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Ein Stipendium in London. Ein komplett neues Leben. Doch was ist, wenn genau diese eine Person all deine Erwartungen und Träume umwirft? Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass man etwas vor dir verheimlicht? Und was ist, wenn das Herz dabei mitspielt? Wirst du das Richtige tun und die Wahrheit herausfinden, oder wirst du es ignorieren? Entscheide. Um das geht es doch immer. Im Leben geht es um nichts als Entscheidungen und Evelyne ist der Meinung, sie könne sich einzig und allein auf ihr Medizin-Studium konzentrieren. Wenn da nicht Aiden, der Sohn ihrer Gasteltern, wäre. Er will, dass sie verschwindet. Und warum? Sie könnte nämlich sein größtes und dunkelstes Geheimnis aufdecken.
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2018
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„Sometimes you will never know the value of a moment,
until it becomes a memory.“ – Dr. Seuss
Prolog
Bon Voyage – Evelyne
Das Foto – Evelyne
Braune Augen – Evelyne
Der glatzköpfige Lehrer – Evelyne
Der erste Tag – Evelyne
Die Menschliche Anatomie – aiden
Ein Weicher Kern – Evelyne
Verwunderung – Aiden
Die Augen – Evelyne
Publikum – Aiden
Nein – Evelyne
Die Todsichere Quelle – Evelyne
Blicke von hinten – Evelyne
Verschrecktes Reh – Evelyne
Mal was nettes – Evelyne
Der schatten – Evelyne
Ich und hilflos? – Evelyne
Retter in der not – Evelyne
Mein Zimmer – Evelyne
Wie ausgewechselt – Evelyne
Ich bin okay – aiden
Mach das lieber nicht – Evelyne
Dein name – Evelyne
Mysteriöse aufzüge – Evelyne
Du lügst – aiden
Es wird fantastisch! – Evelyne
Klopfers Mutter – Evelyne
Wild Thoughts – Evelyne
Rufen sie mich später an – Evelyne
No Condoms – Evelyne
Nicht mein Zimmer – Evelyne
Falsche Fragen – Evelyne
The Best of Me – Evelyne
Ausreden lassen – Evelyne
The ninja – Evelyne
Wichtig! – Evelyne
Kaltes Feuer – Evelyne
Mozart – Evelyne
New secrets – Evelyne
Keine Bitten mehr – Evelyne
Schwarzes Höschen – Evelyne
Unvergessen – Evelyne
The Beauty & the Truth – Evelyne
Nummer Zwei – Evelyne
Snowflakes – Evelyne
No Lies – audrey
Time’s Runnin‘ – aiden
My Dream – Evelyne
Heartbeat – Evelyne
The Human Body – Evelyne
„Der Nachthimmel. Woran denkst du, wenn du die vielen Millionen Sterne siehst? Mein Dad wusste es. Er sagte, die Menschen hätten schon ihr ganzes Leben nach ihnen ausgerichtet. Sie sagten, ihr Schicksal stünde in den Sternen. Was bedeutet es? Schicksal. Wer kann schon bestimmen, wen wir heiraten, wo wir arbeiten oder ob wir in den Krieg gezogen werden, um unserem Land zu dienen. Oder wann es Zeit ist zu gehen. Kein Stern besitzt solche Informationen über ein Leben. Dachte ich zumindest. Ich stehe hier vor dem Fenster, sehe die wunderschönen Sterne und versuche Worte aufs Papier zu bringen. Worte, die nur annähernd beschreiben können, was ich denke und fühle. Jeder Mensch fühlt Schmerz, Trauer, Freude, Enttäuschung, Wut und Angst. Und ich habe Angst. Das Schicksal verursacht diese Gefühle. In der einen Sekunde lachen wir und in der nächsten sind wir enttäuscht. Das Leben spielt mit uns. Mal ist es voller Schatten, mal reich an Sonnenschein. Du warst meiner. Du erleuchtest jeden Tag als wärst du ein Stern. Mein Stern. Und ich glaube langsam, Dad hatte recht. Ein Stern am Himmelszelt leuchtet heller als alle anderen. Weißt du, weshalb? Er trägt unser Schicksal in sich. Du warst mein Schicksal. Ich weiß nicht, was das Schicksal noch bringt, aber ich weiß, dass dieser Stern für immer da sein wird. Für immer. Und ewig. Ich kann dir nicht versprechen, dass wir für immer zusammen sein werden, aber was ich dir versprechen kann ist folgendes: Du wirst das letzte sein, woran ich denken werde.“
~Soundtrack~ UNDISCOVERED | LAURA WELSH
Mom! Vergiss nicht Dad Bescheid zu geben, dass er sich freinehmen muss!", rufe ich ihr zu. Mein Koffer liegt ausgebreitet vor mir und im gesamten Zimmer liegen meine Klamotten herum, als wäre mein Schrank explodiert. In meinem Kopf geht einfach so viel vor sich. In zwei Tagen fliege ich nach England, und zwar für ein Jahr! Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich für das Stipendium ausgewählt wurde. Naja, für meine Eltern ist es keine große Überraschung. Sie haben mich immer gefördert, haben immer zusammen mit mir gelernt, sind zu jeder Schulveranstaltung, zu jeder Ballettaufführung und zu jedem Reitturnier erschienen. Sie sind unheimlich stolz auf mich und lassen es mich jeden Tag aufs Neue wissen und mir nie an etwas fehlen.
„Evelyne, Schatz! Du hängst uns damit seit Wochen in den Ohren! Hast du auch Sonnencreme und einen Hut eingepackt?". Meine Mutter.. Überfürsorglich. Ich liebe sie dafür. „Mom, ich bin in einem Land, wo Regen ein Dauergast ist. Ich glaube nicht, dass ich das brauchen werde."
„Und genügend Tampons?", „Ja, Mom! Ich kann mir auch dort welche kaufen, falls sie nicht reichen sollten." Wenigstens hat sie mich jetzt gefragt und nicht am Flughafen, obwohl sie mir dort bestimmt auch eine Szene machen wird. Also, was ich auf alle Fälle brauche, sind Klamotten, die mich an der Uni normal wirken lassen. Ich war nämlich immer das Mädchen, das komische Klamotten trug, komisches Essen mit in die Schule nahm und die typische Streberin war und dazu noch in London studieren wird. Folglich hatte ich auch nie Glück bei Jungs. Ich habe nie verstanden, weshalb mich die Jungs nie ansprachen. Ich kann nicht sagen, dass ich die hübscheste bin, aber auch nicht die hässlichste. Ich bekomme immer Komplimente wegen meiner lockigen Haare und auch für meine Augen. Ich bin auch nicht dick, ich danke Gott sogar für meine Kurven. Also, was stimmt nur nicht mit mir? Insgeheim hoffe ich darauf, in London ein paar Bekanntschaften machen zu können. Aber in erster Linie konzentriere ich mich auf mein Studium. Das ist nämlich wirklich eine einmalige Chance für mich, meine Selbstständigkeit unter Beweis zu stellen.
So, mein Koffer wäre jetzt soweit fertig gepackt, ich habe auch genügend Bücher verstaut (für die lange Reise versteht sich, nicht weil ich etwa besessen von den Liebesgeschichten anderer bin), als ich plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Türrahmen wahrnehme, erblicke ich meine Schwester Hayley. Da fällt mir wieder auf, wie unterschiedlich wir doch sind.
Sie war schon immer sportlicher als ich, hat haufenweise Preise erhalten, und besitzt einen Körper, für den sie echt hart arbeitet. Aber ich war immer diejenige, die die besseren Noten mit nach Hause brachte. Wir streiten uns oft, sie ist aber auch die einzige, die mich je wirklich verstanden hat. Wenn wir mal anfangen zu reden, können wir nicht mehr aufhören. Aber ich merke, dass diese kommende Unterhaltung wichtig für sie ist, das erkenne ich daran, dass sie mich eindringlich ansieht und von einem auf den anderen Fuß schwankt. „Hey, was gibt's Schwesterherz?", frage ich sie.
„Bald geht's los, hm? Ich wollte mich nur vergewissern, dass du auch wirklich genügend Tampons mitnimmst. Spaß beiseite. Ich wollte dir sagen, dass egal, wo du bist, ich immer bei dir bin und du mich immer anrufen kannst, ja? Ruf mich am besten jeden Tag an und laber mich mit deinem langweiligen Uni-Zeug voll, oder von deiner Gastfamilie, oh! Und von den süßen Jungs in deinen Seminaren! Hauptsache ich höre deine Stimme."
„Vielleicht ist die Gastfamilie langweiliger als ich, dann verschweige ich dir den Teil lieber, sonst schläfst du mit deinem Handy in der Hand mitten auf der Straße ein und dir könnte sonst was passieren. Dafür will ich nun wirklich nicht die Verantwortung tragen und ich weiß auch gar nicht, ob ich so schnell einen Flug nach Toronto kriege. Und noch was.. woher willst du wissen, ob dort süße Jungs sind? Nicht jeder wird so aussehen, wie Liam Payne. Bestimmt sind die alle total blass und haben diesen blöden Akzent."
