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Michelle, eine Frau im besten Alter, findet nach einem Umzug eine alte Kiste mit ihren Tagebüchern. Fasziniert beginnt sie zu lesen. Sie fühlt sich zurückversetzt in die Zeit ihrer ersten großen Liebe. Die ersten Auftritte mit ihrer Band. Der erste Umzug in eine neue Stadt. An Gil, den Winzer oder Christopher, den Künstler. Und dann ist da auch noch Daniele. Ein Mann, der das ganze Gegenteil ihrer bisherigen Männer war. The French Affair erzählt die Geschichte von Michelle Maginot. Eine Frau die eine inspirierende Art hat, eine Muse.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Impressum neobooks
von Jean Pierre Casper
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Mein Name ist Michelle Maginot. Ich bin eine Frau im besten Alter und lebe in Marseille. Man sagt mir nach, Menschen zu inspirieren. Ich wäre eine Muse. Nein, nicht das, was man denken könnte. Ich bin kein Callgirl aber ja, wenn mir ein Mann gefällt, dann schlafe ich mit ihm. Es ist meine Entscheidung, mit wem ich meine Zeit verbringe. Ich bin nicht käuflich. Ebenso wenig lasse ich mich aushalten oder lebe von meiner Gabe. Gelegentlich kommt es zwar vor, dass ich eingeladen werde oder kleine Geschenke bekomme, aber ist das nicht bei jeder Frau der Fall?
Wie ich Muse geworden bin oder sollte ich besser sagen, wie ich meine Fähigkeiten entdeckt habe? Nun, ich habe früh bemerkt, dass ich Menschen inspiriere. Schon mit 16 Jahren habe ich festgestellt, welchen kreativen Einfluss ich auf das Leben meines besten Freundes hatte. Freddy ließ mich sein Tagebuch lesen, und seine Eintragungen klangen oft traurig, langweilig, beinahe depressiv. An Tagen, an denen wir zusammen waren, blühte er richtig auf, was man auch sah. Seine Sätze wurden danach lebendig und die Tagebucheinträge sprühten nur so vor Enthusiasmus.
Ihr denkt jetzt sicher, er war in mich verschossen, aber weit gefehlt: Für Frauen hatte er nicht das Geringste übrig. Er stand auf Männer und war in einer Beziehung.
Ich möchte euch einige Geschichten aus meinem Tagebuch erzählen und versuchen, euch stets die Emotionen und Gefühle zu vermitteln, wie ich sie damals empfunden habe. Manche der Geschichten sind spannend und aufregend, andere eher traurig oder schockierend. Viele sind prickelnd und erotisch. Die meisten sind genauso geschehen, wie ich es berichte und nur bei wenigen muss ich einige brisante Details auslassen. Eines kann ich euch aber versprechen: Ihr werdet erstaunt sein und viele meiner Erfahrungen mit Freude teilen.
Mein erstes Erlebnis mit der Gabe, andere Menschen zu inspirieren, hatte ich, wie gesagt, bei meinem besten Freund. Zum ersten Mal wirklich als Muse gefühlt habe ich mich bei meinem ehemaligen Musiklehrer. Damals hatte ich die Schule beendet und studierte Betriebswirtschaft. Fabien hatte zu meiner Zeit die Schulband betreut, in der ich gesungen hatte. Da dachte ich noch, ich würde eines Tages als Popsängerin Karriere machen. Dieses Ziel gab ich jedoch schnell auf, nachdem ich gemerkt hatte, wie falsch und verlogen die Musikindustrie ist. Zu jenem Zeitpunkt aber war ich noch unbefangen und naiv. Das sollte sich erst im Laufe der Jahre ändern.
Es klingt sicher wie ein Klischee, aber ich war unsterblich in ihn verschossen. Er muss Ende zwanzig, Anfang dreißig gewesen sein, als ich mein Abitur gemacht hatte. Natürlich durften wir uns damals noch nicht privat treffen. Nach meinem Abschluss sahen wir uns jedoch regelmäßig. Meist trafen wir uns einmal in der Woche. Er half mir, meine Stimme zu entwickeln. Es war kein Unterricht. Wir trafen uns privat aus Liebe zur Musik. Ich spürte es sehr deutlich, wie seine Kreativität an meiner Seite stetig zunahm.
Es war eine schöne Zusammenarbeit. Er war ein begnadeter Jazzpianist, spielte Saxofon und hätte sicher ein großer Jazzmusiker werden können. Ihm lag die Musik aber so sehr am Herzen, dass er nicht von ihr leben wollte. Ihm lag vielmehr daran, die Liebe für den Klang und das Verständnis für die Harmonie der Noten weiterzugeben. Deshalb hatte er sein Studium der Klassischen Musik abgebrochen und sich auf das Lehramt konzentriert. Sein Traum war es gewesen, an einer Universität zu arbeiten. Das hätte ihn erfüllt und glücklich gemacht.
Fabien war alles andere als ein begnadeter Sänger. Er konnte meine Stimme aber lenken und wusste sie in Szene zu setzen. Wenn er mich auf dem Klavier begleitete, war das ein erhabenes Gefühl. Wir verschmolzen sprichwörtlich miteinander. Ich empfand es immer als unheimlich intim, wenn Fabien für einen Moment von den geschriebenen Noten abwich und frei zu spielen begann. Es erregte mich, ihn dabei zu beobachten. Er spielte mit geschlossenen Augen, wie in Trance, manches Mal minutenlang, bis er die Augen wieder öffnete und mich vollkommen gelöst und glücklich ansah. Dann nickte er mir zu und ich durfte aufs Neue einsetzen. Es waren einmalige Momente, die wir zusammen erlebten.
Es war wie eine Bestätigung für mich, als Fabien mir eines Tages sagte, ich wäre eine unheimliche Inspiration für ihn. Er würde sich schon Tage vor unseren Treffen auf die Duette freuen. Er könne nur mit mir so in die Musik und Noten abtauchen. Er vergesse alles um sich herum. Genau so war es mir auch vorgekommen, wenn er die Augen schloss. Dass dies jedoch an mir lag, hatte ich nur gehofft.
Nach Fabiens »Geständnis« dachte ich, wir wären füreinander bestimmt. Wir würden eines Tages zusammenkommen und heiraten. Es ist schließlich etwas ganz Besonderes, wenn man Augenblicke wie diese zusammen erlebt. Ich wollte ihn aber nie zu etwas drängen, geschweige denn aufdringlich werden. Ich war schon damals keine Jungfrau mehr, allerdings auch noch lange nicht so aufgeschlossen wie heute. Vielleicht war ich damals auch zu zurückhaltend oder womöglich sogar zu schüchtern, wer weiß. Ich traute mich nicht, ihm meine Gefühle zu offenbaren, war nicht einmal ansatzweise in der Lage, ihm zu vermitteln, wie ich für ihn empfand. Ich dachte immer, er müsste es doch merken und würde dann im passenden Augenblick die Initiative ergreifen.
Schon oft habe ich mich gefragt, ob er mich am Anfang unserer Geschichte als Frau wahrgenommen hat oder noch immer die Schülerin in mir sah. Für mich war er der Mann, mit dem ich mein Leben lang zusammen sein wollte. Mit ihm hätte ich Kinder kriegen und eine Familie gründen wollen. Kein Wunder, dass für mich eine Welt zusammenbrach, als ich erfuhr, dass er eine Freundin hatte.
Ich wollte sie hassen, sie beschimpfen, sie schlagen und am liebsten verbannen. Doch als sie eines Tages früher als üblich von der Arbeit kam und das Musikzimmer betrat, in dem Fabien und ich uns befanden, war das Einzige, was aus meinem Mund kam ein freundliches:
»Schön, Sie kennenzulernen«.
Vermutlich war es meine gute Erziehung, die nichts anderes zuließ. Was hätte es auch gebracht, ihr unfreundlich zu begegnen? Ich konnte nicht davon ausgehen, dass Fabien seine Freundin meinetwegen verlassen würde. Hätte ich beleidigt oder mit Abneigung auf sie reagieren sollen? Wahrscheinlich hätte das nur einen Keil zwischen Fabien und mich getrieben, was nicht meine Absicht war. Ich wollte die wöchentlichen Treffen mit ihm nicht aufs Spiel setzen.
