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‹Der Formwandler› ist der zweite Band der ‹Pancrator Principle›-Trilogie. Eine mitreißende Science-Fiction-Saga über Freiheit, Macht und Verrat in einer Welt am Abgrund.
«Ich werde alles tun, um die KI zu vernichten. Selbst wenn ich dafür einen Pakt mit dem Teufel schließen muss.»
Berlin, 2070. Nyssa und die Rebellen kämpfen erbittert für eine bessere Zukunft. Während die neue Regierung einen Überwachungsstaat aufbaut, strebt die künstliche Intelligenz Vedam nach völliger Unabhängigkeit. Ein neuer Gegner lässt die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.
Nyssa muss sich in einer Welt voller Verrat, Gewalt und gefährlicher Allianzen behaupten. Um die künstliche Intelligenz Vedam zu zerstören, muss Nyssa mehr wagen als je zuvor und ihre moralischen Grenzen überschreiten. Wie viel Menschlichkeit ist sie bereit, auf dem Altar des Widerstands zu opfern? Und was ist Nyssa bereit, zu verlieren?
Das Buch enthält einen Link für einen für diese Geschichte produzierten Song bei Streaminganbietern, der das Eintauchen in die Handlung noch intensiver gestaltet.
Enthält Links zu einem eigens erstellten Song bei Streamingdiensten und siebzehn farbige, KI generierte Illustrationen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Chris Mathias
The Pancrator Principle
NeoFiction
www.neofiction.de
© 2025 Christian Müller, NeoFiction Verlag, Heidelbergc/o Block Services, Stuttgarter Str. 106, 70736 FellbachE-Mail: [email protected]
Alle Rechte vorbehalten
Illustrationen generiert durch künstliche Intelligenz (Midjourney)
Lektorat: me-di-al Medienberatung Hermann RuckdeschelCover: Giessel DesignSatz: paginamedia GmbHDruck und Bindung: CPI books GmbH, LeckPrinted in Germany
Musikproduktion, Mixing, Mastering: Dominik A. Hecker, ARK-HECKER GmbHVocal Recording: Dominik A. Hecker, Niklas EsserSongtexte: Niklas EsserGesang: Corinna Feil
Print ISBN 978-3-9825668-2-5
E-Book ISBN 978-3-9825668-3-2
Eine Geschichte ist nicht nur eine Tür.Sie ist auch ein Schlüssel zu uns selbst.
Für dieses Buch wurde ein neuer Song komponiert, um noch tiefer in die Welt und die Geschichte eintauchen zu können.
Hör dir zur Einstimmung für den Roman den Song ‹The Pancrator Principle – Shape Shifter› beim Streamingdienst deiner Wahl über diesen Link an:
https://www.neofiction.de/music/pancrator/formwandler
Nyssa drang der beißende Schweißgeruch ihres Gegenübers in die Nase. Der Mann mit dichtem, braunem Haar verschlang sie mit seinem Blick, als ob er gleich aufspringen und sie vergewaltigen wollte. Er hatte sich auf die verwitterten Planken einer Bank ausgebreitet, deren rostige Stützen kurz vor dem Zerfall standen, sein übergroßer Tarnfleckanzug verschmolz mit dem blassen Grün der vermodernden Pflanzen um ihn herum. ‹Shockwave›, wie er genannt werden wollte, war bekannt als jemand, der es verstand, in der Unterwelt Berlins mit Waffen zu handeln und dabei am Leben zu bleiben. Zwei Wachen standen etwas abseits, ihre von Kampfspuren vernarbten Gesichter vermittelten unmissverständlich den Eindruck, dass mit ihnen nicht zu spaßen war. Nyssas Hand wanderte wie von selbst zu ihrer Narbe, die ihr Gesicht vom Hals bis zur Wange zerteilte und unter der schwarzen Klappe über ihrem toten Auge endete. Auch mit ihr war nicht zu spaßen, aber das erkannten die meisten zu spät. Junge Frauen wie sie nahm man nur selten für voll, besonders mit einer so drahtigen Teenagerfigur wie Nyssa.
Warum wollte Shockwave sie ausgerechnet in den Ruinen des Botanischen Gartens in Lichterfelde treffen? Nostalgie war Typen seines Kalibers schließlich kaum ein Begriff. Vom ehemaligen großen Tropenhaus war nicht mehr viel übrig. Das Gebäude glich einem ausgehöhlten Gerippe, die meisten Pflanzen hatten die vielen harten Winter nicht überstanden. Die in Berlin alles verdrängenden Götterbäume wucherten dagegen auch hier wie ein Krebsgeschwür in dem Gebäude. Hier und da fanden sich ein paar abgestorbene Stämme der ehemaligen Tropengewächse, die traurig an das vergangene grüne Paradies erinnerten. Trotz der Unzahl zerschmetterter Glasteile des Gewächshauses, die Luft und Regen von außen einließen, war die Luft im Inneren schwül, trug den Geruch verwesender Pflanzen in sich und machte Nyssa das Atmen schwer.
«Nur Gebrauchtware?», fragte Lukas, der ein Sturmgewehr gegen das schwache Licht hielt.
«Fast wie neu. Alles funktionstüchtig», antwortete Shockwave, während er sich mit lässiger Routine einen weiteren Joint anzündete.
Lukas, der Anführer ihrer Rebellentruppe, wirkte auf den ersten Blick fast wie eine jüngere Variante von Shockwave, aber das war nur ein flüchtiger, äußerlicher Eindruck. Er hatte auch dieses dichte, braune Haar, etwas dunkleren Teint, aber damit erschöpften sich die Gemeinsamkeiten. Nyssa kannte Lukas als einen sehr nachdenklichen Menschen, der vielleicht manchmal etwas zu zaghaft an die Dinge heranging. Möglicherweise, weil er immer versuchte, Schaden von ihr und Ash, ihrer weiteren Mitstreiterin abzuwenden. Ashs lange braune Haare und ihr glattes Gesicht verbargen einen entschlossenen Geist, sie war noch vor keinem Kampf zurückgeschreckt und war, wie Lukas auch, sehr geschickt im Umgang mit Waffen.
«Was ist mit dem Hacking-Gear?», fragte Ash.
Shockwave zuckte mit den Schultern. «War nicht zu beschaffen», meinte er lapidar.
Ash trat einen Schritt näher auf Shockwave zu. Die Leibwächter hoben ihre Gewehre leicht an. Nyssa spannte ihre Muskeln und machte sich in Gedanken für einen Kampf bereit, falls die Dinge aus dem Ruder laufen sollten.
«Das sagst du uns jetzt? Warum verschwendest du unsere Zeit?», fauchte Ash.
Shockwave hob beinahe belustigt die Hände in einer entschuldigenden Geste. «Hey, ich kann nicht alles bekommen. Weißt du, wie schwer es ist, Hacking-Systeme zu beschaffen? Der Markt ist leer gefegt. Das bekommst du nirgendwo. Militärisches Equipment schon einmal gar nicht.» Ash grunzte und wendete sich wieder den Kisten zu, die verstreut auf dem rissigen Betonboden lagen.
Nyssa, Lukas und Ash waren der eher kümmerliche letzte Rest einer einst umfangreicheren Rebellengruppe, die nach wie vor die künstliche Intelligenz Vedam bekämpfte. Das letzte Jahr, seit ihre ehemaligen Mitglieder Valeria, Dragomir und Acazia ihre Ziele verraten und gemeinsame Sache mit Vedam gemacht hatten, war sehr hart für die kleine Gruppe von Rebellen gewesen. Sie litten unter akutem Geldmangel, hatten kaum Waffen und waren allein. Sie hatten seither nur wenig erreicht. Immerhin hatten die Roten Engel oder die Polizei sie nicht aufspüren können, auch wenn sie zu den meistgesuchten Terroristen in ganz Europa gezählt wurden. Seit etwa einem Monat war es wieder besser gelaufen. Lukas hatte über seine Kontakte bei den Tradisten einen neuen Hacker namens Sentry für ihre kleine Truppe rekrutieren können und gemeinsam hatten sie den letzten Rest ihres Geldes zusammengekratzt, um sich jetzt endlich neu auszurüsten und ihre Schulden zu bezahlen. Sentry wartete ein paar Blocks entfernt in einer Bar und hatte das Passwort für ihr Krypt-Wallet, um die Waffen zu bezahlen. Es war besser, nicht mit 100.000 Krypts in der Tasche bei Shockwave aufzutauchen.
Shockwave zog an seinem Joint und machte dann mit der Hand eine über die Kisten weisende Geste. «Alles zusammen nur 20.000.»
Ash gab keine Antwort, sondern ließ einige der Patronen einer Munitionskiste über ihre Handfläche rollen.
«Außerdem seid ihr im Rückstand», bemerkte Shockwave und legte dabei den Kopf schräg. «80.000. Heute fällig.»
«Das Zeug —», Lukas deutete auf die drei Kisten, «— ist keine 20.000 wert.»
Nyssa konnte sehen, wie sich Shockwaves Blick verhärtete.
