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Ein Herz braucht lange, bis es ein Zuhause findet. Lizzie steht kurz vor der Hochzeit mit dem attraktiven Sportlehrer Josh. Was er nicht weiß: Er ist die zweite große Liebe ihres Lebens. Nach Alex, der Lizzie so übel mitgespielt hat, dass sie nur mit Hilfe ihrer besten Freundin Megan wieder auf die Beine kam. Zehn Jahre ist es her, seit Lizzie zuletzt von Alex gehört hat - und die Vergangenheit ist für sie endgültig abgeschlossen. Aber jetzt, drei Monate vor Lizzies großem Tag, ist Alex wieder da. Er möchte ihr etwas Wichtiges sagen. Lizzie will davon nichts wissen, doch er lässt nicht locker ...
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2017
Maria Realf
Roman
Ein Herz braucht lange, bis es ein Zuhause findet.
Lizzie steht kurz vor der Hochzeit mit dem attraktiven Sportlehrer Josh. Was er nicht weiß: Er ist die zweite große Liebe ihres Lebens. Nach Alex, der Lizzie so übel mitgespielt hat, dass sie nur mit Hilfe ihrer besten Freundin Megan wieder auf die Beine kam. Zehn Jahre ist es her, seit Lizzie zuletzt von Alex gehört hat - und die Vergangenheit ist für sie endgültig abgeschlossen. Aber jetzt, drei Monate vor Lizzies großem Tag, ist Alex wieder da. Er möchte ihr etwas Wichtiges sagen. Lizzie will davon nichts wissen, doch er lässt nicht locker ...
Maria Realf ist Journalistin und hat für einige der größten btritischen Frauenmagazine gearbeitet, u. a. Cosmopolitan, Cosmopolitan Bride, Fabulous, Marie Claire, Now und You & Your Wedding. Derzeit schreibt sie für das You-Magazin der Mail on Sunday. Sie hat die Romanschule der Agentur Curtis Brown absolviert, wie vor ihr bereits Jo Harper, Nicholas Searle u.v.m.
Zitate auf S. 21 aus «Tragedy» von Steps, Album: Steptastic, Zomba Records Ltd. 1999, Lyrics: Barry, Robin & Maurice Gibb (for Bee Gees, «Tragedy», Album: Sprits Having Flown, RSO Records 1979).
Dieser Roman ist rein fiktiv. Jede etwaige Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie real existierenden Lokalitäten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2017
Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«The One that Got Away» Copyright © 2016 by Maria Realf
Redaktion Johanna Schwering
Umschlaggestaltung FAVORITBUERO, München
Umschlagabbildungen Svetlana Prikhnenko, cristatus/shutterstock.com
ISBN 978-3-644-40216-4
Hinweis: Seitenverweise beziehen sich auf die Printausgabe.
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Rob, meine Liebe,
und Stephen, meinen Helden.
Endlich! Das ist es! Ungläubig starrte Lizzie Sparkes in den raumhohen Spiegel der Umkleidekabine. War sie das wirklich? Das Kleid im griechisch-antiken Stil war perfekt. Auf dem asymmetrischen Träger schimmerten winzige Perlen, und die zarte Schleppe glitt wie ein Hauch über den Teppich, fast, als wollte das Kleid für die Oscars üben. Es lag nicht zu eng an, der Stoff war wunderbar geschmeidig, und Lizzie sah darin auch nicht aus wie eine wandelnde Tortenspitze. Der einzige Makel war der tränentreibende, exorbitant hohe Preis, doch sie hatte beschlossen, dieses Detail zu ignorieren. Wenn Josh mich in diesem Kleid auf sich zukommen sieht, ist es jeden Cent wert gewesen, sagte sie sich. In ihrer Kehle wuchs ein Kloß. Ich sehe fast … schön aus.
Sie scheute sich, aus der Kabine zu treten. Sie hatte Angst, in den Gesichtern ihrer Mutter und ihrer Freundin Megan zu entdecken, dass sie anderer Meinung waren. Sie waren, was Lizzies Anprobe-Arien betraf, überaus wohlwollend gewesen und hatten mindestens dreißig verschiedene Brautkleider an sich vorüberziehen lassen, doch sie kannte beide gut genug, um die Zeichen zu erkennen. Gefiel ihrer Mutter ein Kleid nicht, blinzelte sie drei- oder viermal hektisch, während Megan ein seltsam schiefes Lächeln aufsetzte, das aussah wie ein missratenes Facelifting. Sie verriet sich jedes Mal damit.
Lizzie holte tief Luft und trat durch den violetten Samtvorhang. Langsam schritt sie bis in die Mitte des Verkaufsraums. Ihre dunkel schimmernden Haare fielen wie ein wogender Schleier auf den Rücken hinunter.
«W-O-W», machte Megan.
Die Reaktion ihrer Mutter war verwirrender. Sie brach spontan in Tränen aus.
«Mum? Gefällt es dir nicht?»
Lynda Sparkes antwortete nicht gleich. Sie wühlte in ihrer übervollen Handtasche, zerrte schließlich ein zerknülltes Taschentuch heraus und hätte sich fast das rechte Auge ausgestochen. «Oh, Elizabeth!», schniefte sie, und die Wimperntusche sickerte in ihre Augenfältchen. «Du siehst aus wie ein Filmstar.»
Lizzie strahlte. Sie hatte ihr Kleid gefunden.
Die Geschäftsführerin kam auf ihren beigefarbenen Wolkenkratzerabsätzen herangestöckelt, offensichtlich in heller Vorfreude auf die ins Haus stehende saftige Kommission. «Das Kleid steht Ihnen phantastisch!», flötete sie. «Es sitzt beinahe perfekt, da müssen wir kaum noch was ändern. Eventuell könnten wir es noch einen kleinen Zentimeter kürzen.»
Sie ging in die Hocke und schlug zur Veranschaulichung den Saum ein winziges bisschen ein, ohne dass ein sichtlicher Unterschied erkennbar gewesen wäre. «Was meinen Sie?»
«Ich nehme es.» Die Worte purzelten aus Lizzies Mund heraus, ehe sie einen zweiten Blick auf das Preisschild werfen konnte.
«Wunderbar!» Die Geschäftsführerin klatschte laut in die manikürten Hände, und augenblicklich kamen zwei blonde weibliche Lakaien angesaust, die eine groß, die andere winzig. «Champagner. Darauf stoßen wir an, Ms. …?»
«Sparkes. Zukünftige Cooper.»
«Richtig. Ich vermute, Sie möchten alle ein bisschen Blubberzeug?»
«Aber sicher», sagte Megan, die nicht zu den Frauen gehörte, die ein Glas Champagner ausschlugen, egal zu welcher Uhrzeit. Und schon gar nicht, wenn der Drink aufs Haus ging.
«Wunderbar!»
Kurz darauf waren die beiden Blonden zurück, die eine mit einem Tablett langstieliger Gläser, die andere mit einer Flasche Schampus. Die Geschäftsführerin ließ mit großem Tamtam den Korken knallen und schenkte schwungvoll ein. «Ich gratuliere.»
«Danke sehr.» Lächelnd brachte Lizzie sich vor dem Tablett in Sicherheit, um nicht jetzt schon die kostbare weiße Seide zu ruinieren. Nach sechs langen Monaten der Suche stand sie ein bisschen unter Schock. Sie hatte tatsächlich ihr Traumkleid gefunden. Alle hatten ihr immer wieder gesagt, sie würde wissen, wenn sie das richtige vor sich hatte, und in Lizzie hatte sich langsam die Befürchtung breitgemacht, dass es sich dabei um einen Brautmythos handelte. Letzte Woche hatte sie geträumt, dass sie in einem Kleid aus Klopapier zu ihrer Hochzeit erschien, das sich vor den versammelten Gästen plötzlich abwickelte. Sie war schweißgebadet aufgewacht und hatte nicht wieder einschlafen können. Als sie Josh die Geschichte am nächsten Morgen erzählte, hatte er einen Lachkrampf bekommen. «Mach dir keine Sorgen. Ich heirate dich auch, wenn du in Sanft & Sicher auftauchst», sagte er. «Und denk mal an die viele Kohle, die wir sparen würden …»
Josh hatte leicht lachen. Er hatte sein Hochzeitsoutfit schon beim zweiten Anlauf gefunden. Der schmale Schnitt des Anzugs schmeichelte seiner athletischen Figur, und er sah darin aus wie ein Model. «Der Bräutigam darf übrigens auch nicht besser aussehen als die Braut», hatte Lizzie nur halb im Scherz gesagt, als er den Anzug anprobiert hatte, und der Druck, ein Kleid zu finden, das mindestens genauso besonders war, hatte sich schlagartig verzehnfacht. Was für ein erleichterndes Gefühl, endlich etwas derart Perfektes gefunden zu haben.
