgendwo da drin ist Ihre Spontaneität und Lust auf Abenteuer versteckt.« Mit dem Finger deutet er sich auf die Herzgegend.
Wenn er wüsste. Mein Hasenherz würde jetzt am liebsten davonspringen. Aber ich reiße mich zusammen und stelle ihm all die Fragen, die mir auf der Seele brennen.
»Das klären wir sofort.« Mein Doktorvater greift nach dem Telefonhörer und wählt eine Nummer.
»Howdy, Allen«, antwortet eine tiefe Stimme amüsiert. Dr. Allen grinst und sieht plötzlich aus wie ein Schuljunge. »Hey, Brandon. Ich will einen Gefallen einlösen.«
Die beiden reden eine Zeitlang über Nebensächlichkeiten, und in meinem Kopf dreht sich fröhlich das Gedankenkarussell. Endlich kommt Thompson zum Punkt. Ich bekomme ein Zimmer mit Bad im Yosemite Valley, im Zentrum neben dem Verwaltungsgebäude. Ein Praktikant, der täglich ein Camp in der Wildnis versorgt, nimmt mich morgens und abends mit. Essen bekomme ich im Touristenzentrum, sogar für Lunchpakete ist gesorgt. Ich erlaube mir, ein klein wenig aufzuatmen. Das klingt zumindest nach einer Struktur. Auch wenn die Feinheiten noch nicht stehen, kann ich einen Plan aufstellen und mich darauf vorbereiten.
To-do-Liste Donnerstag 25.05.
6:00 Daily Walk ✓
6:30 Morgenroutine
7:30 Recherchearbeiten zum Yosemite-Park
8:30 Pläne ausarbeiten
12:00 Mittagessen Mensa
12:30 Übergabe Nachhilfe Jane
13:00 Material zusammensuchen aus der Uni
14:30 Bei Wallmart einkaufen
16:00 Essen für Susan vorbereiten
16:30 Fertigmachen für die Party
17:30 Bullet-Journal aktualisieren
19:00 Party im Rescue-Center
Nach einem unruhigen Spaziergang sitze ich endlich mit einem Becher Kaffee in meinem Zimmer am Schreibtisch. Obwohl ich diese Routine sonst genieße, konnte ich heute nicht schnell genug wieder nach Hause kommen, um an der nötigen Struktur für die nächsten Wochen im Yosemite-Park zu arbeiten. Noch so viel, was ich klären muss: Mit welchen Gefahren werde ich konfrontiert, welche Strategien kann ich anwenden, um die Risiken zu minimieren? Ich nehme ein großes Blatt Papier und lege eine Mindmap an. In die Mitte schreibe ich das Wort »Risiken« und liste rundherum alle Dinge auf, die mir dazu einfallen, mache Anmerkungen, was ich noch recherchieren muss. Als Susan eine Stunde später den Kopf hereinstreckt, um mir einen guten Morgen zu wünschen, habe ich eine Landkarte mit allen möglichen Gefahren erstellt und fühle mich nicht mehr so getrieben. Ich kann mir zu allen Punkten passende Lösungsstrategien überlegen. Dann bin ich wenigstens vorbereitet und nicht hilflos ausgeliefert.
»Anti-Hero« von Taylor Swift ertönt – der Klingelton von meinem Handy. Wenn es ein Lied gibt, das zu mir passt, dann dieses. Ich schnappe mir mein Handy und schaue aufs Display. Es ist Kelly.
»Hey, Zuckerschnecke«, begrüßt sie mich, und ich muss lachen. Von Kellys positiver Einstellung und ihrer Begeisterung könnten sich viele Menschen eine Scheibe abschneiden.
»Selber«, kontere ich, weil mir nichts Besseres einfällt.
»Du denkst doch an die Party heute Abend? Nicht, dass du auf die Idee kommst, dich davor zu drücken.« Kelly schnalzt.
