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Die einundzwanzigjährige Marigold Claude hat schon immer die Gesellschaft der Geister der Natur allen Verehrern vorgezogen. Als ihre Großmutter sie also in das Familienhaus auf der winzigen Isle of Innisfree mitnimmt und ihr anbietet, sie zur nächsten Honey Witch auszubilden, nimmt sie das Angebot sofort an. Doch ihre neu gewonnene Magie und Unabhängigkeit haben ihren Preis: Niemand kann sich in die Honey Witch verlieben. Als sie plötzlich nicht nur gegen dunkle Magie, sondern auch gegen ihr Herz ankämpfen muss, droht sie, alles zu verlieren. Denn Lottie Burke schleicht sich in ihr Herz, ohne die Konsequenzen zu bedenken …
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Seitenzahl: 517
Veröffentlichungsjahr: 2025
Sydney J. Shields
The Honey Witch
Übersetzt von Michelle Markau
The Honey Witch
Copyright © 2024 by Sydney J. Shields
All rights reserved
Copyright der deutschen Ausgabe. © 2025 VAJOSH Verlag GmbH
Vermittelt durch die Agentur Creative Artists Agency, London United Kingdom
Übersetzung: Michelle Markau
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel
»The Honey Witch«.
Korrektorat: Katherina Kisner und Susann Chemnitzer
Dover Design: Lisa Marie Pompilio
Cover Art: Trevillion and Shutterstock
Covercopyright 2024 by Hachette Book Group, Inc.
Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJOSH Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Für meine Großmutter Kathy und all die erwachsenen Mädchen.
Sie läuft, bis das blaue Licht des Mondes auf sie herabscheint und sie führt, als wäre sie in einer fremden Welt.
Sie würde diesem Weg des Lichts folgen, wenn sie nur wüsste, wie.
Sie runzelt die Stirn, als sie sich anstrengt, durch die Dunkelheit zu sehen, die zwischen den Bäumen hervorkommt. Noch nichts zu sehen, aber bald. Einmal im Monat, bei Vollmond, kommt sie.
Vielleicht bildet sie sich das alles nur ein, und ihre Visionen sind lediglich Ausdruck ihres verzweifelten Wunsches, sich besonders zu fühlen. Wenn das der Fall ist, dann soll es so sein. Ihre Mutter erinnert sie gerne an ihr Alter, als wäre das ein Grund, nicht mehr an Magie zu glauben. Sie verdreht bei dem Gedanken die Augen – ja, sie ist eine erwachsene Frau, und ist das an sich nicht schon magisch? Dass sie so lange überlebt hat, trotz der Vorliebe der Welt für schöne tote Mädchen? Marigold ist inmitten der Dichter aufgewachsen, die die Erzählung vorantreiben – wie romantisch ist es doch, jung zu sterben, ungedehnt, unbefleckt, ohne jemals aus der Rolle der Unschuldigen herauszuwachsen. Aber was passiert, wenn das Mädchen weiterlebt, wenn es stolz und trotzig altert, ohne die Fantasie, die Geschichten oder den geheimen Wunsch aufzugeben, die Magie zu finden, wo immer sie sich versteckt?
Nun, dann würden die Dichter sie eine Hexe nennen.
Dieser Roman behandelt folgendes Themen, die für manche Leser*innen triggernd sein können.
Tätowierungen/Nadeln
Verbrennungen
Blut/Verletzungen
Sex
Hausbrand
Bienenstiche
Verlust eines Großelternteils
Tod/Trauer
Gespräche über Unfruchtbarkeit
Behandlung einer Fehlgeburt
Im Frühjahr 1831 feiert Althea Murr ihren hundertsten Geburtstag allein.
Sie sitzt unter der japanisches Wisteria, mit ihrem orangefarbenen Kater in ihrem Schoß. Auf der Lichtung singen die Bienen ein Lied für sie, das ihren hundert Jahren würdig ist.
Ein Jahrhundert des Honigs, der Erde, der Steine und des Himmels.
Des Blutes, des Giftes, der Blüten und der Asche.
Sie denkt über all das nach, was war, und was hätte sein können.
Die Sterne leuchten in der Dämmerung und erwarten ihren Wunsch. Aber sie hat keinen.
Sie hat keine Bedürfnisse oder Wünsche, die in der kurzen Zeit, die ihr noch bleibt, erfüllt werden könnten.
Die Frühlingsknospen, die die Erde schmücken, erinnern sie an ihre Kindheit, als sie eine Blume werden wollte. Sie hatte ihrer Mutter gesagt: »Eines Tages werde ich eine Rose sein. Und ich werde mich an einem Ort einpflanzen, der so schön ist, dass ich nie wieder weg will.«
Ihre Mutter hatte gelacht. »Und was ist, wenn dich jemand pflücken will?«
»Dafür sind die Stacheln da«, hatte sie gesagt.
Seitdem ist sie erblüht, hat Dornen bekommen, und jetzt welkt sie glücklich dahin. Anstatt ihr also einen Wunsch zu erfüllen, schicken die Geister ihr eine Botschaft. Vom Himmel senkt sich eine Krähe herab, ein Omen, eine Warnung – sie weiß, dass ihr der Tod bevorsteht.
Und es gibt noch so viel zu tun.
Selbst nachdem sie dreizehn Mal Nein gesagt hat, muss Marigold Claude am Ball teilnehmen. An diesem unglücklich heißen Frühlingstag ist sie zwischen ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Aster in einem viel zu engen Kleid und einer viel zu kleinen Kutsche gefangen. Es ist das Kleid ihrer Schwester aus der letzten Saison, denn Marigold weigert sich, zur Modistin zu gehen, um sich ein neues anfertigen zu lassen; ein Nachmittag, an dem gemessen, gezogen und gepikst wird, ist ein absoluter Albtraum. Ihr blondes Haar sitzt in einem so engen Zopf, dass sie ihre Brauen kaum bewegen kann. Es sieht aus, als ob sie ihre Augen vor Überraschung weit aufgerissen hätte. Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Frankie sitzen ihnen gegenüber und erfreuen sich wahrscheinlich über ihre Hosen. Eine Schweißperle rinnt ihr den Nacken hinunter und zwingt sie, ihren Fächer zu öffnen. Je mehr sie sich bewegt, desto pompöser scheint das Kleid zu werden. Mit jeder Bewegung ihres Fächers weiten sich die Rüschen zu einem flauschigen lavendelfarbenen Dunst aus. Sie wird sicher ersticken. Und diesen Tod durch ihre Seide würde sie jederzeit dem bevorstehenden Abend vorziehen.
Dieser Ball ist der erste seit ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Jetzt hat sie einige Monate Zeit, zu heiraten, bevor sie als alte und unerträgliche Hexe gilt. Die Fahrt ist ihrer Meinung nach viel zu kurz – wie jede Fahrt zu einem anderen Anwesen in Bardshire. Die opulente Stadt war ein Geschenk des Prinzregenten selbst. Viele berühmte Künstler aus der ganzen Welt, darunter Künstler wie Marigolds Vater, entstammen ihr. Sir Kentworth, ein bekannter Komponist, ist Gastgeber des heutigen Abends und stellt bei dieser Gelegenheit seine neuesten Werke vor. Eigentlich ist dieser Anlass eher eine Möglichkeit, die Leute mit musikalischer Untermalung festzuhalten und sie zu zwingen, so zu tun, als würden sie ihn genießen.
Die Kutschentür öffnet sich bei ihrer Ankunft, und der Wind sticht Marigold in die Augen. Sie steigt als Letzte aus. Unter anderen Umständen hätte sie ein Unwohlsein vorgetäuscht, um nicht dabei sein zu müssen, aber ihre jüngeren Geschwister sind ein wichtiger Teil dieses Abends, und Frankie braucht ihre Unterstützung, um die Nerven vor seinem Auftritt in den Griff zu bekommen. Er hat wochenlang geübt, aber die Melodien von Sir Kentworths Musik sind so seltsam, dass selbst Frankie – ein begabter Geiger, der spielt, seit seine Hände groß genug sind, um das Instrument zu halten – die Melodie kaum spielen kann. Aster wird Sir Kentworths neueste Arie singen, obwohl die Noten für sie beinahe zu hoch sind. Seit der letzten Probe hat Aster nicht mehr sprechen dürfen und hasste jede Minute davon. Ihre theatralische Körpersprache zeigt ihren Verdruss. Bei dieser Probe hat Marigold zum ersten Mal gesehen, dass die Zwillinge ihre Fähigkeiten nicht problemlos einsetzen konnten, was sie ein wenig darüber hinwegtröstete, dass sie selbst keine hat. Sie hat ihr ganzes Leben darauf gewartet, dass irgendein verborgenes Talent in ihr zum Vorschein kommt.
Bislang hat sich dieses nicht gezeigt. Das bedeutet, dass ihr einziges Talent es ist, eine Ehefrau zu sein, und selbst das scheint ihr von Tag zu Tag weniger gut zu gelingen. Ihr Rücken ist immer noch fest gegen die Kutschenbank gepresst. Wenn sie sich nicht bewegt, vergisst ihre Familie sie vielleicht und sie kann dem Ball entgehen.
