The Vandraren Stories - Michelle Mittag - E-Book

The Vandraren Stories E-Book

Michelle Mittag

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Beschreibung

Die vierzehnjährige Tamina lebt mit ihrer Familie im Herzen des Erzgebirges. Sie geht in die achte Klasse des örtlichen Gymnasiums und verbringt ihr Leben hauptsächlich damit, Bücher zu lesen oder sich mit Freunden zu treffen. Da platzt eines Tages ebenso plötzlich, wie unerklärlich, Alex in ihr Leben. Als Tamina sich auf dem Konzert ihrer Lieblingsband unversehens Auge in Auge mit dem Bassisten gegenübersieht, der ihr dann noch eine mysteriöse, rubinrote Kugel in die Hand drückt, beginnt die wohl abenteuerlichste Reise ihres Lebens ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Heute Nacht

In der hellen Sterne Schein

Zwei Schiffe

Anmutig im Flug gen den vollen Mond sollen sein

Und immerdar folge ich unserem Lied

Auf dass Magie den Pfad, den ich wandle, umgibt

© Foto: S. Arnold

Michelle Mittag, Jahrgang 1997, ist in Sachsen geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur 2015 studierte sie Europäische Geschichte. Während ihrer Elternzeit 2018/19 begann sie, ihre Romanideen aufzuschreiben.

In ihren Romanen setzt Michelle Mittag sich kritisch mit dem Thema Erwachsenwerden auseinander und lässt zudem auch persönliche Eindrücke aus ihrem Geschichtsstudium mit einfließen. Diese Elemente lassen in ihren Geschichten die Grenzen zwischen dem Realen und dem Fiktionalen auf fantastische Weise verschwimmen.

© 2021 Michelle Mittag

Autorin: Michelle Mittag

Umschlaggestaltung: Clara Vath

Layoutgestaltung: Sebastian Mittag

Satz: Michelle Mittag

Der Abdruck der Noten des Liedes „Stella Splendens“ (trad.) aus dem Llibre Vermell de Montserrat erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch Sven Kehrer, vertreten durch:

© SAXONIA Tonträgerproduktion, Verlag und Vertrieb GmbH

Voßstraße 5

08523 Plauen

Bearbeitung: Michelle Mittag, Sebastian Mittag

Verlag und Druck:

tredition GmbH

 

Halenreie 40-44

 

22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-08942-6 (Paperback)

 

978-3-347-08943-3 (Hardcover)

 

978-3-347-08944-0 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Es ist Nacht. Zwei Gestalten stehen auf einem Hügel und blicken hinab auf ein wütend tosendes Inferno, das den Himmel weithin rot und drohend erleuchtet und die nähere Umgebung in ein beinahe taghelles Licht taucht. Die Hitze der Flammen ist bis zu den schweigenden Beobachtern spürbar, obwohl diese bereits weitab der Szenerie stehen.

Schließlich hebt der Größere der beiden zu sprechen an und seine markante Stimme durchbricht den Augenblick. „Sie haben es tatsächlich getan. Ich hatte es nicht für möglich gehalten. Die armen Menschen. Auch wenn sie zum Feind gehören. So viele unschuldige Seelen.“

Sein Begleiter starrt ihn für einen Moment an, dann wendet er den Blick zurück auf die flammende Hölle unter ihm. Als er schließlich antwortet, ist seine Stimme zornig: „Du hast es ihnen wahrlich nicht zugetraut, Sadwyn? Ich habe dir doch prophezeit, dass es so geschehen würde. Ich habe es schon so oft erlebt, wie sich Menschen gegenseitig abschlachten wegen eingebildeter Differenzen und einer Handvoll Wahnsinniger, die sich wie die Könige der Welt aufführen müssen … Ich glaube, ich gebe auf. Ich verkünde hiermit offiziell, meinen Glauben an die Menschheit verloren zu haben.“

„Ach Arwan, das kann ich dir nicht abnehmen. Du hast nur leider in deinem Leben viel zu viele von solchen Leuten kennengelernt und was mit deiner Familie damals passiert ist …“

„Lass meine Familie da raus!“, schnappt die zweite Gestalt bissig, als in der Ferne plötzlich Flugzeugmotorengeräusche laut werden. „Wir sollten von hier verschwinden“, schließt er seinen Satz abrupt und seufzt genervt.