»Niemals. Ich weiß doch, wie viel Mühe du dir gegeben hast. Das werde ich mir bestimmt nicht entgehen lassen.«
»Dann ist ja gut.« Im Hintergrund ist das Bellen von ihrem Colliemix Dagobert zu hören. »Ich muss Schluss machen, mein Typ wird verlangt.«
»Ist nicht zu überhören«, sage ich und lache wieder. »Bis später!«
Ich beende den Anruf und mustere einen Moment das Display. Ein Foto von mir und Goliath dient als Bildschirmschoner. Er versucht darauf verzweifelt, mein Gesicht abzuschlecken, während ich mich lachend dagegen sträube. Seufzend lege ich das Handy weg.
Gegen Mittag ist es Zeit, um an die Uni zu fahren. Jane benötigt weiter Nachhilfe, und da ich die nächsten Wochen beschäftigt bin, bespreche ich mit ihr das weitere Vorgehen. Sie wird sich den Theorieteil der Genetik selbst erarbeiten, und dann hat sich Olivia bereit erklärt, ihr bei der wissenschaftlichen Analyse zur Seite zu stehen. Wenn ich einmal meine Hilfe zugesagt habe, ziehe ich das auch durch. Aber mit meinem Wochenplan sollte Jane keine Probleme haben, sich den Stoff einzuprägen und auch ohne mich zurechtkommen.
Jane nimmt mich zum Abschied in den Arm. »Danke, Erin. Ohne dich wäre ich echt aufgeschmissen.«
»Immer gern«, antworte ich. »Sehen wir uns nachher noch im Rescue-Center? Kelly findet, dass meine Expedition Grund zum Feiern ist …« Ich verziehe den Mund zu einem schiefen Grinsen. Natürlich freue ich mich, einen schönen Abend mit meinen Freunden zu verbringen, aber nach Feiern wird mir erst zumute sein, wenn ich das Ganze hinter mir habe.
Jane lächelt. »Klar. Bis später dann!«
In Gedanken hake ich den Punkt auf meiner To-do-Liste ab und widme mich der nächsten Aufgabe. Dr. Allen hat mir erlaubt, Equipment von der Uni auszuleihen. Für die Kameras, Stative, Objektive fehlt mir das nötige Kleingeld. Meine alte gebrauchte Kamera, die ich vor vier Jahren auf einem Flohmarkt erstanden habe, erfüllt nur noch bedingt ihren Zweck und eignet sich nicht für die Aufnahmen, die ich brauche. Eine Stunde später habe ich die Geräte sowie ein Beobachtungszelt in meinem Auto verstaut. Auch erledigt. Jetzt nur noch ins Einkaufszentrum für die Kleinigkeiten und ein paar feste Schuhe und passende Kleidung. Als ich schließlich auch damit fertig bin, kribbelt die Unruhe in meinem Nacken. Ich werde wirklich und wahrhaftig in den Yosemite-Park gehen, um dort in der wilden Natur eine Herde Maultierhirsche zu beobachten. Ganz allein. Ich. Inmitten einer unberechenbaren Umgebung. Ein kalter Schauder läuft mir über den Rücken, und ich schüttle unwillig den Kopf, um die Gedanken daran zu vertreiben. Wenn ich mich weiter damit beschäftige, komme ich aus der negativen Spirale nicht mehr raus, gerate in Panik und schmeiße alles hin. Und das darf nicht passieren. Ich will den Job bei Mrs. Howard so sehr, es ist DAS Ziel auf meinem Fünf-Jahres-Plan.
Gegen fünf Uhr stehe ich im Bad unserer Frauen-WG vor dem Spiegel.
»Alles okay bei dir?« Susan kommt herein, während ich mir die Wimpern tusche.