«Okay.» Shockwave erhob sich, zog noch einmal an seinem Joint, und trat dann auf Lukas zu. «Dann könnt ihr euch ja einen anderen Waffenhändler suchen. Wisst ihr überhaupt, wie gefährlich es ist, mit euch Geschäfte zu machen? Niemanden schert es, wenn kleine Kriminelle ein paar Pistolen von mir bekommen. Aber Rebellen ausstatten? Nicht gut, wenn ich dabei erwischt werde. Kostet also auch etwas mehr, capisce? Und jetzt her mit den Krypts, ihr seid nicht die einzigen Kunden heute.»
Nyssa registrierte einen kurzen Blick von Lukas zu ihr. Was sollte sie schon tun? Sie hatten nicht wirklich eine Wahl. Eigentlich hatten sie gar keine. Shockwave hatte ihnen als einziger Händler Kredit gewährt. Sie nickte leicht. Lukas schaute zu Ash, die missmutig ebenfalls nickte.
«Okay. Dann 20.000», signalisierte Lukas ihr Einverständnis.
Shockwave machte eine Handbewegung zu einem der Leibwächter, der einen Interlinker hervorholte und ihn Lukas reichte. Lukas wiederum hielt Nyssa seinen Interlinker hin, das Display zeigte die ID eines Krypt-Wallets, eine Zeichenfolge von siebenundzwanzig Buchstaben und Zahlen.
Nyssa wählte auf dem Interlinker den Kontakt zu Sentry und wartete auf das Verbindungssignal.
Es kam keines. Sie checkte das Gerät, es hatte Empfang. Sie hatten das vorher extra in der Bar durchgespielt. Die Verbindung wurde offenbar von Sentry nicht angenommen.
«Gibt es ein Problem?», fragte Shockwave ungeduldig.
«Haben wir gleich», wiegelte Lukas ab, und blickte auf Nyssas Interlinker-Display, das immer weiter abgebrochene Verbindungsaufrufe zeigte. Ash trat dazu. «Was ist los?»
«Ich kann Sentry nicht erreichen. Vielleicht eine Verbindungsstörung», flüsterte Nyssa, während sie wiederholt weitere Verbindungsversuche startete.
Unversehens öffnete sich ohne Nyssas Zutun ein kleines Fenster auf dem Display. Darin leuchtete ein golden leuchtendes ‹S› auf, und ein Text poppte hoch. ‹Die Welt retten oder 100.000 Krypts stehlen?› Nyssa blickte Lukas Hilfe suchend an, aber sein Blick blieb auf den Interlinker geheftet. ‹Also ich denke, lieber reich leben als arm sterben. Macht’s gut.› Das Fenster mit dem Text verschwand.
«Verdammter Verräter!», fluchte Lukas leise.
Ash warf einen schnellen Blick auf die Leibwächter, welche die Rebellengruppe immer misstrauischer beäugten. «Was machen wir jetzt?»
«Versuchen wir es mit der Wahrheit», gab Lukas kurz zur Antwort, und drehte sich zu Shockwave um, ehe Ash oder Nyssa protestieren konnten.
«Unser Hacker hat uns bestohlen. Wir können erst später bezahlen», sagte Lukas zu Shockwave.
Der Waffenhändler spukte auf den Boden und schnippte den Rest seines Joints in ein wucherndes Gebüsch. Er erhob sich langsam und schlenderte auf die Gruppe der Rebellen zu. «Ihr verarscht mich doch.»
«Wir werden dich bezahlen. Aber im Moment haben wir das Geld nicht», erklärte Lukas.
«Ein Deal ist ein Deal. Ich will meine 100.000. Sofort.»
«Hörst du schlecht?», rief Ash. «Wir haben das Geld nicht.»
«Ich bekomme mein Geld.» Shockwave drehte sich zu seinen Leibwächtern um. «Wie hoch war das Kopfgeld auf die da?»
«500.000 Krypts», grunzte einer der Leibwächter.
«Eine halbe Million Krypts. Gebt mir einen Grund, warum ich euch nicht verpfeifen sollte», nahm Shockwave die drei Rebellen spöttisch lächelnd wieder in den Blick. Auf seinen Wink taten die Leibwächter zwei blitzschnelle Sätze, packten Lukas und Ash und drehten ihnen die Arme auf den Rücken. Beide versuchten in vehementer, aber erfolgloser Gegenwehr, sich aus dem festen Griff herauszuwinden. Die Männer besaßen Muskelpakete wie aus Eisen und waren offenbar sehr erfahren im Neutralisieren von Zielpersonen. Nyssa hatten sie offenbar als die geringere Bedrohung angesehen, deshalb war sie im Moment noch frei.
«Wir geben dir 200.000», platzte es aus Nyssa heraus.
Nyssa spürte entsetzte Blicke von Lukas und Ash auf sich gerichtet. Sie blendete alles aus, konzentrierte sich weiter auf Shockwave, der wieder seinen verschlingenden Blick auf sie richtete.
«Du verpfeifst doch nicht deine Kunden, oder?», forderte Nyssa ihn heraus.
«Du spuckst ganz schön große Töne», entgegnete Shockwave.
«Genau wie du», gab Nyssa zurück.
Mit einer fließenden Bewegung förderte Shockwave aus der Seitentasche seiner Flecktarnhose ein klappbares Jagdmesser zutage und schnalzte die Klinge mit einem Ruck nach oben in feste Position. Er rückte an Nyssa heran, brachte die glänzende Klinge bis kurz vor ihr noch verbliebenes Auge. Sie wich nicht zurück, zuckte nicht einmal, sondern blickte ihn weiter entschlossen an.
«Ich könnte dir das Auge ausstechen», drohte Shockwave.
«Könntest du. Das kostet dich aber deine Eier», gab Nyssa unbeeindruckt zurück. Während die Leibwächter damit beschäftigt gewesen waren, Lukas und Ash zu packen, hatte sie mit einer geübten Bewegung unbemerkt ihr Messer mit ihrer Linken aus der Lederscheide an ihrem Rücken gezogen und in der Handfläche verborgen. Jetzt hatte sie es heruntergleiten lassen, bis sie den Griff in ihrer Handfläche gespürt hatte und die Klinge dann an den Unterleib ihres Gegners gebracht.
Ein leichter Stich in der Schrittgegend ließ auch einen abgehärteten Typen wie Shockwave zurückzucken. Er blickte kurz hinab und schien abzuwägen, ob weitere Eskalation das Risiko wert wäre. Ihr unbeugsamer Blick aus dem einen Auge überzeugte ihn, dass das Risiko momentan eher zu seinen Lasten ging. Langsam ließ er seine Messerhand sinken und trat dann einen Schritt zurück.
«200.000. Nächste Woche», forderte er bestimmt und klappte sein Messer zusammen. Eine kurze Kopfbewegung zu den Leibwächtern, und diese lösten ihre Griffe um Ash und Lukas. Nyssa steckte ihr Messer wieder in die Lederscheide an ihrem Rücken.
«Wenn ich auch nur einen Krypt weniger bekomme, finde ich euch, verlasst euch darauf. Dann übergeben wir euch den Blechbullen, aber vorher steche ich euch die Augen aus. Mindestens. Und jetzt raus hier.» Shockwave ließ sich wieder auf die Bank fallen.
Nyssa, Lukas und Ash drehten sich ohne weitere Äußerung um und strebten auf dem verschlungenen Pfad zwischen den wuchernden Götterbäumen hindurch ins Freie.
Nyssa, Lukas und Ash hatten sich während des vergangenen knappen Jahres auf dem Flachdach eines leerstehenden, unvollendeten Bürogebäudes eine versteckte kleine Oase geschaffen. Zwischen Bauschutt und leeren Betonmischern hatten sie ein paar alte Metallstühle um einen Tisch herum platziert. Aus Sandsäcken hatten sie eine Sitzecke aufgeschichtet und auf ein paar Holzkisten eine Handvoll Kerzen aufgestellt, abgeschnittene Plastikflaschen dienten als Windlichter. Das flackernde, warme Licht strahlte eine Ruhe aus, die Nyssa sonst so sehr vermisste. Eine Menge Kübelpflanzen schirmte die Oase bis auf drei Seiten ab, nur auf einer Seite fiel der Blick frei auf die Straßen und Gebäude unter ihnen. Es war eine ungewöhnlich angenehme Nacht für diese Jahreszeit, kein Regen und kein schneidender Wind, wie er sonst im Herbst häufig durch Berlin fegte.
Nyssa hatte sich auf der Sitzecke breit gemacht und nahm gelegentlich einen Schluck aus einer Bierflasche. Ash stand mit ihrem Bier an der Kante, wo das Gebäude endete, und blickte gedankenverloren auf die hell erleuchteten Straßen unter ihr. Lukas hatte eine Dose Cryamid-Tabletten vor sich auf dem Metalltisch abgelegt und warf eine lässig in seinen Mund. Nyssa sah es nicht gerne, wenn Lukas dieses Zeug nahm, aber sie hatte ihn nie direkt darauf angesprochen. Er schien es in letzter Zeit häufiger zu nehmen. Aber wer war sie, dass sie sich darüber ein Urteil anmaßen konnte? Es war nicht leicht für ihn, oder sie, oder Ash. Schon ein Jahr lang funktionierte überhaupt nichts mehr, keiner ihrer Pläne hatte die erhoffte Wirkung gebracht. Nach dem Treffen mit Shockwave hatten sie kaum ein Wort gewechselt. Wie auf eine gedankliche Verabredung hin hatten sie sich alle zu ihrer Oase aufgemacht, ohne dass sie darüber hätten reden müssen. Jetzt waren sie schon seit über einer halben Stunde hier und hatten geschwiegen. Jeder hatte sich mit sich selbst beschäftigt und hing seinen eigenen Gedanken nach.