„Den du süß findest, nebenbeigesagt. Lass dich doch einfach überraschen. Sei nicht immer so pessimistisch, laut deren Profil auf der Homepage muss die Gastfamilie einfach toll sein. Eine typische britische Muster-Familie, wie sie im Buche steht. Ich bin eigentlich neidisch."
„Du neidisch auf mich? Wieso teilst du deine ganzen Gedanken erst jetzt mit mir? Ich will noch mehr von meiner neidischen Schwester hören." „Tu nicht so. Das war ich schon immer, und du gehst jetzt auch noch nach London, und lässt mich hier ganz allein." So wie sie das sagt, habe ich direkt Mitgefühl mit ihr.
„Hey, in drei Jahren bist du auch an der Reihe und dann warte ich auf dich am Flughafen mit einer Tafel Schokolade in der Hand und begrüße dich mit meinem British English. Was sagst du dazu?"
„Das heißt, du hast gar nicht vor wieder nach Hause zu kommen, habe ich das richtig verstanden?"
„Natürlich, ich werde bei jedem Geburtstag und jedem Familienfest dabei sein. Und dann gibt's da noch Skype. Und Briefe. Mom mag sowas doch total gern. Hayley, ich erfülle mir damit meinen größten Traum. Ich fliege nach England! Ich habe dir oft gesagt, dass Toronto atemberaubend ist, ja. Für Touristen vielleicht, aber für jemanden, der 18 Jahre hier gelebt hat, ist es nichts Spektakuläres mehr. Verstehst du mich ein wenig? Ich liebe dich sehr, und ich würde mich auch freuen, wenn du am besten gleich mit mir mitkommen würdest, aber du musst deine Schule hier fertigmachen. Ich weiß, ich höre mich an, wie Mom, aber ich möchte, dass du noch etwas Zeit zum Überlegen hast, weil es ein ziemlich großer Schritt ist."
Ich glaube, sie weiß, dass ich recht habe und deswegen sagt sie: „Brauchst du noch Hilfe beim Einpacken?" Meine Schwester. Manche Themen sind dann beendet, wenn sie es so empfindet. So ist sie nun mal, und ich will sie auch nicht ändern. Für mich ist dieses Thema nämlich auch beendet, ich möchte genauso wenig, wie sie, dass das in einem Streit ausartet.
Als ich auf meine Wanduhr sehe, ist es bereits 18 Uhr. Ich dachte nicht, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Bevor ich unter die Dusche gehe, schreibe ich noch gemeinsam mit meiner Schwester eine Checkliste, damit ich auch wirklich nichts vergesse.
Am Flughafen ist ziemlich viel los, ich habe etwas Panik, dass ich in das falsche Flugzeug steige und stattdessen in Hongkong ankomme oder irgendwo, wo es so richtig kalt ist. Mein Vater dagegen ist ziemlich ruhig, er fragt mich nur hin und wieder Organisatorisches: „Hast du die Clarks nochmal kontaktiert, um zu überprüfen, ob es dabei bleibt, dass du bei ihnen unter kommst?" „Ja, Dad. Ich habe mit der Mutter Audrey Clark gesprochen und sie sagte, dass sie sich schon freue. Alles ist bereits vorbereitet. Und Ja, meinen Reisepass, sowie drei biometrische Passbilder habe ich griffbereit in meiner Handtasche."
Ich bin meinem Vater so unendlich dankbar, dass er sich um alles gekümmert hat. Er hat einfach alles geregelt, was die Finanzen bezüglich meines Studiums betrifft, sowie die Kosten an meine Gastfamilie. Das mit der Familie habe ich beschlossen. Ich wollte nicht in einem Wohnheim untergebracht sein, ich wollte mit einer Familie zusammenleben, um das Gefühl der Geborgenheit zu behalten. Und es ist auch nicht so teuer.
Eigentlich musste ich mir nie viel Sorgen um Geld machen. Meine Mutter ist Neurochirurgin und mein Vater Anwalt. Wie gesagt, sie haben mir nie an etwas fehlen lassen, aber ich bin es ihnen schuldig. Jetzt bin ich mal an der Reihe an sie zu denken. Meine Schwester hat übrigens seit wir zuhause losgefahren sind, meine Hand nicht mehr losgelassen. Sie will nicht, dass ich gehe, meine Mutter genauso wenig.
„Sobald du gelandet bist, rufst du mich an. Und zieh deinen Regenmantel gleich an, wenn du rausgehst. Ja, ich habe mich bezüglich des Klimas schlau gemacht und ich könnte es nicht ertragen, wenn du erkältet wärst und ich dich nicht pflegen könnte." Meine Mom Amelia, ist den Tränen nahe, das tut mir so sehr weh, dass ich sie in den Arm nehme. „Mom, bitte nicht weinen. Ich rufe dich von mir aus, jeden Tag an. Und falls es dich beruhigt, ich habe sogar Sonnencreme eingepackt." Und tatsächlich. Ich konnte ihr ein kleines Lächeln entlocken. Ich sauge ihren Duft nach wilden Rosen ein und küsse sie auf beide Wangen. Hayley hält meine Hand immer noch ganz fest in ihrer.
Mein Vater Samuel ist nun an der Reihe. Ich versichere ihm, dass ich gut auf mich aufpassen werde und im Flugzeug mit keinem tätowierten Fremden sprechen werde. Auch ihm entlocke ich ein Schmunzeln. Ich sehe, dass es ihm sehr schwer fällt sein kleines Mädchen fortgehen zu sehen. Er hält mich ganz fest in seinen Armen und in dem Moment will ich nirgendwo sonst sein. Diese starken Arme haben mich über unsere Türschwelle getragen und mich auch nachts von Zimmer zu Zimmer getragen oder mich in die Luft geworfen und wieder aufgefangen, nachdem ich eine Aufführung hatte.
Als er mich langsam loslässt, wende ich mich Hayley zu, in ihren Augen glitzern Krokodilstränen. Das erinnert mich daran, wie sie als kleines Kind immer kurz davor war zu weinen, vor allem nachdem ihr ihre Kugel Eis runtergefallen ist und ich ihr dann mein Eis gegeben hab. Sie hat genau denselben Ausdruck wie damals. Manche Sachen ändern sich nie.
„Hey, du bist mein Herz. Ich trage dich immer bei mir. Ich hab dich lieb.", und ich umarme sie, wie ich sie noch nie in meinem Leben umarmt habe. Wir wissen beide, dass wir uns für lange Zeit nicht sehen werden. Sie ist meine zweite Hälfte, ohne sie bin ich nichts. Und ihr Duft, den ich einatme? Es ist eine Mischung aus Traurigkeit und die Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Wir lösen uns aus unserer Umarmung, und ich gehe die ersten Schritte Richtung neues Kapitel. Ich drehe mich ein letztes Mal um und sehe die Menschen, die mir mehr bedeuten, als mein eigenes Leben.
Ich winke ihnen ein letztes Mal zu und sehe sie lächelnd zurückwinken, wohl in der Hoffnung, ob sie das richtige getan haben. Sie haben mehr als das getan. Während ich über die guten und schlechten Zeiten, die wir gemeinsam durchlebt haben, nachdenke, betrete ich den Flughafen auf der Suche nach meinem Flugzeug, das mit nach London bringen wird.
Die letzten Meter auf kanadischem Boden kommen mir nicht genug vor, doch es sind die ersten Schritte, die bekanntlich die schwierigsten sind. Meine Reise hat begonnen.
~Soundtrack~ IS THERE SOMEWHERE | HALSEY
Nach dem siebenstündigen Non Stop Flug der British Airways berühren meine Füße zum ersten Mal englischen Boden. Ich muss ehrlich zugeben, ich habe mir den Flug schlimmer vorgestellt, als er in Wirklichkeit war.
Ich habe eigentlich die ganze Zeit gelesen und währenddessen Musik gehört. Hayley hat mir nämlich eine Playlist empfohlen und sie hat wirklich einen guten Musikgeschmack. So denke ich oft an sie und manche Lieder erinnern mich auch an bestimmte Situationen, die wir gemeinsam erlebt haben.
Als ich die Flughalle verlasse, erkenne ich draußen eine Frau, die wie Audrey Clark aussieht, mit einem Schild in den Händen auf dem „Evelyne Stone" geschrieben steht.
Sie sieht noch schöner aus als auf dem Foto auf der Homepage. Braune, seidig glatte Haare, eine tolle Figur und ein freundliches Gesicht. Sie erkennt mich sofort und winkt mir zu. Ich gehe auf sie zu und hoffe, dass ich einigermaßen gepflegt aussehe nach dem langen Flug. Ich streiche mir hastig meine braunen Locken glatt und stecke einzelne Strähnen hinters Ohr.
„Hallo, ich bin Audrey. Schön dich endlich leibhaftig zu sehen. Ich hoffe, du hattest einen tollen Flug hierher nach London!" Von Nahem bemerke ich, dass ihr Gesicht makellos ist. Es ist lediglich von ein paar Falten gekennzeichnet, die ihr wahres Alter erraten lassen. „Hi, ich bin Evelyne. Ich bin so froh, dass ich endlich hier bin. Der Flug war vollkommen in Ordnung, danke."
