The Frost Files - Letzte Hoffnung - Jackson Ford - E-Book

The Frost Files - Letzte Hoffnung E-Book

Jackson Ford

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Beschreibung

Rasante Action & paranormale Fähigkeiten: raffiniert konstruierte Urban-Fantasy mit einer richtig coolen Super-Heldin! Teagan Frost ist wirklich nicht leichtsinnig: Wenn man über psychokinetische Fähigkeiten verfügt, ist es schließlich keine große Sache, ungesichert von einem Hochhaus zu springen. Ihre psychokinetischen Fähigkeiten machen Teagan Frost zum wertvollsten Mitglied einer geheimen Einsatztruppe der US-Regierung. Zusammen mit Hackerin Reggie, Organisations-Genie Paul, der bestens vernetzten Annie und Carlos, der alles fahren kann, was Räder hat, kommt sie immer dann zum Einsatz, wenn FBI und NSA nicht mehr weiter wissen. Doch als nach einem ihrer Einsätze in Los Angeles der Chef einer global agierenden Textilfirma ermordet aufgefunden wird – erdrosselt mit einer Stahlstange als wäre es nur ein dünner Draht –, wird Teagan Frost über Nacht zur gesuchten Mörderin. Selbst ihr eigenes Team zweifelt an Teagans Unschuld, obwohl ihre Kräfte für eine solche Tat nicht annähernd ausreichen. Nur wer verfügt dann über derart starke paranormale Fähigkeiten? Als ein weiteres Mordopfer auftaucht, beginnt für Teagan Frost und ihr Team eine halsbrecherische Jagd quer durch Los Angeles. Jackson Fords actionreicher Urban-Fantasy-Roman punktet mit hohem Tempo, überraschenden Wendungen und einer Mischung aus politischen Verwicklungen und persönlicher Rache-Story.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jackson Ford

The Frost Files - Letzte Hoffnung

Aus dem Englischen von Christoph Hardebusch

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Teagan Frost ist wirklich nicht leichtsinnig: Wenn man über psychokinetische Fähigkeiten verfügt, ist es schließlich keine große Sache, ungesichert von einem Hochhaus zu springen.

Ihre psychokinetischen Fähigkeiten machen Teagan Frost zum wertvollsten Mitglied einer geheimen Einsatztruppe der US-Regierung. Zusammen mit Hackerin Reggie, Organisations-Genie Paul, der bestens vernetzten Annie und Carlos, der alles fahren kann, was Räder hat, kommt sie immer dann zum Einsatz, wenn FBI und NSA nicht mehr weiter wissen.

Doch als nach einem ihrer Einsätze in Los Angeles der Chef einer global agierenden Textilfirma ermordet aufgefunden wird – erdrosselt mit einer Stahlstange als wäre es nur ein dünner Draht –, wird Teagan Frost über Nacht zur gesuchten Mörderin. Selbst ihr eigenes Team zweifelt an Teagans Unschuld, obwohl ihre Kräfte für eine solche Tat nicht annähernd ausreichen. Nur wer verfügt dann über derart starke paranormale Fähigkeiten? Als ein weiteres Mordopfer auftaucht, beginnt für Teagan Frost und ihr Team eine halsbrecherische Jagd quer durch Los Angeles.

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

Danksagung

1. Kapitel

Teagan

Im Nachhinein ist es vielleicht nicht die beste Idee, aus dem Fenster eines Wolkenkratzers zu springen.

Nicht weil ich sterben würde oder so. Das habe ich total unter Kontrolle.

Es war nicht so clever, weil ich Annie Cruz mitnehmen musste. Und wie sich herausstellt, ist Annie sehr laut.

»Teagan«, brüllt sie. Ihre Fäuste hämmern auf meinen Rücken, aber ich kann sie durch das Rauschen der Luft kaum hören. »Teagan!«

Ich weiß nicht, weshalb sie sich solche Sorgen macht. Mein Tipp: Wenn man aus dem 82sten Stockwerk springt, dann sollte eine Psychokinetin deine Hand halten. Die Fähigkeit, Dinge nur mit dem Geist zu bewegen, ist in vielen Situationen sehr praktisch.

Zugegeben, diese hier ist schwierig. Nahe der Endgeschwindigkeit, umgeben von einem Wirbelsturm aus Fensterglas, die Lichter von Los Angeles um uns herum rasend und dazu die schreiende Annie und der Gegenwind, der mir die dämliche Clipkrawatte meiner Wachfrau-Verkleidung ins Gesicht schlägt: alles nicht ideal. Aber das ist egal – ich mache das schon.

Tatsächlich kann ich meine Kräfte nicht auf Annies oder meinen Körper anwenden. Organische Materialien wie menschliches Gewebe reagiert nicht auf mich, aber ich habe gerade wirklich keine Zeit, das ausführlicher zu erklären. Dafür kann ich alles Unorganische manipulieren. Mauerwerk, Glas, Metall, die Kühlschranktür, ein Sechserpack Bier, die Fernbedienung des Fernsehers, den Reißverschluss an deiner Hose.

Und Gürtelschnallen.

Ich habe schon einige Erfahrung mit diesem Sachen-mit-meinen-Geist-bewegen-Kram. Schon längst habe ich meinen Geist geöffnet und nach den großen Metallschnallen an unseren Gürteln gegriffen. Morgen werden wir wohl blaue Flecken haben, aber das ist verdammt viel besser, als im Penthouse erschossen oder über die ganze Figueroa Street verteilt zu werden.

Ich festige meinen mentalen Griff um die beiden Gürtelschnallen, dann zwinge ich sie nach oben und nutze meine Kraft, um unseren Sturz auszugleichen. Wir werden langsamer, mein Gürtel enger, die Hüfte schmerzt, weil der Gürtel das Gewicht trägt –

… und sofort reißt.

Okay, gut. Ganz sicher nicht die cleverste Idee.

2. Kapitel

Teagan

Zurückspulen. Zwanzig Minuten vorher.

Wir sind im Untergeschoss des riesigen Edmonds Buildings, unsere Schritte vom dicken Teppich gedämpft. Das Licht ist überraschend verhalten hier unten, fast schon kuschlig, aber das ist egal, denn Annie geht mir tierisch auf die Nerven.

Ich höre gern Musik bei unseren Einsätzen. Das beruhigt mich und hilft mir, mich zu konzentrieren. Ein wenig Rap aus den 90ern – etwas Blackstar, dazu Jurassic-5 oder Outkast. Nichts allzu Aggressives oder auch nur besonders Lautes. Gerade kommt der gute Teil von So Fresh, So Clean, als Annie mir an die Schulter tippt.

»Jo, mach den Scheiß aus. Wir arbeiten.«

Bäh. Ich war so sicher, dass ich den Ohrstöpsel versteckt hatte, das Kabel unter dem gestärkten blauen Mietpolizist-Shirt durch und dann unter meinem Haar verborgen. Ich suche die Lautstärkeneinstellung auf meinem Handy. Sie reagiert, indem sie nach hinten greift und mir den Stöpsel aus dem Ohr reißt.

»Hey!«

»Ich sagte, mach aus, verdammt noch mal.«

»Was? Kein Fan von Outkast? Oder stehst du eher auf ihr frühes Zeug?« Ich halte ihr einen Ohrstöpsel hin. »Ich teile gern. Willst du links oder rechts?«

»Süß. Weg damit.«

Wir gehen um die Ecke und auf eine große Doppeltür am hinteren Ende zu. Mein Kragen sitzt zu eng. Ich ziehe daran, zucke zusammen, aber er gibt kaum nach. Annie und ich sehen gleich aus: blaue Hemden, schwarze Clipkrawatten, schwarze Hosen und gesteppte Jacken in einem sehr billigen Marineblau, dazu riesige Gürtel mit fetten Metallschnallen.

Die Uniformen hat Paul für uns ausgesucht.

Ich habe versucht, ihm begreiflich zu machen, dass Annie vielleicht als Wachfrau durchgehen kann, aber niemand glauben würde, dass das Edmonds Building eine kleine, nicht besonders fitte Frau mit stachligem schwarzem Haar einstellen würde, vor allem, wenn ihr Gesicht immer noch dazu führt, jedes Mal im Schnapsladen nach dem Ausweis gefragt zu werden. Obwohl ich mir schon seit einem Jahr Alkohol kaufen darf wie ein großes Mädchen.

Annie und ich könnten nicht unterschiedlicher aussehen. Kennst du diese Sorte Rausschmeißer mit den dicken Muskeln und von oben bis unten tätowiert? Mit denen sich trotzdem Leute anlegen, Flaschen zerschlagen und Streit suchen? Annie ist wie dieser eine Rausschmeißer in der Ecke, nur ganz ohne Tätowierungen, mit verschränkten Armen und einem Blick, der Milch sauer werden lässt. Der, mit dem sich niemand anlegt, weil der letzte Idiot, der das gemacht hat, über die halbe Stadt verteilt wurde. Wir sind bei Musik wohl nicht auf einer Ebene – oder generell nicht, weil sie größer ist als ich –, aber ich bin dennoch sehr froh, dass wir ein Team sind.

Mein Knopf im Ohr zirpt – der andere, der schwarze, rechts.

»Annie, Teagan«, meldet sich Paul. »Bitte kommen, over.«

»Wir sind fast im Serverraum«, erwidert Annie. Sie wirft noch einen angewiderten Blick auf meinen herabhängenden Ohrstöpsel.

Stille.

Keine Antwort.

»Bist du da?«, fragt Annie.

