The Spirit Bares Its Teeth - Andrew Joseph White - E-Book

The Spirit Bares Its Teeth E-Book

Andrew Joseph White

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Beschreibung

London, 1883. Der sechzehnjährige Silas Bell ist trans und würde sich lieber seine violetten Augen ausreißen, als eine gehorsame Speaker-Ehefrau zu werden. Doch es spielt keine Rolle, dass er ein Junge ist und nicht das Mädchen, das die Welt unbedingt in ihm sehen will. Nach einem gescheiterten Versuch, einer arrangierten Ehe zu entkommen, wird bei Silas die Schleierkrankheit diagnostiziert – eine mysteriöse Krankheit, die violettäugige Frauen in den Wahnsinn treibt – und er wird in das Braxton-Sanatorium verfrachtet. Als die Geister vermisster Schüler Silas um Hilfe bitten, beschließt er, in Braxtons Inneres vorzudringen und der Welt dessen Eingeweide zu zeigen – vorausgesetzt, die Schule wird ihn nicht vorher zerstören.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für die Kids mit offenen Wunden,die sie noch lernen müssen zu nähen

– A.J.W.

INHALT

EIN BRIEF DES AUTORS

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

EIN JAHR SPÄTER

ANMERKUNGEN ZUR GESCHICHTLICHEN KORREKTHEIT UND DER DARSTELLUNG MEDIZINISCHER EXPERIMENTE

DANKSAGUNGEN

EIN BRIEF DES AUTORS

Es gehört zu den grausamsten Ungerechtigkeiten, dass Überleben manchmal wehtut. Eine Operation am offenen Herzen zum Beispiel sieht einem Mord erschreckend ähnlich. Vor der Erfindung richtiger Betäubungsmittel brauchte man für eine Amputation nur eine Knochensäge und einen Lappen zum Draufbeißen. In diesem Sinne möchte ich klarstellen: In The Spirit Bares Its Teeth kommen Transphobie, Ableismus, explizite Gewalt, sexuelle Übergriffe, Gespräche über erzwungene Schwangerschaften und Fehlgeburten vor, werden Selbstmordgedanken erwähnt und reichlich medizinische Bluttaten begangen.

Aber ich möchte auch klarstellen, dass dieses Buch kein notwendiger Eingriff ist. Ihr müsst es nicht ertragen. Ihr könnt jederzeit vom OP-Tisch springen und weggehen. Ich werde es euch nicht übel nehmen.

Alle, die noch dabei sind – habt ihr einen Lappen zum Draufbeißen? –, möchte ich auf einige Punkte des Inhalts hinweisen. Abgesehen von den Geistern und Medien und der alternativen Geschichtsschreibung ist The Spirit Bares Its Teeth inspiriert von der widerlichen Geschichte des viktorianischen Englands, bestimmte Menschen als »krank« oder »anders« zu brandmarken, nur um die Grausamkeiten zu rechtfertigen, die man ihnen angetan hat. Androhungen von Gewalt sorgten für strikte soziale Normen und zielten oft auf Frauen, Queere und Behinderte und andere Randgruppen ab. Am Ende des Buches habe ich eine weitere Anmerkung zu diesen realen Gräueln angehängt, die auch einige umfasst, die in diesem Buch keine Erwähnung finden. Die wahre Geschichte ist oft sehr viel schwerer zu verkraften, als es ein Horrorroman darstellen könnte.

Wenn schon sonst nichts, hoffe ich also, dass diese Geschichte eine Bedeutung für euch hat. Ich hoffe, das Skalpell ist gnädig mit euch. Ich hoffe, die Nähte verheilen gut. Das habt ihr euch verdient. Das haben wir alle.

Euer Andrew

Mors vincit omnia

Der Tod besiegt alles

Wenigstens besaßen die Ärzte den Anstand mich zu töten bevor sie mich aufschnitten. Wenigstens töteten sie mich schnell. Schon komisch aber wenn man ausblutet fühlt es sich gar nicht an als würde man sterben. Man wird einfach müde und immer müder und dann ist man tot.

Als ich tot war sah ich zu wie sie mich aufschnitten. Sie nahmen meine Augen heraus und schnitten sie in papierdünne Scheiben. Sie rasierten mir den Kopf und öffneten meinen Schädel um an mein Gehirn zu gelangen. Sie trugen Masken um ihr Gesicht zu verbergen und hielten mich in diesem dunklen Raum gefangen damit ich mit meinem Zorn nicht die Welt verzehre. Denn sie wissen wie wütend tote Mädchen sein können.

Als die Ärzte mit meinen Augen und meinem Gehirn fertig waren wandten sie sich dem Rest von mir zu. Meinem Haar meinen Zähnen meiner Haut meiner Zunge. Nicht um sie zu studieren sondern aus Wut. Um mich zu bestrafen weil ich sie enttäuscht hatte. Sie bearbeiteten meine Rippen mit einer Säge als ich unter ihren Händen nicht zusammenbrechen wollte. Sie sagten mein Name sei FRANCES FRANCES FRANCES. Ich bin eine Geisterpräsenz ich bin ein Poltergeist ich sitze schreiend hier fest.

Wonach haben sie gesucht? Haben sie es gefunden?

Hört ihr mir denn zu?

Zuletzt habe ich vor sechs Monaten mit meinem Bruder gesprochen. Ich erinnere mich noch genau an das Datum: 22. April 1883. Wie könnte ich nicht? Es hat sich mir eingebrannt wie eine kauterisierte Wunde, eine ausgebrannte Arterie, damit ich nicht ausblute.

Es war seine Hochzeit und ich stand am Rande der Hysterie.

Ich wollte nicht mit Absicht Schwierigkeiten machen. Wirklich nicht, ich schwöre! Das wollte ich nie, ganz gleich was Mutter und Vater sagen. Ich hatte sogar versprochen, dass es ein guter Tag würde. Ich würde wegen des zu engen Korsetts keinen Anfall bekommen, ich würde nicht mit dem Fuß wippen, ich würde nicht zappeln und ich würde ganz sicher nicht unter den hohen Tönen der Kirchenorgel zusammenzucken. Ich würde so perfekt sein, dass meine Eltern keinen Grund hätten, mich auch nur anzusehen.

Und warum hätte es auch kein guter Tag werden sollen? Es war die Hochzeit meines Bruders. Er war gerade nach London zurückgekehrt, nachdem er ein paar Monate lang in Bristol Chirurgie unterrichtet hatte, und ich wollte mich nur an seinen Arm hängen und über die Artikel in der letzten Ausgabe des Edinburgh Medical Journal reden. Er würde mir von seiner neuesten Forschungsarbeit erzählen und dem Widerlichsten, was er gesehen hatte, nachdem er jemand aufgeschnitten hatte. Er würde mich abfragen, während er vor der Zeremonie seine Haare frisierte. »Benenne alle Knochen der Hand«, würde er sagen. »Du hast doch Anatomie gepaukt, oder?«

Es würde ein guter Tag werden. Ich hatte es versprochen.

Aber in der Sicherheit meines Zimmers, solange der Tag noch nicht begonnen hatte, war es leicht, dieses Versprechen zu geben. Ganz anders sah es aus, als ich St. Johns betrat, nachdem Mutter und Vater mich auf der Kutschfahrt informiert hatten, dass ich im neuen Jahr heiraten würde.

»Es ist höchste Zeit«, sagte Mutter und drückte meine Hand – wobei sie zu viel Druck auf die Metakarpalknochen und die Grundphalanx ausübte. »Sechzehn ist das perfekte Alter für ein so hübsches Mädchen wie dich.«

Was sie damit meinte, war: »Für ein Mädchen mit Augen wie deinen.« Und außerdem stimmte das nicht. Das gesetzliche Heiratsalter lag, und liegt nach wie vor, bei einundzwanzig, aber Englands Gesetze und die Kirche haben die Speaker noch nie davon abgehalten, sich zu nehmen, was sie wollten. Und was sie wollten, war eindeutig ich.

Es war, als hätte sich die Zeremonie in ein tödliches Allergen verwandelt. Während Vater zwischen den Kirchenbänken mit einem Kollegen sprach und Mutter die Kleider ihrer Freundinnen bewunderte, grub ich mir die Finger in den Hals, um sicherzugehen, dass meine Luftröhre nicht geschwollen war. Der Organist beugte sich über die Tasten und spielte einen einzelnen Ton, der mein Trommelfell wie ein Nadelstich traf. Zu viele Leute redeten durcheinander. Zu laut, zu voll, zu warm. Der Absatz meines Schuhs hämmerte in einem nervösen Stakkato auf den Boden. Tapp, tapp, tapp, tapp.