Sie nimmt mich freudig in die Arme und gemeinsam gehen wir zu ihrem schwarzen SUV. Für einen kurzen Moment bin ich sprachlos. Wir steigen ein und sie startet den Motor. Und es ist das erste Mal, dass ich mich wie zuhause fühle. Auf dem Weg zu ihrem Haus sehe ich aus dem Fenster und sehe die Sonne kurz hinter Wolken durchscheinen. Es ist ein guter Tag, der, so glaube ich, noch die eine oder andere Überraschung für mich bereithält. Während Audrey immer wieder abbiegt, vor einer roten Ampel stehen bleibt oder einfach dem Verlauf der Straße folgt, redet sie ununterbrochen mit mir, um mir ein Gefühl der Geborgenheit zu geben. Und wieder einmal weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung gefällt habe. Ich erzähle ihr von meiner fürsorglichen Mutter, meinem tollen Dad und meiner zweiten Hälfte. Sie hört mir aufmerksam zu und unterbricht mich kein einziges Mal, dabei stellt sie mir so viele Fragen, dass ich kaum dazu komme ihr Fragen bezüglich ihrer Familie zu stellen.
Schließlich halten wir vor einem Haus mit einer rotgestrichenen Tür und einem Briefkasten in derselben Farbe. Die zweite Überraschung.
„Willkommen bei den Clarks.", sagt sie in der Stille, nachdem sie den Motor abgestellt hatte und zwinkert mir mit ihren warmen braunen Augen zu. Wir steigen aus und ich mache Anstalten meinen Koffer zu holen, doch Audrey erweist sich als ziemlich eigenwillig. Sie besteht darauf ihn ins Haus zu bringen. Mit einem etwas schlechten Gewissen betrete ich nach ihr das Haus und stehe mitten im Eingangsbereich. Die dritte Überraschung.
Ich dachte nicht, dass sie so viel Geld besitzen. Alles ist aufeinander abgestimmt. Bestimmt hat Mrs. Clark alles eigenhändig eingerichtet. Die Garderobe zu meiner Linken ist aus feinstem Schwarzholz, zu meiner Rechten ist ein Tisch aus demselben Holz zu finden, auf dem eine Vase mit roten Rosen steht. Bestimmt hat Mr. Clark sie ihr geschenkt. Vielleicht zu ihrem Geburtstag? Ich hätte mich besser informieren sollen. Oder einfach aus Liebe? Beruhig dich mal, Eve.
Sie führt mich durch einen Flur, dabei betrachte ich die Wände und sehe wertvolle Gemälde, doch leider kenne ich keines davon. Die Wände sind in einem leichten Gelbton gestrichen, wobei an den Rändern ein weißes elegantes Muster zu erkennen ist.
„Evelyne?". Ich drehe mich um und entdecke Audrey Clark, die vor der geschwungenen Treppe steht und mir mit einem Lächeln bedeutet ihr zu folgen. „Dein Zimmer befindet sich im zweiten Stock. Ich möchte jedoch, dass du auch die anderen Zimmer siehst. Bitte, fühl dich wie zuhause." Das tue ich längst, Audrey..
Rechts befindet sich ein Badezimmer. Das nächste gehört der kleinen Tochter der Clarks. Audrey folgt meinem Blick und sagt, ich könne ruhig eintreten. „Phelina, wollte nichts in rosa, wie du vielleicht schon festgestellt hast. Sie ist ein kleiner Wildfang mit ihren wilden Locken, so wie du sie hast. Sie sagte: ‚Mommy, ich möchte ein Zimmer, wie die Großen.‘ Haha, sie war bei allem dabei. Bei der Möbelauswahl, sowie bei der Farbauswahl."
„Ein sehr schönes Zimmer, ich freue mich schon sie kennenzulernen.", erwidere ich ihr. „Glaub mir, sie ist genauso gespannt.". Als wir wieder auf den Flur treten, sehe ich eine zweite Tür, auf die mein Blick heften bleibt. Die Tür ist nicht verschlossen, sie ist lediglich angelehnt.
„Ich dachte, sie haben nur ein Kind. Auf dem Foto sind nur Ihr Mann, Sie und Phelina zu sehen.". Zack. Die vierte Überraschung. „Ach, das Foto, ja. Es ist relativ neu und zu dem Zeitpunkt war Aiden nicht zuhause, aber wir mussten ein neues hochladen. Ein aktuelleres hatten wir nicht. Ich hoffe, dass das nicht so schlimm ist.", Audrey wirkt etwas besorgt, dass ich vielleicht meine Meinung jetzt ändern würde, nur weil ein Junge hier wohnt?
„Mrs.Clark, das macht überhaupt nichts."
„Bitte, nenn mich Audrey. Ich bestehe darauf." Sie hat wohl bemerkt, dass ich neugierig bin, was sich wohl hinter der Tür verbirgt, und schon schiebt sie die Tür ganz auf, damit wir eintreten können. Eigentlich ist es mir etwas unangenehm, das Zimmer eines fremden Jungen zu begutachten. Das gehört sich meiner Meinung nach einfach nicht, außer er erlaubt es mir.
Mir ist Privatsphäre sehr wichtig und ich glaube Aiden sieht das ganz genauso.. Aiden.. Wie alt er wohl ist? Besser, ich stelle keine Fragen. Das finde ich schon noch heraus. Ich sehe mich etwas um. In der einen Ecke ist ein Bett, die dunkelblaue Decke, sowie die Kissen ordentlich darauf gelegt. In der anderen Ecke ist ein Schreibtisch, ebenfalls aufgeräumt, dann ist da noch eine Stereoanlage, ein hochmoderner Fernseher und ein Schrank, der eine ganz Seite der Wand einnimmt. So ein großer Schrank für einen Jungen? Wofür?
Schließlich gehen wir die Wendeltreppe hinauf zu meinem Zimmer. Audrey öffnet die Tür und lässt mich zuerst eintreten. Sie hat sich echt Mühe gegeben mit meinem Zimmer. Ich sehe den Big Ben und das London Eye durch die fünf aneinandergereihten Fenster, die einen fantastischen Ausblick bieten. Ich bin sprachlos.
Mein Bett ist so ausgerichtet, dass wenn ich aufstehe, sofort die tolle Skyline erblicke. Die Vorhänge sind in ein leichtes Rosa getaucht, selbst die Bettwäsche. Mein Schrank ist ebenfalls riesig, er ist weiß und besitzt zwei goldene Griffe in der Mitte. Der Boden ist aus dunklem Laminat. Sie haben auch einen Schreibtisch aufgebaut, ebenfalls in weiß, selbst der Stuhl ist hochmodern.
Ich bewege mich auf ihn zu und setze mich darauf. Es ist eine Art Glasstuhl. Sehr elegant. Ich lächle und sage nach der langen Pause: „Danke, aber ihr hättet euch wirklich nicht so viel Mühe machen sollen."
„Evelyne, du solltest dich wie zuhause fühlen und ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, sprich, ich habe Scott in seinen Allerwertesten getreten und ihn höflich darum gebeten, gemeinsam mit Aiden dein Zimmer einzurichten.", antwortete sie.
Aiden hat geholfen? Dann muss ich ihm wohl auch danken. „Evelyne? Ist es ausreichend? Brauchst du noch irgendetwas?"
„Audrey, das ist mehr als ausreichend. Nochmal danke. Und nein, eigentlich wollte ich nur meine Eltern und meine kleine Schwester anrufen, dass sie sich nicht allzu große Sorgen um mich machen."
„Natürlich, dann lasse ich dich jetzt allein. Pack in Ruhe alles aus. Abendessen gibt es heute um sieben. Normalerweise um sechs, aber bei Aiden wird es heute etwas später. Du musst wissen, wir essen immer alle zusammen."
„Ok, ich bin dann pünktlich unten. Und Audrey? Nochmal danke."
„Hör auf dich zu bedanken, Evelyne. Ich.. Wir machen das sehr gerne, sonst hätten wir keine Anzeige ins Netz gestellt. Wir möchten, dass du dich wohl fühlst. Oh.. und da wäre noch etwas. Mach dir keine allzu großen Gedanken, wenn dich Aiden anfangs nicht beachtet oder nur wenig mit dir spricht. Er muss sich erst an neue Menschen gewöhnen, vor allem, wenn sie mit ihm unter einem Dach leben und noch dazu so hübsch sind."
Sie hat mich mit dieser Aussage etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, ich spüre, wie ich etwas erröte: „Danke, für die Warnung. Wir sehen uns dann unten." Als Audrey die Tür langsam ins Schloss gleiten ließ, laufe ich rasch zum Bett und lasse mich darauf fallen.
So.. Zuerst rufe ich Hayley an, dann Mom und Dad.
Nach den beiden Telefonaten fühle ich mich nun sichtlich besser. Meine Eltern wollten gleich wissen, wie die Gastfamilie denn so ist. Ich antwortete, dass nur Mrs. Clark zuhause sei, von Aiden habe ich nichts erzählt.