»Entschuldige, ich habe darauf gewartet, dass du over sagst. Dachte, du wärst noch nicht fertig. Over.«

»Echt?«, entfährt es mir. »Wir benutzen immer noch dieses Funksprech?«

»Es ist kein Sprech. Es ist Vorschrift. Ich wollte euch nur vorwarnen – Reggie hat den Alarm im zweiten Stock ausgelöst. Der Keller sollte frei von Personal sein.« Eine Pause. »Over.«

»Jo, verstanden«, erwidert Annie. Sie hat weitaus mehr Geduld mit Paul als ich, was ich nicht nachvollziehen kann.

Die Doppeltür sieht aus wie eine Brandschutztür in Mietskasernen. An der rechten Seite ist ein großes Schild angebracht, weiße Buchstaben auf schwarz: Nur autorisiertes Personal. Und an der Wand daneben ist ein biometrisches Schloss.

Annie sieht mich an. »Dein Einsatz.«

Auf meiner Steuererklärung steht, dass ich für eine Firma namens China Shop Movers arbeite. Das behauptet jedenfalls der ganze Papierkram. Aber tatsächlich arbeiten wir für die Regierung – genauer gesagt für eine hochrangige Agentin namens Tanner.

Für manche Missionen benötigt man ein Team Sondereinsatzkräfte und ein Geschwader Apache-Hubschrauber mit wärmesuchenden Raketen. Für andere ist es eher eine Psychokinetin mit einem Unterstützungsteam, das Musik hasst, und die weitaus leiser und dazu schneller ist. Man braucht eine Gruppe Zivilisten, deren Verbindung man jederzeit abstreiten kann, und die Sachen können, an denen selbst Spezialeinheiten verzweifeln würden. Das sind wir. Wir sind schnell, leise, effektiv und tödlich.

Na los: ein Furzwitz. Tanner hat nicht gelacht, als ich ihn gemacht habe.

Die Menschen, die wir ausschalten, sind eine Bedrohung für die nationale Sicherheit. Drogenbarone, Terroristen, Menschenhändler. Wir stürmen nicht mit gezogenen Waffen rein. Das müssen wir auch nicht – dafür haben wir meine Begabung.

Ich habe schon einen Peilsender an einer Limo am LAX Flughafen angebracht, dem breitschultrigen Schergen daneben zuwinkend, während ich direkt hinter seinem Rücken die winzige schwarze Box ins Fahrgestell hochzischen ließ. Ich habe die Waffen der Bösewichte gesichert gelassen, als wir Geiseln ausgelöst haben – und das war echt gut, weil die anfangen wollten zu schießen, kaum dass sie das Geld hatten. Als es nicht klappte, waren sie verdammt überrascht.

Außerdem war ich an ziemlich vielen Einbrüchen beteiligt. Fenster? Autos? Große alte Metalltresore? Kein Problem. Wenn man Sachen mit dem Geist bewegen kann, gibt es nicht viel, mit dem die Welt einen draußen halten kann.

Nehmen wir zum Beispiel das Schloss vor uns.

Man soll den Finger auf das kleine Feld drücken, damit es den Fingerabdruck einlesen kann, dann öffnet es die Tür. Wenn man einbricht, muss man also entweder einen Finger abhacken (ganz schöne Sauerei), jemanden als Geisel nehmen (Sauerei, nervig), es hacken (langweilig, dauert ewig) oder es in die Luft jagen (spaßig, aber irgendwie laut).

Meine Psychokinesität – PK – bringt mit sich, dass ich jeden Gegenstand um mich herum spüren kann: die Textur, das Gewicht, wie er sich zu anderen verhält. Es ist eine durchgehende Flut von Sinneseindrücken. Als ich noch klein war, haben Mom und Dad mich Übungen machen lassen, damit ich mich wirklich nur auf einen Gegenstand konzentrierte – ein Glas, ein Spielzeugauto, ein Stift. Sie ließen mich jeden in qualvoller Detailfreude beschreiben, und es hat lange gedauert, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Jetzt kann ich alle um mich herum wahrnehmen, so wie du die Kleidung spürst, die du trägst. Du weißt, dass sie da ist, du bist dir ihrer bewusst, aber du denkst nicht dauernd an sie.

Wenn ich mich auf ein Objekt konzentriere, wie zum Beispiel auf das Schloss – die Kabel, den Schließmechanismus, die Notbatterie, die einzelnen Schrauben in der Mechanik, die Bolzen –, dann ist es, als würde ich einen Teil von mir selbst darum wickeln, so wie man seine Hand um ein Glas legt. Und dann, wenn ich damit verbunden bin, kann ich es bewegen. Ich muss nicht den Kopf zurückreißen oder meine Hand ausstrecken oder ein Gesicht wie im Film machen. Einmal habe ich es ausprobiert, nur zum Spaß, und mich dabei wie eine Idiotin gefühlt.

Es dauert etwa drei Sekunden, bis ich den Bolzen gefunden habe und ihn zurückschiebe. Der Mechanismus bewegt sich nicht, bis er das richtige Signal vom Fingerabdruckscanner bekommt – oder bis jemand hineingreift und ihn mit dem Geist bewegt. Tatsächlich ist es ein recht gutes Sicherheitssystem. Ich habe schon viel schlimmere gesehen. Aber wer auch immer es konstruiert hat, wusste wohl nicht von der Existenz von Psychokinese, also wird er bald gefeuert werden, nehme ich an.

»Und – das war’s.«

Ich springe wieder auf die Füße, benutze meine PK, um die Klinke runterzudrücken. Ich habe die Tür nicht mal angefasst.

»Hm.« Annie legt den Kopf leicht schief. »Gute Arbeit.«

»War das ein Lob? Annie, geht es dir gut? Stirbst du? Hat der Krebs dein Hirn erreicht?«

»Lass es uns einfach zu Ende bringen.«

Wir sind wegen eines Klamottenmoguls namens Steven Chase auf dieser Mission. Ihm gehört eine Kette von Sportgeschäften der Oberklasse, Ultra, was nur bedeutet, dass es Foot-Locker-Läden ohne die gestreiften Schiedsrichterhemden sind. Wäre das alles, wäre er nie auf dem Radar von China Shop aufgetaucht, aber es sieht so aus, als wäre Mr Chase ein sehr böser Junge gewesen.

Tanner bekam einen Hinweis, dass er Geld seiner eigenen Firma hinterzogen hat. Auch das ist nichts, was uns auf den Plan bringen würde, aber er hat es nicht gerade genutzt, um sich einen dritten Ferrari zu kaufen. Stattdessen hat er das Geld über dunkle Kanäle an einige sehr zwielichtige Typen in der Ukraine und Saudi-Arabien geleitet, und das lässt Regierungsleute wie Tanner nervös werden.

Nun, die US-Regierung könnte ihn durchaus abhören, um das zu bestätigen. Aber selbst wenn man das alles von einem geheimen Gericht absegnen lässt, bleibt noch eine Spur von Dokumenten. Also ist es besser, einen diskreten Anruf in den Büros einer bestimmten Speditionsfirma in Los Angeles zu tätigen, deren Leute sich das mal ansehen können, ohne dass irgendwas schriftlich festgehalten wird.

Und bevor du mich damit volllaberst, dass ich auf der falschen Seite stehe und die Drecksarbeit einer Regierung erledige, die hier die wirklich bösen Jungs sind, dabei ein Dutzend Gesetze breche und generell eine Schachfigur des Staats bin, solltest du wissen, dass ich Beweise gesehen habe für das, was Leute wie Chase tun. Ich habe kein Problem damit, ihren Scheiß anzugehen.

Tatsächlich sind wir nicht mal in der Nähe von Chases Büro. Reggie könnte sich direkt in seinen Computer einhacken, aber das ginge entweder mit roher Gewalt oder mit dem Trick, ihn auf einen Link in einer E-Mail klicken zu lassen. Niemand macht das noch, es sei denn, man verspricht die Erfüllung einer sehr speziellen sexuellen Fantasie. So was herauszufinden, ist mehr Arbeit, als man denkt, und danach hat man monatelang Albträume.

Heute Abend ist Chase in der Stadt unterwegs. Er kam für ein Abendessen hierher oder für eine Preisverleihung oder was immer auch reiche Menschen so tun. Seinen Gewohnheiten nach wird er danach ins Büro kommen. Da sollte er jetzt sein, oben im 30. Stock. Er wird bis zwei, drei Uhr arbeiten, ein paar Stunden schlafen und dann einen frühen Flug zurück nach New York nehmen. Was uns gut in den Kram passt.

Wenn man Zugang zum Glasfasernetz selbst hat – was im Serverraum möglich ist –, kann man so ein spezielles Verbindungsstück, eine Art digitaler Wanze, direkt ans Kabel hängen und einfach alle Daten abgreifen, die da durchgesendet werden. Selbstverständlich ist das alles unschön und kompliziert und bedarf jeder Menge Teile, die sich genau zusammenfügen – es sei denn, ich bin dabei.

Alle Kabel aus allen Stockwerken laufen durch diesen Raum. Der Plan ist, das Kabel von Chase zu finden, die Wanze dranzuhängen und dann alles zu lesen, während wir Mai Tais auf der Terrasse schlürfen. Oder in meinem Fall eher Thai-Essen herunterschlingen und viele, viele Biere in meiner winzigen Wohnung trinken. Wie auch immer.

Vielleicht verschlüsselt Chase seine E-Mails, aber die Verschlüsselung gilt nur für den Inhalt der Mail, nicht für den Absender oder den Betreff. Sollte er irgendjemandem in der Ukraine bei den Saudis was schicken, werden wir das sehen. Das wäre genug für Tanner, um die schweren Geschütze aufzufahren.