Es ist schwer für mich, oder auch als Muse, eine ehrliche, erfüllte Beziehung zu führen. Es sollte noch mehrere Jahre brauchen, bis ich erkannte, wie ich mit meiner Gabe umzugehen habe, denn sie ist Segen und Fluch zugleich. Die Männer, die sich in mich verlieben, erscheinen mir als langweilig und uninteressant. Die Männer, in die ich mich verliebe, sind entweder Arschlöcher, bereits vergeben oder nicht an einer Beziehung mit mir interessiert, weil ich ihnen zu kompliziert bin.
Es ist wie in einer Tragikomödie: Ich laufe immer im Kreis und bemerke nach einer Weile, dass ich wieder genau da angekommen bin, wo ich losgelaufen war. Daher habe ich es aufgegeben, nach einer festen Beziehung zu suchen. Das bedeutet nicht, dass ich ständig wechselnde Sexualpartner habe. Vielmehr habe ich beschlossen, dem zu entsprechen, was ich bin, und habe gelernt, auf diese Weise glücklich zu werden. Glück kann man auch außerhalb einer Beziehung finden. Glück benötigt keine feste Bindung.
Eine Partnerschaft beinhaltet immer auch das Bedürfnis, gebraucht zu werden. Nähe zu spüren und eine soziale Verbindung miteinander einzugehen. Alle diese Aspekte kann ich bejahen. Die verschiedenen Phasen einer Partnerschaft habe ich ebenfalls durchlebt, sei es die anfängliche Schwärmerei, die Erwartungen an sein Gegenüber, der sich anschließende Machtkampf, das sprichwörtliche verflixte 7. Jahr, die Findung eines Kompromisses oder die Akzeptanz, in der sich das Gleichgewicht zwischen Nähe und Selbstständigkeit gefunden hat.
In der Phase der Schwärmerei war ich bis über beide Ohren verliebt in meine Gabe und wollte unentwegt mit ihr zusammen sein. In der zweiten Phase merkte ich dann, dass meine Erwartungen viel zu hoch waren, und die erste Ernüchterung setzte ein. In der Dritten wurde es wirklich schwer für mich, mit ihr umzugehen. Sie wollte mich verändern, wollte mich dazu verleiten, mit jedem ins Bett zu gehen. Das Misstrauen und die Wut auf meine Gabe wurden immer größer. Unser siebtes Jahr war wirklich schwierig. Ich wollte mich von ihr trennen, ein normales Leben beginnen. Ich fühlte mich von ihr unter Druck gesetzt und eingeengt. Nach einer Weile merkte ich aber, was sie mir alles gab. Zwar konnte sie meine Erwartungen nicht voll und ganz erfüllen, aber wer ist schon perfekt? Letztlich fanden meine Gabe und ich einen Kompromiss und leben heute glücklich zusammen. Ich bin sehr zufrieden und möchte sie nicht mehr missen. Sicher, wir haben heute keine rosarote Brille mehr auf und schweben schon lange nicht mehr auf Wolke sieben – wie sollten wir auch? Wir haben jedoch unser Gleichgewicht gefunden, und ich habe sie angenommen. Ich akzeptiere mich inzwischen genau so, wie ich bin.
So ist es mit jeder Partnerschaft: Man sollte nicht versuchen, seinen Partner zu ändern, sondern lernen, ihn mit all seinen Eigenschaften anzunehmen und so zu lieben, wie er ist.
Aber zurück zu Fabien. Für mich war es etwas ganz Besonderes, als er mich eines Tages fragte, ob ich ihn zu einem Konzert begleiten wolle. Erst dachte ich, er wolle es mit mir zusammen als Zuschauerin besuchen. Erst im Laufe des Gesprächs begriff ich, dass er mich als Sängerin dabeihaben wollte. Ich war unfassbar glücklich und aufgeregt zugleich. Fabien wollte mit mir, der unerfahrenen Michelle, ein Konzert geben. Dass es sich dabei lediglich um einen kleinen Auftritt an einem Mittwochabend in einer Bar handelte, war mir egal. Wir würden gemeinsam auftreten. Das war unser Moment, der uns für immer verband, dachte ich.
Vor dem Auftritt trafen wir uns mehrmals die Woche, um ein Programm für etwa eine dreiviertel Stunde vorzubereiten. Wir wurden mit jedem Mal besser, und ich sah uns schon auf den großen Jazzbühnen dieser Welt. Von New York bis Tokio würden wir die Musikwelt erobern: Fabien, der talentierte Musiklehrer, und ich, Michelle Maginot.
Nachts überlegte ich mir, wie wir uns nennen könnten: Amateurs de Jazz oder Muse de Jazz. Fabien fand meine Vorschläge gut, und so nannten wir uns Muse de Jazz. Warum ihm die Verbindung von »Muse« und »Jazz« so gefiel, verstand ich sofort. Es entsprach genau dem, was wir waren. Die Muse und der Jazzmusiker.
Für mich war es der erste, wirklich öffentliche Auftritt. Zwar war ich schon mit unserer Schulband aufgetreten, dass aber nur vor Mitschülern und Lehrern. Dabei hatte ich nie ein Problem mit Lampenfieber, doch an diesem Abend rutschte mir das Herz in die Hose. Schon als Fabien mich zu Hause abholte, hatte ich weiche Knie. Ich glaube, ich sagte während der ganzen Fahrt kaum ein Wort. Vielmehr ging ich in Gedanken sämtliche Texte, Pausen und Einsätze durch. Mir sollte später bloß kein Fehler unterlaufen. Schließlich sah ich in dem Auftritt den Beginn unserer gemeinsamen musikalischen Laufbahn. Ich wollte alles geben und Fabien davon überzeugen, dass wir zwei zu Größerem berufen waren.
Als wir ankamen, war ich irritiert. Wir standen in einem Park vor einer Treppe, die in den Untergrund führte. Über der Treppe hing ein Schild mit der Aufschrift »Métro«. Ich fragte Fabien, wo er hin wolle, doch er sagte nur:
»Wir sind da.«
Die Bar, in der unser Auftritt stattfinden sollte, war also eine stillgelegte U-Bahn-Station. Wir gingen die Stufen über einen roten Teppich hinab und standen vor einer anthrazitfarbenen Tür mit einem Bullauge in der Mitte. Fabien klopfte, da der Laden noch geschlossen war, und ein kräftiger, kahl rasierter Türsteher öffnete uns.
»Wir sind heute die Band«, stellte Fabien uns vor.
Die Band. Das war Musik in meinen Ohren: wir, die Band. Ich glaube, man sah mir den Stolz an. Zumindest hatte ich das Gefühl, über allem anderen zu schweben, und meinte, die Massen würden nur auf uns, Muse de Jazz, warten. In Wirklichkeit war das Métro ein kleiner, etwas heruntergekommener, aber liebevoll betriebener Jazzclub, in dem Fabien und seine Freunde sich regelmäßig trafen und einmal im Monat auftraten.
Ich folgte Fabien in das schummerige Dunkel und sah mich interessiert um. Links neben der Tür befand sich eine lange Theke, rechts ging man ein kurzes Stück an einer Wand entlang, bevor man schon fast im Zentrum der Bar stand. Schräg gegenüber dem Eingang war die provisorisch wirkende, knapp zwanzig Zentimeter hohe Bühne aufgebaut. An den Wänden standen mehrere kleine, eckige Tische und über der Tanzfläche waren einige Spots und Lichter montiert.
