Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Felsen, den die Bauern Klotzberg nannten, brach aus den Äckern hell und steil wie eine riesenhafte Rippe heraus, blieb ihnen, trotz dass er schon lange vor den ersten Sesshaften seinen Platz dort hatte, etwas Fremdartiges, Kaltes, was einzubinden in die Menschenwelt nicht möglich war, nicht vorgesehen. Jene Verlorenen, die allein herkamen, suchten Trost oder Vergessen; Malte Ulbricht war einer, der letzteres suchte und ersteres fand. Denn Malte Ulbricht gehörte zu jenen ängstlichen deutschen Männern, die jeden Tag als den kleinen Teil einer großen Katastrophe begannen und ihn als einen ebensolchen auch wieder beendeten. Er gehörte zu jenen, die sich allmorgendlich mit der ganzen Last ihres Bewusstseins aus dem Bett herausquälten, bloß um sich am Abend mit der ganzen Last wieder in dasselbe zurückzulegen. Jedoch nicht ohne vorher ihr Mantra heruntergebetet zu haben, was da lautete: Ureinst war es das Grauen der Meere, das uns an Land getrieben hatte, heute ist es das Grauen menschlichen Daseins selbst, das uns zurücksehnend macht nach Stille und lautloser Dunkelheit eines namenlosen Ur-Ozeans.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
für
Stefanie
Der Felsen, den die Bauern Klotzberg nannten, brach aus den Äckern hell und steil wie eine riesenhafte Rippe heraus, blieb ihnen, trotz dass er schon lange vor den ersten Sesshaften seinen Platz dort hatte, etwas Fremdartiges, Kaltes, was einzubinden in die Menschenwelt nicht möglich war, nicht vorgesehen. Jene Verlorenen, die allein herkamen, suchten Trost oder Vergessen; Malte Ulbricht war einer, der letzteres suchte und ersteres fand. Denn Malte Ulbricht gehörte zu jenen ängstlichen deutschen Männern, die jeden Tag als den kleinen Teil einer großen Katastrophe begannen und ihn als einen ebensolchen auch wieder beendeten. Er gehörte zu jenen, die sich allmorgendlich mit der ganzen Last ihres Bewusstseins aus dem Bett herausquälten, bloß um sich am Abend mit der ganzen Last wieder in dasselbe zurückzulegen. Jedoch nicht ohne vorher ihr Mantra heruntergebetet zu haben, was da lautete: Ureinst war es das Grauen der Meere, das uns an Land getrieben hatte, heute ist es das Grauen menschlichen Daseins selbst, das uns zurücksehnend macht nach Stille und lautloser Dunkelheit eines namenlosen Ur-Ozeans.
The German Angst, das sind sieben düstere Geschichten aus der Provinz und den hintersten Winkeln menschlicher Psyche. Für alle, die sich außerhalb gängiger Genres auf Entdeckung begeben wollen.
J.M. Laporte
Unter den schlimmen Dingen im Leben sind diese, die sich die Menschen einander antun, die schlimmsten. Nicht alle benennen sie als Straftat. Wenn es um die wirklich schlimmen Dinge geht, verwenden sie häufig eine eher allgemeine Sprache, und zwar im nächsten Umfeld zum Geschehen am allgemeinsten. Befinden sich die Personen von solch einem Ereignis weiter entfernt, beispielsweise im Nachbardorf – manchmal genügen ein paar Straßen Abstand – so kann man Sätze vernehmen wie: Der Schwager von soundso hat den und den erstochen. Doch je näher wir dem Umfeld einer solchen Tat kommen, desto undeutlicher werden die Angaben: Es war ein Unglück. Sie sind umgekommen. Er ist verstorben. Und wenn niemand darüber sprechen möchte, weiß man, dass man ganz nah dran ist. Dann weiß man, dass die Menschen von einem Geschehen verwundet sind, dass ihre Erinnerungen und Gefühle sie so sehr umklammern, dass sie angesichts dieser Übermacht verstummen. Dort, wo sich der größte Schmerz befindet, dort, wo angesichts des Ungeheuren eigentlich Gestein zerspringen müsste, dort waltet der leiseste Ausdruck, als ob die Gebärde durch die Lautlosigkeit des Abgrunds bezwungen wurde. Die Menschen schweigen. Sie verrichten ihr Tagwerk und schweigen. Vielleicht fahren sie in den Urlaub, flüchten, besuchen entfernte Verwandte, aber sie schweigen. Nur was hat es damit auf sich, wenn ein ganzer Landstrich schweigt? Wenn das Versteckte sich aus der Sprache in die Gesichter stiehlt, sich in die Augen drückt und in die Wangen furcht?
In Wahrheit gibt es immer ein Geflecht, eine Folge von Ereignissen, ein Netz aus Adern, das das Geschehen wie eine Geschwulst ernährt. Niemand ist mehr imstande, das Ereignis in seiner Gänze zu überblicken, denn ist es inmitten der Gemeinde erwachsen. Bis hierhin hat man nebeneinanderher gelebt, doch mit einem Mal verschiebt sich die Wahrnehmung wie durch einen Stoß, einen Knall, eben durch eines jener Ereignisse, wie sie im Leben am schlimmsten sind, eine Tat, ein Verbrechen, vielleicht im Haus gegenüber oder nebenan. Und plötzlich wirkt alles wie verzerrt. Anfangs spricht man vielleicht noch mit einer Freundin oder seinem Lebenspartner darüber, sucht die Kinder durch Täuschung zu beschwichtigen, aber dann spürt man seine eigene Rolle in dem Ganzen, begreift sich als Teil der Erde, in welcher der Keim gesprossen war. Man beginnt zu hinterfragen, was man sagt, was man tut und noch häufiger, was man all die Zeit nicht getan und nicht gesagt hat. Möglicherweise sieht man sich an zurückliegende Tode erinnert, Tode von Verwandten, Tode von alten Klassenkameraden oder Arbeitskollegen. Wie war das damals? Was war von dem Toten geblieben? Der Tod wird wieder Teil der eigenen Gedankenwelt. Bloß in dieser Welt ist man allein. Man merkt nicht, wie still man bereits geworden ist, wie sehr man sich gleichsam mit den Toten in Schweigen hüllt. Auch die Stille der anderen bleibt unbemerkt, gleitet sie doch in die eigene herüber, verwächst mit ihr, verkrustet mit den Jahren. In die Stille werden neue Menschen geboren, werden neue Häuser und Straßen gebaut, werden Hochzeiten gefeiert und Einschulungen, werden Weihnachtsmärkte besucht und Maibäume aufgestellt, bis es irgendwann nur noch die Alten sind, die um jenen Schleier wissen, der bedeckt, was niemand der Beteiligten hervorholen möchte, das heißt, was niemand durch Gedanken neu beleben möchte, was niemand zu der Wahrheit des Vergangenen hinzufügen will. Und tatsächlich bleiben die allermeisten dieser Geschehnisse vor dem Interesse der Gegenwart verborgen. Nur bei einem verschwindend kleinen Teil verhält es sich anders. Dort mutet es geradezu gespenstisch an, nicht erklärbar. Wie aus dem Nichts treten plötzlich Ungereimtheiten zutage, Probleme, die ihrer Auflösung harren. Fragen werden gestellt und nicht selten verhält es sich so, dass im Zuge jener Entwicklungen gewisse Aussagen ins Hysterische geraten und gewisse Handlungen ins Übermotivierte, dass sich die Umstände weiter verdunkeln, obwohl das Gegenteil beabsichtigt wird, ja, dass sich erneut Ereignisse aneinanderreihen, sich überstürzen, sich verbeißen, sodass unter ansteigendem Druck und hochkochenden Gemütern abermals etwas Schlimmes geschieht, eben etwas von den ganz schlimmen, furchtbaren Dingen, die im Gegensatz zu anderen schlimmen Dingen umso abscheulicher sind, da sie sich von Mensch zu Mensch richten.