Vater packte meinen Arm und senkte die Stimme. »Lass das. Was du da mit deinem Fuß machst, lass das.«

Ich erstarrte. »Entschuldige.«

An einem guten Tag konnte ich Großereignisse wie dieses verkraften. Feiern, Feste, vornehme Abendessen. Manchmal überzeugte ich mich sogar selbst, dass ich sie mochte, solange George da war, um mich zu beschützen. Allerdings nur, weil eine Legion teurer Hauslehrer mich darauf gedrillt hatte. Sie hatten ein seltsames, wildes Kind in eine gefügige Tochter geformt, die mit sittsam geschlossenen Beinen saß und nie ungebeten sprach. Also ja, wäre es ein guter Tag gewesen, hätte ich das vielleicht überstehen können. Aber gute Tage schienen mit einem Mal ein Ding der Unmöglichkeit.

In der Menge stahl ich mich davon.

Manchmal stelle ich mir vor, dass meine Angst ein kleines Kaninchen in meiner Brust ist. Es ist die Art Kaninchen, an der die Fakultät meines Bruders ihre Techniken übt, mit grauem Fell und dunklen Augen, und es versteckt sich unter meinem Brustbein, direkt neben meinem Herzen.

Mutter und Vater werden dir das antun, erinnerte es mich. Ich drückte mir die Hand auf die Brust, während ich vergeblich die Kirchenbänke absuchte. Das Kirchenschiff war lang, mit Buntglasfenstern, die sich wie durchscheinende Membranen in die Höhe erstreckten. Und wenn sie es tun, wirst du dich selbst aufschneiden. Du wirst deine Eingeweide herausnehmen. Du hast es versprochen.

Ich trat ins Vestibül hinaus und nach all der Zeit fand ich ihn endlich. Meinen Bruder mit seinen Trauzeugen, Freunden von der Universität, die ich nie kennengelernt hatte. Er trank heimlich aus einem Taschenflakon. Schwang die Arme, um den Blutfluss in seinen Fingern anzuregen. Bristol hatte ihn verändert. Oder vielleicht war er nur erwachsen geworden, während ich nicht dabei gewesen war, und es wäre besser, wenn ich sein Inneres nach außen stülpen und ihn so zusammennähen würde, damit ich nicht länger zusehen müsste, wie er alterte. Nun, da er zurück war, würde er zumindest in den örtlichen Krankenhäusern und umliegenden Dörfern arbeiten und wäre damit nicht mehr so weit entfernt. Nicht länger da draußen an der fernen Küste.

Kaum laut genug, um gehört zu werden, sagte ich: »George?«

Mein Bruder begegnete meinem Blick und seine ersten Worte seit Monaten waren: »Dieses Kleid hast du ausgewählt?«

Richtig. Ich hatte mich so sehr bemüht, zu vergessen, was ich trug. Das Korsett war so gefertigt, dass es die Kurven betonte, und das Kleid war geschmacklos, mit einer gewaltigen Turnüre, wie sie der aktuellen Mode entsprach. Oder zumindest Mutters Vorstellung von Mode. Ich hatte in Georges Aufzeichnungen Diagramme davon gesehen, wie eng geschnürte Korsetts die Knochen und inneren Organe deformieren konnten, und sie auswendig gelernt, bis ich sie mit Kohle gleich hier auf den Kirchenboden hätte zeichnen können.

»Das war Mutters Idee«, erwiderte ich nur und widerstand dem Drang, an einem Niednagel zu kauen. »Kann ich mit dir sprechen? Nur ganz kurz?«

George schenkte seinen Trauzeugen ein Grinsen. »Entschuldigt, Jungs. Meine Schwester ist wichtiger als ihr Halunken.«

Er löste sich aus der Gruppe, obwohl seine Freunde grölten und ihm die Ellbogen in die Rippen stießen – dann führte er mich in eine ruhige Ecke hinten im Altarraum. Weg von den Leuten und dem Lärm.

Ohne Vater, der mich tadelte, konnte ich nicht aufhören zu zappeln. Ich rang die Hände nervös vor meinem Bauch und biss mir auf die Wange, bis ich Blut schmeckte.

Wie lächerlich, dass du je dachtest, du könntest dem entkommen, stichelte das Kaninchen.

George erregte meine Aufmerksamkeit, indem er mit der Hand vor meinem Gesicht wedelte. »Ein«, sagte er. Mit Mühe folgte ich seinen Anweisungen und atmete ein. »Aus.« Ich atmete aus. »Na bitte. Alles gut. Ich bin ja hier.«

Schon als du mit einer Gebärmutter geboren wurdest, warst du angeschissen.

Ich konnte es nicht mehr ertragen. Die Maske, die ich aufgebaut hatte, um die perfekte Tochter zu sein, bekam Sprünge. Die Nähte rissen auf. Ich fing an zu weinen.

»Oh, Silas«, sagte George. Mein Name. Mein echter Name. Es war so lange her, seit mich zuletzt jemand bei meinem richtigen Namen genannt hatte. Ich schlug mir die Hand vor den Mund, um ein peinliches Schluchzen zu unterdrücken. »Sprich mit mir«, forderte George. »Sag mir, was los ist.«

Ich hatte nicht vor, das bei seiner Hochzeit zu tun. Es war keine Absicht. Wirklich nicht, ich schwöre!

»Ich muss aus diesem Haus raus«, platzte ich heraus. »Es passiert. Bald schon.« Ich begann, mich vor- und zurückzuwiegen. George legte mir eine Hand auf die Schulter, um mich still zu halten, doch ich schüttelte ihn ab. Ich musste mich bewegen. Ich würde schreien, wenn ich mich nicht bewegen könnte. »Nein! Nicht. Bitte nicht. Ich … Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.«

»Silas«, mahnte George.

»Wenn ich von ihnen wegkomme, könnte ich mir ein wenig mehr Zeit verschaffen.« Aber konnte ich das wirklich? Oder war ich nur verzweifelt? »Lass mich nicht mit ihnen allein, bitte …«

»Silas!«

Ich zwang mich, ihn anzusehen. Meine Brust schnürte sich zusammen. »Was?«

Da lehnte sich einer der Trauzeugen aus den Kirchenbänken und rief: »Die Braut ist da!«

»Mist!«, fluchte George. »Jetzt schon?«

»Warte.« Ich klammerte mich an seinen Ärmel. Nein, er durfte jetzt nicht weggehen, bitte nicht. »George, bitte.«

Doch er wich zurück und löste meine Hand von seinem Arm. Wenn ich jetzt, Monate später, an diesen Augenblick zurückdenke, erinnere ich mich an seine schmerzerfüllte Miene und das besorgte Stirnrunzeln, aber ich weiß nicht, ob sie wirklich da waren. Ich bin nicht vollkommen überzeugt, dass ich sie nicht in den darauffolgenden Wochen hinzugedichtet habe.

»Wir reden später darüber«, sagte George. »In Ordnung? Setz dich, bevor dich noch jemand suchen kommt.« Galle stieg in meiner Kehle auf und drohte sich auf meine Zunge zu ergießen. »Nach der Trauung. Ich schwöre es!«

Er ging davon.

Ich starrte ihm nach. Nach wie vor zitternd. Nach wie vor um Luft ringend.

Was sonst hätte ich tun sollen als das, was mir gesagt wurde? Ich hatte nie etwas anderes gelernt.

Ich wischte mir die Augen trocken und ging zu meinem Platz bei unseren Eltern. Mutter lächelte und hielt mich an der Schulter fest, wie Chirurgen es taten, bevor es Betäubungsmittel gab. »Wie geht es George?«, fragte sie mich und ich antwortete: »Gut.« Der Organist schlug ein getragenes, angenehmes Lied an und das Buntglas verwandelte die Sonnenstrahlen in Regenbögen. George stand vor dem Altar. Er sah mir in die Augen und warf mir ein Lächeln zu. Ich erwiderte es. Unsicher.

Die Braut, die am Arm ihres Vaters hereinschritt, war groß und hatte honigfarbenes Haar. Sie war nicht die schönste Frau im Empire, doch das musste sie auch nicht sein. Sie strahlte eine solche Güte aus, dass es schien, als wäre sie aus purem Gold.

Aber.

Sie hatte violette Augen.

Und einen silbernen Speaker-Ring am kleinen Finger.

Bald wirst du das sein, sagte das Kaninchen.

Als ich jünger war – zehn, denke ich, vielleicht elf –, träumte ich davon, meine Augen zu amputieren. Es kam mir so einfach vor. Nur den Daumen in die Höhle stecken, hinter den Augapfel schieben und ihn herausdrücken, plopp, wie den Korken einer Weinflasche. Ohne sie, so meine Überlegungen, würde die Royal Speaker Society mich in Ruhe lassen. Sie kamen jeden Sonntag, um den Tee meiner Mutter zu trinken, mit Vater über Geister und Geisterwirken und geschäftliche Unternehmungen in Indien zu sprechen und zu berechnen, wie wahrscheinlich es war, dass ihre Kinder violette Augen hätten, wenn sie diese mit mir zeugen würden. »Du hast noch nie mit einem Geist gespielt, oder?«, sagte einmal ein Speaker und zupfte an meinem Ärmel. »Weil du weißt, was mit kleinen Mädchen geschieht, die mit Geistern spielen.«

Und es hat nie aufgehört. Es ist nur schlimmer geworden, lauter und lauter, während sich meine Brust und Hüften entwickelten. Nun küssen sie mir die Hand und fahren mir durch die Haare. Sie fragen, ob ich mit Jungen zusammen war, und bieten gottlose Summen, um mich zu ehelichen.