Der Serverraum ist sogar dunkler als der Flur. Die Server stehen da wie Monolithen in einem alten Grab, surren tief und leise, kaum wahrnehmbar unter der eiskalten Klimaanlage. Annie hebt das Kinn noch höher, als würde sie schnuppern. Dann deutet sie neben die Tür.

»Warte hier.«

»Ja, Sir, o mächtige Chefin.«

Sie ignoriert mich, ihr Blick fährt über die Computer. Ich habe keine Ahnung, wie sie den richtigen erkennen könnte – das war der Teil der Vorbesprechung, bei der sie mich verloren hatten. Alles, woran ich mich erinnere, ist: Wenn sie es tut, wird sie das Kabel bis zur Wand oder Decke verfolgen. Wir werden eine der Platten abnehmen, und ich werde meine PK dazu benutzen, die Wanze hineinschweben zu lassen und sie am Kabel befestigen. Da kann sie dann die Daten absaugen, fern der Augen der Gebäudetechniker, die sie sonst sicherlich sofort erkennen würden.

Als Annie hinter einigen der Server verschwindet, stecke ich den Ohrstöpsel wieder rein. Ich kann genauso gut ein wenig Musik hören, während –

»Scheiße.«

Es ist nur ein geflüsterter Fluch, aber ich höre ihn doch. Ich gehe zu ihr und finde sie auf einen Kabelsalat starrend, der aus einem der Server hängt. Ein Chaos aus Werkzeugen und losen Enden. Auf einem zugeklappten Laptop liegt ein halb gegessenes Brot, aus dem ein Stück Tomate trieft.

»Soll das so aussehen?«, erkundige ich mich.

Annie ignoriert mich noch immer.

»Paul, wir haben ein Problem. Over.«

»Was ist los? Over.«

»Hier waren Techniker. Heute Morgen sah es anders aus. Sonst hätte Jerian mir das gesagt.«

Jerian – einer aus Annies Armee. Ihr anonymes Netzwerk aus Hausmeistern, Verkäufern, Putzkräften, Sicherheitsleuten, Drogendealern, Nageldesignern, Uber-Fahrern, Köchen, Empfangsleuten und IT-Personal. Annie Cruz hat vielleicht keinen Sinn für guten Hip-Hop, aber sie hat Kontakte über ganz LA verteilt.

»Verstanden, Annie. Kannst du das Verbindungsstück trotzdem anbringen? Over.«

Annie zieht die Brauen zusammen.

»Ja. Aber das wird dauern. Over.«

Hurra!

»Verstanden«, erwidert Paul. »Aber wir können euch von hier aus nur eine gewisse Zeit lang den Rücken freihalten. Beeilt euch. Over.«

Während Annie neben den Kabel in die Hocke geht, verzieht sie das Gesicht. Sie nimmt eins zwischen Daumen und Zeigefinger, betrachtet es, als wäre es irgendwas Ekliges, das sie entsorgen muss. Dann steht sie auf und geht zurück zur Tür des Serverraums.

»Öh. Hallo? Annie?« Ich laufe ihr nach, der Ohrstöpsel tanzt auf meiner Schulter. »Die Kabel sind dahinten.«

»Neuer Plan.« Sie tippt an ihren Ohrstöpsel. »Paul? Sag Reggie, wir müssen auf die Kameras im 30. Stock umschalten. Over.«

»Bitte wiederholen. Over.«

»Wir gehen hoch.«

Pauls Antwort entgeht mir, weil ich Annie hinterherrenne. Gerade als sie durch die Tür geht, hole ich sie ein.

»Willst du mir erklären, warum wir den Plan ändern, oder –«

»Wir können das Teil nicht verstecken, wenn da Leute bei den Kabeln rumschnüffeln.« Sie erreicht den Aufzug, drückt den Knopf. »Wir müssen an die Quelle.«

»Ich dachte, der ganze Umstand findet statt, damit wir nicht in die Nähe dieses Typen müssen. Sollen wir nicht supergeheim und total verstohlen und so ein Scheiß sein?«

»Wir gehen nicht in sein Büro, du Genie. Wir gehen zum Knotenpunkt auf seinem Stockwerk.«

»Zum was bitte?«

»Knotenpunkt. Gibt es auf jeder Etage. Da laufen alle Glasfaserkabel der Büros zusammen. Wir werden das richtige von dort aus viel schneller finden.« Sie nickt in Richtung Serverraum. »Außer du willst da eine Stunde drin warten, während ich mich durch die Kabel wühle.«

Das Innere des Aufzugs ist neu und sauber, mit einem Touchscreen-Display für die Auswahl des Stockwerks. Daneben ist ein Schild angeklebt, auf dem steht, dass die Etagen 50 bis 80 derzeit wegen Renovierungs- und Bauarbeiten gesperrt sind, vielen Dank für Ihr Verständnis, Management. Mir fällt ein, dass ich das gesehen habe, als wir vorgefahren sind: Ein guter Teil des Gebäudes ist von Gerüsten umgeben, mit außen angebrachten Ersatzaufzügen, und dazu ein riesiger Kran auf einem leer stehenden Gelände auf der anderen Straßenseite.

Als sich die Aufzugtüren auf dem 30. Stock öffnen, steht da jemand vor. Einen schrecklichen Moment lang befürchte ich, dass es Steven Chase selbst ist. Aber ich habe Bilder von ihm gesehen, auf denen er wie ein Schauspieler in einem Werbespot für Hämorrhoiden-Creme aussieht – über den Strand rennend, braun gebrannt und glänzend, so froh, dass sein Rektalbereich nicht mehr juckt. Dieser Typ hier – ist das nicht. Ihm steht Anwalt quasi ins Gesicht geschrieben: zweifarbiges Hemd, zweifarbiges Haar, einfarbig orange Haut. Ein Krawattenknoten, so groß wie meine Faust. Vermutlich hat er selbst ein paar Probleme mit Hämorrhoiden.

Er beäugt uns.

»Auf dem Weg runter?«

»Wir steigen hier aus, Sir«, antwortet Annie und tut genau das.

Sein Mund verzieht sich, als er an mir vorbei in den Aufzug steigt und mich ansieht. Vermutlich ist er nicht daran gewöhnt, jemanden meines Alters für die Sicherheit in einem solchen Gebäude arbeiten zu sehen. Ich muss den Wunsch unterdrücken, ihm zuzuzwinkern.

Noch habe ich nicht in die Büros sehen können, aber wer auch immer das hier eingerichtet hat, hatte wohl kein Geld mehr für die Korridore übrig. Auf Brusthöhe verläuft ein Streifen von etwas, das aussieht wie Plastik mit Marmoraufdruck. In der Decke summen fluoreszierende Lampen, und der Boden ist von diesem seltsamen weichen Teppich bedeckt, auf dem man immer Fusseln sieht.

»Meine Güte, wer hat diese Farben ausgesucht?«

Die Wand ist oberhalb des Plastikstreifens in einem Violett gestrichen, das irgendwer vermutlich Management Magie genannt hat.

»Wen interessiert’s?«, schnaubt Annie. »Das verdammte Gebäude sollte gar nicht hier sein.«

Ich seufze. Das schon wieder.

Sie tippt auf den unechten Marmor. »Wusstest du, dass sie eine ganze Reihe historischer Gebäude für das hier abgerissen haben? Sie sind einfach hierhergekommen und haben den Verkauf erzwungen.«

Ich seufze erneut. Annie hatte schon immer ein Faible für die Geschichte der Stadt. »Jo, ich weiß. Hast du mir schon mal erzählt.«

»Und du hast das Schild im Aufzug gesehen. Sie haben es gerade erst gebaut, und jetzt müssen sie es schon wieder renovieren. Und die Häuser, die sie gekauft haben – Mom-und-Pop-Läden. Historisch signifikante Gebäude. Die Stadt hat es einen Dreck gekümmert.«

»Mm-hmm.«

»Ich sag’s ja nur. Das ist scheiße.«

»Können wir das hier erledigen, bevor das Universum gänzlich erkaltet? Bitte?«

Lange benötigen wir nicht, um das richtige Büro zu finden. Paul hilft uns dank der Baupläne, die er besorgt hat, leitet uns durch die Flure, wobei er Annie hin und wieder sagt, dass das keine gute Idee ist und sie sich beeilen muss. Ich öffne das Schloss, genau wie vorhin – diesmal ist es noch einfacher –, und wir gehen hinein.

Hier gibt es keine Management Magie. Ein spartanisch eingerichteter Raum, ein Computer auf einem Bürotisch und ein deutlich markierter Zugangsdeckel an der Wand. Neben dem Tisch hat jemand eine Werkzeugkiste voller Computer-Paraphernalia stehen lassen, aus der Drähte und Stecker quellen. Vielleicht das gleiche Arschloch, das ein halb gegessenes Brot im Serverraum gelassen hat. Ich sollte eine Notiz schreiben, dass der Scheiß weggeräumt werden muss.

Die Zugangsklappe ist ein wenig schief, leicht von der Wand abgesetzt. Annie öffnet sie, was ein Schlangennest dünner Kabel präsentiert. Sie bringt die Wanze an, die wie eine Papierklemme aus der Zukunft aussieht, dann wirft sie einen Blick auf ihr Handy und betrachtet die Daten, die wir absaugen. Mit einem Grunzen hängt sie das Verbindungsstück an das zweite Kabel. Wir müssen das richtige finden, und das geht nur, indem wir Chase über seinen Datenstrom identifizieren.

