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Herbert Ami, ein etwa 50-jähriger Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Progymnasium, schlägt sich durch ein Schuljahr voller Absurditäten, pädagogischer Grenzerfahrungen und überraschender Lichtblicke. Zwischen chaotischen Unterrichtsstunden, bürokratischen Monstern in der Zeugniskonferenz, schrägen Exkursionen und dem alljährlichen Advents-Irrsinn versucht Herbert, mit Humor und einer guten Portion Selbstironie zu überleben. Das Buch begleitet ihn durch den alltäglichen Wahnsinn eines Lehrerlebens: von pubertären Weltuntergangsstimmungen, PowerPoint-Debakeln und Sportfest-Traumata bis hin zu kollektiven Lachanfällen, echten Lernerfolgen und unerwartet schönen Momenten im Klassenzimmer. Es ist ein humorvoller, ehrlicher und manchmal bittersüßer Blick hinter die Kulissen des Lehrerberufs – mit einem Helden, der trotz allem nie den Kopf (oder die Kreide) verliert. Ein Buch über das, was Schule wirklich ist: ein Ort des Irrsinns, des Lernens – und manchmal sogar der Wunder.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2025
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"Ein Jahr mit Herrn Ami – Noten, Nerven, Nirwana"
The Teacherman-Verlag
© Autor:in
Herbert Ami schreibt sein Lehrer-Leben auf.
Für meine Familie…
Herbert Ami, 50 Jahre alt, Deutsch- und Geschichtslehrer an einem kleinen Progymnasium in Süddeutschland. Leidenschaftlich, etwas eigen, ein wandelnder Zitatenschatz mit leichter Tendenz zum Sarkasmus. Motto: „Lehrer sein heißt leiden mit Stil.“
Kapitel 1
Der erste Schultag – Kaffee, Kreide, KatastrophenOder: Wie man elegant stolpert und dabei Haltung bewahrt.
Es war der erste Montag nach den Sommerferien. Der Tag, an dem Schüler noch träger sind als der Filterkaffee im Lehrerzimmer – was einiges heißen will. Für Herbert Ami, 50 Jahre alt, Deutsch- und Geschichtslehrer mit einem Hang zu übertriebener Korrektheit, ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und heimlicher Liebe zu schlechten Wortwitzen, bedeutete dieser Tag den Beginn seines mittlerweile 27. Schuljahres. Ein Schuljahr, das er wie jedes Mal mit einer Mischung aus stoischer Gelassenheit und leiser Panik betrat. Er stand wie immer pünktlich um 6:10 Uhr auf, trank in stiller Würde einen halbherzigen Kaffee, der mehr an eine lauwarme, bräunliche Brühe erinnerte, und vergaß – natürlich – wieder einmal, dass er eigentlich keine Milch mehr verträgt. Der Tag begann also, wie er enden würde: mit einem leisen Murren des Magens.
Die Sonne schien. Ein schlechtes Omen, wie Herbert fand. Denn Schuljahre, die mit blauem Himmel beginnen, enden oft mit grauen Nerven, Schneeballschlachten im Lehrerzimmer und pädagogischer Erschöpfung in der Fastenzeit. Während er sich in seine unverwüstliche, leicht ausgebeulte Cordhose zwängte – diejenige, die er „seinen dienstältesten Kollegen“ nannte – und seine umfangreiche, beinahe liebevoll gepflegte Sammlung bunter Filzstifte auf Vollzähligkeit überprüfte, dachte er an die neuen Fünftklässler. Dreißig kleine Menschenkinder, die dem Geruch nach mehr Fruchtgummi als Schulbuch waren. Eine Horde mit überdimensionierten Ranzen, bunten Trinkflaschen und unterentwickelter Fähigkeit zur Stille. Eine Herausforderung, ja – aber auch eine Chance. So hoffte er zumindest. Eine Chance, ein paar junge Seelen für die Wunder der deutschen Sprache, für Schiller, Kafka und Satzgefüge zu begeistern. Und für Geschichte – für Revolutionen, für römische Kaiser, für die Erkenntnis, dass auch früher schon alles irgendwie kompliziert war.