Es gibt unzählige Dinge, die sie lieber tun würde. Wenn der blaue Vollmond wie eine Sommerfrucht aussieht, würde sie nichts lieber tun, als in dem Mondwasser zu baden, das jetzt das Flussufer überschwemmt. Sie möchte singen, ohne verurteilt zu werden, und nichts als den Nachthimmel tragen. Und wie in jeder Vollmondnacht würde sie sich über den nächtlichen Besuch freuen.
»Marigold, Liebes, komm schon«, ruft ihre Mutter, Lady Claude.
Verdammt, denkt sie. Fluchtversuch Nummer eins ist gescheitert.
Schnaufend gleitet sie aus der Kutsche und lehnt die angebotene Hand des Dieners an ihrer Seite ab. Mit einem dumpfen Aufprall setzt sie auf dem Boden auf.
»Zeig dich von den Leuten auf diesem Event heute Abend wenigstens etwas angetan«, bittet Lady Claude. »Du wirst nicht jünger, weißt du.«
Sie rückt ihr Mieder so gut es geht zurecht, ohne sich eine Rippe zu brechen, und sagt: »Ich brauche keine andere Gesellschaft als meine eigene. Und ich habe nicht vor, nur einen Moment länger zu bleiben als nötig.«
Ihre Mutter hat lange Zeit erfolglos versucht, Marigold zu einer richtigen Bardshire-Lady zu machen. Die Frau hat sie fast jedem Menschen vorgestellt, der auch nur annähernd so alt ist wie sie, in der Hoffnung, dass jemand sie davon überzeugt, dass Liebe ein edles Ziel ist. Bis jetzt waren es alles Langweiler gewesen. Alle bis auf einen – George Tennyson –, doch Marigold will nicht über ihn sprechen. Er wird heute Abend ganz sicher hier sein, und wie immer werden sie einander meiden wie die Pest. Als er um sie geworben hat, war das alles andere als angenehm gewesen. Aber auch im Liebeskummer liegt eine große Weisheit verborgen. Ob es nun Intuition, Hoffnung oder Wahnvorstellungen sind, aber Marigold weiß, dass sie nicht dazu bestimmt ist, ein Leben wie ihre Mutter zu führen.
Die Dämmerung verspricht Regen.
Er wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt, um zu fallen. In der Ferne ziehen dunkle Wolken auf, die nach der dunkelroten Sonne greifen.
Die drückende Hitze und der schwarz gefärbte Himmel erinnern sie an einen Sommer, der nun fast fünfzehn Jahre zurückliegt. Der Sommer, in dem sie das letzte Mal den einzigen Ort auf der Welt besucht haben, an dem sie sich normal fühlte – das Landhaus ihrer Großmutter.
Als Kind hatte sie die Isle of Innisfree immer gerne besucht. Der Ort sah aus wie von einer Postkarte: Dichte, weiche Kleefelder, durch die man rennen konnte, knorrige Bäume, auf die man klettern konnte, und wilde Honigbienen, die man dabei beobachten konnte, wie sie träge über die Wildblumen hinwegflogen. Und das Beste war ihre Großmutter. Althea war eine seltsame Frau, die in Rätseln und Reimen sprach und Märchen erzählte, die wenig Sinn ergaben. Doch das störte Marigold nicht. Sie brauchte keine klaren Worte, um zu wissen, dass sie und ihre Großmutter sich in allem, was sie ausmachte, glichen. Marigold schließt die Augen und versucht, sich an diesen letzten Sommer zu erinnern. Doch die Erinnerung verschwimmt immer mehr, je älter sie wird.
Dort hatte sie damals einen Freund gefunden; einen Jungen in ihrem Alter, der gefährlich neugierig und wahnsinnig klug war. Er kam morgens mit seiner Mutter, und während die Damen ihren Tee tranken, liefen er und Marigold gemeinsam durch die Wildblumen. Noch heute denkt sie oft an ihn und träumt von ihren ineinander verschlungenen, schlammverschmierten Händen. Allerdings kann sie sich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Und sie weiß nicht, ob er jenen Tag überlebt hat.
Sie erinnert sich an das Fenster des Hauses – es stand immer offen, und die Sonne schien immer herein. Die Welt hinter dem Fenster glich einem Gemälde mit lebendigen Pastellfarben. An jenem Tag sollten sie und ihr Freund das Haus nicht verlassen. Sie naschten Honigwaben und drückten ihre klebrigen Wangen an das Fenster, um nach Gesichtern in den Wolken zu suchen, bis der Sturm den Himmel verschlang und die Welt grau färbte. Ihre Großmutter rannte nach draußen und verschwand im Herzen des Sturms.
Der Junge versuchte, ihre Hand zu ergreifen, bevor er von ihrer Seite verschwand. Sie erinnert sich an die kalten Finger ihrer Mutter, die an ihrem Handgelenk zogen, doch alles andere ist verschwommen und dunkel.
Seit Jahren fragt sie ihre Mutter, was passiert war. Wieso war der Himmel plötzlich grau gewesen? Und was war mit dem Jungen geschehen, der versucht hat, nach ihrer Hand zu greifen? Ihre Fragen sind unbeantwortet geblieben, und sie sind nie in das Haus ihrer Großmutter zurückgekehrt. Sie bezweifelt immer noch, dass irgendeine dieser Erinnerungen real ist. Doch an der Hand ihrer Mutter zeichnet sich eine weiße Narbe ab, die aus dem Spitzenhandschuh hervorschaut. Die Wahrheit ist in dieser alten Wunde vergraben.
Die anderen Teilnehmer strömen in ihren pompösen Kleidern aus ihren Kutschen. Sie stehen aufrecht und steif da, als würden sie von einer unsichtbaren Schnur gehalten werden. Kurz bevor sie hineingehen, zieht ihr Vater sie in eine Umarmung und flüstert ihr ins Ohr: »Komm nach Hause, bevor die Sonne aufgeht, und erzähle keiner Menschenseele, wohin du gehst.«
Er zwinkert ihr zu, und Marigold lächelt ihn an. Ihr Vater hat ihr immer bei ihrer Flucht geholfen, indem er ihre Mutter im richtigen Moment ablenkte.
»Das tue ich nie«, versichert sie ihm. Es ist so schon leicht genug, sich über eine Dame ohne besondere Fähigkeiten lustig zu machen, die in Bardshire festsitzt. Sie und alle anderen wissen, dass sie keine normale Frau ist. Manchmal fragt sie sich, ob sie überhaupt ein Mensch ist. An einigen Tagen mag sie Schlamm, Regen und Wurzeln mehr als alles andere. Jeden Tag tut sie ihr Bestes, um ihre Rolle zu spielen. Die Rolle der liebenden Tochter, die der unterstützenden Schwester, die einer Dame, bereit für die Ehe. Doch in ihrem Herzen ist sie ein Wesen, das sich unter der weichen Haut und den hübschen Bändern versteckt. Und sie weiß, dass ihre Großmutter genau so war. Es sind die ungezähmten Frauen, die barfuß über die Wiese laufen, die den Vögeln neue Lieder beibringen, und die gemeinsam den Mond anheulen. Ungezähmte Frauen sind eine eigene Art von Magie.
Sie steht zwischen ihren Zwillingsgeschwistern, als Aster, gekleidet in ein tiefblaues Kleid, das einen perfekten Kontrast zu ihrer blassen Haut bildet, sofort von gut aussehenden Gentlemen umringt wird. Aster sollte in die Gesellschaft erst eingeführt werden, wenn Marigold, die Älteste, verheiratet ist. Doch nach einiger Zeit – eigentlich erst nach George – gab Marigold ihr Interesse an einer Heirat auf, und die Schwestern haben ihre Eltern überzeugt, Aster vorzeitig einzuführen. Es war eine höchst unkonventionelle Entscheidung, die in ganz Bardshire für grausames Getuschel über Marigold gesorgt hatte. Doch es kümmert sie nicht länger, was die Leute sagen. Dafür hat sie jegliche Energie verloren. Sie hat es einmal mit der Liebe versucht. Es hat nicht funktioniert. Und es ist das Risiko nicht wert, es noch einmal mit einem anderen Mann zu versuchen. Jetzt ist Aster das Juwel der Familie Claude, und Marigold hat sich gefügt.
Frankie weicht nicht von ihrer Seite, seine Hände sind klamm vor Nervosität. Sie wedelt mit ihrem Fächer vor seinem Gesicht und verscheucht damit die Rötung seiner Wangen.
»Danke, Mari«, sagt er mit zittriger Stimme. Sie reicht ihm ein Taschentuch, um seine verschwitzten Handflächen abzuwischen.
»Das wird ein guter Auftritt, Frankie. So wie immer.«
Er schnaubt. »Dieses Stück ist beinahe unmöglich zu spielen. Es wurde nicht für menschliche Hände geschrieben.«
»Dann werden wir es ihm heimzahlen, wenn weniger Augen auf dich gerichtet sind«, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Sie und Frankie haben solche Bälle schon immer auf eine lustige Art und Weise gestört. Indem sie eine Saite seiner Geige durchtrennt haben, damit er nicht spielen musste. Oder indem sie vorgaben, eine Schlange in der Mitte der Tanzfläche zu sehen. Einmal haben sie ein ganzes Kuchentablett gestohlen und ihn im Garten gegessen. Sie würden alles tun, um den selbstverherrlichenden Gesprächen zu entkommen. Marigold führt Frankie durch die Menge, während sie auf die Tische mit Kuchen blickt und kalkuliert, wie viel sie essen kann, ohne abfällige Blicke zu ernten. Wahrscheinlich würden die Leute bei drei Stücken anfangen zu reden – wenn sie mehr wollte, würde sie zwischen den Liedern heimlich essen müssen.
