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Eine kleine Insel, auf der Menschen in Harmonie leben, scheinbar ein Paradies im Ozean - doch der Schein trügt. Ein Mörder lauert in der Dunkelheit und er hat es auf die Bewohner abgesehen. Unter den Opfern ist auch die Großmutter der 16-jährigen Kylaa. Kurz vor ihrem Tod, bittet sie ihre Enkelin, die Insel zu verlassen. Aber wo soll sie hin? Da draußen gibt es nichts. Gemeinsam mit ihren engsten Freunden plant Kylaa diese heimliche Reise. Mit an Bord ist auch Aiden, der gutaussehende Typ, der ihr den letzten Nerv raubt. Auf dieser Reise stößt die Gruppe ein schockierendes Geheimnis, welches das Leben der Inselbewohner für immer verändern wird.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2021
Joy Martins
the reset
Die Entdeckung der Realität
© 2021 Joy Martins
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-28406-7
Hardcover:
978-3-347-28407-4
e-Book:
978-3-347-28408-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für meine beste Freundin, meine Mutter,die stets an meine verrückten Träume glaubt,mich bei jeder Idee unterstützt,für mich da war, als es kein anderer war.
Mich jedes Mal rettete, wenn meine Welt in Flammen stand,das Unmögliche zum Möglichen macht,und mich gelehrt hat, was es bedeutet, stark zu sein,dass anders sein gut ist,und dass ich mich selbst glücklich machen kann.
Danke, dass ich deine Tochter sein darf.
„Bravery is being scared tojump and doing it anyways“,she whispered.
Prolog
Was würde mit den Menschen geschehen, wenn man ihnen ihre Erinnerungen rauben würde? Keiner würde es merken und keiner könnte sagen, wer der grausame Täter wäre. Was geschieht, wenn man einen Haufen Menschen nimmt, ihre Erinnerungen löscht und sie an einen fernen Ort bringt? Würden sie einfach weiterleben und sich ein eigenes System aufbauen? Würden sie durchdrehen und einen Bürgerkrieg anzetteln oder würden sie sich gar selbst das Leben nehmen? Genau diese Fragen beschäftigten Sergei und Joshuah derart intensiv, sodass schließlich aus einem barbarischen Gedanken die grässliche Realität wurde.
Die Menschen, die auf der Insel wohnen, haben keine Ahnung, dass es hinter dem Horizont Festland gibt; das ist jenseits ihres Vorstellungsvermögens. Sie haben eben nie darüber nachgedacht. Keiner von ihnen ist jemals woanders gewesen – zumindest kann sich keiner daran erinnern. Diese Insel existiert seit Generationen; und seit Generationen wird ihren Bewohnern die Wahrheit verschwiegen. Und das sollte auch für immer so bleiben …
***
Mitten im Atlantischen Ozean liegt eine Insel. Sie ist nicht groß, aber es ist genug Platz für eine kleine Stadt, in der man alles, was man zum Leben braucht, bekommen kann. Auf der Insel hat es genau eine Kirche, einige heruntergekommene Häuser, die schon seit Ewigkeiten da sind und noch einige Ruinen, die von der Natur in Beschlag genommen wurden. Auch ein paar Bücher oder Videogeräte befinden sich auf der Insel. Keiner weiß genau wie oder wann diese Gebäude dahin gekommen sind, sie waren einfach schon immer da. Die neuen Häuser sind alle aus Holz und Backsteinen mit verschiedenfarbigem Verputz. Welches Haus man besitzt und wie es eingerichtet ist, ist hier sehr wichtig, alles wird bewertet, so ist das System. Wenn du gutaussehend bist, bist du sozusagen reich. Wer gutaussieht und einen guten Charakter hat, wohnt in einem schönen Haus. Niemand redet wirklich über dieses System, es steckt auch keine Person dahinter, oder so, das hat sich einfach mit der Zeit so entwickelt. Man kann es sich in Etwa so vorstellen: es gibt drei Schichten, die Unterschicht, die Mittelschicht und die Oberschicht. Wer in der Unterschicht ist, ist oft nicht wirklich intelligent oder nicht so gutaussehend. Die in der Mittelschicht sind ziemlich durchschnittlich, sie gehen zur Arbeit, kommen nach Hause, stellen den Fernseher an, sehen sich den einzigen Sender, den es auf der Insel gibt für zwei Stunden an und gehen um 10 Uhr ins Bett. Die Menschen in der Oberschicht, werden als «besonders» oder «ungewöhnlich» bezeichnet, sie sind oft sehr gutaussehend. Diese Schichten bestimmen den Wert einer Person und je nach Wert, hat man dann ein schönes Haus oder ein durchschnittliches Haus, oder gar kein eigenes Haus. Aufgrund dieses Systems haben die Menschen auf der Insel auch keine Währung. Ihre Person, ihr Ansehen und ihr Status ist ihr ganzes Vermögen. So unmöglich das nun klingen mag, aber es funktioniert für diese Menschen, es gibt seit bald 45 Jahren keine Kriminalität.