Sein Weg zur Schule war kurz – aber jedes Jahr aufs Neue mit einem Ritual verbunden, das einem heiligen Akt gleichkam: die Parkplatzsuche auf dem Lehrerparkplatz. Ein Ort, an dem die Gesetze der Physik regelmäßig ignoriert wurden. Heute war es besonders eng. Er manövrierte sich mit der Eleganz eines nervösen Nilpferds rückwärts in eine Lücke zwischen zwei SUVs, die aussahen, als gehörten sie entweder Biologielehrern mit Hang zur Outdoor-Pädagogik oder jungen Kollegen mit Leasing-Verträgen. Er stieg aus, blickte kurz gen Himmel und wurde prompt von einer Kollegin mit den Worten begrüßt: „Na Herbert, bereit für den pädagogischen Nahkampf?“
„Wie immer“, murmelte er mit einem müden Lächeln. Die Flure waren bereits voller Stimmen, Schritte, Gekicher und Rufe – ein akustischer Tsunami aus Begrüßungen, Orientierungslosigkeit und Adrenalin. Herberts Blick wanderte zur großen Uhr über dem Sekretariat. Noch acht Minuten bis zur ersten Stunde. Zeit, seine Ausrüstung zusammenzustellen: einen blauen Whiteboardmarker, zwei Kreidestücke (falls der Marker streiken sollte), Taschentücher (aus Gründen), und seinen antiken, aber zuverlässigen Tagesplaner, den er liebevoll „Chronos“ nannte.
Der Klassenraum war – wie erwartet – zu heiß, zu laut, zu bunt. Ein Willkommensschild hing schief über der Tafel, der Schulname war falsch geschrieben: „Herzlich Willkommen am Progymanasium!“ Herbert seufzte innerlich, rückte das Schild gerade und erinnerte sich daran, dass Pädagogik oft mit innerem Gleichgewicht beginne. Die neuen Fünftklässler saßen aufgeregt in ihren Stühlen – manche mit erwartungsvollem Grinsen, andere mit panischem Blick. Herbert stellte sich vor. „Ich bin Herr Ami. Und keine Sorge – Deutsch ist halb so schlimm, wie man denkt. Es hat nur viele Kommas.“ Lachen. Eine erste Hürde genommen.
Dann begann der Ernst: Namen lernen. Dreißig Kinder. Sechs davon hießen Finn. Fünf Lina. Dazu noch ein Neo, eine Smilla und ein Jayden-Leopold, der auf die Frage „Wie möchtest du genannt werden?“ antwortete: „Einfach JayLeo.“ Herbert machte Notizen, malte kleine Eselsbrücken in sein Heft – neben einem Namen stand ein gezeichnetes Nilpferd, neben einem anderen ein Müsli. Inmitten des Namensmeers wurde er von einer Schülerin unterbrochen, die wissen wollte, ob man mit Geschichte später bei TikTok berühmt werden könne.
„Nur wenn du sehr, sehr originell bist – oder Cäsar imitiert“, sagte er trocken. Die Klasse lachte. Und plötzlich war der Raum weniger laut, weniger nervös. Ein bisschen sogar... neugierig.
Die Stunde verging zwischen Stundenplanverwirrung, verlorenen Federmäppchen, einem allergischen Niesanfall wegen der Klassenpflanze und zwei kleinen Heulanfällen – einer davon fast von Herbert, als das Whiteboard sich weigerte, irgendetwas zu zeigen. Die ständige Frage: „Müssen wir das abschreiben?“ begleitete ihn wie ein Refrain.
Nach der dritten Stunde schleppte sich Herbert ins Lehrerzimmer. Ein Ort der Erschöpfung, aber auch der Kaffeeverheißung. Dort herrschte bereits reges Klagen: über zu große Klassen, zu kleine Beamer, zu viele Allergien und das neue digitale Klassenbuch, das angeblich intuitiv sei, aber nur, wenn man vorher ein Informatikstudium abgeschlossen hatte. Herbert setzte sich, goss sich einen weiteren Kaffee ein – diesmal mit Hafermilch, weil Hoffnung zuletzt stirbt – und schrieb in sein Notizbuch:
„Erster Tag überlebt. Erkenntnis: Fünftklässler sind wie ungebremste Einkaufswagen – voller Energie, aber ohne jede Steuerung.“
Doch dann geschah etwas, das den Tag rettete. In der Pause kam ein Mädchen zu ihm, sagte kein Wort, sondern drückte ihm ein selbst gemaltes Bild in die Hand. Darauf: ein Dinosaurier mit Brille, der auf einem Stapel Bücher saß und las. „Das bist du“, sagte sie. Herbert betrachtete das Bild lange, lächelte. Dann klappte er sein Notizbuch zu und murmelte: „Na gut. Auf ein Neues.“
Denn manchmal, ganz manchmal, funktioniert Schule. Trotz Kaffee, Kreide und Katastrophen. Und manchmal... ist das sogar schön.