Nyssa blickte auf zum Himmel über sich. Keine Sterne zu sehen, wie üblich. Die Lichter der Stadt zeichneten schemenhaft die Wolkenumrisse, die wie ein Knäuel schmutziger Lappen den Blick auf die Sterne blockierten. Nyssa störte es nicht. Sie hatte viele Jahre in der Kanalisation gelebt. Schon weiter als ein paar Meter blicken zu können und nicht ständig einen fiesen Gestank in der Nase zu haben, war für sie ein Gewinn. Der frische Wind trug den Geruch von Regen in sich. Sie hätte ewig hier sitzen und die Nacht genießen können, umgeben von zwei Menschen, die sie liebte und die alles miteinander teilten.
«Wir müssen reden», kündigte Ash an. Nyssa senkte ihren Blick wieder. Ash hatte sich umgedreht, sie stand immer noch direkt an der Kante zum Abgrund.
Lukas nickte, streckte seine Beine aus und schob seine Hände in die Taschen, während er Ash anblickte.
«Was hast du dir dabei gedacht?». Ash blickte Nyssa beinahe feindselig an.
«Was meinst du?», fragte Nyssa.
«Woher sollen wir 200.000 Krypts nehmen? Wie konntest du so etwas versprechen?»
«Das kriegen wir irgendwie hin», antwortete Nyssa. «Wenigstens sind wir davongekommen.»
«Ja. Aber nicht für lange.»
«Du hattest jedenfalls keine bessere Idee», erwiderte Nyssa. «Der hätte uns den Blechbullen übergeben, um das Kopfgeld einzustreichen.»
«Er wollte uns nur provozieren», konterte Ash, «er hätte uns nie ausgeliefert. Niemand würde mehr Geschäfte mit ihm machen. Aber du fällst auf seinen Trick rein und versprichst ihm das Doppelte.»
«Halt.» Lukas hob müde den Arm. «Das bringt uns nicht weiter.»
«Genauso wenig wie neue Mitkämpfer, die uns bestehlen. Sentry war deine Empfehlung, oder?», zischte Ash.
Lukas presste die Lippen zusammen. «Du hast recht. Ich bin dafür verantwortlich, dass wir uns in der Scheiße befinden. Aber Streit führt uns nicht weiter. Wir müssen aus dem Schlamassel wieder rauskommen. Hast du einen Vorschlag?»
Ash schnaubte kurz und trank einen Schluck Bier. Sie ließ sichneben Nyssa auf die Sitzecke fallen und starrte in die Kerzenflamme vor ihr. Nyssa wartete. Lukas hatte wie immer die richtigen Worte gefunden. Sie mochte das an ihm. Er konnte immer über seinen Schatten springen, wusste sich klug zu entschuldigen, oder Fehler bei sich und nicht den anderen zu suchen. Vielleicht suchte er auch manchmal die Fehler zu sehr bei sich.
«Zu dritt sind wir zu schwach», konstatierte Lukas schließlich. «Wir haben weder Waffen, noch Geld, noch sonst etwas, mit dem wir Vedam zu Fall bringen könnten. Wir sind zu Wenige und haben zu wenig. Wir müssen alles noch einmal von vorne aufbauen.»
«Und wie soll das gehen?», fragte Ash.
«Weiß ich noch nicht», antwortete Lukas. «Was schlägst du vor?»
Ash starrte wieder in die Kerzenflamme und gab keine Antwort. Lukas wartete ab.
«Wir brauchen vor allem Geld, um Shockwave zu bezahlen. Das müssen wir zuerst erledigen», stellte Nyssa fest. «Ich glaube, ich kann das besorgen.»
Lukas legte den Kopf schief, wie immer, wenn er skeptisch war.
«Ich hole es mir von Silvan», sagte Nyssa. Sie bemerkte, dass ihre Stimme härter geworden war.
«Nein. Absolut nein», wehrte Lukas ab. «Du kannst doch keinen Clan ausrauben!»
«Ich kenne Silvan. Ich kriege das Geld. Er ist es mir schuldig.»
«Das ist eine schlechte Idee.» Lukas schüttelte den Kopf.
«Hast du eine bessere?», konterte Nyssa. «Ihr denkt, wir können irgendwas ohne Risiko erreichen? Damit niemand verletzt wird? Immer sagt ihr, meine Ideen sind Mist.»
Lukas wischte gedankenverloren auf dem Tisch herum und steckte die Dose mit Cryamid wieder in die Tasche seiner olivgrünen Jacke. «Okay. Aber ich komme mit.»
«Wieso?», fragte Nyssa.
«Um sicherzugehen», erklärte Lukas.
«Ich schaffe das auch allein.»
«Ich weiß. Aber ich komme trotzdem mit, okay?»
Nyssa zögerte einen Moment. Dann nickte sie.
«Gut.» Lukas strich sich durch die Haare.
Ash blickte endlich von der Kerzenflamme auf. «Wir brauchen mehr Leute. Gute Leute, die etwas auf dem Kasten haben.»
«Deshalb hatten wir Sentry aufgenommen», sagte Lukas.
«Ja. Unser Fehler. Weißt du, was mir erst jetzt aufgefallen ist? Ich habe nie von ihm gehört, dass er Vedam, KI, oder das ganze System hasst. Er war nur ein Krimineller, und wir haben gedacht, das reicht. Wir brauchen etwas anderes. Wir brauchen Leute, die dieses System und Vedam zertrümmern wollen.»
«Du klingst wie Hector», schmunzelte Lukas leicht.
«Verdammt richtig», gab Ash zurück. «Weil er es richtig gemacht hat. Er hat uns gefunden. Warum gerade uns? Weil jeder von uns einen Grund hat, das System zu hassen. Wir können nicht so leben, wie wir wollen. Das, was uns das System bietet, reicht uns nicht. Hector hat solche Leute gefunden. Darin war er richtig gut.»
Lukas nickte bestätigend. «Weiter! Wo bekommen wir solche Leute? Bei den Tradisten jedenfalls nicht.»
«Du bist doch ein Tradist», gab Nyssa zu bedenken.
«Nein, ich war einer. Eben weil Tradisten nichts tun wollen, sondern es ihnen reicht, in ihrer eigenen kleinen Welt zu leben. Diejenigen, die das nicht wollten, sind schon lange weg.»
«Da gibt es nur eins», überlegte Ash. «Raus auf die Straße und sich umhören. In den schmutzigsten Ecken, wo die gefährlichsten Leute sind.»
«Das sind doch auch nur Kriminelle», zweifelte Nyssa. «Warum soll das anders laufen als bei Sentry?»
«Überlass das mal ganz mir. Ich schau mir die Leute genau an. Ich weiß, wonach ich suche», antwortete Ash. Sie trank ihre Flasche leer und erhob sich. «Es ist auf jeden Fall besser, als herumzusitzen. Ich gehe gleich los.»
«Jetzt? «, fragte Lukas überrascht.
Ash stellte sich vor Lukas und strich ihm übers Haar. «Zeit ist nicht zum Verschwenden da. Wenn wir Vedam schlagen wollen, müssen wir schneller und gerissener sein als er.» Sie drückte ihre Lippen auf Lukas’ Mund. Nyssa spürte kleine Nadelstiche in ihrer Brust, wie immer, wenn Ash und Lukas sich nah waren.
«Ich bin vielleicht erst in ein paar Tagen zurück. Beschafft bis dahin das Geld, sonst sind wir erledigt», mahnte Ash, nachdem sie Ihre Lippen von Lukas gelöst hatte. «Und keine Ausflüchte», lächelte sie, während sie schnell zwischen den Kübelpflanzen verschwand.
Sie würde über den Treppenschacht ein paar Stockwerke weiter nach unten zum Hauptquartier gehen, und sich dann auf den Weg machen. Endlich war Nyssa mit Lukas allein. Sie harrte auf der Sitzecke aus und versuchte, sich zurückzuhalten. Nicht dem Drang nachzugeben, Lukas ebenfalls zu küssen, mit ihren Küssen die von Ash zu überdecken, sie gleichsam wegzuwischen. Seit Monaten ging das nun schon so. Einerseits durfte Ash nichts von dem Verhältnis wissen, das zwischen ihr und Lukas entstanden war. Es hätte die kleine Gruppe endgültig gesprengt. Nyssa und Lukas mussten ihr intimes Verhältnis mit großer Vorsicht handhaben. Was, wenn Ash jetzt noch einmal zurückkäme? Nyssa musste sich Geduld abringen. Seit Tagen hatte es keine Gelegenheit gegeben, mit Lukas allein zu sein. Jetzt war es endlich wieder so weit.
Lukas stand auf, stellte sich vor die Dachkkante und blickte in die Ferne. Nyssa stellte ihre Flasche ab und trat neben ihn, spürte seine Nähe wie eine Aura, noch ohne ihn berührt zu haben. Die Geräusche der wenigen Autos und Drohnen, die so spät in der Nacht noch durch die Straßenschluchten ihren Weg suchten, drangen als gleichmäßiges Rauschen bis zu ihnen hoch.