Diese Insel ist wie ein Sommergewitter, auf seine ganz eigene Art und Weise wunderschön und erschreckend verstörend zugleich.
Kapitel 1
Ich befinde mich hinter einem leicht transparenten Seidenvorhang. Vor mir liegt ein altmodisch eingerichteter Wohnbereich. Das abgenutzte Sofa und der dazugehörige Ohrensessel sind beide mit Blümchenmuster versetzt. Es riecht nach alten Büchern und Staub und etwas nach alten Damen. Ich stehe auf, um mich genauer umzusehen. Der Vollmond wirft einen bläulichen Lichtkegel auf den alten Eichenboden. Als ich aufstehe, werfe ich einen gespenstischen Schatten auf den Boden. Ich drehe mich mit dem Rücken zum Zimmer und sehe aus dem Fenster: Ich betrachte das friedlich aussehende Nachbarhaus, das mir nur zu bekannt ist. Ich gehe ein paar Schritte, um das prunkvolle Bücherregal auf der anderen Seite des Raumes zu betrachten, Bücher haben mir schon immer imponiert. Mit jedem Schritt, den ich gehe, knarrt der Boden unter mir. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, die Stimmung ist geradezu geladen hier. Irgendetwas wird passieren – ich fühle es. Mein Herz pocht und meine Armhaare stellen sich unter meinem Lieblings-Cardigan auf. Ich höre leise und weit entfernt einen Motorradmotor aufheulen und frage mich sofort, wer zu dieser späten Stunde noch unterwegs sein könnte. Vielleicht Luke, der Freund meiner Schwester, er macht oft abgefahrene Dinge. Von Liza, meiner eineinhalb Jahre älteren Schwester, weiß ich, dass er manchmal auf dem Schrottplatz nach alten Ersatzteilen für sein Motorrad sucht. Sein größter Traum ist, einmal eine Werkstatt aufzumachen. Aber er sagt, dafür müsse das Motorradfahren noch populärer werden, denn sonst fehle die Kundschaft. Ich kenne persönlich nur wenige Menschen, die Motorrad fahren.
Licht fällt durchs Fenster. Luke muss gerade vorbeigefahren sein. Ich wende mich wieder den Büchern zu; es gibt viele alte Bücher, die sogar noch in Leder eingebunden sind. Diese sind mir ohnehin am liebsten. Ich greife willkürlich nach dem Buch Emma und möchte es gerade öffnen, als ich einen lauten Knall höre. Intuitiv lasse ich das Buch fallen und husche, so leise es mir möglich ist, auf den alten Holzdielen zurück hinters Sofa und hinter den Seidenvorhang, wo man mich nur von der Küche aus entdecken könnte. Wieder poltert und knallt es. Miss Fox kommt im Schlafanzug mit Morgenmantel und einer Kopfhaube, unter der sich farbige Lockenwickler befinden, die Treppe hinab. Ich ducke mich und versuche, so flach und leise wie möglich zu atmen. Mein Blick fällt auf die pinkfarbenen Plüschhausschuhe und ihre rot lackierten Zehennägel, als sie zur Haustür eilt, von wo das schreckliche Poltern herkommt. Doch noch bevor sie die Stube verlassen kann, ertönt ein unheimliches Krachen. Miss Fox, die allein wohnt, schreit beim Anblick der eintretenden Person auf. Ich sehe noble Herrenschuhe, die mit schnellen Schritten auf die Plüschschuhe zugehen. Miss Fox rennt los, ich kann genau erkennen, wohin ihre kleinen dicken Beinchen sie tragen: zur Treppe. Sie möchte ins Obergeschoss entwischen. Doch die Lackschuhe folgen ihr zügig. Ich stehe langsam und vorsichtig auf und bemühe mich, den Eindringling zu sehen, doch vergebens. Beide, Eindringling und Miss Fox, sind schon im Obergeschoss. Ich überlege, was jetzt zu tun ist. Wegrennen und Hilfe zu holen, wäre jetzt doch das Vernünftigste. Aber bis ich wieder da wäre, wäre der Einbrecher mit dem, was auch immer er anstellen will, schon längst fertig. Also gehe ich den beiden leise und auf Zehenspitzen nach. Kaum bin ich oben angekommen, hastet Miss Fox auch schon wieder aus dem Schlafzimmer. Noch bevor mich der mysteriöse und mir unbekannte Mann sehen kann, flüchte ich ins Badezimmer. Ich sehe mich abermals um, hier liegen ganz viele seltsame Dinge herum, aber mir bleibt keine Zeit, das alles genauer anzusehen. Ich will aus Gewohnheit einen prüfenden Blick in den Spiegel werfen, aber ich kann nichts erkennen. Ich stelle mich direkt vor den Spiegel, doch der Spiegel scheint mich zu ignorieren. Ich lasse den offensichtlich kaputten Spiegel zurück und möchte das Bad verlassen, jedoch