I
Mit ernsten Gesichtern verteilte sich die Kommission auf die Fahrzeuge und fuhr entlang von blühenden Wildrosen und Holunderdolden hinauf zum Weizenfeld nah an die Waldkante heran. Es war schwülwarm, der Himmel zum ersten Mal seit Tagen bedeckt. Für den Gutachter gab es keinen Zweifel, dass im Feld Schwarzwild am Werk gewesen war. Der Weizen stand in der Milchreife und seine Halme waren großflächig niedergedrückt und abgefressen.
«Was eine Rotte Sauen angerichtet hat, lässt sich keinem Dachs zuschreiben», sprach er in die Richtung der Ersatzpflichtigen, Jette und Jutta Höneisen. Zu Schadensersatz verpflichtet waren nur die Schäden durch Schalenwild, durch Kaninchen und Fasan. Volker Wenzdauer schüttelte den Kopf, wobei sein Gesicht ob der geknickten Halme selbst einen Knick bekam. War der Bauch das größte an ihm, so war sein Gesicht das kleinste. Man gewann den Eindruck, dass es nur eine winzige Fläche seines Kopfes benötigte, die sich, wenn er wütend war oder lachte, gar auf Faustgröße zusammenkniff. Der Gutachter nahm seinen Stift und seine Formulare. Er sprach laut vor, was er notierte und was er wo ankreuzte, woraufhin er gemeinsam mit dem Geschädigten Wenzdauer eine erste Schätzung des Schadens beratschlagte. Vor aller Augen telefonierte er mit dem Vertreter der Gemeinde. Als er sich umwandte, saß Jette bereits im Wagen. Da fühlte er sich mit einem Mal ganz sonderbar. Ihm fröstelte und sein Blick glitt über die Felder hinunter zur Straße, hielt einen Moment an der alten Windmühle, wanderte nach Norden, floh abermals hinauf an den Saum des Waldes, wo er ein junges Mädchen spielen sah. Die roten Tupfer des Klatschmohns begannen in einer aufkeimenden Brise zu schaukeln und einen Augenblick später strich das Korn bereits in dichten Wellen auf und ab. Die Kommission war derweil von Stechmücken umlagert. Wortlos verständigte man sich darauf, zurück in die Fahrzeuge zu steigen.
Inzwischen war der Himmel dunkel geworden und es roch nach Gewitter. Halb fünf war vorüber. Nachdem der Gutachter seine vierzig Stück Fleckvieh eingeholt hatte, musste gefüttert werden und gemolken. Seit er aus dem Krankenhaus entlassen war, hatte er den Hof verkleinert. Den Bestand hatte er reduziert, Schweinezucht und Ländereien verkauft, die gesamte Wirtschaft umgestellt auf ökologisch. Und während ringsum die Höfe starben, suchte er sein Glück als Kleinbauer, zog wieder Runkelrüben und Kartoffeln und freute sich, wenn der Besatz an Hase, Fasan und Rebhuhn auf seinem Land zunahm. Nunmehr war er der Nebenverdiener, während seine Frau Sigrid als Landtierärztin den Großteil eintrug.
«Du weißt, wo ich gerade gewesen bin?», fragte sie ihn, als er in die Küche trat. «Ich war auf dem Elternabend. Und es ging um die Ausweitung der Crystal-Grenze nach Westen. Wir haben darüber gelesen, erinnerst du dich?»
«Ja», sagte er.
«Die ersten Fälle hat es hier inzwischen gegeben. In der Stadt und auf dem Land. Eine Vierzehnjährige haben sie an Karolines Schule mit dem Zeug erwischt. Ich hoffe, Karo ist erwachsen genug, um von diesem Zeug die Finger zu lassen.»
«Das ist sie bestimmt», sagte der Vater.
Zum Essen gab es einen Salat mit Radieschen und Putenbrust, dazu Brot, welches lediglich von Karolines neuer Freundin mit Appetit gegessen wurde. Die anderen kauten ohne echtes Vergnügen.
«Hat man euch auch schon etwas angeboten von diesem Crystal?», fragte der Gutachter die Mädchen. «Kennt ihr jemanden, der mit diesem Zeug zu tun hat?»
«Lass‘», sagte Sigrid, seinen Arm fassend, «mach‘ ihnen keine Angst.»
«Ein bisschen Angst schadet nicht. Wisst ihr, was mit Menschen passiert, die es nehmen?»
Nachdem Karoline und ihre Freundin Ricarda aufgegessen hatten, erklärten sie, weiter an einem Referat arbeiten zu wollen.
«Ist das nicht schlimm?», sprach Karoline nachdem sie die Tür hinter sich verschlossen hatte. «Ist das nicht furchtbar? Hast du gesehen, wie er ist? So war er früher nie.»
«Glaubst du, deine Eltern schlafen noch miteinander?», fragte Ricarda.
«Kann ich mir nicht vorstellen. Warum fragst du?»
«Hm…» Ricarda spielte die Analytikerin, legte die Stirn in Falten und kratzte sich am Kinn. «Hmm», machte sie wieder.
«Ist dir vorhin das Knacken im Küchenschrank aufgefallen? Als deine Mutter den Arm deines Vaters ergriffen hat, hat es im Küchenschrank geknackt. Hast du das nicht gehört?»
«Das passiert ständig.»
«Und ist hier auch schon einmal Geschirr durch die Luft geflogen? Ich meine, ohne dass es jemand geworfen hat.»
«Was soll das? Natürlich nicht, du Spinnerin.»
«Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass wir gerade Zeuge eines paranormalen Phänomens geworden sind. Nein, lass mich ausreden! Deine Mutter ist diejenige, die kurz vorm Durchdrehen steht. Sie ist es, nicht er. Sie ist die Fokusperson. Bestimmt muss sie einiges aushalten und jedes Mal, wenn sie wieder etwas runterschlucken muss, verdrängt sie es so stark, dass es aus ihrem Körper fährt…»
«…und sich als Knacken im Küchenschrank offenbart?»
«Oder als ein umherfliegender Gegenstand, ja.»
«Wenn es soweit ist, sage ich dir Bescheid. Ich weiß nur, dass ich hier ersticke. Es ist, als würde man eine Pflanze in einem Rohr aus Metall wachsen lassen, ohne dass sie sich nach links und rechts ausbreiten kann.»
«So kann sie wenigstens nicht fett werden», meinte Ricarda.
Karoline atmete schwer und setzte sich im Schneidersitz auf den Fußboden. Ricarda tat es ihr nach und nahm ihr gegenüber Platz.
«Was ist mit dem Referat?», fragte Karoline, als ihr Blick auf die Unterlagen fiel. Ricarda winkte ab.
«Erzähl mir lieber von dir und Till Sanderbrink», sagte sie.
«Was soll ich sagen? Ich habe mit ihm gesprochen.»
«Oh ja? War er dabei?»
«Wir hatten sogar ein Date. Und ich sage es gleich: Es war totlangweilig. Die ganze Zeit hat er mir entweder Videos gezeigt oder mir von seinen Kumpels erzählt. Kannst du vergessen.»
«Stimmt es, dass Henning Wenzdauer dich begrabscht hat?», fragte Ricarda.
«Woher weißt du das?»
«Gesa hat es mir erzählt»
«Ich fürchte, Gesa ist eine Schlampe, die sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen.»