Mit einem letzten Blick auf das brennende Dresden wenden sich beide ruckartig ab und sind verschwunden.

65 Jahre später …

Der Wecker reißt mich mit einem lauten, für meinen Geschmack übermotivierten und daher unangebrachten „Piep–Piep–Piep“ aus dem Schlaf. Ich drücke mit mehr Wucht, als eigentlich notwendig gewesen wäre, auf die Ausschalttaste und setze mich auf. Es ist Montagmorgen. Bah. Ganz präzise gesprochen ist es Montagmorgen um Viertel nach sechs. Zeit zum Aufstehen, um den morgendlichen Spurt aus Anziehen–Frühstücken–zum–Bus–Rennen hoffentlich rechtzeitig vor der Abfahrt von Letzterem zu bewerkstelligen. Doch kurz kuschele ich mich noch einmal in die Laken. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und schaue mich in meinem Zimmer um. Die orange Tapete an der Wand, die vertrauten Borten mit den verschlungenen Blütenblättern und darüber an der Decke die Holztäfelung. Alles scheint wie immer. Außer, dass es sich seit einigen Nächten definitiv nicht mehr so anfühlt. Ich werde seit Tagen von Alpträumen geplagt – richtig miesen Alpträumen mit fiesen Typen, Monstern, meinem eigenen Beinahe–Ableben … dem ganzen Programm also. Jedoch fühlen sich diese Träume so real an, als würden sie mir ins Ohr flüstern: „Wir sind wahr, wir sind so geschehen!“ Doch das wäre einfach zu absurd gewesen.

Ich schäle mich aus meiner Decke und setze mich auf. Ich habe festgestellt, dass manche Details zum Glück ziemlich schnell wieder verblassen. An eines kann ich mich allerdings immer sehr deutlich erinnern: An eine eindringliche, und dennoch gleichzeitig auf merkwürdige Weise sanfte Stimme, die ruft: „Lasst sie in Ruhe!“ Danach sehe ich verschwommen die Konturen eines jungen Mannes, der sich vorsichtig über mich beugt. Seine kohlrabenschwarzen Haare fallen ihm ins Gesicht und seine ebenfalls schwarzen Augen blicken besorgt. Dann endet der Traum abrupt. Es bleibt mir lediglich als bitterer Nachgeschmack ein unerklärlicher Schmerz an meinem rechten Arm. Komischerweise genau an der Stelle, an der ich seit Kurzem eine zirka zwei Zentimeter lange Narbe habe, was mich doch sehr erstaunt. Ich achte im Allgemeinen gut auf mich und meinen Körper und müsste doch wissen, wo ich mir die geholt habe? Fehlanzeige, egal wie intensiv ich mich zu erinnern versuche, es gelingt mir nicht. Überhaupt fühle ich mich häufig noch schlapp und erschöpft, weil ich vor ein paar Tagen mit einer ziemlich heftigen Grippe zu kämpfen gehabt habe. Vielleicht kommt das diffuse Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben, ja daher. Seufzend schüttele ich die Gedanken an die letzte Nacht ab und begebe mich zurück in die Realität und in den Alltag Schule.