»Ist es Flieder, Erika oder Mauve?«, fragen sie meine Mutter, während sie meinen Kiefer packen, um meinen Kopf still zu halten. Manchmal stecken sie mir ihren silbernen Speaker-Ring an, nur um zu sehen, wie er eines Tages an mir aussehen würde. »Oh, Mrs. Bell, wann werden Sie sie heiraten lassen?«

Und Mutter lächelt nur. »Bald.«

Diese kindliche Fantasie hatte ich schon sehr bald abgelegt. Die Augen waren ein Symptom, nicht die Krankheit. Wenn ich auf eine Operation zurückgreifen wollte, musste ich das Problem an der Wurzel anpacken: eine Hysterektomie, eine vollständige Entfernung der Gebärmutter. Solange meine Fähigkeit, eine Blutlinie fortzuführen, nicht zerstört ist, ist es diesen Männern egal, wie viele Teile ich mir abhacke – was jedoch nicht heißt, dass ich nicht einem geschlachteten Schwein die Augen herausgenommen hätte, nur um zu sehen, wie es sich anfühlt.

Georges Frau hatte violette Augen wie ich.

Er tat einem Mädchen all das an, was mir angetan werden würde.

Ich stand von der Bank auf. Mutter zischte und griff nach mir, doch ich stolperte auf den Gang, die Hand vor den Mund geschlagen. Ich stürmte aus der Tür und brach auf der Treppe zusammen.

Ein-, zweimal würgte ich Magensäure hervor, ehe ich mich richtig übergab.

Vater folgte mir hinaus und zerrte mich auf die Beine. »Was machst du denn?«, fauchte er. »Was stimmt nicht mit dir?«

Es wird wehtun, sagte das Kaninchen. Es wird wehtun, es wird wehtun, es wird wehtun.

Seither kann George mir nicht mehr ins Gesicht sehen.

Er weiß, was er getan hat.

Der November bricht über England herein, dunkel und unnachgiebig wie die Schwindsucht, und ich bin äußerst dankbar dafür. Schließlich ist es im Winter leichter, ein Junge zu sein.

Ich hadere vor dem Schminkspiegel, während die Glut im Kamin meines Zimmers verglimmt. Glücklicherweise entsprechen in den späteren Monaten des Jahres dunklere Farben mehr der Mode, und die schweren Stoffe und langen Mäntel verhüllen die Silhouette und verdecken femininere Merkmale. An den weichen Wangen und den rosigen Lippen lässt sich nichts ändern, aber wenn ich mein Haar unter einer Mütze hochstecke und die Nadeln unter einem Schal verberge, kann ich locker als Junge durchgehen. Als weibischer, milchbubiger Junge aus dem armen Teil der Stadt – schon witzig, wo doch mein Zimmer voll ist mit den erlesensten Kleidern und importierten Teppichen –, aber doch als Junge. Sehr Oliver Twist. Denke ich. Ich habe mir nie viel aus Geschichten gemacht.

Dennoch schmerzt meine Brust, während ich meine Brauen mit Puder ausmale, das ich vom Schminktisch meiner Mutter gestohlen habe. Ist es nicht grausam, dass ich nur in einem Kostüm ich selbst sein kann? Ich bekomme nicht die Gelegenheit, den maskulinen Schnitt meiner Kleidung zu genießen oder die Illusion von kurzem Haar oder das flüchtige Glücksgefühl, dass meine Haut sich tatsächlich wie meine eigene anfühlt. Stattdessen muss ich mir Gedanken darum machen, ob meine Jungenerscheinung überzeugend genug ist, um sicher zu sein.

Darin liegt keine Freude. Nur Angst.

Denkst du, du kannst sie täuschen?, tadelt das Kaninchen, während ich mein Werk fortsetze. So viele Männer würden schreckliche Dinge für dich tun. So viele von ihnen haben darum gebettelt, die Chance zu erhalten. Sie würden deinen Körper überall erkennen. Man muss sich nur die Hosen ansehen, die um meine breiten Hüften bauschen, und die Leinenbinden um meine Brust, die sich nie fest genug anfühlen. Siehst du? Du bist nichts weiter als ein kleines Mädchen, das Verkleiden spielt.

Und du begibst dich direkt in ihre Höhle.

Das Kaninchen hat recht. Selbst wenn mir noch Zeit bleibt, ist es nicht viel. Mutter und Vater stehen kurz davor, sich auf einen Ehemann festzulegen. Genau das tun sie gerade: Mit einer Namensliste bewaffnet gehen sie die Gäste bei Viscount Luckenbills jährlicher Speaker-Gala durch. Das Kostümmotto dieses Jahr ist Literatur, sie überprüfen also in irgendwelchen lächerlichen Kostümen jene Männer, die mich mein ganzes Leben umschwärmt haben. Ich kann beinahe hören, wie sie die Vorteile jedes potenziellen Ehevertrags abwägen. Wie viele Verbindungen hat er? Wie viel Geld? Wie viel Macht?

Also ja, es wäre sicherer, zu Hause zu bleiben. Aber dieser Abend ist meine beste – und vielleicht einzige – Gelegenheit zu entkommen.

Denn ein junges Medium soll bei der Gala heute Abend sein Geisterwirkungssiegel erhalten – und mit etwas Glück werde das ich sein. Der Plan ist denkbar einfach. Zur Gala gehen, das Siegel stehlen und abhauen.

Ich schließe die Puderdose und erinnere mich daran zu atmen.

Ein Medium zu sein, interessiert mich einen Dreck. Ich will mit den Speakern nichts zu tun haben oder den Geistern oder den Spuken oder irgendetwas davon. Aber während dich ein silberner Speaker-Ring als Mitglied der Bruderschaft ausweist, sichert dir ein Mediumsiegel die Freiheit eines Königs. Violette Augen befähigen zum Geisterwirken und ein Siegel macht es legal. Das Geld der Speaker finanziert dir deine Reisen und Geschäfte. Gelegenheiten liegen dir zu Füßen. Natürlich reguliert England seine Medien brutal, aber offiziell mit diesem Zeichen auf der Hand anerkannt zu werden, ist quasi so gut wie Magie – das Empire steht dir offen.

Ich werde mir also das Siegel holen, den Beweis meiner Männlichkeit, eingebrannt in meinen Handrücken, und irgendwo hingehen, wo niemand mein Gesicht kennt. Ich schreibe mich an einer medizinischen Fakultät ein und fange an, endlich richtig zu leben. Niemand wird wissen, dass ich einst eine Tochter war. Ich werde Mutter und Vater nicht brauchen. Ich werde George nicht brauchen. Ich werde keinen von ihnen brauchen.

Ich werde …

Erneut klackern meine Absätze, tapp, tapp, tapp, aber das reicht nicht aus, um die Anspannung in meinen Trapezmuskeln zu lösen. Mit einem Mal flattern meine Hände und ich schüttele mich, bis ich wieder ruhig genug bin, um atmen zu können.

Wenn das vorbei ist, werde ich frei sein.

Ich habe meine Einladung zur Gala gefälscht. Den Freundinnen meiner Mutter zufolge ist der junge Mann, der heute Abend sein mediales Siegel erhalten sollte, der Augen wie Blauregen hat und für diese Gelegenheit extra aus York angereist ist, krank geworden. Niemand hat ihn persönlich getroffen, daher habe ich mir für heute seinen Namen ausgeliehen. Ich werde seinen Platz einnehmen und sein Siegel empfangen und weg sein, bevor irgendjemand die Wahrheit erfährt.

Nur wenn ich erwischt werde, wenn sie herausfinden, wer ich bin, dass ich als Mädchen geboren wurde …

Sie werden dich hängen.

