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Dark Fantasy mit Dämonen und Werwölfen – »The Witcher« meets »Das unsichtbare Leben der Addie LaRue« Der Monsterjäger Sebastian Grave ist ein Mann vieler Talente und Geheimnisse, und war in mehr als einem Jahrhundert zuhause. Nun reist er in die abgelegene französische Provinz Gévaudan. Der Baron hat Freiwillige zur Jagd auf die Bestie aufgerufen, die für das Abschlachten von Vieh und Menschen verantwortlich sein soll. Zusammen mit dem Dämon Sarmodel und dem gutaussehenden jungen Adligen Antoine d'Ocerne, macht sich Sebastian auf die Jagd. Bald zeigt sich: Die Bestie von Gévaudan ist schwerer zu fangen als gedacht - und es bei weitem nicht das einzige Monster, das in Frankreich sein Unwesen treibt ... »The Red Winter« zeigt die verborgene Welt hinter unserer eigenen und erzählt die okkulte Geschichte Europas, vom kaiserlichen Rom bis zur heiligen Jeanne d'Arc und den ersten Anzeichen der Französischen Revolution. »Charmant, eindringlich, ambitioniert und sehr unterhaltsam.« T. Kingfisher »›The Red Winter‹ ist ein wunderschönes Gewebe aus Geschichte und Mythen. […] Dieses Buch werden Sie verschlingen.« Cassandra Khaw »So verdammt gut. The Red Winter ist irrsinnig unterhaltsam.« Shelley Parker-Chan "The Red Winter ist ein höllisch gutes Debüt. Ein absoluter Genuss: blutig und sündhaft köstlich. Selten war ich so zufrieden – oder so hungrig nach mehr." Alix E. Harrow
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Seitenzahl: 708
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cameron Sullivan
Macht ist eine hungrige Bestie
Der Monsterjäger Sebastian Grave ist ein Mann vieler Talente und Geheimnisse, und war in mehr als einem Jahrhundert zuhause. Nun reist er in die abgelegene französische Provinz Gévaudan. Der Baron hat Freiwillige zur Jagd auf die Bestie aufgerufen, die für das Abschlachten von Vieh und Menschen verantwortlich sein soll. Zusammen mit dem Dämon Sarmodel und dem gutaussehenden jungen Adligen Antoine d'Ocerne, macht sich Sebastian auf die Jagd. Bald zeigt sich: Die Bestie von Gévaudan ist schwerer zu fangen als gedacht - und es bei weitem nicht das einzige Monster, das in Frankreich sein Unwesen treibt ...
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Cameron Sullivan wurde in Perth, Westaustralien, geboren. In seiner Jugend hat er sich literarisch vor allem von den Dark-Fantasy- und Horrorbestsellern der 80er Jahre ernährt und anschließend Klassische Philologie und Kreatives Schreiben an der University of Western Australia studiert. Nach langen Aufenthalten in Italien und Großbritannien kehrte er nach Australien zurück und ließ sich in Melbourne nieder. Er arbeitet als Texter und verbringt seine Wochenenden am liebsten mit einem guten Buch, neuen Kochrezepten und Spielen aller Art.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Copyright © 2026 by Cameron Sullivan
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Red Winter« bei Tor Books, New York.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt a. M.
Lektorat: Bernd Sambale
Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einer Idee von TOR Books, New York
Coverabbildung: Christina Mrozik
ISBN 978-3-10-492065-8
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[Widmung]
[Karte von Gévaudan]
Vorwort
Teil I Ein nicht erfüllter Vertrag und ein schreckliches Geheimnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Addendum: Die Herkunft der Jehanne d’Arc
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Teil II Die Bestie und die Jungfrau
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Addendum: Die Gefangenschaft der Jehanne d’Arc
Kapitel 17
Kapitel 18
Addendum: Das weitere Schicksal der Jungfrau von Orléans
Kapitel 19
Addendum: Der Verbleib von Jehannes Überresten
Kapitel 20
Kapitel 21
Teil III Das Massaker von Saint-Julien
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Addendum: Die Beschwörung von Clauneck
Kapitel 30
Kapitel 31
Addendum: Die Suche nach Gilles de Rais
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Teil IV Verrat, wohin das Auge blickt
Addendum: Hauptmann Renard
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Addendum: Der Wahnsinn des Gilles de Rais
Teil V Das letzte Abendessen im Bogen & Balg
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Addendum: Der Geist im Knochen der Jungfrau
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Teil VI Der Geist des Krieges
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Nachwort
Dank
Für Mum und für Meg
Ich war gerade geschäftlich in Florenz, dem Sitz meiner europäischen Kanzlei, als ich beschloss, das Folgende niederzuschreiben. Es war ein romantisch düsterer Herbsttag, und der Regen schien geradezu gegen die Mauern der Stadt anzubranden. Die meisten Touristen waren auf ihren Hotelzimmern geblieben und versuchten wahrscheinlich, wie so viele vor ihnen, mit dem italienischen Fernsehprogramm klarzukommen.
Eigentlich hätte ich mich der Arbeit widmen müssen, im Auftrag eines sehr alten Mandanten umfangreiche Kaufverträge aufzusetzen. Doch die altvertrauten und nun menschenleeren Straßen lockten mich, und so streifte ich stattdessen umher. Ich besuchte meine liebsten Freunde – die weisen Geister des Doms, den Boboli-Garten, Laokoon und seine Söhne in ihrer ekstatischen Furcht –, musste aber feststellen, dass sie alle mich mehr oder weniger kaltließen.
Auf dem Rückweg jedoch stieß ich im märchenhaften Licht der Goldschmieden auf der Ponte Vecchio auf eine bezaubernde alte Brosche. Ich erkannte sie sofort wieder: eine Kamee aus Bernstein und Elfenbein, die eine junge Frau darstellte. Das Schmuckstück war zwar stark lädiert, und die Edelsteine der Fassung fehlten, trotzdem zahlte ich den schwindelerregend hohen Preis und ließ es in meine Manteltasche gleiten. In Gedanken begann ich es bereits zu reparieren. Irgendwo in meinem Archiv, das wusste ich, befand sich ein Beutel mit persischen Saphir-Trommelsteinen, die sich bestens für die Fassung eigneten. Manisch vor Inspiration eilte ich zu meiner Kanzlei zurück, einem stattlichen Patrizierhaus im alten Künstlerviertel. Ich übertrug Livia meine Mandantentermine der nächsten Woche – sie beherrscht das Anwaltsgeschäft ohnehin mindestens so gut wie ich – und stieg zum Dachboden hinauf. Das liebe ich ganz besonders, wenn ich in die Alte Welt zurückkehre: Jedes Mal stoße ich dort auf etwas Unerwartetes, etwas, das ich vergessen hatte.
Die Saphire fand ich zwar letztlich nicht,[1] aber ganz hinten auf dem Dachboden entdeckte ich eine alte Holztruhe. Bei ihrem Anblick regte sich etwas in mir; womöglich war sie es, wonach ich die ganze Zeit wirklich gesucht hatte. Mit einiger Mühe löste ich das Siegel mit dem Bildnis eines längst verstorbenen Mandanten und wischte dann den Staub von den reich geschnitzten Nussbaumplatten. Die Truhe war ein sehr schönes, wenn auch vernachlässigtes Relikt aus der Zeit des ersten französischen Kaiserreichs, geschmückt mit Szenen der Revolution.
Die Französische Revolution. Der Traum der Bauern, der Könige stürzte und Jahrzehnte der Kriege nach sich zog, in ganz Europa, ja auf der ganzen Welt. Die ins Holz geschnitzten Gesichter wirkten rechtschaffen und stolz, eine Armee der Unterdrückten, die ihre Fesseln abwarfen – für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
Ich aber wusste, was wirklich dahintersteckte.
Und die junge Frau, deren Konterfei die Kamee schmückte, hatte es auch gewusst.
Einige Formeln im Okzitanischen des 18. Jahrhunderts lösten die Wehre der Truhe (die sie übrigens zweihundert Jahre lang luftdicht verschlossen hatten), und da wurde mir klar, dass ich mein Vorhaben, Edelsteine zu schleifen, bis auf weiteres verschieben musste.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, bändeweise Aufzeichnungen und Beweismittel zu einem meiner berüchtigtsten und faszinierendsten Aufträge durchzusehen. Der mir innewohnende Geist, Sarmodel, hatte zuvor tagelang geschwiegen, doch nun lud ich ihn ein, sich mit mir an den wiedergefundenen Schätzen zu erfreuen – es waren ja schließlich auch seine Erinnerungen.[2] Kurz gab er sich noch bockig, dann erschien er in meinen Gedanken, reckte sich wie eine schläfrige Katze und durchlebte gemeinsam mit mir diesen rückblickend doch recht bedeutsamen Fall noch einmal. Von süßer Melancholie erfüllt, schauten wir die alten Tagebücher und Probenbehälter durch. Ein Zweig vom Indischen Stechapfel, Gläser mit getautem Schnee, ein Beutel Wolfsfell, eine Schachtel Talkumpuder mit Lavendelduft – mit jedem Griff in die Truhe holte ich ein weiteres Wunder hervor.
Ich hatte ganz vergessen, wie sehr ich diesen Abschnitt meines Lebens geliebt hatte. Das 18. Jahrhundert war in Europa eine herrliche Zeit gewesen – aber eben nur bis zu einem bestimmten Moment. Und zum ersten Mal, seit wir im Jahr zuvor den Weltuntergang abgewendet hatten,[3] fühlte ich mich Sarmodel wieder wirklich nah. Da mir nur sehr wenige Freunde geblieben sind, war es einfach ein schönes, beruhigendes Gefühl, ihn wieder zum Gefährten zu haben und sich daran zu erinnern, wie gut wir doch zusammenarbeiten.