Es war wirklich ein kleiner Laden, der mit fünfzig bis sechzig Gästen als sehr gut besucht gelten dürfte. Ich stand so unter Strom, dass ich mir keine Gedanken machte. Auch, dass ich mich auf der Bühne kaum würde bewegen können, da das Klavier den meisten Platz einnahm, war mir egal. Fabien musste meine Anspannung gemerkt haben. Er nahm mich in den Arm und fragte:
»Was willst du trinken?«
Ich wusste nicht recht, wo mir der Kopf stand. Nervös antwortete ich Fabien:
»Bring mir bitte ein Wasser mit.«
Als er zurückkam, stellte er mir einen wunderbar dekorierten Cocktail auf das Klavier und meinte nur:
»Entspann dich, es wird alles gut gehen.«
Er hatte leicht reden. Fabien dachte höchstwahrscheinlich auch, dass ich wegen der fremden Leute so aufgedreht war. Er ahnte ja nicht, dass es an ihm und unserem ersten gemeinsamen Konzert lag. Für mich war es wie unser erstes Mal. Bisher hatten wir nur ab und an etwas rumgemacht, aber heute sollte die Nacht der Nächte werden. Er war derjenige, der mich metaphorisch gesehen, entjungfern würde, und ich war stolz, dass er es sein würde. Er, mein Schwarm aus Schulzeiten. Er, der für mich immer unerreichbar zu sein schien.
Fabien hatte sich ein dunkles Altbier bestellt und wartete noch an der Bar, nachdem er mir meinen Cocktail gebracht hatte. Er unterhielt sich mit einem Bekannten, während er auf sein Bier wartete. Sie scherzten und lachten. Ich stand derweil recht einsam auf der Bühne und schlürfte meinen Cocktail. Ich kam mir etwas verlassen vor und fühlte ein leichtes Unbehagen. Niemand beachtete mich. Zugegeben, der Laden war noch geschlossen und bis auf Fabien und seinen Gesprächspartner, eine Dame hinter der Bar, dem Türsteher und jemanden, der für die Musikanlage zuständig war, leer.
Fabien war nicht mein Babysitter und musste sich nicht ständig um mich kümmern, redete ich mir gut zu. Als er wenig später zu mir herüberblickte und mein gequältes Lächeln bemerkte, entschuldigte er sich und kam zu mir.
»Ist bei dir alles in Ordnung?«
»Ja klar. Aber bist du jetzt nur wegen mir gekommen? Du hättest dich ruhig weiter unterhalten können.«
Ehrlich gesagt war ich jedoch mehr als dankbar, dass er mich nicht noch länger alleingelassen hatte. Er gab mir die Sicherheit, die ich damals dringend benötigte. Ich hatte Angst, dass meine Stimme beim Einsetzen der Musik stocken, und ich keinen Ton herausbekommen würde. Meine Stimme zitterte selbst beim Sprechen schon. Ich hoffte, dass Fabien es nicht bemerken und mich für schwach halten würde.
Um kurz vor 20:00 Uhr öffneten sich die Türen und die ersten Gäste trafen ein. Die Tische an der Seite des Raumes waren zuerst besetzt. Nach und nach füllten sich aber auch die Plätze an der Bar. Im Hintergrund lief leise eine Platte von Herbie Mann, der mit seiner furiosen Art des Querflötenspiels zu meinen liebsten Komponisten gehörte. Leider ist er bereits verstorben. Seine groovige Art, die Querflöte zu spielen, sorgte auch an diesem Abend für eine lockere, gelöste Stimmung, und man spürte, dass die Leute auf uns warteten.
Da mich niemand kannte, wurde ich vor unserem Auftritt nicht wirklich beachtet. Vermutlich hielt man mich für eine ganz normale Besucherin. Fabien hingegen war den meisten schon bekannt und wurde von vielen persönlich begrüßt. Eine Dame ließ sich sogar ein Autogramm von ihm geben. Ich sah ihm an, wie erstaunt er über diese Bitte war. Natürlich erfüllte er ihr den Wunsch, bevor er die Bühne betrat.
Die Menge applaudierte und Fabien nahm den Applaus mit ausgestreckten Armen dankend entgegen. Er begrüßte das Publikum und stellte mich mit einer famosen Ansprache vor.
»Ich bin stolz, ihnen heute eines der größten Gesangstalente von Marseille vorstellen zu dürfen. Genießen sie mit mir zusammen ihre grandiose Stimme und lassen sie sich verzaubern.«
Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Plötzlich merkte ich auch den Alkohol des Cocktails und musste grinsen.
Noch bevor ich mein Mienenspiel wieder unter Kontrolle hatte, fing Fabien schon an zu spielen. Er schlug mit einer solchen Energie in die Tasten, dass diese seine Euphorie kaum wiedergeben konnte. Er war wie in Ekstase und ging voll in seiner Passion auf. Er war nicht länger der feinfühlige, geduldige Lehrer, er war zum Virtuosen, zu einer Koryphäe des Jazzpianos geworden. Seine Finger schienen über die Tasten zu rennen. Er spielte die Tonleiter rauf und runter. Verabredet war ein ein- bis zweiminütiges Intro, das er mit einem kurzen Höhepunkt abschließen wollte. Allerdings zog sich sein Highlight nun schon über mehrere Minuten hin. Mir war es egal. Ich lauschte fasziniert seinem Genie. Mit zerzaustem Haar und Schweißperlen auf der Stirn beendete Fabien die Einleitung und sah mich dabei entschuldigend an.
Die Zuhörer waren nach dieser grandiosen Einführung außer Rand und Band. Der Applaus wollte nicht abreißen, bis Fabien schließlich einschritt.
»Wer der Meinung ist, gerade etwas Außergewöhnliches gehört zu haben, der möge jetzt erst recht zuhören. Darf ich bitten? Michelle Maginot – eine ehemalige Schülerin, meine Inspiration.«
Warum musste er den Druck noch erhöhen, indem er mich derart anpries? War ich nicht schon nervös genug? Leise fing er an zu spielen und ich schloss die Augen. Das Mikrofon in der Hand, das Klavier im Rücken, spürte ich die Wärme der Scheinwerfer im Gesicht.
Mein Einsatz. Anfangs bemerkte ich noch die Unsicherheit in meiner Stimme, aber Fabien gab mir durch seine Begleitung Sicherheit. Ich fühlte mich geborgen, so als hätte ich nie etwas anderes gemacht.
Es war ein einmaliges Gefühl, mit ihm auf der Bühne zu stehen. Ich habe seitdem nie wieder so empfunden. Es war, als spürte ich ihn auf meiner Haut. Mit seinem Spiel schien er mich zu berühren, mich zu ergreifen. Ich merkte, wie Wärme über meinen Rücken wanderte und mir die Schultern streichelte. Es fühlte sich an, als ob seine Hände an meinem Hals entlangglitten, als ob er mich zärtlich umarmte und mir meine Bluse von den Schultern streifen wollte.
Ich fühlte mich Fabien gegenüber ergeben. Während er zum zweiten Stück ansetzte, zog ich meine Schuhe aus und ging einige Schritte auf der Bühne. Auf einmal fühlte ich mich frei und unbefangen. Ich spürte die Bühne unter meinen Füßen. Die Kälte, die sie ausstrahlte, gab mir Klarheit. Ich wusste, was zu tun war. Es half mir, mich fallen zu lassen.
Ich driftete ab. Mir war, als würde mich Fabien an allen Stellen meines Körpers berühren. Ich fühlte mich begehrt und privilegiert. Es war ein Gefühl von Freiheit, was ich ausleben wollte. Ich wollte mich ihnen zeigen, mein Innerstes nach außen kehren. Jeder sollte mich sehen, und niemand durfte mich berühren. Ich war nur für ihn da. Ich war sein, und nur er durfte mich lenken, mich unterbrechen und mit mir auf diese Weise vereint sein.
Die Hitze im Raum nahm zu und ich merkte, wie sie an meinem Körper Spuren hinterließ. Es war ein Gefühl, als wenn Fabiens Hände über meine Brüste strichen, als wenn sie zwischen meinen Beinen hielten und seine Finger meine Klitoris umspielten. Es erregte mich. Ich erlebte, wie ich vor all diesen Menschen feucht wurde, und stellte mir vor, mit Fabien allein zu sein. Wie er meine Brüste entblößte, meine Hose öffnete, mich sinnlich zum Höhepunkt brachte …
Es war ein unglaubliches Glücksgefühl, mit ihm gemeinsam, vor all diesen Menschen zu stehen, die unsere Musik feierten.