genau in diesem Moment rennt Miss Fox gefolgt von dem Eindringling die Treppe hinab. Ich drücke mich an die Wand im Bad und vertraue auf meine Ohren, die mir jedes Geräusch mitteilen. Ich höre einen erschrockenen Schrei und ein darauffolgendes Poltern. Danach ist es plötzlich mucksmäuschenstill und ich frage mich, was in aller Welt jetzt passiert war. Ich gehe langsam und unwissend die Treppe hinab. Was ich am Treppenende entdecke, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich schlucke dreimal leer und versuche, gegen die in mir aufsteigende Übelkeit anzukämpfen. Ich drehe mich schnell weg. Keuchend und ächzend starre ich auf die Wand vor mir. Ich sehe scheußlich aussehende Blutspuren von Miss Fox’ Händen an dem weißen Verputz haften. Ich setze mich, meines Kreislaufs wegen, sofort auf den Boden beziehungsweise die Treppe und hoffe, dass sowohl die Übelkeit als auch der schwarze Schleier vor meinen Augen verschwindet. Als ich mich wieder einigermaßen beruhigt habe, stehe ich, so gefasst ich in dieser Situation sein kann, auf. Ich versuche, meine schlabberigen Beine und meine zitternden Hände zu vergessen und konzentriere mich einfach darauf, mich in der äußerst unangenehmen Situation zurechtzufinden. Ich atme dreimal tief ein und wieder aus. Dann drehe ich mich erneut um. Nur eine Sekunde später drehe ich dem Problem wieder den Rücken zu. Vielleicht wird es verschwinden, wenn ich es ignoriere. Nach ca. zehn Minuten des Verharrens reiße ich mich zusammen und gehe mit wackeligen Schritten die Treppe hinab. Ich setze mich neben die Leiche auf den Boden. Ohne mir genauere Gedanken zu machen, beginne ich, zu beten. Ich habe noch niemals zuvor gebetet; nur wenige Menschen hier glauben an Gott, aber sollte es tatsächlich einen Gott geben, ist jetzt bestimmt ein optimaler Zeitpunkt, um zu beten. Nach nur wenigen Sekunden lasse ich es wieder, einerseits, da ich keine Ahnung habe, was ich dem Herrn zu sagen hätte, und andererseits denke ich: «Guter Versuch, Kylaa. Bringt uns jetzt aber auch nicht weiter.» Ich seufze und sehe mir ihr grünes Gesicht an. Ihr Gesicht ist grün, weil sie sich jeden Abend vor dem Zubettgehen eine Gurkenmaske aufgetragen hatte. Ich überlege, ob ich ihre Hand nehmen und sagen soll, dass alles gut wird, aber ich tätschle ihr lieber die Schultern, wir standen uns nie wirklich nah. Doch beim Versuch, auf ihre Schulter zu klopfen, fasse ich ins Leere. Ich drehe verwirrt meinen Kopf und versuche es noch einmal, aber ich kann ihren Körper nicht fühlen. Auch beim dritten Versuch wird es nicht besser.
Ein ekelhaftes Geräusch reißt mich aus meinem Traum. Mein Rücken schmerzt, ich muss mir etwas eingeklemmt haben. Ich drehe mich, immer noch nicht so ganz wach, zu meinem Wecker und schlage einmal fest drauf. Er piepst weiter. Ich setze mich mit dröhnendem Kopf auf und drücke den Knopf. Doch dieses verdammte Ding findet immer noch keine Ruhe. Ich drücke abermals auf den kleinen Knopf und erneut ignoriert mich mein Wecker. Wütend und plötzlich meiner Müdigkeit beraubt packe ich den Wecker und knalle ihn mit vollem Elan gegen die Wand. Da ich noch immer sauer bin, schleudere ich mein Buch ebenfalls noch hinterher. Ein hohes Surren ertönt. Ich werfe mich knurrend zurück in die Kissen. Als ich mich wieder beruhigt habe, nehme ich die Decke von meinem Hocker, wickle den Unruhestifter hinein und stopfe das Ganze zuhinterst in meinen Schrank, um das Surren zu ersticken. Wütend setze ich mich auf mein Bett und nehme mir einen Moment Zeit, um über meinen schrägen Traum nachzudenken. Ich gehe zum Fenster und ziehe die Vorhänge zur Seite, um zu Miss Fox’ Haus zu sehen. Keine Ahnung, was ich erwartet habe. Das kleine Häuschen steht genauso unschuldig da, wie es das die letzten Tage auch getan hat. Ich ziehe die alten Jeans aus dem Kleiderberg, der sich über die Wochen hinweg angesammelt hat, und krame mein Lieblingsshirt hervor. Nachdem ich die Jeans und das Oversized-Shirt mit dem Schullogo unserer Highschool angezogen und einen Blick in den Spiegel geworfen habe, gehe ich benommen die Stufen hinab; bereit, diesen verrückten Tag zu starten.