«Es stimmt also, er hat es getan. Nicht zu fassen! Das ist widerlich, Karo! Der Typ fasst dich einfach an! Das ist abartig! Warum hast du ihm keine gescheuert?»
«Komm‘ runter. So sind Jungs nun mal. Die haben ihre Triebe nicht im Griff. Ja, ich hätte ihm eine runterhauen sollen, aber ich habe es nicht gemacht. Keine Ahnung», sagte Karoline. «Glaubst du nicht, dass er ein bisschen seltsam ist?»
«Und wenn schon! Wenn er wirklich – »
«Oh mein Gott»!, rief Karoline, die ans Fenster getreten war. «Sieh‘ dir diesen Himmel an! Ich sage dir, das ist nicht mehr normal.»
Ricarda stürzte zu ihr hin.
«Schau, da hat es schon geblitzt! Und es hagelt!»
Bevor der Anruf kam, war jeder der Eheleute für sich. Nachdem Karoline und Ricarda den Tisch verlassen hatten, war der Gemütszustand des Gutachters an einen Tiefpunkt gelangt. Er beklagte sich darüber, dass seine Tochter ihm gegenüber so reserviert sei, dass sie sich an ihm störe, bloß wenn er in ihre Nähe komme. Und das, nachdem er sie mit Liebe aufgezogen habe, ihr Schwimmen, Radfahren und Reiten beigebracht habe. Und das Spielen auf der Trompete.
«Du musst ihr Zeit geben», hatte Sigrid gesagt. «Sie ist in einer besonderen Phase. Sie verändert sich. Und das letzte Jahr war auch für sie nicht leicht. Hast du dich seitdem etwa nicht verändert? Na, also. Nimm ein bisschen Abstand und du wirst sehen, die Dinge werden sich von ganz allein lösen.»
Mit hängenden Schultern war er in die Stube gegangen, hatte sich ein bisschen mit seinem Instrument und alten Fotoalben beschäftigt, wie er es in jüngster Zeit zu tun pflegte, während Sigrid drüben in der Praxis war. Als sie zurückkam, hörte sie, wie sich ihr Mann am Telefon unterhielt. Am anderen Ende der Leitung sprach Volker Wenzdauer. Er redete hastig, klang besorgt. Sein Sohn Henning habe vorhin ein junges Mädchen am Waldrand erblickt. Ob er sich denn mal den Himmel angeschaut habe, dass das ja nicht mehr mit rechten Dingen zugehen könne! Das Mädchen allein bei dem Unwetter! Was denn jetzt zu tun sei?! Sie verabredeten sich am Bungenstedter Turm. Der Gutachter nahm Regensachen und Taschenlampen, holte den Hund aus dem Zwinger, doch als er mit allem an seinen Wagen trat, sah er jenen von Jutta Höneisen vorne an der Straße stehen. Warum überraschte ihn das nicht? Verärgert klopfte er an ihre Scheibe. Sie müsse mit ihm reden, hieß es. Er erzählte ihr von Volkers Anruf und sie beschloss, ihn zu begleiten.
«Wir nehmen meinen Wagen!», rief er zornig gegen das Unwetter an.
Am Bungenstedter Turm erwartete sie Volker mit seinem Sohn Henning. Er war sicher schon fünfzehn, besaß aber immer noch eine Jungenstimme und kein Barthaar. Er erzählte, wo er das Mädchen gesehen hatte, bevor es im Wald verschwunden war. Sie peitschten ihre Fahrzeuge den Anhang bis zum Rand hinauf, durchstöberten mit Rufen und Lampen das ächzende Gehölz, weiteten ihre Suche noch aus, als sie erfolglos blieb, aber ein Kind fanden sie nicht.
«Ich glaube dir, dass du das Mädchen gesehen hast», sprach der Gutachter zu dem Jungen. «Bist du sicher, dass es hier gewesen ist?»
«Ja, gleich hier bei der alten Buche», beteuerte er.
«Und du sagst, es sei in den Wald gelaufen? Dann gehört es sicherlich nicht zu einem der Dörfer dort unten, sondern zur anderen Seite.»
Die kleine Gruppe war unter das Blätterdach der Pflanze geflüchtet, an deren Stamm ganze Bäche herunterrauschten. Über ihnen knirschte und schnaubte das Astwerk und zischte das Laub.
«Aber was ist denn jetzt zu tun?», wollte Volker wissen, der vergeblich probierte, sich eine Zigarette anzuzünden. «Müssen wir die Polizei verständigen?»
Der Gutachter schüttelte den Kopf. «Nein», rief er. «Die können auch nicht mehr machen. Hier ist niemand.»
Daraufhin trennten sie sich. Zwischen dem Gutachter und Jutta kam es auf der Rückfahrt zu einer Aussprache:
«Wir können keine gemeinsame Zukunft haben», erklärte der Gutachter. «Diese Sache im letzten Jahr hat mir die Augen geöffnet. Seitdem ich zurück bin, ist mir klar geworden, dass ich so nicht weitermachen kann, dass ich mich um meine Familie kümmern muss. Und ich werde auch nicht mehr zum Jagdhornblasen kommen. Das musst du akzeptieren.»
Jutta Höneisen, die augenblicklich spürte, wie sich ihre Bauchhöhle zusammenkrampfte, gehörte, ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester, zu jenen Menschen, die im Leben stets mit starken Zweifeln zu kämpfen hatten; Zweifel an ihrer Person, Zweifel an ihrer Art zu sein, zu leben, Gedanken, die ihr einimpften, keinen Wert zu besitzen, nichts zu können, keine Talente, ja, überhaupt keine guten Eigenschaften aufzuweisen. Bei allem Schlechten, was ihr widerfuhr, meinte sie, dass es ihr zu Recht geschehe. Bei allem Guten glaubte sie, dass es nicht lange andauern würde. Seitdem ein Sarkom sie vor vielen Jahren zur Witwe gemacht hatte, schien es ihre Bestimmung zu sein, ihr Herz an verheiratete Männer zu vergeben. Sie neigte ihren Kopf und sah auf die zerwühlten Felder hinaus.
«Dann ist es also vorbei», hauchte sie, während sie sich innerlich gegen eine lange, schlaflose Nacht zu wappnen suchte.
Zur gleichen Zeit auf derselben Straße fuhr Volker Wenzdauer mit seinem Sohn in die entgegengesetzte Richtung. In ihrem Fahrzeug lachte auch niemand.
«Menschenskinder», klagte Volker, während er auf die Felder deutete. «Sieh‘ dir das an», sagte er, «das Getreide liegt platt auf der Erde."
Für den Rest der Strecke schimpfte er über die zu erwartenden Ernteverluste. Auch daheim wurde es nicht besser mit ihm. Er schlurfte durch die Räume wie ein Mondsüchtiger, stieß mit seinem Bauch mehrere Gegenstände um, darunter eine Vase mit Schnittblumen, stolperte die Treppe hinauf, verlangte nach einer Wettervorhersage und einem zweiten Abendessen, bis seine Svantje es endlich schaffte, ihn ins Schlafzimmer zu lotsen und etwas aufzumuntern: «Aber du kannst ja jetzt doch nichts unternehmen. Warte erst mal ab. Schau, die Höneisens müssen für den Wildschaden aufkommen. Ist das etwa nichts? Na, also. Und der Gutachter ist auch wieder im Dienst. Das wird schon werden. Komm her, lass dich drücken, mein Kleiner.»
Sie knöpfte ihm die Hose auf und bearbeitete ihn mit weichen, frischen Fingern, die sie den halben Tag in Quark getaucht hatte.
«Ja, so ist es gut, mein Kleiner. Bububu. Mach es mir hier auf die Brust, ja, so ist es gut. Bububu. Oh, da ist es schon passiert. Das hast du fein gemacht. Und jetzt sei so gut und hol‘ mir etwas Toilettenpapier aus dem Badezimmer, ja?»