Die Tanzfläche wurde mit Kreidezeichnungen der neuen Frühlingspflanzen dekoriert. Die Kunstwerke passen perfekt zu den Blumenarrangements im gesamten Ballsaal. Eine derart aufwändige Dekoration ist nicht selbstverständlich, aber Sir Kentworth ist für seine außergewöhnliche Dekoration bekannt. Sein unverkennbarer Stil zeigt sich auch in seiner Musik – seine neuesten Stücke weisen immer mehr Merkmale des Barocks auf, so wie seine Dekorationen auch. Als sie zum Banketttisch gehen, entdeckt Marigold ihre Mutter am Arm eines junges Mannes. Beide kommen schnell auf sie zu. Sie will schneller laufen, doch die Menge um sie herum verhindert es. In wenigen Sekunden ist ihre Mutter mit dem jungen Mann bei ihr. Frankie begibt sich allein zum Tisch mit den Desserts.
Wunderbar. So schnell werde ich ihnen nicht entkommen.
Als sie sich von ihrem Bruder abwendet, wirft sie ihm hinter ihrem Rücken eine vulgäre Geste zu. Ihre Mutter legt ihr und dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter.
»Marigold, das ist Thomas Notley«, sagt ihre Mutter. Sie kennt diesen Namen – Sir Notley war der Architekt, der die Bardshire-Anwesen nach dem Kauf vom Landadel umgestaltet hat. Der Mann, der vor ihr steht, ist der Enkel des berühmten Architekten. Sie haben sich schon viele Male gesehen, aber dies ist ihre erste richtige Begegnung.
Ihre Mutter blickt zu Mr. Notley auf. »Und das ist meine wunderschöne Tochter Marigold Claude.«
»Es ist mir eine Ehre, Euch vorgestellt zu werden, Miss Claude.« Er lächelt breit und ehrlich, als er ihre Hand nimmt und sie küsst. Sein kantiges Gesicht wird durch sein kurzgeschnittenes Haar betont. Seine sonnengebräunte Haut strahlt im gelben Licht des Ballsaals. Er ist extrem gutaussehend, hat aber, ebenso wie Marigold, einen schlechten Ruf als Tänzer. Trotz seines guten Aussehens wird er nicht auf vielen Tanzkarten stehen.
»Das Vergnügen ist ganz meinerseits«, antwortet sie zwischen zusammengebissenen Zähnen. Es ist schon peinlich genug, in ihrem Alter ohne eine Perspektive oder besondere Fähigkeiten zu sein, aber ihre Mutter macht es mit diesen verzweifelten Verkupplungsversuchen noch viel schlimmer.
»Ich wünsche viel Spaß beim Tanzen«, sagt ihre Mutter, schiebt die beiden etwas näher zusammen und verschwindet in der Menge. Marigold blickt ihr hinterher. Normalerweise kann sie wenigstens etwas zu sich nehmen, bevor sie sich auf die Tanzfläche begeben muss. »Mr. Notley«, sagt sie. »Ich weiß nicht, was meine Mutter Euch gesagt hat, aber bitte fühlt Euch nicht verpflichtet, mit mir zu tanzen. Ich habe kein Rhythmusgefühl.«
»Ich auch nicht. Meine Talente liegen eher hinter einem Schreibtisch bei den Architekturplänen«, sagt er lächelnd.
»Dann kann niemand vorhersagen, was geschehen wird, wenn wir gemeinsam auf die Tanzfläche gehen. Es könnte gefährlich werden.«
»Da bin ich anderer Meinung, Miss Claude. Ich glaube, es könnte ein Erlebnis werden.«
Häufig bekommt sie ihre Tanzkarte gar nicht voll. Und da sie so schnell wie möglich von hier verschwinden muss, wird sie seine Aussage zu ihrem Vorteil nutzen. Sie entspannt sich und sieht durch ihre dichten Wimpern zu ihm auf. »Also gut, Mr. Notley. Wäre es zu dreist von mir, Euch zu bitten, alle Tänze mit mir zu tanzen?«
Im ersten Moment schaut er sie verblüfft an, bevor sich ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht zeigt. Das wäre perfekt – sie muss nicht darauf warten, dass jemand anderes sie um einen Tanz bittet, oder den ganzen Abend Interesse an mehreren spießigen Künstlern vorheucheln. Wenn sie die Verpflichtungen des Abends im Eiltempo erledigt, bleibt ihr noch genügend Zeit für ihre eigenen Pläne. Jetzt muss sie nur vorgeben, sich zu amüsieren, bis sie alle Tänze des Abends hinter sich gebracht hat …
»Es wäre mir eine Ehre. Sollen wir uns auf die Tanzfläche begeben?«
Sie hält inne, denn sie braucht unbedingt ein Scone, solange sie noch warm und frisch sind.
»Könnten wir zuerst zu den Buffettischen gehen? Wir haben schließlich viele Tänze vor uns«, sagt sie süß, und er fügt sich, während er sie zu den Tischen führt. Die luxuriösen Düfte von Ingwer, Zimt und Kardamom werden immer stärker, je näher sie ihnen kommen.
»Ich nehme an, Ihr erfreut Euch an Desserts?«, fragt er mit einem verwirrten Lachen.
Sie nickt, als die Aufregung aus ihrem Gesicht verschwindet und durch Verlegenheit ersetzt wird. »Süße Dinge zu essen ist wahrscheinlich mein einziges Talent.«
»Ich wollte mich nicht über Euch lustig machen. Bitte verzeiht mir, falls ich einen falschen Eindruck erweckt habe. Ich selbst bevorzuge süße Speisen. Sollen wir unsere Lieblingskuchen holen und sie uns teilen?«, fragt er höflich, und seine Idee ist reizvoll – weniger tanzen, mehr essen. Also empfehlen sie sich gegenseitig ihre Scones und Marmeladen und die anderen namenlosen Küchlein, die zu verlockend sind, um sie zu ignorieren. Marigold zieht ihren Handschuh mit den Zähnen aus und nimmt ein kleines Stück Honigkuchen in die Hand. Der weiße Zuckerguss ist mit einer dicken Schicht warmen Honigs überzogen. Auf beiden Seiten tropft er herunter, und sollte schnell gegessen werden.
»Mund auf«, befiehlt sie. Er kann sein Lächeln nur solange unterdrücken, bis sie ihm das Kuchenstück in den Mund geschoben hat. Sie zieht ihre Finger zurück und leckt den Honig ab.
»Der ist fantastisch«, sagt er mit vollem Mund. Sie lacht und nickt zustimmend.
»Die Leute übersehen den Honigkuchen immer, weil man die Handschuhe ausziehen muss und sich anschließend die Hände dreckig macht. Doch mich hat das noch nie aufgehalten. Ich weigere mich, an einem Tisch mit Honigkuchen vorbeizugehen, ohne ihn zu probieren. Ihn habe ich schon immer am liebsten gegessen. Außerdem ist er der einzige Teil dieser Veranstaltungen, den ich wirklich genieße«, sagt sie, als sie sich ein weiteres Küchlein in den Mund steckt und die süße, goldene Flüssigkeit genießt, die ihre Lippen umhüllt.
»Miss Claude, Ihr habt ein wenig …«, sagt er und deutet zu ihrem Mundwinkel. Sie versucht, den Honig abzuwischen, aber es gelingt ihr nicht. Schließlich zieht er seinen eigenen Handschuh aus und wischt ihr den kleinen Honigtropfen von der Lippe. Er leckt ihn von seinem Daumen ab und lächelt.
»Besser«, sagt er. Marigold errötet. Sie schauen einander an, und die Wärme seiner Finger verschwindet nicht von ihrem Gesicht. Sie verstoßen gegen die gesamte Etikette, aber das stört sie nicht.
»Ich möchte meine früheren Aussagen widerrufen. Anscheinend bin ich auch nicht besonders begabt darin, Küchlein zu essen. Sonst wäre mir das nicht passiert«, sagt sie und wischt sich über den Mund, um sicherzustellen, dass auch der letzte Tropfen Honig abgewischt ist.
Sie lachen. Und plötzlich erscheint eine Heirat nicht mehr als ganz so schlimm. Mr. Notley sieht gut aus, stammt von einer außergewöhnlichen Familie ab und scheint sehr umgänglich zu sein – das ist für jemanden wichtig, der sich in sie verlieben will.
Und trotzdem fühlt sich irgendwas nicht richtig an. Fast so, als würde sie die Wände ihres Zimmers beige streichen. Es wäre eine sichere Wahl, eine bequeme Wahl, mit der jeder einverstanden wäre. Aber es würde bedeuten, dass sie jeden Tag in ihrem Zimmer sitzen und auf ihre beigen Wände schauen müsste und sich fragen würde, was gewesen wäre, wenn sie sie hellgelb oder rosa gestrichen hätte. Was wäre, wenn sie ganz auf Farbe verzichtet hätte? Oder noch besser: was wäre, wenn es überhaupt keine Wände gäbe? Nur Himmel, Sonnenlicht, salziges Wasser, frischen Regen und Frühlingsblumen und niemanden, der sich über die Farbe der Wände beschwert. Das wäre perfekt. Doch genau deshalb ist es nur ein Traum.