Kapitel 2
Wie gewohnt komme ich die Treppe herunter. Mein Vater steht in der Küche und bereitet das Frühstück zu. Vater hat ein Café in der Stadt, das Einzige hier. Kochen ist seine wahre Leidenschaft. Ich glaube, es hat nicht einen Tag gegeben, an dem ich ihn ohne Kochschürze gesehen habe, selbst wenn er zu Hause kocht, trägt er immer eine Schürze. Wann immer er in der Küche steht, hat er ein Lächeln im Gesicht. Liza sagt, das Lächeln hätte ich definitiv von ihm. Der ausschlaggebende Unterschied zwischen dem Lächeln meiner Mutter und dem Lächeln meines Vaters ist simpel. Meine Mutter lacht normal, ihre strahlend weißen Zähne kommen zum Vorschein und ihre Mundwinkel zucken nach oben. Mein Vater dagegen lacht mit seiner gesamten Erscheinung. Er lacht aus dem tiefsten Inneren seiner Seele und steckt alle Anwesenden an. Wenn ich Leute anlächle, kann ich mit neunundneunzigprozentiger Sicherheit sagen, dass sie mir auch ein Lächeln schenken werden.
Meine Mutter ist eine bewundernswerte Frau, auch wenn sie schon zwei Kindern das Leben geschenkt hat, sieht sie aus, als ob sie einem Modemagazin entlaufen wäre. Selbst ihr Style ist todschick, sie trägt entweder enge Kleider in exotischen Farben und unterschiedlichem Schnitt oder eine enge Jeans und einen Blazer. Sie ist eine klassische Workaholic. Ihr wurde schon im Kindesalter eine erfolgreiche Karriere versprochen. Sie hat echt viel drauf. Sie ist dieses Jahr zum siebten Mal hintereinander zur schönsten Frau der Stadt gewählt worden; das ist eine Ehre für die gesamte Familie, sagen zumindest alle. Dieser Titel bedeutet sehr viel, sie ist die Bürgermeisterin. Alle großen Aufträge oder Probleme werden von ihr gelöst.
Meine Schwester ist genauso schön wie meine Mutter. Liza ist eines meiner größten Vorbilder. Sie sieht einer Gottheit zum Verwechseln ähnlich, sie ist aber nicht aufmüpfig oder eingebildet. Sie hat das Aussehen von Mutter und das Herz von Vater. Ich habe ganz simpel das Herz unseres Vaters bekommen. Versteht mich nicht falsch, ich finde das großartig, aber wie schon gesagt, das Aussehen spielt hier eine enorme Rolle. Liza ist Schulsprecherin an unserer Schule und sie ist mit Luke, dem beliebtesten, bestaussehenden und auch wohlhabendsten Jungen der Schule zusammen. Ich habe weder einen so guten Posten noch einen Freund. Ich möchte echt nicht unglücklich wirken, aber manchmal wünsche ich mir schon auch jemanden, dem ich blind vertrauen kann; jemanden, der mich immer versteht und mich bedingungslos liebt. Aber meiner beschränkten Erfahrung nach gibt es solche Menschen nicht und ich bezweifle ernsthaft, dass es bedingungslose Liebe gibt. Außerdem ist Liza der verantwortungsbewussteste und pflichtbewussteste Mensch, den ich kenne – sie erledigt alle ihre Aufgaben so, wie man es von ihr verlangt, liefert sie makellos ab und ist dazu auch noch super organisiert. Sie ist das exakte Ebenbild meiner Mutter, was die Arbeit angeht. Seit ich mich erinnern kann, hat sie nicht nur immer einen perfekt ausgeklügelten Plan, sondern auch mindestens einen Back-up-Plan. Eine weitere perfekte Eigenschaft meiner Schwester: Sie bricht nie irgendwelche Regeln. Hat sie noch nie. Ich weiß noch, als wir beide Kinder waren, wies sie mich zurecht, weil ich einem Jungen aus meiner Klasse einen Streich spielen wollte, weil er immerzu meine Freunde genervt hatte.
Seufzend setze ich mich an die Küchenfront und sehe meinem Vater beim Braten der Pancakes zu. Er lächelt mir freundlich zu. Ich drehe mich um, um Liza einen guten Morgen zu wünschen. Doch der Fernseher ist aus und die Couch, auf der Liza sonst immer liegt und Frühstücksfernsehn sieht, ist leer. Jetzt erst fällt mir auf, dass auch Mum nicht hier ist. Mum ist bestimmt noch oben im Bad. Aber wo ist Liza denn?
«Hast du gut geschlafen?», reißt Dad mich aus meinen Gedanken.
«Hm?», ich drehe mich ruckartig wieder zu ihm.
«Wie du geschlafen hast?»
«Aha, ähm», die Frage kommt mir so überraschend wie unpassend vor. «Gut, glaube ich. Das heißt, bis mich der Wecker aus dem Schlaf gerissen hat.» Ich grinse belustigt. «Da fällt mir ein, ich brauche einen neuen Wecker», gestehe ich schuldbewusst.