Mit einem Mal hörte Fabien auf zu spielen. Ich fühlte mich wie verraten, allein gelassen, bloßgestellt, doch die Menge jubelte und applaudierte energisch. War es das schon? War die Zeit dermaßen schnell verflogen? Meinem damaligen Gefühl nach hatten wir gerade erst angefangen. Ich konnte mich weder an Pause noch etwas Anderes erinnern, dass einzige war mein Einsatz, alles andere war verschwommen. Mir war es nicht möglich zu sagen, wie lange wir gespielt haben.
Das Gefühl zu beschreiben, das ich in diesem Moment empfunden habe, ist schwer. Es war ein absolutes Hochgefühl, ein Rauschzustand, wie Drogen ihn kaum auslösen können. Ich glaubte zu fliegen. Sämtlicher Druck, den ich verspürt hatte, war von einer Sekunde auf die andere verschwunden. In diesem Moment wusste ich: Das will ich. Nicht vor einem Millionenpublikum spielen, nein, diesen privaten Moment im kleinen Kreis mit einer Handvoll begeisterter Zuhörer genießen. Ich wollte jeden im Raum umarmen und mich für diesen phänomenalen Abend bedanken.
Ich war erschöpft, nassgeschwitzt und durstig. Der Jubel hielt seit mehreren Minuten an und die Rufe nach einer Zugabe wurden lauter. Ich suchte den Blickkontakt mit Fabien. Waren wir auf eine Zugabe vorbereitet? Er sah mich an, grinste und zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine weiteren Texte im Kopf. Was sollte ich singen?
Fabien kannte dieses Problem nicht. Er konnte einfach drauflos spielen, und die Menge liebte ihn dafür. Ohne lange darüber nachzudenken, nahm ich das Mikrofon und fing an zu singen. Meine Augen waren geschlossen. Niemand war am Sprechen. Nur meine Stimme schallte durch das Métro, und wirklich jeder hing an meinen Lippen. Ich öffnete kurz die Augen und sah die Begeisterung der Menschen. Dass Fabien anfing, mich mit leisen Tönen zu begleiten, merkte ich erst gar nicht. Als ich ein liebevoll gehauchtes »Uuhh« ausklingen ließ, setzte er zu seinem Solo an.
Mir läuft es noch heute kalt den Rücken herunter, wenn ich an dieses Solo von ihm denke. Etwas Vergleichbares habe ich nie wieder gehört. Ich kann bis heute nicht wirklich begreifen, wie er diesen achtundachtzig kleinen weißen und schwarzen Tasten eine derartige Klangvielfalt entlocken konnte. Er spielte auf dem Klavier, als würde sein Leben davon abhängen.
Fabien besaß ein Talent dafür, mit seinem Spiel Stimmungen zu erzeugen und ganze Geschichten zu erzählen. Es gibt nur wenige Musiker, die diese Gabe haben.
Ich wollte wieder einsetzen und ihn begleiten, aber ich stand vor dem Klavier und war vor Ehrfurcht wie erstarrt. Das gesamte Métro war verstummt, jeder blickte voller Erstaunen zur Bühne. Selbst die beiden Damen hinter der Theke hatten ihre Gläser und Flaschen abgestellt und verfolgten diese denkwürdigen Minuten.
Ich hatte nicht gewusst, dass Fabien so wundervoll spielen konnte. Natürlich wusste ich, dass er ein begabter Pianist war, aber das, was er an diesem Abend darbot, glich meiner Meinung nach einem Jahrhundertereignis. Ich sah die begeisterten Blicke der Zuschauer. Auch seine Freunde und Bekannten waren aus dem Häuschen. So etwas hatten sie, ihren Blicken nach zu urteilen, noch nicht erlebt.
Fabien konnte gar nicht aufhören, und niemand traute sich, den Mund zu öffnen, während er wie besessen weiterspielte. Als sein Spiel nach einem furiosen Höhepunkt etwas leiser wurde, setzte ich mit zarter Stimme ein. Er sah mich an, und ich erkannte Dankbarkeit in seinem Blick. Damals ging ich davon aus, es wäre wegen meines Einsatzes, aber einige Wochen später, bei einer unserer Proben sagte er mir:
»Den Abend hatte ich nur dir zu verdanken.«
Ich verstand es nicht auf Anhieb, sondern brauchte eine Weile, um zu realisieren, was er damit meinte.
Das Gefühl, das mich durchflutete, als Fabien vom Klavier aufstand und das Konzert beendete, war unbeschreiblich. Es war, als hätten wir gerade eine Weltmeisterschaft gewonnen. Jeder im Métro war am applaudieren. Sie pfiffen und riefen unseren Namen, Muse de Jazz. Das Publikum war außer sich und kaum zu bändigen. Mehrere Personen stürmten auf Fabien zu und wollten mit ihm reden. Er jedoch wies sie alle ab und kam stattdessen auf mich zu. Er riss die Arme weit auseinander und drückte mich, als wenn wir uns ewig nicht gesehen hätten. Er hob mich hoch und drehte sich einmal im Kreis. Ich fühlte mich wie die Prinzessin im Märchen und war unendlich glücklich an dem Abend. Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben und einer, an den ich mich auch heute noch mit Freude erinnere.
»Danke für diesen Abend«, sagte Fabien noch im Métro mehrfach zu mir, und jedes Mal wiederholte ich den Satz und fügte hinzu:
»Ich bin doch die Glückliche«.
Fabien fragte mich:
»Willst du noch bleiben oder soll ich dich nach Hause fahren?« Was für eine Frage! Der Abend hätte von mir aus ewig andauern dürfen. Ich wollte bleiben und jede Sekunde mit ihm genießen, schließlich waren wir die gefeierten Stars des Abends.
»Heute Abend geht alles auf mich Michelle. Bestell, was du willst.«
Kurz darauf kam der Besitzer der Bar auf Fabien zu und bat darum, dass wir in Zukunft regelmäßig bei ihm auftreten würden. Ich war total aufgedreht. Genau davon hatte ich geträumt. Fabien wiegelte jedoch ab und teilte dem Mann mit, dass wir gerne ab und an wiederkämen, aber auf keinen Fall ein fester Bestandteil des Line-up werden würden. Der Besitzer versuchte mehrfach, ihn doch noch zu überzeugen, aber Fabien lehnte konsequent ab.
»Warum sagst du Nein?«, wollte ich von ihm wissen, sobald wir wieder für uns waren. Ich verstand Fabien nicht.
»Das war unsere Chance und eine einmalige Gelegenheit.«
»Eine einmalige Gelegenheit? So ein Quatsch«, sagte er.
»Wir kennen uns seit Jahren, und bisher wollte er uns nicht einmal eine Gage bezahlen oder wenigstens Freigetränke spendieren.«
Jetzt verstand ich, worum es ging. Der Besitzer des Métro wollte mit unserer Hilfe kostengünstig seinen Laden füllen. Fabien erzählte mir später:
»Der zahlt Musikern äußerst ungern eine Gage. Er ist der Meinung, dass wir froh sein können, bei ihm auftreten zu dürfen. Das haben wir aber nicht nötig Michelle.«
Fabien ging es also nur indirekt um das Geld: Er wollte sich schlicht und ergreifend nicht ausnutzen lassen.
Im Métro redete Fabien mir noch gut zu:
»Gedulde dich Michelle. Ich weiß, wer heute Abend noch unter den Zuschauern war, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir heute nicht noch ein weiteres Angebot bekommen würden.«
Mir wurde bei diesen Worten ganz heiß.
»Habe ich dich richtig verstanden?«
Es klang für mich, als wollte er weiterhin mit mir auftreten. Sollte mein Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen? Meine Aussage veranlasste ihn wohl zu dieser nicht ganz ernst gemeinten Frage.
»Willst du denn überhaupt noch einmal mit mir zusammen auftreten?«
»Ich fand es ganz nett heute«, erwiderte ich. Das war aber die Untertreibung des Jahres.
»›Ganz nett‹ ist die kleine Schwester von öde und langweilig.«
Aus Angst, mit meiner Tiefstapelei möglicherweise einen falschen Eindruck erweckt zu haben, sagte ich schnell:
»Unbedingt will ich wieder mit dir auftreten!«
Fabien freute sich sichtlich über meine Antwort und meinte dann:
»Wir müssen nur abwarten. Nach diesem Abend können wir uns aussuchen, in welchem Laden wir auftreten wollen.«
Er war begeistert von meiner Performanz, meiner Stimme, der Sicherheit und Natürlichkeit, die ich auf der Bühne ausgestrahlt hätte. Ich hätte pure Energie versprüht.