Es ist ein milder Frühsommermorgen und als ich aus der Haustür trete, strahlt mich die Sonne bereits enthusiastisch an. Vögel zwitschern und die Insekten in unserem Garten liefern sich ein Wettrennen zu den schönsten Blüten. Eigentlich wohne ich gern am Stadtrand in unserer gemütlichen und ruhigen Siedlung, doch um morgens zur Schule zu gelangen, muss ich immer extra zeitig aufstehen. Ich öffne die Gartentür, die ein rostiges Quietschen von sich gibt, und trete hinaus auf die noch stille Straße. Als ich die Gartentür schließe, bleibt mein Blick an den schönen, eingearbeiteten Verzierungen hängen. Mitten in der Tür sieht man ein paar Vögel, die sich im Flug umkreisen. Es ist bereits eine alte Handarbeit. Mein Vater sagt immer, dass dieses Motiv von unseren Vorfahren stamme, die den Hof erbaut haben.

Ich drehe mich um und marschiere die Straße entlang in Richtung Bushaltestelle. Trotz der warmen Sonnenstrahlen fröstele ich in meinem T–Shirt. Hier im Erzgebirge ist es doch immer etwas kälter als anderswo und ich freue mich darauf, in die bereits wärmere Stadt zu kommen. In der Ferne sehe ich den Schulbus auf die Haltestelle zufahren und lege für die letzten zweihundert Meter einen unfreiwilligen Sprint ein. Ich komme gleichzeitig mit dem Bus an der Haltestelle an und warte, bis sich die Türen knarzend öffnen.

Ich grüße kurz den Busfahrer – es ist meistens der Gleiche – und höre mir seine allmorgendlichen Kommentare bezüglich meiner Zeitplanung an. An sich ist Olé ein netter Kerl und so lache ich höflich und lasse mich dann auf einen freien Sitz am Fenster fallen.

Nun folgen zwanzig Minuten belangloses In–die– Landschaft–stieren und darauf warten, dass wir endlich ankommen. Die Monotonie dessen wird nur unterbrochen, wenn der Bus hält und neue, verschlafene Schüler selbigen betreten. Unsere Buslinie fährt um diese Uhrzeit nur für Schüler, die an mein Gymnasium wollen, daher kenne ich die meisten vom Sehen. Einige sind älter als ich, viele jedoch auch jünger. Ich liege mit meinen vierzehn Jahren recht gut im Mittel unseres bunten Sammelsuriums. Nachdem wir den letzten Schüler eingesammelt haben, fahren wir noch zirka fünf Minuten ohne Unterbrechung durch bis zur Schule.

Bisher hatte ich mich ganz gut beschäftigt gehalten bekommen, indem ich mich bemühte, nicht meinen Gedanken nachzuhängen, sondern mich stattdessen mit ganzem Interesse den einsteigenden Schülern und den Kommentaren unseres Busfahrers zu widmen. Doch auf diesem letzten Stück war das nicht möglich. Auch draußen gab es kaum Sehenswertes: Wir befuhren die langgezogene Umgehungsstraße, die uns bis fast an die Schultür bringen würde.

Und bevor ich mich zusammenreißen konnte, war ich in Gedanken versunken und grübelte erneut über meine merkwürdigen Träume nach. Was bedeutete das? Normalerweise glaubte ich ja nicht an Geister und Zauberer, aber diese Träume fühlten sich immer so real an. Und woher kam die Narbe an meinem Arm? Schlafwandelte ich etwa? War das der Grund? Das wäre ja noch schöner, wenn ich plötzlich im Schlaf durch die Gegend rennen würde! Oder waren das erste Anzeichen, dass ich durchdrehte und womöglich halluzinierte? Und diese Stimme …

„Lasst sie in Ruhe!“, hatte der junge Mann gerufen. Wen hatte er gemeint?

Eins

Plötzlich schreckte mich ein Rütteln an meiner Schulter aus meinen Gedanken auf. „Na, bist wohl eingeschlafen?“, fragte Olé.

Ich blickte hoch und sah, dass wir bereits an der Schule angekommen und sämtliche Schüler schon ausgestiegen waren.

„Hast wohl heute Nacht schlecht geschlafen?“, witzelte der Busfahrer weiter und sah mich dabei dann doch leicht besorgt an.