«Du heiratest! Ich kann es nicht fassen!», quiekte Megan aufgeregt. Der Schampus zeigte bereits Wirkung. «Und zwar in diesem unglaublichen Kleid!» Sie warf Mrs. Sparkes einen Blick zu. Lizzies Mutter war es endlich gelungen, wenigstens lange genug mit dem Schluchzen aufzuhören, um einen Schluck trinken zu können. «Und für Sie, Mrs. S., müssen wir unbedingt noch wasserfeste Schminke besorgen.»
«Ich glaube nicht, dass ich heute noch zu irgendwas in der Lage bin. Ich bin für den Moment mit Shopping durch.»
«Verstehe ich. Aber für die Hochzeit brauchen Sie dringend noch was Passendes. Ich schau mal, was bei mir so rumliegt.» Megan war Journalistin und arbeitete für eine beliebte Styling-Website. In ihrem Bad sah es aus wie in der Kosmetikabteilung von Harrods, so viele Testprodukte bekam sie ständig zugeschickt. Der Verkaufswert der monatlichen Beauty-Ausbeute betrug geschätzt das Doppelte ihres eher bescheidenen Gehalts.
Megan wandte sich wieder ihrer Freundin zu. «Und du musst auch langsam mal anfangen, dir über dein Make-up Gedanken zu machen, Lizzie – und über deine Frisur, Dessous, Schuhe, von meinem Brautjungfernkleid ganz zu schweigen …»
«Ich glaube, ich steige lieber erst mal wieder aus diesem Kleid aus», sagte Lizzie. «Hilfst du mir, Meg?»
«Klar.»
Megans Handy fing an zu quaken wie eine melodramatische Ente. Die beiden Frauen prusteten hysterisch. «Was ist das denn bitte?», fragte Lizzie.
«Das ist mein neuer E-Mail-Ton», grinste Megan und griff nach ihrem Telefon. «Quak-Alarm.»
«Mach das weg! Deine Witze werden echt immer schlimmer.»
Die gewohnt spitzzüngige Antwort blieb aus. Offensichtlich war Megan das Grinsen vergangen. Genauer gesagt, ihr war nach dem Überfliegen der Mail sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Sie war bleicher als die lange Reihe schneeweißer Brautkleider hinter ihr. «Megan? Was ist passiert?»
Der Klang ihres Namens riss Megan aus ihrer Trance, und sie schüttelte den blond gelockten Bob. «Gar nichts. Völlig unwichtig. Also. Wo waren wir stehengeblieben?» Sie lächelte schief wie selten, und Lizzie wusste, dass ihre beste Freundin log.
«Alles in Ordnung?»
«Ja. Alles in bester Ordnung. Erzähl ich dir später.»
«Nein. Erzähl es mir bitte jetzt. Du machst mir Angst.»
Megan sah sich nervös um, als würde sie auf jemanden hoffen, der dieses unangenehme Gespräch unterbrach, doch Mrs. Sparkes unterhielt sich angeregt mit der Geschäftsführerin und schwärmte ihr von ihrem eigenen Achtziger-Jahre-Bonbonbrautkleid vor.
«Megan! Was ist los?»
«Na gut, ich sag’s dir. Aber versprich mir erst, dass du nicht austickst. Okay?»
«Austicken? Warum?»
Es entstand eine unbehagliche Pause. Dann sagte Megan: «Alex ist zurück.»
Lizzie musste sämtliche Willenskraft aufbringen, um sich nicht auf das überwältigend schöne Traumkleid zu erbrechen.
Mit zitternden Fingern versuchte Lizzie, die Haustür aufzusperren. Sie bekam kaum den Schlüssel ins Schloss. Megans Worte wirbelten in einer Endlosschleife in ihrem Kopf herum: Alex ist zurück. Jahrelang hatte sie sich nach diesen Worten gesehnt wie nach sonst nichts. Doch irgendwann war ein ganzes Jahrzehnt im Sande verlaufen, Lizzie war wieder zu sich gekommen, hatte die Scherben ihres Lebens zusammengefegt und sämtliche Gedanken an Alex sorgfältig in den Tiefen des Archivs ihrer Vergangenheit verstaut.
Was zum Teufel will der hier?
Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war es ihm unglaublich schlecht gegangen. Sie fragte sich, wie er aussehen mochte; ob sie ihn wiedererkennen würde, wenn sie ihn auf der Straße treffen würde. War er dick geworden oder vorzeitig ergraut? Trug er statt der lässigen Klamotten inzwischen Anzüge oder zu enge Funktionskleidung? Und sein Blick, würde sie … Diese Augen würde ich überall wiedererkennen, dachte Lizzie und machte die ihren einen Moment zu. Überall.
Endlich gelang es ihr, die Haustür aufzuschließen, und sie betrat leise das gemütliche Haus in Surrey, das sie und Josh vor einem halben Jahr bezogen hatten. Ihre Lippen schalteten auf Autopilot, um eine liebevolle Begrüßung zu formulieren, aber ihre Zunge war genauso taub und gelähmt wie ihr Hirn – unfähig, die Millionen Fragen zu verarbeiten, die dieser eine kurze Satz in ihr entfesselt hatte. Lizzie beschloss, nach oben ins Bad zu fliehen. Dort konnte sie sich kurz sammeln – oder wenigstens die wie wild in ihren Eingeweiden tobenden Schmetterlinge ins Klo kotzen. Aber noch ehe sie am Schlafzimmer vorbei war, umfingen sie von hinten zwei kräftige Arme.
«Wolltest dich wohl an mir vorbeischleichen!», sagte Josh. «Und auch noch ohne Begrüßungskuss …»
Lizzie drehte sich um und sah in seine freundlichen braunen Augen. Ums Haar hätte sie angesichts der Wärme seines ahnungslosen Lächelns die Fassung verloren. Die Verwirrung traf sie wie ein rechter Haken.
«Ich … äh … mir geht’s nicht gut», sagte sie und wich einen Schritt zurück.
«Kein Kleid gefunden?»
Sie schüttelte den Kopf.
«Jetzt, wo du’s sagst … Du siehst wirklich ein bisschen blass aus. Na komm.» Er schloss sie fest in die Arme und streichelte ihr mit der rechten Hand gleichmäßig über den Kopf. Er roch frisch, nach seinem Mintduschgel, und sie vergrub in der Hoffnung, Blickkontakt zu vermeiden, das Gesicht in seinem weichen Sweatshirt.
Ein Teil von ihr sehnte sich danach, ihm die Wahrheit zu sagen – die ganze Wahrheit –, doch sie hatte keine Ahnung, wo sie hätte anfangen sollen. Josh und sie hatten im Grunde noch nie über ihren Ex geredet: Für Lizzie war das Thema derart schmerzhaft und heikel, dass sie es tief in sich vergraben hatte, und Josh besaß offensichtlich genug Feingefühl, um nicht von sich aus daran zu rühren. Natürlich wusste er, dass es da mal jemanden gegeben hatte – aber bis jetzt war Alex nie mehr als das wispernde Gespenst eines unsichtbaren Exfreunds gewesen.
«Vielleicht liegt es ja an der ganzen Rennerei wegen der Hochzeit?» Josh zeigte ihr, ohne es zu wissen, einen Fluchtweg auf, und sie schlug ihn dankbar ein.
«Kann schon sein. Ich fühle mich wirklich ein bisschen gestresst.» Lizzie löste sich aus seiner Umarmung und rieb sich die Augen. «Es gibt noch so viel zu entscheiden. Blumen und Einladungen und das ganze Zeug. Ich glaube, bei mir schießen langsam die Brautmonsterhormone ein.»
Josh grinste. «Freddie hat schon gesagt, dass so was passieren könnte.» Sein äußerst nerviger bester Freund hatte vor einem halben Jahr geheiratet und benahm sich, als sei er weltweit die Autorität in Sachen Hochzeiten. «Vielleicht brauchst du einfach eine kleine Auszeit? Ein Wellness-Wochenende oder so was? Wenn du willst, helfe ich dir mit den Einladungen.»
Seine offensichtliche Sorge um sie machte die Sache nur schlimmer. Komm wieder runter, sagte sie sich. Alex ist zurück. Na und? Das ändert gar nichts. Du heiratest. Josh liebt dich. Alles wird gut.