Hayley jedoch wusste sofort, dass etwas nicht stimmte und ich erzählte ihr von Aiden, der mir gegenüber voller Geheimnisse ist. Sie meinte, ich sollte mich gefälligst mit ihm anfreunden, da wir schließlich gemeinsam im selben Haus wohnen und ich ja meinen Mund aufmachen sollte, da ich schließlich auch zuhause eine große Klappe (laut Hayley) hätte.
Alle drei wünschten mir alles Gute und dass ich mich bald wieder melden sollte. Das verspreche ich.
Ich hab euch lieb.
Gleich nachdem ich meinen Schrank eingeräumt hatte, zugegeben er war riesig, ging ich die Treppen runter und schon stieg mir der Duft von leckerem Essen in die Nase. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Und ebenfalls bemerke ich, dass ich meine Brille noch aufhabe. Eigentlich setze ich sie nur auf, wenn ich lerne oder Hausarbeiten zu machen habe. Ach egal, ich will pünktlich unten sein.
Ich laufe runter und sehe Phelina, die gleich von ihrem Stuhl aufspringt, zu mir läuft und meine Beine umschlingt: „Endlich bist du da. Hi, ich bin Pheli. Mommy, siehst du! Jetzt habe ich auch eine große Schwester!"
„Hi, Pheli! Ich bin Evelyne." Ich knie mich hin, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein und sage schließlich „Du hast tolle Haare." und nehme eine der Locken zwischen meine Finger.
„Wir müssen wirklich Schwestern sein. Mommy, ich habe meine Schwester gefunden, sie hat die gleichen Haare wie ich!", ruft sie ihrer Mutter in der Küche zu. „Komm, setz dich neben mich. Ich hab dir extra einen Platz aufgehoben.", sie legt ihre kleine Hand in die meine und zieht mich zu dem langen Holztisch, auf dem Kerzen den schon ohnehin erhellten Raum, noch zusätzlich erleuchten und der Atmosphäre etwas vertrauliches verleihen.
Als ich mich setze, sehe ich, dass für jeden ein Teller mit Silberbesteck bereit liegt. Phelina hört gar nicht mehr auf zu reden, sie erzählt mir von ihrem Tag in der Grundschule, wie toll meine Haare sind, dass die Lehrerin sehr freundlich sei, dass meine Augen wunderschön groß sind und dass ihr Musiklehrer sehr lustig ist.
Nebenbei registriere ich, dass Audrey ganz allein in der Küche ist und frage deshalb: „Mrs. Clark? Audrey? Kann ich Ihnen helfen?"
„Evelyne, das ist wirklich lieb, aber bleib sitzen und entspann dich. Lass dich bedienen. Aber Danke!"
„Weißt du, in meiner Schule gibt es einen Lehrer, der hat ne Glatze..", setzte Phelina an, doch plötzlich -
„MOM! Ich bin zuhause!", dröhnt es aus dem Eingangsbereich. AIDEN..
Gott, wie soll ich mich verhalten. Am besten gar nicht hinsehen, einfach mit Phelina weiterreden. Was mach ich mir eigentlich so viele Gedanken... Er ist bestimmt ganz nett, wenn ich mir so die Familie als Gesamtbild ansehe. Vielleicht trägt er ja auch ne Brille und hat blonde oder rote Haare. Ganz anders also, als seine Familie.
Gerade als ich mich wieder zu ihr umdrehen möchte, kommt Aiden den Flur entlang. Ich höre jeden einzelnen Schritt bis zur Küche. „Hey, Mom.", höre ich ihn leiser sagen, und sehe, wie er seine Mutter von hinten umarmt und ihr einen Wangenkuss gibt.
Audrey erwidert etwas, dass ich nicht ganz verstehe: „Hey, Schatz. Und wie war's?". Sie sieht etwas besorgt aus, da sie ihre Hand auf seine Wange legt und ihn eingehend mustert. „So wie immer.. Ich geh schnell rauf und komm dann auch essen, ja?".
„Schatz, schau zuerst nach Phelina, frag sie wie ihr Tag war und dann kannst du gehen."
„Klar."
Oh nein, er kommt. „Hey, Pheli! Na, wie..". Er erstarrt, als er mich sieht.
Ich erschrecke ebenfalls. Er überragt mich um eine Kopf, hat breite Schultern und kastanienbraunes Haar. Okay, rotes oder blondes Haar können wir hiermit von der Liste streichen. Ich bemerke, wie sich seine durchtrainierten Arme unter seinem grauen Sweatshirt anspannen. Er bleibt einfach stehen und sieht mich an.
Keine Ahnung, was er denkt, vielleicht, wer ich bin und wie er mich einschätzen soll, ich weiß es nicht sicher. Seine dunkelbraunen, schon fast schwarzen Augen lassen nicht durchblicken, was in seinem Kopf vor sich geht.
Phelina jedoch stürmt los „Aiden!" und umarmt ihn. Jetzt ist er etwas lockerer und wendet sich ihr zu, mich aber immer noch im Augenwinkel behaltend. „Weißt du was? Ich hab unsere verschollene Schwester gefunden.", flüstert sie ihm ins Ohr, aber so laut, dass selbst ich es hören konnte. Sie ist so süß, vielleicht sechs Jahre alt.
Ich höre wie er lacht und er sieht mich an. Sein Blick verrät mir, dass er weiß, wer ich bin. Er richtet sich wieder auf, wuschelt seiner Schwester durch die Haare und wendet sich zum Gehen in Richtung Küche. Seine Körperhaltung hat sich sichtlich verändert, dennoch geht er beherrscht zu seiner Mutter und ich will wirklich nicht mithören, aber seine Laune ist im Keller, das merke ich an seinem Tonfall.
„Du hast die Anzeige nicht gelöscht? Wieso ist sie hier." Das laute Flüstern liegt wohl in der Familie. „Schatz, ich dachte-."
„Du dachtest, du dachtest. Ich hab dir gesagt, es geht mir gut."
„Aiden!"
„Ich hab kein' Hunger mehr. Bis morgen."
Ohne ein weiteres Wort verfolge ich, wie er mit schnellen Schritten die Treppen nach oben steigt. Sein eisiger Blick, den er mir dabei zuwirft, entgeht mir dabei nicht. Es geht im gut?
Audrey, dreht sich einfach wieder zu ihren Töpfen um, anscheinend kommt das öfter vor. Phelina jedoch sagt nur: „Aiden ist lieb. Lass ihm Zeit."
Zeit? Wieviel? Ein Jahrhundert? Soviel ich mitbekommen habe, will er mich schlicht und einfach nicht hierhaben. Er hat zwar beherrscht gewirkt, aber innerlich kocht er wahrscheinlich vor Wut.
Das ist ja mal ein toller Start. Dann guten Appetit!
„Ja, vielleicht ist er fassungslos, weil jetzt zwei Lockenköpfe hier leben und die verlorene Schwester zurückgekehrt ist.", flüstere ich ihr zu. Zum Glück lacht sie, ich möchte auch gerne glauben, was ich da grade von mir gegeben habe, aber leider mache ich mir unzählige Gedanken darüber, wie ich mit ihm ins Gespräch kommen könnte.
Er hat jedoch deutlich gemacht, dass er in Ruhe gelassen werden will. Ich werde ihn nicht belästigen, aber irgendwann müssen wir miteinander reden, wir leben jetzt schließlich für eine lange Zeit zusammen in ein und demselben Haus und werden uns nicht ewig aus dem Weg gehen können.
Und plötzlich fühle ich mich nicht mehr so wohl, denn hier ist jemand, der mich eindeutig nicht willkommen heißt.
~Soundtrack~ UNDER THE BRIDGE | ADELE
Mr.Clark ist schließlich ebenfalls zum Essen erschienen, er hat mich genauso wie seine Frau herzlich empfangen, hat gefragt, wie die Reise war, hat mich über mein Studium ausgefragt und über seine Arbeit berichtet, bis ihm schließlich Audrey ins Wort fiel und meinte, er solle das arme Mädchen jetzt in Ruhe lassen, damit es schlafen konnte.
Phelina kam noch kurz mit mir in mein Zimmer, sie ging sofort zum Kleiderschrank, riss die Türen auf und meinte „Du hast tolle Klamotten, aber zu wenige. Das müssen wir ändern. Gute Nacht, Evelyne. Ich hab dich lieb."
„Du kannst mich Eve nennen, Pheli. Schlaf du auch schön, bis morgen." Und sie ging, ohne ein weiteres Wort.
Hab dich lieb.
Sie kennt mich gar nicht richtig, nicht, dass mich der Satz stören würde. Im Gegenteil. Jetzt, wo ich auf meinem Bett liege, fühle ich mich sogar ein klein wenig besser. Ich überlege meiner Schwester zu simsen, was heute Abend passiert ist, entscheide mich jedoch dagegen, da ich weiß, dass sie nur antworten wird ‚Hör auf zu jammern‘. In gewisser Weise hat sie sogar recht. Danke Hayley, dass du in meinem Kopf wohnst.
Eigentlich bin ich schon ziemlich müde, es ist jetzt schon fast zehn Uhr nachts-englische Zeit. Ich beschließe kurz noch, das wichtigste für morgen zu erledigen und stelle mich dann unter die Dusche. Das warme Wasser, das an meinem Körper nach unten fließt, wäscht alle negativen Gedanken weg. Allerdings lässt mich die Wärme Aiden nicht vergessen.