Ich hörte in der Ferne das Vorklingeln – die Ankündigung, dass der Unterricht in fünf Minuten losgehen würde – und stand ruckartig auf. „Nein danke, alles gut. Ich schreibe nur heute eine Mathearbeit, auf die ich keinen Bock hab.“ Mein dazu aufgesetztes Lächeln misslang auf ganzer Linie und Olé sah mir kopfschüttelnd nach, als ich mich an ihm vorbeiquetschte und den engen Gang bis zur Tür rannte.

Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig ins Klassenzimmer und setzte mich neben meine beste Freundin Marie.

„Was ist denn mit dir passiert, du hast ja ganz rote Flecken im Gesicht!“, begrüßte sie mich.

Na toll. Wenn selbst Marie etwas zu meinem Äußeren sagte, musste es wirklich schlimm um mich stehen. Normalerweise hielt sie sich mit solchen Bemerkungen immer sehr zurück. Marie war ein freundliches, allerdings auch sehr zierliches und schüchternes Persönchen und meist sehr vorsichtig in ihren Kommentaren. Wir kannten uns schon seit dem Kindergarten, richtig angefreundet hatten wir uns jedoch erst in der Schule. Sie wohnte ein kleines Stück von mir entfernt und deshalb waren wir beide überglücklich gewesen, als wir am Gymnasium in dieselbe Klasse kamen. Dennoch nervte mich ihr Kommentar jetzt.

„Was soll denn sein, mir geht es gut!“, schnappte ich deshalb etwas heftiger als geplant. Kurz darauf lenkte ich jedoch ein: „Ich hab heute Nacht einfach schlecht geschlafen und der Mathetest nachher …“ Ich brauchte den Satz nicht zu beenden. Marie wusste um meine Mathematikfähigkeiten, beziehungsweise deren permanente Abwesenheit.

Sie fuhr sich durch die kurzen, braunen Haare und nickte mitfühlend, als sie erwiderte: „Ich kann dich gut verstehen.“

Die Stunde hatte mittlerweile begonnen, doch unsere Geografielehrerin Frau Mertens war noch nicht erschienen. Geografie war schon seit der fünften Klasse eines meiner Lieblingsfächer und jetzt, da wir in der achten Klasse den Kontinent Amerika drannahmen, freute ich mich sehr auf die Stunde. Die große Landkarte des Doppelkontinents hing bereits neben der Tafel.

Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit von einer Bewegung mitten im Raum angezogen: Drei Mädchen in hautengen Tops und mindestens einer Tonne Make–up im Gesicht saßen auf den Bänken und machten sich nicht mal die Mühe, ihre Stimmen zu dämpfen, als sie nun über mich herzogen. „Guck doch mal ihre Haare an, die sind ja total zerzaust!“ Nun lachten die drei hämisch, während sie mich herablassend musterten.

„Ja und ihr Gesicht erst, lauter rote Flecken, als wäre sie durch einen Schwarm Bienen gerannt!“

Innerlich kochte ich vor Wut, doch nach außen hin ließ ich mir nichts anmerken. Es stimmte, dass ich nicht sonderlich beliebt war. Ich war eben Durchschnitt mit meinen halblangen braunen Haaren, den ebenfalls braunen Augen und der eher zierlichen, aber keinesfalls sportlichen, Figur. Sollten unsere Klassenqueens doch lästern, soviel sie wollten. Ich beschränkte mich darauf, Charlotte, Helena und Audrey einen bösen Blick zuzuwerfen und widmete meine volle Aufmerksamkeit dann wieder Marie, die mich noch immer besorgt von der Seite musterte.

„Es ist wirklich alles in Ordnung“, versicherte ich ihr mit Nachdruck und endlich entspannten sich ihre Gesichtszüge ein wenig. „Konntest du eigentlich wegen Freitag alles klären?“, schob ich noch hinterher, um endgültig das leidige Thema meines desaströsen Aussehens zu beenden.