«Mir geht’s gut», sagte sie gedehnt. «Ich hatte einfach nur meine komischen fünf Minuten.» Sie setzte ein angespanntes Lächeln auf. «Es wäre toll, wenn du mir bei den Einladungen helfen könntest. Danke.» Die Hochzeitsadministration zählte nicht gerade zu Joshs Stärken, wie sie bereits beim Versand der Save-The-Date-Kärtchen hatte feststellen müssen. Umso dankbarer war sie für sein Angebot.
«Kein Problem.» Er strich ihr zärtlich mit dem Fingerrücken über die Wange. «Sag mir einfach, was ich dir abnehmen kann.»
Sie ließ die Finger durch seine hellbraunen, hinreißend zerzausten Haare gleiten. «Also, eine Bitte hätte ich noch, weil du gerade da bist …»
«Ja?»
«Küss mich mal.»
Er nahm sie in die Arme und grinste. «Stets zu Diensten, Madame.»
Ohne Vorwarnung flog die Türe auf, Megan stolzierte ins Zimmer herein und zwang Lizzie, den Blick von ihrem zerfledderten Exemplar von Sturmhöhe zu heben. «Nur so ein Gedanke», sagte Lizzie liebevoll. «Wie wär’s, wenn du lernen würdest anzuklopfen? Ich hätte genauso gut nackt sein können.»
«Als hätte ich dich noch nie nackt gesehen.»
«Ja, stimmt, du könntest auch lernen anzuklopfen, ehe du das Bad betrittst.»
«Jedenfalls …», Megan schüttelte ihre Mähne, und das Glitzertop schimmerte wie in einem Videoclip, «… wollte ich dich lediglich in meine Pläne für heute Abend einweihen. Dominic will mich auf diese Karaoke-Party im Ignition mitschleppen. Sein Mitbewohner ist auch dabei, und da dachte ich, du könntest doch mitkommen. In fünfundvierzig Minuten steht das Taxi vor der Tür.» Megan strahlte, als hätte sie soeben eine Einladung zu einer All-Inclusive-Karibik-Kreuzfahrt ausgesprochen.
Lizzie sank das Herz. Karaoke? Machst du Witze? Sie rekelte sich auf der blau-weiß gestreiften Tagesdecke und gähnte übertrieben. «Weißt du, Meg, ich habe eigentlich nicht schon wieder Lust auf ein Doppeldate. Sei mir nicht böse, aber das ist bis jetzt noch jedes Mal schiefgegangen.»
«So schlimm waren die doch gar nicht.» Megan zog eine Schnute. «Nathan war echt nett.»
«Und maß höchstens 1,70 m.»
«Na und? Genau wie Tom Cruise.»
«Für dich mag das okay sein. Aber ich bin 1,77 m groß, falls du das noch nicht bemerkt hast. Barfuß!»
«Tja. Eric war groß», entgegnete sie.
«Stimmt. Dafür ist er mit ziemlicher Sicherheit schwul.»
«Wie kommst du denn darauf?»
«Er hat dem Kellner seine Telefonnummer gegeben.»
«Im Ernst? Das hab ich gar nicht mitgekriegt.» Megan besaß die praktische Gabe, sämtliche Dinge, die ihr nicht in den Kram passten, schlicht zu vergessen. «Das heute ist jedenfalls was anderes. Du wirst schon sehen.»
«Ich weiß nicht …» Lizzie zögerte. «Ich wollte mir eigentlich einen gemütlichen Abend machen.»
«Wieso das denn? Dazu hast du noch genug Zeit, wenn du alt bist.» Megan stolzierte quer durchs Zimmer auf Lizzies hellen Birkenholzschrank zu und öffnete ihn schwungvoll. «Du hast echt ein paar süße Teile hier hängen, Lizzie», sagte sie und fummelte sich durch die Kleiderstange. «Was hat es für einen Sinn, sich Klamotten zu kaufen, wenn man sie nie ausführt? Du kannst morgen im Bett bleiben und lesen. Heathcliff läuft dir schließlich nicht weg.»
In dem Moment hörten sie oben die Tür klappen, und einen Augenblick später dröhnte Tom Jones’ Sexbomb durchs Treppenhaus. Lizzie war klar, was das bedeutete: Ihr Mitbewohner, ein ziemlich frecher Waliser namens Gareth, hatte bei sich im Zimmer ein heißes Date, womit die Hoffnung auf einen ruhigen Abend im Eimer war. Megan grinste triumphierend.
«Schön. Ich mach mich fertig.» Murrend rollte Lizzie vom Bett und stöpselte das Glätteisen ein. «Aber du schuldest mir was.»
Mit einem Blick in den schief hängenden Spiegel der schwach beleuchteten Damentoilette frischte Lizzie ihr Lipgloss auf und musterte stirnrunzelnd ihr Spiegelbild. Zwei müde braune Augen blickten genervt zurück. Sie hätte schon vor Verlassen des Hauses eine Monatsmiete darauf verwetten können, dass Dominics Mitbewohner nicht ihr Typ war, und ihre Intuition hatte sie nicht im Stich gelassen. Auch wenn er zugegebenermaßen nicht der hässlichste Kerl war, mit dem Megan je versucht hatte, sie zu verkuppeln, war er doch eindeutig ein mieser Sexist, und als das Thema dann auf Frauensport gekommen war, hatte Lizzie keine andere Wahl mehr gesehen, als sich zu entschuldigen und die Flucht aufs Klo anzutreten.
Okay. Noch eine Stunde, dann kannst du abhauen, versprach sie sich. Bis dahin hat Gareth seine Sexbomb-Arie hoffentlich beendet, und du kannst in Frieden ins Bett gehen.
Sie schob den Lipgloss in die Rocktasche ihres Vintage-Prinzesskleids. Dieses absolute Schnäppchen hatte sie erst neulich bei Oxfam erstanden. Sie strich sich über die Haare und verließ die Toilette – um direkt vor der Tür mit einem Kellner und seinem vollbeladenen Tablett zusammenzustoßen. Entsetzt sah Lizzie zu, wie die Gläser um sie herum zu Boden fielen und ihren Inhalt in quälender Zeitlupe in sämtliche Richtungen verspritzten. Nur ein einsamer Bacardi Breezer blieb wie durch ein Wunder auf dem Tablett stehen und kippelte wie ein angeschossener Kegel hin und her.
«Scheiße! Tut mir echt leid!» Lizzie zuckte zusammen und fragte sich, warum sie sich je dazu hatte breitschlagen lassen, ihr gemütliches Zimmer zu verlassen. Ihr linker Arm war nasskalt und klebte. «Ich … ich hab dich nicht gesehen.»
«Offensichtlich», knurrte der Typ und musterte sein durchnässtes schwarzes T-Shirt.
«Ist dir was passiert? Ich bezahl die Drinks natürlich.» Ein verstohlener Blick auf ihr Kleid offenbarte, dass er das meiste abbekommen hatte, was zwar gemein, aber überaus erleichternd war. Unauffällig wischte sie sich den Arm an dem weichen Stoff ab.
Er stellte das Tablett auf der Bar ab, sah ihr eine Sekunde lang direkt in die Augen und überraschte sie mit einem ironischen Lächeln. «Mach dir keinen Kopf», sagte er. Seine Stimme klang tief und rauchig. «Das waren doch bloß zwei Pints, ein Hooch und ein – Malibu-Cola?» Er zog sein T-Shirt an die Nase und schnüffelte. «Jep … Kokosnuss.»
So peinlich ihr die Sache war, Lizzie musste lachen. «Falls es ein Trost ist, ich stehe auf Kokosnuss. Ich fühle mich trotzdem furchtbar.»
«Dazu besteht kein Grund. Das ist Berufsrisiko.»
«Was? Verschüttete Drinks oder tollpatschige Mädchen?»
«Beides wahrscheinlich. Und bei dir alles okay?»
«Ja – von meinem offensichtlich miesen Sehvermögen mal abgesehen. Ich schwöre, ich bin nicht so betrunken, wie es aussieht.»
Er lächelte sie an, und Lizzie merkte, wie attraktiv er war, auf angenehm zurückhaltende Art. Seine ungebändigten dunklen Haare fielen ihm über eindrucksvoll schiefergraue Augen, und das Kinn war mit Bartstoppeln übersät; doch es war kein sorgsam nachlässig gestylter Dreitagebart, sondern sah eher aus, als hätte er Besseres zu tun, als sich jeden Morgen zu rasieren. Er war größer als sie – mindestens 1,83 m, schätzte sie –, breitschultrig, und das feucht auf der Haut klebende T-Shirt verriet, dass er in Form war. Lizzie war sich bewusst, dass sie angefangen hatte zu starren, aber sie konnte den Blick nicht von ihm lösen.