Was hat er nur gegen mich?
Heute ist Samstag. Die Sonne scheint durch die Fenster direkt auf mein Gesicht, da ich gestern Abend vergessen hatte, die Vorhänge zuzuziehen. Es regnet nicht. Noch nicht. Immerhin ein gutes Zeichen. Ich recke und strecke mich im Bett und sehe auf mein IPhone. Es ist acht Uhr.
Audrey hat mir gar nicht gesagt, wann sie morgens frühstücken. Ich habe aber auch nicht gefragt, ich hoffe, dass mir das nicht zum Verhängnis wird. Andererseits hätte sie sich bestimmt gerührt, wenn ich aufstehen solle. Sie wollte wahrscheinlich, dass ich mich ausruhe. Der große Zeitunterschied von fünf Stunden, macht mir überraschenderweise nicht das Geringste aus. Ich hüpfe aus dem Bett und gehe ins angrenzende Bad. Erst jetzt nehme ich es richtig in Augenschein.
Ich muss schon sagen, Audrey hat sich wirklich Mühe gegeben. Das Badezimmer ist in schlichtem weis mit kleinen hellblauen Akzenten gehalten. An den beiden Fensterbänken befinden sich Kerzen, und jeweils eine Vase mit Lilien.
Ich bin schon etwas aufgeregt, deshalb mache ich meine Musik an und tanze alles aus mir raus während ich mir die Zähne putze. Wenn ich mich jetzt so im Spiegel betrachte, auch dieser ist riesig nebenbei bemerkt, denke ich, dass ich gut für den ersten Tag angezogen bin. Ich trage eine Levi's Jeans mit einem weißen Hemd, habe meine braunen Rehaugen etwas betont und habe mich außerdem dazu entschieden meine Haare offen zu tragen.
Eigentlich möchte ich nicht runtergehen. Ich bin zwar bereit, aber vielleicht ist Aiden bereits unten. Er hat mich noch nicht einmal begrüßt. Wie sagt man doch gleich? Der erste Eindruck zählt? Ihm war es anscheinend egal, ob er meine Gefühle verletzt oder nicht.
Reiß dich zusammen, Evelyne!
Ich gehe in normalem Tempo nach unten und höre Stimmen. Als ich näher komme, versuche ich nicht zu laut zu sein und bleibe mitten im Flur stehen. Ich höre, dass Audrey und Scott eine wenige erfreuliche Unterhaltung führen, die nur für sie beide bestimmt zu sein scheint:
„Er sagte, es sei wie immer gewesen, Scott."
„Er spielt das alles immer runter, Audrey. Er weiß, dass du das hören willst. Und wenn du mich fragst, dann hätten wir ihm das mit der Anzeige erzählen sollen."
„Nein, wenn du mich fragst, solltest du aufhören davon zu sprechen. Er hätte niemals zugesagt. Ich wollte, dass wieder ein bisschen Lebensfreude ins Haus kommt. Hast du gestern Phelina's Gesicht gesehen? Sie war begeistert von ihr. Und wir doch auch, Scott! Wie vielen verschiedenen Studenten, haben wir abgesagt, weil diese nicht das haben, was Evelyne hat? Sie ist anders, das weißt du genauso gut, wie ich. Sie ist witzig, klug, hübsch und nicht dumm. Und nur weil er es nicht möchte, heißt es nicht, dass ich es nicht unversucht lasse. Das, was Aiden gestern getan hat, war nicht in Ordnung. Es war egoistisch und das weiß er auch. Er muss sich damit abfinden, dass sie jetzt hier lebt. Und natürlich mache ich mir Sorgen bezüglich gestern. Er ist mein Sohn, ich weiß, was er fühlt."
Scott wollte anscheinend etwas erwidern, doch Audrey sagte nur:
„Für mich ist das Gespräch hiermit beendet."
Mr. Clark macht keine Anstalten den Raum zu verlassen. Gott sei Dank. So merken sie nicht, dass ich gelauscht habe. Irgendwie fühle ich mich schlecht dabei, aber jetzt ist meine Neugierde geweckt. Was will sie nicht unversucht lassen? Hm.
Nach gefühlten zwei Minuten betrete auch ich die Küche: „Guten Morgen.", beginne ich das Gespräch. „Oh, guten Morgen, Evelyne! Hast du gut geschlafen?", antwortet mir Mrs. Clark. „Wie auf Wolken, danke. Das Zimmer ist toll. Danke, Mr. Clark, dass Sie es gemeinsam mit Ihrem Sohn eingeräumt haben."
„Evelyne, das war selbstverständlich. Falls du irgendetwas brauchen solltest, scheu dich nicht zu fragen. Und, nenn mich Scott."
„Danke. Ich hätte tatsächlich ein paar Fragen. Wann frühstückt ihr normalerweise? Ich weiß, dass war dumm von mir, gestern nicht danach zu fragen."
„Normalerweise frühstücken wir am Wochenende um halb neun. Nur Scott und ich, da Aiden etwas länger schläft oder nur so tut, wenn er mal schlechte Tage hat. Phelina trinkt meistens nur einen Orangensaft.", erklärt Audrey mir.
„Ok, gut zu wissen. Ich dachte schon, ich bin spät dran."
„Haha, oh nein. Mach dir keine Sorgen. Hast du noch genügend Handtücher oder soll ich später welche mitbringen?", fragt sie mich.
„Äh, nein. Momentan reichen sie mir noch, danke." Jetzt beginnt plötzlich auch der verstummte Scott Clark eine Unterhaltung mit mir und meint:
„Wenn du Fragen bezüglich der Fakultät hast, wie du zum Beispiel am schnellsten dorthin kommst oder was auch immer, frag mich ruhig." Sie sind alle so wahnsinnig nett. Bis auf einen natürlich.
„Danke, für die Info, Scott."
„Ich will nochmal betonen: Wir wollen wirklich, dass du dich wohlfühlst.", beteuerte Audrey, als plötzlich-
„Und das kann sie am besten, wenn sie zu meiner Teeparty kommt."
Phelina.
„Guten Morgen, mein Schatz. Ach ja?", sagt Audrey und sieht sie und mich abwechselnd an. Pheli kommt auf uns zu, schenkt sich einen Saft ein und trinkt ihn während sie neben mir steht. Mittlerweile hat mir Audrey einen Tee gemacht. Ich glaube, reiner Mutterinstinkt. Ich trinke nämlich keinen Kaffee, deswegen bin ich froh, dass sie mir einen Tee macht.
„Komm, Eve! Ich muss dir mein Zimmer zeigen.", reißt mich Pheli aus meinen Gedanken. „Klar! Ich bin schon gespannt!", und zwinkere Scott und Audrey zu. Beide sehen glücklich aus, aber sie verstecken etwas dahinter.
Als wir den ersten Stock erreichen, fällt mir wieder ein, dass ja Aiden's Zimmer genau an das von Phelina grenzt. Seine Tür ist jedoch geschlossen. Entweder er schläft wirklich noch oder er tut nur so. Das meinte doch Audrey vorher. Ist heute denn ein schlechter Tag?
„Willkommen in Pheli's Reich!", verkündet sie und reißt mich prompt in die Gegenwart zurück. Sie zieht mich ins Zimmer und schon kann die Party beginnen.
Nach der zweistündigen Teeparty brauche ich eine Pause. Deshalb habe ich mich höflich von Ms. Teddy und Mr. Duck, sowie von Phelina verabschiedet. Ich glaube, sie hatte großen Spaß. Und ich ehrlich gesagt auch.
Hayley ist ja immerhin schon fünfzehn und aus diesem Alter längst heraus gewachsen, aber für mich war es eine willkommene Abwechslung. Es hat mir wirklich gutgetan. Und mit Phelina kann man wirklich angenehme Gespräche führen, für ihr Alter ist sie ziemlich reif.
Mittlerweile ist es kurz vor elf und ich Idiotin habe wieder vergessen zu fragen, wann sie denn zu Mittag essen. Ich frag einfach Pheli, aber jetzt noch nicht. Das Bett ist so weich. Das Zimmer ist der absolute Wahnsinn. Und das Badezimmer erst!
Ich beschließe etwas Musik zu hören und krame aus einer Tasche ein Album von Adele heraus. Genau das brauche ich jetzt. Nach dem zweiten Lied horche ich kurz auf. Da war doch ein Klopfen. Oder etwa nicht?
Ich stehe rasch von meinem Bett auf, mache schnell die Musik leiser, laufe zur Tür, drücke die Türklinke nach unten und öffne sie. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Braune Augen starren mir entgegen.
Aiden.
~Soundtrack~ NO PRESSURE | JUSTIN BIEBER
Aiden. Er trägt ein weißes T-Shirt, eine Jogginghose und zusammengelegte Handtücher. Tücher?
Er sieht mir direkt in die Augen. Seine braunen, fast schwarzen Haare sind noch verwuschelt vom Schlafen, aber er wohnt hier, ich kann ihm also keinen Vorwurf daraus machen. Und ich muss mir eingestehen, dass er doch ziemlich gut aussieht. Wahnsinnig gut.