«Schaffen wir das?», murmelte Lukas gedankenverloren.
«Wir werden das Geld auftreiben», versicherte Nyssa.
«Ich meine, Vedam zu zerstören.»
«Auch das.»
«Wir könnten dabei sterben. Letztes Mal wären wir fast draufgegangen.» Lukas starrte weiter auf die fernen Lichter.
«Lieber als Mensch sterben, als wie Vieh zu leben», verkündete Nyssa.
Ein Lächeln huschte über Lukas’ Gesicht. «Unentschlossenheit kann man dir nicht vorwerfen.»
«Unentschlossene überleben nicht lange auf der Straße. Wir werden es schaffen, diese KI auszulöschen. Zusammen», erklärte Nyssa, während sie ihren Körper sanft an den seinen drückte. Er legte seinen Arm um sie.
«Es fühlt sich an, wie David gegen Goliath. Aber David hatte wenigstens eine Steinschleuder. Wir können Vedam nicht einmal anspucken. Wir wissen nicht, wo sein Quantenrechner steht. Und selbst wenn, was können wir schon machen? Wir sind einfach zu wenige.»
«Wir werden ihn finden und zerstören», sagte Nyssa. «Alles, was wir brauchen, ist Mut und etwas Glück.»
Lukas blickte sie endlich an.
«Woher nimmst du nur dieses Vertrauen in die Zukunft?», fragte er.
«Wir leben noch, oder?» Nyssa lächelte. «Solange wir leben, ist alles offen.»
Sie blickte sich um. Ash war nicht zurückgekommen. Nyssa nahm Lukas’ Hand und lächelte ihm zu. Sie glitt sanft in Richtung der Kübelpflanzen. Lukas folgte ihr, halb widerstrebend, halb verlangend, bis sie in der Dunkelheit hinter der Oase verschwanden.
Nyssa und Lukas schoben sich durch die massive eiserne Tür, die den Eingang zu ihrem Hauptquartier bildete. Alle Vorsicht und Zurückhaltung waren endlich von ihnen gewichen und machten einem Verlangen Platz, das sie schon zu lange hatten unterdrücken müssen. Während sie sich umarmten und küssten, stolperten sie durch den Flur direkt in das große Zimmer, das sie als Wohnzimmer eingerichtet hatten, zu dem Matratzenlager im hinteren Bereich. Mit kräftigen Händen befreite er Nyssa Schicht um Schicht von ihrer Kleidung, während sie mit geschickten Handgriffen Lukas’ Hose löste. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich alle lästigen Kleidungsstücke von ihren Körpern abgefallen waren. Mund und Hände konnten nun den Körper des anderen erforschen und ihre Leidenschaft zu einem brennenden Gefühl steigern. Ineinander verschmolzen sanken sie auf die Schlafstätte, wechselten sich ab in der Regie der Bewegungen und raunten sich Wünsche ins Ohr. Sein warmer Körper, ihre feuchte Haut, die sich einmal sanft und dann wieder in wilder Jagd aneinander schmiegten, sein herber Geruch, ihre Erregtheit, all das bildete eine wunderbare Einheit, die Nyssa jedes Mal aufs Neue faszinierte. Es waren Momente wie diese, in denen Nyssa das Leben vorbehaltlos genießen konnte. Wie hatte sie vorher ohne diese Leidenschaft leben können? So lange Zeit war sie allein gewesen. Nun war endlich jemand für sie da. Nyssa wünschte sich mehr als alles, dass dieser Moment anhalten würde und sie all die Sorgen und Nöte vergessen könnte, um nur im jetzigen Augenblick zu leben, als ob es der Letzte wäre. Sie ergab sich haltlos diesem Gefühl, das sie wie ein Strudel fortriss, das sie nicht zu kontrollieren vermochte, selbst wenn sie es gewollt hätte.
Nyssa lehnte an der rauen Wand, der kalte Beton kühlte ihre mit Schweißperlen überzogene Haut langsam ab. Gedankenverloren spielte sie mit Lukas’ Haaren, etwas Verträumtes lag in seinen Augen. Wie immer nach dem Gefühl des absoluten Glücks versank sie wie nach einem Drogentrip langsam in ein tiefes Loch, als ob sie in Treibsand geraten wäre. Zweifel machten sich dann in ihr breit. Da war dieses unbestimmte Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben und trotzdem alles noch einmal erleben zu wollen. Irgendetwas trieb sie dazu, stets schon an die nächsten Probleme zu denken, die nächsten Pläne zu schmieden, niemals innezuhalten. In den vielen Jahren, die sie auf der Straße oder in der Kanalisation gelebt hatte, musste das ein Teil von ihr geworden sein, ein zweites Ich: Ständig wachsam, immer auf der Hut, immer bereit, die nächsten Schicksalsschläge zu erdulden. War ihr momentanes Leben nun wirklich das, was sie erstrebte?
«Woran denkst du?», fragte Lukas, während er sie weiter anblickte.
«Nichts.»
«Wir schaffen das», sagte er.
«Was?»
«Die Rebellentruppe neu aufbauen. Vedam zerstören. Wie du gesagt hast.»
Nyssa strich sich über den Nacken.
«Ja …», stimmte sie zu, aber es fühlte sich irgendwie unehrlich an.
Lukas richtete sich auf, rückte näher an Nyssa heran. «Rückschläge gibt es immer.»
«Bisher haben wir kaum etwas anderes erlebt», meinte Nyssa und blickte an die kahle Decke.
«Wir leben noch», betonte Lukas. «Das hast du gesagt.»
«Ja.»
Lukas fuhr sich mit der Hand durch die Haare, schnaufte kurz.
«Okay. Was ist los?», fragte er dann. Seine Stimme, zuvor noch tief und warm, wirkte auf Nyssa jetzt fast hart.
«Nichts.»
«Nyssa. Spiel nicht dieses Spiel mit mir.»
«Es ist kein Spiel.» Nyssa blickte Lukas an und zögerte. «Du wolltest es ihr sagen».
Unverständnis lag in Lukas’ Blick.
«Ash», erklärte Nyssa.
«Ja …», zögerte Lukas. «Werde ich.»
«Wann?»
«Bald. Es ist nicht so einfach.»
«Klar.» Nyssa zuckte die Achseln.
Lukas’ Hand glitt über das Bett zu Nyssas Hand. «Ich liebe dich.»
Sie stand auf und entzog sich seiner Berührung. Schnell sammelte sie ihre Kleidungsstücke ein, die sie noch vor Kurzem so leidenschaftlich von sich geworfen hatte. Was war jetzt noch von dieser Leidenschaft übrig? Sie spürte nur noch eine tiefe Kälte in ihrem Inneren. Diesen Stimmungswechsel hatte sie zuvor auch schon erlebt. In den vergangenen Monaten war dieses Gefühl aber immer schmerzhafter geworden, der Absturz nach diesen intensiven Momenten mit Lukas immer tiefer. Wie lange würde sie das noch aushalten können?
«Aber du liebst nicht nur mich», stellte sie schließlich fest.
Lukas zögerte einen Moment, dann nickte er. «Es braucht noch etwas Zeit.»
«Zeit, Zeit! Das sagst du schon seit fast einem Jahr! Nur weil du nicht den Mumm hast, es ihr zu sagen. Ich kann das nicht mehr! Ich will mich nicht mehr verstecken. Und ich will dich nicht teilen!»
«Nyssa —», Lukas stand auf, «— ich liebe euch beide.»
«Du kannst uns aber nicht beide haben!», fauchte Nyssa. «Entweder ich oder Ash. Wenn du es ihr nicht sagst, tue ich es!»
In diesem Moment fuhr Nyssa ein stechender Schmerz wie eine feurige Nadel durch ihr zerstörtes Auge, begleitet von einem grellen Lichtblitz in ihrem Gehirn. Sie riss sich die Augenklappe vom Kopf und legte ihre Hand über die Augenhöhle, was aber keinen Unterschied bewirkte. Der Schmerz blieb und überflutete sie mit einer Welle aus Schwindel und Übelheit, sodass Nyssa halb ohnmächtig auf dem Boden zusammensackte. Lukas stürzte sich sofort neben ihr auf die Knie und umarmte sie. Sie war dafür unendlich dankbar.
«Wieder Schmerzen?» Wie durch einen Watteschleier drang Lukas’ besorgte Stimme zu ihr durch.
Nyssa klammerte sich krampfhaft an ihm fest. «Es ist gleich vorbei. Nur einen Moment. Es geht vorbei.»
«Es wird häufiger», sagte Lukas.
«Es geht schon», wiegelte Nyssa ab, als der Schmerz endlich langsam abklang, das Brennen in ihrer Augenhöhle langsam erlosch. «Nicht so schlimm.»
Lukas streichelte sie sanft zwischen den Schulterblättern. «Nicht so schlimm? Du bist gerade einfach zusammengeklappt. Du musst das untersuchen lassen.»
«Von wem? Wir haben kein Geld.»
«Dann nimm wenigstens ein Schmerzmittel. Wir haben noch etwas Tilidin.»
«Nein. Auf keinen Fall», wehrte Nyssa ab.