Er löste den Bann, als er auf die Scherben auf dem Fußboden zeigte. «Es ist besser, ich kümmere mich darum, ehe sich jemand einen Zeh abschneidet.»
«Oh. Natürlich», sagte sie. Und nach einer Pause: «Es tut mir wirklich leid. Kann ich helfen?»
«Aber nein. Das ist mein Job», lächelte er. «Also, Miss, schönen Abend noch. Vielleicht stoßen wir ja irgendwann wieder mal zusammen.» Er drehte sich um und verschwand in einem Raum hinter der Bar.
Lizzie wurde klar, dass sie noch nicht mal seinen Namen kannte, und staunte über die unvermittelte Woge aus Enttäuschung in ihr – allerdings nicht halb so sehr wie über die Tatsache, dass aus den Lautsprechern plötzlich ihr Name ertönte: «Okay, Leute, und jetzt bin ich auf der Suche nach Lizzie Sparkes … Lizzie Sparkes, auf die Bühne bitte.» Lizzie sah sich panisch um und hoffte auf einen verrückten Zufall, der dafür sorgte, dass es hier noch eine Frau gleichen Namens gab. Doch dann entdeckte sie die johlenden Gesichter von Megan und den Jungs.
«Oh, da steckst du, Lizzie!», rief Megan und zeigte mit übertriebener Geste direkt auf sie. «Du bist dran.»
Verzweifelt versuchte Lizzie, den pummeligen Moderator auf sich aufmerksam zu machen und ihm zu bedeuten, dass es sich um einen äußerst dämlichen Scherz handelte, doch er missinterpretierte ihr hektisches Winken als Signal, dass sie auf dem Weg war, und spielte den Titel an. Blinde Panik packte sie. Was haben die sich ausgedacht? Vor ihrem inneren Auge flogen in wildem Tanz die CDs ihrer Sammlung herum. Britney Spears? Die Sugababes? S Club 7? Es gab nur einen Ausweg: Sie musste sofort auf die Bühne und diesen Irrsinn beenden.
Mit einem tiefen Atemzug drängelte sie sich nach vorn und betrat das wackelige Podest. Heiße Röte kroch ihr über die Wangen. «Moment, es tut mir leid, aber das ist ein Missverständnis …», sagte sie zu dem Moderator, doch ihre Stimme ging im Lärm der ersten Takte des Songs unter. Im selben Augenblick drückte der Mann ihr ein Mikro in die Hand.
Lizzie erstarrte, als sie das Intro erkannte. Tragedy. Ausgerechnet. Lizzie frönte der heimlichen Lust, die Coverversion der Steps auf CD mitzusingen – wahrscheinlich ein bisschen zu laut, wenn Megan das mitbekommen hatte –, und dachte nicht im Traum daran, damit in der Öffentlichkeit aufzutreten. Die drei Cocktails, die sie intus hatte, machten sich unangenehm in ihrem Magen bemerkbar.
Scheiße. Scheiße. Scheiße. Ich habe keine Chance. Da muss ich jetzt durch. Auf dem alten Fernsehmonitor poppten in grellem Neongrün die ersten Textzeilen auf wie der farbige Leuchtmarker ihrer öffentlichen Demütigung.
«Heeere I lie in a lost and lonely paaaart of town», krächzte sie und versuchte, wenigstens ansatzweise der Melodie zu folgen. «Held in time in a world of tears I sloooowly drown …»
Sie versuchte, mit der dröhnenden Musik Schritt zu halten, und ihre Stimme zitterte beinahe so schlimm wie ihre Beine. In ihrer Verzweiflung streckte sie das Mikro in Richtung Publikum und ermutigte die Leute, in den Refrain einzustimmen.
Was zu ihrem Erstaunen funktionierte.
«TRAGEDY!», brüllte die Menge, offensichtlich bereits ausreichend in Stimmung, um einen wahren Klassiker der Popgeschichte gebührend zu würdigen. Plötzlich sprang Megan zu ihr auf die Bühne, steckte sich einen Trinkhalm mit Knick hinters Ohr wie ein Kopfbügelmikro und schmetterte den Rest des Songs aus vollem Halse mit. Ein paar Mädels ganz vorne sprangen auf und gaben in perfektem Einklang die Steps-Choreographie zum Besten, als hätten sie extra für eine Gelegenheit wie diese geübt.
Lizzie kam gerade zu dem Schluss, dass diese ganze Karaoke-Kiste vielleicht doch gar nicht so schlecht war, da war der Song auch schon zu Ende, und das Publikum flippte aus. «Gute Arbeit, Mädels», sagte der Moderator. «Also? Wer von euch traut sich, das zu toppen? Ah. Tony, sehe ich, und er wird uns in die Achtziger entführen …»
«Das war der Wahnsinn!», kreischte Megan und trippelte mit echtem Rockstar-Gehabe von der Bühne. «Ich hatte ja keine Ahnung, was in dir steckt.»
«Ich hatte wohl kaum eine Wahl, oder?» Lizzie war sich nicht sicher, ob sie ihre Freundin umarmen oder verhauen sollte.
«Sei nicht sauer. Das war eigentlich nur Spaß. Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass du da wirklich raufgehst. Hätte ich geahnt, dass du die ganze Hütte zum Wackeln bringst, hätte ich dich für zwei Nummern gemeldet.»
Lizzie musste grinsen. Das Adrenalin kribbelte immer noch in ihren Adern. «Hat irgendwie Spaß gemacht, oder?»
«Komm wieder runter, Kylie.» Megan blieb stehen und schnüffelte. «Riecht’s hier nach Kokos?»
«Könnte ich sein. Ehe du mich bei Pop Idol angemeldet hast, habe ich noch schnell ein Tablett voller Getränke in alle Himmelsrichtungen verschüttet.»
«Oh. Da hast du dich heute Abend aber definitiv selbst übertroffen.» Sie lachten, und Lizzie wurde klar, dass sie ihrer Freundin bereits verziehen hatte, auch wenn sie nicht genau wusste, wann.
«Allerdings. Aber die nächste Runde geht definitiv auf dich.»
Plötzlich tippte jemand Lizzie von hinten auf die Schulter. Sie drehte sich um und stand dem charismatischen Barmann von eben gegenüber. Scheiße! Bitte mach, dass er noch mit den Scherben beschäftigt war, als ich auf der Bühne stand … Sie spürte schon wieder die Hitze in ihre Wangen schießen und hoffte, dass man es bei der schummrigen Beleuchtung nicht sah.
Er klatschte in die Hände. «Ich bin beeindruckt. Du hast nicht gesagt, dass du mitmachst.»
«Ich wusste auch nicht, dass ich mitmache. Meine Mitbewohnerin hat mich ans Messer geliefert.» Sie zeigte auf Megan, die sich mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue zurückzog, in Gedanken eindeutig bereits mit der Vorplanung einer minuziösen Befragung hinsichtlich dieses geheimnisvollen Mannes beschäftigt. «Ich hab so was noch nie gemacht.»
«Also, den Leuten hat’s offensichtlich gefallen.»
«Mhm. Könnte sein, dass der Alkohol seine Finger im Spiel hatte.» Sie wünschte, es fiele ihr leichter, sich von attraktiven Typen Komplimente machen zu lassen.
«Und? Was treibst du sonst so, wenn du nicht gerade an deiner Popstar-Karriere feilst?» Er beugte sich nah zu ihr, um sich über den Lärm des nächsten Karaoke-Songs Gehör zu verschaffen, und Lizzie registrierte seinen zarten, mit einem Hauch Kokos verfeinerten Lederduft. Der Raum um sie herum verschwamm zum undeutlichen Hintergrund.
«Ich studiere. Englisch. Drittes Semester», rief sie ihm über den blechernen Lärm hinweg zu.
«Wie gefällt es dir?»
«Gut», antwortete sie. «Meistens jedenfalls. Und wie lange arbeitest du schon hier?»
«Seit einem halben Jahr ungefähr.» Er beugte sich noch näher zu ihr. Seine Lippen berührten fast ihr Ohr. Sein Atem an ihrer Wange fühlte sich warm an. «Ich studiere auch.»
«Was denn?»
«Scientology. Und Ausdruckstanz.»
«Sehr witzig.»
«Na gut.» Er seufzte übertrieben. «Hotel- und Gastronomiewesen.»
«Ach so. Dann arbeitest du hier, um Praxiserfahrung zu sammeln.»
Er lachte. «Eher, um meine Rechnungen zu zahlen.» Lizzie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, weil sie so naiv geklungen hatte.