Ich zucke mit den Schultern. »Ja, schon.«
Sie lässt sich auf dem geschlossenen Toilettendeckel nieder und schlägt die Beine übereinander. »Das wird bestimmt großartig, du wirst sehen. Ich bin so stolz auf dich. Und sie wäre das auch.«
»Danke. Für alles«, murmle ich und sehe sie kurz durch den Spiegel an. »Du bist hier. Sie nicht.«
»Ach, Schatz. Ich weiß.« Sie lächelt gezwungen, und ich sehe den Ernst in ihren Augen. Genau wie ich ist sie traurig, dass der Mensch, der das jetzt ebenfalls mit mir und mit uns erleben sollte, keinen blassen Schimmer davon hat. Meine Mom hat sich für ein anderes Leben entschieden.
»Versprich mir, dass du trotzdem feierst, ja? Deinen Mut, die Dinge anzugehen, auch wenn du allen Grund hättest, davonzulaufen. Du tust es nicht.« Susan greift nach meiner Hand und drückt sie.
»Okay, versprochen.« Ich kann nicht zählen, wie oft wir diese »Klogespräche« geführt haben. Alle wichtigen Dinge haben wir in diesem winzigen Raum diskutiert. Meinen Spleen mit dem Bullet-Journal, meine Erinnerungen an Mom und meinen Erzeuger, finanzielle Sorgen, Liebeskummer und was ich mir für meine Zukunft wünsche. Ich weiß nicht, warum wir das so machen, aber das ist auch egal. Es ist ein Erin-Susan-Ding, und es fühlt sich tröstlich an.
Susan steht auf, umarmt mich von hinten, und unsere Blicke treffen sich erneut im Spiegel. Meine hellbraunen Haare stehen im Kontrast zu ihrem schwarzen Schopf. Aber die rehbraunen Augen verbinden uns. Sie haucht mir einen Kuss aufs Haar und verlässt den Raum. Ich tupfe mit dem Finger noch ein bisschen Lipgloss auf meinen Mund, atme tief durch, dann mach ich mich auf den Weg ins Rescue-Center.
Kelly hat auf der Terrasse des Gebäudes ein kleines Büfett aufgebaut, bunte Lampions hängen am flachen Dach des Plattenbaus, und Wolldecken liegen bereit, um sich darin einzukuscheln. Ich entdecke Olivia, Jane und Luke aus der Uni, außerdem Mrs. Martin, Max, der unser Junge für alles ist, und Jillian, die Tierpflegerin, die schon seit der Gründung des Rescue-Centers dabei ist. Ein paar Adoptanten, die den Kontakt zu uns gehalten haben, sind ebenfalls in Begleitung ihrer Schützlinge da. Die Hunde tollen ausgelassen über den Rasen. Ein bisschen Frieden in einem geschützten Rahmen – hier und jetzt ist die Welt gerade in Ordnung. Fröhlich werde ich begrüßt, von den Menschen mit Umarmungen, während die Hunde ihr gesamtes Repertoire aufbieten: kalte Nasenstupser gegen nackte Beine, anrempeln, um sich den Hintern kraulen zu lassen, oder sie umkreisen mich wild mit heraushängender Zunge wie Goliath, mein Chihuahua-Opa. Ich beuge mich zu ihm herunter, tätschle seinen kleinen Kopf und hebe ihn schließlich hoch, damit die anderen Hunde ihn nicht über den Haufen rennen. Die Vormittage am Mittwoch im Rescue-Center mit Kelly werden mir fehlen. Aber vor allem Goliath. Der Kleine bedeutet mir viel, und sowohl Kelly als auch Mrs. Martin haben mehr als einmal gesagt, dass ich die richtige Adoptantin für ihn wäre. Auch wenn mein Herz nichts lieber möchte, macht mir mein Kopf einen Strich durch die Rechnung. Ich schaffe es gerade eben so, die Kontrolle über mein Leben zu behalten. Mit einem Hund an meiner Seite? Das wäre unberechenbar. Was alles passieren könnte, auf das ich keinen Einfluss habe. Undenkbar. Es würde alles aus dem Ruder laufen.