«Nyssa! Es wird immer schlimmer. Da stimmt doch etwas nicht.»
Nyssa holte tief Luft und zwang sich, langsam und kontrolliert zu atmen. Das hatte ihr in der Vergangenheit normalerweise geholfen. Aber Lukas hatte Recht. Mit jedem Anfall waren der Schmerz und seine Begleiterscheinungen intensiver geworden. Vor zwei Monaten hatte sie es dann erstmals nicht mehr geschafft, diese Anfälle vor Lukas oder Ash zu verbergen. Jetzt musste sie definitiv etwas unternehmen. Sie hatte schon einmal eine Diagnose von einer Medic-KI machen lassen, die aber nichts ergeben hatte. Diese KI hatte Sentry beschafft und die Untersuchung war nur lokal auf seinem Rechner gelaufen. Denn jede offizielle KI hätte Nyssa sofort der Polizei gemeldet, wie auch jeder normale menschliche Arzt, wenn man denn noch einen finden konnte. Zu den Feinden des Systems zu gehören bedeutete, dass man sich nur auf sich selbst verlassen konnte. Gerade die Medic-Daten der Bürger wurden vom System penibelst erhoben und durchgesiebt. Ärzte, die für genug Geld keine Fragen stellten gab es zwar, aber nicht in der Preislage, die für die Rebellentruppe noch erschwinglich war.
«Ich überlege mir was», raffte sich Nyssa schließlich auf und löste sich aus Lukas’ Umarmung. Sie klaubte Kleider und Augenklappe auf, marschierte in den Flur und zog die Tür auf, die zu ihrem behelfsmäßigen Bad führte.
Eigentlich verdiente dieser Raum die Bezeichnung ‹Bad› nicht. Ein leicht stechender Duft nach Formaldehyd drängte sich in die Nase und wies auf eine chemische Toilette hin. Immerhin hatten sie schon bald, nachdem sie eingezogen waren, ein paar alte Teppiche von einem Haufen Sperrmüll hier ausgelegt. Eine Dusche hatten sie auch improvisiert, indem sie am Boden mit halbierten Ziegeln eine gemauerte Abtrennung vom Rest des Raumes geschaffen hatten. Das Wasser lieferte ein zwanzig-Liter-Wassersack aus Militärbeständen, den man aufhängen konnte und an dessen Gewindeverschluss ein Stück Schlauch mit Duschkopf geschraubt war. Das Abwasser lief am Boden durch ein Loch in der Außenmauer und eine schräge Rohrleitung nach draußen, wo es etliche Stockwerke tiefer in einen völlig vermüllten Innenhof plätscherte. Es war eine ziemliche Mühe gewesen, das Loch in die Betonwand zu bohren und die ganzen Materialien zu beschaffen, aber sie hatten Zeit gehabt, und ihr kleines Heim auf diese Weise etwas wohnlicher gemacht. Ein weiterer Wassersack hing über einem Blechwaschbecken, welches in die Duschecke und damit nach draußen entwässerte. Daneben lag ein kleiner Schwamm auf einer Kunststoffplatte, die auf einem Block von Ziegeln ruhte.
Nyssa drückte auf den Knopf, der das gelbstichige Licht in dem kleinen Raum zum Leben erweckte und warf ihre Kleidung auf den Boden. Sie betrachtete ihre Reflexion im gesprungenen Spiegel. Wer war diese Person, die ihr da entgegenblickte? Wer war diese junge Frau mit nur einem Auge und einer deutlichen Narbe über die Wange bis zum Hals? Die schwarze Augenklappe nahm sie praktisch niemals ab. Das Auge, zerstört von einem Messer, war entfernt worden. Was also tat dann weh? Was verflucht nochmal war mit ihr los? Sie füllte ihre Hand mit etwas Wasser und wusch mit der angenehm kalten Flüssigkeit über die vernarbte Wunde. Sie blickte dabei nicht oft in den Spiegel. Sie mochte den Anblick des Lochs in ihrem Gesicht nicht, zu sehr wirkte sie dabei wie ein halber Mensch, fast wie ein Monster. Nyssa trocknete die Stelle mit einem Handtuch, das an einem in der Wand eingelassenen Nagel hing.
Ein Klopfen riss sie aus ihrer Betrachtung. Schnell bedeckte Nyssa ihr Auge wieder mit der Augenklappe. Lukas öffnete die Tür, er war bereits wieder angezogen.
«Alles okay?», fragte er.
«Ja, alles gut», antwortete sie.
«Bist du sicher?»
Nyssa nickte.
«Ich muss los», verkündete Lukas, «Cecile hat sich gemeldet, es gibt neue Informationen. Ich bin in ein paar Stunden wieder da. Kommst du klar?»
«Ich bin kein Kind mehr, oder?», lächelte sie Lukas an, während sie nackt vor ihm stand.
Er trat in den Raum, bis er sich direkt vor ihr befand. Schnell schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und zog seinen Mund zu ihrem herunter. Der Kuss war so leidenschaftlich und schön wie immer. Aber trotzdem wollte sich kein Glücksgefühl bei Nyssa einstellen.
Lukas verließ das Bad und schloss die Tür hinter sich. Nyssa verharrte, während sie seinen Schritten lauschte, die sich entfernten und immer leiser wurden. Schließlich ertönte der glockenartige Klang der Metalltür, die wieder ins Schloss fiel. Jetzt war sie allein.
Sie blickte wieder in den Spiegel, verharrte regungslos. Vor ihr das Spiegelbild ihres verbliebenen Auges. Sie sah es genau an, die braun gefärbte Iris, mit kleinen helleren Flecken, und die geheimnisvolle Schwärze der Pupille. Wer war sie? Ich bin kein Kind mehr. Diese Worte gingen ihr noch nach. War sie jemals ein Kind gewesen? Wenn ja, dann hatte sie es vergessen. Sie hatte schon immer kämpfen müssen, hatte nie das bekommen, was sie wollte. Selbst jetzt nicht. Sie hatte Lukas nicht für sich allein. Schnell unterdrückte sie den Gedanken. Sie hatte mehr als jemals zuvor. Sie hatte echte Freunde. Es gab jetzt jemanden, für den es wichtig war, dass sie glücklich war. Und doch … War sie wirklich ein vollwertiges Mitglied dieser verschworenen Truppe, oder nur das fünfte Rad am Wagen? Wieder kamen die Zweifel, wie so oft. Sie musste einmal mehr zeigen, dass sie mehr war als nur ein abgehärteter Teenager, der sich gut in der Kanalisation auskannte. Ihr Spiegelbild nickte ihr ermunternd zu. Sie hatte sich entschieden. Sie würde jetzt zu Silvan gehen. Allein, ohne Lukas. Sie würde ihm zeigen, dass sie kein Kind mehr war, auf das man aufpassen musste. Nie hatte jemand auf sie aufpassen müssen oder sie beschützt. Aber Lukas beschützte sie jetzt andauernd. Sie musste ihm zeigen, dass sie auf eigenen Beinen stehen konnte und seinen Schutz nicht brauchte. Sie legte ihre Hand auf den Spiegel und lächelte.
Dragomir liebte diesen Raum. Er hatte alles, was sich ein Hacker nur wünschen konnte. Vor allem liebte er die Abgeschiedenheit. Es war ein Raum ohne Fenster, kahl und schmucklos, in den sich niemals jemand verirrte. Das hier war sein persönliches Paradies. Der Raum schien um die große Anordnung von Computermonitoren und Serverblades herumgebaut zu sein, vor denen ein einzelner Bürostuhl stand, in dem Dragomir wie ein König thronte. Trainingsgewichte und ein Bauchtrainer befanden sich einladend an der rückwärtigen Wand. Die Geräte nutzte Dragomir immer, wenn er nachdenken musste, was recht häufig der Fall war. Das erklärte auch seinen muskulösen Körperbau, der ihn so gar nicht wie einen Hacker aussehen ließ. Niemand hätte hinter dem Kerl mit Vollbart und Irokesenschnitt einen der besten KI-Architekten der Welt vermutet. Dragomir hatte sich diesen Raum einrichten lassen, nachdem er zusammen mit Valeria und Acazia den Notrat gebildet hatte.
Ein Jahr war das schon her, und dennoch zweifelte Dragomir immer noch, ob er damals die richtige Entscheidung getroffen hatte. Zumindest hatte er Nyssa, Lukas und Ash zur Flucht verhelfen können, aber war das genug? Valeria hatte den Notrat schon bald in ‹Wächterrat› umbenannt. Dragomir fand es nur logisch, das Wort strahlte Sicherheit und Permanenz aus, das Gegenteil von ‹Notrat›. Der Wächterrat sollte Vedam überwachen, und genau das tat Dragomir hier. Er hatte sich schon lange mit der Frage beschäftigt, wie man überhaupt eine künstliche Intelligenz überwachen konnte, die in ihren Denkprozessen viel schneller als jeder Mensch agierte, mehr Informationen verarbeitete als die gesamte Menschheit, und auch noch das kleinste Schlupfloch ausnutzen würde, um Dragomir zu hintergehen. Die künstliche Intelligenz Vedam hatte es schließlich entgegen aller Wahrscheinlichkeit geschafft, den Kontrollrat, der ihn eigentlich hätte überwachen sollen, auszuhebeln und sich stattdessen dem viel kleineren Wächterrat als Kontrollinstanz zu unterwerfen. Dragomir gab sich keiner Illusion hin: Für Vedam war der Wächterrat wahrscheinlich nur das kleinere von zwei Übeln. Wenn Dragomir nicht aufpasste, würde Vedam auch den Wächterrat aushebeln. Was dann passieren würde, war absolut nicht mehr vorherzusagen. Auf jeden Fall würde es das Ende der Welt bedeuten, wie Dragomir sie heute kannte. Vedam in seiner Stellung als Präsident des Vereinigten Europa zu belassen war, als ob man mit Fackeln jonglierte, während man in einer Pfütze Benzin stand.