Ich selbst hatte das nicht bemerkt, so sehr war ich während unseres Auftritts in meiner Welt gefangen. Neben mir hätte eine Bombe einschlagen können, ohne dass ich es mitbekommen hätte.
Während dieses Gesprächs fiel mir zum ersten Mal dieses Funkeln in seinen Augen auf, das er vorher nie gehabt hatte. Ich wünschte mir damals so sehr, dass es ein Ausdruck seiner Gefühle für mich wäre, doch es war lediglich ein Zeichen seiner Anerkennung und Faszination.
Genau wie von Fabien beobachtet, war der Veranstalter vom Le JAM unter den Gästen gewesen. Man darf es nun nicht überbewerten. Veranstalter sehen sich oft und viele Bands an.
Wie Fabien mir erklärte, ist das Le JAM ebenfalls ein kleiner, gemütlicher Laden. Im Gegensatz zum Métro treten dort aber keine Hobbymusiker auf und es darf nicht jeder auf die Bühne. »Das Le JAM ist ein über die Grenzen von Marseille hinaus bekannter Jazzclub mit guter Reputation. Es wäre eine große Ehre für uns, dort auftreten zu dürfen, und für mich persönlich würde damit ein kleiner Traum in Erfüllung gehen.«
Fabien war schon oft im Le JAM zu Gast gewesen und hatte dort seinen Idolen beim Spielen zugehört.
Es muss gegen 00:30 Uhr gewesen sein – die meisten Gäste waren an diesem Mittwochabend bereits nach Hause gegangen –als Fabien von einem Mann angesprochen wurde. Sein Gegenüber war, genau wie die übrigen Besucher, von der Vorführung begeistert.
Ich fragte mich, warum Fabien auf einmal so förmlich tat. Kurz zuvor hatte er noch locker und lässig mit mir herumgealbert. Jetzt saß er ohne mich, mit geradem Rücken und ernstem Blick an einem der Tische und unterhielt sich mit dem Mann. Plötzlich sah er mich an und zwinkerte mir zu. Was wollte er mir damit sagen? Ich zuckte die Schultern, da ich nicht verstand, was er meinte. Er zog daraufhin die Augenbrauen hoch, lächelte und machte mit der Hand eine abwartende Geste. Ich verstand noch immer nicht. Hatte er vielleicht etwas viel getrunken? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Wir waren schließlich mit seinem Auto gefahren. So wie ich ihn kennengelernt hatte, hätte er sich nicht angetrunken hinters Steuer gesetzt.
Ich musste mich noch eine ganze Weile gedulden, ehe die Männer sich die Hand gaben und aufstanden. Fabien kam mit einem breiten Grinsen auf mich zu. Ich fand, dass er mich lange genug auf die Folter gespannt hatte, und fragte daher geradeheraus, was los sei.
»Das errätst du nie«, antwortete er.
»Wie sollte ich auch? Ich weiß doch gar nicht, worum es ging.«
In solchen Fällen hatte ich mir angewöhnt, mit einem lockeren Spruch zu reagieren.
»Der Osterhase hat dich in diesem Jahr vergessen und du hast soeben erfahren, dass er im nächsten Jahr zwei extra Eier für dich verstecken wird?«
Damit hatte Fabien offensichtlich nicht gerechnet. Der Alkohol hatte aus mir gesprochen. War meine Antwort zu vulgär gewesen? So kannte er mich nicht. Ich wollte im Boden versinken.
Nach kurzem erstaunten Schweigen erwiderte er:
»Ich gebe dir gleich was vom Osterhasen, wenn du weiter so frech bist.«
War das der Hauch eines Flirts? Fabien meinte es jedenfalls nicht ernst, da er lachen musste. Ob er mich jetzt ärgern wollte, indem er weiterhin verschwieg, um was es in dem Gespräch gegangen war? Ich würde auf keinen Fall nachfragen, egal wie neugierig ich auch war.
Fabien schien mir mein Dilemma an der Nasenspitze anzusehen und die Lage zu genießen. Während wir einander gegenübersaßen und vermeintlich seinem Freund zuhörten, der von einem Auslandsaufenthalt erzählte, hatte ich nur Augen für Fabien. Er schaute mich ab und zu an und lächelte, bevor er einen weiteren Schluck alkoholfreies Bier nahm, und seine Aufmerksamkeit wieder dem Gespräch zuwandte. Es war nahezu unerträglich für mich, ihn zu beobachten, und dennoch konnte ich es nicht sein lassen.
Meine Stimmung verdüsterte sich zusehends, während ich weiterhin auf Aufklärung wartete. So ein Arsch, dachte ich irgendwann. Wie er sich da hinsetzen konnte und mich einfach zappeln ließ … Ich war kurz davor, wirklich sauer zu werden, als er aufstand, meine Hand nahm und mit mir zur Bar ging. Ich liebe die Erinnerung an diesen Moment – wie er mit mir an seiner Hand durch den Laden ging und jeder sah … na ja, was hatte jeder gesehen? Dass wir Händchen hielten? Wohl eher nicht. Alle verbliebenen Gäste waren Freunde oder Bekannte von Fabien und wussten daher, dass ich nicht seine Freundin war. Dennoch war dieser Augenblick für mich sehr schön.
»Was möchtest du trinken«, fragte Fabien mich.
»Ich würde noch so einen Sex on the Beach nehmen, oder was war das für ein Cocktail?«
Ich nehme an, den Standardspruch zu dieser Bestellung kann sich jede Frau denken. Fabien jedenfalls konnte nicht widerstehen, woraufhin mir ein »Jetzt gleich?« herausrutschte. Etwas irritiert sah er mich daraufhin an und wusste offensichtlich nicht ganz mit meiner forschen Antwort umzugehen.
Aus Angst vor der eigenen Courage suchte ich fieberhaft nach einem Weg, um aus diesem Fettnäpfchen wieder herauszukommen. Ich glaubte, ein Knistern zwischen uns zu spüren, hatte aber Angst, daraus ein Feuer zu entfachen. Schließlich sagte ich:
»Der Strand ist ja zumindest nicht weit weg von hier.«
Fabien entschärfte die Situation, indem er wie beiläufig erwähnte, dass der Veranstalter des Le JAM ihm ein Angebot gemacht hätte. Wir sollten dort an einem Wochenende pro Monat auftreten, und zwar bezahlt.
Der Hammer, ein festes Engagement!
»Hast du zugesagt«, wollte ich von ihm wissen.
»Noch nicht«, erwiderte Fabien. »Ich wollte erst mit dir sprechen. Wie kann ich etwas in unserem Namen zusagen, ohne mich vorher mit dir abgestimmt zu haben.«
Das alles klang in meinen Ohren zu gut. Wir zusammen, regelmäßig, als Muse de Jazz im Le JAM. Da musste Fabien mich nicht fragen.
»Kommt es für dich infrage, dass wir auch weiterhin zusammen auftreten?«
Was für eine Frage.
»Selbstverständlich!«
An diesen berührenden Augenblick kann ich mich noch ganz genau erinnern. Mir wird beim Gedanken daran noch heute warm ums Herz.
Nach dieser famosen Neuigkeit wollte ich feiern, schreien und tanzen, doch der Besitzer des Métro hatte seinen Thekenkräften schon vor gut einer halben Stunde gesagt, dass sie nichts mehr ausschenken sollten. Sie hatten bei uns gerade noch eine Ausnahme gemacht, wiesen uns aber jetzt darauf hin, dass sie in Kürze schließen würden. So schade ich das fand, so wenig konnte es mir den Abend verderben. Ich schwamm auf einer Welle aus Endorphinen und spürte das Glück bis in die Haarspitzen.
Ich kann nicht genau sagen, wie Fabien und ich nach Verlassen des Clubs am Strand gelandet waren. Wir liefen am Wasser entlang und ich spürte den warmen Sand zwischen meinen Zehen. Von Zeit zu Zeit kamen uns einzelne Jogger entgegen. Wir gingen so lange, bis wir an einem Abschnitt ankamen, an dem uns niemand mehr stören würde.