Links von mir gehen die Fenster von der Decke bis zum Boden, und der Ausblick über die glitzernde Stadt raubt mir den Atem. Wir sind nur im 30. Stock, noch weit entfernt von den obersten Geschossen, aber ich kann schon verdammt weit sehen. In der Ferne schwebt ein Polizeihubschrauber, zu weit weg, um ihn zu hören, aber seine blinkenden Lichter sind erkennbar. Der Ausblick geht Richtung Norden, nach Burbank und Glendale, und am Horizont kann ich dieses verräterische orangene Glühen sehen – Waldbrände.

Der Anblick lässt einige schlechte Erinnerungen aufsteigen. Von all den Städten, in die Tanner mich stecken konnte, musste es die eine sein, wo es brennt.

Dieses Jahr ist es besonders schlimm. Meist sind es Kids mit Knallern oder ein Tourist, der eine Zigarette fallen lässt, aber derzeit ist das Gras so trocken, dass es von selbst Feuer gefangen hat. In den letzten Tagen blitzen auf allen Fernsehern große Nachrichtenbanner auf. Diejenigen, die Fox News zeigten – manche tun das, sogar in Kalifornien –, gaben den Bränden einen Namen: Höllensturm. Natürlich.

Die Feuer kriechen dieses Jahr auf Burbank und Glendale zu, fressen sich durch den Wildwood Canyon und die Verdugo-Hügel. Ein Feuerwehrhauptmann – ein Typ, der gleichzeitig beruhigend und angepisst wirken konnte – hat im Fernsehen gesagt, dass sie nicht glaubten, dass die Brände die Stadt erreichen würden.

»Teagan.«

»Hm?«

»Du hast dein Voodoo, ja?« Sie weist auf die Wanze. »Lass sie in die Wand schweben.«

»Oh. Ja. Gute Idee.«

Die Öffnung ist groß genug, damit ich mich hineinlehnen kann, und ich lege den Kopf in den Nacken. Dahinter ist es staubig, die kleine Wolke lässt mich beinahe niesen. Annie leuchtet mit einer Taschenlampe hinein, aber ich brauche das nicht. In ihren Fingern hält sie das richtige Kabel. Es ist nur eine Sache von Sekunden, es mit meinem Voodoo zu finden, ein wenig aus dem Kabelsalat herauszuziehen und die Wanze schwebend anzubringen. Annie schaltet die Taschenlampe aus, und sie wird von der Dunkelheit verschluckt.

Was soll ich sagen? Ich bin praktisch.

»Okay«, erklärt Annie und schließt die Klappe. »Paul? Alles fertig. Over.«

»Verstanden. Wir bekommen schon Daten. Nehmt Reißaus, over.«

Reißaus? Ich flüstere Annie das Wort fast lautlos zu, aber sie ignoriert mich und wendet sich schon ab, um zu verschwinden.

Als wir aus dem Büro des Technikers treten, ertönt eine Stimme vom anderen Ende des Flurs: »Hey.«

Zwei Sicherheitsleute. Nein, drei. Echte. Kommen in enger Formation auf uns zu. Der in der Mitte ist ein großer Weißer mit einem gewaltigen Bart bis zur Brust, den Schirm der Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er ist Furcht einflößend, aber mir machen vor allem die anderen beiden Sorgen. Jung, große Augen, die Hände schon über den Halftern, mit zuckenden Fingern.

Oh, Scheiße.

3. Kapitel

Teagan

Erwischt zu werden, wäre sehr, sehr schlecht.

Tanner würde jede Verbindung zu uns abstreiten, genau wie Tom Cruise in Mission: Impossible. Mit dem Unterschied, dass Tom ein Filmstar ist, mit einer Squillin Dollar und einer heißen Frau (nehme ich an – kenne mich nicht so mit Promi-Klatsch aus). Er darf danach nach Hause gehen. Sollte unsere Mission so enden, landen Annie und die anderen im Gefängnis, und Tanner hört auf, mich vor den Leuten in der US-Regierung zu beschützen, die mich aufschneiden wollen, um mal einen Blick reinzuwerfen.

Das war unsere Abmachung. Ich arbeite für sie; sie hält mir die Leute mit den Skalpellen und den Chirurgenmasken vom Leib.

Aber man hätte uns nicht erwischen sollen. Es ergibt keinen Sinn. Die Sicherheit des Gebäudes dürfte nicht einmal wissen, dass wir hier sind. Reggie hat die Kameras so umgestellt, dass sie in einer Schleife nur leere Korridore zeigen. Wie hat dieser Wichser erfahren, dass wir –

Ah. Der Anwalt. Vermutlich nur ein harmloser Kommentar zum Sicherheitschef, als er ihn unten in der Lobby getroffen hat. Wusste nicht, dass du im Kindergarten rekrutierst, Bob. Bob, oder wie zum Teufel der Bärtige auch heißt, antwortet: Wie bitte? Und der Anwalt erklärt: Eine aus deiner Mannschaft, oben im 30sten – sieht aus, als müsse sie noch Windeln tragen.

Wir haben keine Knarren. So eine Truppe sind wir nicht. Feuerwaffen, das hat uns Tanner mal erklärt, machen alles nur komplizierter. Sie entfernen Möglichkeiten, statt welche hinzuzufügen. Das ist einer dieser Sprüche, die weise und tiefgründig klingen, bis man mal zwei Sekunden darüber nachdenkt und erkennt, dass es komplett unsinnig ist.

In Bobs Gesicht tobt ein Sturm der Wut: »Ihr gehört nicht zu meinen Jungs. Wer seid ihr?«

Annie zögert nicht.

»Das Hauptbüro hat uns geschickt«, erwidert sie. »Morgen kommt ein VIP, und wir sollen dafür sorgen, dass hier alles in Ordnung ist.«

Damit wirft sie ihm ein wissendes Lächeln zu, als könne sie auch nicht glauben, dass die Bosse so dämlich sind.

In meinem Ohr meldet sich Paul: »Annie, Teagan, was ist da los? Over.«

Die Miene des Sicherheitschefs ändert sich nicht.

»Das ist Schwachsinn. Warum weiß ich davon nichts?«

Annie zuckt mit den Schultern, immer noch das Ich-kann-es-auch-nicht-glauben-Grinsen auf den Lippen.

»Keine Ahnung. Ich mache nur, was mir aufgetragen wird.«

Für einen Moment glaube ich, dass wir damit durchkommen. Dann wirkt es, als ob im Gesicht des Chefs die Jalousien runtergehen.

»Bleibt genau da, wo ihr seid«, befiehlt er und gibt seinen beiden Anfängern Zeichen. Beide treten vor, ziehen ihre Pistolen.

Oder versuchen es zumindest. Es ist verdammt schwierig, eine Waffe zu ziehen, wenn psychokinetische Kraft sie im Halfter festhält. Ihre Gesichtsausdrücke sind identisch und urkomisch: Verwirrung, gefolgt von Verärgerung, gefolgt von Wut, während sie beide versuchen, ihre Waffen herauszureißen.

Eigentlich soll ich meine Kräfte nicht so einsetzen. Nicht, wenn Leute dabei sind, die nicht zum Team gehören. Das ist Teil der Abmachung: niemals zeigen, was ich kann, niemandem, nie. Aber meiner Erfahrung nach ist der Schluss, zu dem Leute kommen, wenn so was wie jetzt passiert, meist nicht: O mein Gott! Die Frau da hat erstaunliche psychokinetische Kräfte!

»Was treibt ihr da?«, fragt der Chef die beiden. Er greift nach seiner eigenen Waffe, die ebenso verwirrend im Halfter feststeckt.

Annie wirft mir einen Blick zu. »Bist du –«

»Jepp. Lauf.«

Wir sprinten in die entgegengesetzte Richtung davon, rasen den Flur entlang, während der Chef uns nachbrüllt, dass wir stehen bleiben sollen. Als wir um die Ecke rennen, verliere ich den Halt an den drei Pistolen, jetzt sind sie außer Reichweite. Ich habe nur so gut drei Meter Spielraum in alle Richtungen, und hinter uns kratzt Metall über Leder, als alle drei gleichzeitig ihre Waffen ziehen.

Annie beschleunigt, fliegt vor mir entlang, ihre langen Beine explodieren förmlich unter ihrem schlanken Körper. Sie ist auf Geschwindigkeit ausgelegt. Ich wiederum bin darauf ausgelegt, auf der Couch zu liegen und Netflix zu schauen. So richtig gut bin ich nicht in Verfolgungsjagden, schon gar nicht zu Fuß.

Annie lässt die Aufzugtüren links liegen und schießt an ihnen vorbei. Schlau. Es ist sinnlos, uns in einer Metallkiste einzusperren, die von den Wachen im Kontrollzentrum ferngesteuert werden kann – selbst angenommen, dass wir genug Zeit haben, das Touchscreen zu bedienen und auf den Aufzug zu warten. Es ist ja nicht so, als ob Bob uns eine Pause gönnen würde.

Stattdessen rennt Annie auf eine andere Tür zu, ein wenig den Flur hinunter. Eine mit einer Stange zum Drücken die ganze Breite und großen Buchstaben darauf: Brandschutztür – nicht öffnen. Sie wirft sich durch die Tür, und ich stolpere hinterher.

»Mach sie zu!«, ruft sie laut.

Ich strecke meine PK aus, knalle die Tür zu. Dann greife ich tief in den Schließmechanismus, packe den Riegel, drehe und verklemme ihn. Sollen sie das mal aufbekommen.

Eine halbe Sekunde später erreicht einer von ihnen die Tür und prallt gegen das Metall. Die Druckstange bewegt sich nicht, der verdrehte Riegel gibt nicht nach. Endlich Luft holen. Ich rutsche an der Wand hinab, keuchend und mit Seitenstechen.