Ich setze mich zu den anderen an den Tisch, und als mein Blick auf Goliath fällt, der mich mit großen Augen anhimmelt, bildet sich ein Kloß in meinem Hals. Einmal mehr bereue ich, dass ich aufgrund meiner Vergangenheit diese übertriebene Struktur in meinem Leben brauche.
»Ihr beiden gehört einfach zusammen, wenn du mich fragst.« Unbeabsichtigt setzt Kelly meinen Gedanken noch die Krone auf.
»Ich weiß«, antworte ich und nehme einen großen Schluck von der Weinschorle, die vor mir steht. Aber ich erkläre Kelly nicht, warum ich es nicht kann. Nur wenige wissen, wie mein Leben ausgesehen hat, bevor ich zu meiner Tante gekommen bin, und obwohl ich Kelly als meine beste Freundin betrachte, habe ich ihr nie Details aus meiner Vergangenheit erzählt. Dylan ist der Einzige, der in die dunklen Jahre eingeweiht ist und mich mit seinem übertriebenen Beschützerinstinkt immer wieder daran erinnert. Aber ich will das nur vergessen.
»Unsere Erin in der Wildnis. Wer hätte das gedacht?« Mrs. Martin hebt das Glas.
»Ob sich die Hirsche an deinen Plan halten werden?« Max zwinkert mir zu, und ich grinse.
»Klar, ich bring denen das schon bei«, antworte ich, woraufhin alle lachen.
»Auf eine erfolgreiche Zeit im Yosemite«, sagt Kelly.
Wir stoßen alle in der Mitte des Tisches an, Gläserklirren erfüllt die Luft.
Es ist ein schöner Abend, die Luft ist noch ein bisschen kühl, aber ich spüre schon den Sommer kommen. Die Hunde stauben einige Fleischreste vom Büfett ab, rollen sich auf den vorbereiteten Decken zusammen, und langsam wird es dunkel. Schließlich verabschiede ich mich, weil ich wie immer früh morgens aufstehen werde, um meine Morgenroutine durchzuführen. Da wird auch die Reise in den Yosemite-Park nichts dran ändern.
Ich will gerade in mein Auto steigen, als mich eine Stimme hinter mir zusammenzucken lässt.
»Erin? Was habt ihr gefeiert?«
Ich drehe mich um und blicke in das Gesicht von Dylan. Das kann doch nicht wahr sein!
»Was tust du hier?« Ich verschränke die Arme vor der Brust und starre ihn wütend an.
»War nur gerade in der Nähe und hab mir Sorgen um dich gemacht.« Er macht eine abwehrende Handbewegung. »Ich hab Olivia heute bei Starbucks getroffen, und sie meinte, dass ihr hier sein werdet. Aber den Grund für die Feier hat sie nicht gesagt.«
»Das geht dich auch nichts an, Dylan«, sage ich mit fester Stimme. Ich kann nicht glauben, dass das hier gerade passiert.
»Sei doch nicht gleich so feindselig. Ich wollte nur wissen, wie es dir so geht, was du so machst. Und du antwortest mir nicht.« Er klingt tieftraurig, und für einen kurzen Moment werde ich weich.
Wir waren lange zusammen, auch wenn die letzten beiden Jahre sich eher angefühlt haben, als wären wir Geschwister. Dylan hat mich durch eine verdammt schwierige Zeit begleitet. Trotzdem. Wir sind kein Paar mehr, und ich bin ihm keine Rechenschaft schuldig. Er braucht mich nicht mehr zu beschützen, ich kann und will das allein schaffen.
»Wir sind nicht mehr zusammen, Dylan«, sage ich und seufze. »Und dafür gibt es einen guten Grund.«
»Ja, das war ein Fehler, und ich bereue es. Wirklich. Ich war betrunken, und zwischen uns …«, lamentiert er.