«Was? Schon wieder? Aber der war doch nigelnagelneu?», fragt er. «Was stellst du bloß mit diesen Dingern an?» Das ist eine berechtigte Frage, im vergangenen Jahr habe ich ganze sieben Wecker verschlissen. Ich reflektiere einige der Vorfälle. An einem Samstag habe ich den Wecker aus dem Fenster direkt in den Pool geschmissen, an einem Montag habe ich einen anderen Wecker am Kabel gehalten und ihn ein paar Mal gegen die Wand geklatscht. «Ich glaube, ich will das gar nicht wissen», Dad verzieht das Gesicht. Wir lachen beide laut los.
«Wo sind Mum und Liza?», frage ich, als wir uns wieder unserer Manieren besinnen.
«Ach, irgendwas ist bei Miss Fox passiert und unsere Bürgermeisterin und unsere Schulsprecherin haben alle Hände voll zu tun. Mum hat heute Morgen noch vor dem Weckruf einen Anruf gekriegt und ist ungeschminkt und bloß im Morgenmantel nach drüben gestürmt. Wahrscheinlich nichts Schlimmes, die gute alte Dame hat bestimmt nur mal wieder vergessen, den Herd auszuschalten.» Diese These ist berechtigt, denn das ist im vergangenen Monat schon zwei Mal geschehen.
«Nein. Das glaube ich nicht», flüstere ich tonlos und besinne mich auf meinen Traum. Just in diesem Augenblick geht die Haustür auf und Mum und Liza kommen herein. Sie sehen aus, als ob sie einen Geist gesehen haben. Ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, geschweige denn einen Mucks von sich zu geben, setzen sie sich gleichzeitig hin. Ich betrachte die bleichen Gesichter und die starren Blicke und mir wird sofort klar, dass mein Traum nicht bloß ein Traum war. Ich schlucke. Sofort eile ich zu Liza und nehme sie in den Arm. Einzelne Tränen rollen ihr übers Gesicht. Mum vergräbt ihr zartes Gesicht in den Händen. Ich weiß nicht, wie lange ich so dasitze und Liza schützend an mich drücke. Doch endlich, endlich, endlich spricht Dad die Worte aus, auf die ich, um ehrlich zu sein, schon die ganze Zeit gewartet habe:
«Was ist geschehen?», seine Stimme klingt geschockt und zitterig.
«Miss Fox ist tot. Sie muss nachts Besuch bekommen haben. Es gab einen Kampf und der Täter hat sie des Lebens beraubt. Die Spuren sind im ganzen Haus zu sehen.» Bei diesen Worten schluchzt Liza so sehr, dass ihr gesamter Körper von dem Ruck geschüttelt wird.
Oma kommt hinein. Seit einigen Monaten wohnt sie auch bei uns. Sie ist die weiseste Frau, die ich kenne. Sie kann Geschichten erzählen, wie es sonst keiner kann. Sie hat schneeweißes schulterlanges Haar und immer ein Lachen im Gesicht. Sie ist die Mutter meines Vaters. Er hat sein Lachen definitiv von ihr. Zu meiner Überraschung sieht sie überhaupt nicht erstaunt oder gar verwundert aus. Sie weiß, was geschehen ist. Manchmal – sehr oft – wenn ich ihr etwas erzähle, fühlt es sich so an, als ob sie es bereits wüsste. Es fühlt sich so an, als ob sie direkt durch meine Augen in meinen Kopf sehen könnte. Eins ist klar, keiner weiß so viel über Menschen, wie sie es tut. Sollte es so etwas wie Seelenverwandte geben, sind wir es sicher. Sie ist wie auch ich der Meinung, dass Regeln nur ein krampfhafter Versuch sind, die Kontrolle zu behalten, Musik die Stimme der Seele ist, Liebe eine Lüge der Bücher und des Fernsehers ist und die Kreativität aus den Köpfen der Menschen vertrieben wurde. Eigentlich machen die meisten Menschen so gut wie alles in ihrem Leben aus Verzweiflung.
«Okay, wir müssen etwas unternehmen. Liza, sobald du mit dem Frühstück fertig bist, wirst du verkünden, dass das Spiel heute Nachmittag regulär stattfinden wird. Ich werde ins Büro gehen und alle weiteren Schritte einleiten. Und du gehst in dein Café und alles wird wie gewohnt weitergehen. Wir werden keine Unruhe oder gar Panik dulden», erläutert Mum.
Keine halbe Stunde später sitzen Liza und ich vor dem Fernseher und sehen unsere geliebte Mutter, wie sie klar und deutlich erklärt, was geschehen ist und wie nun vorgegangen wird. «Wie ihr wohl alle wisst, ist heute Morgen etwas passiert, das wir nie für möglich gehalten hätten. Miss Fox ist tot in ihrem Haus aufgefunden worden. Es ist und bleibt vorerst unklar, ob dies ein Unfall oder eine beabsichtigte Tat war. Daher bitten wir jeden von euch, jetzt nicht in Panik zu geraten, auch wenn wir allen Grund dazu hätten. Unser Alltag soll wie gewohnt weitergehen.» Liza sieht wie gebannt auf den Bildschirm.