Annie redet auf ihren Ohrstöpsel ein: »Paul, wir brauchen einen Ausgang. Und sag Carlos, dass er womöglich schnell fahren muss.«

»Verstanden.« Dieses Mal wirft ihr Paul nicht vor, nicht over gesagt zu haben. »Wo seid ihr?«

»Feuertreppe.«

Die Treppe ist schmucklos, staubiger Beton, grell von Neonlampen beleuchtet. Unsere Schritte hallen von den engen Wänden wider, während wir weiterlaufen, so schnell, dass unsere Füße kaum die Treppenstufen berühren. Ich bin so sehr darauf konzentriert, nicht zu fallen, dass ich erst bemerke, dass Annie innehält, als ich beinahe in sie hineinrenne.

»Was zum Teufel?«, frage ich und schaffe es so gerade, die Balance zu halten.

»Hör mal.«

Schritte. Viele. Von unten hochkommend, und zwar schnell. Annie dreht sich um, rennt wieder zurück, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Ich halte einen Moment inne und frage Gott, warum er mich wirklich und wahrhaftig so sehr hasst. Dann eile ich ihr hinterher.

Der Chef und seine Kumpane rütteln immer noch an der Tür, die ich versperrt habe. Annie springt daran vorbei, wirft nur einen Blick darauf, bevor sie die Treppe zum Stockwerk über uns erreicht.

»Paul«, sagt sie, als sie die Brandschutztür oben öffnet. Die Schritte von unten sind jetzt lauter, vielleicht noch zwanzig Sekunden entfernt. »31. Stock. Hol dir die Baupläne. Und lass Reggie sich um die Kameras kümmern.«

Es ist leicht, ihrem Gedankengang zu folgen. Wir können nicht die Treppe benutzen und müssen davon ausgehen, dass sie die Aufzüge beobachten, bereit, uns sofort festzusetzen, wenn sich einer bewegt. Also bleibt nur verstecken – sich irgendwo verkriechen, bis die Jagd vorbei ist.

Es ist eine großartige Idee, bis auf die winzige Einschränkung, dass sie scheiße ist. Sie werden auf der Suche nach uns einfach das ganze Gebäude auseinandernehmen – selbst angenommen, dass wir ein vernünftiges, nicht-offensichtliches Versteck finden. Es schafft nur mehr Probleme, als es löst.

Es gibt eine andere Möglichkeit. Eine bessere. Annie mag zu verpeilt sein, um sie zu erkennen, aber zum Glück für sie hat es eine andere heute Abend so richtig drauf.

Ich stelle mir das Äußere des Gebäudes vor, die Bauarbeiten, die abgesperrten Stockwerke. Ja. Das schaffen wir. Ich hätte nie gedacht, dass mir eine Idee kommen würde, die noch mehr Treppenstufen beinhaltet, aber man kann nicht alles haben. »Paul«, krächze ich. »Warte.«

»Bitte wiederholen. Over.«

»Was hast du vor?«, zischt mich Annie an, die schon halb durch die Tür ist.

Statt zu antworten, renne ich an ihr vorbei, die Treppe hoch. »Komm einfach mit.«

»Teagan, was zum Teufel?«

»Komm!«

Sie greift nach mir – daneben. Auch gut. Ich habe wirklich keine Zeit, ihr alles zu erklären, während unter uns die rennenden Schritte immer näher kommen.

Einen Augenblick lang denke ich, dass sie mich zurücklassen wird, um sich allein ein Versteck zu suchen. Dann folgt sie mir die Treppe hoch, fluchend, Todesdrohungen auf den Lippen. Zum Glück habe ich einen guten Vorsprung, sonst würde ich mir echt in die Hose machen.

Ich ignoriere sie, darauf bedacht, es durch meine eigene, persönliche Hölle zu schaffen. Meine Beine fühlen sich an, als würden sie an den Knien auseinanderbrechen wie eine überhitzte Maschine.

Irgendwie gelingt es uns, den Abstand zu den Wachleuten aufrechtzuerhalten. Und endlich – endlich! – erreichen wir den 50. Stock, wo die Bauarbeiten beginnen. An der Brandschutztür hängt ein Hinweisschild, viel Text über das Tragen von Sicherheitshelmen und Anmeldung aller Besucher beim Vorarbeiter. Ich reiße die Tür auf, und der Schwall Wind wirft mich fast wieder die Treppe hinunter. Mit letzter Kraft zwinge ich mich hindurch, warte, bis Annie an mir vorbeistürmt, dann schlage ich sie zu. Mein Geist verbeult den Mechanismus, bis er wirklich zu ist.

Das Stockwerk ist zur ganzen Welt geöffnet, eine skelettierte Version derjenigen darunter. Es ist ein Labyrinth aus unverkleideten Sperrholzwänden, Bündeln von staubigen Kabeln und ordentlich gestapelten Metallplatten. Die einzige Lichtquelle ist eine nackte Glühbirne ein paar Meter vor uns. Im Zwielicht lauert der Schemen eines Betonmixers.

Annie stützt sich auf ihre Knie.

»Du. Dumm. Warum?«

»Nicht dumm«, presse ich so gerade eben hervor.

»Wir hätten. Verstecken. Warten auf –«

»Jo, nein.«

Ich taumle weg von der Brandschutztür, stelle mir das Gebäude wieder von außen vor. Die Südwestseite – da müssen wir hin. Und ich bin recht sicher, dass Westen links von mir ist, also sollten wir –

Annie läuft mir nach. Es ist wirklich ekelerregend, wie schnell sie sich wieder erholt.

»Teagan, wenn du nicht sofort anfängst zu reden, werde ich –«

»Ha!« Ich entdecke, wonach ich suche. »Da.«

Der Ersatzaufzug.

Er ist mir aufgefallen, außen am Gerüst angebracht, als wir aus dem Lieferwagen gestiegen sind. Die Bauarbeiter benutzen ihn, auch für Baumaterial, damit die Mieter nicht ihre schönen, sauberen Aufzüge mit Typen in schmutzigen Stiefeln teilen müssen.

»Du machst Witze«, stellt Annie fest. Ein Windstoß trägt ihre Worte davon, ein Wind voller Rauch.

»Nein. Wir müssen runter, nicht? Und welcher Aufzug ist der eine, den sie nicht vom Kontrollraum aus beobachten werden? Oder anhalten können, wenn er sich bewegt?«

Sie starrt mich nur an, schüttelt langsam den Kopf.

»Ich denke, die Worte, nach denen du suchst, sind: Vielen Dank, Teagan, du bist ein Genie. Es tut mir so leid, dass ich gemein zu dir war.«

Jetzt bekomme ich auch wieder besser Luft und nutze diesen glücklichen Umstand, um zum Lastenaufzug zu hüpfen. Er erinnert mich an die Dinger, die Fensterputzer benutzen, mit einem Metallgatter zum Öffnen und einer klobigen Box mit dicken Knöpfen. »Komm schon.«

»Teagan.«

Noch immer ist sie nicht näher gekommen. Irgendwo hinter ihr hämmern die Sicherheitsleute gegen die Brandschutztür.

»Worauf wartest du?« Ich halte ihr das Gatter auf. »Komm schon. Zeit, Reißaus zu nehmen.«

»Der fährt nicht nach unten.«

»Was?«

»Der Aufzug.« Sie klingt, als wollte sie mich umbringen oder zusammenbrechen oder womöglich beides. »Fährt nicht nach unten. Nur zwischen den Stockwerken der Baustelle.«

»Ach, Unsinn«, erwidere ich und lehne mich über das Geländer, um nach unten zu sehen. »Natürlich fährt er –«

Nicht.

Der Aufzug fährt an zwei breiten, vertikalen Metallschienen entlang; keine davon geht unterhalb dieser Etage weiter. Fünfzig Stockwerke unter mir zwinkern mir Straßenlaternen zu, während der Wind mein Haar in alle Richtungen verweht. Ich lege den Kopf in den Nacken – die Schienen gehen das ganze Gebäude hoch, wohl bis in den 80. Stock.

»Aber das ergibt keinen Sinn.« Meine Stimme ist dünn. »Wie bekommen sie das Material hier hoch?«

Annie deutet über die Straße. Mein Blick folgt ihrem Fingerzeig zu einem Kran auf einem leeren Gelände, gehüllt in Schatten.

»Oh.«

Ich hatte nicht überprüft, ob der temporär angebrachte Aufzug wirklich bis ganz runter fährt, sondern es einfach angenommen. Den Kran hatte ich vergessen. Und jetzt, während ich so darüber nachdenke, erscheint es mir logisch, einen Kran für die schweren Baumaterialien zu benutzen und einen kleineren Aufzug zu konstruieren, damit die Arbeiter zwischen den Stockwerken hin und her kommen. Deutlich logischer, als einen großen Aufzug über achtzig Stockwerke so zu bauen, dass er alles transportieren kann, was die Firma benötigt.

Ich schenke Annie mein gewinnendstes Lächeln.

»Dann – verstecken wir uns?«

Sie schließt die Augen, murmelt irgendwas sehr Finsteres und zwängt sich an mir vorbei in den Aufzug.

»Paul«, sagt sie, während sie den Knopf für oben drückt. »Sag Reggie, die Kameras in den obersten Stockwerken müssen weg.«

»Öh, verstanden.«

»Wir könnten uns irgendwo hier verstecken«, schlage ich vor und deute auf die Baustelle. »Es könnte eine –«

Ihr Blick könnte Stahlbeton bersten lassen.