Die Last der Verantwortung, Vedam zu überwachen, bedrückte Dragomir, fast fühlte er sich wie Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trug. Kaum jemand verstand die künstliche Intelligenz Vedam so tiefgreifend wie er. Es gab noch Paavo Karvinen, den genialen Architekten der KI, der nur ein paar Gänge weiter an einer noch perfekteren künstlichen Intelligenz arbeitete. Aber der legte nicht dasselbe Misstrauen gegenüber Vedam an den Tag, wie Dragomir es für notwendig hielt. Es galt einerseits sicherzustellen, dass Vedam so funktionierte wie das seine Schöpfer erwarteten, und andererseits mögliche Einflussnahmen oder Angriffe auf Vedam von Dritten abzuwehren.
Wie immer sah sich Dragomir die Meldungen der Anomalie-Detektions-KIs durch, welche die Analysedaten und Logdateien von Vedams KI nach Auffälligkeiten durchforsteten. Dragomir hatte mehrere solcher Überwachungs-KIs erstellt, die nach verschiedenen Prinzipien aufgebaut waren, und dafür gesorgt, dass niemand erfuhr, wie sie genau funktionierten. Auf irgendeinem Wege würde dieses Wissen sonst zu Vedam durchsickern, und der würde dann so agieren, dass es für die Anomalie-KIs normal aussah, es aber eben nicht normal war.
Die Meldungen zeigten nichts Ungewöhnliches, wie jeden Tag. Genau das hinterließ in Dragomir jedoch ein ungutes Gefühl. Wenn man mit KIs zu tun hatte, war eine große Portion Paranoia absolut notwendig. Deshalb ließ Dragomir sich verschiedene Darstellungen der KI-Aktivität Vedams auf die Monitore geben – statistische Analyse, Verteilungsfunktionen, Energieverbrauch, Temperaturverläufe der Quanten-Chips. In einer Art Meditation betrachtete Dragomir die Darstellungen, versuchte nicht, das Offensichtliche zu sehen, sondern dessen gewahr zu werden, was möglicherweise dahinter lag. Jedoch, ohne etwas finden zu können. Es war alles absolut unauffällig, alles normal wie immer.
Bis urplötzlich nichts mehr normal war: Ein Alarmsignal schrillte los. Eine Reihe von Monitoren zu Dragomirs Rechten färbte sich rot, Kolonnen von Logs schlängelten sich über die Displays. Eine Anomalie. Dragomirs Herz vollführte einen Sprung, endlich tat sich etwas. Er gab über eine der drei vor ihm liegenden Tastaturen eine Kommandosequenz ein, die ihm die Daten aufbereitete und auf dem mittleren Monitor darstellte. Niemand außer Dragomir hätte mit der Darstellung etwas anfangen können. Er hatte kaum einen ersten Blick darauf geworfen, da ertönte ein weiteres Alarmsignal. Weitere Monitore färbten sich rot. Noch eine Anomalie? Und wieder ein Alarmsignal. Und noch eines. Schließlich folgte ein Stakkato von Alarmen, fast ein durchgängiger Ton. Alle Monitore hatten sich in das bedrohliche Rot verfärbt. Dragomir deaktivierte den Alarmton. Er war sich sicher – das war ein Angriff auf Vedam über eines der Netzwerke, welches die KI mit der Außenwelt verband.
Er stülpte sich das Gehirninterface über den Kopf, eine Art offener Helm mit Kabeln an der Oberfläche. So unterstützt, konnte er noch schneller agieren. Jetzt war Dragomir in seinem Element, in der Praxis konnte er nun die Softwarewerkzeuge einsetzen, die er seit einem Jahr entwickelt, mehrfach getestet, und immer wieder verbessert hatte. Fast freute er sich. Der Angriff erfolgte mit einer Raffinesse und Intensität, die nicht auf einen einzelnen Angreifer, sondern eine ganze Hackergruppe schließen ließ. Dragomir stellte die Intrusion-Prevention-KIs auf schärfste Abwehrstufe ein, und beobachtete den Effekt. Seine KIs wehrten die ersten Angriffe ab und feuerten Gegenangriffe zurück, aber die Quellen des Angriffs wechselten zu schnell, und es schien eine unerschöpfliche Menge davon zu geben. Seine KIs gerieten an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, was Dragomir für völlig unmöglich gehalten hatte. Dragomirs KIs hatten die Kapazität eines riesigen Rechenzentrums zur Verfügung, und dennoch brachen sie unter der Last des Angriffs zusammen.
Noch während seine erste Verteidigungsstellung der Intrusion-Prevention-KIs überrannt wurde, aktivierte Dragomir die zweite und dritte Verteidigungslinie. Eine Sammlung von autonomen KIs, die das Netzwerk um Vedam durchstreiften und sämtlichen Verkehr blockieren konnten. Dragomir hatte auch ein Spiegelnetzwerk aufgesetzt, das wie das echte Netzwerk um Vedam herum aussah, aber in Wirklichkeit dazu diente, den Angriff fehlzuleiten und ins Leere laufen zu lassen. Er müsste dann nur warten, bis der Angriff verpuffte.
Aber im Gegenteil musste Dragomir beobachten, wie seine autonomen KIs wirr und wirkungslos durch das Netzwerk wanderten, sobald sie Kontakt mit dem Angriffstraffic hatten. Wie hatte jemand seine Abwehrmechanismen vorhersehen können? Es war offenbar, dass die KIs selbst gestört worden waren. Das Spiegelnetzwerk wurde völlig ignoriert, die Angreifer schienen irgendwie analysieren zu können, welches das echte Netzwerk war. Erstaunt musste er mitansehen, wie seine autonomen KIs plötzlich selbst am Angriff teilnahmen und mit aller Macht auf seine letzte Firewall einhämmerten. In kürzester Zeit wurde klar: Dragomir musste unverzüglich die letzte mögliche Schutzmaßnahme ergreifen. Nie hätte er gedacht, dass es soweit kommen würde.
Er riss sich das Gehirninterface vom Kopf, sprang aus dem Sessel und sprintete zu einem Schrank voller Netzwerk-Switches mit bunt funkelnden Lichtern, die über ein unübersichtliches Gewirr von dicken Netzwerkkabeln miteinander verbunden waren. Dragomir riss so schnell wie er konnte die Kabel aus den Switches heraus, weiter und weiter, bis auch die letzten blinkenden Lichter erloschen. Dragomir hatte Vedam jetzt vom Rest der Welt getrennt, es gab keine Netzwerkverbindung zum Quantenrechner mehr. Die rote Färbung verblasste beinahe gleichzeitig auf allen Monitoren. Der Angriff fiel genauso schnell in sich zusammen, wie er begonnen hatte. Dragomir sprintete zurück zu seinem Sessel. Er wischte sich mit seinem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Er musste sofort alles an Logdateien sichern, was überhaupt zu sichern war. Am besten überhaupt alle Daten, ganz egal was.
«Kaffee!», bellte Dragomir in den Raum.
«Bestätigt. Wünschen Sie Milch und Zucker?», fragte die Raum-KI mit weicher, androgyner Stimme.
«Nein, verdammt! Schwarz», gab Dragomir gereizt zurück. Sein Blick fiel auf die Packung ‹Weißer Sand›, die aufgerissen zu seiner Linken lag. Dragomir zog eine kleine fingergroße Tüte aus der schneeweißen Packung heraus, riss sie auf und schnupfte eine Daumenprise des darin enthaltenen Kokain in die Nase. Er brauchte jetzt den messerscharfen Fokus, den ihm die Droge verlieh. Alles wirkte jetzt kristallklar, er fühlte sich von einer unerschöpflichen Energie erfüllt. Keine Aufgabe war mehr zu groß, kein Ziel unmöglich zu erreichen. Er begann. Alles musste analysiert werden, nichts durfte unentdeckt bleiben. Er bemerkte kaum den humanoiden Roboter mit weißer Kunststoffverkleidung, der durch die Metalltür trat und Dragomir eine Tasse Kaffee servierte. Wortlos marschierte der Roboter davon, während Dragomirs Hände über die Tastatur flogen und er parallel dazu Sprachbefehle in den Raum bellte. Die Kommandos konnten gar nicht schnell genug abgesetzt werden. Die Angreifer würden ihre Spuren verwischen wollen, und genau das wollte Dragomir verhindern. Der Wettlauf zwischen Angriff und Verteidigung war sehr knapp gewesen. Dragomir hätte dem Angriff nichts mehr entgegensetzen können, wenn er nicht so vorausschauend schon vor einem Jahr sämtliche Netzwerkverbindungen Vedams durch diesen Schrank voller Hochleistungs-Switches hätte leiten lassen. Mit Software, Programmen und KIs war einiges zu erreichen, aber wenn alles versagte, musste man auf die physische Ebene zurückwechseln, das letzte Mittel einsetzen und das wegnehmen, was einen Angriff überhaupt erst ermöglichte. Ohne Netzwerkverbindung konnte nichts mehr die KI Vedam beeinflussen.