»Was ist das?«, fragt Marigold und zeigt auf etwas hinter Mr. Notley. Als er sich umdreht, nimmt sie einen weiteren Honigkuchen und wickelt ihn in ein Stück Stoff, bevor sie ihn sorgfältig im kleinen Retikül versteckt, das an ihrem Handgelenk hängt.
Dieses Küchlein wird sie nicht essen. Es ist für ihr mitternächtliches Treffen, also darf sie es nicht auffällig einstecken. Mr. Notley dreht sich wieder zu ihr um und sagt: »Was? Ich fürchte, ich sehe nichts.«
Sie zuckt mit den Schultern. »Ah, dann habe ich es mir wohl nur eingebildet. Sollen wir einen Tanzversuch wagen?«
Er lächelt, als er ihr zur Tanzfläche folgt. Sie führt ihn vor die Musiker, wo Frankie, Aster und die anderen wie Statuen hinter Sir Kentworth stehen, der gerade seinen sparsamen Dirigentenstab hebt. Asters Stimme erfüllt den Raum, und obwohl die Melodie seltsam ist, scheint das Sprechverbot seine Wirkung nicht verfehlt zu haben – sie klingt unbestreitbar engelsgleich.
»Dein Bruder und deine Schwester sind außergewöhnlich«, sagt Mr. Notley.
»Das höre ich oft«, sagt Marigold leise.
Sie dreht ihren Kopf und tanzt weiter. Mr. Notley kann dem Takt etwas besser folgen als sie. Als sie sich auf ihre Schritte konzentrieren muss, kann sie den Rest der Welt für einen Moment vergessen. Der Musik zu folgen ist herausfordernd – schwere, abgehackte Takte diktieren einen komplizierten Tanz. Die Beherrschung der Streicher und die rasche Reaktion der Tänzer erfüllen sie mit heftigem Neid. Es ist ungerecht, dass sie sich immer wünscht, so viel Kontrolle über einen Raum ausüben zu können, es ihr aber nie gelingt.
Es folgt eine kurze Pause, damit die Musiker ihre beanspruchten Hände ausruhen können. Die Leute strömen immer noch in den Saal wie Ameisen, die von der Nahrungssuche zurückkehren und ihre Beute vorführen wollen – ein Kunstwerk, das es in diesem Land nicht geben sollte, eine neue Frau, die das Kleid der verstorbenen Frau trägt. Und dann, als hätte er darauf gewartet, dass Marigolds Blick auf der Tür landet, damit sie keine andere Wahl hat, als ihn zu sehen, tritt George Tennyson ein: ein Dichter, ein Wunderkind und das schönste Monster, das sie je gesehen hat. Seit zwei Jahren hat sie nicht mehr mit ihm gesprochen – von den obligatorischen Höflichkeiten abgesehen –, nicht dass er ihr eine Gelegenheit dazu gegeben hätte, wenn sie gewollt hätte. Er hat sie nicht länger als ein paar Sekunden angesehen, seit er sie als Siebzehnjährige bei einem Ball wie dem am heutigen Abend draußen gedemütigt zurückgelassen hatte. Bardshire ist eine kleine Stadt, daher ist es unvermeidlich, dass sie ihm über den Weg läuft. Doch wenn ihre Augen auf ihm landen, ignoriert sie ihn für gewöhnlich wie einen Geist. Ein hohles, durchsichtiges Geschöpf der Vergangenheit. Doch heute Abend ist er ihr zu nahe. Sie kann seine Wärme von hier aus spüren. Er ist so furchtbar und unglaublich lebendig.
Er schaut sie direkt an, mustert ihren Körper und bleibt an der Hand hängen, die mit der von Mr. Notley verschränkt ist. Seine Wangen erröten und ein teuflisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Seine Augen finden ihre, und sie kann den Erinnerungen nicht entfliehen, die sein Blick in ihr hervorruft. Erinnerungen an Promenaden und Poesie und Versprechen, die sich als leer erwiesen haben. Er kommt auf sie zu. Sie wünscht sich, der Boden würde sich öffnen und sie ganz verschlucken. Er lächelt, und sie ist selbst überrascht, dass sie sein Lächeln erwidert. Es ist ein vorsichtiges Lächeln – was, wenn er ihr diesmal den krönenden Abschluss gewährt, den sie sich immer gewünscht, aber nie gefunden hat? Wird er die schlimmsten seiner Worte zurücknehmen? Oder könnte sie ihn mit einem einzigen scharfen Satz zerstören? Hinter ihrem zuckersüßen Lächeln liegen ihr die Worte schwer auf der Zunge. Er steht direkt vor ihr, so glücklich und so gutaussehend, dass sie fast vergisst, warum sie ihn so sehr hasst. Waren sie beide so verdorben? Könnten sie das ändern? Seine Hand streckt sich ihr entgegen. Sie holt tief Luft, will sie ergreifen und merkt zu spät, dass seine Hand nicht nach der ihren sucht. Er geht um sie herum. Hinter ihrem Rücken hört sie: »Da bist du ja, mein Liebling.«
Wider besseres Wissen dreht sie sich langsam um, und sieht, dass er die weiß behandschuhte Hand von Priya Gill küsst. Das Paar bewegt sich gemeinsam durch die Menge und bleibt in der Mitte stehen. George bittet um die Aufmerksamkeit der Anwesenden, und o Gott, sie weiß, was er vorhat, noch bevor er es sagt. Der Albtraum ist fast vorbei und hat doch gerade erst begonnen – er macht Priya Gill einen Heiratsantrag. Er tut es so laut und mit solch einer Überzeugung, dass im Raum kein Auge trocken bleibt. Alle anderen sehen ein wunderschönes Paar, eine prächtige Hochzeit, eine weitere Romanze, über die die Dichter in ihren ledergebundenen Büchern schwärmen können, die anscheinend jeder als unumgänglich ansieht. Es ist krank. Sein Blick bleibt für einen brutalen Moment auf Marigold haften, als wolle er sagen: »Du hättest das niemals sein können.«
Seine Hand umfasst Priyas fest, aber sanft. Es greift nicht hart nach ihr, als wollte er sie an ihre Stellung erinnern oder ihr die Knöchel zerquetschen, weil sie etwas Unpassendes gesagt hat. Die Art und Weise, wie er Priya hält, hat etwas Stolzes an sich, und das ist so frustrierend. Marigold hat er nie auf diese Weise geliebt. Niemals zart, niemals sanft. George ist ein Jahrzehnt älter als sie, und als er um sie geworben hat, wurde er nicht müde, es zu erwähnen. Als ob es bedeutete, dass er sich niemals irren konnte. Er war zu weise, zu gut mit der Natur der Menschen vertraut, um ein falsches Urteil zu fällen. Nein, George musste immer Recht haben, und er hatte es gehasst, wenn er von ihr übertroffen worden war: von einem jungen Mädchen, das nur als Muse gedacht war.
Der Einfluss, den George einst auf sie ausübte, war quälend gewesen, als versuchte er, sie in eine Form zu pressen, damit sie weniger Platz in einem Raum einnahm. Sie gibt seinem Vater, der High Society, dem sozialen Druck und dergleichen die Schuld. Vielleicht hätte alles anders sein können, wenn sie nicht in Bardshire gefangen und alle Augen auf sie gerichtet gewesen wären. Wenn sie einfach alles, außer sich selbst, aufgegeben hätten und weggelaufen wären. Sie hat ihn darum angefleht, als er sie verlassen hat. Sie hat zu seinen Füßen gelegen, als wäre er ein Gott, der sie erhören würde, wenn ihr Leiden überzeugend genug wäre. Doch er hatte sie nicht haben wollen – nicht wirklich. Er wollte nur eine Braut, die sich seinem gewaltsamen Streben nach Ansehen unterwarf.
Herzlichen Glückwunsch an den guten alten George. Er hat alles, was er wollte, und er hat nichts getan, um das zu verdienen. Die Männer werden ihm die Hand schütteln, und die Frauen werden zusehen, wie Priya langsam begreift, dass sie in der Falle sitzt. Dann werden sie ihr beibringen, so zu tun, als ob sie nicht daran zerbrechen würde. Marigold wird sich nie wieder von ihm oder jemand anderen brechen lassen.
Die Musik setzt wieder ein, und Mr. Notley wirbelt sie herum, bis sie George und seine Verlobte nicht mehr sehen kann. Doch dem Geflüster kann sie nicht entkommen.
»Priya ist eine viel bessere Wahl.«
»Weißt du noch, als er mit dem Claude-Mädchen zusammen war? Was für ein Witz.«
»Jetzt ist es zu spät für sie. Sie wird niemals heiraten.«
Sie rümpft die Nase. Ihre Mutter sagt, dass sie das wie ein Schoßhündchen aussehen lässt. Wie ein Miststück, hat Aster einmal gesagt, bevor sie genau wusste, was dieses Wort bedeutet. Marigold hatte gelacht – warum sollte es schlimm sein, ein Miststück zu sein?