In dem Augenblick wurden sie von einem Typ mit haarigem Bierbauch unterbrochen, der aus seinem viel zu engen T-Shirt rausragte. «He, Kumpel, das Gleiche noch mal für uns hier drüben, ja?»
«Bin gleich bei euch.» Der Kellner lächelte entschuldigend. «Tja, ich muss weitermachen. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder?»
«Vielleicht am Wochenende?» Lizzie war überrascht, wie selbstbewusst ihr das über die Lippen gekommen war. Habe ich ihn gerade um ein Date gebeten?
«Klingt super. Sonntag habe ich frei. Hier. Ich geb dir meine Nummer.» Er zog einen Stift aus der Jeanstasche und kritzelte seine Telefonnummer auf einen Bierdeckel. «Ich bin übrigens Alex. Alex Jackson.» Er streckte ihr die Hand hin.
«Ich bin Lizzie», flüsterte sie, und als sie ihre Hand in seine legte, durchfuhr ein leichtes Rieseln ihre Fingerspitzen. «Lizzie Sparkes.»
«Wie viel?», fragte Lizzie ungläubig und fischte noch ein paar Scheine aus dem Geldbeutel, während das Mädchen am Kartenschalter mit den langen Fingernägeln trommelte. «Was ist da denn alles inbegriffen?»
«Das ist lediglich der Eintrittspreis», antwortete das Mädchen höflich, nahm Lizzies Geldscheine entgegen und gab ihr ein paar einzelne Münzen zurück. «Alles andere kann auf der Hochzeitsmesse direkt bezahlt werden.» Sie schob zwei teuer wirkende cremeweiße Eintrittskarten über den Schalter.
«Woraus sind die denn gemacht? Aus echten Bräuten?», murmelte Lizzie. Die beiden Frauen hinter ihnen hüstelten ungeduldig. «Ist ja gut, wir sind schon weg», sagte sie, als Josh sie am Ellbogen von der Schlange wegmanövrierte.
Als sie durch den Haupteingang traten, fühlte Lizzie sich fast erschlagen von der schieren Größe der Halle, die sich vor ihnen erstreckte. Der riesige Raum war gefüllt mit endlosen Reihen von Messeständen: schwebende Märchenkleider an riesigen Kleiderständern, verführerisch vor sich hin plätschernde Schokoladenbrunnen, Süßigkeitenstände, die überquollen von Bonbons jeglicher Couleur, und Reiseagenten, die hinter ihren riesigen Aufstellern mit Hochglanzbroschüren für Hochzeitstraumreisen fast verschwanden. Die Luft summte vom Schnattern unzähliger Bräute und deren Gefolge. Die Erfahrung war irgendwie surreal, fast so, als wäre eins ihrer Hochglanzhochzeitsmagazine plötzlich zum Leben erwacht. Lizzie wusste nicht, ob sie sich kopfüber ins Getümmel stürzen oder zum nächsten Ausgang flüchten sollte.
«Bitte sag’s mir noch mal: Warum sind wir gleich wieder hier?», fragte sie Josh. Sie war am Morgen vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen, als er mit dem Vorschlag ankam, und hatte im Grunde nur aus Neugier zugesagt. Lizzie wusste von so einigen Freundinnen, die all ihre Überredungskünste hatten einsetzen müssen, um ihren Verlobten auch nur auf 50 Meter in die Nähe einer Hochzeitsmesse zu kriegen.
«Ich weiß doch, dass du dir Sorgen machst, weil noch so viel zu tun ist, und da dachte ich, vielleicht können wir hier gleich ein paar Dinge auf einmal abhaken.» Er nahm ihre Hand und schlang seine Finger durch ihre. «Und du kannst entspannen und dich einfach nur drauf freuen.»
«Okay … klingt vernünftig. Glaube ich.» Lizzie war ernsthaft bemüht, sich den kleinen Stachel Misstrauen aus dem Fleisch zu ziehen, der sie pikte. Warum benimmt er sich plötzlich wie der perfekte Bräutigam? Bis letzte Woche hatte Josh so gut wie kein Interesse an den Feinheiten der Hochzeitsvorbereitungen gezeigt. Klar, als es um die Details gegangen war, die mit Spaß und Feiern zu tun hatten, hatte er sich nur zu gern eingebracht, wie zum Beispiel den DJ zu buchen und die Hochzeitstorte auszusuchen. Aber sobald sie die Sprache auf irgendetwas anderes gebracht hatte – zu leistende Anzahlungen zum Beispiel oder den Druck der Einladungen –, war sein Blick glasig geworden, und er hatte sich in ein inneres Schneckenhaus zurückgezogen. Doch seit dem kleinen Zwischenfall am letzten Wochenende fragte er ständig, ob es ihr gut gehe, ob er ihr irgendwas abnehmen könne. Nicht, dass Lizzie sich beschwerte, im Gegenteil – sie war dankbar, dass er sich plötzlich solche Mühe gab –, trotzdem empfand sie diese plötzliche Aufmerksamkeit als ziemlich verstörend, so als hätten sich diensteifrige Aliens seiner bemächtigt.
Außerdem war es, ehrlich gesagt, wenig hilfreich, dass Lizzies eigenes Hochzeitsgen offensichtlich unter einem Defekt litt: Sie kannte den Unterschied zwischen Creme- und Elfenbeinweiß immer noch nicht, es war ihr völlig schnuppe, ob die Stuhlschleifen aus Organza oder Satin gebunden waren, und die Tortenbrautpaare mit ihren winzigen Knopfaugen wurden ihr immer unheimlicher. Im Grunde ihres Herzens hatte Lizzie nie von einer großen, traditionellen Hochzeit geträumt. Sie war irgendwie von selbst immer tiefer in diese Nummer hineingeschlittert, und schließlich hatten die Dinge sich verselbständigt. Damals, als sie noch mit Alex zusammen gewesen war, hatte es in ihrer Vorstellung eine kleine, intime Trauung gegeben oder eine spontane, klammheimliche Flucht rauf nach Gretna Green. Ganz kurz fragte sie sich, was Alex wohl dazu sagen würde, wenn er sie jetzt hier sehen könnte, wie sie die neuesten Platzkärtchen-Trends erkundete.
«Also? Was machen wir als Erstes?», fragte Josh.
«Wie du willst», sagte Lizzie und wich zur Seite, um vor einer Frau in Deckung zu gehen, die wild um sich spritzend individuell gemischte Spezialdüfte anpries. «Was meinst du?»
«Vielleicht zuerst die Blumen?»
Was habt ihr mit meinem Verlobten gemacht? Lizzie vermutete, dass er nur deshalb so erpicht darauf war, diesen Punkt schnellstmöglich abzuhaken, damit mehr Zeit für die Junggesellenabschiedsspezialisten und Mietwagenfirmen blieb. Sie hatte ihm schon gesagt, dass ein Aston Martin ihr Budget mit Sicherheit sprengen würde, aber sie wusste auch, dass Josh seinen James-Bond-Traum nicht einfach so aufgeben würde.
«Okay», sagte sie.
Hand in Hand quetschten sie sich durch die riesige Messehalle, vorbei an schnatternden Horden aufgekratzter junger Frauen und penetranter Mütter. Während Josh sich selbstbewusst einen Weg bahnte, fielen Lizzie die bewundernden Blicke so einiger Frauen auf. Schaut ihr nur, dachte sie, aber heiraten tue ich ihn. Ein plötzlicher Adrenalinstoß durchschwemmte sie. Mochten die Ereignisse vom letzten Wochenende sie auch kurzfristig aus der Bahn geworfen haben, jetzt war sie jedenfalls wieder zurück in der Spur. Wen interessiert schon, was Alex treibt? Ich habe Josh. Dieses Mal hatte sie sich in jemanden verliebt, der immer für sie da sein würde – in guten wie in schlechten Zeiten.
Sie setzten ihren Weg in Richtung der verschwenderischen Blütenpracht am entgegengesetzten Ende der Halle fort und begegneten unterwegs eifrigen Verkäufern, die Junggesellenabschiedsgesamtpakete für sie und ihn anpriesen, eleganten Damen, die großzügig Pröbchen von Hautpflegeprodukten verteilten, Zauberern, die ihre Kartentricks präsentieren und sogar Designern, die versuchten, das passende feierliche Haustieroutfit an den Hundebesitzer zu bringen. «Das wäre doch was für Freddie, oder?», scherzte Lizzie und hielt ein strassbesetztes Hundehalsband samt Leine hoch. «Damit könnte Megan ihn unter Kontrolle halten …»
«Ha. Das würde Megan sicher gefallen», lachte Josh. «Leg das lieber wieder hin. Nicht, dass die Frau noch glaubt, du klaust.»