„Oh ja“, sagte sie erfreut. „Mein Vater kann uns begleiten.“

„Wunderbar!“ Ich strahlte sie an.

Dann würde unserem Konzertbesuch diesen Freitag ja nichts mehr im Wege stehen. Da wir noch keine sechzehn waren, brauchten wir immer eine Begleitung, wenn wir etwas unternehmen wollten. Voll nervig, aber immerhin besser, als ganz daheim zu vergammeln. Diesmal sollte es auf ein Konzert gehen. Die Band hatte ich ausgesucht. Marie und ich hatten einen nahezu komplementären Musikgeschmack und um uns darüber nicht zu zerstreiten, hatten wir vor einiger Zeit einen Kompromiss getroffen – wir würden den Geschmack des jeweils anderen einfach akzeptieren und immer im Wechsel zu den Konzerten unserer Lieblingsbands gehen, sollten diese mal in die Nähe unserer gottverlassenen Gegend kommen.

Und endlich war es soweit. Nachdem ich vor einem halben Jahr mit Marie auf dem Konzert ihrer Lieblingsband, einer Symphonic Metal Gruppe – ja, wer hätte das gedacht? – gewesen war, sollte nun endlich ich an die Reihe kommen. Eine meiner Lieblingsbands würde in einer Klosterruine in der Nähe spielen, etwa eine Autostunde von hier entfernt. Ich freute mich schon wahnsinnig auf die Kulisse und die Atmosphäre, da diese bestimmt wunderbar zu dem Musikstil der Gruppe passen würde.

Das Geräusch der sich schließenden Klassenzimmertür hielt mich von weiteren Betrachtungen dieses Themas ab und als Frau Mertens uns mit einem Lächeln und einem freundlichen „Guten Morgen“ begrüßt hatte, war ich im Kopf wieder völlig bei Geografie. Also, so zu neunundneunzig Prozent – ein nagendes Gefühl in meinem Hinterkopf beschäftigte sich noch immer mit meinen Alpträumen und der geheimnisvollen Stimme …

Dennoch ging die Stunde schnell vorbei und auch danach nahm der Rest des Tages Fahrt auf. Bis zur letzten Stunde. Mathe. Trigonometrie. Ein Test. Und mittendrin eine völlig talent– und verständnisfreie Schülerin – Ich. Das klang doch mal wie der Auftakt zu einem Horrorfilm. Wurde es dann auch. Als ich nach fünfundvierzig Minuten mein Blatt abgab, fühlte sich mein Gehirn wie ausgequetscht an, obwohl ich doch kaum eine Frage hatte beantworten können. Ich schlurfte aus dem Schulgebäude – einem schmucklosen Kastenbau – und ging Richtung Bushaltestelle. Von Marie hatte ich mich bereits drinnen verabschiedet und so war ich nun ganz allein. Marie wohnte in der anderen Richtung und insgesamt auch näher an der Schule. Die Glückliche konnte mit dem Rad fahren, während ich in der mittlerweile unangenehm warmen Mittagssonne auf Olé und seinen klappernden Bus wartete. Um mich herum scharten sich immer mehr Schüler, die ebenfalls mit dem Bus fuhren. Sie lachten laut und scherzten miteinander. Ein paar Sechstklässler bespritzen sich gegenseitig mit einer Wasserflasche. Kinder.

Schließlich kam der Bus in Sicht. Als ich einstieg, musterte Olé mich über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg kritisch. „Na, was ist denn mit dir los? Da sahst du heute früh ja noch gut dagegen aus!“

Ich murmelte etwas von dem vergeigten Test und ließ mich dann von der Woge aus hereinströmenden Schülern weiter nach hinten tragen, bis ich schließlich einen freien Einzelplatz entdeckte. Ich lehnte den rechten Arm gegen das Fenster und zuckte vor Schmerz zusammen. Die Narbe war ganz rot und tat bei Berührung höllisch weh! Ich hatte den ganzen Tag keine Probleme gehabt, was rückblickend betrachtet wohl auch mit dem Umstand zusammenhängen könnte, dass ich Linkshänderin war. Ich biss mir auf die Lippe, um den Schmerz hinunterzuschlucken. Plötzlich sah die Narbe wieder ganz frisch aus … Wo kam die nur her?