Mr. Notley betrachtet Marigold einen Moment. »Miss Claude, erlaubt Ihr mir eine Frage?«
Sie drückt seine Schulter, als sie sich im Takt der Musik drehen. »Es scheint, dass ich nicht entkommen kann. Warum also nicht?«
»Wie kommt es, dass Ihr nicht verheiratet seid?«
Marigold zuckt zusammen. »Wie kommt Ihr darauf, dass ich das sein sollte?«
»Ihr seid wunderschön und voller Leben, wie der Frühling«, sagt Mr. Notley.
»Und warum sollten diese Eigenschaften mich an jemanden binden? Vielleicht gibt es einen Grund, dass man den Frühling nicht heiraten kann.«
»Aber ich könnte Euch heiraten.«
»Ihr sprecht, als ob diese Entscheidung allein bei Euch läge.« Marigold tritt ihm auf die Zehen und tut nicht einmal so, als sei es ein Versehen gewesen. »Ich bin nicht verheiratet, weil ich noch niemanden gefunden habe, von dem ich glaube, dass er mich versteht.«
Er stellt sich vorsichtig auf seine pochenden Zehen. »Ihr glaubt, ich verstünde Euch nicht?«
»Nein. Ihr seht nur den Frühling. Doch was geschieht, wenn der Frühling vorbei ist? Wenn der Winter einzieht? Ich werde es Euch sagen, Mr. Notley: Wenn der Winter kommt« – sie lehnt sich dicht an ihn heran, ihre Nasen berühren sich beinahe – »werdet Ihr erfrieren.«
Wärme liegt auf ihren Lippen, und überraschenderweise lächelt Mr. Notley.
Sie meistern sechs Tänze und diese reichen aus, um ihre Tanzkarte zu füllen. Aster schaut Marigold an. Als sie zwischen ihr und George hin und her blickt, scheint sie sich entschuldigen zu wollen. Marigold beißt sich auf die Wange und schüttelt den Kopf, als sie vor Mr. Notley einen letzten Knicks macht. Sie verlässt die Tanzfläche, und kämpft gegen ein Meer von Tränen an. Mit jedem Schritt wird es leichter, und so beschließt sie, die ganze Nacht zu laufen, wenn es sein muss. Denn sie wird keine einzige Träne mehr für diesen Mann vergießen. Er ist es nicht wert, genau wie alle anderen. Kaum hat sie die Tür erreicht, wird sie am Ellbogen gepackt. Mr. Notley dreht sie zu sich herum.
Er sieht sie an, als glaube er, dass seine Hand durch sie hindurchgreifen würde, als wäre sie nur ein Wunsch. »Ihr geht bereits, Miss Claude?«
Sie schluckt den letzten Rest ihrer Traurigkeit hinunter. »Ja, ich fürchte, das ganze Tanzen hat mich ziemlich erschöpft. Ich muss mich ausruhen«, sagt sie atemlos, und hofft, ihrer Geschichte Glaubwürdigkeit zu verleihen.
»Darf ich Euch zu Eurer Kutsche begleiten?«
Ihre Augen weiten sich, weil sie nicht vorhat, zu ihrer Kutsche zu gehen. Sie will zu Fuß durch die Gärten fliehen.
»Das wird nicht nötig sein. Ich glaube, dass mir ein wenig frische Luft guttun wird«, sagt sie, und will sich wieder zur Tür umdrehen.
»Habe ich etwas falsch gemacht? Ich dachte, wir hätten eine schöne Zeit gehabt«, sagt er. Seine Worte sind freundlich, doch nichts, was er sagt, kann etwas an der Tatsache ändern, dass sie jetzt lieber woanders wäre. Ihre Haut beginnt unter seinem unnachgiebigen Griff zu brennen.
»Meine Eile hat nichts mit Euch zu tun. Ich werde noch woanders erwartet. Esst noch einen Honigkuchen für mich mit«, sagt sie, reißt sich von ihm los und schüttelt ihm dann fest die Hand, so wie sie es schon oft bei ihrem Vater gesehen hat, wenn er ein Treffen mit einem Kunden beendet, das bereits zu lang gedauert hat. Er hält ihre Hand und wirkt immer noch etwas benommen und verwirrt über ihre Eile.
»Gibt es jemand anderen, Miss Claude? Wartet da draußen ein anderer Mann auf Euch?«
Sie kann nicht anders, als lauthals zu lachen. Seit George ist Mr. Notley der einzige Mann in Bardshire, mit dem sie es länger als fünf Minuten aushält. Damit ist die Vorstellung, sich mit zwei Männern zu treffen, unglaublich amüsant.
»Es gibt keinen anderen Mann. Das kann ich Euch versichern.«
»Warum müsst Ihr mich dann so plötzlich verlassen? Ich werde Euch nicht gehen lassen, bevor ich es verstehe.«
Sie stößt einen frustrierten Seufzer aus. »Mr. Notley, ich habe vor, barfuß über die Wiese zu laufen und das blaue Mondlicht zu genießen. Ich habe vor, laut zu singen, frei zu tanzen, vielleicht sogar zu schreien, wenn ich will. Ich habe vor, dieses Kleid mit Schlamm und Regen zu ruinieren. Und wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich die hellste Stunde des blauen Mondes verpassen, der sich nur einmal im Jahr zeigt. Wenn Ihr mich jetzt also entschuldigen würdet«, sagt sie und starrt in sein verwirrtes Gesicht.
»Ihr seid ein wildes Geschöpf, Miss Claude. Ich hoffe, Euch wiederzusehen«, ruft er ihr nach. Sie winkt zum Abschied und rennt los, denn sie weiß, dass sie sich nicht zähmen lassen wird.
Marigold rennt, bis sie über eine Wurzel stolpert, die aus der Erde ragt, und der Saum ihres Kleides im Schlamm versinkt. Als sie im Gras kniet, weit weg vom Rest der Welt, findet sie endlich Frieden. Keine Verehrer, keine Erwartungen – nur die Sterne und die Bäume sind bei ihr.
Schuhe und Strümpfe zieht sie aus, lässt sich vom Gras zwischen den Zehen kitzeln. Sie atmet den Duft des bevorstehenden Gewitters ein und weiß, dass sie sich beeilen muss, wenn sie die Wiese vor dem ersten Regen erreichen will. Ihre extravagante Hochsteckfrisur löst sie und lässt ihr Haar über den Rücken fallen. Ihre Brauen senken sich ein wenig, als die Anspannung von ihr fällt. Sie verzieht das Gesicht, um die Muskeln zu lockern, die den ganzen Abend über angespannt waren. Dann steht sie auf, nimmt ihre Schuhe, Strümpfe und den unteren Teil ihres Kleides in die Hände und läuft weiter. Unzählige Male sind ihre Füße diesen Weg schon gegangen, und erkennen die Umgebung wieder. Es fühlt sich fast nach einem Zuhause an – der nasse Boden ist ihr Bett, der Wind ihre Decke. Die Bäume lichten sich, bis es keine mehr gibt, und nur noch eine offene Wiese da ist, die sie anfleht, sich in ihre Mitte zu stellen. Sie läuft, bis das blaue Licht des Mondes auf sie herabscheint und ihr den Weg weist als wäre sie in einer fremden Welt. Sie würde diesem Weg des Lichts gern folgen, wenn sie nur wüsste, wie.
Sie runzelt die Stirn, als sie sich anstrengt, durch die Dunkelheit zu sehen, die die Bäume trennt. Noch nichts, aber bald. Einmal im Monat, bei Vollmond, kommt sie.
Vielleicht bildet sie sich das alles nur ein, und ihre Visionen sind lediglich Ausdruck ihres verzweifelten Wunsches, sich besonders zu fühlen. Wenn das der Fall ist, dann soll es so sein. Ihre Mutter erinnert sie gerne an ihr Alter, als ob das ein Grund wäre, nicht mehr an Magie zu glauben. Sie verdreht bei dem Gedanken die Augen – ja, sie ist eine erwachsene Frau, und ist das an sich nicht schon magisch? Dass sie so lange überlebt hat, trotz der Vorliebe der Welt für schöne tote Mädchen? Marigold ist inmitten der Dichter aufgewachsen, die die Erzählung vorantreiben – wie romantisch es ist, jung zu sterben, ungedehnt, unbefleckt, ohne jemals aus der Rolle der Unschuldigen herauszuwachsen. Aber was passiert, wenn das Mädchen weiterlebt, wenn es stolz und trotzig altert, ohne die Fantasie, die Geschichten oder den geheimen Wunsch aufzugeben, die Magie zu finden, wo immer sie sich versteckt?
Nun, dann würden die Dichter sie eine Hexe nennen.
Es ist besser, sich in einem schönen Tagtraum zu verlieren, als in einer trüben Realität gefangen zu sein. Dennoch muss es eine Erklärung – jenseits ihrer Sehnsucht – für das geben, was sie sieht. Diese Wiese ist der einzige Ort, an dem sie das gleiche Gefühl der Zugehörigkeit empfindet, wie einst in den Sommern in Innisfree, bevor der Himmel ergraut war.
Wie ihre Großmutter gehört auch Marigolds Herz der wilden Welt. Es ist, als sei sie eine Erweiterung der Natur, eine eigene Jahreszeit – Sommer, Winter, Frühling, Herbst und Marigold Claude. Als sie Kinder waren, hatte Marigold gehofft, dass Aster oder Frankie ihre seltsamen Visionen und ihr unstillbares Bedürfnis in der Natur zu sein, teilen würden, doch das war nicht der Fall. Ihre Schwester hat sie immer aufgezogen und behauptet, sie würde sich magische Geschichten ausdenken, um sich besonders zu fühlen – schließlich kann sie nicht singen. Aber alles, was Marigold weiß, ist, dass sie sich mit den Figuren in den Märchen ihrer Großmutter mehr verbunden fühlt als mit den Menschen um sie herum, denn niemand sonst in Bardshire glaubt an Magie.