Das kühle Wasser überspülte unsere Füße. Im Bereich der Brandung war der Boden angenehm frisch. Je weiter wir uns den Dünen näherten, umso weicher und heißer wurde der Sand. Wir gingen an den Dünen entlang und kamen zu einer hohen, dunklen Felswand. Diese Steilküste war mir gar nicht bekannt gewesen. Hier sah es aus wie auf einer Vulkaninsel: schwarzer, von der Sonne aufgeheizter Basaltstein, weißer Strand. Das Meer rauschte und Möwen waren zu hören. Oberhalb der Felswand mussten einige Ziegen grasen. Die kleinen Glocken, die sie um den Hals trugen, schallten bis an den Strand.
Fabien und ich setzten uns. Die Sonne brannte. Ich zog Hose und Bluse aus und legte mich in den Sand. Als ich die Augen wieder öffnete, erblickte ich weder die Felswand noch das Meer. Rund um mich herum war nur Sand zu sehen, und ich lag in einer Senke. Fabien musste einen Wall um mich herum errichtet haben, während ich schlief. Die Temperatur in der kreisrunden Sandburg war sehr angenehm.
Als ich Fabien fragte, wie er den Wall so schnell errichtet und warum ich nichts davon bemerkt habe, antwortete er nicht, sondern durchbrach die Mauer aus Sand, um mich zu befreien. Er nahm meine Hand und wir liefen zum Wasser. Außerhalb der Burg war es viel heißer als im Inneren, doch das Meer würde uns Kühlung verschaffen. Wir rannten der Brandung entgegen. Die Wellen waren groß, als wir hineinsprangen.
Ich schmeckte Salz auf meinen Lippen und roch die Brise des Meeres. Die See wurde ruhiger, und es war keine Wolke am Himmel zu sehen. Fabien und ich schwammen auf den Horizont zu, entfernten uns aber nicht von der Küste. Als wir innehielten, konnte ich auf den Meeresgrund stehen. Das Wasser reichte mir nur bis kurz über die Brust.
Fabien bewegte sich durch das Wasser zu mir und strich durch meine Haare. Ich legte meine Hände auf seine Hüften, während seine Arme auf meinen Schultern ruhten. Wir sahen uns tief in die Augen, ein Moment der absoluten Stille. Dann drehte er sich um, tauchte ab und nahm mich auf seine Schultern. Das Wasser lief an meinem Körper herunter. Sofort spürte ich die Sonne auf meiner Haut. Seine Haare lagen an meinem Bauch und etwas kitzelte mich leicht zwischen den Beinen. Es war sein Dreitagebart, der die Innenseite meiner Schenkel berührte. Fabien hielt mich fest und legte die Hände auf meine Beine.
Sicher gehalten von Fabien, breitete ich die Arme aus, und ein warmer Lufthauch umgab meinen Brustkorb. Dann sah ich ihn: Einen kräftigen, stolzen, schwarz-braunen Ziegenbock mit langem Brusthaar, der auf der Klippe stand, und uns zu beobachten schien. Er hatte mächtige Hörner, einen gewaltigen Bart und präsentierte sich so stolz und selbstsicher wie ein andalusischer Kampfstier. Er schien keine Angst vor uns zu haben. Wollte er uns vertreiben oder uns imponieren? Waren wir in sein Revier eingedrungen oder wollte er uns unterbrechen? Er wiegte den Kopf, scharte mit den Hufen und stieg auf wie ein Hengst bei der Levade. Es war imposant, wie er auf seinen Hinterbeinen stand.
Auf einmal fühlte ich mich unwohl. Mit seinen kolossalen Hörnern und so auf zwei Beinen stehend, erinnerte mich das Tier an einen leibhaftigen Mephisto. Doch als ich Fabien auf den Ziegenbock aufmerksam machte und zur Klippe deutete, war er verschwunden. Wie konnte das sein? Ich hatte mir das Tier doch nicht eingebildet …
Ich fragte Fabien: »Hast du den Ziegenbock gesehen?«
Er verneinte. »Ich habe nichts vernommen.«
Also hatte ich es mir nur eingebildet? Was war los? Hatte ich schon einen Sonnenstich und halluzinierte?
»Du brauchst eine Abkühlung«, befand Fabien und ließ mich nach hinten fallen.
Wie in Zeitlupe tauchte ich in das Wasser ein. Ich spürte die Kälte am Rücken und wie das Wasser meinen Körper langsam umschloss. Mein Kopf tauchte unter Wasser. Ich sah die Sonne verschwommen über uns. Etwas hielt mich unter Wasser. Fabien … er küsste mich. Ich öffnete den Mund, und die Süße des Kusses ließ mich das salzige Wasser vergessen.
Fabiens Glied berührte mich und ich begriff, dass wir nackt waren. Wo war meine Kleidung geblieben? Was wäre, wenn jemand meine Hose und Bluse am Strand stehlen würde? Was sollte ich dann anziehen? Wie würde ich nach Hause kommen?
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Fabiens Hand zwischen meine Beine fasste. Wie kam er dazu, mich so vertraut zu berühren? Die Berührung seines Genitals hatte ich als ein Versehen gedeutet. Was würde seine Freundin dazu sagen? War es falsch von mir, es zuzulassen? Würde ich dafür in der Hölle schmoren? Vielleicht war ich ja verdorben, aber das war mir in diesem Moment egal. Ich wollte seine Berührungen und noch viel mehr. Er sollte mich nehmen. Ich wollte eins mit ihm werden, ihn in mir spüren. Ich wollte ihn für mich gewinnen. Ihn verwöhnen, so wie er es noch nie mit einer Frau erlebt hatte. Er sollte mich nie vergessen … und seine Freundin meinetwegen verlassen. Er sollte mein sein, und ich wollte ihn nicht wieder gehen lassen.
Ich sollte Reue fühlen und Gewissensbisse haben, aber da war nichts. War das normal? Ich hatte kein Schuldbewusstsein.
Ich legte meine Hände an Fabiens Hals und die Daumen auf sein Kinn. Wir durchbrachen die Wasseroberfläche. Es spritzte, und eine kreisrunde Welle brandete um uns auf.
Wir lagen in der Brandung und das Wasser umspülte unsere Körper. Der Boden unter uns wurde mit jeder Welle angehäuft und wieder abgetragen. Wir rollten und drehten uns im seichten Wasser. Der Sand klebte an unseren Körpern.
Fabien lag auf mir und küsste meine Schultern. Er strich mit der Hand über meinen Rippenbogen und zog mit dem Finger eine Spur bis unter meine Brüste. Er massierte vorsichtig und zärtlich meine erhärteten Brustwarzen.
Meine Erregung ließ sich nicht verbergen. Mir erschien alles wie im Traum: Blaues Wasser, weißer Sand, strahlender Sonnenschein und der Mann, nach dem ich mich sehnte. Ich wollte ihm Gutes tun und Fabien ein unvergessliches Erlebnis bescheren.
Fabien jedoch ließ nicht zu, dass ich mich aufrichtete. Er hielt mich am Boden. Seine Zunge glitt über meine salzige Haut. Er küsste mich an jeder nur denkbaren Stelle. Er fand erogene Zonen, die ich selbst nicht gekannt hatte. Es kribbelte, und ich war wie elektrisiert. Es blitzte und funkelte um mich herum wie bei einer Wunderkerze. Warum war ich so erregt? Ich stand kurz vor dem Höhepunkt, wollte diesen aber nicht allein erfahren. Wir sollten gemeinsam kommen. Ich stellte es mir wie bei einem gewaltigen Feuerwerk vor. Danach würde für uns eine neue Zeit beginnen.
Ich wollte Fabien bremsen. Das hier war kein Wettrennen, bei dem der Schnellste gewinnt. Wir konnten es genießen und hatten keine Eile. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und drückte ihn vorsichtig nach hinten. Er lag vor mir, gut gebaut und leicht gebräunt. Seine Muskeln waren nicht gestählt wie die eines Bodybuilders, aber durchaus trainiert.