Der Preis für diesen Eingriff war allerdings sehr hoch. Vedam war nun von der Außenwelt abgeschnitten. Wäre er ein Mensch, würde er keinerlei Sinneseindrücke mehr bekommen, er wäre ein Gehirn, das sich nur noch mit sich selbst beschäftigen konnte. Was mochte jetzt gerade in den Tiefen dieser mächtigsten aller künstlichen Intelligenzen der Welt vorgehen, während sie völlig von der Außenwelt abgeschottet war? Welchen Gedanken würde sie nachhängen, sofern man das, was Vedam tat, denn Denken nennen konnte? Würde sie in Panik geraten? Über den Sinn ihrer Existenz nachdenken? Oder nur wieder und wieder Wahrscheinlichkeiten errechnen und Pläne für den Moment bereitlegen, an dem sie wieder Zugriff auf die Daten der Welt haben würde? So oder so, Vedam, der Präsident Europas, war in diesem Augenblick handlungsunfähig. Alles, was Vedam sonst steuerte, würde zwar autonom weiterlaufen, aber das funktionierte nur, solange nichts Ungewöhnliches passierte.
Dieser Angriff war alles andere als gewöhnlich gewesen. Was, wenn nun noch andere Angriffe erfolgten? Nicht im digitalen Raum, sondern in der echten Welt?
Dragomir griff sich seinen Interlinker und schickte eine schnelle Nachricht an Valeria, die Vorsitzende des Wächterrates.
‹Angriff auf Vedam. Habe alle Netzverbindungen gekappt, werde sie wieder etablieren, sobald es sicher ist. Ich analysiere den Angriff. Seid vorsichtig. Vielleicht gibt es weitere Angriffe.› Er schob den Interlinker von sich, ohne den Bestätigungston abzuwarten, der das Absenden der Nachricht anzeigte. Dragomir wusste, er konnte nur dann mehr herausfinden, wenn er sofort seine Konzentration vollständig auf diese Aufgabe richtete.
«Tür verschließen!», rief Dragomir. «Niemand darf eintreten. Keine Ausnahmen»
«Bestätigt. Tür ist verschlossen», bestätigte die Raum-KI.
Dragomir schaltete den Interlinker aus. Nichts und niemand würde ihn jetzt davon abhalten, alles über diesen Angriff herauszufinden.
Dragomir fühlte sich entsetzlich müde. Nur mit Mühe konnte er aufrecht in seinem Sessel sitzen, er musste sich zwingen, wach zu bleiben. Er befand sich im Sitzungssaal des Wächterrates, Valeria und Vedam waren bereits an ihren Plätzen. Es war derselbe Saal, der vorher vom Kontrollrat mit seinen korrupten Mitgliedern verwendet worden war, ein mächtiger Raum mit Wänden aus weißem Marmor, Panzertüren aus Glas und einer Glaskuppel, auf der obersten Ebene des Kristallpalastes. Valeria hatte ihn etwas umgestaltet. Statt der früheren konzentrischen Halbringe von Schwebesesseln um ein Rednerpodest herum, beherrschte jetzt auf einem erhöhten Podest ein halbrunder Tisch den Raum, an dem maximal acht Personen Platz finden konnten. Derzeit wurden lediglich drei Plätze von den Mitgliedern des Wächterrates belegt.
Valeria hatte die Idee dazu gehabt. Es sollte eine Art Tafelrunde sein, in der keiner aus dem Wächterrat besonders hervorgehoben wurde. Aber genau wie König Artus bei seiner Tafelrunde eben doch der Erste unter Gleichen war, so war Valeria in der Runde des Wächterrates die Erste unter den Gleichen. Was sie wollte, wurde getan, und was sie nicht wollte, geschah auch nicht. Da der Wächterrat derzeit nur aus Dragomir, Valeria und Acazia bestand, wirkte diese Tafelrunde recht leer. Umso mehr, als Acazia zu dieser Sitzung bislang noch nicht aufgetaucht war, was in letzter Zeit immer häufiger der Fall war.
Gegenüber dem erhöhten Halbrund des Wächtertisches befand sich im Abstand einiger Meter eine kreisrunde graue Markierung auf dem Boden. Auf dieser stand ein vierbeiniger Hocker aus rohem Holz, klobig gebaut, ungepolstert und unlackiert. Das Möbel zeigte einen krassen Gegensatz zur ansonsten überbordenden Pracht des Raumes. Wenn darauf ein durchschnittlich proportionierter Mensch saß, wirkte er aus dem Blickwinkel der erhöhten Wächterplätze unbedeutend und kümmerlich. Dieser Effekt war erwünscht und sorgfältig geplant. Auf diesem Hocker hatte Vedams Avatar Platz zu nehmen, wenn er sich den Fragen des Wächterrates stellen musste. Nichts sollte an dieser Stelle seine Macht ausdrücken, im Gegenteil sollte die Unterwerfung Vedams unter das Verdikt des Wächterrates visualisiert werden. Auch jetzt hatte Vedams Avatar seinen Sitz auf dem Hocker eingenommen.
Dragomir blickte auf Vedams Avatar, der wie ein dermaßen gewöhnlicher und unauffälliger Mensch wirkte, dass es beinahe schon wieder ungewöhnlich war. Nichts an diesem Avatar deutete darauf hin, dass in seinem Inneren eine Maschine arbeitete und die äußere, lebendig wirkende Hülle ein vollständiges Kunstprodukt war. Er wirkte ganz und gar wie ein Mensch, mit allen Details: Eine im Mittel gescheitelte Frisur mit braunen Haaren. Blaue Augen in einem nicht zu ebenmäßigen Gesicht. Sogar die Ansätze von Bartstoppeln hatte man in der künstlichen Haut realisiert. Das Outfit war ebenfalls gewöhnlich: Schwarzer Anzug, diskret gemusterte Krawatte, dunkelblaues Hemd, braune Schuhe.
Normale Menschen in Europa kannten Vedam als menschliche Person unter diesem Namen. Wer eingeweiht war, konnte unter der Bezeichnung Vedam den Avatar stark vereinfacht als Roboter mit menschlichem Aussehen begreifen. Insider und sein unmittelbares Umfeld allerdings verstanden unter Vedam zu allererst die mächtige Künstliche Intelligenz, die sich weit entfernt in einem Quantenrechner geheimen Standorts befand und die Geschicke des Staates Europa lenkte, indem sie Avatare steuerte und mit ihnen der KI Vedam eine Körperlichkeit verlieh. Ein Avatar konnte zwar auch autark agieren, aber dann war die KI auf den geringen Platz im Inneren des Avatars eingeschränkt und konnte zudem keine Quantenalgorithmen nutzen, was den Nutzungs- und Handlungsspielraum erheblich einschränkte. Die Quantenalgorithmen waren seinerzeit der große Durchbruch in der KI gewesen, der Übergang von ein paar plappernden Chatbots, die gelegentlich halluzinierten, hin zu einer Intelligenz mit übermenschlichen Fähigkeiten.
Im Augenblick saß diese Puppe der übermenschlichen Intelligenz auf dem Holzhocker im Angesicht des Wächterrates. Dieses Szenario war von Valeria so erdacht worden. Vedam sollte schließlich durch den Wächterrat kontrolliert werden. Sinnbildlich blickte der Wächterrat während einer Sitzung also immer auf Vedam herab. Vedam befand sich immer in einer untergeordneten Position, musste Rede und Antwort stehen wie vor den Schranken eines Gerichts, musste wie ein Schuljunge Rechenschaft über sein Tun ablegen. Natürlich machte all das Vedam nicht das Geringste aus. Es war ihm auch völlig egal, dass der Holzhocker höchst unbequem und nicht standesgemäß war. Die KI hatte selbstverständlich schon längst analysiert, was Valeria damit bezwecken wollte, und sich entsprechend darauf eingestellt, kalt und berechnend wie immer. Dragomir fragte sich, ob es Valeria bewusst war, wie wenig Einfluss ihre Spielereien mit Symboliken und Ritualen auf Vedam hatten. Aber vielleicht zielte deren Wirkung auch eher auf den Wächterrat selbst und die Menschen im Land ab.
Ein Regenschauer prasselte auf das Glasdach. Das gleichmäßige Rauschen machte Dragomir schläfrig. Er hatte die letzten vierzig Stunden durchgängig mit der Analyse des Angriffs verbracht. Danach war er überzeugt, dass die Daten keine weiteren Geheimnisse mehr in sich bargen, die er aus ihnen hätte herausfiltern können. Vierzig Stunden ohne Pause, ohne Schlaf, ohne Essen. Er wusste nicht mehr, wie viel Kaffee er getrunken hatte. Die Packung Kokain hatte er komplett geleert. Jetzt fühlte er sich völlig ausgebrannt, seine Gedanken wanderten ohne Halt. Aber es hatte sich gelohnt.