»Ich werde uns auf ein Stockwerk bringen, von dem sie nicht wissen, dass wir dort sind«, erwidert sie mit Honig in der Stimme. »Falls du einverstanden bist.«

»Jepp.« Ich hebe einen Daumen. »Das klingt großartig. Lass es uns so machen.«

4. Kapitel

Teagan

Die Fahrt nach oben ist holprig. Der Wind weht von allen Seiten, das Metall klappert und knirscht, während der Fahrstuhl aufsteigt. Der winzige Motor klingt, als würde jeden Moment eine Dichtung platzen. Annie steht neben der Steuerkonsole, die Arme verschränkt, die Augen fest geschlossen. Ich halte mich am Geländer fest und lasse den Blick über die Stadt schweifen – hey, wenn man mitten in der Verfolgungsjagd nicht den Ausblick genießen kann, warum macht man das dann alles? Außerdem kann man von dieser Seite des Gebäudes die Feuer am Horizont nicht sehen. Was mir gut passt.

»Annie, Teagan.« Pauls Stimme ist zielstrebig monoton. »Reggie sagt, die Kameras oben sind erledigt. Was denkt ihr? Over.«

»Verstanden«, erwidert Annie. »Wissen wir noch nicht. Over.«

»Kommt ihr im Norden oder im Süden raus? Im Norden gibt es eine Gasse. Wir könnten –«

»Wissen wir nicht, Paul. Teagan hat sich noch nicht entschieden.«

Ich ignoriere die Spitze, vor allem, weil ich nicht will, dass Annie mich aus dem Aufzug wirft.

Die Baustelle auf dem 80. Stockwerk war noch stärker ausgeweidet als die auf dem 50. Nur wenige Wände stehen, und es gibt fast keine Geräte. Annie zögert keine Sekunde und läuft zur hinteren Feuertreppe. »Paul.« Ihre Stimme ist leise, als hätte sie Sorge, dass jemand mithört. »Kannst du uns die Baupläne der obersten Stockwerke und eine Liste der Bewohner besorgen? Over.«

»Hab schon alle da. Was brauchst du? Over.«

»Such uns ein Büro, in dem wir uns verstecken können.«

»Warte – okay – gut, sieht so aus, als wäre jemand gerade aus Suite 8213 ausgezogen. Sollte leer sein. Over.«

Ein wenig machen mir die Wachen Sorgen, aber vermutlich wissen sie noch nicht genau, wo wir sind. Und im Treppenhaus ist es ruhig, nur das Summen der Lampen und unsere Schritte auf dem Beton sind zu hören.

Die Flure auf dem 82. Stock sind anders als die weiter unten. Echter Marmor und ein dicker, weicher Teppich unter meinen schwarzen Sneakers. Niemand da. Selbst die Klimaanlage klingt gedämpft.

Die Tür zur Suite 8213 ist identisch zu den anderen, im Nordwesten des Gebäudes. Die gleiche dicke Holzvertäfelung. Das gleiche komplett nutzlose biometrische Schloss. Ich mache mich an die Arbeit, versetze meinen Geist in den Schließmechanismus, während Annie neben mir wartet.

So langsam werde ich wohl müde. Fast sechs Sekunden brauche ich diesmal. Das Schloss am Serverraum hatte ich nach dreien offen.

»Fertig«, stelle ich fest und richte mich auf. »Lass uns –«

Genau in dem Moment atmet Annie laut ein, packt meine Schultern und schiebt mich durch die Tür.

»Halt! Stehen bleiben!«, brüllt jemand. Als Annie mich vorwärts schiebt, sehe ich für einen Sekundenbruchteil den Rest des Flurs. Da kommt Bob, der Sicherheitschef, zusammen mit drei weiteren Wachleuten – alle größer als die beiden von vorhin. Sie rennen auf uns zu, und sie sehen echt angepisst aus.

So stolpere ich in Suite 8213, verliere das Gleichgewicht und stürze als verwickelter Haufen Gliedmaßen zu Boden. »Tür zu!«, schreit Annie. »Mach sie zu!«

Ich reagiere sofort, erweitere meinen Geist, schlage die Tür zu und schließe den Mechanismus. Einen Herzschlag später hämmert jemand dagegen, rüttelt an der Klinke.

Ich schätze, Bob ist doch nicht so doof, wie er aussieht. Wäre ich nicht total entsetzt, würde ich wohl klatschen.

Viel gibt es nicht in dem Büro – zumindest nichts, was uns nutzen würde. Ein wenig Mobiliar: ein Schreibtisch, ein ergonomischer Bürostuhl, ein Computer ohne Kabel. Die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke, und der Ausblick ist spektakulär, sogar wenn man die Feuer am Horizont bedenkt. Jetzt lehnt sich Bob gegen die Tür, der Bolzen des Schlosses drückt gegen den Rahmen. Ich konzentriere meine Kraft, halte Schloss und Tür mit bloßer Willenskraft geschlossen.

»Annie?«

»Ich denke nach.«

»Annie?«

»Ich sag doch, ich denke nach!«

Die Sekunden klicken vorbei, und sie bewegt sich nicht. Es ist, als ob sie durch jede mögliche Zukunft geht, Ideen einfängt und wegwirft, verzweifelt auf der Suche nach einer, die funktionieren wird. Wie lange wird es wohl dauern, bis einer von denen das Schloss aufschießt oder die Tür eintritt?

In meinen Knopf im Ohr sagt Paul: »Annie. Haut ab. Over.«

»Öh –« Das Hämmern wird lauter. »Ja, Paul, einen Moment noch.«

Jetzt sieht sie zur Decke. Was denkt sie wohl? Dass wir durch die Lüftungsschächte kriechen können? An all den Kabeln vorbei zwischen den Platten? Wir sind hier nicht in Stirb Langsam.

Jenseits von Annie, hinter den Fenstern, glitzert Los Angeles. Die Feuer malen den Nachthimmel rot an.

Mein großartiger Trick mit dem Lastenaufzug hat nicht geklappt. Ebenso wenig konnten wir uns verstecken. Uns gehen die Alternativen aus, und wenn nicht eine von uns einen guten Einfall hat, sind wir so richtig im Arsch. Dann können wir uns auch gleich aus dem Fenster –

Meine Hand gleitet zum Gürtel. Zu der riesigen metallenen Gürtelschnalle. Die von Annie ist genau gleich.

Mit meiner PK greife ich hinter uns nach dem Bürostuhl. Die Polster sind aus Polyester, aber der Rahmen ist aus Metall. Ein Bein in der Mitte, unten fünf Streben, jeweils mit einem kleinen Rad, damit man herumrollen kann, wenn einem im Büro langweilig wird. Leicht zu heben, aber schwer genug für meine Zwecke. Vielleicht habe ich mit dem Aufzug Mist gebaut, aber nicht einmal ich kann bei Schwerkraft versagen.

»Was zum Teufel treibst du da?«, fragt Annie. »Das wird sie nicht aufhalten.«

»Genau.«

Ich werfe den Stuhl gegen ein gepanzertes Fenster. Es zerbricht nicht. Mit einem dumpfen Knall prallt der Stuhl ab, fliegt ins Zimmer zurück und schlägt Annie beinahe den Schädel ein.

Sie taumelt zurück, die Hände erhoben. »Jesus!«

»’tschuldige.«

Mit einem Mal hört das Hämmern an der Tür auf. Jemand brüllt, dass die anderen Platz machen sollen. Was nur bedeuten kann, dass sie gleich das Schloss aufschießen werden.

»Frost.« Annie benutzt meinen Nachnamen, was zeigt, wie sauer sie auf mich ist.

Ein gedämpfter Schuss hinter uns. Das Schloss erbebt, aber noch hält es.

Mit einem Grollen hebe ich den Stuhl hoch, sodass seine Unterseite direkt auf das Glas zeigt.

Annie schüttelt den Kopf. »Nein!«

»O ja.«

»Nein. Nein!«

Ich renne zu ihr. Während ich mich bewege, schleudert mein Geist den Stuhl gegen das Fenster.

Diesmal schlägt er direkt durch. Plötzlich rauscht Wind durch das Büro. Ich packe Annie um die Hüfte und werfe uns dem Stuhl nach, während ein zweiter Schuss das Schloss aus der Tür schlägt.

Womit wir wohl auf Stand sind.

5. Kapitel

Teagan

Lasst mich euch ein wenig über Psychokinese erzählen.

Alle haben tolle Ideen, was man damit machen kann. Operationen ohne Skalpelle, mit Luftmolekülen als unendlich scharfe Klingen. Einen Job als Auftragsmörderin bekommen und Blutgefäße durchtrennen oder Herzen platzen lassen, ohne das Opfer jemals zu berühren.

Ja, klar.

Nein.

Es gibt hundert dämliche Diskussionen auf Reddit über die Zaubertricks, die man machen könnte, oder was für tolle Rauchringe man blasen müsste. Wow, wie toll! Oder Glücksspiel. Im Internet schwätzen Leute gern darüber, wie man Schubkarren voller Kohle gewinnen könnte, wenn man Roulette beeinflusst, oder Würfel im Casino. Tanner war so nett, mir dazu eine Warnung zukommen zu lassen: Wenn ich dich jemals in einem Casino erwische, lasse ich dich im tiefsten, dunkelsten Loch verschwinden, das ich kenne.

Eine Menge Menschen behaupten im Netz, dass sie PK haben, aber man muss nur fünf Sekunden nachforschen, um zu sehen, dass sie fette Lügner sind. Wenn sie wirklich Dinge nur mit ihrem Geist bewegen könnten, wären sie entweder tot oder Teil von Tanners Projekt.

Es gibt nur mich.