Der eigentliche Grund aber, weshalb ich beschloss, diesen Fall ausführlich schriftlich festzuhalten, fand sich am Grund der Truhe unter einem Scheffel verblasster Briefe. Es war ein Reithandschuh aus Schafleder, irreparabel zerfetzt und mit alten Blutflecken übersät. Sarmodel und ich hatten bis dahin stundenlang frohgemute Bemerkungen ausgetauscht, doch nun verstummten wir. Ich verspürte eine Sehnsucht, die mein dämonischer Gast vollkommen verstand, und als mir Tränen in die Augen traten, machte er sich ausnahmsweise nicht über meine menschliche Schwäche lustig.
Immer noch, Sebastian?, fragte er leise in meinen Gedanken.
»Ja, immer noch«, antwortete ich. »Wie konnte ich das nur vergessen?«
Der Handschuh und das Blut – beides stammte von Antoine. Ich war schon Hunderte Jahre alt, als ich ihn kennenlernte, und doch waren wir an jenem Tag beide jung. So etwas wie Gefahr kannte er nicht, und seine Unbekümmertheit war ansteckend. Angesichts der Umstände hätten wir eigentlich zerschmettert und blutüberströmt auf irgendeinem Misthaufen enden müssen – und trotzdem war das Ganze ein hinreißendes Vergnügen gewesen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie lange ich schon nicht mehr an Antoine gedacht hatte. An seine Unschuld. An sein wildes blondes Haar und seine lächerliche Unfähigkeit, ein Lagerfeuer zu entfachen. Zum ersten Mal seit Monaten kam mir wieder der Gedanke, dass ein Leben ohne Tod doch eine elende Gabe war.
Und so seien diese Seiten nun also ihm gewidmet, einem meiner liebsten Geister.
Für Antoine Avenel d’Ocerne.
Sebastian Grave
Florenz, 2013
PS: Für Livias Beiträge übernehme ich keinerlei Verantwortung.
[1]
Ich schätze mein europäisches Personal sehr, aber sie sind eifrige kleine Diebe.
[2]
Nicht dass er das alles hätte lesen können: Sarmodel hält das geschriebene Wort für den Höhepunkt menschlicher Eitelkeit – gleichauf mit der Ehe. Während ich mich bemüht habe, die unzähligen Sprachen der Menschen, Dämonen und Engel zu erlernen, ist der mir innewohnende Geist auf seine achttausend Jahre Analphabetentum auch noch stolz.
[3]
Worauf ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen werde. Wir haben es geschafft, und daher können Sie sich nun weiter Ihrem Online-Shopping widmen. Nur so viel sei gesagt: Die erstaunliche Genauigkeit des Maya-Kalenders hatte nichts mit Astronomie zu tun.
Ost-Piemont 1785
Das Mädchen war im Mondlicht erstaunlich schön.
Erstaunlich aus zweierlei Gründen. Erstens: Sie war bekannt für ihre Schönheit – was meiner Erfahrung nach lediglich bedeutete, dass es ihr in den langen Wochen zwischen Beginn der Pubertät und erster Schwangerschaft gelungen war, alle ihre Zähne zu behalten. Und zweitens: Sie war seit zwei Tagen tot – und ich habe genug Gräber geschändet, um zu wissen, dass Leichen, zumindest nach landläufigem Geschmack, nicht schön sind.
Ich glaube, sie hieß Cristina. Ihr Geist saß mir auf einem grob gehauenen Grabstein gegenüber und sah mir bei der Arbeit zu. Und der Geist war tatsächlich schön – aber das sind Geister ja oft. Dieses Geistermädchen hatte typisch piemontesisches Haar, dunkel, üppig und lockig, das ihr bis knapp über die Schultern fiel. Aus dem bezaubernd tiefgründigen Blick ihrer großen Augen sprach der Ernst des Jenseits. Ein sanfter Lichtschein ging von ihrer Gestalt aus, und sie trug ebenjenes weiße Totengewand, das ich von ihrem Leichnam gerade heruntergeschnitten hatte.
»Das war teuer«, murmelte das Mädchen, das zerschnittene Kleidungsstück betrachtend.
»Ja, das sieht man«, erwiderte ich. »Bist du nicht froh, dass es nun nicht mehr im Erdboden verrotten wird?«
Sarmodel, der mir innewohnende Dämon, hatte sich in Menschengestalt projiziert, um sich neben sie zu setzen, und zwar mit den verwerflichsten Absichten. Er erschien als schwarzhaariger Junge von etwa zehn Jahren mit langem Gesicht und Adlernase, so wie ich vermutlich ausgesehen hatte, als wir damals miteinander verbunden worden waren.[1]
»Und bist du nicht froh, Sebastian, dass du deinen Vorrat an gebrauchten Gewändern aufstocken kannst?«, konterte Sarmodel lächelnd. »Und war das den Ausflug hierher nicht wert?«
Neben vielen anderen Dingen habe ich in meinem Beruf auch stets Bedarf an gutem Tuch, und für dieses Totengewand würde ich sicherlich noch eine passende Verwendung finden. Sarmodel spielte aber darauf an, dass Cristina ein Pro-bono-Fall war.
»Wir hatten gerade nichts anderes zu tun«, erwiderte ich.
In Wahrheit hatte ich gehofft, dass der nächtliche Besuch bei Cristina mehr erbringen würde, als nur abermals auf einem Friedhof in Eingeweiden zu wühlen. Ich war in den vergangenen Tagen, wenn auch nicht regelrecht unruhig, so doch ein wenig indisponiert gewesen. Zunehmend hatte ich das Gefühl, auf irgendetwas zu warten, und ich habe gelernt, solche Gefühle niemals zu ignorieren. Das hübsche Gespenst mit seiner Geschichte von dem tödlichen Fluch schien mir ein vielversprechender Anfang zu sein.
»Das ist nun wohl auch egal – es ist ja nur ein Hemd«, seufzte Cristina. »Bist du fertig?«
Ich hatte den Leichnam auf ihre Bitte hin (recht ordentlich) seziert und auf die Ursache ihres Ablebens hin untersucht.
»Ja, bin ich, Cristina. Aber du bist nicht ganz aufrichtig zu mir gewesen.«
»Wie meinst du das? Ich bin doch ermordet worden, oder nicht?«
»Ja und nein«, erwiderte ich. »Eines natürlichen Tods bist du jedenfalls nicht gestorben.«
»Bastarda! Ich wusste es!«
»Aber ich glaube nicht, dass die Weiße Marta dahintersteckt. Es sei denn, sie hätte sich bei dir zu Hause eingeschlichen und dich mit deinen eigenen Händen erwürgt.«
»Meinen eigenen Händen?« Sie sah mich mit ihren großen Augen an.
»Ich fürchte, ja. Die blauen Flecken und die Kratzer an deinem Hals passen perfekt dazu – siehst du?« Um es ihr vorzuführen, hielt ich der Leiche die toten Hände an die Kehle. »Und auch die Hautfetzen unter deinen Fingernägeln sprechen dafür.«
»Aber das kann nicht sein! Ich hab mich nicht selbst umgebracht! Das schwöre ich!« Sie bekreuzigte sich empört. »Der Pfarrer sagt, auf Selbstmord folgt die sichere Verdammnis.« Das Wort Selbstmord flüsterte sie, als könnte der Allmächtige hinter der nächsten Hecke lauschen.
»Ich glaube dir, Cristina – schon weil es tatsächlich unmöglich wäre, sich selbst auf diese Weise umzubringen.« Ich ließ die toten Hände wieder los. »Zumindest nicht aus eigener Kraft.«
»Wer war es denn dann?«, beharrte sie. »Es muss die Weiße Marta gewesen sein! Sie ist die Einzige, die in Frage kommt.«
»Und warum das?«
»Ich war vor nicht mal einer Woche bei ihr, und da hat sie mich mit dem bösen Blick belegt. So muss es gewesen sein!«
»Warum warst du denn bei ihr?« Ich kannte Marta recht gut. Sie war eine ganz fähige Feld-, Wald- und Wiesenhexe, aber das mit dem »bösen Blick« war eigentlich nicht ihr Stil (mal davon abgesehen, dass es vollkommener Blödsinn ist).
Cristina sträubte sich, doch da sie einen Wahrheits-Vertrag[2] abgeschlossen hatte, war sie verpflichtet, die Frage zu beantworten. »Ich habe sie um einen Segen gebeten. Ich bin ja … Ich war ja frisch verheiratet.«
Ich hob die Augenbrauen. »Einen ›Segen‹? Einen Fruchtbarkeitszauber, meinst du wohl. Hexerei.«
»Nein! Also gut: ja.«
»Und?«
»Ich bin ganz bis zur Schutthalde, um sie zu finden, mit einem fetten Huhn als Lohn, und sie hat mir weiter nichts gegeben als ein seltsames kleines Säckchen. Ich sollte einen Zahn reintun und es unter mein Kopfkissen legen, und dann würde ich von meinem künftigen Kind träumen.« Nun standen ihr geisterhafte Tränen in den schönen Augen. »Stattdessen habe ich jede Nacht von einer Frau ohne Gesicht geträumt, die mich in meinem Bett erwürgt.«
»Moment mal – ein Zahn? Von wem?«
»Von mir.«
»Lügst du mich an, Cristina?« Sie schlug die Augen nieder, und da wusste ich, dass ich richtiglag. Auf ihrer rechten Handfläche leuchtete das Zeichen meines Vertrags; rasch bedeckte sie es mit der anderen Hand.