»Lief schon länger nichts mehr«, vollende ich seinen Satz. »Es musste so kommen, weil wir nicht mehr wir waren, verstehst du?«
Er blickt zu Boden, antwortet nicht. Der Stachel sitzt immer noch tief in meinem Herzen. Ich habe ihm voll und ganz vertraut, mit allem, was ich habe und was ich bin. Nur um dann herauszufinden, dass er mich mit seiner besten Freundin betrügt. Für mich kann es kein Zurück mehr geben.
»Mach’s gut, Dylan. Ich werde jetzt fahren.« Mir fällt noch auf, dass er den Pullover trägt, den ich ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt habe: My girlfriend is a scientist but all I have is this f**cking hoodie. Ironie des Schicksals. Wir waren jahrelang ein eingeschworenes Team, bis er das enge Band achtlos zerschnitten hat. Ich schlucke trocken, steige in meinen Wagen und fahre los, ohne noch einmal in den Rückspiegel zu schauen.
Ich habe mich gerade auf das Feldbett in meinem Container gelegt, als Joe in der Tür auftaucht. »Komm mit, wir müssen uns unterhalten«, sagt er nur und geht.
Garcia neben mir zieht die Augenbrauen hoch und mustert mich. »Bekommst du jetzt einen Anschiss?«
»Keine Ahnung«, gebe ich zurück und stehe auf.
Garcia ist eine Labertasche, aber ich mag ihn, und es ist okay, den Container mit ihm zu teilen. Was der Campleiter von mir will, weiß ich allerdings auch nicht. Mit einem mulmigen Gefühl folge ich ihm quer durchs Lager. Auf der großen freien Fläche umringt von Bäumen und Sträuchern sind dreißig Container in Reih und Glied aufgestellt. Am Eingang zu unserem Camp stehen die Trailer der Mitarbeiter und ein Container, der als Büro dient. Joe setzt sich gerade an seinen spartanischen Schreibtisch und deutet auf den Stuhl davor. Ich nehme Platz.
»Was ist das da in deinem Gesicht?«
»Nix weiter. Hab nicht aufgepasst«, erkläre ich.
Er runzelt die Stirn. »Nicht aufgepasst?«
»Ja.«
Joe zieht sein typisches Verhör ab, da kann ich mit umgehen, denn er ist absolut fair. Nicht so wie Wilson, einer der Wärter im staatlichen Gefängnis, der seine Machtposition geliebt und auch ausgenutzt hat.
»Okay. Gut. Wir bekommen morgen Besuch. Eine Verhaltensbiologin kommt in unser Camp. Eigentlich sollte sie im Valley untergebracht werden, aber es gab eine kurzfristige Planänderung. Der Ranger hat mir gerade Bescheid gegeben. Sie wird hier irgendwelche Hirsche beobachten.« Er zieht eine Grimasse.
Ich sage nichts, sondern warte einfach ab, dass er weiterspricht, auch wenn ich nicht weiß, warum er mir das erzählt.
»Du wirst dich um sie kümmern, klar? Auf ihre Sicherheit achten, mit ihr zu den Viechern gehen und so weiter.«
»Ich soll was?« Ich richte mich auf und schüttle den Kopf. »Wieso?«
Joe lacht süffisant. »Wieso man in einem Strafgefangenencamp auf eine Frau aufpassen sollte? Dein Ernst?«
Ich seufze. Bei so Typen wie Maddox ist es sicher ratsam, Vorsicht walten zu lassen. Aber in diesem Camp sind schließlich keine Schwerverbrecher untergebracht, und unter den Mitarbeitern befinden sich auch einige Frauen. »Wieso ich?«
»Du machst dich gut als Gruppenführer. Ich denke, ich kann mich auf dich verlassen.«
Schöne Scheiße. Und ich dachte, nicht mit Maddox aneinanderzugeraten, wäre mein größtes Problem. Ein Problem, das zur Gefahr für meine Freiheit in vier Monaten wird.