„Hi, guten Morgen.", beginne ich. Was?
„Meine Mom sagte, du bräuchtest Handtücher." Wirklich? Hat sie das? „Danke." Ich nehme ihm die drei Tücher ab und lege sie auf mein gemachtes Bett. Er steht immer noch vor meiner Tür. Er wollte nicht herkommen.
Ich spiele mit dem Gedanken, ihm zu sagen, dass seine Mutter einen Grund gesucht hat, damit wir miteinander reden. Ich trete wieder vor die Türschwelle. Es ist ihm sichtlich unangenehm.
„Es tut mir leid." Es kommt so leise aus seiner Kehle, dass ich dachte mich verhört zu haben.
„Nein."
„Nein? Wieso? Ich bin extra hergekommen, um dir zu sagen, dass es mir aufrichtig leidtut und du herzlich willkommen bist." Jetzt sieht er mich nicht mehr an und das Wort „herzlich" sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.
„Du wolltest gar nicht herkommen. Deine Mutter wollte, dass du dich bei mir entschuldigst.", versuche ich ihm schonend beizubringen.
„Das muss ich mir nicht anhören.", und er dreht sich ohne ein weiteres Wort um und wendet sich der Treppe zu.
„Ach, und nur, dass du es weißt. Ich hatte genügend Handtücher." Man hat das gutgetan. Und schon ist meine Tür geschlossen. Er hat es sicher gehört. Nun höre ich, wie seine Tür ein Stockwerk tiefer zugeknallt wird. Hayley wäre sichtlich stolz auf mich.
Inzwischen ist es sechs Uhr abends. Es hat sich herausgestellt, dass die Clarks um zwölf Mittag essen. Den gesamten Nachmittag habe ich damit verbracht zu lesen, ich wollte einfach eine weitere Konfrontation mit Aiden vermeiden. Außerdem habe ich Audrey mitgeteilt, dass ich etwas Kopfschmerzen habe und deshalb nicht zum Abendessen erscheinen werde. Sie war sehr verständnisvoll und sagte, sie werde etwas für mich aufheben. So sehr mir der Sinn nach irgendeiner Aktivität strebt, die mich davon ablenkt, weiter über die Unterhaltung von Scott und Audrey nachzudenken, möchte ich einfach nur in meinem Bett liegen und nichts tun.
„Kommst du wirklich nicht was essen?" Ein kleiner Lockenkopf steht vor der Tür.
„Hey, Phelina. Komm rein." Sie schließt die Tür hinter sich und setzt sich auf mein Bett. „Nein, Süße. Ich hab keinen großen Hunger."
„Es ist wegen Aiden, stimmt's?" Wow. Sie ist gut.
„Nein, er scheint ganz nett zu sein."
„Ich hab eure kurze Unterhaltung gehört. Aiden war ziemlich sauer. Als er in seinem Zimmer war, habe ich irgendetwas gegen die Wand knallen hören. So ist er manchmal. Und wenn dich das ein wenig aufbaut: Er hat gestern Abend noch mit mir geredet und hat Sachen über dich gefragt."
Gott, sie ist so süß. Ich will ihr ja glauben, dass er lieb ist, aber wenn, dann nur zu ihr. War er wirklich so wütend?
„Über mich?", frage ich voller Erstaunen. „Er wollte wissen, woher du kommst, wie du heißt und was du stustudierst. Wie lang bleibst du?"
„Das solltest du von ihm aus fragen, richtig? Und woher, Pheli, weißt du, was ich studiere?"
„Ich wusste es nicht. Mommy hat's mir gesagt. Nein, ich möchte es wissen. Ich möchte wissen, wie lange ich dich zu meinen Teepartys einladen kann."
„Ok, sag Aiden, dass ich voraussichtlich ein Jahr bleiben werde und dann werden wir sehen." Plötzlich umarmt sie mich: „Bitte geh nicht weg.", sagt sie dabei. Natürlich erwidere ich ihre Umarmung. Ich stelle jetzt keine Fragen, denn ihre kindliche Wärme lässt mich alles vergessen.
Als ich in meinem Bett liege, lasse ich den Abend noch einmal Revue passieren. Pheli hat mich über sämtliche Bücher ausgefragt, die ich mitgenommen habe. Wir haben Musik gehört, ich habe ihr von meiner Schwester Hayley erzählt. Sie stellt ziemlich viele Fragen, aber anscheinend wollte sie nicht alleine sein. Sie ist mir schon jetzt ans Herz gewachsen.
Zwei Uhr nachts. Ich muss endlich schlafen.
Nach fünf Stunden Schlaf stehe ich hellwach auf, mache mich fertig, schreibe meiner Mom eine SMS, dass es mir gut geht und gehe nach unten.
„Morgen, Evelyne! Wir müssen dir etwas zeigen.", begrüßt Audrey mich und zieht mich überglücklich schon zur Haustür hinaus.
Draußen steht Scott mit einem Fahrrad: „Hey, gut geschlafen? Hier ist dein Fahrrad, wir hoffen, die Farbe gefällt dir." Ich beginne zu stottern:
„Mein.. Mein Fahrrad? Weshalb? Ich kann doch auch die U-Bahn nehmen. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen."
„Evelyne, wir wollten nicht, dass dir dort etwas passiert und mit einem Fahrrad lässt sich viel leichter die Londoner Gegend erkunden.", meint Mrs. Clark und zwinkert mir zu. Ich gehe direkt auf sie zu und umarme sie. Als ich mich aus ihrer Umarmung löse, erblicke ich mein türkises Fahrrad. Es ist wunderschön. Es ist ein etwas älteres Modell, aber genau das ist es, weshalb ich mich in das Fahrrad verliebe.
„Danke, Mr. Clark.. äh, Scott!"
„Es war uns ein Vergnügen, Eve. Wir tun das wirklich gerne. Und ich versichere dir: Mit dem Fahrrad kommst du am schnellsten und bequemsten zur Universität." Ich lächle. Wieso habe ich Daddy nicht gesagt, dass er mir mein Fahrrad schicken soll? Sie haben extra Geld für mich ausgegeben. Ich schulde ihnen etwas. Als ich kurz nach oben blicke, bemerke ich eine Gestalt am Fenster. Jemand beobachtet uns drei.
Aiden.
Als er mich sieht, verschwindet er wieder und schon senke ich meinen Blick. Ich nehme den Lenker des Fahrrads in meine Hände und frage, wo ich es abstellen könnte. Scott führt mich zur Garage und zeigt mir ein freies Plätzchen. Das Fahrrad sieht toll aus. Auch die anderen. Ich erkenne Phelina's Fahrrad, das von Mrs. Clark, aber die anderen beiden kann ich nicht eindeutig zuordnen. Wieso denke, ich überhaupt darüber nach? Vielleicht hat er ja ein Auto oder nimmt die U-Bahn, um von A nach B zu gelangen. Ich weiß nicht mal, was er eigentlich tut.
Es kann gut sein, dass er studiert, vielleicht ist er auch schon im dritten Jahr. Und wenn dem so ist, hoffe ich wirklich, dass Aiden und ich nicht gemeinsam zur Uni fahren müssen. Aber vielleicht muss er erst später los. So wie ich ihn nämlich bisher erlebt habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass er viel auf Vorschriften und Pünktlichkeit gibt. Vielleicht hat er sogar eine Freundin. Okay, wieso denke ich genau über das nach? Warum haben meine Gedanken eine solche Richtung eingeschlagen?
Ich kenne ihn Null.
Zurück zur Uni. Was, wenn ich keine Freunde finde? Ich bin nicht jemand, der schnell welche findet. Und morgen ist der erste Tag. Eigentlich war das Timing mit dem Fahrrad ziemlich perfekt arrangiert, das muss man den Clarks lassen. Langsam bezweifle ich, dass sie jemals etwas falsch machen würden.
Eine weitere Fähigkeit Audrey's ist es zu kochen. Es gibt Lachs, den sie, es tut mir leid Mom, besser zubereitet. Wir sitzen alle um den gedeckten Tisch.
Alle.
Aiden kam als letzter. Er sieht dauernd nur auf seinen Teller. Nicht ein einziges Mal stellt er jemandem eine Frage. Zum Glück gibt es Phelina. „Freust du dich schon auf morgen, Eve?", fragt sie.
„Das beschreibt es nicht mal annähernd. Alles ist vollkommen neu für mich." Kurz sieht er mich an, wendet sich dann aber wieder seinem Essen zu. Er hört zu. Wenigstens das.
„Falls du noch etwas benötigst, sei es Ordner, Hefter, Stifte, egal was. Du brauchst nur zu fragen, ja?"
„Danke, Audrey." Sie lächelt, ansonsten ist es ruhig.
Nach einer Weile beginnt Pheli wieder von ihrem glatzköpfigen Lehrer zu reden. Ich kann nicht anders und fange an zu lachen. Pheli sieht mich an und beginnt ebenfalls zu kichern. Dann Stimmen auch Audrey und Scott mit ein. Aiden kann ich wenigstens ein kleines Lächeln entlocken.
Ein Lächeln genügt mir.
„Danke.", schneidet Audrey das Gespräch an. Wir beide sind in der Küche und erledigen gerade den Abwasch.