»Na ja … Marta hat gesagt, ich soll einen Zahn von mir nehmen, aber dann bin ich doch zu dem Acker unter dem Kornspeicher gegangen. Da, wo sie immer die Knochen ausgraben.« Wieder senkte sie den Blick. »Ich wusste, dass das nicht richtig war, aber mir selbst einen Zahn ausreißen? Das habe ich einfach nicht fertiggebracht.«
Ich verzog das Gesicht. »Cristina, dieser Acker ist voller Knochen, weil direkt darunter ein Massengrab ist.«
»Von der Pest?« Sie blickte entsetzt.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, von den Hexenverfolgungen. Ich glaube, du hast da versehentlich mehr als nur einen Zahn mit nach Hause genommen. Alte Knochen sind gefährlich, besonders solche.«
»Wie meinst du das?« Wieder schien sie den Tränen nah.
»Möglicherweise hast du den Knochen einer Hexe aufgesammelt, der ihren zornigen Geist enthielt – oder einen ihrer Schutzgeister; es kommt aufs Gleiche hinaus.« Ich seufzte. »Das ist wirklich furchtbares Pech, denn nur sehr wenige der Frauen auf diesem Acker waren tatsächlich Hexen. Weißt du, wie sie hingerichtet wurden?«
»Sie wurden erwürgt«, murmelte sie.
»Ja. Und nun hat eine von ihnen Rache geübt – bloß leider an der falschen Person.«
Cristina sah sich hilflos um. »Aber … ich wusste doch nichts davon! Das wollte ich nicht! Mit meinen eigenen Händen?«
»Das ist deine Wahrheit, Cristina. Es tut mir leid.« Das meinte ich ehrlich. Der Tod hatte sie ungerechterweise ereilt. Das leuchtende Mal auf ihrer Hand erlosch und zeigte damit an, dass mein Vertrag erfüllt war. Das identische Mal auf meiner linken Hand erlosch ebenfalls.
»Das spielt nun keine Rolle mehr, meine Liebe«, fuhr ich fort. Hätte ich ihre Tränen trocknen können, ich hätte es getan.
»Bitte, bitte sag dem Pfarrer nichts davon«, flehte sie. »Ich will nicht in die Hölle kommen.«
»Das musst du nicht befürchten. Es war ja ein Versehen, und Versehen bestraft Gott nicht.«[3]
»Wirklich nicht?«
»Wirklich nicht.«
»Ich darf also … gehen?«
Nun setzte sich Sarmodel mit einem Mal interessiert auf. »Ja! Ja, du musst keine Angst haben. Jetzt darfst du ruhen. Nimm einfach meine Hand.«
»Sarmodel – nein!« Ich zog den Leichnam des Mädchens zurück an den Rand des Grabs.
Er bedachte mich mit einem unfreundlichen Blick. »Stopf du einfach nur das Fleisch zurück in den Boden. Das hier geht dich nichts an, Sebastian. Was dachtest du denn, wie sie bezahlen würde?«
»Sie ist eine Mandantin.« Ich richtete das Messer auf ihn. »Was das angeht, waren wir uns einig.«
Im Allgemeinen muss ein Vertrag sofort nach Erbringung der Leistung bezahlt werden, entweder in klingender Münze[4] oder mit Anima – spiritueller Energie. Cristina hatte außer sich selbst nichts anzubieten; da ich das Konsumieren des Mandanten jedoch als allerletzte Option ansehe, hatte ich als Bezahlung das hübsche Gewand akzeptiert, in dem sie bestattet worden war.
»Oh, wirklich?«, fuhr Cristina verträumt fort. »Ist das dein Ernst? Ich darf gehen, und ich werde nicht verdammt?«
»Jetzt ist sie keine Mandantin mehr – schau mal!« Sarmodel hob die Hand des Geistermädchens, auf der kein Vertragsmal mehr zu sehen war.
Cristina beachtete uns derweil kaum mehr, und der Lichtschein, der von ihr ausging, wurde heller; sie machte sich offenkundig bereit zu gehen.
»Sarmodel, du kannst doch unmöglich schon wieder hungrig sein! Erst letzte Woche –«
»Sebastian Grave aus Larnaka?«
Die Stimme eines Mannes brachte uns alle zum Schweigen.
Durch meine Arbeit abgelenkt, hatte ich den Reiter gar nicht bemerkt, der sich auf dem grasbewachsenen Hang genähert hatte. Nun lenkte er sein Pferd langsam auf uns zu.
»Ich bin Professor Sebastian Grave aus Larnaka, ja – und wer da?«, herrschte ich ihn mit zusammengebissenen Zähnen an. Ich war mir nur allzu bewusst, dass ich für weltliche Augen als Einziger von uns dreien sichtbar war; für einen zufälligen Beobachter musste es aussehen, als führte ich mitten in der Nacht auf einem Friedhof Selbstgespräche – an einem offenen Grab. Ich hoffte inständig, dass die Dunkelheit das Durcheinander verbarg, das ich angerichtet hatte, von der nackten, aufgeschnittenen Leiche ganz zu schweigen, die ich nun diskret mit dem Fuß beiseiteschob.
»Ich bin Monsieur Jacques Avenel d’Ocerne«, antwortete der Neuankömmling mit einem gewissen Akzent. Er trug einen breiten Hut und einen Schal, der seine untere Gesichtshälfte verdeckte, so dass ich kaum mehr als seine Augen sah. Dann wechselte er ins provenzalische Okzitanisch und fügte hinzu: »Sohn des Barons d’Ocerne.«
»Ocerne … Antoine d’Ocerne ist Euer Vater, Monsieur?« Es gelang mir schließlich, Cristinas Leichnam in das Grab zu stoßen, wo er mit dumpfem Schlag landete.
Sarmodel! Das ist Antoines Sohn!
Sarmodel hatte das Geistermädchen vorerst vergessen und sah mit großem Interesse zu. Ich verspürte eine zunehmende Erregung, zugleich Freude und Beklommenheit. Das war es! Darauf hatte ich gewartet. Das musste es sein.
»Ja, das ist er. Ich werde mich kurz fassen, denn die Reise hierher war lang und beschwerlich.« Er richtete sich auf. »Sebastian Gra… Professor Grave, mein Herr Vater beordert Euch zu sich: Ihr sollt unverzüglich gemeinsam mit mir ins Gévaudan zurückzukehren, um dem Vertrag nachzukommen, den er als nicht erfüllt ansieht und den Ihr im Château d’Ocerne unterzeichnet habt, bezeugt vom Bischof von Mende und in der Gegenwart unseres Heiligen Vaters.«
»Er beordert mich zu sich? Und inwiefern nicht erfüllt?« Ich unterdrückte ein ängstliches Flattern in meinem Bauch. In Gedanken sah ich das Blut im Schnee und die eisige Schlucht, durch die das Wildwasser brauste. »Das ist zwanzig Jahre her!«
»Mag sein«, sagte der junge Mann grimmig. »Aber wir müssen Eure Hilfe noch einmal in Anspruch nehmen: Der Schrecken des Roten Winters ist zurückgekehrt.«
Betont langsam packte ich mein Werkzeug ein.
Das kann nicht sein, sagte ich zu Sarmodel. Oder etwa doch?
Ach, Sebastian, erwiderte er und schüttelte halb betrübt, halb spöttisch den Kopf. Seine Projektion als Knabe löste sich auf, und er kehrte an seinen gewohnten Platz in meinem Hinterkopf zurück.
»Monsieur? Werdet Ihr mit mir zurückkehren und Euren Auftrag fortführen?«
»Wie es aussieht, bleibt mir ja keine andere Wahl. Darf ich zuvor kurz nach Hause und meine Angelegenheiten ordnen? Es wäre mir eine Ehre, wenn ich Euch heute Nacht beherbergen dürfte. Ich kann im Morgengrauen abreisebereit sein, wenn Ihr es wünscht.«
Ich tue nur selten etwas, weil mir keine andere Wahl bleibt, aber ich brauchte Zeit zum Nachdenken – und dieser Friedhof war dafür nicht der geeignete Ort.
»Ich begleite Euch gern dorthin, damit Ihr holen könnt, was Ihr für Eure Arbeit braucht.« Er blickte über den umgestürzten Grabstein hinweg auf die Leiche in der Grube und dann auf das zerschnittene Gewand, das ich nur zur Hälfte in meine Reisetasche gestopft hatte. »Aber ich schlafe auf keinen Fall im Haus eines Grabräubers. Mein Herr Vater sagte mir schon, dass Ihr seltsame Gewohnheiten habt, aber das hier ist doch schlichtweg abscheulich.«
Es war wohl doch nicht ganz so dunkel, wie ich gehofft hatte. »Ich habe die Erlaubnis dazu, Monsieur«, erwiderte ich, was kaum gelogen war. »Mein Beruf ist es, die Wahrheit zu ermitteln, und die liegt allzu oft auf einem Friedhof begraben.«
Er bedachte mich mit einem kalten Blick, wurde dann aber weich. »Nun gut. Ein warmes Plätzchen für die Nacht wäre mir tatsächlich willkommen. Die Reise war sehr anstrengend.«
»Das glaube ich gern.« Ich warf dem bleichen Leichnam noch einen entschuldigenden Blick zu und bedeutete Jacques dann, mir den Hang hinabzufolgen.