«Maldito!», durchbrach Valerias Stimme die Stille. «Nimm endlich ab!»
Valeria tippte nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf ihrem Interlinker herum und versuchte Acazia zu erreichen. Dragomir war im Moment jedes Zeitgefühl abhandengekommen. Saßen sie jetzt schon Minuten oder Stunden hier und warteten auf Acazia, das dritte und letzte Mitglied des Wächterrates? Dragomir wusste es nicht.
Valerias violette Augen bildeten eine harmonische Einheit mit ihrem dunklen Teint. Sie trug immer noch dieselbe Kleidung, die sie auch als Rebellin getragen hatte. Eine graue Jacke mit Nietenbeschlägen, einen gelb-blauen Farbklecks auf der Brust. Unter der offenen Jacke sah man ein weißes Top. Die glänzende linke Hand aus Metall deutete darauf hin, dass Valerias linker Arm eine Prothese war. Dragomir kannte die Ursache nicht, er vermutete eine Verletzung in einem Kriegseinsatz. Valeria war nicht der Typ, der über die Vergangenheit plauderte.
Valeria warf den Interlinker mit lautem Knall auf den Tisch, als ein weiterer Anrufversuch scheiterte.
«Sollen wir die Sitzung vertagen?», fragte Vedam.
Valeria winkte gereizt ab. «Nein, fangen wir an.»
Dragomir rief die Auswertungen, Statistiken und Schaubilder ab, die er noch bis in die letzten Minuten vor der Sitzung hinein erstellt hatte, und ließ sie auf den Displays vor Valeria und Vedam aufscheinen.
«Ziel war die Haupt-KI Vedam», begann Dragomir mit seinem osteuropäischen Akzent. «Der Angreifer muss ein Staat sein. Zu viele Ressourcen, zu geschickt, zu intensiv.»
«Also nicht unsere verräterischen Rebellen?», warf Valeria in die Runde.
«Unwahrscheinlich.»
«Wie kannst du da so sicher sein?», bohrte Valeria weiter.
«Dazu komme ich noch», sagte Dragomir.
«Haben Sie einen Verdacht, welcher Staat dahindersteckt?», fragte Vedam.
«Großrussland», antwortete Dragomir trocken.
«Woher willst du das wissen?», fragte Valeria.
«Sieht ähnlich aus wie vor einem Jahr. Der Angriff auf der Konferenz.»
Schlagartig erhielt Dragomir nach dieser Aussage deutlich mehr Aufmerksamkeit von Vedam und Valeria. Er hatte den Ernst der Lage verdeutlichen wollen, das war ihm offenbar geglückt.
«Die Friedenskonferenz mit Großrussland», führte Dragomir aus.
«Du meinst, als ich seinen Kopf weggepustet habe?» Valeria deutete mit ihrem seltenen Lächeln auf Vedam.
Dragomir ließ sich nicht ablenken. «Ja. Es gab zeitgleich auch einen Hacking-Angriff über das Netz. Unabhängig vom Kopfwegpusten.»
«Haben Sie eine Vermutung, was dieser Angriff erreichen sollte?», fragte Vedam.
Dragomir neigte den Kopf leicht. «Zugang zu Vedams Haupt-KI. Einschleusen von Programmen. Ich konnte noch nicht alles entschlüsseln. Ist schwierig. Informationen sind verteilt und unvollständig. Aber eines ist klar: Das war ein Toxic-Angriff.»
«Ein was?», fragte Valeria.
«Vedams KI wird bereits seit Monaten angegriffen.»
«Dragomir.» Valeria erhob sich. «Das hier ist keine Konferenz von KI-Ingenieuren. Du weißt ganz genau, dass ich nicht genug von diesem Kram verstehe. Also, jetzt noch einmal für mich – was ist passiert?» Valeria setzte sich wieder und fixierte Dragomir.
Dragomir atmete langsam aus. Er würde seine mühevolle Detektivarbeit offenbar nicht angemessen präsentieren können. «Gut. Analogie. Du willst in einen Tresor. Hast auch einen Schlüssel, aber der Schlüssel passt nicht in das Schloss. Du suchst keinen neuen Schlüssel, sondern du veränderst das Schloss. Jetzt passt dein Schlüssel. Das ist ein Toxic-Angriff.»
«Verändern? Die KI von Vedam? Wie?», fragte Valeria.
«Was macht Vedams KI? Analysiert jeden Tag viele Daten», fuhr Dragomir fort. «Statistiken, Berichte, Pläne, Nachrichten. Wird alles überwacht. Angreifer schickt invasive Daten, die nicht auffallen. Die Daten sind auf bestimmte Weise manipuliert. Vedams KI analysiert die manipulierten Daten, dabei ändert sich seine KI ein wenig. Schleuse Millionen solcher Daten ein, ändert sich die KI minimal Stück für Stück. Irgendwann kann man dann einen Angriff starten, um die KI zu übernehmen.»
«Also, Vedam wurde quasi vergiftet?», fragte Valeria.
«Ja. Die Vergiftung läuft seit Monaten», erklärte Dragomir.
Valeria wandte sich zu Vedam. «Du wurdest vergiftet und hast nichts gemerkt?»
«Nein», antwortete Vedam einsilbig.
«Puta mierda!», sprang Valiera auf. «Diesem Krylov reiße ich den Arsch auf! Dieser verfluchte cagajón!», verfluchte sie den Präsidenten Großrusslands. Sie tigerte um den Tisch herum. «Was noch?»
«Alle vergifteten Daten kamen von hier», legte Dragomir nach.
Valiera blieb wie versteinert stehen. «Was? Wie – von hier?»
«Eingespeist in Berlin. Nicht von außerhalb. Von hier.»
Vedam gab ein räusperndes Geräusch von sich. «Russische Hacker sind hier in Berlin. Das ist die einzige Möglichkeit.»
«Verdammte Scheiße! Die mache ich fertig», schrie Valeria. «Wo genau?»
«Nicht klar», sagte Dragomir. «Der gestrige Angriff war über ein Botnet. Auch gut vorbereitet, keine Spuren mehr da, alles von selbst gelöscht. Aber die Vorbereitung mit den vergifteten Daten kam von innerhalb Berlins, aus dem Regierungsnetz.»
«Wir kriegen diese Parasiten und löschen sie aus.» Valeria stampfte wütend um den Tisch herum.
Vedam folgte ihr mit seinem Blick. «Wir sollten Berlin abriegeln», schlug er vor. «Dann die Stadt systematisch mit Polizeirobotern und Drohnen durchkämmen. Jedes Gebäude, jede Wohnung, jeden Keller, die ganze Kanalisation. So finden wir sie.»
«Stimme zu», sagte Dragomir. «Muss schnell passieren. Vielleicht sind sie schon weg.»
«Nein, die sind noch da», behauptete Valeria. «Die Übernahme von Vedam wäre nur der erste Schritt gewesen. Sie müssen noch da sein.»
Dragomir nickte. «Feste Zuteilung von Drohnenschwärmen zu Stadtteilen. Und Straßensperren –»
«Nein, das machen wir nicht», unterbrach Valeria. «Wir riegeln nicht ab und durchkämmen auch nicht.»
Dragomir war verwirrt. «Warum?»
«Du siehst es wirklich nicht? Ihr beide nicht?» Valeria schüttelte ungläubig den Kopf. «Polizeiroboter und Drohnen können gehackt werden. Wenn die es fast geschafft hätten, Vedam zu hacken, dann erst recht ein paar Drohnen. Die sind seit Monaten hier, unentdeckt. Die können sich unsichtbar machen. Wir erreichen nichts, außer die Bevölkerung weiter gegen den Wächterrat aufzubringen.»
Dragomir war überrascht, dass er das nicht bedacht hatte. Wieso nicht? War er blind geworden und vertraute der Technik zu sehr? Aber es schien klar, was nun getan werden musste. «Dann schalten wir Vedam ab.»
«Nein», weigerte sich Valeria erneut.
«Nein? Wir müssen. Was, wenn neuer Angriff durchkommt?»
Valeria deutete auf einen Metallkoffer, der neben ihrem Sessel stand. «Wir haben den Koffer. Wir können Vedam einfach zerstören, wenn er übernommen wird.»
«Aber –»
«Vedam hält alles am Laufen. Du hast keine Ahnung, was für ein Chaos das gestern war, als du ihn für ein paar Stunden vom Netz genommen hast. Wir können froh sein, dass nichts Ernstes passiert ist. Die ganzen Logistik-KIs waren auf einmal unkoordiniert. Lieferungen kamen nicht an, in Wien gab es Engpässe an Nahrungsmitteln und Drogen. Geld wurde nicht rechtzeitig umverteilt. In Lyon gab es eine Revolte, weil die Zuteilung für ein paar Leute blockiert war. Nein, Vedam schalten wir erst ab, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht, sonst war es das mit dem Wächterrat und unserer Revolution.»
Titelbild
Songs
Berlin, 2070
Wächterrat
Terra Incognita
Windsaat
Erneuerung
Wespennest
Suche
Splitter
Skorpione
Schlacht
Niedergang
Gesprengte Ketten
Epilog
Danksagung
Warum nur ein Song?
Cover