«Es waren blutverschmierte Handabdrücke an der Wand», murmelt Liza wie in Trance. Ihr Schock sitzt tief, soviel ist mir bewusst. Ich nehme sie schnell in den Arm.
«Ich weiß», sage ich leise.
«Eines weiß ich bestimmt. Es war ein schrecklicher und äußerst qualvoller Tod», flüstert sie. Abermals erinnere ich mich an meinen Traum und es läuft mir bei der Vorstellung kalt den Rücken hinab.
«Liza, ich muss ein Geständnis ablegen», sage ich so leise, dass nur sie es hören kann. Überraschenderweise stellt sich in dem Moment heraus, dass man diese Worte wohl eher nicht aussprechen sollte, unmittelbar nachdem ein Mensch ermordet wurde.
«Was?» Lizas Stimme ist so hoch, dass ich fast kichern muss. «Hast du etwa …?», sie beendet den begonnenen Satz nicht.
«Nein. Nicht das!», antworte ich, geschockt, dass sie mir so etwas zutrauen würde. «Komm», flüstere ich und neige den Kopf zur Treppe. Wir stehen auf und gehen unauffällig zum Treppenende. «Du solltest dich vielleicht hinsetzen», sage ich und verziehe das Gesicht. Kaum sitzen wir beginne ich: «Letzte Nacht hatte ich einen ehrlich merkwürdigen Traum. Ich war in Miss Fox’ Haus. Als es geschah.» Ich schäme mich unglaublich dafür und weiß nicht einmal, weshalb.
«Hast du es gesehen?»
«Nein, also zumindest nicht direkt», sage ich und mache ein verdrießliches Gesicht. «Er hat sie die Treppe hinabgestoßen. Das Einzige, was ich mitbekam, war der Knall, der bei ihrem Aufprall entstanden ist.»
«Warte! Er? Also war es Mord. Heißt das, du hast den Mörder gesehen?»
«Nein, ich habe nur seine Lackschuhe gesehen. Definitiv Männerschuhe.»
«Ach verdammt, das wäre aber auch zu einfach gewesen.»
«Danke», flüstere ich.
«Wofür denn?»
«Für dein Vertrauen.»
Kapitel 3
Zusammen mit Liza, Luke und meinen beiden besten Freunden Josephin und Harry mache ich mich auf den Weg zum Sportfeld, wo ein Footballspiel gespielt wird. Luke hat schützend einen Arm um Liza gelegt. Mit seiner Footballausrüstung nimmt er fast doppelt so viel Platz ein wie sonst. Auch wenn es mich etwas verletzt, aber seit Luke bei ihr ist, geht es Liza sichtlich besser.
Ich werfe einen Blick zu Josephin, jeder nennt sie Jo, außer vielleicht ihre Eltern. Sie lacht ausgelassen über einen Witz, den Harry gemacht hat, auch wenn er wie gewohnt nicht einmal lustig war. Jo hat halblanges rötliches Haar und eine außergewöhnlich blasse Haut. Sie trägt wie immer schwarze Stiefel mit einem breiten Absatz. Ihre enganliegende Jeans hat sie mit einem weißen T-Shirt und einer Lederjacke kombiniert. Sie ist die jüngere Schwester von Luke und meine allerbeste Freundin. Man würde nie glauben, dass sie mit Luke verwandt ist, wenn man es nicht besser wüsste. Sie verkörpert das genaue Gegenteil von Luke. Sie hat rötliche Locken – er hat dunkelbraunes und glattes Haar. Sie hat blasse Haut – er sieht aus, als ob er in seinem Leben noch nie im Schatten gewesen wäre. Sie hat hellgrüne Augen – er hat dunkelbraune. Von den Äußerlichkeiten her kann man sich nichts Surrealeres vorstellen, als dass jemand wie Luke mit jemandem wie Jo verwandt sein könnte. Aber wenn man die beiden kennt, merkt man, dass es auf dieser Welt wohl kaum Geschwister gibt, die einander mehr ähneln könnten, als sie es tun. Sie haben dasselbe Lieblingsessen, dasselbe Hobby, denselben Geschmack und empfinden die wohl größte Geschwisterliebe füreinander, die man sich nur vorstellen kann. Ich habe Jo in der Grundschule kennengelernt. Sie musste zum Rektor, weil sie einen Jungen mit einem Stock geschlagen hatte. Er hatte zu ihr gesagt, dass ihre Haare hässlich seien. Ich begleitete damals Liza zur Schulleitung, keine Ahnung mehr, was sie da gewollt hatte. Jedenfalls saß ich da und wartete darauf, dass Liza endlich wieder rauskam, und Jo wartete darauf, dass der Rektor sie in sein Büro rief. Ich betrachtete den Stock, den sie noch immer bei sich hatte, und sagte ihr dann, dass ich es sehr mutig von ihr finden würde, dass sie sich gewehrt habe. Wir wurden sofort beste Freundinnen. Von diesem Moment an waren wir immer zusammen unterwegs. Ich bin sehr froh, dass ich sie zur Freundin habe. Sie ist die Art von Mädchen, die man nicht schikaniert, da man Angst davor hat, was sie einem danach antun würde. Zu Jos Glück war sie, obwohl sie so eine Draufgängerin ist, noch nie in ernsthaften Schwierigkeiten. Ihre Eltern sind enorm wohlhabend und arbeiten beide für meine Mutter, und da niemand Probleme mit den mächtigsten Menschen haben will, haben meistens nicht einmal Jos Eltern etwas von ihren Taten mitbekommen. Ohne Jo wäre ich wahrscheinlich nicht einmal halb so schlagfertig, wie ich es heute bin. Jo hat ein Selbstbewusstsein, für das wahrscheinlich sämtliche junge Frauen über Leichen gehen würden. Sie ist auffallend hübsch und weiß es genau.