»Mit wem habt Ihr gesprochen?«, fragte er, als wir die Grabsteine hinter uns ließen. »Gerade eben, als ich hier ankam?«
»Mit niemandem, Monsieur.« Ich blickte noch einmal zurück: Wo Cristinas Geist gesessen hatte, war nun nur noch ein schwacher weißer Lichtschein, der auch vom Mond hätte stammen können. Sarmodels Enttäuschung lastete schwer wie ein Stein in meinem Hinterkopf. »Mit gar niemandem.«
[1]
Wir beide haben uns darauf geeinigt, dass »verbunden« die akzeptabelste Bezeichnung für meinen/unseren Zustand ist. Begriffe wie »besessen« etc. wären unzutreffend und schwer beleidigend. Und obwohl ich ihn oft als meinen dämonischen »Gast« bezeichne, ist er in meinem Körper doch ebenso tief verwurzelt wie ich selbst. Wir sind in jeder Hinsicht unzertrennlich, eine Situation, die (meines Wissens) in der Geschichte des Okkulten einmalig ist – von der theoretischen Unmöglichkeit einmal ganz zu schweigen. Er ist ein männlicher Geist und hat im Laufe der Jahrhunderte viele Namen getragen, darunter Nott, M’quet und Lariel. Ich aber nutze im Allgemeinen den, den er mir genannt hat: Sarmodel.
[2]
Verträge sind das wichtigste Interaktionsmedium zwischen der spirituellen und der profanen Welt. Solche über die Wahrheit sind am gebräuchlichsten, aber Verträge können auch den Austausch von fast allem anderen regeln, einschließlich Informationen, Geld, Dienstleistungen oder Anima. Sarmodel und ich verdienen hauptsächlich mit solchen Verträgen unser täglich Brot – und das oft buchstäblich.
[3]
Das Mädchen hatte für eine Nacht wirklich schon genug Wahrheiten gehört.
[4]
Heutzutage akzeptiere ich auch Banküberweisungen.
Keine Stunde später trafen wir bei meinem Zuhause ein.
Jacques Avenel d’Ocerne hatte sich unterwegs nicht sonderlich gesprächig gezeigt. Der junge Mann war sichtlich angeschlagen, vielleicht sogar irgendwie verletzt, mühte sich aber tapfer, das zu verbergen. Mit der Linken konnte er kaum die Zügel halten, und als er am Tor abstieg, ächzte er schmerzerfüllt, den Arm an den Leib gepresst.
Ich besaß ein bescheidenes, abgelegenes Anwesen in der Nähe der Gemeinde Corvano, außerhalb von Turin. Die Jahre, da ich als Ausgestoßener im Elend gelebt hatte, waren zu dem Zeitpunkt glücklicherweise schon lange vorbei. Das Haus war sehr komfortabel, besaß massive Steinmauern und ein Schieferdach, und das kleine, gepflegte Grundstück drum herum bot – worauf es mir vor allem ankam – eine gewisse Privatsphäre.
Das zunehmende Interesse des 18. Jahrhunderts an den Wissenschaften und der Medizin ermöglichte mir, in größeren Städten je nach Bedarf als Arzt, Gelehrter, Leichenbestatter und gelegentlich auch Juwelier auf ehrbare Weise meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Unter Wissenschaft verstand man zu jener Zeit allerlei effekthascherischen Zinnober, weshalb es mir ein Leichtes war, einige meiner etwas ausgefalleneren Tätigkeiten als »Physik« auszugeben. In Corvano war ich schon seit fast zehn Jahren ansässig; ich galt zwar nicht gerade als Säule der Gemeinde, aber man kannte und schätzte mich.
Livia, meine Haushälterin, strahlte, als sie unseren Gast erblickte. Zu meiner Erleichterung war sie bei unserem Eintreffen anständig gekleidet, und auf dem Tisch stand ein schmackhaftes Mahl bereit, bestehend aus einem Kanincheneintopf, Weichkäse und Gerstenbrot.[1]
»Bitte verzeiht die bescheidene Kost«, sagte ich, als Livia uns auftat. »Ich hatte keinen Besuch er–«
»Euer Vertrag.« Er schob mir eine Schriftrolle über den Tisch. »Falls Ihr das nachprüfen wollt. Danach seid Ihr verpflichtet, meinem Vater bei der Jagd nach der Bestie zu Diensten zu sein, nicht wahr?«
»Ich glaube schon, Monsieur.« Mit großer Geste löste ich die Banderole und entrollte das Blatt, das anscheinend aus einem größeren Buch herausgetrennt war. »Ich erinnere mich allerdings, dass das Kopfgeld damals ausgezahlt wurde. An Monsieur Bauterne, meine ich.«
Tja.
Meine Unterschrift befand sich oben auf der Seite, gleich unter der von Antoine. Über unseren Namen prangten die Insignien des Königs und des Barons, dann folgten nähere Angaben zu der Prämie – sechshundert Livre für den Kopf der Bestie des Gévaudan – und darunter Dutzende weitere Unterschriften von inzwischen längst verstorbenen Männern.
»Ja, dem war so, aber mein Vater hat versprochen, Euch abermals dieses Kopfgeld zu zahlen, falls Ihr Erfolg habt.«
»Tatsächlich? Die volle Summe?«
»Das hat er gesagt.«
Ich tat, als würde ich mich in die Einzelheiten des Dokuments vertiefen, und beobachtete derweil Jacques d’Ocerne über das Blatt hinweg. Der Mann war eindeutig ausgehungert und schlang sein Essen herunter wie ein Schakal; auf der Reise von Château d’Ocerne hierher hatte er sich offenkundig nicht geschont.
Im Lampenlicht wirkte er wie eine schlankere und ernstere Version von Antoine. Er war höchstens neunzehn Jahre alt und sein Bartwuchs daher noch spärlicher als der seines Vaters, aber er hatte Antoines dunkle Augen und sein blondes Haar. Es gab auch andere Merkmale, die vermutlich von seiner Mutter stammten: ein weicherer, voller Mund und ein breiterer Kiefer. Auch hatte er ganz im Gegensatz zu Antoine eine nachdenkliche, bedachte Art. Während ich ihn musterte, fiel mir auf, dass er ausschließlich mit der rechten Hand aß; den linken Arm hielt er immer noch schützend an den Körper gepresst.
»Ich bin froh, dass Ihr noch hier seid, Professor«, sagte er und klang dabei ganz und gar nicht froh. »Euer letzter Brief liegt Papa zufolge ja schon viele Jahre zurück.«
»Er hat meine Briefe nie beantwortet«, erwiderte ich vorsichtig. »Weshalb ich irgendwann keinen Sinn mehr in weiterer Korrespondenz sah. Ich muss auch zugeben, dass ich gern wüsste, wie Ihr mich überhaupt gefunden habt, zu so später Stunde und so weit von meinem Wohnort entfernt.«
»An der Schutthalde hat mir eine weise Frau verraten, dass Ihr auf dem Friedhof seid.«
»Soso.« In Gedanken fügte ich geschäftliche Diskretion zur Liste der Dinge hinzu, über die ich mit der weisen Weißen Marta mal ein Wörtchen reden würde, wenn die Angelegenheiten dieses Abends abgehandelt waren.
Was für ein pflichtbewusster Sohn, bemerkte Sarmodel, der in solcher Eile ganz allein die weite Reise unternimmt.
In der Tat, erwiderte ich in Gedanken und bot dem jungen Mann lächelnd noch etwas Wein an. Und ich frage mich, welcher Baron seinen Sohn und Erben ohne Begleitung auf eine so weite und gefährliche Reise schickt.
Jacques ließ sich nachschenken und betrachtete mich schweigend, während er von dem Käse aß. Als es mir schließlich unbehaglich wurde, ergriff er wieder das Wort.
»Ich hatte einen älteren Mann erwartet. Sebastian Grave aus Larnaka war schon zur Zeit des Roten Winters ein gelehrter Mann, der vielerlei vollbracht hatte. Wenn Ihr derselbe seid, so hat Euch der Zahn der Zeit erstaunlich wenig anhaben können.«[2]
»Ah«, sagte ich mit leicht belustigter Miene. »Das glaube ich gern, dass diese Frage Euch beschäftigt hat, junger Herr. Die Antwort ist ganz einfach die: Ich habe damals nicht die Wahrheit gesagt. Mein Bart und mein Gehabe sollten das verbergen, aber ich war gerade mal Anfang zwanzig, als ich das Gévaudan verließ. Nicht älter als Ihr heute.« Ich lachte auf. »Ich nehme an, ich wollte damals unter den Jägern Frankreichs nicht als unerprobter Jüngling dastehen.«
Das Lächeln, das er daraufhin aufsetzte, war matt. »Natürlich, Professor. Bitte seht mir meine Unhöflichkeit nach.«
Schließlich zog er sich zurück, um vor unserer Abreise noch etwas Schlaf zu bekommen. Ich blieb am Tisch sitzen, erfüllt von geschmortem Kaninchen und nervöser Anspannung. Livia geleitete ihn zum Gästezimmer im Obergeschoss, während ich meinem Kaffee beim Abkühlen zusah. Anschließend räumte sie den Tisch um mich her mit etwas mehr Sorgfalt als sonst ab, war dabei aber so klug, mich nicht bei meinen Gedanken zu stören.
Erst als ich mich erhob, packte sie zu. Feste Hände zerrten mich in die Spülküche und schlossen hinter uns die Tür.