«Willst du vielleicht sagen, ich sehe zwielichtig aus?»
«Niemals!», lächelte er.
Schließlich hatten sie die Stände der Floristen erreicht. Die Abteilung war gleichermaßen farbenprächtig wie überwältigend. Lizzie hatte geglaubt, man würde sich einfach ein paar seiner Lieblingsblumen aussuchen und sie von einem Floristen in schicke Vasen arrangieren lassen, doch sie musste feststellen, dass auch hier das Angebot schier endlos war: Vogelkäfige, aus denen üppiges Grün herausrankte, Tafelaufsätze in Form überdimensionaler Cocktailgläser, aus denen zu Herzen und Glocken getrimmte Buchsbäumchen wuchsen.
«Lass uns das bitte ganz schlicht halten», flüsterte sie und zog Josh von einem Mann weg, der eine Kombination aus Gerbera, Wunderkerzen und Zitrusfrüchten zur Schau stellte und sie hektisch zu sich winkte. «Wir brauchen nichts Essbares.»
Er grinste. «Und was ist mit brennbar?»
«Mhhm … eher nein.»
«Du Spielverderberin! Wie wär’s mit dem Stand da drüben?» Er deutete auf eine weißhaarige Dame in taubenblauem Kostüm, die von dezenten, aber wunderschönen Arrangements in hohen Kristallvasen umgeben war. Kräftiges Rosarot und violette Malventöne mischten sich mit angenehm neutralen Cremetönen, und alles sah aus wie frisch aus einem üppigen Garten geschnitten.
Bingo.
Die Floristin bemerkte ihren Blick und wartete geduldig, bis sie näher kamen. «Hallo», sagte sie freundlich und gab Lizzie die Hand. Sie fühlte sich gleichzeitig weich und pergamenthaft an, und der Händedruck war erstaunlich fest. «Ich bin Peggy Bloom. Na, wie geht es Ihnen hier?»
Lizzie fragte sich, ob das ihr echter Name oder ein klug gewähltes Pseudonym war. «Gut, danke», antwortete sie. «Wir sind nur auf der Suche nach etwas Inspiration für unsere Hochzeit. Ihre Sachen gefallen mir wirklich gut.»
«Danke sehr. Wann ist denn der große Tag?»
«In knapp drei Monaten schon.» Sofort fing Lizzies Herz an, schneller zu schlagen, rhythmisch, fast wie eine Uhr. It’s the final countdown … die Achtziger-Hymne dröhnte laut in ihrem Kopf, und sie merkte, dass sie Peggys letzte Frage nicht mitbekommen hatte.
«Verzeihung?»
«Heiraten Sie kirchlich oder standesamtlich?»
«Kirchlich.»
«Und welche Art von Blumenschmuck suchen Sie?»
«Möglichst schlicht», sagte Lizzie. «Romantisch und elegant.»
«Haben Sie dabei bestimmte Blumen im Kopf?»
«Ich hatte vielleicht an Lilien gedacht.»
«Wirklich?» Josh wirkte überrascht. «Bei Lilien muss ich immer an Beerdigungen denken. Was ist mit Rosen?»
Lizzie sah ihn forschend an und versuchte, sich darüber klarzuwerden, ob er es ernst meinte. «Findest du Rosen nicht ein bisschen … klischeehaft?»
«Eigentlich nicht. Aber ich bin auf dem Gebiet nun wirklich kein Experte.» Er streckte in gespielter Niederlage die Hände hoch. «Hör mal, Lizzie, wenn du Lilien möchtest, nimm Lilien. Nichts läge mir ferner, als meiner wunderschönen Braut einen Wunsch abzuschlagen.» Lizzie hatte den Verdacht, dass sein gespieltes Interesse für Blumen bereits abflaute. Er schielte unauffällig in Richtung der Stände für Junggesellenabschiede.
Sie beschloss, ihn vom Haken zu lassen. «Hör mal. Wie wär’s, wenn du dich ein bisschen umsiehst, während ich hier mit Peggy ein paar Möglichkeiten bespreche? Sobald wir fertig sind, komme ich dich suchen.»
«Echt?» Josh wirkte unsicher, fast als wäre er versehentlich in eine unsichtbare Falle getappt.
«Wirklich. Das ist völlig okay. Es dauert nicht lange. Geh du doch einfach schon mal deinen Junggesellenabschied planen oder so was in der Richtung.»
«Also, wenn du meinst …»
«Absolut.» Sie nickte.
«Okay. Gut – dann ruf mich einfach kurz an, wenn du fertig bist. Auf Wiedersehen, Peggy …» Er verschwand schnell wie der Blitz, und sein leuchtend blaues T-Shirt ging in der Menge unter. Seine fröhliche Überschwänglichkeit gehörte zu den ersten Dingen, die ihr an Josh aufgefallen waren, und erklärte wahrscheinlich, weshalb er an seiner Schule zu den beliebtesten Lehrern gehörte. Das und sein dreister Sinn für Humor. Schüler merkten es sofort, wenn sie ein großes Kind vor sich hatten.
Lizzie wandte sich wieder der Floristin zu. «Also. Lilien gehen nicht, Rosen auch nicht … Was schlagen Sie vor?»
«Wieso gehen die nicht?», fragte Peggy.
«Ja, ich weiß, er hat gesagt, es sei ihm egal, aber ich kann ja wohl schlecht Lilien nehmen, jetzt wo ich weiß, dass er sie nicht mag. Schließlich ist es auch seine Hochzeit.»
«Na ja, mit Blumen ist es ein bisschen so wie mit der Ehe, wissen Sie?», sagte Peggy weise. «Manchmal liegt das Geheimnis im Kompromiss.»
«Wie bitte?»
«Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie betreten die Kirche, gehen auf ihn zu, in der Hand ein Bouquet aus weißen Calla-Lilien. Vielleicht acht oder zehn Blüten, nicht mehr. Sehr geschmackvoll. Vor dem Altar zwei wunderschöne Gestecke, orientalische Lilien, eingebettet in ein Nest aus cremefarbenen Vendelarosen und zartrosa Sweet Avalanche. Und für die Feier Miniaturen der Gestecke für die Tische. Gewissermaßen das Beste aus beiden Welten.»
Lizzie hätte sie küssen können. «Das klingt perfekt», sagte sie. «Was würde so was denn kosten?»
«Wie viele Tische planen Sie?»
Ups. Noch ein Punkt, den wir immer noch nicht geklärt haben …
«Ich weiß noch nicht genau. Etwa zehn, vermutlich.»
«Okay, kein Problem. Wenn Sie mir diesen Kundenbogen mit Ihren Daten ausfüllen, mache ich Ihnen ein Angebot. Die Feinjustierung können wir dann immer noch machen.»
«Toll. Danke», sagte Lizzie. Sie füllte das Formular aus und gab es zurück.
«Donnerwetter! Was für ein hübscher Ring.»
Lizzie hielt Peggy die Hand hin, damit sie den Ring näher in Augenschein nehmen konnte. Der Diamant im Quadratschliff funkelte unter der künstlichen Beleuchtung. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Josh einen derart auffälligen Ring wählen würde, aber mit den beiden rechts und links der Hauptattraktion in den Platinreif eingelassenen kleineren Diamanten war er wirklich umwerfend. «Sie sind ein Glückskind, meine Liebe. Ich lasse bald von mir hören.»
Lächelnd schlenderte Lizzie weiter. Ihre Gedanken gingen zu dem Tag zurück, als Josh ihr den Antrag gemacht hatte. Sie hatten einen wunderschönen Nachmittag in Notting Hill verbracht, waren über den lebhaften Portobello Market geschlendert und hatten sich anschließend im Electric Cinema Spectre angesehen. Sie hatten eins der gemütlichen Liegesofas in der ersten Reihe ergattert, sich aneinandergekuschelt, Popcorn gemampft, die weiche Kaschmirdecke über sich gebreitet und den Großteil des Films verpasst, weil sie geknutscht hatten wie die Teenager.
Danach hatte Josh sie nach Shepherd’s Bush zurückgefahren und ihr tief in die Augen gesehen. «Kommst du noch mit rein?», hatte sie gefragt und war plötzlich nervös geworden.
«Ich kann nicht», hatte er geantwortet. «Ich wünschte, ich könnte, aber ich habe Freddie versprochen, mir bei ihm das Spiel anzusehen. Willst du mitkommen?»
«Nein danke. Du weißt doch, dass ich mir nichts aus Fußball mache.» Oder aus Freddie.