»Lob ist nicht so dein Ding, oder?«
Erst jetzt merke ich, dass ich nichts gesagt habe. Leider habe ich auch kein Pokerface. »Nicht wirklich.«
»Egal. Du bist für die Biologin zuständig, wirst dafür von den Arbeiten freigestellt. Aber wenn es eng wird, musst du trotzdem ran, verstanden?« Joe sieht mir direkt in die Augen, aber die Härte darin ist nur Show. Er gehört zu den Guten und will, dass seine Schützlinge ihre Chance nutzen. Ich bezweifle, dass mir das mit einer Frau im Schlepptau gelingen wird. Aber ich nicke, schließlich bleibt mir nichts anderes übrig.
Das Funkgerät knackt. »Crane Fire, bitte kommen.«
»Crane Fire, hier Joe Miller«, meldet sich Joe.
»Mike Brown. In zwei Minuten bin ich da und bring dir Nolan, wie abgesprochen«, sagt die Stimme aus dem Gerät.
»Verstanden, over and out«, antwortet Joe und sieht mich an.
»Und noch was – ich hab einen Neuen für dich, du weißt, was du zu tun hast.«
Auch das noch. Ich nicke und folge Joe auf den Platz nach draußen, wo gerade ein Geländewagen der Polizei vorfährt. Zwei Beamte steigen aus und öffnen die hintere Tür. Misstrauische Blicke treffen auf mich und checken die Umgebung. Der Typ ist nicht viel älter als ich, höchstens Anfang dreißig. Sein Hals ist voll mit bunten Tätowierungen, sieht aus wie irgendwelche Ornamente.
»Aussteigen, Nolan. Du bist jetzt zu Hause«, flachst einer der Männer.
Umständlich klettert er aus dem Wagen und hält den Beamten auffordernd seine noch in Handschellen steckenden Arme hin. Wortlos wird er befreit, Brown nickt Joe zu, und schon sind sie wieder weg.
»Terry Nolan – ich bin Joe Miller, der Campleiter, und das ist Jesse Davis. Er sagt dir alles, was du wissen musst. Regel Nummer vier: Verkack das hier nicht, es gibt nur diese eine Chance.«
Der Typ reckt das Kinn. »Verstanden«, antwortet er dann aber.
Joe klopft mir kurz auf die Schulter, verschwindet in seinem Bürocontainer und lässt mich mit dem Neuling allein.
»Ich kann dir nur raten, auf ihn zu hören. Auch wenn es erst mal verlockend aussieht, so ganz ohne Zäune und Kameras. Du wirst nicht weit kommen hier in der Wildnis. Wenn sie dich dann schnappen, verdoppelt sich deine Strafe. Und glaub mir, sie werden dich schnappen, Terry.«
Er mustert mich skeptisch aus dunklen Augen. »Nolan«, brummt er. »Niemand nennt mich Terry.«
»Okay, Nolan.« Einen Moment lang frage ich mich, ob er einer der wenigen Straftäter ist, die so dumm sind, einen Ausbruch zu versuchen. In den letzten Monaten hatten wir nur Coleman, der nach einer Auseinandersetzung mit einem Schwarzbärweibchen freiwillig zurückgekommen ist, um seine Wunden versorgen zu lassen. Bei ihm hatte ich gleich so ein komisches Gefühl. Nolan kann ich noch nicht einschätzen.
Die meisten begreifen aber schnell, dass ihnen nichts Besseres passieren kann, als hier draußen zu sein, jeden Morgen den Sonnenaufgang sehen zu können, sich an der frischen Luft zu bewegen, einen Hauch der Freiheit zu schnuppern, die auf uns wartet, und jeden Abend mit dem Gefühl einzuschlafen, etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben.