»Fleischsack«,[3] flüsterte sie mir liebevoll zu, während Jacques oben im Gästezimmer hin und her ging. »Hat dir das Essen gemundet? Ist dein Appetit gestillt?« Wir waren einander nun sehr nah, und sie drängte mich rückwärts gegen die Tür. Von ihrem Leib ging eine beunruhigende Wärme aus. Wie es ihrer Natur entspricht,[4] ist Livia umwerfend schön – von einzelnen kleinen Makeln mal abgesehen. Ich habe ihr streng untersagt, in feiner Gesellschaft Schwanz, Klauen oder Hörner zu zeigen, doch selbst in ihrer unförmigen Kittelschürze, die kastanienbraunen Locken pflichtbewusst unter einem Kopftuch verborgen, schaffte sie es irgendwie, schlichtweg hinreißend auszusehen. Mein unerwarteter Gast hatte ihr zum Glück wenig Beachtung geschenkt, während sie um den Esstisch herumgeschlichen war.
Ich wusste genau, worauf sie hinauswollte. »Ja, Livia, vielen Dank. Das Essen war köstlich. Und nein, Jacques ist nicht für dich.«
Es folgten ein Zischen und eine Dampfwolke, als sie ihre Hände ins Spülwasser tauchte. »Wieso muss ich immerzu darben? Der hier ist jung und paarungsbereit. Du machst dir doch gar nichts aus ihm, das merke ich. Er wird sich bereitwillig fügen – und ich werde ihm auch nichts als Vergnügen bereiten!«
»Daran zweifle ich gar nicht. Aber hinterher wäre er trotzdem tot. Ich untersage es dir.«
»Sebastian, du bist grausam. Warum darf er schlemmen, während ich vor mich hin schmachte?« Sie deutete auf eine Stelle über meinem Kopf. Damit war natürlich Sarmodel gemeint.
Schlemmen?, fiel der nun ein. Von wegen! Du darfst dich gern zu uns in den Schweinestall gesellen, Halbblut, wenn ich das nächste Mal »schlemme«. Dann schiebe ich dir von vorne und hinten so viele Schweine rein, wie du nur magst. Aber du, Sebastian, solltest dir ihren Vorschlag durchaus überlegen. Der Sukkubus ist vielleicht der einfachste Ausweg aus dieser Situation. Dieser junge Ocerne macht einen ziemlich unangenehmen Eindruck. Und er war ja tatsächlich ganz allein auf einer langen, gefährlichen Wegstrecke unterwegs.
Mit Tränen in den leuchtend grünen Augen wandte sich Livia zu mir um. Sie hielt ihre Klauen empor, von denen nun das Spülwasser tropfte. »Ich arbeite so hart und verlange so wenig dafür. Er will mich, das weiß ich, und ich will ihn!« Ihr stacheliger Schwanz kam unter ihrem Rock hervor und streichelte meinen Schenkel. »Bitte, Sebastian. Es geht schnell und wird ganz wunderbar, und ich verspreche auch, dass ich hinterher alles sauber mache.«
»Livia. Nein.«
Von oben war ein Knarren zu hören, als Jacques den Kleiderschrank im Gästezimmer öffnete. Frustriert stampfte Livia mit dem Fuß auf. »Er zieht sich aus! Er will sich paaren!«
»Er zieht sich aus, um schlafen zu gehen. Und egal, was ich von ihm denke, er ist Antoines Sohn. Ich warne dich: Wenn es sein muss, werde ich dir Fesseln anlegen!«[5]
»Manchmal hasse ich dich, Fleischsack«, sagte Livia mit finsterer Miene und verschränkte die Arme. Dann trockneten ihre Tränen mit einem leisen Zischen, und mir nichts, dir nichts war sie wieder die Sachlichkeit in Person. »Hast du schon gepackt?«
Die Stunden bis zum Morgengrauen verbrachte ich damit, alles Nötige für die Reise zusammenzusuchen. Das Gévaudan war in meiner Erinnerung eine raue, unwirtliche Gegend voller feindseliger Leute, und dementsprechend wählte ich mein Gepäck. Nach einiger Überlegung fügte ich auch noch etwas grünseidene Gesellschaftskleidung und eine kurze höfische Perücke hinzu. Dann löste ich die Wehre des Kellers und stieg hinab. Nach einer Überprüfung tat ich zunächst meine Grundausstattung in meine Reisetasche (Verbandszeug, Chirurgenmesser, Hirschhaarpinsel, Probengläser und derlei Dinge) und ertappte mich dann dabei, wie ich nach den verschlossenen Behältern auf den oberen Regalböden griff, in denen ich meine wirkmächtigsten Bestände verwahrte. Zwei kostbare Quecksilberkugeln[6], eine Amphisbaena-Drüse, ein Stäbchen pyrische Kreide … All das legte ich mit bebenden Händen hinein.
Und die ganze Zeit dachte ich darüber nach, was die Zwischenfälle im Gévaudan verursacht haben könnte. Ich wollte nicht glauben, was Jacques mir erzählt hatte, doch die Erinnerung war wieder da – groß, nackt und mit roten Zähnen grinsend.
Stürmen wir etwa den Heiligen Stuhl?, fragte Sarmodel. Was, im Namen des Rifts, tust du da?
»Ich weiß, ich weiß! Ich muss mich beruhigen.« Ich setzte mich auf einen Hocker und zog meine Handschuhe aus. »Ich habe nur einfach keine Ahnung, was wir dort vorfinden werden.«
Genau so ist es. Wir haben keine Ahnung, was wir dort vorfinden werden.
»Du hast doch gehört, was der Junge gesagt hat. Der Schrecken des Roten Winters. Die Bestie.«
Er kann unmöglich überlebt haben, mein Lieber.
»Bist du sicher? Könnte er irgendwie zurückgekehrt sein?«
Fragen über Fragen. Während er nachdachte, war mir, als bewegte sich etwas in meinem Hirn, als ratterten da riesige Windungen.[7]Du könntest den Jungen immer noch fortschicken, weißt du? Auch wenn du ihn nicht töten willst, gibt es Wege, ihn vergessen zu lassen, dass er jemals hier war – oder, falls das nötig sein sollte, wer er überhaupt ist.
Ich dachte darüber nach. Mein vernünftiges Ich wollte wirklich nicht zurück ins Gévaudan. Den letzten Aufenthalt in dieser Gegend hatte ich nur knapp überlebt und mir dort höheren Orts auch etliche Feinde gemacht. Ganz besonders widerstrebte mir, mich erneut in den Einflussbereich des französischen Klerus und seiner göttlichen Pendants zu begeben. Zudem kam es in Frankreich gerüchteweise in letzter Zeit vermehrt zu Unruhen und hochverräterischen Aufständen. Und Sarmodel hatte natürlich recht: Ich verfügte über zahlreiche Mittel, mit denen ich Jacques bezirzen, betäuben oder anderweitig loswerden konnte.
Doch wenn ich das täte, würde ich Antoine nicht wiedersehen.
Und ich musste es wissen. Ich musste sicher sein.
»Nein«, sagte ich. »Wenn ich da etwas unerledigt zurückgelassen habe, muss ich mich darum kümmern. Und sechshundert Livre sind nicht zu verachten.«
Was für ein Schlamassel. Er lachte. Ist es nach zwanzig Jahren zu spät für ein ›Ich hab’s dir ja gesagt‹? Ach, ich glaube nicht!
»Was hätte ich denn tun sollen, Sarmodel? Sie alle dem Tod überlassen?«
Willst du darauf wirklich eine Antwort?
»Nein, nein.« Ich winkte ab, während er weiterlachte. »Hilf mir bitte einfach nur. Sag mir, was ich brauche. Ich kann gerade nicht klar denken.«
Er rumorte und rumorte in meinem Kopf.
Nimm besser alles mit. Nur für alle Fälle.
[1]
Livia ist ein Sukkubus, den ich in Rom auf dem Höhepunkt des Imperiums kennengelernt habe. Uns verbindet eine tiefe Zuneigung, aber es dauerte fast fünfhundert Jahre, bis sie endlich lernte, etwas anderes als Naphtha zuzubereiten.
[2]
Ich altere nicht mehr, seit mein Körper und mein Geist voll entwickelt sind. Dank meiner zypriotischen Abstammung bin ich von Natur aus mit olivfarbenem Teint und dunklem Haar gesegnet und gehe für gewöhnlich als Mann von Mitte zwanzig bis Mitte dreißig durch. Im Laufe meiner Jahre in Corvano ließ ich mein Äußeres nach und nach älter wirken, indem ich das Haar länger trug und eine gespielte Geringschätzung der Jugend gegenüber an den Tag legte. Es genügte, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, doch irgendwann würde ich, wie seit eh und je, weiterziehen müssen.
[3]
Eine grobe Übersetzung des tatarischen Worts v’herrec, Livias bevorzugter Bezeichnung für menschliche Wesen. Mit der Verbform, herrequet, bezeichnet sie gern das menschliche Leben, aber das lässt sich nicht ganz so gut übersetzen: »fleischsacken«.
[4]
Sukkuben sind keine echten Geister, sondern zählen zu den höheren okkulten Mischwesen. Wie eine ganze Reihe weiterer Abscheulichkeiten sind sie das Ergebnis dämonischer oder engelhafter Beteiligung an der Fortpflanzung der Sterblichen. Wie kaum anders zu erwarten, geht aus einer solchen Verbindung nur selten lebensfähiger Nachwuchs hervor – wenn auch immer noch oft genug, dass ich mir beruflich keine Sorgen zu machen brauche. In meinem Handbuch des Okkulten, das Sie auf meiner Website erwerben können, widme ich mich ausführlich diesem Thema.