Es ist nicht weit bis zur Gala. Ich schleiche die Treppen des Stadtanwesens meiner Familie hinunter – nicht annähernd so beeindruckend wie einige der anderen Häuser in London, aber doch prunkvoll genug, um der Familie alle Ehre zu machen – und kuschele mich in meinen Mantel. Trotz der Kälte weigere ich mich, eine Droschke zu rufen. Ich muss laufen. Nur so kann ich dieser Tage verlässlich den Kopf freikriegen. Besonders da ich mir nicht gestatte, in der Öffentlichkeit mit den Händen zu flattern. »Du siehst wie eine Schwachsinnige aus«, hat Vater einmal gesagt, was sehr viel wirkungsvoller war als all die Bemühungen meiner Hauslehrer, um mich davon abzuhalten. »Du siehst minderbemittelt aus, Mädchen.«

Ich habe genau ein Mal versucht, meinen Eltern die Wahrheit zu erklären. Als ich noch jünger war, als ich noch dachte, es interessiere sie, habe ich ihnen gesagt, dass ich niemals verheiratet werden will. Geschichten, die wie Märchen anmuten sollten, klangen in meinen Ohren wie die Hölle. Meine Augen würden mir eine gute Ehe ermöglichen und ein privilegiertes Leben, ein Leben voll Wohlstand, wenn ich es nur zuließ. Aber Hochzeitskleider, ein dicker Bauch, das Wunder der Geburt? Lieber hätte ich mich selbst aufgeschlitzt. Ich erklärte ihnen, dass ich das alles nicht wollte. Ich erklärte ihnen, dass ich Angst hatte.

Mutter schimpfte mich albern und Vater tadelte, ich solle mich nicht so anstellen. Ich wusste allerdings, was sie wirklich meinten. Das Kaninchen übersetzte es mir. Verwöhnt. Egoistisch. Wie konnte ich es wagen, zu verlangen, anders behandelt zu werden als alle anderen? Jeder Mann und jede Frau in England hat eine Pflicht und ich konnte nicht erwarten, meiner zu entgehen, nur weil ich Angst hatte.

Ich glaube, ich hätte nicht das Wort Angst benutzen sollen.

Ich brauche nicht lange, um das South Kensington Museum zu finden. Es ist eine gewaltige Kathedrale der Kunst und der Pracht, so hell erleuchtet, dass der dunkle Nachthimmel wirkt, als stünde er in Flammen. Die Speaker haben es vollkommen vereinnahmt. Violette Banner hängen an der Marmorfassade, umrahmt von Tausenden zu Kränzen und Blumenbögen geflochtenen Lavendel- und Fliederblüten. In dieser Kälte werden sie welken und sterben, sobald die Feierlichkeiten vorbei sind. Kutschen warten auf der Straße, die Pferde schnauben, während die Kutscher versuchen, ein Nickerchen zu halten. Es wirkt beinahe, als würde die Royal Speaker Society im Chaos versinken, wenn sie nicht die Hälfte ihrer vom Steuerzahler finanzierten Gelder in Dekorationen und überarbeitete Diener steckt.

Am Eingang haucht ein Türsteher mit violetten Augen in seine Hände, um sie zu wärmen. Er hat ein Siegel, aber nur ein kleines Platzhaltersymbol, ein Kreis, der in seinen Handrücken gefriergebrannt wurde. Dies ist ein verpflichtetes Medium: ein Mann, der sich kein volles mediales Siegel leisten konnte und sich für die Finanzierung an die Speaker verkaufen musste. Es ist ein widerliches Geschäft, aber es wird immer genug Leute geben, die bereit sind, für ein besseres Leben widerliche Geschäfte einzugehen. Dieses verpflichtete Medium wird den Rest seines Siegels erhalten, ein reich verziertes Auge, sobald seine Schuld abbezahlt ist – vorausgesetzt dass ihm nicht vorher die Hand abfriert. Zumindest darf er einen schicken Ring tragen, solange er darauf wartet.

Durch die beiden Flügeltüren höre ich Lachen. Es ist gedämpft, als wäre ich unter Wasser. Ich bin spät dran.

»Das ist eine private Veranstaltung, Junge«, sagt der Türsteher getragen, als ich auf ihn zugehe. Es ist aufregend, als männlich akzeptiert zu werden, aber ich verwehre mir, es zu lange zu genießen. Es ist nicht halb so bedeutungsvoll, wenn sie den falschen Jungen sehen.

»Ist mir bewusst«, erwidere ich und ziehe meine Einladung hervor.

Der Türsteher runzelt die Stirn, als er das gefälschte Dokument durchliest. Seine Lider sind schwer und seine Hände wirken dauerhaft steif. »Roswell? Ich, äh, muss mich aufrichtig entschuldigen. Es freut mich, dass die Gerüchte, Sie seien krank, nichts weiter als das sind.« Er klingt nicht besonders erfreut. »Nun, die Zeremonie hat noch nicht begonnen, Sie haben also Glück. Mors vincit omnia und so. Treten Sie ein.«

Er öffnet die Tür.

Ich verabscheue die Vorstellung, dass irgendetwas, das mit den Speakern zu tun hat, wunderschön sein könnte. Im Inneren spannt sich eine hohe Decke über Marmoremporen und Gaslampen tauchen alles in Gold. Unersetzbare Kunstwerke wurden zur Feier des Tages hervorgeholt und stehen hinter mit violetten Sträußen überladenen Tischen. Die Luft ist von Alkohol, Pollen und Ozon geschwängert. Und die Kostüme: Eine Frau mit rosa Apfelbäckchen huldigt Heidi. Ein Edgar Allan Poe trägt ein Modellherz bei sich. Ein gelangweilt wirkender Mann hat sich aus der Affäre gezogen, indem er ein Porträt von einem Pferd mit sich herumschleppt und behauptet, irgendeine Figur aus Black Beauty zu sein. So viele funkelnde Silberringe, eine Handvoll Siegel, zu viel Alkohol, Lachen und Lärm. Es ist so überwältigend fröhlich im Gegensatz zu der Übelkeit, die in meinem Bauch herrscht. Der Kontrast ist so heftig, dass ich mir die Nägel in die Arme schlagen will. Es ist wieder genau wie bei der Hochzeit. Ich hasse es, ich hasse es.

Geh einfach, sagt das Kaninchen. Du gehörst nicht hierher und das weißt du. Geh. Los.

Aber ich gehe nicht. Ich kann nicht. Als ich das Museum betrete, stelle ich mir das Brandeisen vor, das so kalt ist, dass Rauch aufsteigt. Es wird zischen und knistern, wenn es meine Haut berührt. Aber die Freiheit, die ich erlangen werde, ist den Schmerz wert.

Ich muss das tun.

Der Türsteher tritt hinter mir ein, getrieben von einem Windstoß, der so eisig ist, dass ich mich umdrehe, um sicherzugehen, dass ihm kein Geist gefolgt ist.

»George Bell?«, sagt er. »Der Roswell-Junge ist doch noch aufgetaucht. Er gehört ganz Ihnen.«

Die Übelkeit in meinem Bauch wächst sich zu Brechreiz aus.

Mein Bruder, der mit einer Champagnerflöte gleich hinter der Tür steht, starrt mich an, als hätte er einen medizinischen Kadaver enthüllt, nur um festzustellen, dass ihm mein Gesicht entgegenblickt.

Er trägt einen Speaker-Ring am kleinen Finger.

Wusstet ihr, dass es einst einen Chirurgen wie mich gab?

Es klingt wie ein Mythos, aber es stimmt. Sein Name war James Barry. George hat mir beiläufig von ihm erzählt, als ich jünger war, als hätte er damals schon etwas über mich gewusst, das mir noch nicht bewusst war. Barry war ein richtiger Mistkerl ohne Sinn für Anstand oder Takt, aber brillante Ärzte können auch weder das eine noch das andere gebrauchen. Er war ein hochrangiger Militärchirurg, sagte George, der sein Leben lang die Lebensbedingungen der Armen und Kranken verbessert hat – und als er starb, entdeckte eine Krankenschwester, dass er die ganze Zeit über eine Frau gewesen war.

»Obwohl«, fuhr George fort, »man annehmen sollte, dass jemand wie Barry auf seinem Sterbebett über diese Tatsache viel Aufhebens machen würde. Ihr könnt mich alle, ihr seid auf eine Frau hereingefallen, schmort in der Hölle und so weiter. Aber das hat er nicht.« Er sah nicht von seinen Studien auf. »Glaubst du, dass er vielleicht als Mann glücklicher war? Und dass die Krankenschwester seine Leiche hätte in Ruhe lassen sollen?«

Ich erwiderte nichts, aber das musste ich auch nicht. In dieser Nacht schob er heimlich eine Truhe mit Kleidung unter mein Bett. Formelle Kleidung, geflickte Leinenhosen, wie sie nur arme Straßenjungen tragen konnten, und alles dazwischen. In der beigefügten Nachricht stand: Einiges davon ist von mir, anderes nicht, aber ich hoffe, dass dir eines Tages alles passen wird. Diese Kleidung trage ich jetzt.

Ich wünschte, ich könnte Wut empfinden. Ich wünschte, wenn ich aufgebracht bin, könnte ich schreien und brüllen und toben, irgendetwas anderes tun als weinen. Dann würde ich mich so viel mehr wie ein Mann fühlen und nicht wie ein kleines Mädchen, das Theater spielt. Doch hier stehe ich, zitternd und mit Tränen in den Augen.

Er hat mich verlassen.

Er hat sich den Speakern angeschlossen und mich bei ihnen zurückgelassen.