Nachdem der Gutachter Jutta Höneisen verabschiedet und seinen Hund in den Zwinger gebracht hatte, ging er zurück ins Haus. Als er die Stube betrat, saßen die Mädchen am Klavier und spielten vierhändig. Sigrid saß auf dem Sofa im Lichtkegel einer Stehlampe, trank Wein und blätterte in der Zeitung. Allesamt starrten sie ihn an.
«Habt ihr das Kind gefunden?», wollte Sigrid wissen.
Der Gutachter winkte ab. «Das war wohl falscher Alarm», sagte er. «Was immer der Junge da oben gesehen haben will, es war jedenfalls kein junges Mädchen.»
Da knackte es plötzlich ganz gewaltig über ihnen im Gebälk. Karoline war die Erste, die ihre Fassung zurückerlangte. Sie erhob sich vom Klavierhocker und verließ wortlos das Zimmer. Die Anderen schauten sich mit einem Ausdruck zwischen Ratlosigkeit und Verwunderung an.
«Sie haben eine so wunderbare Tochter», brach Ricarda das Schweigen. «Sie ist klug und hübsch. Und ich bin mir sicher, dass sie über diesen tragischen Vorfall im letzten Jahr besser hinweggekommen ist, als Sie glauben.»
«Darüber hat sie mit dir gesprochen?», fragte der Gutachter.
«Ja, das hat sie. Sie hat mir erzählt, was passiert ist und dass Sie lange im Krankenhaus gewesen sind.»
«Und sie hegt wirklich keinen Groll gegen mich?»
«Das tut sie nicht, glauben Sie mir. Geben Sie ihr einfach etwas Zeit. Aber jetzt wird es Zeit für mich; es hat ja aufgehört zu regnen. Ich verabschiede mich und bin verschwunden», kicherte sie. «Gute Nacht!»
II
In den nächsten Tagen traten die Schäden des Unwetters ans Licht. Hauptsächlich betroffen waren die Getreidebauern, doch neben ihren verwüsteten Feldern und beschädigten Gebäuden wurden auch zwei Pferde getötet. Darüber erging man sich in epischer Breite, sprach über die Veränderungen des Klimas, glaubte zu beobachten, dass sich das Wetter seit ein paar Jahren immer episodenhafter zeigte mit wenigen sehr heißen Tagen, gefolgt von Unwettern und anschließenden kalten Tagen. Aber nicht nur darüber sprach man. Begonnen hatte es in Svantjes Hofladen, wo man neben den üblichen Produkten auch Kaffee aus einer Braunschweiger Rösterei genießen konnte, was die Leute anlockte. Und während es aus den Tassen dampfte, sprachen die Leute: «Ein Mädchen, sagst du? Was denn für ein Mädchen? Bei der alten Buche? Und dann war es verschwunden? Das gibt es doch nicht! Wie gespenstisch!»
Von diesem Laden breiteten sich die Gerüchte bis nach Heiningen aus und von Heiningen über Dorstadt und Ohrum bis nach Halchter, also entlang der gesamten Ostflanke des Oderwaldes. Von Halchter gelangten sie bis nach Wolfenbüttel, wo mittwochs und samstags Markt abgehalten wurde. Dort wusste man bereits von mehreren Sichtungen zu berichten; ganze Beschreibungen des Kindes wurden geliefert, mal mit braunen, mal mit roten Haaren, mal trug es ein Kleid, dann wieder eine kurze Hose mit kleinen Stiefeln. Wo wohnte es? Das wusste keiner so genau. In einer Version war die Rede von einem entlaufenden Waisenkind, in einer nächsten sprach man schon von der Geisel eines Kinderschänders, die sich befreit hatte und nun im Wald versteckte. Kinder verschwanden ja genug in diesem Land, warum sollte es nicht eines von ihnen sein? Ja, man könne den Wald doch einmal durchsuchen…
Der Gutachter ärgerte sich darüber. Dennoch kam er nicht daran vorbei, sich einzugestehen, dass sich eine seltsame Stimmung über den Landstrich gelegt hatte. Besonders deutlich wurde es ihm, wenn er des Morgens seine Milch in die Käserei nach Heiningen fuhr. Sowie er die Pappeln hinter den Wiesen stehen sah, war es, als ob sich ihre Wipfel anders neigten; wenn er die Oker durch die Niederung streichen sah, schien es, als ob sie anders flösse; ihm war, als ob die Wolken anders zögen und die Milane anders riefen. Immer wieder suchte sein Blick die alte Buche am Waldrand auf, durchdrang mühsam den grauen Dunst, der sich im Korn verfangen hatte, in der Hoffnung, er möge es im fahlen Schein der Morgensonne noch einmal zu Gesicht bekommen. Doch so oft er auch an dieser Straße fuhr, das Mädchen sah er nicht mehr. Und weil er sich damit nicht abfinden wollte, war er noch einmal allein zur alten Buche hinaufgestiegen, bloß um festzustellen, dass die Leute Speisen und Getränke an ihren Wurzelfuß gelegt hatten. Auch ein Stofftier war darunter. Da bekam er einen Wutanfall. In seiner Raserei zerstörte er alles, trat Becher und Teller ins Gebüsch und zerriss das Stofftier in Fetzen.
Als Sigrid eines Tages vom Hof der Wenzdauers zurückkehrte, wo sie einer am Milchfieber erkrankten Kuh eine Infusion hatte legen müssen, sagte sie zu ihm: «Die Svantje wird auch immer dicker, findest du nicht? Auf dem Hof macht sie ja gar nichts mehr, sitzt nur in ihrem Laden und klönt mit ihren Weibern. Möchte wissen, warum er ihr das durchgehen lässt.»
Sie lachte und fügte hinzu: «Vom Förster haben sie schon einen auf den Deckel bekommen, weil sie im Wald bunte Bänder aufhängen.»
Es war Mitte Juli, etwa einen Monat nach dem Unwetter als ihr Sohn Ansgar, der an der Technischen Universität zu Clausthal studierte, sie besuchen kam. Das schien allen in der Familie gut zu tun. Besonders Karoline war glücklich, ihren Bruder zu sehen. Gleich als sie seinen Wagen in der Auffahrt entdeckt hatte, war sie ins Haus gestürmt, um ihn zu begrüßen. Nach dem Abendessen unternahmen sie einen langen Spaziergang durch die Feldmark und besprachen die Renovierung ihres Zimmers. Anschließend erzählte sie ihm von der Nacht des Unwetters und von dem Mädchen, das man am Waldrand gesehen hatte.
«Das ist seltsam», sagte ihr Bruder. «Vor Kurzem habe ich von einem Mädchen geträumt. Es hatte seine schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten und sprach mit den Tieren und den Pflanzen.»
«Hör‘ auf, du machst mir Angst. Es reicht, dass unser Vater so eigenartig ist.»
Sie meinte, dass sie am liebsten ausziehen wolle, um endlich einen Abstand zwischen sich und ihn zu bringen.
«Du hast Recht», sprach Ansgar, «seit seinem Infarkt ist er verändert, aber jetzt ist es an uns, für ihn da zu sein.»
«Aber er sagt ja nichts! Was braucht er denn? Ständig will er allen helfen und merkt nicht, dass das niemand will. Für dich ist es leicht; du wohnst ja nicht hier. Und kommst auch nur noch selten vorbei.»
«Aber jetzt bin ich ja da», sagte er. «Und ich bleibe auch lange.»
Nachdem sie ein Stück schweigend zurückgelegt hatten, ergriff Karoline erneut das Wort und fragte: «Findest du, dass ich mich Papa gegenüber ungerecht verhalte?»