«Ja, dachte ich mir schon. Ich ruf dich später noch mal an, okay?»
Er hatte Wort gehalten und sie um halb elf angerufen, gerade als sie ins Bett gehen wollte.
«Hey», sagte er, und in der Leitung knackte es leise. «Wie war dein Abend?»
«Schön. Ruhig. Megan ist nicht da, und ich dachte, ich könnte ein bisschen schreiben.»
«Was denn?»
«Ich habe eine Idee zu einer Kurzgeschichte.»
«Aha», sagte er, nicht ganz bei der Sache. «Und? Hast du mich vermisst?»
«Natürlich. Du bist äußerst vermissenswert.»
«Vielleicht sollten wir uns was überlegen. Ich glaube, wir brauchen einen Plan, damit wir uns in Zukunft nicht mehr so oft vermissen müssen.»
«Was meinst du damit?» Sie zögerte. «Du wohnst doch sowieso praktisch hier.»
«Ich weiß», sagte er. «Aber ich habe nachgedacht …» Die Verbindung war wirklich schlecht. Sie bemühte sich zu verstehen, was er sagte, und dann klingelte es plötzlich auch noch an der Wohnungstür, und Lizzie machte einen Satz. Aaaargh! Sie hasste diese Klingel. Es fühlte sich immer an, als würde ihr jemand ins Hirn bohren.
«Moment. Vergiss nicht, was du sagen wolltest. Meg hat schon wieder ihren Schlüssel vergessen. Bin in fünf Sekunden zurück.»
Sie warf das Telefon aufs Bett und rannte los, um die Tür aufzumachen – und da hatte Josh vor ihr gekniet, einen Riesenrosenstrauß im Arm und einen blendend funkelnden Diamantring in der Hand.
«Ja. Was ich sagen wollte. Ich habe nachgedacht … Möchtest du mich heiraten, Elizabeth Sparkes?»
Lizzie war immer noch in ihrer romantischen Erinnerung versunken, als eine Dame mit einer vierstöckigen Hochzeitstorte auf dem Arm sie fast umgerannt hätte. Ich muss mich konzentrieren. In gewisser Weise kam es ihr wie eine Ewigkeit vor, seit Josh sie gefragt hatte, aber die letzten Monate hatten trotzdem ihre ganz eigene Dynamik entwickelt und rasten inzwischen der ehelichen Ziellinie geradezu entgegen. Für jeden Punkt, den sie erfolgreich von ihrer To-do-Liste streichen konnten, kamen augenblicklich zwei neue dazu.
Als Erstes muss ich in diesem Heuhaufen meinen Verlobten wiederfinden.
Lizzie holte das Telefon aus der Tasche und drückte die Kurzwahltaste. Josh antwortete nicht. Wahrscheinlich konnte er sein Telefon in dieser Kakophonie aus Kichern und Kreischen und supergutgelaunten Verkäufern gar nicht hören. Direkt neben ihr stimmten die Musiker eines Streichquartetts ihre Instrumente, als wollten sie jeden Moment loslegen. Seufzend steckte Lizzie das Telefon zurück in die Jeans. Tja. Werde ich ihn wohl suchen müssen.
Sie bog in die nächste Reihe Stände ab, doch Josh war nirgends zu sehen. Hinter einem Tisch starrte ein schlaksiger Typ mit fiesen Mitessern sie an, als hätte sie sich aufs Männerklo verirrt. «Kann ich Ihnen helfen? Sie sind hier in der Herren-Abteilung.» Er deutete auf ein Plakat mit zwei Frauen auf einem Quad – im Bikini, kaum der geeignetsten Bekleidung für dieses Gefährt.
«Ach, tut mir leid, ich war auf der Suche nach der Mädels-Abteilung», sagte sie zuckersüß. «Aber ich könnte eine zweite Meinung brauchen … Was meinen Sie? Lieber eine Pole-Dancing-Party oder das Schlammcatching-Wochenende zum Abschied von der Freiheit?»
Ihm fiel die Kinnlade runter, und sie drehte sich um und suchte in der anderen Richtung weiter. Nachdem sie einen Karikaturisten, eine Cellistin und eine Frau in Mittelalterkostüm (Lizzie machte sich nicht die Mühe, stehen zu bleiben und zu fragen, was das zu bedeuten hatte) passiert hatte, entdeckte sie Josh. Er stieg gerade aus einem Ding, das wie ein Taxi aussah.
«Lizzie! Das musst du dir ansehen!» Er zog sie ins Innere und direkt auf seinen Schoß. Die Tür fiel ins Schloss und sperrte die hektische Außenwelt aus. Seine Gürtelschnalle bohrte sich in ihren Rücken, und sie rutschte ein Stückchen nach vorne. «Sieht aus wie ein ganz normales Taxi, aber in Wirklichkeit ist es eine Fotokabine!»
«Gehört das auch zu deiner Bond-Phantasie?»
Sein Lachen hallte in der chromglänzenden Kabine wider. «Ich dachte, das wär doch was für unsere Feier», sagte er. «Die Gäste können sich reinsetzen und lustige Fotos machen. Ein Abzug ist für sie, und wir bekommen einen zum Andenken. Die Leute könnten ihre Bilder noch mit Widmung versehen. Das wäre doch viel besser als so ein langweiliges Gästebuch. Und außerdem», er wühlte in einer Kiste mit Utensilien, die auf dem Boden stand, «hast du das Beste noch gar nicht gesehen.» Er reichte ihr eine rote Brille mit herzförmigen Gläsern und setzte ihr ein Matrosenhütchen auf. «Was sagst du dazu? Bist du mit an Bord?»
Lizzie musste grinsen. Das ist sehr … typisch Josh. «Ich weiß nicht», sagte sie diplomatisch. «Ich meine, es ist schon ziemlich cool, aber brauchen wir das wirklich? Wir haben den Fotografen doch schon gebucht.»
«Aber das ist doch etwas völlig anderes. Dieses Ding müssen wir haben!»
«Warum denn? Weil die Hochzeit zum Scheitern verurteilt ist, wenn wir uns nicht alle alberne Sachen ins Gesicht halten?»
«Nein. Weil es lustig ist. Jetzt komm schon …» Er wackelte übermütig mit den Augenbrauen. «Manchmal muss man wild und gefährlich leben!»
Seine Worte versetzten ihr einen unerwarteten Stich, so als hätte sie sich versehentlich wieder auf seine Gürtelschnalle gesetzt. Es war über zehn Jahre her, seit sie diesen Satz zuletzt gehört hatte, doch plötzlich konnte sie sich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Unbewusst rieb sie mit dem Finger über die blasse Narbe auf ihrem Handgelenk, als ließe sich die Erinnerung auf diese Weise wegwischen.
«Alles okay?», fragte Josh zum tausendsten Mal in dieser Woche.
«Ja. Entschuldige. Also. Du stehst echt auf dieses Taxi, oder?»
«Nicht so sehr wie auf dich», sagte er, sämtliche Charmeregister ziehend. «Aber ich glaube wirklich, dass es toll wäre.»
«Wie viel?» Sie spürte, wie sie weich wurde. Schließlich hatte sie monatelang auf ihn eingeredet, sich endlich mehr in die Hochzeit einzubringen, und es wäre gemein, gleich bei seinem ersten Vorschlag ein Veto einzulegen. Außerdem sah das Ding tatsächlich aus, als könnte es lustig sein.
«Normalerweise 500 Pfund, aber wenn wir heute noch unterschreiben, bekommen wir zwanzig Prozent Rabatt.»
«Können wir uns das leisten?»
«Ja, ich glaube schon. Vor allem, wenn wir den Aston Martin nicht mieten.»
«Bist du sicher?» Lizzie verzichtete mit Freuden auf die Angeberkarre, aber ihr war klar, was für ein großes Opfer das für Josh bedeutete.
«Ja, wir finden schon noch eine andere Transportmöglichkeit. Notfalls musst du deinen Hintern eben in den Bus schwingen …»
Sie gab ihm einen spielerischen Klaps. «He! Diese Braut fährt ganz sicher nicht Bus.»
«Alles klar. Vielleicht lassen sie dich ja auch in der Fotokabine mitfahren.»
«Hör jetzt auf!» Lizzie musste derart kichern, dass ihr die Tränen in die Augen traten.
«Also, das ist jetzt aber kein Grund zu heulen», sagte Josh. Er schaute nach vorn auf den Hightech-Bildschirm an der Wand der Fahrerkabine. «Willst du’s ausprobieren?»
«Wäre wohl besser, oder?»
«Okay. Ich drück aufs Knöpfchen, und du machst Grimassen: fröhlich, traurig, Pokerface, fies.»