[5]
Ich habe für Livia ein sehr schönes Paar Silberohrringe angefertigt, die mit den Sigillen ihres Vertrags versehen sind. Sie sind sehr elegant, haben für Livia jedoch das Gewicht bleierner Ambosse.
[6]
Sie enthielten eine flüssige Legierung aus Quecksilber, Silber, Chrom und Platin, die darüber hinaus mit diversen alchemistischen Salzen versetzt war. So etwas ist natürlich überaus kostspielig, hochgiftig und äußerst schwierig herzustellen, doch es wirkt so ziemlich gegen alles: Engel, Dämonen, Monstren, Untote, Geistliche et cetera.
[7]
Ich habe den Eindruck, dass mein Gast um ein Vielfaches größer ist als ich – oder es jedenfalls wäre, wenn er sich in der profanen Welt manifestieren könnte. Ich kann ihn nicht sehen, es sei denn, er projiziert ein Bild von sich, aber Livia blickt geradewegs nach oben, wenn sie zu ihm spricht, was ziemlich enervierend ist. Ich will allerdings auch gar nicht wissen, wie er wirklich aussieht. Drei mächtige Geister habe ich in ihrer Ur-Inkarnation erlebt und wurde dafür mit Blindheit, Wahnsinn und tödlicher Krankheit geschlagen.
Im Morgengrauen stand ich am Tor bereit, meinen kleinen Wagen gut beladen und mit einer zu Blähungen neigenden Stute davor. Sie war zwar wahrlich kein Schlachtross, aber gutmütig, durch nichts zu erschüttern und so kräftig, dass sie zugleich den Wagen ziehen und mich tragen konnte.
Ich sah mich zu den vertrauten drei Schieferdächern um – Herrenhaus, Stall, Speicher – und hätte in diesem Moment nichts lieber getan, als es mir, in meinen Morgenmantel gehüllt, auf dem Sessel in meinem Privatgemach gemütlich zu machen. Der Tag begann düster und wolkenverhangen, ein Morgen wie geschaffen dafür, am Kamin zu lesen, bei heißem Kaffee und Mandelgebäck. Stattdessen nahm ich, wie schon so oft, Abschied von meinem Zuhause und war mehr als nur ein wenig unfroh darüber, so kurzfristig und in so unangenehmer Angelegenheit abreisen zu müssen. Wehmütig sah ich zu dem Obstgarten hinter dem Haupthaus hinüber, der gerade seine herbstliche Verwandlung begann. Die prächtige Laubfärbung würde ich dieses Jahr ebenso verpassen wie die reiche Ernte meines Gemüsegartens und Kürbisfelds. Für einen Moment gab ich mich alles andere als wohlwollenden Gedanken hin, was Monsieur Jacques Avenel d’Ocerne anging.
Bekleidet war ich mit einer schwarzen geknöpften Hose aus weichem Leder, einem cremefarbenen Hemd und einer langen Weste in einem Sturmgrau, das meiner Stimmung entsprach. Meine Stiefel waren kniehoch und strapazierfähig, bestens geeignet für die schlammigen Provinznester, durch die wir kommen würden. Als Jacques im Hauseingang auftauchte, zog ich einen langen wollenen Mantel in tiefem Waldgrün über, schön genug für den feinen Herrn, den ich abgeben wollte, aber auch robust genug für die Reise. Am Gürtel trug ich eine silberne Taschenflasche mit einem kräftigen Tresterschnaps. Bis zu den Bergen des Gévaudan lagen über drei Wochen Wegstrecke vor uns, und mir schwante, dass es kein Spaziergang werden würde.
»Verzeiht bitte, dass ich Euch warten ließ, Professor – die Reise hat mich wohl doch mehr erschöpft, als ich dachte.« Ich hatte dafür gesorgt, dass Jacques verschlafen würde; so hatte ich mir genug Zeit verschafft, um rings um das Anwesen die nötigen Wehre zu errichten. Ich hielt es für klug, einige zusätzliche Vorkehrungen zu treffen, um während meiner Abwesenheit Einbrecher, Mischwesen und Christen fernzuhalten. Auch Livia würde so in Schach gehalten. Zweimal schon war ich im Laufe der Jahre zu einem überstürzten Umzug gezwungen gewesen, weil sie sich nicht hatte beherrschen können, während ich ihr den Rücken zugekehrt hatte.[1]
»Keine Ursache, Monsieur«, erwiderte ich. »Ich hatte heute Morgen ohnehin noch allerhand zu erledigen. Ich hoffe, das Frühstück hat Euch gemundet?« Jacques’ Reisetracht hatte schon mehr mitgemacht als meine. Klugerweise hatte er auf die Schnallen und lächerlichen Hüte verzichtet, die französische Adlige zu jener Zeit sonst gern trugen. Stattdessen hatte er Stiefel und eine Hose aus schlichtem braunem Leder gewählt, dazu eine schwarze Weste und einen graubraunen Umhang. Ich sah neben ihm geradezu wie ein Dandy aus.
»Es war überaus köstlich«, sagte er. »Richtet Mademoiselle Livia bitte meinen herzlichen Dank aus. Ich konnte sie leider nicht finden.«
»Ich glaube, sie ist zum Einkaufen in die Stadt.«
»Dann treffen wir sie ja vielleicht noch unterwegs.«
»Wohl eher nicht, Monsieur.« Seit ihrem kleinen Auftritt in der Spülküche war »Mademoiselle« schwer beschäftigt, dafür hatte ich gesorgt. Gegenwärtig saß sie im Rübenkeller und zählte Reiskörner – mit einer Haarnadel. »Soll ich Euer Pferd holen?«
Es begann zu regnen, als wir aufbrachen, Jacques auf seinem schönen Wallach und ich auf meiner sanften Stute, die den Wagen zog.
Auf geht’s, sagte Sarmodel. Weck mich, wenn wir da sind.
An jenem ersten Tag sprachen Jacques und ich kaum ein Wort miteinander. Nachdem wir uns in Corvano mit dem Nötigsten versorgt hatten, brachen wir gen Westen auf. Wir hatten vor, der alten Römerstraße bis zur französischen Grenze zu folgen. Mit etwas Glück würden wir binnen einer Woche das Alpenvorland erreichen.
Auf dieser Straße waren auch viele Händler und andere Reisende aus den umliegenden Ländern unterwegs, von denen die meisten wie wir dem Regen trotzten. Jacques ritt einen Großteil des Nachmittags wie im Halbschlaf, wobei er leicht im Sattel schwankte und vor sich hin murmelte. Gelegentlich sah er mich von der Seite an, als dächte er, ich hätte etwas gesagt.
Wir übernachteten in Ferno, einem kleinen Dorf im bewaldeten Vorgebirge. Beim ersten Gebäude mit einem Schild davor saß ich ab. Es war eine kleine Trattoria, die über einige Fremdenzimmer verfügte. Die Unterkunft war sauber und preisgünstig, und es duftete nach ofenwarmem Brot, Knoblauch und Kiefernholz. Jacques schien sich jedoch sehr an dem Lokal zu stören und brachte dem Stallburschen gegenüber, der uns die Pferde abnahm, kaum ein Wort des Danks heraus.
Ich hingegen gab ihm ein großzügiges Trinkgeld und bat ihn, auf unsere Tiere und den Wagen gut aufzupassen. Vor Dieben war mir nicht bange; dank meiner Wehre war mein Hab und Gut bestens geschützt. Ich hatte jedoch bemerkt, dass Jacques’ Wallach seit einigen Stunden deutlich lahmte. Das arme Tier war viel zu mager und musste wohl auch neu beschlagen werden. Vor allem aber brauchte es Futter und Ruhe. Mein Reisegefährte schien den Zustand seines Pferds jedoch gar nicht zu bemerken.
Wie hat er es überhaupt so weit geschafft?, fragte ich. Antoine hätte ein Tier niemals so zuschanden geritten.
Der junge Ocerne ist halt nicht sein Vater, erwiderte Sarmodel. Aber du hast recht. Er ist abgelenkt, in Gedanken versunken. Pass heute Nacht gut auf ihn auf.
Zu Abend speisten wir einen wohlschmeckenden Kohl-Kartoffel-Eintopf, und es gab auch ordentlich Brot dazu. Erneut langte Jacques zu, als wäre er kurz vorm Verhungern. Ich empfand ein gewisses Mitleid mit dem Jungen und nahm mir vor, so umgänglich und liebenswürdig zu ihm zu sein, wie ich nur konnte.
»Euer Vater ist sicher stolz auf Euch, Jacques«, sagte ich. »So ein tapferer Sohn, der sich um sein Volk sorgt und um das Land, das er regiert.«
»Papa wird sich sehr über meine Rückkehr freuen.« Mehr sagte er nicht, wirkte nun aber ein wenig munterer. Er legte sich eine Hand auf die Brusttasche und schien in Gedanken einen Moment lang ganz woanders zu sein.
»Habt Ihr denn eine Gemahlin, die in Château d’Ocerne auf Euch wartet?«, fuhr ich fort.