«Er wird es schon verstehen», entgegnete ihr Bruder, «Für keinen von uns war es leicht, aber für dich muss es besonders schlimm gewesen sein. Immerhin warst du es, die ihn gefunden hat.»
«Daran denke ich aber gar nicht mehr. Das habe ich verdrängt.»
«Und trotzdem bleibt das Gewesene. Und mit ihm auch die Angst.»
Darüber dachte sie lange nach. Schließlich hielt sie mitten auf dem Weg inne, drückte ihr Gesicht an seine Brust und sagte: «Ich bin so froh, dass du da bist.»
Sie hatte keine Vorstellung davon, auf welche Art ihr Bruder dieses Gefühl mit ihr teilte.
Tags darauf stand die Renovierung Karolines Zimmer an. Sie waren früh aufgestanden, um ihr eine Farbe auszusuchen und das Zimmer auszuräumen. Mit dem Streichen kamen sie gut voran, scherzten miteinander, lachten viel. Am Nachmittag stieß Ricarda Ückerlin zu ihnen, die inzwischen mit dem Rauchen angefangen hatte.
«Ich werde niemals rauchen», schimpfte Karoline. «Weißt du warum? Weil ich es hasse, von irgendetwas abhängig zu sein. Es ist schon schlimm genug, dass ich von Menschen abhängig sein muss.»
«Reg‘ dich ab. Das ist doch bloß eine Phase.»
Da sich Ricarda und Ansgar mochten, gingen sie am Abend zu dritt an den Badesee.
Sowie Karoline nach dem Schwimmen aus dem Wasser stieg, klatschte Ricarda ihr schon von Weitem Beifall. Sie rief ihr zu, sie sehe aus wie eine Sexgöttin und ob sie denn nicht merke, wie die Leute sie anstarrten.
Nach dem Schwimmen machten die Mädchen sich für eine Feier zurecht und Ansgar blieb allein bei seinen Eltern. Er log sie an, als er von seinen Prüfungen erzählte, was er auf seine Lage in Clausthal schob. Als er am folgenden Nachmittag seiner Schwester in der Küche begegnete, spürte er, dass zwischen ihnen etwas anders war, als noch am Tag zuvor. Er bemerkte zunächst, wie er ihrem starken Blick auswich und einem Gespräch mit ihr nicht folgen konnte. Dann verhielt es sich anders herum; sie wich seinem Blick aus und er suchte den ihren einzufangen, ließ den seinen über ihren Körper gleiten, was sie sogleich durchschaute und wütend machte. Sie donnerte plötzlich ihren Teller in das Spülbecken und sagte, sie wolle jetzt mit dem Hund gehen. Mit einem Mal fühlte er sich schlecht und schuldig. Sigrid betrat die Küche, er aber ignorierte sie, räumte hastig die Sachen seiner Schwester beiseite, verließ das Haus, setzte sich in seinen Wagen und fuhr drauflos, über die Landstraßen bis nach Irgendwo und wieder zurück. Während er so dahinraste und sich überlegte, dass es nur einen Ruck seines kleinen Fingers brauchte, um seine Existenz zu beenden und er spürte, wie ein Gemisch aus Erregung und Angst seine Blutbahnen durchflutete, war es ihm, als ob das Leben in diesem Augenblick weder bergauf noch bergab verlief, sondern dass es in Schwerelosigkeit verharrte. Abends standen sie sich in ihrem hübschen neuen Zimmer gegenüber und er beichtete ihr zunächst von seinen schlechten Prüfungen, ehe er ihr von seiner Situation in Clausthal erzählte. Dann gestand er ihr auch noch seine Liebe.
«Aber ich liebe dich doch auch. Und das mit deinem Studium finde ich nicht so schlimm. Es ist doch viel wichtiger, dass du jetzt weißt, dass dies nicht dein Weg ist.»
«Karo», unterbrach er sie. «Ich liebe dich ja nicht nur wie ein Bruder seine Schwester liebt. Verstehst du nicht?»
Mit einem Mal fing sie heftig an zu zittern. Ihre Atmung ging keuchend und flach und als sie im Gesicht jegliche Farbe verlor, bekam er es mit der Angst zu tun. Um sie zu beruhigen, wollte er ihr den Arm um die Schultern legen, sie aber wehrte ihn ab. Mit schlotternden Knien und ohne ein Wort herauszubekommen schob sie ihn in Richtung Tür. Dabei schlug ihr Herz so stark, dass er es hören konnte.
Zwei Wochen darauf fand die Hochzeit von Sigrids Großnichte Mechthild statt. Es war derweil August und die Getreideernte zum größten Teil eingefahren. Neben den Stoppelfeldern zeigten sich die ersten violett schimmernden Bienenweiden und in den Wäldern ranzten Marder und junge Dächsinnen, während Bachen und Fuchsfähen längst mit ihren Kleinen durch die Landschaft stromerten. Zu besonders heißen Tagen vernahm man das gelegentliche Fiepen einer Ricke oder bemerkte einen kräftigen Bock über den Acker springen.
Nach der Trauung traf sich die Hochzeitsgesellschaft auf der Wiese bei der alten Mühle am Bungenstedter Turm. Wer von den Landwirten seine Ernte schon beendet hatte, saß mit den anderen am Tisch, trank auf das Brautpaar und bediente sich am Buffet. Unter den Gästen befanden sich der Gutachter mit seiner Frau und seiner Tochter, wie auch Volker und Svantje Wenzdauer mit ihrem Sohn. Zu sehen war Jette Höneisen mit Kindern und Ehemann – bei ihnen saß auch Jutta, die heftig trank. Aber auch Geladene aus der weiteren Umgebung waren anwesend, wie etwa der Garten- und Landschaftsgärtner Hannes Utrecht, eine sehr gesellige Persönlichkeit mit kreisrunden blauen Augen, der seinerseits viele Freunde unter den Gästen hatte. Dem einen oder anderen mochte er zu geschwätzig sein, besonders wenn es um seine Jugendjahre ging, dann sagte er immer: «Man muss jeden Augenblick genießen! Jeden Augenblick!» Aber die meisten mochten ihn. Ihm schräg gegenüber saß Doris Haberkorn mit ihrer hübschen Tochter Ina, die gerade ihr Studium beendet hatte und nun Holzklebstoffe am Institut für Holzforschung entwickelte. Nicht allen gelang es bei der Feier ihre Maleschen bei sich zu behalten. Da war beispielsweise der Kartonagefabrikant Ingo Dälken, der fürchterlich auf die Politik schimpfte und drohend wiederholte: «Da werden wir noch ein dickes Brett zu bohren haben! Ein ganz dickes Brett! Das könnt ihr mir glauben!» Oder der Schankwirt Lasse Natemeyer, der auf die Frage, weshalb sein Nebenbuhler bei der und der Brauerei weiterhin seine Prozente bekam, mit ganz schmalen Lippen antwortete: «Weil eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Krähen», sagte er. «So ist das.» Da waren Christina Kemmer und Sarah Lüking, die sich einen Tisch weiter darüber ereiferten, dass die Leute ja nicht damit zurecht kämen, wenn man ihnen einmal die Wahrheit sage. Nein, sagten sie, die Wahrheit, die wolle keiner hören. Da waren sie sich einig.