Kapitel 2
Das Lehrerzimmer – Zoo mit Kaffee
Das Lehrerzimmer war ein Ort, der mehr soziale Spannungen aushielt als ein Familienurlaub mit Regen. Es roch nach Druckertinte, abgestandenem Kaffee und einer Mischung aus Idealismus und innerer Kündigung. Herbert Ami betrat es mit der eleganten Resignation eines Mannes, der wusste, dass man sich hier nur dann entspannt auf einen Stuhl setzen konnte, wenn man vorher eine soziopolitische Landkarte der Sitzgewohnheiten studiert hatte.
Frau Born saß wie immer am Fenster. Das war ihr Platz. Nicht offiziell, aber unausgesprochen gesetzlich verankert. Der Platz daneben war seit dem Vorfall mit Herrn Reimann im letzten Jahr frei – niemand wusste genau, was passiert war, aber seitdem roch dieser Stuhl leicht nach Pfefferminz und psychischer Instabilität.
Herr Ami ließ sich gegenüber nieder, an einem Tisch, auf dem drei halbvolle Kaffeetassen standen, jede mit einem anderen Stadium von Verwesung.
„Morgen, Ami“, brummte Herr Kiel, der Sportlehrer. Sein T-Shirt spannte an den Schultern, sein Blick war noch vor acht Uhr schon misstrauisch.
„Kiel“, nickte Herr Ami zurück. „Schon wieder übermotiviert?“ „Ich war heute um sechs joggen.“
„Aha. Ich war um sechs kurz davor, das Bett zu verklagen.“
Frau Born mischte sich ein. „Wir starten heute mit der neuen Achtsamkeits-Initiative. Hast du's gelesen?“ „Ich hab’s versucht. Aber dann kam mir ein Heftaufschrieb aus der 7a dazwischen, in dem das Wort ‚Scheiß-Metapher‘ fiel. Ich musste Prioritäten setzen.“
In diesem Moment betrat der Schulleiter das Lehrerzimmer. Herr Dr. Pfeffer, ein Mann mit der Ausstrahlung eines Beamtenkalenders und dem Gang eines schlecht gelaunten Rehs. Er trug wie immer einen Rollkragenpullover unter dem Sakko – ein Stil, der sich seit den 90ern hartnäckig in seiner Garderobe hielt.
„Guten Morgen“, sagte er und wartete exakt 1,5 Sekunden auf eine kollektive Antwort, bevor er mit seiner Tagesverlautbarung begann.
„Wir begrüßen heute unsere neue Kollegin Frau Sauter, Englisch und Kunst. Bitte nicht gleich verschrecken.“
Frau Sauter betrat das Lehrerzimmer. Jung, ambitioniert, mit einem Stundenplan, der aussah, als hätte man ihn im Rausch gewürfelt. Sie lächelte freundlich, setzte sich dann unwissentlich auf den „Born-Stuhl“ und wurde mit einem Blick gestraft, den man sonst nur bei Wildtieren unter Futterneid findet.
Herr Ami nippte an seinem dritten Kaffee des Morgens. Es war nicht ganz klar, ob er ihn wirklich trinken wollte oder ob er sich mit jeder Tasse versicherte, dass er noch einen Grund hatte, nicht einfach aus dem Fenster zu klettern.
„Wie war die 8b?“ fragte Frau Born.