Harry hingegen sieht einem gerupften Vogel verblüffend ähnlich. Seine braunen strähnigen Haare hängen ihm unregelmäßig ins Gesicht. Seine ebenfalls blasse Haut betont seine roten Augenringe, die aus irgendeinem Grund stets präsent sind, egal, wie früh er zu Bett geht. Er trägt eine viel zu große Jeans und ein T-Shirt, das ein Foto von Liza, Luke, Jo, Harry und mir zeigt. Ein T-Shirt mit einem Foto seiner Freunde darauf zu tragen, ist so etwa das Entwürdigenste, was man tun kann. Aber er hat das Herz an der richtigen Stelle; auch wenn das abgesehen von uns keiner mitbekommt. Seine Familie ist auch wohlhabend. Wie das mit diesem Aussehen, das in der Familie verbreitet ist, geht, ist allen hier schleierhaft. Seine Witze sind nie lustig, wirklich nie. Aber er ist intelligent und supergut in der Schule, man könnte sagen, dass er so was wie hochbegabt ist. Auch ihn lernten Jo und ich im Wartezimmer vor dem Büro des Rektors kennen. Er war neu in unserer Klasse, da er eine Klasse übersprungen hatte, und die anderen Jungs haben ihn stets provoziert. Jo und ich spielten ihnen nach dem Sportunterricht einen kleinen Streich (wir legten faule Eier in ihre Schuhe), der leider aufgeflogen ist, da die Sportlehrerin uns erwischte, als wir die Jungengarderobe verließen. Harry musste zum Rektor, da die anderen Jungs behaupteten, er habe die Eier in ihre Schuhe getan. Wir mussten zum Rektor, da die Sportlehrerin dachte, dass wir den Jungs beim Duschen zugesehen hätten. Beides war falsch, aber wir hatten eine ganze Menge Spaß, während wir als Strafe den Pausenplatz aufräumten und Laub vom Spielfeld rechen mussten. Aber auch hier wusste niemand zu Hause von unseren Streichen. Von diesem Zeitpunkt an war Harry in unserem Team. Jeder, der sich traute, Harry auch nur schräg anzusehen, tat es gerade ein Mal. Auch wenn Harry der uncoolste Junge der Schule ist, haben wir immer zu ihm gehalten. Viele wissen nicht, dass Harry der liebenswürdigste Mensch auf Erden ist. Jeden Morgen bringt er drei Pausenbrote mit, eines für Jo, eines für sich selbst und eines für mich, jedes Wochenende vor einer Prüfung erklärt er uns noch einmal ausführlich den Unterrichtsstoff, und wenn jemand von uns Geburtstag hat, backt er einen Kuchen für uns. Harry glaubt fest daran, dass man sich die Liebe anderer Menschen verdienen muss.
Vor dem Stadion verabschiedet Luke sich von uns und knufft Jo in die Schulter. Ich rufe ihm «Viel Glück!» zu. Ohne zu zögern, renne ich, Jo hinter mir herziehend, auf den Haupteingang zu. Jo stolpert und reißt mich zu Boden, lachend prallen wir auf dem weichen saftigen Gras auf. Ich rolle mich auf den Rücken und lache los. Liza sieht uns kopfschüttelnd zu.
«Wir müssen uns beeilen. Das Spiel beginnt», mahnt Liza. Wir betreten das Stadion und mein Herz beginnt sofort, schneller zu schlagen. Diese ganze Energie nur wegen eines Sportanlasses. Musik ertönt aus den riesigen Lautsprecherboxen, die an jeder Ecke angebracht sind, kreischende und jubelnde Fans, Menschen mit unheimlicher Fanbekleidung, die Aufregung, die einem gleich nach dem Betreten des Stadions packt und diese nie enden wollende Stimmung – die es nur hier gibt. Liza weist uns zu unseren Plätzen. Sie ist Cheerleaderin und kennt das Stadion wie ihre Manteltasche. Geschickt führt sie uns durch die Menschenmenge und wählt gekonnt den kürzesten Weg.