Nach einer kurzen Dankesrede der frisch Vermählten, gefolgt von einem Dutzend Trinksprüchen zum Wohle ihrer Ehe, wandte man sich Hochzeitsspielen zu. Und so saß die Gesellschaft beieinander unter dem sich weit spannenden Blau des Augusthimmels, bis plötzlich an einem der Tische Unruhe entstand. Ein Angstruf unterbrach das Gelächter und den zur Menge sprechenden Bräutigam. Allgemein suchte man den Grund für die sich rasch ausbreitende Aufregung zu ermitteln, als die Blicke sich nach und nach auf einer Person bündelten: Es war Annemarie Heberling, eine junge Frau, Freundin und Trauzeugin der Braut, die so etwas wie einen Erstickungsanfall erlitt. Plötzlich spie sie Blut und ihr Gesicht, welches zuvor nur weiß geworden war, färbte sich nun bläulich. Drei, vier Personen, darunter der Gutachter, stürzten zu ihr hin, versuchten ihr den Mund zu öffnen, ihr den Speisebrei aus der Mundhöhle und dem Rachen zu räumen – eine Krankenschwester war dabei, die einen speziellen Handgriff bei ihr probierte. Neben ihnen stand ein kleiner Junge, der anfing zu schreien und nach seiner Mutter rief. Da schoss ein zweiter Schwall Blut aus Annemarie heraus. Aber endlich hörte man, wie die arme junge Frau einen Atemzug tat. Man legte sie auf die Wiese, streichelte ihr den nassen Kopf, sagte ihr, dass Hilfe bereits unterwegs sei. Aber noch wusste niemand, was überhaupt geschehen war. Bis endlich jemand den Splitter einer Rasierklinge in ihrem Essen fand. Sie musste sich die Zunge zerschnitten haben, vielleicht Schlimmeres. Eine Woge des Entsetzens ging durch die Gemüter: So etwas, das sei das Allerletzte, das sei von einem kranken Gehirn ersonnen! Die ganze Gesellschaft müsse sich nun ärztlich untersuchen lassen; einige hielten sich bereits den Bauch oder den Hals im Glauben einen Schmerz zu spüren. Man durchwühlte das Essen am Buffet nach weiteren Klingenteilen und fand tatsächlich im Kartoffelsalat noch drei Stücke. Aber wer hatte von dem nicht gegessen? Die Situation entglitt den für Ordnung Sorgenden endgültig, als plötzlich der Garten- und Landschaftsgärtner Hannes Utrecht vor Schmerzen aufschrie und, sich an die Brust fassend, auf seinem Stuhl zusammensackte. In der allgemeinen Panik bekam niemand mehr mit, wie Henning Wenzdauer das Treiben verließ und in westliche Richtung zum Wald hinauf rannte.
III
Von Henning Wenzdauer sagten die Leute, das sei jemand, der das Gras wachsen und die Flöhe husten höre. Er galt als einer von jenen, die stets am Rande des Geschehens standen, unauffällig, scheu und verschwiegen, ein schüchterner Zeitgenosse, der Fragen in seine Richtung am liebsten mit einer Gegenfrage beantwortete, verbunden mit der Hoffnung, man ließe ihn einfach in Frieden. In der Schule sein zu müssen, war ihm ein Graus, nicht weil er von seinen Mitschülern gequält wurde – zumindest nicht über ein erträgliches Maß hinaus, vielmehr weil die Inhalte ihrer Gespräche, die Palette ihrer Stimmungen und die Gestalt ihrer Gedanken wie ungesiebt in ihn drangen und dort für Unruhe sorgten. Dazu kam der Lärmpegel, der freitagnachmittags seinen Höhepunkt erreichte, wenn die Scharen von Kindern am Bahnhof in Wolfenbüttel auf ihre Busse warteten. An den Haltestellen fingen nicht wenige schon mit dem Alkohol an. Aber nicht nur Alkohol mache hier die Runde, sagte man, Hasch und Gras sei genauso dabei wie Crystal. Es war also kein Wunder, dass sich jemand wie Henning an einem solchen Ort nicht wohl fühlte. Wenn er nicht auf dem Hof seiner Eltern half oder mit Schularbeiten beschäftigt war, zog es ihn hinauf zum Oder, in welchem er lange Spaziergänge unternahm oder bei der alten Buche verweilte, wo eine offene Jagdkanzel stand, in welche er sich hineinsetzte und seinen Blick stundenlang durch die Landschaft schweifen ließ. Da war die alte Mühle, dahinter die Bahntrasse und der Elm; zu seiner Linken ragten die Türme Wolfenbüttels empor und noch weiter dahinter erkannte er die noch höheren Türme der Löwenstadt.
An der Nordseite des Oders lagen die Überreste eines alten Bunkers aus der Nazizeit. Heute war dort ein Schießstand, zu dem ihn Opa Paul mitgenommen hatte, um ihn mannhafter zu machen und ihm die Jagd näher zu bringen. Doch damit war es nun vorbei; Opa Paul war vor zwei Jahren verstorben. Zum Schluss hatte er ohnehin nur noch in der Küche gesessen und Tee getrunken und sobald man in seine Nähe kam, hatte er, ohne von seiner Zeitung aufzublicken, gesagt: «Es ist zum Kotzen. Es ist und bleibt zum Kotzen.» Jetzt lagen seine Gebeine unten an der Harzburger Straße; den Friedhof konnte Henning von seiner Kanzel aus erkennen.
Neben der alten Bunkeranlage gab es noch die Schalkerburg an der Westseite des Waldes, einen rätselhaften Ort – nicht mehr als ein Erdwall – der aber, so hieß es, zu einem Bauwerk gehörte, das weit aus jener Zeit stamme, in der die Menschen noch keine Christen waren. Im vergangenen Jahr hatte er diese Stätte oft besucht und war mit seinen Gedanken in die Vergangenheit gereist, die für ihn ein großes Dunkel blieb, ein Geheimnis, welches sich in seiner Betrachtung über den gesamten Landstrich legte. Häufig spazierte er von seiner Kanzel wenige hundert Meter in südliche Richtung und ging auf der Höhe von Dorstadt aus dem Wald heraus, wo man bis zum Brocken hinausschaute. Hier konnte er sich öffnen und weit machen, denn seine junge Seele sehnte sich nach Verschmelzung, nicht nur mit der Weite der Landschaft, sondern noch viel mehr mit einer zweiten Seele, mit einer ihm verwandten Seele, wie er meinte. Und wenn er dort hinunter sah auf das alte Rittergut mit seinen Gärten und Teichen, dann fragte er sich, ob es nicht sein könne, dass dort in einem der Gebäude hinter einem der vielen Fenster seine Seelenverwandte saß und hier hinaufschaute und beim Anblick der Baumwipfel, ohne ihn zu kennen, von ihm ins Träumen geriet. Zu dumm nur, dass die einzige Person, die sich jemals in ihn verliebt hatte, die Nachbarstochter Hedda Thunhorst war, die Henning hässlich fand. Sie war so dick, dass es für ihn aussah, der Sattel ihres Fahrrads würde in ihrem Hintern verschwinden, wenn sie zu ihnen auf den Hof gerollt kam. Sie war ja eine nette Person, aber in ihrer Gegenwart fühlte Henning sich stets befangen und formulierte Sätze wie: «Ich sollte jetzt wirklich reingehen und meinem Vater helfen.»