»Ja, habe ich. Eloïse und ich haben vor knapp einem Jahr geheiratet.« Eine Gruppe deutscher Reisender, die am Kamin saßen, erhoben sich mit lautem Gelächter, als einer von ihnen ein Tablett mit Getränken umstieß, und als sie sich schließlich wieder setzten, schien Jacques die Plauderlaune vergangen zu sein. Er erzählte weiter nichts über seine Frau und war den Rest des Abendessens so kurz angebunden, dass es schon fast unhöflich war. Ich gab klein bei und stimmte seinem Vorschlag zu, dass wir uns früh zur Ruhe begeben sollten.
Wir hatten ein kleines Zimmer über der Küche, ein bisschen laut, aber warm und trocken. Als wir die Treppe hinaufstiegen, ging Jacques gebückt wie ein alter Mann und hielt sich den linken Arm. Wie sein Pferd war auch er viel zu dünn.
Dem jungen Mann geht es nicht gut, bemerkte Sarmodel. Weder körperlich noch geistig.
Ihm macht bestimmt irgendeine Verletzung zu schaffen. Was könnte es sein?
Nach dem kurzen Aufstieg zu unserem Zimmer war Jacques so erschöpft, dass ich fürchtete, er würde zusammenklappen. Er legte Weste und Gürtel ab, zog sich die Stiefel aus und sank auf das schmale Bett.
Ich wartete, bis er eingeschlafen war, und sprach dann eine Litanei[2] der Ruhe, die ich mit einem Zeichen der Morgendämmerung besiegelte. Jacques würde nicht vor Sonnenaufgang wieder zu sich kommen und sich bis dahin hoffentlich ein wenig erholen, was auch immer ihn plagte. Ich beobachtete ihn ein paar Minuten lang, sah den Jungen unter dem blonden Stoppelbart und die Unsicherheit, die er sonst mit vorgerecktem Kinn zu verbergen suchte. Er atmete nun schon ruhiger und träumte zweifellos von seiner zarten Eloïse.
»Ruht Euch aus, mein armer junger Herr«, murmelte ich.
In Sekundenschnelle hatte ich seine Taschen geleert. In der Weste fanden sich ein Taschentuch und einige Krümel von einem Gerstenkuchen. Auf einen leisen Verdacht hin überprüfte ich seine Brusttasche, auf die er zuvor schützend eine Hand gelegt hatte. Sie enthielt eine Kamee-Brosche, die in Bernstein und Elfenbein das Antlitz einer jungen Frau darstellte und über eine Silberfassung mit Jettbesatz verfügte. Es war eher ein Damenschmuckstück – wahrscheinlich hatte seine Gemahlin es ihm als Andenken mitgegeben. Ich hielt die Brosche ins Licht, bewunderte die Handwerkskunst (wenn auch nicht die abgeschmackte Wahl der Materialien) und steckte sie ihm dann wieder in die Tasche.
Die Waffen an seinem Gürtel waren, wie kaum anders zu erwarten, in gutem Zustand. Er hatte ein Kurzschwert, ein Jagdmesser und eine Steinschlosspistole dabei. Wie ich feststellte, waren die Klingen geschärft und geölt und die Schusswaffe einsatzbereit.[3] An dem Messer erspürte ich einen Anima-Rückstand; er hatte damit kürzlich ein kleineres Tier getötet, ein Kaninchen vielleicht oder ein Wildhuhn.
Das wahre Grauen aber entdeckte ich in seiner Hosentasche.
»Sarmodel«, flüsterte ich. »Siehst du das?«
Der Geldbeutel des jungen Mannes war so gut wie leer. Er besaß gerade noch genug Florins, um damit vielleicht – aber nur vielleicht – unsere Übernachtung in Ferno zu bezahlen. Auf der anderen Seite der Alpen würde es nicht besser aussehen. Drei jämmerliche französische Livre steckten in der Lederfalte am Boden des Beutels. Und das war alles.
»Sollen wir etwa den ganzen Weg bis ins Gévaudan im Schlamm schlafen?«, murmelte ich und leerte die Satteltasche des Jungen auf dem Boden aus. Ein Beutel Schießpulver purzelte heraus, dazu eine Handvoll Bleikugeln, ein Feuerstein, ein Reserveschlagbolzen und etwas Schiffszwieback. Auch hier kein Geld. »Wie kann das sein?«, fauchte ich. »Was soll das?!«
Ach, Sebastian, sagte Sarmodel. Oje.
»Das kann doch nicht wahr sein.«
Es dauerte einen Moment, bis ich die scheußliche Wahrheit erkannte. Die Missbilligung meines Begleiters unserer Unterkunft gegenüber, der Zustand seines Pferds und seine generelle Abgerissenheit – das alles deutete in eine äußerst ungute Richtung.
Jacques hatte tatsächlich geplant, dass wir den ganzen Weg bis ins Gévaudan im Schlamm schliefen.
Sofort machte ich eine Bestandsaufnahme meiner eigenen Barschaft. Was ich in meinem Geldbeutel bei mir führte, würde gerade so reichen, und dann hatte ich noch gewisse Notreserven in meinen Stiefelabsätzen versteckt. Mit ein wenig Feilscherei und einigen geschickten Gemeinheiten würden wir damit für fast die gesamte Wegstrecke unsere Übernachtungen bezahlen können – allerdings nur in den billigsten Betten.
Aber das ergab doch keinen Sinn. Der Antoine, den ich kannte, war ein Verschwender vor dem Herrn. Da hätte ich halbwegs üppige Spesenmittel erwartet – wenn schon nicht für mich, dann doch wenigstens für seinen Sohn. Doch der Junge reiste arm wie ein Bettler.
»Dass das klar ist: Das kommt alles auf die Rechnung!«, deklamierte ich vor mich hin. Dann stopfte ich Jacques’ Habseligkeiten nicht gerade sanft in seine Satteltasche zurück. Als ich ihm den flachen, elenden Geldbeutel wieder in die Hosentasche steckte, zuckte Sarmodel in meinem Geist zusammen.
Sebastian, riechst du das?
»Der junge Herr riecht nicht allzu frisch«, sagte ich. »Aber einen Ausflug ins Badehaus werde ich nicht finanzieren.«
Nein. Er riecht nach … Fäulnis. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf Jacques’ linken Arm. Da.
Wäre mein Gast nicht gewesen, so hätte ich es kaum bemerkt. Unter der linken Schulter trat eine leichte Beule hervor – der Verband um die von mir bereits vermutete Wunde.
Was ist das?, fragte ich.[4] Instinktiv war ich zu einem geistigen Gespräch übergegangen; es kam mir unangebracht vor, laut über den Gesundheitszustand des jungen Mannes zu diskutieren, während er dort vor uns lag.
Woher soll ich das wissen? Das müsste ich mir schon genauer ansehen.
Erwartungsvolle Stille.
Ich kann ihn doch nicht einfach ausziehen, Sarmodel.
Er regte sich gereizt. Das werde ich nie verstehen! Bei jeder x-beliebigen Magd und jedem dahergelaufenen Zimmermann machst du das doch ganz bereitwillig.
Das ist was anderes. Und in diesem Fall halte ich es zudem für unnötig. Aus der Nähe bemerkte auch ich nun die Fäulnis, von der Sarmodel gesprochen hatte. Ich runzelte die Stirn und legte vorsichtig meine Hand auf die Wunde. Unter meiner Handfläche pulsierte die aufgewühlte Anima des jungen Mannes, die Antoines, trotz der offensichtlichen Unterschiede zwischen den beiden, sehr ähnlich war. Sie durchglühte seinen Körper, trieb seinen Puls, seine Wärme und seine Genesung an. Doch da war noch etwas anderes, das in seinem Fleisch heranwuchs und sein Blut vergiftete. Es war nur schwach zu spüren, aber unverkennbar. Du hast recht, die Wunde ist infiziert. Kein Wunder, dass sie ihn plagt.
Und er ist fest entschlossen, sie zu verbergen, obwohl er einen Arzt an seiner Seite hat. Dieser junge Baronssohn ist ja ein ziemlich verzwickter Fall!
Immerhin in dem Punkt sind wir uns einig, erwiderte ich und erhob mich steif. Der ganztägige Ritt steckte mir in Kreuz und Gliedern. Aber er trägt auch für sein Alter eine viel zu schwere Last. Nur ein kleiner Stolperer, und er bricht darunter zusammen.
[1]
Fairerweise sei gesagt, dass es beim Mal davor nicht allein ihre Schuld gewesen war. Obwohl ich mich stets nach Kräften bemühte, sie zu verstecken, hatte sich Livia einen recht hartnäckigen Verehrer aus der Nachbarschaft angelacht. Als ich eines Tages heimkam, fand ich sie in der Küche vor, wie sie außer sich vor Befriedigung auf seinem lächelnden Leichnam hockte. Wenn ich den jungen Männern dieser Welt eine Warnung mit auf den Weg geben dürfte, so wäre es die: Stecke niemals deinen Schwanz in ein geschwänztes Wesen.
[2]
Eine kleine Anrufung eines Schutzgeistes, in diesem Fall Sarmodel. Man kann es sich vorstellen wie ein Gebet, das tatsächlich wirkt.
[3]
Jedenfalls so weit, wie es eben ging. Das Bereitmachen und Laden würde immer noch fast eine Minute dauern – oder mindestens halb so lang, falls Jacques ein wirklich guter Schütze war. Schießereien waren im 18. Jahrhundert noch eine mühselige Angelegenheit.
[4]
Sarmodel nimmt oft Dinge wahr, die mir entgehen, obwohl wir uns ja im Grunde dieselben Sinnesorgane teilen. Er sagt mir, das sei eine Frage der Konzentration: Meine Aufmerksamkeit gestatte mir nur, einen sehr kleinen Teil dessen, was ich sehe, rieche oder höre, überhaupt zu bemerken, wohingegen ihm buchstäblich jedes Staubkörnchen auffalle.