Kaum Zuhause angekommen, schmierte ich sie dick mit Heilsalbe ein. Langsam ließ der Schmerz nach. Ich musste mich unbedingt zusammenreißen, bevor meine Eltern nach Hause kamen. Also machte ich das, was jeder in meiner Situation tun würde – ich setzte mich vor den Fernseher. Man konnte mich nicht unbedingt als fernsehsüchtig bezeichnen, aber ein kleines bisschen nach der Schule half immer, um erstmal abzuschalten.

Ich war so vertieft in das Programm, dass ich beinahe verpasste, wie sich die Haustür öffnete und meine Mutter hereinkam. „Hallo mein Schatz!“, rief sie schon, kaum dass sie den Flur betreten hatte.

Meine Mutter Selina war eine mittelgroße Frau mit braunen Haaren und einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Doch nun bildeten sich kleine Sorgenfältchen um ihre Augen, als sie mich musterte. Bitte nicht sie auch noch. „Was ist denn mit dir – “, hob sie an, doch ich kam ihrer Frage zuvor.

„Wir hatten heute einen furchtbaren Mathetest. Und ich hab noch ganz viele Hausaufgaben.“ In einer einzigen Bewegung schaltete ich den Fernseher aus, legte die Fernbedienung danach auf das kleine Tischen und floh an meiner Mutter vorbei in mein Zimmer, während sie mir verständnislos hinterhersah.

Draußen hörte ich meine kleine Schwester Mia toben. Meine Mutter hatte sie gerade aus dem Kindergarten abgeholt und schon rannte sie zum Sandkasten in unserem Garten. Mit ihren sechs Jahren würde sie schon recht bald in die Schule kommen, doch sie hatte so viel Energie, dass ich bezweifelte, dass sie auch nur eine Stunde lang würde ruhig sitzen können, geschweige denn einen ganzen Schultag. Ich sah ihr von meinem Fenster aus zu, wie sie den Hof überquerte. Ihre blonden Zöpfe wehten hinter ihr her, als sie nun zum Spielturm mit der Rutsche rannte. Sie war ja so anders als ich, mit meinen braunen Haaren und der eher zurückhaltenden Art. Aber dennoch liebte ich die Kleine über alles. Ich seufzte noch einmal tief und blickte auf meinen Arm. Komisch, jetzt ging es mit der Narbe wieder. Die Salbe hatte wohl geholfen. Warum ich mich nicht meiner Mutter anvertraute oder meinem Vater Gregor, der bestimmt auch bald nach Hause kommen musste? Ich weiß es nicht, ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend hielt mich davon ab.

Ich drehte mich eine Runde auf meinem Drehstuhl um die eigene Achse. Na gut, wenn ich hier schon grübelte, konnte ich auch gleich Hausaufgaben machen, wie ich meiner Mutter gesagt hatte. Also holte ich die Hefte heraus und versuchte, die Namen der nordamerikanischen Flüsse auf dem Arbeitsblatt einzutragen, doch ich konnte mich nicht konzentrieren und ertappte mich nach einer Weile dabei, wie ich nur noch gedankenverloren mit dem Bleistift über meinen rechten Unterarm strich. An der Innenseite konnte ich die leichte Erhebung der merkwürdigen Narbe spüren.

Eine gefühlte Ewigkeit später hörte ich die Tür erneut aufgehen und vernahm kurz darauf die Stimme meines Vaters, der meine Mutter und meine kleine Schwester begrüßte. Ich vernahm das überschwängliche Lachen Mias, als er sie wohl hochhob und im Kreis wirbelte, wie er es immer mit ihr machte. Danach hörte ich, wie Mia wieder in den Garten rannte. Als ihre Schritte auf dem Kies verklangen, ertönten von unten leise Stimmen.