Es war im Frühsommer als sein einsames Leben eine andere Bahn einschlagen sollte. Es begann damit, dass er das junge Mädchen am Waldrand erblickte. In diesen Tagen war er hauptsächlich deshalb hier heraufgekommen, weil er sich schämte. Auf dem Weg von der Sporthalle zum Klassenraum hatte er der Tochter des Gutachters an den Po gefasst; eine ganz dumme Sache, bei der er anderen imponieren und sich selbst etwas beweisen wollte, ein Ergebnis überreizter Nerven, eine Kurzschlusshandlung, eine Kopflosigkeit. Nur war der Blick, mit welchem Karoline ihn daraufhin bedacht hatte, das Schlimmste daran gewesen. Wenn es Verachtung gewesen wäre, wenn es Ekel gewesen wäre, wenn sie ihm eine heruntergehauen hätte, doch ihr kopfschüttelndes Mitleid hatte ihn in ein ganz erbärmliches Wesen verwandelt, sodass er bereits an Ort und Stelle mit den Tränen der Selbstverachtung gerungen hatte. Nach abgeklungenem Schrecken war er vom Schulgelände geflüchtet, ohne jedoch seinem Blick auf sich selbst zu entkommen. Mit dem Gesicht in den Händen in seiner Kanzel kauernd, hatte er nicht bemerkt, wie es um ihn herum immer dunkler wurde. Es war der Tag des großen Unwetters. Erst als es zu regnen angefangen hatte, war er von seiner Kanzel gestiegen, hatte von der Straße aus noch einmal hinaufgeschaut und es dort entdeckt: Ein etwa zwölfjähriges Mädchen an der alten Buche. Doch wie das Schicksal es wollte, war er erst am nächsten Tag mit ihr ins Gespräch gekommen. Er hatte schon eine Weile bei der Buche gesessen, als er hinter seinem Rücken ein Rascheln vernahm. Und plötzlich stand es also vor ihm, ein wunderhübsches Kind mit ganz heller Haut und ganz schwarzen Haaren.
«Warum kommst du immer hier hinauf und schaust so traurig?», fragte das Kind.
«Ach», sagte er, «ich habe eine große Dummheit gemacht und der Tochter des Gutachters an den Hintern gefasst. Und jetzt schäme ich mich und wünschte, dass alles wäre nie passiert.»
«Du Armer», sagte das Mädchen. «Ich will sehen, ob ich dir helfen kann. Leg‘ deinen Kopf in meinen Schoß und schlaf‘ ein wenig. Wenn du erwachst, wird alles wieder gut sein.»
Und tatsächlich, als er am nächsten Morgen in seinem Bett erwachte und im Badezimmer vor dem Spiegel stand, war der Widerling verschwunden den er tags zuvor noch in seinem Gesicht gesehen hatte. Und auch in der Schule schien keiner mehr von der Sache zu wissen. Allen voran Karoline behandelte ihn so, als wäre nie etwas gewesen. Da war er so glücklich und befreit, dass er sich bei dem Mädchen bedanken wollte. Doch weil er zuvor Hedda Thunhorst einmal mehr hatte abwimmeln müssen, war er oben an der Buche abermals verstimmt.
«Ich wünschte», sagte er zu dem Kind, «die dicke Hedda Thunhorst würde nicht mehr zu uns auf den Hof kommen. Sie wieder loszuwerden, kostet jedes Mal viel zu viel Zeit.»
«Da hast du wohl Recht», sagte das Mädchen. «Ich will sehen, ob ich dir helfen kann. Leg‘ deinen Kopf in meinen Schoß und schlaf‘ ein wenig. Wenn du erwachst, wird alles wieder gut sein.»
Wieder hatte das hübsche Kind nicht gelogen. Hedda Thunhorst kam weder am nächsten noch am übernächsten Tag. Zwar fuhr sie mit ihrem kleinen Fahrrad noch immer die Straße rauf und runter, aber in den Hof der Wenzdauers sollte sie nie wieder einbiegen.
Als Henning das nächste Mal zur alten Buche hinaufstieg, um sich bei dem Mädchen zu bedanken, musste er feststellen, dass die Leute aus den Dörfern Speisen und Getränke an die Wurzel gelegt hatten.
«Dort unten reden alle von dir, obwohl dich noch nie jemand gesehen hat», sprach er zu dem Kind. «Ich wünschte wirklich, das Gerede würde endlich aufhören und die Leute würden nicht mehr an dich denken.»
«Ich will sehen, ob ich dir helfen kann», sagte das Mädchen. «Leg‘ deinen Kopf in meinen Schoß und schlaf‘ ein wenig. Wenn du erwachst, wird alles wieder gut sein.»
So geschah es für den nächsten Tag, so geschah es für den übernächsten. Niemand redete mehr von dem Mädchen am Waldrand, niemand dachte mehr an es. Bei ihrem nächsten Wiedersehen wollte er aber endlich wissen, wo das Kind denn herkomme und wo es wohne.
«Ich komme von der alten Schalkerburg», antwortete das Kind. «Aber die bösen Waldarbeiter haben mich vertrieben. Kennst du den Dachsbau am Hungerberg? Dort wohne ich jetzt.»
Den Dachsbau hatte sogar schon Opa Paul als Junge gekannt. Damals hatten die Bauern im Oder noch ihr Holz schlagen dürfen. Der Bau musste an die hundert Jahre alt sein und niemand wusste, wie tief seine Röhren ins Erdreich führten.
«Wenn du magst, kannst du mich dorthin begleiten», sagte das Mädchen.
Am Hungerberg folgte er dem Kind in eine Dickung. Hinter einer kleinen Eibe zeigte es ihm den Eingang in den Bau.
«Dort unten gibt es einen großen Kessel. Den habe ich mit Heu und Laub ausgelegt.»
Das Kind hockte sich hin und kroch mit dem Kopf voran in den Bau hinein. Sowie es nicht mehr zu sehen war, rief Henning ihm hinterher, ob er denn nachkommen dürfe.
«Hier im Kessel ist es warm und kuschelig», kam es aus der Erde zurück. «Und hier wäre wohl noch Platz für dich, aber bevor ich dir erlaube herunterzukommen, ist es an dir, einen Wunsch für mich zu erfüllen.»
«Was kann ich für dich tun?», fragte er freudig.
«Ich möchte, dass die bösen Waldarbeiter aus dem Wald verschwinden. Mach‘, dass sie nicht mehr herkommen!»
Auf dem Heimweg grübelte er darüber nach, wie er es nur erreichen solle, dass die Waldarbeiter aus dem Oder verschwanden. Erst am nächsten Tag hatte er einen Einfall. Beim Frühstück erzählte er seinem Vater, dass er tags zuvor einen Fuchs bemerkt, der ihm ganz verdächtig nach Tollwut ausgesehen habe.
«Ja», erzählte Henning, «der Fuchs stand da und wollte gar nicht weglaufen, er konnte sich kaum bewegen! Und aus seinem Maul lief der Speichel!»
«Menschenskinder!», rief Volker Wenzdauer, der noch vom Esstisch aus den Gutachter anrief. Dieser kontaktierte seinerseits den Amtstierarzt, das Forstamt und den Kreisjägermeister. Jetzt war Alarm! Tollwut im Oder? Das wäre der Gau! Und so geschah es, dass an diesem Tag nicht nur keine Waldarbeiter in den Oder kamen, sondern dass alle Wege, die in den Wald führten, gesperrt wurden.
«Was bist du nur für ein dummer Bauernjunge», sagte das Mädchen bei ihrem nächsten Wiedersehen. «Statt der Waldarbeiter kommen jetzt die Jäger und schießen alle Füchse ab. Und am Ende sind die Waldarbeiter ja doch wieder da. Wann wirst du endlich einsehen, dass deine Landschaft nichts als die Kulisse des Menschen ist und dass der Mensch die Wurzel allen Übels ist?»