Zwischen den Bäumen hinter ihr erstrahlt ein hellblaues Licht. Es erreicht ihr Haar. Sie dreht sich um.
»Du bist hier.« Sie lächelt, als sie einen Schritt vorwärts macht. Ein großer Schmetterling mit einer Aura aus hellblauem Sternenlicht ist ihr so nah, dass er ihre Nase kitzelt. Sie holt den klebrigen Honigkuchen aus ihrem Retikül und bietet ihn der Kreatur an. Das Wesen landet auf dem Dessert und leckt mit seiner dünnen Zunge den Honig ab. Sein Licht erstrahlt heller.
»Was auch immer du bist, du scheinst Honig zu mögen.« Das ist die Kreatur, mit der sich Marigold seit ihrer Kindheit verbunden fühlt. In Vollmondnächten spürte sie diesen unaufhörlichen Ruf aus dem Wald und den unstillbaren Wunsch, ihm zu folgen. Im ersten Sommer nach dem Vorfall in Innisfree hat sie sich aus dem Anwesen geschlichen und dem Gefühl in ihrem Herzen nachgegeben. Sie ist diesem Wesen begegnet, das sie liebevoll Lunasia getauft hat, und glaubt seither, die Sprache der wilden Dinge sprechen zu können, die niemand sonst hören kann.
Heute Nacht scheint Lunasia vor Energie zu sprühen und wie ein Blitz aufzuleuchten, bevor ihr Licht wieder erlischt. Wolken tanzen zwischen ihnen und schlängeln sich wie Bänder zwischen Marigolds glänzenden blonden Locken hin und her. Wenn Lunasia sich bewegt, bewegen sich die Wolken mit ihr und verwandeln sich in dünne Lichtfäden. Funken erscheinen wie Glühwürmchen. Marigold sieht die Welt leuchten, und die Botschaft scheint klar: Eine neue Ära bricht an. Ein neues Leben beginnt. Vielleicht steht eine neue Liebe bevor.
Dieser Gedanke lässt in Marigold Panik aufsteigen. Wird sie etwa verheiratet? Vielleicht wird Mr. Notley sie aufsuchen. Vielleicht würden sie für alle sichtbar spazieren gehen. Vielleicht würde er vor ihren Augen um ihre Hand anhalten. Für die umstehende Menge würden sie ein perfektes Paar sein – schließlich müssen die schlechtesten Tänzer in Bardshire füreinander bestimmt sein. Sie würde endlich allen Erwartungen gerecht werden. Eine Ehefrau, und bald darauf eine Mutter zu sein. Das klingt alles zu … erdrückend. Sie würde nicht mehr nachts durch den Garten rennen können. Sie würde nie wieder unter einem blauen Mond rennen können. Jeder Moment ihrer Zeit würde jemand anderem gehören, und sie würde im Herzen dieser Wiese nie wieder allein sein können.
Ihre Mutter würde natürlich begeistert sein. Nachdem George sie verlassen hatte, gab es Tage, da glaubte sie, dass ihre Mutter unter der Trennung mehr litt als sie. Sie muss wieder an seine Verlobung mit Priya denken. Es schmerzte sie nicht mehr so sehr wie sie erwartet hatte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, sie zu verlassen. Sie und George kamen zwar gut miteinander aus, aber das war nicht der Grund, warum sie bei ihm bleiben wollte. Mit seinem guten Aussehen, seinen bemerkenswerten Fähigkeiten und seinem extravaganten Reichtum war er sehr begehrt. Und er hatte sie gewählt. Er hatte dafür gesorgt, dass andere nett zu ihr gewesen waren. Er hatte sie zum Schweigen gebracht, wenn sie es nicht waren. Aber das war nichts von Dauer gewesen. Schon bald hatte er erkannt, was sie wirklich war: seltsam. Und als er sie verlassen hatte, hatte das allen anderen bestätigt, dass sie nicht zu ihnen gehörte. Marigold denkt darüber nicht anders, aber was soll sie jetzt tun? Was kann sie von ihrem Leben noch erwarten? Sie wird älter. Sie kann nicht weiter bei ihren Eltern leben, sich nachts auf die Wiese schleichen und scheinbar auf nichts hinarbeiten. Das wird nicht funktionieren. Und nicht nur Marigold, sondern auch ihre Familie, denkt genauso. Sie muss irgendetwas tun. Und was könnte eine untalentierte junge Dame in Bardshire tun, außer zu heiraten?
Aber genau deshalb zieht sie es vor, allein zu sein. Niemand würde je verstehen, dass die wilde Welt zu ihr spricht, oder dass sie Visionen in den Wellen des Meeres sieht, oder dass sie immer weiß, wann es stürmen wird, Tage bevor es geschieht. Sie konnte nie erklären, wie sie immer das perfekte Heilmittel für jede Krankheit in der Küche zubereiten kann, oder wie ihre Träume auf wundersame Weise wahr werden. Niemand hier könnte jemals glauben, dass ihre magischen Gaben echt sind, und sie kann es nicht ertragen, als Lügnerin oder, schlimmer noch, als Scharlatanin bezeichnet zu werden.
Nachdem sie die Botschaft der Sterne in dieser Nacht gesehen hat, spürt Marigold, wie sich die Mauern um sie herum erheben. Sie spürt, wie sich der Himmel auf ihre Schultern senkt. Vielleicht wird sie Marigold Claude auf dieser Wiese zurücklassen und als die zukünftige Lady Notley zurückkehren. Der Name fühlt sich falsch an. Als würde sie Asters schreckliches lavendelfarbenes Kleid aus der letzten Saison erneut anziehen.
Der Regen beginnt langsam. Die ersten Tropfen fallen auf Marigolds Haut und laufen über die weichen Kurven ihres Körpers. Sie tanzt durch den Nebel, bis er sie zwingt, sich ins Gras zu legen. Sie bleibt auf der Wiese, bis die Sonne im sanften Morgengrauen zwischen den Bäumen hervorscheint. Sie denkt an das Gewicht eines Rings an ihrem Finger. Es ist zu schwer, zu kalt, zu eng. Der Schlaf meidet sie – sie kann diese Zeit nicht mit Schlaf verschwenden. Sie will jede Sekunde, die sie allein verbringen kann, auskosten. Sie prägt sich den Blauton des Mondes ein. Sie nimmt die Pusteblumen in ihre Hand und wünscht sich etwas.
Und dann ist es Zeit, nach Hause zurückzukehren und sich der Zukunft zu stellen, die sie dort erwartet.
Sie schlendert durch den regengetränkten Wald als die Sonne aufgeht. Lunasia folgt Marigold so lange sie kann, bis sie am Rande der Baumgrenze zu verschwinden beginnt. In der Ferne sieht sie das Haus mit den blühenden Gärten, die auf den Gemälden ihres Vaters zu sehen sind. Ihr Herz wird schwer: Der Himmel über ihrem Haus leuchtet rot. Als sie sich umdreht, sieht sie, dass Lunasia mit der gleichen ominösen Aura glüht. Der Rest des Himmels bleibt hell und klar. Eine weitere Botschaft – diesmal ist sich Marigold nicht sicher, was sie bedeutet. Aber sie weiß, dass es nichts Gutes sein kann. Sie rennt auf den schmalen Seiteneingang des Hauses zu und schleicht sich hinein, und überhört dabei ein hitziges Gespräch. Als sie durch das Anwesen geht und sich dem Streit nähert, erkennt sie die Stimme ihrer Mutter wieder.
»Wie kannst du es wagen«, sagt ihre Mutter, ihre Worte sind so scharf wie ein Messer. »Ich bin diejenige, die sie beschützt. Ich habe sie immer beschützt, mehr als alles andere.«
»Du sprichst von deinem allumfassenden Schutz und doch weißt du nicht einmal, wo sie gerade ist, Raina«, sagt die Stimme einer älteren Frau. Marigold versteift sich. Niemand nennt ihre Mutter jemals beim Vornamen, außer …
Marigolds Großmutter.
Noch vorsichtiger als zuvor schleicht sie auf Zehenspitzen zum Wohnzimmer und drückt ihr Ohr an die Tür.
»Ich habe sie an diesem Tag gerettet. Ich. Ganz allein, ohne irgendwelche Magie«, sagt ihre Mutter.
»Und seit diesem Tag habe ich unermüdlich daran gearbeitet, Innisfree wieder sicher zu machen, aber das schaffe ich nicht allein. Du musst sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen. Ich habe dir eine Wahl gelassen. Sie hat das Gleiche verdient.«
»Nein. Es gibt hier keine Wahl zu treffen. Dein Leben und deine Welt sind gefährlich. Ich werde nicht zulassen, dass du sie mitnimmst. Das ist grausam und egoistisch.«
»Grausam und egoistisch ist die Tatsache, dass due sie nicht ihr eigenes Schicksal finden lässt.«
»Das Schicksal, von dem du sprichst, ist der Tod.«
Marigold keucht lauter, als sie es beabsichtigt hat. Vielleicht haben sie sie nicht gehört? Sekunden vergehen. Sie hört, wie sich die Schritte ihrer Mutter nähern. Es ist zu spät, um sich zu verstecken. Ihre Mutter öffnet die Tür. Marigold kauert vor ihr und erstarrt. Sie ist noch nie beim Hereinschleichen erwischt worden. Ihr Vater lenkt ihre Mutter am Abend immer ab, und sie kommt vor Sonnenaufgang nach Hause.