An unserer Schule gibt es zwei Sportteams. Es gibt das Kap-Team, sie nennen sich so, weil ihr Stadion dem Nordkap am nächsten liegt, und es gibt das Seaside-Team, das nah an unserem beliebtesten Badestrand liegt. Luke und Liza sind, so wie alle meine Freunde, für das Seaside-Team. Liza zeigt auf vier nebeneinanderliegende Plätze. «Nach dem Auftritt der Cheerleader komme ich sofort hierher. Bis ich wieder da bin, verlässt keiner von euch die Plätze», sagt sie, wie jedes Mal, wenn wir bei einem Spiel sind. Wir hocken uns artig und unschuldig auf die mit Kissen ausgelegten Holzbänke. Das gesamte Stadion ist aus Holz, was dazu führt, dass jedes Mal, wenn etwas Spezielles auf dem Feld passiert und die Zuschauer toben, das ganz Stadion zittert und bebt. Das Faszinierende an solchen Anlässen hier ist, dass wir das wie ein Festtag handhaben; alle Einwohner sind hier. Oft fallen die letzten Schulstunden aus und die Spieler werden verehrt und gefeiert. In diesem Durcheinandergewusel kann es schon mal passieren, dass man sich verliert. Damit das nie passieren wird, gibt es ein paar Regeln, an die ich mich als die jüngere Schwester zu halten habe. Aber natürlich ist das nicht mein erstes Spiel. Seit Harry, Jo und ich hier sein dürfen, haben wir uns Strategien zurechtgelegt, wie wir zum Beispiel Getränke holen können. Es wird immer abgewechselt, einmal geht Harry Getränke holen, einmal Jo und dann wieder ich. Wir sind mittlerweile schon ein 1-A-Team. Heute bin ich an der Reihe.
«Also, was darfs denn sein?», frage ich belustigt in die kleine Runde.
«Das Übliche», antworten Jo und Harry im Chor.
«Perfekt, bis später», rufe ich über die Schulter, während ich mich schon zum Gehen abwende. Ich jogge mit Leichtigkeit die hölzernen Stufen hinauf, bis ich oben auf den Tribünenplätzen ankomme. Ich drehe mich um und werfe einen Blick auf die Uhr. Das Spiel beginnt in weniger als zehn Minuten. Ich muss mich also beeilen. Ich gehe immer auf den obersten Plätzen. Da habe ich einige Vorteile; zum einen erkennt man mich nur schlecht, zum anderen sind hier viel weniger Menschen und ich kann sprinten. So gewinne ich Zeit. Ich renne immerzu, damit ich rechtzeitig zum Spielbeginn wieder auf meinem Platz bin. Jemand schreit hinter mir auf. Ich drehe während des Rennens meinen Kopf nach hinten, um zu sehen, was passiert ist. Ich kann nichts erkennen. Plötzlich renne ich gegen etwas Hartes. Ich pralle zurück und knalle hart auf dem Boden auf. Die Luft wird aus meinen Lungen gequetscht und ich ringe hustend nach Luft. Erst als mir meine verfluchte Lunge das Atmen wieder gewährt, verspüre ich einen großflächigen Schmerz an meinem Hinterkopf. Schwer atmend setze ich mich vorsichtig auf. Im nächsten Moment realisiere ich, dass ich gar nicht in einen der Stützpfeiler gerannt bin, sondern gegen einen Jungen. Seine Augen sind weit aufgerissen und er starrt mich erschrocken an.
«Was ist denn mit dir falsch?», fragt er entrüstet und setzt seine Kopfhörer ab.
«Mir geht’s gut. Danke der Nachfrage», blaffe ich zurück und stehe verärgert auf. «Wenn man eine Lady schon über den Haufen rennt, könnte man wenigstens um Verzeihung bitten», schnauze ich weiter.
«Wie bitte? Du bist ja in mich hineingerannt!», behauptet er steif und fest. Er macht einen bedrohlichen Schritt auf mich zu.
«Und warum genau sollte ich das tun?», frage ich keck und mache ebenfalls einen Schritt auf ihn zu.
«Wie dem auch sei. Könnte die Lady sich nun bequemen, Ihre werte Person aus meinem bescheidenen Weg zu befördern? Herzlichen Dank», erwidert er genervt.
Ohne zu zögern, gehe ich an ihm vorbei, ohne mein dringendes Verlangen, ihn heftig anzurempeln, zu unterdrücken. Ich setze meinen Weg fort, wenn auch mit doppelt so schnell klopfendem Herzen. Nur noch die Treppe hinab und dann bin ich da. Ich sprinte die menschenleere Treppe hinab und biege die Kurve schneidend um die Ecke. Als ich ohne Atem bei dem kleinen Kiosk ankomme, erkenne ich ihn wieder. Wie kann der bitte so schnell sein?
«Du bist wohl gekommen, um dich doch noch bei mir zu entschuldigen», sagt der Junge von vorhin.
«Eine Cherry Cola, eine normale Cola und eine Fanta», gebe ich kühl die Bestellung auf und übergehe so seinen Kommentar. Er reicht mir die drei Getränke und ich gehe wieder, ohne ein Wort zu sagen.