„Ist Tamina auf ihrem Zimmer?“, fragte mein Vater.

„Ja, sie sagte, sie mache Hausaufgaben. Aber sie sah sehr müde aus, du solltest sie vielleicht im Moment nicht stören“, antwortete meine Mutter.

In Gedanken sandte ich ihr ein Küsschen für ihr Feingefühl und machte mich mit gemischten Gefühlen erneut an meine Hausaufgaben.

Als wir an diesem Abend alle zusammen beim Abendbrot saßen, kam das Gespräch natürlich auf meine vergeigte Mathearbeit. Zum Glück waren meine Eltern verständnisvoll. Sie wussten, dass meine Talente eher im künstlerischen denn im naturwissenschaftlichen Bereich lagen und so wurde ich nach ein paar Neckereien vonseiten meines Vaters nach dem Essen entlassen. Als ich schon fast an der Tür war, rief er mir dann noch nach: „Ach, Tamina?“

Ich drehte mich um. „Ja?“

„Wegen des Konzerts am Freitag, konntest du mit Marie alles Wichtige absprechen?“

„Ja, ihr Vater fährt uns und bleibt mit da“, antwortete ich.

„Na, dann ist ja alles gut“, entgegnete mein Vater beruhigt. „Du weißt, wenn ich nicht diesen Kongress am Wochenende hätte, wäre ich auch gern mitgekommen.“

„Natürlich doch!“, erwiderte ich lächelnd. Mein Vater hatte ein– bis zweimal pro Jahr teambildende Maßnahmen und dann fuhr seine ganze Firma übers Wochenende zu Fortbildungen und so. Leider fand dieses Event gerade am folgenden Wochenende statt. „Maries Vater ist ja zum Glück da.“

Mein Vater lächelte und nickte mir noch einmal zu.

Bevor ich ins Bett ging, klopfte es an meiner Zimmertür. Meine Mutter steckte ihren Kopf einen Spalt breit herein. „Darf ich kurz stören?“

„Na klar doch!“ Ich beeilte mich, mein Schlafanzugtop fertig überzustreifen, während sie auf meinem Drehstuhl Platz nahm.

„Ich wollte nur nochmal nach dir sehen, weil du heute Nachmittag so erschöpft ausgesehen hast“, begann sie zögerlich. „Aber jetzt siehst du schon wieder besser aus!“

„Jetzt fühle ich mich auch wieder besser“, entgegnete ich. „Es lag wirklich nur an der Mathearbeit.“

Meine Mutter nickte beruhigt und verließ nach einer kurzen Umarmung und einem Kuss auf meine Stirn mein Zimmer. Ich fühlte mich unwohl, ihr nicht die Wahrheit zu sagen, doch ich wusste nicht, was ich ihr hätte erzählen sollen. „Weißt du, ich schlafe nachts schlecht, habe Alpträume und ach ja, wenn wir gerade dabei sind, ich glaube, ich schlafwandele. Guck mal die neue Narbe an meinem Arm an, da bin ich möglicherweise oder auch nicht gegen die Wand gerannt!“ – wenn ich erreichen wollte, dass meine Eltern mich für verrückt hielten, könnte ich es nicht besser machen. Sie waren so schon besorgt genug, weil ich nur wenige Freunde hatte. Ich musste mit dem Thema endlich abschließen. Die Narbe würde ich weiter beobachten, aber die Alpträume waren einfach absurd.

Die nächsten Tage gelang es mir mal mehr und mal minder gut, mich an diesen Plan zu halten. Ich versuchte es trotz allem ruhig angehen zu lassen, weil ich nach meiner Krankheit noch immer nicht wieder richtig fit war.