»Alles in Ordnung, Bell?«, erkundigt sich der Türsteher.

»Ich … Ja.« George nickt steif. Er trägt jetzt einen Schnurbart. Darauf konzentriere ich mich. Er trägt jetzt einen Schnurbart und das wirkt in seinem Gesicht äußerst seltsam. »Ja, alles bestens, ich bin nur erleichtert, dass ich den Ablauf nicht umplanen muss. Und ja, es ist eine Freude, Sie endlich kennenzulernen, Mr. Roswell.« Er spielt seine Rolle gut. Ich ringe darum, es ihm gleichzutun. Hätte ich gewusst, dass George den Jungen beaufsichtigen würde, wäre ich nie gekommen. Ich hätte einen anderen Weg gefunden. Vielleicht hätte ich das Siegel gefälscht. Ich hätte es mir selbst in die Haut ritzen können. »Wie wäre es mit einer Führung? Kommen Sie.«

Während der Türsteher sich aufmacht, um meine Ankunft zu melden, bedeutet George mir, ihm zu folgen. Trotz des bleischweren Gewichts in meinem Bauch halte ich mich dicht an ihn. Egal was er getan hat, ich glaube nicht, dass ich jemals den Instinkt ablegen könnte, ihn als Schutzschild zu benutzen.

Nach einem Moment des Zögerns legt George mir eine Hand auf die Schulter.

Auf dieser Gala sind so unglaublich viele Leute. Ein Mann mit blauen Augen prahlt mit der Zahl der verpflichteten Medien in seinem Dienst, auch wenn ich von Vater gehört habe, dass er sich um seine violetten Augen – und damit die Fähigkeit zum Geisterwirken – betrogen fühlt, weil seine Mutter fremdgegangen ist. Ein älterer Herr mit lavendelfarbenen Augen und einem Elfenbeinstock reibt über sein Siegel, während er von seiner Zeit als Medium in Prinz Alberts privaten Diensten vor Jahrzehnten und seinen Reisen zu Geisterpräsenzen auf der ganzen Welt erzählt. Ich erkenne sie fast alle. Dem da, sagt das Kaninchen, als wir an einem braunäugigen Junggesellen vorbeikommen, der die Reederei seines Vaters erben wird, war egal, wie alt du bist, als er versucht hat, dich im Salon zu küssen. Männer sind zu vielem bereit, um die Fähigkeit zum Geisterwirken in ihre Blutlinie zu integrieren. Wenn sie nicht selbst violette Augen haben können, finden sie Möglichkeiten, jene zu kontrollieren, denen sie vergönnt sind. Sie heiraten sie, zeugen sie, schließen Verträge mit ihnen – was immer ihnen gerade in den Kram passt.

Aber auf diesem Empfang gibt es gefährlichere Leute als Männer mit Gottkomplex. Ich suche die Menge nach Mutter und Vater ab. Ich weiß nicht, als was sie verkleidet sind. Mutter liebt jede Gelegenheit für einen großen Auftritt, also sollte ich vielleicht nach dem auffälligsten Kostüm im Raum suchen, doch alles verschwimmt zu einem Dunst aus grellem Licht, Lilaschattierungen, Dienern, Marmorstatuen, Ölgemälden und Alkohol. Ich hasse Alkohol. Bei dem Geruch dreht sich mir der Magen um.

George leert seinen Champagner, stellt das Glas auf das Tablett eines vorbeigehenden Kellners, ohne anzuhalten, und senkt den Kopf, um zu zischen: »Was zum Teufel, glaubst du, machst du hier?«

»Das könnte ich dich fragen.« Ich balle die Hände, damit sie nichts tun, was sie nicht sollten. »Du hast gesagt, du würdest heute auf dem Land arbeiten.«

»Sollte ich, aber jetzt eben doch nicht«, entgegnet George. »Also, ich frage noch einmal: Was tust du hier?«

»Ich bekomme mein Siegel.«

George gibt ein Geräusch von sich, als hätte ich ihm ein Messer in den Bauch gerammt.

»Nein«, sagt er. »Nein. Hast du den Verstand verloren? Du weißt ganz genau, dass Mutter und Vater hier sind.«

»Sie können mich nicht aufhalten.«

»Doch, wenn sie dich erkennen«, kontert George, als wäre ich mir dessen nicht vollauf bewusst. Das Kaninchen erinnert mich: Sie werden dir wehtun, sie werden dir wehtun. »Du hast keinen der Texte gelesen, keinen der Eide abgelegt oder an einer der Logenversammlungen teilgenommen … Oh, sieh mich nicht so an. Wann hättest du die Zeit dafür gehabt? Du warst viel zu beschäftigt damit, in Anatomietheater zu schleichen und aus dem Schlachthaus aussortierte Kadaver aufzuschneiden.« Ich konzentriere mich auf meine Atmung, um mich zu beruhigen. Wie er es mir beigebracht hat. »Und außerdem hast du kein Geld, um die Gebühren zu bezahlen …«

»Roswell hat bereits bezahlt«, erwidere ich, »und ich habe die Besitzurkunde zu meiner Mitgift mitgenommen. Das Landhaus. Damit werde ich ihm das Geld zurückzahlen.«

»Das Landhaus?«, entfährt es George. »Himmel, Vater ist wirklich verzweifelt. Du willst also weglaufen, ja? Die Besitzurkunde bei irgendeinem zwielichtigen Kerl gegen ein paar Tausend Pfund eintauschen, um deine Schulden bei einem Mann zurückzuzahlen, den du nie getroffen hast, und was dann? Wenn James Barry enttarnt wurde, wirst du es auch und du weißt, was dir dann blüht.«

Wir bleiben bei einer der Säulen stehen, die die Empore stützen, und ich lehne mich mit dem Rücken an den kalten Stein. So enden wir immer. Meinetwegen. Ich schlinge die Arme um meinen Bauch und starrte über seine Schulter. Jemandem in die Augen zu sehen, überfordert mich.

So hätte es nicht laufen sollen. Er dürfte nicht hier sein.

»Wenn die Speaker dich erwischen …« Die Worte bleiben George im Halse stecken. »Ich hatte lauter schlechte Tage, aber dich am Galgen zu sehen, wäre der schlimmste von allen.«

Am meisten schmerzt, dass George einst auf meiner Seite war. Als ich klein war, hat nur er mich verstanden. Er aß das Essen, das ich nicht hinunterbekam, damit Mutter und Vater mich nicht anschrien, weil ich meinen Teller nicht aufgegessen hatte. Ich durfte mich in seinem Zimmer verstecken, wenn wir Besuch hatten, und dann klopfte er dreimal, wenn es wieder sicher war herauszukommen. Er förderte meine Neugier und verteidigte meine Sturheit, bis ich gelernt hatte, sie zu verbergen. Ich dachte, wir würden uns gemeinsam der Welt stellen.

Aber nun sind wir an diesem Punkt angelangt. Wie auch immer der aussehen mag.

Meine Lippe bebt. Ich weine. Mal wieder. Wie immer. Und doch versuche ich weiterhin, ihn zur Einsicht zu bringen. Weil er immer noch er ist, oder nicht?

»Na schön.« Ich versuche, meine Stimme ruhig zu halten, doch es gelingt nicht. »Wenn du wirklich nicht willst, dass ich das tue, hilf mir.« Er massiert sich die Nasenwurzel, als wäre ich ein Kind, das mit einem Tobsuchtsanfall Aufmerksamkeit erregen will. Seine Brille verrutscht. »Ohne das Siegel wird es schwieriger, aber ich kann es trotzdem schaffen. Ich muss nur nach Edinburgh kommen. Oder auch nur nach York oder Leeds – von Leeds aus kann ich es schaffen.«

»Nein, kannst du nicht. Elsie …«, sagt er.

Bei diesem Namen blitzt ein Funken Wut hinter meinen Augen auf. Natürlich. Elsie. Immer und immer wieder Elsie. Immer geht es um seine Frau, nie um mich. Seit sie in sein Leben getreten ist, verhält er sich distanziert. Nie beantwortet er meine Briefe und nie ist er zu Hause, wenn ich ihn besuche, und jeder Versuch, ihn um Hilfe zu bitten, endet damit, dass er herumdruckst, welche Folgen das für sie hätte.

Und vielleicht bin ich auch eifersüchtig auf sie. Ich bin eifersüchtig, dass sie sich ihren Ehemann aussuchen durfte. Ich bin eifersüchtig, dass sie nicht heiraten musste, bevor ihr Körper auch nur ausgewachsen war. Ich bin wütend, weil ich nie die Chance auf eine Hochzeit aus Liebe wie alle anderen erhalten werde. Warum darf Elsie glücklich sein und ich nicht?

Ich bereue es, noch ehe ich es ganz ausgesprochen habe, aber ich kann mich nicht bremsen. »Kannst du sie nicht einmal da raushalten?«

Etwas in Georges Miene verändert sich. Seine Nasenflügel blähen sich. Er schlägt neben meinem Kopf gegen die Säule.