Die braunen Augen ihrer Mutter sind blutunterlaufen und geschwollen, ihr blondes Haar ist ein einziges Durcheinander. Sie trägt noch immer das grüne Kleid vom Ball. Ihre Schultern hängen herab und die Bänder am Rücken lösen sich. Sie zerrt Marigold in eine strafende Umarmung.
»Wo bist du gewesen?«
Marigold späht über die Schulter ihrer Mutter und schaut ihre Großmutter an. Althea sitzt auf dem Plüschsofa, die kleinen, vom Alter gezeichneten Hände ordentlich in den Schoß gelegt. Sie lächelt und kämpft gegen die wohlverdienten Falten um ihren Mund an. Es ist Jahre her, dass sie sie das letzte Mal gesehen hat, doch die Wärme im Gesicht ihrer Großmutter würde sie nie vergessen. Sie haben die gleichen Augen – bernsteinbraun mit goldenen Sprenkeln.
»Antworte mir«, befiehlt ihre Mutter mit verzweifelter, wütender Stimme.
»Auf der Wiese«, flüstert sie, als ob das ausreichen würde, um ihre Mutter zu befriedigen.
»Auf welcher Wiese? Warst du mit jemandem zusammen? Hast du dich mit Thomas Notley weggeschlichen?«
Sie schnaubt und sagt: »Es tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, aber nein. Ich war … allein.«
»Hat das etwas mit dem Vollmond zu tun?«, fragt Althea vom anderen Ende des Raumes.
Ihre Mutter dreht ihren Kopf und sagt: »Sprich nicht mit ihr über solche Dinge. Ich will kein Wort mehr von dir hören.«
»Mutter«, keucht Marigold. Sie hat sie noch nie so unhöflich sprechen hören, und schon gar nicht mit ihrer eigenen Mutter. Das ist mehr als unverschämt, besonders wenn man bedenkt, dass Althea Recht hat. Marigold wendet sich an ihre Großmutter und fragt: »Woher weißt du das?«
»Weil du und ich gleich sind«, sagt sie, steht auf und streicht ihr Kleid glatt. Ihre Mutter wendet Marigold den Rücken zu und breitet die Arme aus, als würde sie sie vor Althea abschirmen wollen.
»Hör damit auf! Hör sofort damit auf, Mutter. Ich meine es ernst. Du darfst dich meiner Tochter nicht nähern.«
»Deine Tochter ist eine erwachsene Frau. Du kannst ihr Schicksal nicht ändern oder sie davon abhalten, mit mir zu sprechen, wenn sie es will«, sagt sie und lehnt sich zur Seite, um Marigold anzusehen. »Und ich hoffe, dass du mit mir sprechen willst, Marigold. Es ist an der Zeit, dass du die Wahrheit erfährst. Ich hätte sie dir schon vor Jahren sagen sollen.«
»Marigold, geh auf dein Zimmer«, sagt ihre Mutter über die Schulter.
»Ich möchte hören, was Großmutter zu sagen hat.«
Ihre Mutter dreht ihren Kopf zu ihr herum. Sie kann den Schmerz in ihren Augen sehen, doch sie bleibt standhaft.
Sie will die Wahrheit erfahren.
Marigold tritt hinter ihrer Mutter hervor und setzt sich neben ihre Großmutter. »Ich wurde mein ganzes Leben im Dunkeln gelassen, und das bringt mich fast um. Bitte, erzähl mir alles.«
»Sag mir zuerst, wo du warst. Sag mir, was du gesehen hast«, sagt Althea unruhig.
»Sie ist nicht wie du, Mutter«, schreit ihre Mutter. »Sie sieht nicht, was du siehst.«
Mit einem tiefen Atemzug schaut Marigold auf den Boden. »Ich sehe Dinge, und das weißt du, Mutter. Ich habe so viele Jahre um eine Erklärung gebeten, doch du hast sie mir verweigert. Also musste ich es auf eine andere Weise herausfinden.«
Ihre Mutter zieht die Brauen hoch. »Was soll das heißen? Was glaubst du, gesehen zu haben?«
»Ich habe mich einmal im Monat rausgeschlichen, um mit ihnen zu sprechen. Letzte Nacht war keine Ausnahme. Auf der Wiese lebt eine Kreatur, und …«
»Ein Geist? Etwas, das einer Art Tier ähnelt, aber keines ist?«, fragt Althea. Marigold sucht nach Worten, bevor sie antwortet.
Sie nickt und sagt: »Als ich nach Hause gekommen bin, habe ich auch etwas gesehen. Ein rotes Licht, das vom Himmel über unser Anwesen fiel. Es fühlte sich an wie eine Art Warnung.«
»Das zweite Omen«, sagt ihre Großmutter atemlos.
»Wenn das wahr ist«, unterbricht ihre Mutter sie, »wie hast du das vor mir geheim halten können?«
Marigold kaut einen Moment lang auf ihrer Unterlippe, bevor sie sich entschließt, die Wahrheit zu sagen. Es hat keinen Sinn, es länger zu verbergen – nicht, wenn sie in einem schlammverschmierten Kleid vor ihrer Mutter steht.
»Vater weiß es. Er hat es immer gewusst.«
Ihre Mutter legt sich die Hand über das Herz. »Unmöglich. Das würde er mir nie verheimlichen. Er liebt mich.«
Marigold starrt sie finster an. »Liebe hat nichts damit zu tun. Du hast doch auch Geheimnisse vor den Menschen, die du liebst.«
»Oh, Mari«, sagt sie mit zittriger Stimme. »Es gibt so viel, was du nicht weißt. So vieles, was du nicht verstehst. So viel Schmerz, den ich dir erspart habe!«
»Du willst mir Schmerz erspart haben?«, schreit sie, als sie aufsteht. »Ich bin hier langsam gestorben, mit jedem Tag ein wenig mehr. Ich habe mich vollkommen allein gefühlt und hoffnungslos auf jemanden gewartet, der mir das Gefühl gibt, normal zu sein. Nichts, was du mir vorenthalten hast, könnte schlimmer sein als das hier.«
Eine Träne rinnt über das Gesicht ihrer Mutter, doch sie wischt sie schnell weg. »Du irrst dich, Marigold. Du stirbst hier nicht. Indem du hier bleibst, kannst du leben.«
Verwirrt schaut sie zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter hin und her und hofft auf eine Erklärung.
Ihre Mutter wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn und sagt: »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich sollte es auch gar nicht müssen.« Sie starrt Althea an. »Du hättest nie herkommen dürfen.«
»Ich musste es tun, und das weißt du, Raina. Du weißt auch, dass Marigold kein normales Mädchen ist, und ihr die Wahrheit vorzuenthalten, schadet ihr mehr, als dass es ihr nützt.«
»Oh, bitte«, sagt ihre Mutter, verdreht die Augen und betrachtet Althea mit Abscheu, »dir geht es nicht darum, was das Beste für sie ist, sonst wärst du nicht hier. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, war der schlimmste Tag in unserem Leben. Du hättest meine Tochter beinahe umgebracht!«
Verzweifelt unterbricht Marigold ihre Mutter. »Während des Sturms? Ich erinnere mich nur daran, wie die Welt schwarz wurde.«
»Es war kein Sturm. Es war ein Angriff«, sagt ihre Großmutter.
»Und du warst das Ziel«, schluchzt ihre Mutter. »Deine Großmutter scheint das vergessen zu haben.«
Althea wendet sich an ihre Tochter. »Wie ich dir bereits bei meiner Ankunft erklärt habe, ist Innisfree seit über einem Jahrzehnt sicher.«
»Und meine Tochter soll ihr Leben riskieren, damit das auch so bleibt? So ist sie nicht sicher, Mutter.«
»Wer hat versucht, mich umzubringen?«, unterbricht Marigold lautstark.
Ihre Mutter und ihre Großmutter sehen sich einen Moment lang an, bevor ihre Großmutter sagt: »Willst du es ihr erzählen oder soll ich?«
»Bitte mich nicht, diesen Tag noch einmal zu erleben.«
Ihre Mutter läuft Richtung Tür. Sie lässt für einen Moment den Kopf hängen, bevor sie Marigold ansieht. »Ich habe nichts anderes getan, als dich zu beschützen. Und ich will nicht damit aufhören. Aber wenn du mich nicht lässt, wenn du mir nicht vertrauen kannst, kann ich nichts für dich tun.« Eine weitere Träne fließt über ihr Gesicht. Diesmal wischt sie sie nicht weg, bevor sie das Zimmer verlässt. Theatralik ist ihrer Mutter nicht fremd. Aber der Schmerz in ihren Augen wirkte echt. Marigold ist versucht, ihr zu folgen, hält sich aber zurück. Zu viele Fragen haben sie zu lange gequält. Und jetzt sind die Antworten zum Greifen nahe.