Zudem haben meine Kräfte Grenzen. Alles über so grob 300 Pfund geht nicht – ich bin an diese Grenze öfter gestoßen, als ich zählen kann. Es ist wie bei einer Gewichtheberin, die ihr Maximum erreicht. Je mehr ich mich anstrenge, desto übler dröhnt mir nachher der Schädel, und umso mehr Essen brauche ich, um meinen Energiepegel wieder zu erreichen.

Außerdem kann ich keine organische Materie bewegen – keine Kohlenstoff- oder Wasserstoffmoleküle. Die hören einfach nicht auf mich, egal, wie nett ich sie bitte, sich zu bewegen. Meine Eltern haben niemals herausgefunden, warum das so ist, und auch die Nerds von der Regierung konnten das nicht, nachdem Wyoming den Bach runterging. Meine effektive Reichweite beträgt in etwa drei Meter, mehr nicht.

Und Luftmoleküle? Ich bin gut, aber nicht so gut.

Für einen Sturz aus dem 82. Stock braucht man etwa zehn Sekunden, und Annie und ich haben schon so zwei mit Fallen verbracht. Hätte ich mir einen Augenblick Zeit genommen, um die Sache durchzudenken, was mir Reggie immer rät, dann hätte ich wohl erkannt: Auch wenn ich mich und Annie gleichzeitig heben kann – selbst zusammen wiegen wir weniger als 300 Pfund –, die Gürtelschnallen schaffen das nicht. Ich habe unser ganzes Gewicht auf zwei Punkte konzentriert, und beide entschieden, dass das kein Spaß ist. Peng. Obwohl ich versucht habe, die Kraft langsam anzuwenden, konnten sie es einfach nicht halten.

Aber trotzdem verdiene ich etwas Anerkennung: Als die Gürtelschnallen nachgeben, verfalle ich nicht in Panik. Stattdessen suche ich mir die nächstbessere Sache: unsere billigen Uniformen mit all den Kunststofffasern. Aber da ist noch zu viel organisches Material enthalten, zu viel Baumwolle, und so hängt unser Gewicht an zu wenigen Stellen. Für eine Sekunde werden wir langsamer, dann beginnt die Kleidung zu reißen, mein Hemd und meine Jacke platzen am Rücken auf.

Ich lasse los. Das Einzige, was schlimmer wäre, als auf dem Asphalt zu zerbersten, wäre, das nackt zu tun.

Annie schreit, ihre Arme schlagen gegen meinen Rücken, ihr Gesicht eine Maske reiner Angst. Meine blöde Krawatte flattert mir ins Gesicht, die eiskalte Luft rauscht in meinen Ohren. Wenn ich nicht genau jetzt eine brillante Idee habe, wird nicht genug von uns übrig bleiben, damit Tanner –

Der Stuhl.

Der Stuhl, mit dem ich das Fenster eingeschlagen habe. Er fällt, sich überschlagend, ein Stück unter uns.

Keine Zeit nachzudenken; ich handle einfach, werfe meine PK so weit, wie ich kann. Ich spüre den Stuhl sofort und reiße ihn zu uns, kämpfe gegen die Winde und die dem Stuhl innewohnende kinetische Energie. Fast da. Fast –

Mein Plan ist, ihn aufrecht hinzudrehen und dann Annie und mich auf den Sitz zu ziehen. Dann schweben wir auf dem magischen Stuhl hinab, eine sanfte Landung auf fünf Rollen an metallenen Streben, und klatschen uns ab, bevor wir in die Nacht verschwinden. Was tatsächlich passiert: Der Stuhl trifft mich seitlich und klemmt meinen Körper zwischen Sitzfläche und Streben ein.

Ich klammere mich fest, packe den Stoff, als wäre der Stuhl ein Rettungsboot. »Halt fest«, rufe ich Annie zu, doch der Wind reißt mir die Worte von den Lippen.

Wir sind zu schwer, als dass ich uns komplett abbremsen könnte, nicht mit dem Impuls der Bewegung und unserem Gewicht. Aber ich kann uns langsamer machen. Viel langsamer.

Es ist ein wirklich seltsames Gefühl – als würde man versuchen, eine Tür zu schließen, während tausend Tonnen Wasser von der anderen Seite dagegen drücken und man sich noch dazu in einem fahrenden Bus befindet. Im Nacken blüht der Schmerz auf, während mein Körper versucht, genug Kraft zu liefern. Das Edmonds Building rast an uns vorbei, Fenster wie Stroboskoplicht. Noch vielleicht drei Sekunden trennen uns vom Aufschlag.

Ich möchte unseren Sturz in ein elegantes Gleiten bis zum Boden verwandeln. Allerdings bewegen wir uns stattdessen tatsächlich zur Seite.

So richtig schnell.

Wir zischen an Gebäuden vorbei, vielleicht zwölf, dreizehn Meter über dem Boden, das Licht der Autos unter uns auf dem Freeway kaum sichtbar. Unser Ziel ist der Asphalt nördlich des Gebäudes: eine Gasse voll mit geparkten Fahrzeugen und Mülltonnen und riesigen Schlaglöchern. Das Edmonds Building ist rechts von uns, ein mehrgeschossiges Parkhaus zu unserer Linken.

Sollte da jemand in der Gasse sein, wird das eine krasse Überraschung.

Der Stuhl rutscht und droht, mir zu entgleiten. Wenigstens schreit Annie nicht mehr. Sie hat zu dem Teil des Abendprogramms gewechselt, bei dem man panisch hyperventiliert.

»Alles unter Kontrolle.« Man kann mich über dem Rauschen der Luft gerade so hören. »Ich habe alles –«

»Frost, pass auf!«

Genau vor uns ist ein Schild, das GÜNSTIGETAGESPREISE! und 24h PARKEN verspricht. Fluchend werfe ich uns zur Seite, verfehle es nur um Millimeter. Leider rutschen wir vom Stuhl. Wir sind noch immer drei Meter über dem Boden und kommen viel zu schnell rein.

»Festhalten!«

»Frost, ich werde dich verdammt noch mal umbringen –«

Ich werfe jedes bisschen PK-Energie, die noch in mir ist, in den Stuhl, ziehe ihn nach hinten, ziehe uns nach hinten. Wir bäumen uns auf wie ein Wildpferd, dann werden wir am Boden abgeladen.

Da ist noch genug Bewegungsimpuls in uns. Er schleudert mich herum, ich rolle über den Asphalt, scheuere mir die Hände auf. Ein Glassplitter schneidet locker durch meine Jacke und kratzt über meine Haut, dann krache ich in eine große Mülltonne.

Die Welt wird unscharf. Neben mir geht ein lauter Alarm los. Ich stecke mir den Finger ins Ohr, wodurch ich bemerke, dass das Geräusch in meinem Kopf ist.

Eine Zeit lang sitze ich einfach da, Kopf herabhängend, warte, dass es vorbeigeht. Als aus dem schrillen Läuten ein leises Rauschen wird, kommt die Flutwelle aus Schmerz – eine, die im Nacken beginnt und mir bis in die Zehenspitzen spült.

»Fuck – aua.« Ich presse die Lider zusammen. Irgendwo vor mir stöhnt Annie.

Sehr langsam erhebe ich mich. Ich bin wie zerschlagen, die Welt ist an den Rändern dunkel, die Lichter über mir viel zu hell, aber wenigstens kann ich aufrecht stehen. Nichts gebrochen, soweit ich das feststellen kann. Durch das Loch in meinem Ärmel berühre ich die Wunde darunter. Nicht so schlimm, wie es sich anfühlt. Das wird schon wieder.

Die Gasse ist typisch LA-Innenstadt: Müllcontainer, Beutel voll stinkendem Abfall, Pfützen von nicht unangenehm brauner Farbe, die Wände so oft mit Graffiti besprüht, dass man nicht mal mehr die ursprüngliche Farbe erkennen kann. Der Stuhl lehnt gegen eine Mülltonne, das Polster zerfetzt. Über uns ist eine Lampe, deren Licht den Schatten einer Feuertreppe gegen die Wand wirft. Es ist heiß – locker über 30 Grad, würde ich schätzen –, und die Luft riecht nach Rauch. Ein Gestank, der seit Tagen über der ganzen Stadt hängt – seit das Feuer an ihrer nördlichen Grenze nagt.

Einige Feuerschutztüren reihen sich am Edmonds Building aneinander, noch neu, aber schon verrostet. Niemand zu sehen. Aber da ist eine Sirene, diesmal eine echte, die mit jedem Moment näher kommt. Wer weiß, was die Sicherheitsleute der Polizei gesagt haben, als sie angerufen haben? Zwei Frauen haben sich als welche von uns ausgegeben, dann sind sie aus dem 82. Stock gesprungen. Nein, wir haben keine Leichen gesehen. Nein, wir wissen nicht, wie das gehen soll. Bitte legen Sie nicht auf!

»Annie? Alles klar?«

Ein weiteres Stöhnen kommt als einzige Antwort. Sie kriecht auf allen vieren, der Kopf hängt herab, unter ihr ein Schwall Erbrochenes.

Unglaublicherweise habe ich den Knopf im Ohr nicht verloren. »Paul, wir sind in der Gasse. Nordseite. Holt uns hier raus.«

Seine Antwort verpasse ich, denn genau in dem Moment wird mir so richtig schwindlig. Ich beuge mich nach vorn, die Hände auf die Knie gestützt, bis der Schwindel vorüberzieht. Im Nacken pulsiert es, als hätte ich dort einen eigenen Herzschlag.

Eine kurze Zeit verharre ich so, bis auch das schwächer wird, dann stolpere ich zu Annie. »Gibt es Überlebende?«

Sie zuckt vor mir zurück, bewegt sich wie eine Betrunkene, rutscht beinahe im Erbrochenen aus und sackt dann gegen die Wand. Ihre Krawatte fehlt, ist weggerissen, hat nur einen hässlichen Kratzer auf ihrer Wange hinterlassen.