Das Wasser perlte an seiner Brust und seinem Bauch ab. Seine Arme hatte er hinter dem Kopf verschränkt und die Beine übereinandergeschlagen, als wenn er sagen wollte:
»Und jetzt?«
Ich kniete mich neben ihn und ließ einen Finger unter seinem Bauchnabel kreisen. Es erregte ihn sichtbar. Mit der linken Hand griff ich ihm in die Haare und biss in sein Ohrläppchen. Ein tiefer Seufzer. Es verfehlte seine Wirkung nicht. Fabien legte die rechten Hand auf meinen Oberschenkel, die linke ganz nah an seinen Körper. Ich streichelte sein bestes Stück mit Daumen und Mittelfinger. Seine Bauchmuskeln fingen an zu zucken. Ich küsste seinen Oberkörper und nahm seine Brustwarzen zwischen die Zähne, während ich diese mit der Zunge liebkoste.
Vorsichtig begann ich, ihn intim mit der Hand zu massieren. Sanft und besonnen umschlossen meine Finger sein Glied. Ich wollte die dominante Stellung auskosten, ihn in meinen Fängen wissen. Er sollte sich mir hingeben – ich wollte ihn kontrollieren und lenken.
Seine Hüften bewegten sich im von mir vorgegebenen Rhythmus. Ich löste meine linke Hand und zeigte ihm, was eine liebevolle Handmassage ist. Es erregte mich, seine Eichel zwischen meinen Fingern zu sehen, und ich wollte sie küssen. Ich wollte meine weichen Lippen über ihn gleiten lassen und seinen Eichelkranz mit dem Mund umklammern. Ich wollte ihn lecken und verwöhnen.
Ich war so versunken in mein Tun, dass ich nicht bemerkt hatte, wie Fabien seine Hand von meinem Oberschenkel nahm. Daher erschrak ich, als mich plötzlich etwas zwischen den Beinen berührte. Es würde mich verraten. Es konnte nicht vom Wasser sein, es kam von innen und zeigte mein Verlangen. Ich war feucht geworden. Nein, ich hätte zerfließen können vor Erregung.
Da war sie hin, meine Macht, meine Kontrolle. Er hatte ein leichtes Spiel mit mir. Ich konnte gar nichts dagegen tun, und er musste sich nicht einmal anstrengen. Sein Finger glitt wie von selbst in mich hinein.
Ich hatte ihn noch in meinem Mund und musste mich zusammenreißen, um nicht zuzubeißen. Unbewusst musste ich tief eingeatmet und die Wangen dabei zusammengezogen haben, denn er gab ein tiefes »Mhmmm« von sich. Fast zeitgleich spürte ich, wie er meine Vagina an mehreren Orten gleichzeitig massierte. Er musste einen zweiten Finger in mir haben.
Er legte seinen Daumen auf meine Klitoris, übte einen leichten Druck aus und vollführte gleichmäßige, sich in ihrem Tempo steigernde Bewegungen, wodurch er mich dem Höhepunkt näher brachte.
Ich setzte mich so auf Fabien, dass ich ihm den Rücken zuwandte. Denn ich wollte nicht, dass er mich mit der Hand zum Orgasmus brachte. Ich legte meinen Kopf auf seinen Bauch. Er sollte mich lecken. Voller Hingabe verwöhnte er meine kleine Freundin. Feinfühlig, mit viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen, wie ich es eher von einer Frau erwartet hätte. Bei den meisten Männern artet Oralverkehr zu einem Schlabbern und Schlecken, wie bei einer Tüte Eis aus – nicht so bei Fabien. Er stellte mich in den Mittelpunkt und schenkte mir seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Es schien nichts anderes für ihn zu geben. Er musste es lieben. Wie sonst könnte er so engagiert bei der Sache sein. Ich schwelgte in meiner Leidenschaft und war so sensibilisiert, dass jede seiner Interaktionen zu einer unmittelbaren Explosion hätten führen können. Mit aller Macht stemmte ich mich dem Erreichen des Höhepunkts entgegen, um seine Liebkosungen noch länger genießen zu können.
Nie wieder wurde meine Perle so von einer Zunge bespielt. Er küsste und kitzelte an ihr, als wenn es seine liebste Beschäftigung wäre. So intensiv, vielversprechend und abwechslungsreich. Nebenbei fing er an, mich zu verzaubern. Seine Finger massierten mein Inneres derart liebevoll, als würde ich es selber tun. Seine Finger und Hände glitten an meine Lippen entlang. Er knetete meinen Hintern mit seinen großen, kräftigen Händen. Ich war wie erschlagen und wollte mich ihm ergeben, ihn endlich in mir spüren und zusammen mit ihm kommen.
Unsere glücksbringende Vereinigung stand kurz vor ihrem Höhepunkt, es konnte nicht mehr weit sein. Während der ganzen Zeit, in der Fabien mich verwöhnte und dem erlösenden Orgasmus immer näher brachte, hatte ich sein Prachtexemplar vor mir, hielt es fest und küsste es unentwegt. Er war groß und hart, bereit, den finalen Akt zu vollziehen. Ich wollte Fabien nicht unterbrechen, musste es aber. Wollten wir gemeinsam kommen, dann musste er nun in mich eindringen. Ich konnte mich nicht länger beherrschen und wollte seinen Erguss in mir wissen – nicht, um Kinder mit ihm zu bekommen, sondern weil dies in meinen Augen der innigste, verbindendste Moment des Geschlechtsaktes war.
Ich glitt von Fabien herunter und legte mich auf den Rücken. Ich wollte es ganz traditionell mit ihm erleben. Fabien beugte sich über mich, drückte meine Beine auseinander und hielt sein Glied an meine Schamlippen …
Ich musste etwas ins Auge bekommen haben, denn auf einmal sah ich Fabien ganz verschwommen. Sicher war es nur etwas Sand. Zum Glück brannte es nicht. Plötzlich kitzelten mich Haare am Mund. Wie konnte das sein? Fabien hatte doch kurzes, nasses Haar. Wie konnte es mir in das Gesicht hängen … Schon wieder. Ich strich mir über den Mund und endlich war das Gefühl verschwunden.
Aus einem mir unerfindlichen Grund machte Fabien nicht weiter. Warum drang er nicht in mich ein? War ich nicht mehr feucht genug? Ich frage ihn, warum er nicht weiter mache, doch er antwortete nicht. Ungeduldig griff ich nach seiner Hüfte.
Da war es schon wieder. Ich versuchte, die Haare aus meinem Gesicht zu pusten, doch das Kitzeln hörte nicht auf. Plötzlich hörte ich ein leises Mauzen. Ich drehte den Kopf und suchte die Katze. Nichts zu sehen. Ich wandte mich wieder Fabien zu, doch der war verschwunden. Da miaute es schon wieder, und ein buschiges, haariges Etwas fuhr mir durchs Gesicht. Bitte nicht!
Ich suchte nach Fabien und befürchtete das Schlimmste. War es nur ein Traum gewesen? Wo war er geblieben? Die Sonne, der Strand, das Meer, alles verschwand im grauen Schleier des Erwachens.
Kasimir saß neben mir im Bett und wollte gefüttert werden. Was für ein Horror … ich hatte alles nur geträumt. Alleine erwachte ich in meiner kleinen Marseiller Wohnung. Oder war es doch besser so? Was hätte es zwischen uns ausgelöst?
Eigentlich hätte es mir klar sein müssen, dass es nur ein Traum war. Fabien hätte niemals ein so göttlich vollkommener Liebhaber sein können. Nur im Traum sind Dinge perfekt. Es war zu schön, um der Realität zu entsprechen.
Als ich mich berührte, und meine Hand zwischen meine Schenkel glitt, merkte ich, dass ich noch feucht war. Sollte ich die Fantasie weiterspielen und mich selbst befriedigen? Ich streichelte meine Brüste und glitt mit der Hand in mein Höschen. Kasimir war allerdings sehr penetrant. Er ließ nicht locker und schaffte es, mir die Stimmung zu verderben.