Die alte Römerstraße war für uns der direkteste Weg westwärts zur Grenze. Jacques legte ein beachtliches Tempo vor. Allmorgendlich saß er schon vor Sonnenaufgang hoch zu Ross, und unser Nachtlager schlugen wir stets erst weit nach Einbruch der Dunkelheit auf.
Darüber hinaus erwies er sich als recht unangenehmer Reisegefährte. Meine Bedenken seines verletzten Arms wegen wurden höflich, aber bestimmt zurückgewiesen und jeder Versuch einer Konversation schon im Keim erstickt.
Am Ende der ersten Woche war unser Reiseproviant so gut wie aufgebraucht. Schuld daran war ein stilles, stolzes Kräftemessen, das sich zwischen uns eingespielt hatte. Ich weigerte mich aus Prinzip, mein Geld für Lebensmittel auszugeben, die ich mit ihm hätte teilen müssen, und ertrug daher die karge Wegzehrung mit eiserner Entschlossenheit. Jacques wiederum hätte wohl am liebsten überhaupt kein Geld ausgegeben und sich mit irgendeiner improvisierten Suppe begnügt, nur um mich zu ärgern.
Soll das ein Spielchen sein? Was ist bloß los mit ihm?, wetterte ich Sarmodel gegenüber.
Und so ritt und schlief und aß Jacques also in einem höflichen Dämmerzustand, während mir allmählich die Galle überlief. Ich hätte diese Farce bis in alle Ewigkeit fortgesetzt (übermenschliche Ausdauer zählt zu meinen Spezialitäten), wäre Aherin, Jacques’ Wallach, nicht in einem so schrecklichen Zustand gewesen.
Claviere war die letzte größere Ortschaft vor den Alpen und die letzte Gelegenheit, uns auf die schwierige Gebirgspassage vorzubereiten. Ich führte uns die belebte Hauptstraße entlang, die von den vielen Reisenden und den Einheimischen zu eisigem Schneematsch zertrampelt worden war. Glücklicherweise hatte es aufgehört zu regnen, aber Jacques und ich ritten auch weiterhin der Kälte wegen mit Schals vor dem Gesicht. Meinen hatte ich mit Lavendel und Orangenessenz parfümiert, was allerdings den widerlichen Gestank der dortigen Viehhöfe nicht überdecken konnte. In die Richtung dieses Gestanks lenkte ich nun mein Pferd.
Wenn du mir eine Bitte gestattest, mein Liebster, sagte Sarmodel. Die ewigen Kaninchen[1] hängen mir wirklich schon zum Halse raus. Könnten wir nicht ein Rind besorgen? Hier muss es doch Rinder geben.
Ich kaufe dir doch keine Kuh! Und du bist hier übrigens nicht der Einzige, der Hunger hat. Wir brauchen alle was zu essen, und es wird auch Zeit, dass sich der junge Ocerne mal um sein Pferd kümmert.
»Wohin reiten wir, Professor?«, fragte Jacques in argwöhnischem Ton. »Mir wäre es am liebsten, wir würden auf der Straße bleiben und uns außerhalb dieses Orts ein trockenes Plätzchen für die Nacht suchen.«
»Gewiss, Monsieur.« Ein Grüppchen schmuddliger Kinder kam kreischend die Straße herab und umringte uns kurz. Es folgten ein paar echte Schreie, als neugierige kleine Hände die zur Diebesabwehr an meinem Wagen angebrachten Wehre erprobten. Im Nu waren sie verschwunden.[2] »Aber ich dachte, wir könnten, bevor wir weiterreiten, kurz den Hufschmied aufsuchen. Ich habe das Gefühl, dass mein Pferd ein wenig lahmt. Er soll sich auch Aherin mal ansehen, wenn es Euch recht ist.«
Ich gab mir Mühe, das so beiläufig zu sagen, als hätte er es zuvor schon einmal erwähnt. Jacques konnte mir da kaum widersprechen: Sein Pferd hatte einen unregelmäßigen und schwerfälligen Gang.
Natürlich widersprach er mir dennoch. »Ich würde wirklich lieber weiterreiten«, sagte er kopfschüttelnd. »In Frankreich gibt es auch Hufschmiede, und die sind zweifellos besser.«
Ich schwieg einen Moment lang, weil ich annahm, dass irgendein Missverständnis vorlag. »Monsieur, wenn Ihr gestattet, es wäre nur eine kleine Geste meinerseits, um –«
»Nein, ich gestatte nicht. Offenbar hört Ihr mir nicht zu. Und nun lasst uns aus dieser Kloake verschwinden.«
»Wie Ihr wollt, Monsieur«, knurrte ich hinter meinem Schal. Wir kehrten zu unserem ursprünglichen Weg zurück, und nun führte Jacques uns durch das Gedränge.
Oh, Sebastian, das war meisterhaft, sagte Sarmodel. Du hast den jungen Herrn ja vollkommen im Griff.
Soll ich ihn etwa mit vorgehaltenem Messer zwingen? Das arme Tier wird die Berge nicht überleben.
Nein, aber eines Tages musst du mal aufhören, wie ein Rindvieh zu denken. Er kam ein wenig nach vorn. Versuch’s mal hiermit. Vor meinem geistigen Auge erschien ein Triptychon tatarischer Symbole: ein Wort.[3]
Was bewirkt das? Es scheint furchtbar kompliziert zu sein.
Das ist es auch. Bekommst du’s hin?
Ich glaube schon.
Dann los, sprich es. Aber sei ganz bei der Sache und mach keinen Fehler. Ich verspreche, es wird ihn nicht umbringen.
Ich weiß gar nicht mal, ob mich das stören würde.
Führe mich nicht in Versuchung. Sarmodel zog sich wieder ein wenig zurück. Und jetzt konzentrier dich.
Ich behielt Jacques fest im Blick und löste den Schal ein wenig. Fürs Sprechen brauchte ich mehrere Sekunden, und hinterher fühlte sich mein Mund sehr seltsam an – als hätte ich mit dem Wort meine Zähne gelockert.
Die Wirkung auf Jacques war deutlich drastischer.
Ich hörte einen dumpfen Schlag wie von einem Eisenhammer. Aherin stolperte schwer. Bei seinen nächsten Schritten ließ der Wallach alle vier abgetragenen Hufeisen im Schlamm zurück, mitsamt der rot glühenden, qualmenden Nägel. Jacques fluchte und schwankte im Sattel – und dann lösten sich mit einem Mal sämtliche Riemen und Verschlüsse. Die Zügel glitten ihm aus den Händen, und der Rest des Zaumzeugs fiel zu Boden. Vergebens versuchte er, sich noch mit den Beinen festzuklammern, doch auch der Sattelgurt hatte sich bereits gelöst, und nun rutschte der Sattel langsam seitwärts. Jacques plumpste neben meinem Wagen in den Schlamm – wie das unliebsamste Schwein der Welt.[4]
Sofort sackte ich auf meinem Pferd zusammen, von jener Erschöpfung erfasst, die auf jeden Trick von Sarmodel zu folgen pflegt. Doch das war ein geringer Preis für die Befriedigung, die ich empfand. Ich war nur froh, dass der Schal mein Lächeln verbarg.
An deinen Triphthongen musst du noch feilen, sagte Sarmodel, aber ich glaube, jetzt hat Jacques nichts mehr dagegen, zum Hufschmied zu gehen.
Im hinteren Teil der Schmiede bollerte ein kleiner, aber zweckdienlicher Ofen vor sich hin, und schon ein kurzer Blick auf den Hufschmied verriet mir, dass er Jacques’ »zweifellos besseren« Franzosen in nichts nachstand.
Jacques war nun von Kopf bis Fuß mit Straßendreck besudelt und trottete, Sattel- und Zaumzeug schleppend, im Schlamm einher. Sein Wallach, von seiner Last befreit und ebenso verdreckt wie sein Reiter, machte einen ausgezehrten und insgesamt erbärmlichen Eindruck.
»Verzeih mir, Aherin«, murmelte der Baronssohn und streichelte den Hals des Tieres. »Ich bin dir ein schlechter Herr gewesen.«
Ich machte meinen Wagen an einem Geländer fest. »Darf ich vorschlagen, dass wir eine Badegelegenheit für Euch suchen, Monsieur? Der Schmied wird einige Zeit brauchen, fürchte ich.«
Da sah Jacques mich – so kam es mir jedenfalls vor – zum ersten Mal direkt an. Der Sturz hatte ihn einigermaßen gedemütigt, und nun, da er erkannte, wie schlecht er seinen Wallach behandelt hatte, sah er auch mich mit anderen Augen an. Für einen Moment war er seinem Vater sehr ähnlich. »Ja, Professor, ich wäre froh, wenn ich irgendwo baden und meine Kleider waschen könnte. Aber ich fürchte, ich bin meinem Pferd kein guter Freund gewesen, und werde mich daher zunächst um seine Bedürfnisse kümmern.«
»Das könnten wir auch in fremde Hände geben, wenn Ihr wollt.«
Er schüttelte den Kopf, wobei ihm ein paar Dreckspritzer aus dem Haar flogen. »Nein. Ich habe es verbockt und werde es auch selbst wieder richten.«
»Wie Ihr wünscht, Monsieur. Dann besorge ich uns etwas zu essen.«