Aber Lizzie brach schon wieder kichernd zusammen.
«He! Soll das jetzt gut aussehen oder nicht?»
Sie rückte seine alberne Riesenbrille zurecht, gab ihm einen Kuss und drückte den Auslöser. «Ich glaube, das wird schwierig», sagte sie.
Lizzie trank noch ein Schlückchen Wein und las die mit Kaffeeringen verzierte Dessertkarte. Eigentlich war sie für Nachtisch fast zu satt, aber sie fühlte sich unglaublich wohl mit Alex und wollte auf keinen Fall, dass das Date zu früh endete. Für eine kleine Kugel Eis habe ich vielleicht gerade noch Platz. Vielleicht sogar für zwei, versuchte sie, sich selbst zu verführen.
Ehe sie sich entscheiden konnte, kam plötzlich eine klebrige Brotkugel durch die Luft geflogen und landete mit dumpfem Bums auf dem rot-weiß karierten Tischtuch. Sie sah sich in dem italienischen Restaurant um und entdeckte in der Ecke zwei kleine Jungs, die sich vor Lachen bogen.
«Ihr hört sofort auf damit!», zischte die entsetzte Mutter an ihrem Tisch. «Setzt euch hin und benehmt euch!» Sie sah Lizzie an und wedelte entschuldigend mit den Händen. «Es tut mir leid. Wirklich. Ich hab keine Ahnung, was heute in die beiden gefahren ist.» Sie warf den beiden Kindern, die sich inzwischen mit Grimassenschneiden vergnügten, einen strengen Blick zu. «Wenn ihr Vater das erfährt, bekommen sie jedenfalls riesigen Ärger.»
«Schon okay. Ist ja nichts passiert», sagte Lizzie lächelnd. Sie drehte sich wieder zu Alex um, und sie mussten beide lachen. «Und? Was ist mit Nachtisch?»
«Aber nur, wenn wir ihn vor den beiden Monstern retten können», sagte er. «Sonst sind wir am Ende von oben bis unten voller Schokolade.»
Lizzie versuchte, ihre inneren Bilder zu dieser Vorstellung zu vertreiben, aber für den Bruchteil einer Sekunde begab sich ihr Verstand auf ziemlich schmutzige Abwege. Alex sah heute Abend noch besser aus als in ihrer Erinnerung. Er trug ein graues T-Shirt und ausgeblichene Jeans, und über der Stuhllehne hing lässig eine abgewetzte Lederjacke. Er passte definitiv nicht in ihr übliches, eher adrettes Beuteschema, doch etwas an ihm faszinierte sie mehr als all die anderen Typen, mit denen sie in letzter Zeit flüchtige Beziehungen hatte.
Der gutgelaunte Wirt trat an den Tisch. «Und? Darf’s noch ein Dessert sein?», fragte er in dröhnendem, gebrochenem Englisch, und die Worte schwangen beinahe wie eine Melodie im Raum. «Wünschen Sie eine von meine Specialità?»
«Ich bin ziemlich satt», sagte Lizzie und deutete auf ihren Bauch. «Aber ich glaube, für eine kleine Portion Zitroneneis ist noch Platz.»
«Molto bene», antwortete der Wirt. «Bei uns in Italien gibt es ein Sprichwort: Wir haben zwei Mägen. Einen für den Hauptgang und einen für dolce. Für das Dessert ist immer bisschen Platz.»
«Wenn das so ist, nehme ich das Tiramisu», sagte Alex. «Danke.»
Der Wirt nickte anerkennend und eilte in Richtung Küche davon.
Alex wandte Lizzie wieder seine ganze Aufmerksamkeit zu. «Also. Wo waren wir stehengeblieben?»
«Du hast mir von deinen Abenteuern erzählt.»
Obwohl sie im selben Studienjahr waren, war Alex anderthalb Jahre älter als sie. Er hatte nach der Schule ein Jahr in Australien verbracht und alle möglichen adrenalingeschwängerten Dinge getan. Er hatte in Cairns Bungee-Jumping gemacht, die Sydney Harbour Bridge erklommen und war in Melbourne Fallschirm gesprungen. Lizzie fand seine Geschichten faszinierend und schrecklich zugleich. Die Vorstellung, aus einem Flugzeug zu springen, war für sie der blanke Horror. Nach einem besonders unruhigen Ferienflug, der so turbulent gewesen war, dass sie die halbe Atlantiküberquerung über der Kotztüte gehangen hatte, brachte sie es kaum noch über sich, ein Flugzeug zu besteigen. Sie hatte sich zwar nach diesem Erlebnis noch ein paarmal dazu gezwungen zu fliegen, aber entspannt war sie dabei nie. Schon vor dem Start fing ihr Herz an zu rasen, und sie bekam schweißnasse Hände.
«Ja. Das war ein tolles Jahr. Und? Was war der beste Ort, an den du je gereist bist?»
«Oh. Also … Ich reise eigentlich nicht so gern.»
Alex sah sie überrascht an. «Echt nicht? Reizt dich die weite Welt denn gar nicht?»
«Doch. Ich würde liebend gern die Welt bereisen, aber … na ja. Ich hab’s nicht so mit der Fliegerei.» Ha! Das war jetzt aber wirklich ziemlich untertrieben.
«Meinst du, du hast Flugangst?»
Lizzie zögerte. Bis jetzt kannte bis auf ihre Familie und Megan niemand das komplette Ausmaß ihres Problems, und sie war sich nicht sicher, ob es klug war, sich damit ausgerechnet einem Globetrotter anzuvertrauen, den sie ausgesprochen attraktiv fand. Doch Alex hatte eine gelassene Selbstsicherheit an sich, die in ihr den Wunsch weckte, ihm zu vertrauen.
«Mhm», gab sie schließlich zu. «Ich glaube, man könnte es als Phobie bezeichnen.»
«War das schon immer so?»
«Nein.» Lizzie seufzte. «Als ich fünfzehn war, kamen wir auf dem Weg nach Florida in heftige Turbulenzen, und ich habe den halben Flug über gespuckt. Meine Eltern fanden’s eher lustig. Mein Vater spricht heute noch von der ‹fliegenden Kotzkiste›. Aber ich glaube, ich habe damals echt einen Hau fürs Leben abbekommen.»
«Das muss schlimm sein.» Alex nickte mitfühlend.
«Davon geht die Welt nicht unter», sagte sie in dem Versuch, sein Mitleid abzuschütteln. «Es gibt im Leben schließlich noch viele andere Dinge, die man genießen kann.»
«Zum Beispiel?»
«Jede Menge … Schreiben. Lesen. Schwimmen. Allerdings nicht gleichzeitig.»
Alex’ Lachen jagte ihr das Adrenalin durch die Adern.
«Ach so. Außerdem bin ich süchtig nach The West Wing. Kennst du die Serie?»
«Nein. Aber soll gut sein.»
«Mehr als gut. Aaron Sorkin ist ein absolutes Schreibgenie.»
Alex lächelte. «Muss ich mir ansehen. Was schreibst du denn so?»
Lizzie gestand, dass sie sich an Erzählungen probiert hatte, ihre Versuche allerdings bis jetzt selbst ziemlich armselig fand.
«Das geht vorbei», sagte er. «Du darfst nur auf keinen Fall aufhören, Worte zu Papier zu bringen. Irgendwann ergeben sie von selbst einen Sinn.»
Diesmal war die Überraschung auf Lizzies Seite. «Schreibst du etwa auch?»
«Nicht wirklich – jedenfalls keine Bücher oder so was. Aber ich habe mir vor einer Weile beigebracht, Gitarre zu spielen, und jetzt versuche ich mich an meinem eigenen Zeug. Ich könnte den ganzen Tag nichts anderes tun.»
Lizzie war fasziniert. «Cool.»
Alex beugte sich mit leuchtenden Augen vor. «Weißt du, eines Tages möchte ich meine eigene Bar eröffnen», sagte er. «Gute Bands buchen, ein paar wirklich coole Gigs ins Haus holen, mein eigener Herr sein. Das ist im Grunde der echte Traum, glaub ich.»
«Keine Rockstar-Ambitionen?»
«Nee. Ich glaube, ich wäre keine fünf Minuten lang berühmt. Ich würde den ganzen Zirkus hassen. Es ging mir nie darum, irgendwann in Wembley zu spielen. Ich wollte einfach nur Gitarre lernen, sehen, was draus wird …» Er verstummte, als die Kellnerin mit dem Nachtisch kam und ihnen die Teller vor die Nase setzte. «Wie auch immer. Was ist mit dir?»
Was mit mir ist?