Sie setzt sich wieder neben ihre Großmutter. »Ich habe dich so sehr vermisst.« Ihre Stimme schwankt vor Emotionen. Sie fühlt sich wieder wie ein Kind – klein, neugierig und sicher.
»Ich habe dich mehr vermisst«, sagt ihre Großmutter. Und damit ergibt sich Marigold ihren Tränen und umarmt ihre Großmutter fester, als es für eine Frau in Altheas Alter wahrscheinlich gut ist. Ihre Großmutter streichelt Marigolds dunkelblondes Haar, bis sie sich beruhigt hat.
Marigold setzt sich aufrecht hin und wischt sich über das Gesicht, bevor sie die Hände ihrer Großmutter in ihre nimmt. »Was ist an diesem Tag passiert?«
»Unsere Geschichte beginnt lange vor diesem Tag. Bevor du, deine Mutter oder ich überhaupt geboren wurden. Sie beginnt mit der Macht und dem endlosen Kampf, sie zu behalten.«
»Welche Macht?«
»Wir sind Hexen, mein Schatz. Jede älteste Tochter in unserer Familie ist eine Hexe – auch du.«
Ihr Herz rast. Das ist es – was sie schon immer gefühlt und gewusst hat. Sie war nicht seltsam oder schlecht oder kaputt, wie man ihr weismachen wollte. Alle Puzzleteile setzen sich zusammen. Sie legt sich die Hand auf die Brust. »Auch Mutter?«
»Auch deine Mutter. Bis sie ihre Magie aufgegeben hat.«
Ihre Augen weiten sich. »Warum sollte sie das tun? Warum sollte irgendjemand so etwas tun?« Sie kann sich nichts vorstellen, was sie dazu bringen könnte, das alles aufzugeben, schon gar nicht für ein Leben in Bardshire.
»Wegen der Liebe«, sagt ihre Großmutter mit einem resignierten Lächeln. »Unsere Familie ist verflucht, Marigold. Für uns sind Liebe und Macht gegensätzliche Kräfte. Wir müssen das eine für das andere aufgeben.«
»Mutter hat sich also für die Liebe entschieden, du aber nicht?« Eine weise Entscheidung. Liebe ist eine Last. Ungezähmte Frauen können nicht lieben.
Althea schüttelt mit ernster Miene den Kopf. »Ich hatte keine Wahl. In unserer Familie gab es schon immer Hexen, doch der Fluch manifestierte sich vor fünfzig Jahren mit mir und der Frau, die versucht hat, dir etwas anzutun, als du das letzte Mal nach Innisfree gekommen bist.«
Dieser Satz bleibt zwischen ihnen hängen. Marigold schließt die Augen und erinnert sich an den Sturm, von dem sie jetzt weiß, dass es keiner war. Alles beginnt sich zusammenzufügen. Sie sieht das Fenster der Hütte und erkennt die Dunkelheit, die sich darin ausbreitet; keine Wolken, sondern Rauch. Kein Regen, sondern Asche. Keine Blitze, sondern Flammen. Und in der Mitte von all dem ist kein Wirbelsturm, sondern eine Frau mit flammend rotem, lockigem Haar.
»Wer war sie?«, fragt Marigold.
»Um das zu verstehen, musst du zuerst die Natur unserer Magie begreifen. Wir werden Honey Witches genannt. Unsere Magie kommt von den Bienen und dem verzauberten Honig, den sie herstellen. Und wir verwenden Blumen, Kräuter und Gewürze für unsere Zauber und Elixiere. Aber es liegt in der Natur des Universums, dass es zu jeder Kraft ein Gegenstück gibt. Feuer und Wasser, Luft und Erde, …«, sagt sie und holt ein Fläschchen mit warmem, goldenem Honig aus ihrer Tasche. »Honig und Asche. Wenn es also Honey Witches gibt, gibt es auch …«
Sie beugt sich vor. »Ash Witches?«
»Genau. Alles, was wir für unsere Zauber und Elixiere nutzen können, müssen sie erst verbrennen, bevor sie es verwenden können. Wie du dir also vorstellen kannst, ist Innisfree für alle von großer Bedeutung. Es ist ein Land, das reich an Macht und allen Zutaten ist, die eine Hexe jemals brauchen könnte – und an Leben. Sie schaut auf ihre Hände im Schoß, dreht sie und zählt die Altersflecken wie die Jahresringe eines Baumes. »Es hat mir über ein Jahrhundert geschenkt.«
Marigold nimmt Altheas Hand in ihre. Sie kann kaum glauben, was sie hört. »Wie ist das möglich?«
»Es ist heiliges Land. Es kümmert sich um diejenigen, die es hegen und pflegen. Es gibt Hunderte verwunschener Orte, versteckt in jedem Winkel dieser Welt. Honey und Ash Witches werden geboren, um sie zu beschützen. Ich habe den Segen von Innisfree immer nur genutzt, um anderen zu helfen und sie zu heilen. Aber mein Gegenstück, Versa, hat es nicht getan. Sie hat geglaubt, dass wir die Magie der Insel für uns nutzen könnten, um unsterblich zu werden«, sagt Althea mit angewidertem Blick.
»Und das wolltest du nicht? Warum?«
Althea hält inne und zieht die Brauen zusammen. »Weil es egoistisch ist, Marigold. Ash Witches sollen die Fäulnis des Todes verbrennen und den Menschen Wärme schenken. Honey Witches bringen neues Wachstum nach dem Feuer, um das Leben aus der Asche auferstehen zu lassen. Versa hat selbstsüchtig all die Arbeit verraten, für die wir gemeinsam bestimmt waren.« Altheas Fingerknöchel werden weiß, als sie ihre Finger zu einer Faust zusammendrückt. Sie presst ihren Kiefer zusammen. »Ein Leben, das nur dem Streben nach Macht gewidmet ist, ist der Ewigkeit nicht würdig. Ich werde nicht zulassen, dass sie mir meine Bestimmung wegnimmt. Nicht ohne Kampf. Und ich habe alles gegeben, um zu gewinnen.« Sie lächelt, doch hinter ihren Augen ist noch etwas anderes zu erkennen. Eine Erinnerung, ein Verlust, eine Art Traurigkeit. »Damit begann der Fluch. Sie hoffte, dass sie meine Familie überleben kann, wenn sie mich schon nicht besiegen konnte. Sie verfluchte uns. Von nun an konnte sich niemand mehr in die Honey Witches verlieben. Aber ihr Wunsch ging nicht in Erfüllung. Ich bekam Raine, ohne zu lieben, und sie gab die Magie auf. Damit wirkte der Fluch bei ihr nicht.«
Dann wird es ihr klar. »Deshalb war sie an diesem Tag bei dir. Um es mit unserer Familie zu Ende zu bringen. Um mich zu töten.« Panik steigt in ihr auf und verursacht ein starkes Kribbeln in ihren Handflächen und Fingerspitzen. Kein Wunder, dass ihre Mutter sie niemals dorthin zurückkehren ließ.
»Nach Rainas Entscheidung wussten wir nicht, ob ihre erstgeborene Tochter über Magie verfügen würde. Wir dachten wirklich, dass unsere Familie keine Hexen mehr hervorbringen würde.« Althea umfasst Marigolds Wange und streicht ihr eine Strähne hinters Ohr. »Doch hier bist du – mit honigfarbenen Augen und mächtiger, als ich es mir je hätte vorstellen können.«
Ihr wird warm ums Herz, als sie in Altheas Augen blickt, aber etwas stimmt nicht. Sie steht auf, geht im Zimmer umher und streicht sich mit den schmutzigen Fingern durch die Haare.
»Warum bist du nicht früher gekommen, Großmutter? Fünfzehn Jahre lang warst du nicht hier. Fünfzehn Jahre lang hast du mir nicht gesagt, wer wir sind.«
»Deine Mutter hat es mir nicht erlaubt, und ich habe ihren Wunsch respektiert. Ich verstehe, warum sie dir nichts erzählen wollte.«
»Was hat sich dann geändert? Warum bist du jetzt hier?«
Althea holt tief Luft und räuspert sich. »Ich sterbe, mein Schatz. Ich bin nicht stark genug, um Innisfrees Sicherheit allein zu garantieren. Wenn wir unser Land und unsere Familie nicht verlieren wollen, musst du das Ritual vollenden und dich mir anschließen«, sagt sie, während sie Marigold mit zitternder Hand das Honigfläschchen entgegenhält.
Sie nimmt das Fläschchen und rollt es in ihrer Handfläche umher. »Aber was ist mit Versa? Lebt sie noch?«
»Versa wird schwächer. Ebenso wie ich. Doch sie wird nicht sterben, ohne es ein letztes Mal zu versuchen. Ich habe die Omen gesehen.« Sie ergreift Marigolds Handgelenk und drückt es. »Und du hast es auch gesehen. Sie wird versuchen, Innisfree noch einmal einzunehmen, bevor sie stirbt. Aber sie ist allein und kann es nicht mit zwei Hexen gleichzeitig aufnehmen. Ich brauche deine Hilfe, um die Insel zu schützen. Ich habe einen Schutzschleier über Innisfree gelegt, doch ich bin nicht mehr stark genug, ihn aufrechtzuerhalten. Aber gemeinsam könnten wir Innisfree für Jahrhunderte sichern.«