»Sie hat gerade ein Kind verloren!«

Der Lärm der Gala verkommt zu einem leisen, dröhnenden Summen.

Ein Kind.

Um seine Aussage medizinisch zu formulieren: eine Fehlgeburt. Oder eine frühe Totgeburt vielleicht, der tote Fötus vom Körper ausgestoßen wie ein Splitter. Über diese Dinge spricht man normalerweise nicht. Man umschreibt es als Erkältung, als Unwohlsein, etwas, das man vertuscht und vor der feinen Gesellschaft verbirgt.

Und wäre ich Elsie, wäre ich erleichtert. So unfassbar erleichtert, schluchzend würde ich Gott dafür danken, dass das widerliche Ding weg wäre.

Ist das grausam von mir? Bin ich ein Monster, weil ich nicht verstehen kann, warum sich jemand einem Parasiten aussetzen wollen sollte? Weil ich angewidert bin, dass mein Bruder sie überhaupt erst in eine solche Lage gebracht hat?

Meine Hauslehrer würden Ja sagen.

»Wolltest du das hören? Ja?« In Georges haselnussbraunen Augen blitzt etwas auf, das ich nicht erkenne. Es könnten ebenfalls Tränen sein oder vielleicht ist es nur das Flackern der Gaslampen. »Ich wollte es dir nicht erzählen, ich wollte es niemandem erzählen, aber du zwingst mich dazu. Und vielleicht ist es dir vollkommen egal – ich weiß, du hasst sie –, nur willst du der Mensch sein, der ihr das jetzt aufbürdet? Wenn sie krank ist?«

Ich hasse sie nicht. Ich hasse, wofür sie steht. Als wäre sie eine Metapher und keine lebende Person.

»Nein«, antworte ich. »Das wusste ich nicht. Es tut mir leid.«

George presst die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen.

»Nichts ist so schwarz-weiß, wie du denkst«, sagt er.

Es ist eine Weile her, dass mir jemand ins Gesicht gesagt hat, dass ich schwer von Begriff bin. Das Kaninchen sagt mir, dass ich es verdiene.

Hinter uns, im großen Atrium des Museums, tippt jemand mit einer Gabel gegen ein Glas. George reißt seinen Blick von mir los. Ich spähe um die Säule, die Arme um die Brust geschlungen. Wann immer jemand wütend auf mich ist, habe ich das Gefühl, dass ein Amboss auf meinem Brustbein lastet. Das Raunen der Stimmen dünnt sich aus und verstummt dann ganz.

Auf der anderen Seite des Raums steht Viscount William Luckenbill – Gastgeber dieser Feier, Präsident der Royal Speaker Society und der unscheinbarste Mensch, den ich je gesehen habe – in einem albernen Safariaufzug auf einem Podest, umgeben von uralten Statuen, die einst vorsichtig aus ihren eigentlichen Ruhestätten geborgen, in Leinen eingeschlagen und nach London gebracht wurden. Sein Gesicht hat keinerlei Wiedererkennungsmerkmale und seine Augen weisen eine schlammige Mischung aller Farben auf. Er spielt mit seinem Ring. Ich kann den Champagner und das importierte Rasierwasser von hier aus riechen.

Sein grünäugiger Sohn, der etwa in meinem Alter oder ein wenig älter ist, steht neben ihm und betrachtet seine Nägel mit schmollend vorgeschobener Unterlippe.

Die Züge seines Sohnes sind so fein und durchdringend wie ein Skalpell.

»Dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«, ruft Lord Luckenbill. Dieser Mann ist alles andere als ein Skalpell. Er ist eine stumpfe Pinzette oder ein Zungenspatel. »Meine Damen und Herren, vielen Dank, dass Sie Ihren Samstagabend mit mir verbringen. Ich werde Ihnen ein langatmiges zweites Willkommen ersparen, keine Sorge – wir haben Wichtigeres vor.« Höfliches Lachen breitet sich in der Menge aus. »Heute Abend haben wir die Ehre, eine der heiligsten Traditionen der Royal Speaker Society zu begehen: einen neuen Bruder in unseren Reihen zu begrüßen.«

Wie aufs Stichwort bahnen sich zwei Kellner ihren Weg durch die Menge. Einer trägt einen Strauß mit Lavendel und Flieder, der andere ein Brandeisen in Form eines Auges.

»Vor sechzig Jahren«, verkündet Viscount Luckenbill, »als der Herr uns die ersten Kinder mit violetten Augen schenkte, waren wir erstaunt, aber dankbar. Wie gesegnet wir waren, mit dieser neuen Schönheit bedacht worden zu sein.« Er macht eine ausladende Geste. »Doch als der Schleier sich lichtete, erkannten wir die tiefere Bedeutung hinter diesem Segen. Die violettäugigen Söhne waren uns geschickt worden, um uns zu beschützen. Um uns zu helfen, uns in dieser seltsamen neuen Realität zurechtzufinden, in der die Toten nur noch einen Hauch von den Lebenden entfernt sind.«

Deshalb tue ich das hier. Wenn ich ihrem System nicht entkommen kann, werde ich es mir eben zunutze machen. Und warum sollte ich auch nicht? Ich habe schon zuvor in den Schleier gegriffen. Ich habe meine Hand auf eine Geisterpräsenz gelegt, ohne zu erkennen, was ich tat, und bevor mir bewusst wurde, welche Strafe mich erwartete, sollte ich erwischt werden. Ich war nur neugierig, zu erfahren, warum die Welt sich verzerrte und leuchtete. Ich war damals noch ein Kind und es geschah nahezu mühelos, auch wenn ich das Gefühl verabscheute. Wie auch immer die Prüfung aussieht, so schwer kann sie nicht sein. Oder?

Lord Luckenbill tritt vom Podium. Seine Schritte hallen von den Fliesen wider, die bis hinauf zur Decke reichen. Diese Geschichte wird vermutlich bei jeder Versammlung wiederholt, wie Gebete in der Kirche oder der Hippokratische Eid am Ende der Ausbildung eines Arztes: Ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.

»Und so wurde die Royal Speaker Society gegründet«, sagt er. »Um jene zu unterstützen, die uns durch Gottes neue Welt leiten, um unseren Hütern eine Bruderschaft zu bieten und um jene zu bestrafen, die ihnen schaden wollen.«

Er legt eine dramatische Pause ein. Es fühlt sich an, als würde die gesamte Welt näher rücken.

»Dieses Bestreben wollen wir heute vorantreiben«, erklärt Lord Luckenbill. »Mr. David Roswell?«

Der Moment ist gekommen.

Es ist so weit.

Ich hebe eine zitternde Hand – ehe das Kaninchen schreien kann, ehe ich mich selbst davon abhalten kann, ehe mein Hirn all die schrecklichen Möglichkeiten durchspielen kann, sollte ich scheitern – und sage: »Hier bin ich.«

Ich habe es gesagt.

Alle Köpfe drehen sich zu mir um, um mich mit Blicken aufzuspießen, aber ich kann nur an die Freiheit denken. Ich werde das Siegel empfangen und verschwinden und meinen Eltern nur die Kleider in meinem Schrank als Erinnerung zurücklassen. Ich werde mir die Haare abschneiden, einen neuen Nachnamen annehmen – Barry vielleicht – und mich nach Norden aufmachen. Ich würde die Edinburgh Medical School gern erst einmal sehen, bevor ich mich einschreibe.

Die Royal Speaker Society wird mich nie in die Finger kriegen.

Doch das Kaninchen brüllt. Es sagt: Deine Eltern sind hier. Es sagt: Sie haben dich geschaffen, sie haben dich aufgezogen, sie werden dich erkennen, egal was du VORGIBST zu sein.

In der Mitte des Atriums, umgeben von den Dienern, verengt Lord Luckenbill die Augen und hebt das Kinn, als könne ihm das helfen, über die Menge hinwegzuspähen.

»Mr. Roswell?«, ruft er. »Sie müssen recht klein sein, mein Junge, wo sind Sie?«

George gibt mir einen Schubs. Du wolltest das, übersetzt das Kaninchen, außer sich vor Furcht. Also geh.

Und ich tue es. Die blasse Menge bricht auf wie eine Wunde, um den Weg zwischen uns freizugeben, als ich auf ihn zugehe. Das Kaninchen versucht, mich zu überzeugen, dass alle mich sezieren, nach Teilen meines Körpers suchen, die mich als Lügner entlarven. Weil meine Hände zu klein sind, weil ich zu zaghaft auftrete, weil ich in die Brust atme wie eine Frau statt in den Bauch wie ein Mann. Gibt es diese Unterschiede wirklich? Oder erschaffe ich sie, um meine eigene Angst anzufachen, ein sich selbst befeuernder Kreislauf?