Nachdem ich ihm das Camp gezeigt, den Betreuern und Feuerwehrleuten vorgestellt und ihm seinen Container zugewiesen habe, drücke ich ihm den Zettel mit unseren Regeln in die Hand. Auf der einen Seite die Campregeln, auf der anderen die Feuerregeln. »Auswendig lernen. Was da steht, kann dein Leben retten.«
Campregeln
Es gilt, was der Campleiter/die Betreuer sagen.Gegenseitiger Respekt ist oberstes Gebot.Keine Handys/kein Alkohol/keine Drogen/kein Sex.Jeder bekommt nur eine Chance.Feuer nur in der Feuerschale, nie unbeaufsichtigt lassen, mit Sand löschen.Zigaretten nur in den Ascheimer entsorgen.Strafgefangene dürfen sich allein nicht mehr als 500 Meter vom Camp entfernen.Telefonate nach Absprache mit dem Campleiter.Einmal im Monat gibt es einen Besuchstag.Freigang nur in außergewöhnlichen Fällen.Ausrüstung muss zweimal die Woche gewartet werden.Feuerregeln
Nur ein ruhiger Geist kann gute Entscheidungen treffen.Keine Alleingänge: Es gilt, was der leitende Feuerwehrmann sagt.Nie bergauf vor Feuer fliehen.Flammen, die höher als 1,20 Meter sind, müssen mit Unterstützung gelöscht werden.Brandgeschehen nach folgenden Kriterien beurteilen: Rauch (Farbe, Dichte), Wärme (unter 300 °C/unter 450 °C/über 450 °C), Flammen im Rauch, Flammen (Glut, Glimmen/kleine Flammen/hohe Flammen), Luft (Luftströmung), Umgebung.Verhalten bei Bränden: Funk, Rückweichen, Ausschau, Überwachung.Maßnahmen beim Auffinden einer verletzten Person: Person ansprechen, Atmung kontrollieren, kurzen Notruf absetzen, Eigenwärme erhalten, Trösten/Beruhigen.»Klingt nach einer Menge Spaß.« Nolans Miene ist unergründlich, ich weiß nicht, ob er es ernst meint oder einen Scherz gemacht hat.
»Es ist auf jeden Fall besser als im California State Prison«, erwidere ich.
»Wie du meinst.« Er sieht sich noch einmal um. »Welche Rolle spielst du hier? Der Vorzeigesträfling?«
»Nein. Ich will nur meine Strafe absitzen und wieder raus.« So einer ist er also. Nolan sollte man im Blick behalten.
»Guter Plan, Alter.« Er grinst, aber es wirkt eher wie ein Zähnefletschen. »Das will ich auch.«
»Na, dann …«
Während der Neue sich in seinem Container mit Troy bekannt macht, drehe ich noch eine Runde ums Camp und versuche mir vorzustellen, wer da morgen zu uns kommt. Meiner Meinung nach ist es eine richtig schlechte Idee, eine Frau von außerhalb ohne Erfahrung mit Strafgefangenen in unser Camp zu stecken. So etwas kann einfach nicht gut gehen.
To-do-Liste Donnerstag 01.06.
6:00 Daily Walk ✓
6:30 Morgenroutine ✓
7:30 Checken der Pläne, Landkarten, Bullet-Journal ✓
8:30 Frühstück mit Susan ✓
9:00 Gepäck kontrollieren, einladen und zum Yosemite aufbrechen
12:30 Termin im Verwaltungsgebäude Yosemite-Nationalpark
13:00 Zimmer beziehen
14:30 Umgebung checken, Plan für den nächsten Tag machen
18:00 Abendessen?
18:30 Bullet-Journal aktualisieren
Obwohl ich seit einer Stunde in meinem Auto unterwegs bin, kann ich immer noch nicht fassen, dass ich mit gepackten Sachen auf dem Weg in den Yosemite-Park bin. Ich tue es wirklich. Keine Ahnung, ob es außerordentlich mutig oder einfach nur leichtsinnig von mir ist, aber Fakt ist, ohne diese Aktion bekomme ich den Job bei Dr. Howard auf keinen Fall.
Von Weitem sehe ich die Beschilderung, nur noch wenige Minuten, dann bin ich da. Als ich schließlich durch das Eingangstor fahre, werden meine Hände feucht. An einem Schlagbaum ist ein Hinweis befestigt: Today’s Fire Danger – High.