„Ein Gedicht“, antwortete er. „Ein bisschen wie Schillers Die Glocke – dramatisch, laut und mit einer hohen Sterberate bei Nebensätzen.“
Draußen klingelte es zur zweiten Stunde. Das Lehrerzimmer leerte sich in einem gemurmelten Strom aus Seufzern, Stiftgeklapper und Thermoskannen. Herbert Ami stand auf, warf einen letzten Blick auf die immer noch blinkende Kopiermaschine – Papierstau. Öffnen Sie Fach 2. – und murmelte: „Fach 2 ist die Hölle. Und ich bin Orpheus ohne Lyra.“
Ein weiterer Tag hatte begonnen. Noch 199 bis zu den Sommerferien.
Kapitel 3
Projektwoche oder Projektwahn?
Wenn Schüler basteln dürfen, als gäbe es keine Noten – und Lehrer nur noch durchhalten.
Die Projektwoche – ein pädagogisches Biotop voller Hoffnung, Bastelkleber und leichtem Wahnsinn. Sie wurde jedes Jahr aufs Neue mit Begriffen wie fächerübergreifend, handlungsorientiert und lernzieloffen angekündigt – und endete regelmäßig in Klebestift-Katastrophen, Gruppendynamikdramen und mindestens einem Rettungswagenbesuch wegen Heißklebepistolen.
Herbert Ami wusste, was ihn erwartete. Er hatte über die Jahre viele Projektwochen überlebt: „Mittelalter erleben“ (niemand überlebte das Kaninchenragout), „Kunst aus Müll“ (seine Garage roch noch Wochen später nach Joghurtbechern), und „Gewaltfreie Kommunikation mit Tonfiguren“ (es endete mit einem Töpferunfall und einem Elterngespräch).
Dieses Jahr hatte er sich vorsorglich für ein Projekt angemeldet, das ungefährlich klang: „Lyrik und Alltag – Gedichte aus dem Schulhof.“
„Du willst mit pubertierenden Achtklässlern Gedichte schreiben?“ hatte Frau Born gefragt, „Warum nicht gleich Kamikaze-Tauchen mit der 9c?“
„Ich vertraue auf ihre kreative Energie“, hatte Herr Ami geantwortet. Was er meinte war: Ich wollte eigentlich das „Entspannter Rücken im Lehrerberuf“-Projekt. Aber das war schon voll.
Am Montagmorgen erschienen seine acht Projektteilnehmer mit dem Gesichtsausdruck von Kindern, die erfahren haben, dass es beim Kindergeburtstag nur Gemüsesticks gibt.
„Willkommen im Projekt ‚Lyrik und Alltag‘“, sagte Herr Ami. „Wir werden die Poesie des Schulhofs entdecken.“ „Was soll’n das heißen?“ fragte Jonas aus der 8b, der bereits in der ersten Minute einen Papierflieger mit dem Wort „Lyrik ist lame“ gestartet hatte.
„Es heißt, wir hören hin. Wir beobachten. Wir finden Worte, wo andere nur Pausengeräusche hören.“
„Also chillen?“
„Nein. Schreiben.“
„Aber mit WLAN?“
„Nein.“
Der erste Projekttag verlief wie erwartet: Drei Gedichte über den Hausmeister (Titel: Der mit dem Schlüssel kam), zwei über das Kioskangebot (darunter Ode an den Käselaugenstangenfetisch) und ein Haiku über das Klo im Altbau, das Herbert Ami tatsächlich beeindruckte:
Dunkel war die Tür.
Ich hatte nur noch zwei Blätter.
Bitte rette mich.
Am zweiten Tag brachte eine Schülerin ernsthaft ein Gedicht über ihren Hamster mit. Es begann mit den Worten: „Er war so rund wie mein Herz voller Schmerz.“ Danach folgte eine vierzeilige Beschreibung seines Fressverhaltens. Es war… speziell.
Am Mittwoch passierte das Unvermeidliche: Der Projektchor nebenan übte Shallow in Endlosschleife, der Raum roch nach Bastelkleber, und einer der Teilnehmer hatte heimlich angefangen, einen Rap über Frau Born zu schreiben, den Herbert Ami mit einem Blick verbot, der irgendwo zwischen „Ich unterrichte seit 24 Jahren“ und „Ich bin innerlich längst weggezogen“ lag.
Aber am Donnerstag… geschah etwas Seltsames.
Sie schrieben.
Still.
Konzentriert.
Und einer von ihnen – Jonas, der Papierfliegerrebell – reichte ihm ein Gedicht mit dem Titel Pausenbrot