»Roswell!« Als ich mich nähere, klatscht Lord Luckenbill in die Hände. Sein Gebaren lässt mir die Haare zu Berge stehen. »Oh, ich bin ja so froh, dass Sie es doch noch geschafft haben. Welch ein Segen, dass es Ihnen besser geht. Ich hätte das nur ungern verschieben wollen, wissen Sie? Und Gott, Sie sind wirklich klein geraten. Kommen ganz nach der Mutter, nehme ich an. Sei’s drum, Sie sehen fantastisch aus. Kommen Sie, kommen Sie. Mr. Bell, sind Sie das, der ihn begleitet?«

George räuspert sich. Eine weitere Erinnerung daran, dass er nicht mehr mein Bruder ist – seit wann kennt ein Viscount seinen Namen? »Ja, Milord«, antwortet er.

Aber.

Am Rand der Menge, ganz vorn, stehen sie.

Mutter und Vater.

Meine Sicht verschwimmt, als ich sie erblicke. Ihre Gesichter sind in Verwirrung erstarrt, als versuchten sie, sich zu erinnern, ob sie mich schon einmal gesehen haben und, wenn ja, wo. Vater wirkt unfassbar unbehaglich, er hat sich sogar geweigert, ein Kostüm anzuziehen, während Mutter ein grässliches grünes Kleid gefunden hat: ausgestopfte Vögel zwischen Blumen und Federn wie bei einem Feenwesen oder einer Art Göttin. Ihr Korsett ist so eng geschnürt, dass ich ihre Taille mit meinen Händen umfassen könnte.

Sie werden dir wehtun, sie werden dir wehtun, sie werden dir wehtun.

Als ich nahe genug herangetreten bin – ich bin so nervös, dass ich mich am liebsten übergeben würde –, nimmt Lord Luckenbill meine Hand und reckt sie in die Höhe. Ich habe mich nie als sonderlich klein empfunden, doch im Vergleich zu seinen wirken meine Finger fragil.

»Möge die Zeremonie schnell vorbei und das Brandeisen gnädig mit Ihnen sein«, sagt Lord Luckenbill. »Mors vincit omnia!«

Und einstimmig und im Gleichklang wiederholt die Menge: »Mors vincit omnia!« Der Tod besiegt alles. Alle werden sterben und keine Seele kann dem entkommen. Der Satz ist innen in jeden Speaker-Ring eingraviert, ziert die Fußzeile jeder offiziellen Korrespondenz und ist über ihren Türen eingemeißelt, damit er ja nie vergessen wird. Eines Tages, wenn ich selbst Chirurg bin, wenn ich meine eigene Praxis eröffne – wo ich jeden Körper so behandeln werde, wie er ist, mit Güte und ohne Fragen zu stellen –, werde ich dasselbe tun. »Nicht weil ich einer von ihnen bin«, werde ich erklären, »sondern weil es stimmt. Nicht einmal ein Chirurg kann sich dem Willen Gottes widersetzen. Ist diese Erkenntnis nicht tröstlich?«

»Bringt die Verräterin!«, fordert Lord Luckenbill.

Die Verräterin …?

Eine der unauffälligen Türen an der Seite des Atriums fliegt mit einem gewaltigen Schlag auf und zwei Medien – große, violettäugige Männer mit eingebrannten Siegeln auf ihrer riesigen rechten Hand – zerren eine zerzauste Frau über den kalten Fliesenboden. Sie ist in Lumpen gekleidet, ihre Augen sind geschwollen und zucken umher. Die Blutergüsse an ihren nackten Armen und ihrer Kehle stechen wie dunkle Weinflecken auf ihrer weißen Haut hervor. Die Schnittwunden wirken fast schon septisch.

Die Zuschauer stöhnen auf wie bei einer Art Vorführung. Mutter schlägt sich entsetzt die Hand vor den Mund.

Auch die Iriden der Frau sind violett. Sie erinnern mich an Orchideen.

Eine Million Möglichkeiten breiten sich vor mir aus und alle sind grauenhaft. Ich schiele zu George zurück, doch er schüttelt nur kaum merklich den Kopf. Auch er weiß nicht, was hier vorgeht.

»Diese Frau«, verkündet Lord Luckenbill, »wurde schuldig befunden, den Speaker Act von 1841 verletzt zu haben, indem sie das Verbrechen begangen hat, nicht genehmigtes Geisterwirken zu praktizieren und Speaker-Papiere gefälscht zu haben.« Die Frau hebt ihren ungewaschenen Kopf und starrt in die verzerrten Gesichter rings um sie. Ich weiche einen halben Schritt zurück, doch George hält mich auf. Du wolltest das. »Miss Neuling, stehen Sie bitte gerade. Gestatten Sie sich zumindest ein bisschen Würde. Sie hatten zuvor so viel Schneid, was ist daraus geworden?«

Alles, woran ich denken kann, ist dieser Mann, der gesagt hat: »Du weißt, was mit kleinen Mädchen geschieht, die mit Geistern spielen.« Miss Neuling stemmt die Füße in den Boden, doch sie schleifen nur über die Fliesen. Ihr Körper scheint nur aus harten Kanten zu bestehen, die sich unter ihrem Gefängniskleid abzeichnen.

Im Speaker Act von 1841, Abschnitt 3, Paragraf A steht geschrieben, dass es Frauen verboten ist, Geisterwirken zu praktizieren, in den Schleier zu greifen, Seelenschreibertäfelchen zu benutzen oder sich auch nur unbeaufsichtigt in die Nähe einer Geisterpräsenz zu begeben. Ich bin keine Frau, aber solange ich als solche wahrgenommen werde, muss ich mich trotzdem dem Gesetz unterwerfen. Natürlich dient das nur unserem Schutz. Während violettäugige Männer ein Geschenk Gottes sind, sind violettäugige Frauen eine unglückliche Nebenerscheinung. Wir werden gepriesen für unsere Fähigkeit, unseren Ehemännern violettäugige Söhne schenken zu können, und verachtet für die Schwäche unseres Geistes. Wenn wir uns mit den Toten einlassen, macht uns das labil, unschicklich, zu einer Gefahr für uns und andere. Um den Frieden und die Stabilität im Empire zu wahren, werden jene, die gegen das Gesetz verstoßen, entweder für den Rest ihres Lebens weggesperrt oder – je nach Schwere ihres Verbrechens – kurzerhand hingerichtet.

(Da ist es kein Wunder, dass der indische Buchhalter, der einst in Vaters Diensten stand, seine neu geborene Tochter in einem Anflug von Panik wegschickte, weil sie mit violetten Augen zur Welt gekommen war. Er erkannte, dass sie in England keine Chance hätte, und traf die einzig richtige Entscheidung. Es ist kein Wunder, dass das Gesetz in den Kolonien für Aufstände sorgte, als es verabschiedet wurde. Es ist kein Wunder, dass das Gesetz nur auf englischem Boden mit Applaus begrüßt wurde.)

»Sie sind ein stinkendes, widerliches Stück Scheiße«, krächzt Miss Neuling. Ihre Stimme ist verzerrt, als wäre etwas in ihrer Kehle gebrochen. »Euer ganzer Haufen.«

Ihr Blick schließt mich mit ein, als wäre ich genauso wie der Rest dieser Männer, die auf sie herabstarren, wie die Speaker, die sie verdammt haben. Sie erkennt nicht, was ich bin.

Nein. Nein, ich bin nicht …

Woher sollte sie das wissen?, meldet sich das Kaninchen. Wenn du so dringend ein Mann sein willst, darfst du dich nicht beschweren, wenn du für einen gehalten wirst.

»Nun denn«, sagt Lord Luckenbill. »Zögern wir das nicht unnötig hinaus. Wir haben eine Prüfung abzuschließen.«

Ich brauche das Siegel.

Die Lichter werden gedimmt, die Gaslampen zu einer winzigen Flamme heruntergedreht. Alle setzen sich hastig an die Tische, die im Raum verteilt stehen, und einige Junggesellen stellen sich im hinteren Bereich auf. George bleibt in meiner Nähe und weigert sich, Mutter in die Augen zu sehen. Die Türen werden verschlossen. Ich richte meinen Blick zur Decke des Museums, einfach nur, um irgendwo anders hinzusehen.

Die eleganten Kanten des Gebäudes bewegen sich vor meinen Augen. Eine Geisterpräsenz. Ein Punkt, an dem der Schleier so dünn ist, dass man die Abdrücke von Geistern sehen kann, die das Gefüge der Welt verzerren. An dem ein Medium es zerreißen kann, um die andere Seite zu erreichen.