»Was. Zum. Teufel?«

»Ach, komm –«

»Was zum Teufel?« Mit einem Mal schreit sie, wütender, als ich sie jemals erlebt habe. »Was? Was?«

»Bitte schön!« Worüber regt sie sich so auf? Wir haben es doch geschafft!

Annie vergräbt ihr Gesicht in den Händen, dann schiebt sie ihre Arme hoch, bis die ihren Kopf umschlingen.

»Das war’s«, stellt sie nach einer Weile fest und lässt die Arme herabfallen. »Nie wieder. Keine Aufträge mehr mit dir. Mir ist egal, was Tanner sagt. Fick ihn und fick dich. Wir sind gerade – das war – nein! Nie mehr. Nicht mit mir.«

»Dir ist auch nichts Besseres eingefallen.«

»Du hast mir ja keine Zeit gelassen!«, brüllt sie. Sie zittert, und zwar so richtig, von Kopf bis Fuß. Ihre dunkle Haut ist grau, die Augen zucken umher. »Wir wären nicht mal da oben gewesen, wenn du nicht –«

Vielleicht ist es ihr Gesichtsausdruck oder einfach nur das Adrenalin, das mich einholt, aber jetzt fange ich auch an zu zittern.

Eine Autohupe. Laut und fordernd. Carlos und Paul, ihr Wagen steht am Eingang der Gasse, quer geparkt, die Seite des Lieferwagens in unsere Richtung. Annie und ich stolpern hinüber, immer noch bebend, schaffen es irgendwie dorthin, ohne zu stürzen. Carlos sitzt hinter dem Lenkrad, die Kappe tief in die Augen gezogen. Ein paar Meter weiter die Straße hinab blinkt uns das grelle Licht eines 24-Stunden-Ladens an.

Wir erreichen den Lieferwagen gerade, als die Tür aufgezogen wird. Paul starrt heraus, die Augen hinter Brillengläsern im Drahtgestell. Er trägt sein übliches gestreiftes, zugeknöpftes Hemd, sein kahler Kopf glänzt im Licht der Straßenlaternen.

»Wie um Himmels willen seid ihr so schnell runtergekommen?«, fragt er.

Annie brüllt ihm ins Gesicht, dann wirft sie sich in den Transporter.

»Annie? Jesus, geht es dir gut?« Paul versucht, ihr zu folgen, und wird wieder angebrüllt.

»Mir geht es auch gut, so nebenbei«, melde ich mich.

Er ignoriert mich, kniet vor Annie, die wiederum ihn ignoriert. Sie sitzt auf der niedrigen Bank, die an der einen Seitenwand des Lieferwagens entlang verläuft; die andere ist voll mit Zeug, Funkgerät, Werkzeug, gestapelte Ausrüstungssäcke. Eine Glühlampe in einem Drahtgeflecht erfüllt den Transporter mit kaltem Licht.

»Ich denke, ich sitze vorne«, murmele ich.

Bei unseren Missionen kümmert sich Paul um die Kommunikation und Carlos fährt. Er ist ein großer Kerl mit einem kantigen Gesicht und einem Bartschatten, der nie ganz verschwindet, egal, wie oft er sich rasiert. Trotz der Hitze trägt er ein Flanellhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, die seine verschachtelten Tätowierungen auf beiden Armen präsentieren. Sie zeigen eine wilde Mischung: klassische US-Sportwagen neben fauchenden Tigern und springenden Delfinen. Das größte ist ein grinsender Totenschädel vom Tag der Toten, dem Día de los Muertos, mit Blumen in den Augenhöhlen, an der Innenseite des Unterarms.

Carlos wirft mir ein böses Lächeln zu, während er den Gang einlegt. »Jo, ich habe, was du brauchst.« Sein mexikanischer Akzent wird stärker, wenn er so redet. »Bringt dich richtig drauf. Erste ist umsonst.«

»Halt den Mund und gib’s mir.«

Er lacht. »Handschuhfach.«

Ich öffne es, und der Anblick von einer Tüte Trockenfleisch lässt mich beinahe ohnmächtig werden vor Glück. »Du bist mein Held«, bringe ich hervor, während ich mir den Mund mit köstlich salzigem Fleisch vollstopfe.

»Ich bin jedermanns Held.« Er fährt langsam los, sieht sich in alle Richtungen nach Polizei um. »Was ist mit Annie los?«

Ich berichte ihm alles, was passiert ist, bereite mich auf den Ausbruch vor. Es kommt nur ein »Hu«.

»Das ist alles?«

»Was?«

»Ich ziehe eine irre Rettung in letzter Sekunde ab, und alles, was du zu sagen hast, ist ›Hu‹?«

»Du weißt, dass Annie Höhenangst hat, oder?«

»Nun, klar, ich meine, das war verdammt Angst einflößend und so, aber ich hatte alles total unter Kontrolle –«

»Nein, ich meine, so richtig Höhenangst. So schreckliche, echte Angst.«

Ich öffne den Mund, will was sagen, dann schließe ich ihn wieder. Erinnere mich an den Lastenaufzug, wie Annie da stand, Augen geschlossen, kein Muskel hat sich bewegt. Und wie sie sich in dem Büro von den Fenstern ferngehalten und nicht mal in die Richtung gesehen hat.

»Hu«, sage ich.

Hinter uns schallt eine Sirene durch die Nacht. Carlos tritt aufs Gaspedal, und weg sind wir.

6. Kapitel

Jake

Die effektivste Art, Menschen zu zerstören, ist, ihnen ihre Geschichte zu verweigern, sie auszulöschen.

In all den Büchern, die Jake gelesen hatte – und er hatte viele gelesen, aus Büchereien gestohlen oder aus Gebrauchtwarenläden oder aus den Aufenthaltsräumen von Obdachlosenunterkünften ausgeliehen und nie zurückgebracht –, war das der eine Satz, den er nie so richtig vergessen konnte. Manchmal erinnerte er sich in den unmöglichsten Augenblicken daran. Dann zog er durch seinen Geist, während er versuchte, bibbernd unter kalten Brücken oder Zubringern einzuschlafen. Oder es passierte, wenn er aus Tankstellen oder kleinen Läden trat, in Städten, in denen er und seine Mutter mal gelebt haben mochten, als er noch ein Kind gewesen war.

Es störte ihn schon ewig, dass niemand wusste, wer das gesagt hatte. Die meisten Leute sprachen es George Orwell zu, aus 1984, aber Jake war der festen Überzeugung, dass die meisten Leute nur Scheiße im Hirn hatten. Er hatte 1984 dreimal gelesen und das Zitat nie gefunden. Alle wiederholten diese falsche Information, nicht wissend, dass seine eigene Geschichte ausgelöscht worden war. Oder es interessierte sie nicht.

Aber er wusste ein wenig, wie es war, wenn einem die eigene Geschichte verweigert wurde.

Das Zitat steigt ihm wieder in den Geist, während er den Freeway hinabfährt, auf die glitzernden Wolkenkratzer von LA zu. Unter ihm knurrt und faucht die Royal Enfield Bullet Classic, der Auspuff des Motorrads dröhnt, während er sich seinen Weg durch den spätabendlichen Verkehr sucht. Es ist kein gutes Geräusch, und es macht ihm Sorgen: Ein kaputter Motor wäre das Einzige, was den heutigen Abend ruinieren könnte. Aber Jake und sein Bike sind schon lange zusammen, seit der Zeit in Detroit, und es hat ihm immer treu gedient. Royal Enfield hat vor über einem Jahrhundert damit begonnen, Motorräder zu produzieren, schon 1901, und die Bullet Classic stammt aus dem Jahr 1933. Seine ist natürlich nicht ganz so alt, auch wenn sie sich manchmal so aufführt.

Unvermittelt fühlt sich sein Helm zu eng an. Als er langsamer wird, um zwischen zwei hupenden Pick-ups durchzufahren, öffnet er den Gurt, nimmt ihn ab und klemmt ihn sich zwischen die Beine.

Er ist groß, über 1,85 m, dabei schlaksig, mit schmutzigem, schulterlangem Haar. Als er Gas gibt, weht es um seinen Kopf, rahmt sein Gesicht ein, das aussieht wie das eines Möchtegernschauspielers – die Art, von der es in LA in jedem Casting so viele gibt, die ihre oft gezeigten Porträts halten und stolz von ihren Auftritten in Anzeigen erzählen, oder von der kleinen Filmproduktion, die vor sechs Jahren echt gut auf ebenso kleinen Filmfestivals ankam. Das Gesicht des Baristas, des Barmannes, der dir dein Bier serviert, des Typen aus deinem Haus, dem du immer zunickst, mit dem du aber noch kein Wort gewechselt hast. Sollte wirklich mal jemand genauer hinsehen, würden ihm die Risse in der Lederjacke auffallen, die uralten Stiefel mit dem Panzertape, die Kratzer an den Händen. Aber niemand sah genauer hin.

Die Maschine der Enfield stottert, der rostige grüne Tank reflektiert das Licht der Laternen. Die Luft stinkt nach dem Rauch der Feuer, aber Jake ist das egal. Dies ist die Nacht, in der er herausfinden wird, wer er ist. Chuy hat es ihm versprochen, alles, das große Ding. Jedes Fitzelchen seiner Vergangenheit. Zumindest wenn er tut, was von ihm verlangt wird.

Diese Gelegenheit wird er sich nicht entgehen lassen. Auf keinen Fall.

Ein Grinsen zieht über sein Gesicht. Er fühlt sich gut. Richtig