„Wofür?", frage ich etwas verwirrt.
„Es ist schon einige Zeit her, dass Aiden gelacht hat.", meint sie.
Darauf kann ich nichts erwidern. Ich will auch keine Fragen stellen, die sie vielleicht nicht gerne beantworten möchte. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass sie meinen Fragen ausweichen würde, aber wenn die Zeit reif ist, werde ich es schon erfahren.
Vielleicht hat er ja Liebeskummer. Nein. Wenn, dann sind es die Mädchen, die unter der Trennung leiden. Ich schiebe diese Gedanken beiseite und gehe im Kopf meine Checkliste für morgen noch einmal durch.
Alles wird gut, Eve.
~Soundtrack~ WHEREVER I GO | ONE REBUBLIC
Das Klingeln reißt mich aus meinem tiefen Schlaf. Es ist sechs Uhr. In zwei Stunden bin ich an der Uni. Medizin. Ich möchte Ärztin, wie meine Mom werden. Die menschliche Anatomie hat mich schon immer interessiert. Das hat mir höchstwahrscheinlich meine Mutter in die Wiege gelegt. Phelina war jedenfalls begeistert.
Mein dritter Tag in London. Ich war noch nie so aufgeregt. Was zieh ich an? Ich habe an alles gedacht, nur nicht an mein Outfit für heute. Ich entscheide mich für eine dunkle Jeans und ein schlichtes weißes Oberteil, dazu meine weißen Sneakers. Ich will nicht sonderlich auffallen.
So, meine Tasche ist gepackt, meine Brille ist in ihrem Etui und ich bin pünktlich fertig.
Ich schlendere die Stufen hinunter und bemerke Aiden am Frühstückstisch, als ich unten ankomme. „Hey.", sage ich, in der Hoffnung auf eine Antwort.
„Morgen." Ok. Auf das war ich nicht gefasst. Entweder seine Mutter hat ihm gesagt, er solle netter sein oder er zwingt sich selbst dazu.
„Hallo! Super ihr seid beide fertig! Pheli ist schon längst draußen. Kommt! Heute fahre ich euch.", beendet Scott das peinliche Schweigen. Ich habe zwar nichts gefrühstückt, aber das ist nicht schlimm. Ich nehme mir schnell einen Apfel aus der Schale bevor ich die Küche verlasse.
Als ich die Tür hinter mir schließe, sitzen die beiden schon im Auto. Scott ist noch in der Garage. Ich setze mich auf den Rücksitz, neben mir Pheli.
„Hey, na wie geht's.", beginne ich unser morgendliches Gespräch.
„Ganz gut." Sie zeigt auf den Sitz vor sich, auf dem ihr großer Bruder sitzt und bestätigt mir mit einem Daumen nach oben, dass heute ein guter Tag ist. Ich forme mit meinen Lippen das Wort Danke. Und schon kann die Fahrt beginnen.
Zuerst wird Phelina abgesetzt. Sie umarmt mich bevor sie das Auto verlässt und verabschiedet sich von ihrem Vater und Aiden. Erst da fällt mir auf, dass ihre Augen dieselbe intensive braune Farbe haben, wie alle anderen Clarks. Nur kann ich in Aidens Augen keinen Anflug von Wärme entdecken. Wir sehen ihr alle nach, als sie sich noch einmal umdreht und uns zuwinkt.
Jetzt sind wir beide dran. Als wir das University College London erreichen, bin ich wie hypnotisiert, bis mich Scott aus meinen Gedanken reißt:
„So, ich hoffe, ihr habt einen schönen Tag. Ich hole euch hier wieder ab." Jetzt wird mir bewusst, dass Aiden studiert und noch dazu auf die gleiche Uni wie ich geht. Naja, wenigstens eine Gemeinsamkeit haben wir.
Wir steigen beide aus, aber Scott ruft nochmal Aiden's Namen. Ich bin nicht taub. Als er zum Fenster geht, höre ich wie er sagt:
„Dad, ich versuche es, ok? Bis später." Als er sich umdreht, kommt er auf mich zu und bedeutet mir ihm zu folgen.
Während wir Richtung Gebäude gehen, redet Aiden nicht mit mir, deshalb habe ich genügend Zeit alles in mich aufzunehmen. Ich erinnere mich, dass ich mal gelesen habe, dass es zusammen mit der Universität Oxford, der Universität Cambridge, der London School of Economics and Political Science und dem Imperial College London zur Untergruppe der „G5" Super-Elite-Fakultäten gehört. Die Gebäude sind ihrer Architektur vielfältig und spiegeln alle Stilrichtungen seit der Universitätsgründung wider.
Neben dem Hauptgebäude, zählen andere aus viktorianischer Zeit und moderne Bauten, wie das neue University College Hospital dazu. Was auch interessant war, ist, dass es einen mit 535 Plätzen ausgestatteten öffentlichen Konzert- und Veranstaltungssaal auf dem Campus gibt. Es ist atemberaubend!
Hayley würde jetzt sagen: „Hör auf, mich zu langweilen." Zum Glück, habe ich, diese ganzen Infos für mich behalten. Aiden sieht nicht gerade beeindruckt aus. Das kann aber auch daran liegen, dass das alles für ihn nichts Neues ist. Wir gehen auf den riesigen Eingang zu, und die vielen Blicke der anderen entgehen mir dabei nicht, vor allem die der Mädchen. Aber auch die älteren Studenten begaffen uns.
Aiden muss einen ziemlich guten Ruf haben. Er ist ziemlich locker, redet aber immer noch nicht mit mir. Mir doch egal. Echt?
„Hey, sieh mal einer an, wer wieder da ist!" Ich sehe mich um und entdecke zwei Jungs, die direkt auf uns zusteuern. Aiden kennt sie anscheinend, er winkt ihnen nämlich lächelnd zu und geht ebenfalls auf sie zu, ohne mich weiterhin zu beachten.
„Hey Cole.", sagt er zu dem rechten Jungen, der schmutzigblondes Haar hat und sie machen eines dieser komischen Begrüßungsrituale mit den Händen. Als ich die drei schließlich erreiche, will ich Aiden nur mitteilen, dass ich mich drinnen mal umsehe, aber Cole kommt mir anscheinend zuvor:
„Hallo! Wer ist denn diese Schönheit, Aiden? Willst du uns nicht bekanntmachen?" Ich stehe jetzt links neben Aiden, er sieht mich von der Seite kurz an und: „Das ist Evelyne." Und beißt seine Kiefer zusammen. Ich sehe, dass es ihn nicht erfreut, mich seinen Freunden vorzustellen.
„Evelyne." Cole lässt den Namen ganz langsam über seine Lippen gehen, nimmt meine Hand und küsst sie auf den Handrücken.
„Ist ja gut, Romeo.", beendet Aiden diese, für meinen Geschmack, gelungene erste Begegnung und schiebt ihn etwas weg, damit Cole Abstand von mir hält. Einer hat wenigstens Manieren!
Aiden sieht mich an und zieht die Augenbrauen hoch. Anscheinend wartet er, dass ich etwas sage. Ach ja! Das wollte ich wirklich. „Äh.. Ich.." Hör auf zu stottern! Ich spüre die Blicke der drei. Der dritte ist mir gar nicht richtig aufgefallen. Er ist vermutlich der Stillere von den dreien.
Dennoch. Sie alle sehen wirklich gut aus und wissen, im Gegensatz zu anderen Kerlen, wie man sich geschmackvoll kleidet.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich schon mal reingehe."
„Klar. ... Mein Dad holt uns nachher wieder ab."
„Weiß ich." Oh nein, er zieht die Augenbrauen wieder hoch.
„Äh, wie wär's wenn wir uns dann vor dem Eingang treffen?"
„Ist gut." Er sieht dich immer noch an! Geh, Eve!
„Cole, hat mich gefreut. Und .."
„Ethan." Der blonde Junge im Kaputzenshirt spricht ja.
„Ethan, hat mich auch gefreut.", sage ich mit einem Lächeln, winke kurz, beachte Mr. Eyebrow nicht länger und gehe.
Ich spüre ihre Blicke auf mir. Irgendwie ist es ein gutes Gefühl, aber Aiden ist wütend und ich kann mir nicht erklären, warum. Ich muss mit ihm reden. Heute.
~Soundtrack~ NO RUNNING FROM ME | TOULOUSE
Mann! Die ist heiß. Geh ihr nach. Komm ich geb dir einen Vorsprung." Gott, ist es toll wieder hier zu sein. Dieses Grinsen hat mir so gefehlt, aber es gilt nicht mir. Ich weiß, dass er mich nur aufzieht, so ist Cole, aber weil es um sie geht: „Sprich nicht so über sie. Und überhaupt. Ich dachte nicht, dass das wichtig wäre. Und wie wär's mal mit: 'Aiden! Toll, dass du wieder hier bist.' Ich hätte auch gern einen Handkuss bekommen."
„Das tut mir leid, mein Liebster. Aber wie du ja bekanntlich weißt, aufgeschoben, heißt nicht automatisch aufgehoben. Du hast uns anscheinend viel zu erzählen, denn.. gemeldet hast du dich nicht oft."