»Es ist ein einfacher Tod«, erklärt Lord Luckenbill, während er mich nach vorn führt. Er reicht mir einen einzelnen Gegenstand: das Fragment einer Statue, etwa so groß wie meine Handfläche. Wie die Decke trägt dieser Steinbrocken eine Geisterpräsenz in sich. Ihn in der Hand zu halten, fühlt sich an, als würde ich meinen Arm in Eis tauchen. »Und es ist ein friedvoller Tod. Wir sind eine gnädige Bruderschaft, Mr. Roswell – und ich verachte den Galgen zutiefst. Erhängen ist barbarisch und fehleranfällig. Sie müssen nichts weiter tun, als den Schleier zu öffnen, und diese Herren hier werden ihren Kopf hindurchschieben. Ein simpler Erstickungstod. Es wird nicht einmal lange genug dauern, dass sie Erfrierungen erleiden kann. Sind Sie bereit?«

Wenn ich jetzt nicht spreche, werde ich gar nicht mehr in der Lage sein, etwas zu sagen.

Ich brauche das Siegel.

»Ja, Sir«, bringe ich hervor.

Aber ich bin nicht bereit. Das ist die Prüfung? Das? Nicht einfach nur die Welt zu öffnen und auf die andere Seite zu greifen, etwas, wozu jeder verdammte Mensch mit violetten Augen fähig ist, sondern zu testen, ob man bereit ist, für die Bruderschaft zu töten? Eine öffentliche Hinrichtung auszuführen?

»Viel Glück!«, sagt Lord Luckenbill und tritt zurück.

Ich stehe nun direkt vor Miss Neuling. Packe den Stein fester. Sie ist nur ein paar Meter entfernt, nahe genug, dass ich den modrigen Geruch ihrer Gefängniszelle riechen kann, den Hauch von Verwesung. Sie ist vielleicht Mitte dreißig und trägt keinen Ehering.

»Du bist noch ein Kind«, sagt sie, als sie ihre Aufmerksamkeit auf mich richtet. Ihr Blick lastet schrecklich schwer auf mir. »Jetzt lassen sie schon Kinder Hinrichtungen durchführen?«

Sie wird einfach ersticken. Ersticken ist nicht schmerzhaft, richtig? Solange man ausatmen kann? Sie wird nichts spüren. Das darf sie nicht.

Ich zupfe an der Kante der Welt um das Statuenfragment herum. Sie löst sich zu leicht. Eine kleine Geste reicht und die Welt erzittert wie eine Pfütze, wenn man hineintritt, sie bebt wie der Kehlkopf beim Schlucken.

Die Luft bewegt sich. Sie verändert sich.

Mich schaudert, wie unstofflich der Schleier ist. Wie flüchtig er sich in meinen Händen anfühlt. Das hinter dem Schleier Verborgene kommt zum Vorschein: Leere, nichts als Leere und die vage Silhouette von etwas Menschenartigem. Wie die meisten Geister hat es kein Gesicht, nur eine eihäutige Membran und einen wie aufgeschlitzten Mund. Und noch einen. Und noch einen. Die meisten sind seltsam, lang gestreckt, nicht zu erkennen. Einer jedoch hat dunkle Kanten, wie verbrannt, der Beweis, dass es sich zu fest gegen die Grenzen seiner Welt gestemmt hat und verbrannt wurde. Was wollte es erreichen? Wie viele Seelen sind in den Kunstwerken des Museums gefangen? Wie viele Medien spazieren unter den Besuchern umher, um sie ruhig zu halten, sie verborgen zu halten, damit London nie erfährt, welches Leid den Toten an diesem Ort angetan wird? Ich habe mir nie die Mühe gemacht, sie zu zählen. Ich hätte es tun sollen.

Dann öffnet sich der Schleier zur Gänze. Mit einem Geräusch wie von brechenden Knochen reißt er auf. Die Enden des Risses spannen sich und ein kalter Luftstrom pfeift durch den Raum. Etwas zischt, laut und tief.

Das ist es, wonach all diese Männer streben. Die Toten haben keinen Grund mehr zu lügen, also tun sie es nicht. Sie tragen das Wissen ihres Lebens, ihrer Zeit in sich – verzerrt von ihrem Blickwinkel, der Zeit und ihrer Wut, ja, aber doch immer wahr. Dieses Medium im Dienste Prinz Alberts rief die Toten an, um zu berichten, wie die Welt einst war und wie sie einst sein könnte. Kapitalisten geben Unmengen Geld aus, damit Medien die toten Arbeiter davon abhalten, an den Fabrikfenstern zu rütteln, bis diese zerbrechen. Reiche reisen Tausende von Meilen zu Geisterpräsenzen, die von der britischen Regierung streng bewacht werden, zu Orten, die von Tod und Leid unumkehrbar verzerrt wurden, in der Hoffnung, dass ein Geist ihnen ein Geheimnis zuflüstert, das die Welt verändert. Eine Geisterpräsenz kann niemals zerstört, verborgen oder zur Ruhe gebracht werden. Eine Geisterpräsenz kann man auch nicht besitzen, was das Empire allerdings nie davon abgehalten hat, es zu versuchen.

Ich will das nicht. Ich will Fleisch und Knochen, Adern und Blut, Dinge, die ich berühren und verstehen kann. Ich will die Körper der Menschen zusammenflicken, nicht ihre Seelen zerpflücken. Nicht das hier.

Die Medien packen Miss Neuling an den Haaren, schleifen sie näher, zerren sie über den Boden. Sie wehrt sich und wirft knurrend den Kopf zurück. Einer versetzt ihr einen Schlag gegen die Schläfe. Ihre Augenlider flattern.

Sobald sie den Kopf hindurchgeschoben haben, werden sie sie dort festhalten, bis sie erstickt ist. Asphyxie kann Minuten dauern. Ich muss den Riss minutenlang offen halten. Schmerzlose Minuten, aber doch werden es Minuten des Todeskampfs sein und sie wird wissen, was geschieht, wenn ihre Sicht verschwimmt und ihr Kopf sich ein bisschen zu leicht anfühlt.

Geisterwirken. Gefälschte Speaker-Papiere. Sie hat getan, was ich genau in diesem Moment tue.

Du bist so weit gekommen, hast dich in die Höhle des Löwen gewagt, nur um nun moralische Zweifel zu entwickeln? Du darfst nicht immer so emotional sein. Manchmal musst du dir die Hände schmutzig machen.

Ich kann nicht.

Alle anderen können es, warum nicht du?

Ich weiß nicht, warum Menschen tun, was sie tun. Ich weiß nur, dass ich es nicht kann.

Ich lasse das Statuenfragment fallen und schließe den Schleier.

Mit einem Knistern der Luft fügt sich die Welt wieder zusammen. Es klingt wie ein Donnerschlag. Oder vielleicht ist es auch der Stein, der auf den Fliesen aufschlägt. Krack! Einfach so. Eines der Medien erschreckt sich so sehr, dass ihm Miss Neulings Arm entgleitet.

Sie reißt sich von ihm los und aus der Schürze ihres Gefängniskleides zieht sie ein angespitztes Stück Metall. Es ist grob gefeilt und an einer Seite mit einem Stoffstreifen umwickelt.

Sie treibt es in seinen Bauch.

Es geht schnell. Es durchdringt all die Stoffschichten direkt unter den Rippen, reißt dann Stoff und Fleisch gleichermaßen auf. Sie wirft sich mit ihrem gesamten Gewicht auf ihn, um die Weste und das Unterhemd zu durchstoßen. Die Epidermis. Das subkutane Gewebe. Die Muskeln, um den Bauchraum zu erreichen, wo das Blut so dick ist, dass es schwarz wirkt. Alles in einer einzigen Bewegung.

Einen Moment lang hat fassungsloses Schweigen die Menge erfasst.

Die erste Person, die sich rührt, ist das andere Medium. Es packt Miss Neuling an der Kehle und schlägt ihr gegen die Seite des Schädels. Womp, womp, womp. Das improvisierte Messer landet klirrend auf den Fliesen.

Doch das Medium mit dem aufgerissenen Bauch presst die Hand auf die Wunde und starrt seine blutverschmierte Hand an. »Oh Mist!«, raunt es.

Dann bricht es zusammen.

Die Gäste beginnen zu schreien.

Mein Sichtfeld zieht sich auf einen winzigen Punkt zusammen: die Wunde. Ich habe mich in Krankenhäuser geschlichen und Ärzten von den Rängen des Anatomietheaters zugesehen. Ich habe hinter dem Schlachthaus mit einem Chirurgenbesteck neben mir über toten Schweinen gekauert. Dafür wurde ich geschaffen. Nicht für den Schleier. Nicht für die Speaker oder um ihnen Kinder zu gebären. Hierfür.

George und ich setzen uns gleichzeitig in Bewegung.

Ich erreiche das Medium zuerst. Ich reiße die Knöpfe seiner Weste auf und ziehe sein Hemd hoch, um so schnell wie möglich die Haut freizulegen. George sinkt neben mir nieder, doch das Medium packt ihn. George zischt durch zusammengebissene Zähne.

»Sir, Sie müssen ruhig liegen bleiben«, mahnt George. »Ich weiß, es tut weh.« Dann wendet er sich an mich: »Wie sieht es da unten aus?«