Das Mädchen verschwand in seinem Dachsbau und wollte ihn nicht mehr sehen. Mit blassem Gesicht und zitternden Gliedern hatte sich Henning entfernt. Erneut hatte er also seine große Dummheit bewiesen und dadurch seine kleine Freundin verloren. Der Schmerz darüber fraß ihm ein großes Loch in die Brust, welches sich nicht mehr schließen wollte und sogar dann noch offen blieb, als er den Schmerz schon längst nicht mehr spürte. Deshalb zog er bald eine Mauer um das Loch, die er aus den Trümmern seines alten Ichs auftürmte, denn ein neues sollte ihm wie ein schwarzer Garten an diese Mauer wachsen. Während seine Schulkameraden mit Freude in die Ferien gingen, ließ er sich von seinem Vater Arbeit aufhalsen, die er mit starrem Blick erledigte. Zu der alten Buche stieg er nur noch selten hinauf und falls doch, dann bloß um mit Verachtung auf die Landschaft zu blicken, denn etwas Liebliches wollte er in ihr nicht mehr erkennen. Stattdessen sah er nur die von Menschen abrasierten Flächen, die Hässlichkeit der Dörfer und Straßen, die Eintönigkeit der Felder, die alles Leben mehr und mehr verdrängten. Geriete bloß eine Hecke zu hoch und zu breit, so musste man sie rasieren, als ob man Angst hätte, sie könne einem zu wild werden. Sein Zorn richtete sich ganz gegen die Leute, sogar gegen seine Eltern. Aber es war ein stiller, kalter Zorn, der nach innen sickerte und dort den schwarzen Garten mit einer Decke aus Eis überzog. Damit der Zorn heraus fließen konnte, brauchte es einen äußeren Impuls, den er alsbald erhalten sollte.
Es war die Zeit der Ernte, als er abermals den Dachsbau am Hungerberg aufsuchte, sich an den Eingang kauerte und herunter rief: «Bist du noch da? So antworte mir doch! Ich werde alles tun, was du von mir verlangst!»
An den ersten beiden Tagen hörte er nichts von dem Kind, erst am dritten drang seine Stimme aus der Erde zu ihm herauf: «Die Waldarbeiter sind wieder da und werden nicht verschwinden. Daher möchte ich die Menschen anders treffen. Bei der nächsten Hochzeit, die sie feiern, sorge also dafür, dass die Brautleute großen Schaden nehmen.»
Mit eifrigem Fleiß machte er sich ans Werk, denn die nächste Hochzeit, so hatte er erfahren, sollte schon bald steigen. In der Werkstatt auf dem Hof stellte er seine Klingensplitter her, welche er bloß noch unter das Essen zu mischen brauchte. Als er am Abend der Hochzeitsfeier jedoch sah, wie zwei Menschen sich quälten und vor Schmerzen zu Boden gingen, da war ihm ganz schrecklich zumute. Weinend lief er von der Mühle bis an den Hungerberg hinauf, wo er dann vollständig zusammenbrach. Er schluchzte und jammerte ganz bitterlich, als er in das Erdloch rief: «Was habe ich getan! Was habe ich getan! Bitte, bitte lass mich mein Gesicht wieder in deinen Schoß legen, dass bloß alles wieder gut werde!»
Doch das Mädchen erwiderte nichts.
«So antworte mir endlich!», brüllte er hinunter. «Bitte mach, dass ich wieder der alte Henning werde. So, wie ich jetzt bin, will ich nicht mehr leben!»
Da hörte er ihre Stimme voller Trotzt zu ihm heraufdringen: «Ich komme hier erst wieder heraus, wenn die Menschen keine Hand mehr an den Wald legen!»
IV
Zwar hatten die Verletzten die Hochzeit überlebt, doch ging niemand der Anwesenden mehr von einem Fehler in der Küche aus, wie es anfangs noch geheißen hatte. Die Leute waren sich darüber einig, dass hier ein Verbrechen vorlag, dessen Urheber noch frei herumlief. Man beäugte einander, hielt sich auf Abstand; eine Furcht lag in der Luft, als ob man jederzeit damit rechnete, hinterrücks erschlagen zu werden.
Derweil war es Mitte Oktober. Die hübschen Quellwölkchen des Septembers waren verschwunden und statt ihrer hatte sich ein dunstiger Schleier ausgebreitet, unter welchem das Landleben nicht unbedingt lustiger zuging als das Leben in der Stadt. Der ständige Wechsel von Nieselregen, Wind und Nebel, ganz allgemein das fehlende Sonnenlicht, schlug sich sowohl in den Gemütern der Städter als auch der Dörfler nieder. Nicht nur, dass sich die Menschen der Witterung entsprechend kleideten, sie bewegten sich auch anders, sie sprachen anders, sie fuhren anders mit ihren Fahrzeugen, weshalb man auch häufiger im Stau stecken blieb. Auf dem Land hatte man Spätkartoffeln und Rüben geerntet und während das Wintergetreide langsam aufging, konnte man beobachten, wie sich die Arbeit allmählich von den Feldern und Weiden auf die Höfe verlagerte. Der Herbst war bereits bis weit in die Wälder vorgedrungen und wie eh und je war es die liebe Eberesche, die ihr leuchtendes Laub als erste zur Erde niederwarf, bevor Kastanien und Pappeln ihrem Beispiel folgten.
Der Gutachter war untröstlich wegen seiner Tochter, die ihn noch immer links liegen ließ. Zu seinem Glück hatte sich die alte Hilde Prisel wegen eines Wildschadens mit ihm in Verbindung gesetzt, sodass er abgelenkt war und sich zumindest andernorts gebraucht fühlen durfte. Die alte Witwe wohnte etwas abseits in der Nähe des Oders und hatte sich an ihn gewanndt, da eine Rotte Sauen ihr den Garten umgepflügt hatte. Da es sich jedoch um keinen echten Wildschaden im materiellen Sinne handelte, sodass die Jagdgenossenschaft nicht belangt werden konnte und zudem keine Gebäudeversicherung bestand, die den Schaden durch Schwarzwild abdeckte, würde die alte Dame auf den Kosten sitzen bleiben. Als der Gutachter ihr diesen Sachverhalt auseinandersetzte und sich die Augen der alten Frau, die er bereits seit seiner Kindheit kannte, mit Tränen füllten, versprach er, ihr mit dem Garten behilflich zu sein. Auch habe er noch einen alten Zaun in seinem Schuppen gelagert, den wolle er ihr gerne um das Grundstück ziehen. So kam es also, dass der Gutachter seine freie Zeit weniger daheim verbrachte. Als er seine Arbeit gemacht hatte, lud Hilde Prisel ihn auf Braunkohl und Bregenwurst zu sich in die Küche, wobei dem Gutachter, der seit seinem Infarkt keine tierischen Fette mehr zu Gesicht bekommen hatte, vor Freude ganz warm wurde. Hilde Prisel war eine wohl beleibte, fröhliche Frau, die für ihr Leben gern Karten spielte. Außerdem liebte sie Salzlakritz in dicken, schwarzen Klumpen, welche man sich in der Apotheke noch mit einer Metallschaufel abfüllen musste. Wie viele Menschen, die so leidenschaftlich gern spielten, schien auch sie von einer seltsamen Aura umwoben, die sich in versteckter Weise auf die Karten zu übertragen schien. Es reichte bereits aus, sich mit ihr an einen Tisch zu setzen und ihr ein Spiel vorzuschlagen, um ihren Puls in die Höhe zu treiben. Der Gutachter erwies sich als angemessener Gegner und fand selbst Gefallen an den Kartenspielen, weshalb er sich auch noch in den nächsten Wochen regelmäßig bei ihr blicken ließ. Außerdem hatte er in der alten Dame jemanden gefunden, mit dem er über seine Sorgen und Nöte sprechen konnte. So erzählte er nicht nur von den Problemen mit seiner Tochter, sondern auch von seinem Infarkt, von seiner ständigen Müdigkeit, die von den Medikamenten herrührte und von seinen trübsinnigen Grübeleien.