Wie ich Cole manchmal hasse.
Zum Glück setzt Ethan das Gespräch fort: „Ja, wie denn auch. Er war ziemlich beschäftigt, wie man sieht." und zwinkert mir dabei zu.
„Ja, ich war oft unterwegs.", gehe ich nur darauf ein. Sollen sie doch denken, was sie wollen.
„Das hat deine Mom jedes Mal gesagt, wenn ich versucht habe dich zu erreichen. Es ist nicht so, dass du uns egal bist, du warst derjenige, der uns verboten hat dich zu besuchen.", fängt Cole an zu erzählen.
„Es war doch nur ein kleiner Unfall, nichts Dramatisches. Ihr hattet wichtigeres zu tun. Professor Levinson zu folgen, ist nicht gerade leicht."
„Ja klar! Seit wann interessiert uns, was der Typ sagt. Der führt die ganze Stunde Selbstgespräche. Ich muss das nicht noch weiter ausführen. Und du kannst aufhören uns zu verarschen. Es ging dir nicht, um das scheiß Studium, sondern darum, dass wir dich nicht sehen sollten!"
Cole sieht mich mit seinen grau grünen Augen durchdringend an, doch ich weiche seinem Blick aus: „Hey, die Stunde fängt gleich an. Ich muss los. Wir sehen uns danach!", sage ich, als ich an ihnen vorbei, Richtung Eingang marschiere.
„Bis dann.", rufen sie. Meine besten Freunde. Sie wissen genau, wann es genug ist und Cole ist zu weit gegangen. Aber er hat Recht. Vollkommen Recht. Ich hatte einfach Angst vor ihrer Reaktion, wenn sie mich gesehen hätten. Es war meine Entscheidung. Und es war die Richtige, obwohl sie meine Freunde sind. Aber ich weiß, dass mir eine ausführliche Ausfrage bevorstehen wird und das hauptsächlich über sie.
Sie. Evelyne. Evelyne Stone. Ich war nicht besonders freundlich zu ihr. Aber ich habe meine Gründe. Ich will nicht mit ihr befreundet sein. Meine Eltern haben das einfach so beschlossen und meine Mom wusste und weiß ganz genau, dass ich nie wollte, dass jemand bei uns einzieht.
Sie wollen nur das Beste für mich. Ich hasse sie nicht, ich will sie nur nicht hierhaben. Sie tagtäglich sehen. Sie in mein Leben lassen.
Ich gehe Richtung Biologiesaal, rücke meine Tasche zurecht und da kommt mir auch schon Prf. Levinson entgegen.
„Aiden, schön Sie zu sehen! Es bedeutet mir sehr viel, dass Sie meine Vorlesungen wieder besuchst. Ich brauche unbedingt wieder jemanden, der mich verbessert."
Er ist eigentlich ganz okay und sieht auch okay aus mit seinem grauen Pullunder und grauem Haar mit Bart. Eigentlich sieht er meinem Großvater ziemlich ähnlich, wenn diese ewig langen Selbstgespräche nicht wären. Selbst da hat Cole recht. Er verfolgt mich regelrecht. Das ist ein klein wenig unheimlich.
„Hey, Mr. Levinson. Wie geht's Ihnen?" Ich schüttle seine Hand und bekomme ein Lächeln als Antwort: „Die Frage ist wohl eher, wie es Ihnen geht. Ist alles wieder in Ordnung?" Ich kann wirklich so etwas wie Besorgnis in seinem Blick registrieren. Aber das gehört zum Job der Lehrer dazu: So zu tun, als ob ihnen das Wohl der Schüler am Herzen läge.
„Alles im grünen Bereich, Mr. Levinson. Ich kann mich also wieder voll und ganz auf Ihre Vorlesungen konzentrieren."
„Haha, wir sehen uns, Aiden!", er legt seine Hand kurz auf meine Schulter und geht dann, ohne ein weiteres Wort.
Danke, Gott! Manchmal glaube ich wirklich, dass es ihn gibt. Ich gehe in den Raum 228 und setze mich in die zweite Reihe ans Fenster. Das ist mein Standardsitzplatz. Ich mag es nicht, wenn ich von links und rechts von Leuten umgeben bin. Ich konzentriere mich einzig und allein auf den Unterricht. Anfangs dachten Ethan und Cole, dass das ein Scherz wäre, aber mittlerweile wissen sie, dass ich es ernst meine.
Ich war bisher immer Jahrgangsbester und ich wurde wirklich nie als Streber bezeichnet. Ich arbeite auf etwas hin und dafür darf ich mir keine Fehler erlauben. Als Cardiologe muss man einfach brillant sein und deshalb studiere ich Medizin. Ich will anderen helfen. Ohne das Herz ist die menschliche Anatomie im Arsch. Ich weiß, wir Briten sollten eigentlich eine höflichere Ausdrucksweise besitzen, aber ich sage, was ich denke. Evelyne hat das bestimmt auch schon mitbekommen. Ich glaube, Pheli hat sogar mal erwähnt, dass Evelyne ebenfalls Medizin studiert. Eigentlich könnte ich mich mit ihr unterhalten. Eigentlich. Aber ich will nicht. Pheli erzählt mir eh so gut wie alles, da kann ich ihr auch ein paar Fragen bezüglich unserer neuen Mitbewohnerin stellen.
Wie kann es eigentlich sein, dass sich dieses Mädchen immer wieder in meine Gedanken schleicht? Ich bin keine zwei Minuten hier und schon überlege ich, wie lange es noch dauert, bis wir uns sehen.
Der Tag kann beginnen!
~Soundtrack~ HOLD ME DOWN | HALSEY
Hi! Du musst Evelyne sein! Schön dich zu sehen! Ich bin Amanda und ab sofort deine neue beste Freundin. Ich kann und werde dir alles und jeden zeigen. Und wenn du über irgendwen spezielles etwas wissen willst, dann frag mich einfach, haha."
Ich war gerade völlig in Gedanken verloren auf dem Flur als plötzlich dieses bildhübsche Mädchen aus dem Nichts anfängt zu reden. Amanda. Schöne schwarze, lange Haare. Grüne Augen. Eine Stupsnase, wie man sie nur aus Magazinen kennt und eine tolle Figur. Ihr Gesicht ist makellos und mit den blutroten Lippen erinnert sie mich an Schneewittchen. Mit ihren großen Augen wartet sie auf meine Reaktion. Sie hat anscheinend gemerkt, dass sie mich etwas überrumpelt hat.
„Hi.. Es freut mich sehr, Amanda. Es ist toll, dass jemand auf mich zukommt. Ich bin nämlich eigentlich der Typ Mädchen, der Leute nicht einfach so anspricht."
„Das ist überhaupt nicht schlimm, Eve. Darf ich dich Eve nennen?" Sie redet wie ein Wasserfall, aber das hält mich davon ab, was Dummes zu sagen. „Äh, ja klar. Ähm, Amanda? Ich hätte tatsächlich ein paar Fragen. Wie du ja weißt, bin ich neu und ich kenne mich nicht wirklich aus. Würdest du mir bitte zeigen, wo das Sekretariat ist? Ich muss ein Haufen Papierkram abgeben.", versuche ich ihr zu erklären.
„Klar, überhaupt kein Problem. Komm!"
Anscheinend ist sie sehr beliebt. So ziemlich alle begrüßen sie. Ich kann es mir aber auch denken. Sie ist sehr hübsch und unfassbar sympathisch. Und dadurch, dass sie so viel erzählt, bin ich gar nicht mehr so schüchtern, weil ich weiß, dass ich nicht allein bin. Sie gibt mir ein gutes Gefühl und was ich bisher aufgeschnappt habe, studiert sie Rechtswissenschaften. Sie weiß ganz genau, was sie will.
„Wenn ich zu viel rede, stopp mich einfach, ok?"
„Amanda, das ist vollkommen in Ordnung! Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass du das machst, denn eigentlich übernimmt diesen Part meine Schwester." Sie lächelt mich an, als würden wir uns schon lange kennen.
Nachdem die letzten Formulare abgegeben wurden: „Ok, das wäre dann erledigt. Wollen wir uns vielleicht zwischen den Seminaren mal treffen?" „Das wäre super, Amanda. Und .. Danke!"
„Kein Problem. Wir sehen uns." Und schon war sie um die Ecke.
Ich glaube, dass ist der Beginn einer tollen Freundschaft. Ich habe ihr auch hin und wieder mal angesehen, dass sie noch mehr sagen wollte, sich aber zurückgehalten hat. Sie weiß, wann es genug ist. Das finde ich gut. Das können nämlich nicht viele Menschen. Der Tag hat doch nicht so schlecht angefangen, wie ich dachte.
Es hat sich herausgestellt, dass die Professoren sehr sympathisch und die Seminare mehr als interessant sind. Ich sitze in der ersten Reihe, hab mir häufig Notizen gemacht und auch einiges über Aiden aufgeschnappt. Vor allem zwei Mädchen hinter mir, ich glaube eine heißt Heather, denken, dass ich seine Freundin bin. Anscheinend haben sie uns gesehen, aber völlig falsch interpretiert.