Wenn dieser Kater nicht das bekam, was er wollte, wurde er echt nervig. Er ließ mich einfach nicht in Ruhe, auch nachdem ich ihn mehrmals vom Bett geschubst hatte. Dabei wusste er ganz genau, dass er im Schlafzimmer nichts zu suchen hatte.
Manchmal bereute ich es, eine Katze bei mir aufgenommen zu haben. Ich hätte doch lieber einem Hund ein gutes Zuhause geben sollen … Das war natürlich Unsinn. In meiner Situation, als alleinstehende junge Frau hätte ich einem Hund nie das bieten können, was er brauchte, und eigentlich liebte ich Kasimir auch viel zu sehr, als dass ich ihn hätte wegwünschen wollen. Er war einfach von Zeit zu Zeit sehr eigensinnig und dominant, was ich im Grunde ja an ihm liebte.
Der kleine Prinz hatte es also geschafft, mir meinen Traum zu verderben und sich selbst zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen. Darin war er wirklich gut: Entweder bekam man nichts von ihm mit oder er war der Star der Show. Einen Mittelweg kannte er nicht. Kasimir konnte kein kleiner, niedlicher Kater sein, mit dem man spielen und schmusen wollte. Er war grundsätzlich der, der bestimmen musste, wo es langging. Wenn ich mit ihm spielen wollte, interessierte er sich kein Stück für mich und ließ sich weder mit Federstöcken noch kleinen Angeln oder Puschelmäusen animieren. Meinte Kasimir aber, ich müsste jetzt mit ihm spielen, ließ er nicht locker. Er war wirklich schwer zu verstehen. Der schöne, große Katzenbaum, den ich für ihn gekauft hatte, stand unbenutzt in der Ecke. Seinen Platz auf der Fensterbank hingegen wollte er für nichts auf der Welt aufgeben. Ich hatte bereits kapituliert und verzichtete darauf, Blumen oder andere Pflanzen ans Fenster zu stellen. Kasimir schmiss sie immer wieder auf den Boden. Er duldete nicht, dass etwas seinen Platz mit der famosen Aussicht in Beschlag nahm. Dort sonnte er sich stundenlang und sah dabei manchmal aus wie ein Stofftier.
Nachdem Kasimir sein Futter bekommen hatte und das morgendliche Geschäft erledigt war, kam er zu mir und wollte kuscheln. Das passierte selten bei ihm. Er merkte wohl, dass er etwas wiedergutzumachen hatte. Im Grunde passten wir beide ganz gut zusammen. Wir waren manchmal eigensinnig und teils schwer zu verstehen.
Ich zog eine Jogginghose an und kochte mir einen Kaffee. Gestern Abend war es spät geworden, und ich hatte glatt verschlafen. Es war schon fast 11:00 Uhr.
Der Kaffee war noch zu heiß zum Trinken. Ich setzte mich in die Küche und wartete, dass er abkühlte. Kasimir sprang mir immer wieder auf den Schoss und wollte gekrault werden. Ich war aber noch nicht wirklich wach und hatte keine Lust, mich mit ihm zu beschäftigen. Ich setzte ihn auf den Boden, nahm meine Tasse und zog die Knie ans Kinn. Die Beine angewinkelt, mit den Füßen auf der Stuhlkante, schaute ich aus dem Fenster und merkte, wie mein Blick den Fokus verlor.
Da fiel es mir wieder ein, an dem Morgen hätte ich eine Vorlesung besuchen müssen. Ich überlegte, ob ich es noch rechtzeitig schaffen würde. Die Lesung sollte um 11:30 Uhr beginnen. Mir blieben knapp 30 Minuten, in denen ich duschen, packen und zur Uni kommen müsste. Unmöglich, es war den Versuch nicht wert. Ich nahm mein Telefon und guckte, ob Nachrichten eingegangen waren. Nur eine, von Freddy, meinem schwulen besten Freund aus Jugendzeiten. Er hatte bei unserem Auftritt am Abend zuvor nicht dabei sein können, weil er arbeiten musste. Nun wollte er wissen, wie das Konzert gewesen war.
Natürlich wusste Freddy, wie aufgeregt ich vor dem Auftritt war, schließlich sprachen wir über alles und jeden. Er war wie eine beste Freundin. Besonders schön war es, mit ihm über Männer zu sprechen. Er teilte meinen Geschmack, und so war es immer recht lustig, wenn wir unterwegs waren. Wenn er jemanden ansprach, hoffte ich stets, dass sein Gegenüber hetero wäre. Genauso erging es ihm. Er hoffte immer, dass mal einer der Männer nicht auf Frauen stand.
»Wie war es gestern Abend? Bist du später zuhause?«
Wollte Freddy wissen. Das war ich.
»Komm einfach vorbei«.
Wir verabredeten uns für den frühen Nachmittag. Ich hatte also noch etwas Zeit, was gut war, denn ich hasste es, am Morgen in Hektik zu verfallen. Ich wollte noch etwas schreiben. Meine kreativen Gedanken und Ideen wurden durch Stress oder Hetze gehemmt. Wenn ich Termine oder Probleme im Kopf hatte, konnte ich nicht klar denken und brachte kein Wort zu Papier …
Hatte ich das überhaupt schon erwähnt? Ich glaube nicht. Ich habe mein Studium durch das Schreiben von Groschenroman finanziert. Manch einer mag darüber lachen, aber romantische Kurzgeschichten zu schreiben, fiel mir leicht. Sechzig bis siebzig Seiten konnte ich in ein bis zwei Wochen schreiben. Ich hatte schon immer einen richtigen Roman schreiben wollen, doch bisher noch keine Gelegenheit dazu gehabt.
Um kurz vor 12:00 Uhr klingelte mein Telefon. Es war Fabien. Irgendwie ein seltsames Gefühl – der Traum war noch nicht aus meinem Kopf verschwunden, und jetzt rief er an.
Fabien erklärte mir, dass der Veranstalter des Le JAM uns schon in eineinhalb Wochen buchen wollte, weil ihm eine Band abgesprungen war.
»Zehn Tage bedeuteten sehr wenig Raum für ein ordentliches Programm oder? Das sollten wir aber dennoch hinbekommen, oder was meinst du?«
Ich wollte das Booking im Le JAM aber Fabien fragte mich:
»Wie ist das denn mit deinem Studium? Bekommst du die Proben mit deinen Vorlesungen und Hausarbeiten unter einen Hut? Bist du dir sicher, dass du das alles schaffst?«.
Das würde in der Tat schwierig werden. Ich hatte noch mehrere Arbeiten zu schreiben und einen Abgabetermin für die kommende Novelle. Mein Verlag war nie erfreut, wenn ich in Verzug geriet, und machte mir bereits jetzt Druck. Finanziell könnte ich es mir jedoch leisten, das Buch später fertigzustellen. Die letzten Monate waren gut gelaufen und ich hatte genug Geld auf die Seite legen können. Außerdem hatten wir noch gar nicht über die Gage im Le JAM gesprochen.
»Fünfzig bis hundert Euro sollten dabei doch herumkommen, oder?«
»Wir bekommen anfangs pro Auftritt 300,00 Euro. Das ist nicht die Welt, aber ich denke, wir sollten es nicht nur aus der finanziellen Perspektive sehen. Im Le JAM verkehren viele wichtige Menschen. Mit etwas Glück bekommen wir dort weitere Angebote.«
»Nicht die Welt?«
Ich fand 150,00 Euro pro Person schon sehr gut – insbesondere dafür, dass ich einem Hobby frönen und mit Fabien zusammen sein durfte. Was wollte ich mehr?
Wir beschlossen, in den kommenden zehn Tagen jeden Abend zu proben. Wir mussten eine Neunzig-Minuten-Show auf die Beine stellen. Dazu musste ich meine Stimme trainieren und zugleich schonen. Ich hatte schon nach gestern Abend gemerkt, dass sie leicht angeschlagen war und wachte etwas heiser auf. Ich durfte nicht mit zu viel Energie in manche Passagen gehen, sondern musste Ressourcen für die Solo-Parts sparen. Wenn ich als Fabiens Begleitung sang, musste ich nicht die gesamte Bandbreite abdecken und konnte mich, bildlich gesprochen, ein Stück hinter dem Klavier verstecken.