Doch schließlich war die Woche um, meine Mutter, Schwester und ich verabschiedeten meinen Vater zu seinem Kongress und ich wartete darauf, dass Marie und ihr Vater mich einsammeln würden. Während ich wartete, schweiften meine Gedanken erneut ab. Wenn das so weiterging, würde ich bald neue Rekorde im Tagträumen aufstellen. Ich war doch sonst nicht so! Doch ein Vorfall vom Vormittag beschäftigte mich noch immer – es war in der dritten Stunde in Sport gewesen.

Wir hatten unter den gestrengen Augen Herrn Gisberts (alias Herrn Griesgrams) Bodenturnen geübt. Herr Gisbert war ein Lehrer vom „alten Schlag“, wie er sich selbst gern bezeichnete. Für uns Schüler bedeutete das, dass quasi jeder kleine Fehler akribisch vor der gesamten Klasse erörtert wurde, während Herr Gisbert merkwürdigerweise nie eine seiner Übungen selbst demonstrierte. Stattdessen beorderte er immer Schüler nach vorn.

Heute traf es mich. Ich sollte unter seiner Anleitung einen Handstand machen. In der Theorie war das ja kein Problem, auch wenn ich nicht sonderlich sportlich war. Gerade hinstellen, Arme nach oben, möglichst elegant nach vorn fallen lassen und dann mit den Beinen abdrücken. Anschließend galt es, das Gleichgewicht zu halten. Also stellte ich mich an der Turnmatte auf. Ich machte einen Schritt nach vorn und tauchte nach unten ab. Doch sowie meine rechte Hand die Matte berührte und ich mich abstützen wollte, spürte ich einen stechenden Schmerz durch meinen Körper jagen und mein Arm knickte weg. Ich legte eine unfreiwillige Seitwärtsrolle hin und fand mich plötzlich zu den Füßen unseres Lehrers wieder.

„Ungenügend!“, war dessen einziger Kommentar.

Ich rappelte mich auf, doch die Welt drehte sich noch eine Runde, bis ich wieder halbwegs sicher stand. Währenddessen führte unser liebreizender Sportlehrer aus, was ich denn seiner Meinung nach alles falsch gemacht hatte.

Mit einem Mal fühlte ich mich so erschöpft, als hätte ich bereits drei Stunden Sport hinter mir. Oder als hätte ich mit Grippe trainiert. Dabei hatte ich gedacht, ich sei schon wieder fit genug für den Sportunterricht! Wie dem auch sei, Herr Gisbert, der von meiner Vorstellung nicht sonderlich angetan war, hatte bereits einen anderen Schüler nach vorn beordert, um diesen weiter zu quälen. Ich schlich erschöpft und gedemütigt zurück neben Marie, die mich verunsichert anblickte.

„Was war denn das?“, fragte sie erschrocken. „Geht’s dir etwa nicht gut? Du bist so blass!“

„Es geht schon wieder“, entgegnete ich. Noch einmal tief durchatmen, dann stand ich wieder einigermaßen stabil. Nach der Stunde musste ich mich dann allerdings doch nochmal kurz auf der Toilette sammeln. Dabei begegnete ich natürlich – da machte sich wohl jemand über mich lustig – den Klassenqueens.

„Na sieh mal einer an“, begann Audrey, „wen haben wir denn da? Hat sich unsere alte Oma von ihrem Schwächeanfall erholt?“ Sie lachte hämisch und stieß mich in die Seite, bevor sie sich zusammen mit ihren Freundinnen an mir vorbeidrängelte.

Es stimmte, dass ich die Älteste in der Klasse war, da ich ganz kurz vor der Datumsgrenze, bis zu der Schüler pro Jahrgang aufgenommen wurden, geboren war. Doch ich war als kleines Kind so schmächtig gewesen, dass meine Eltern gekämpft hatten, dass ich erst mit sieben eingeschult wurde. Ich fand es ziemlich gemein, dass die Klassenqueens sich darüber lustig machten.

Den bitteren Nachgeschmack noch auf der Zunge, saß ich nun in der Küche und horchte, wann der Kombi mit meiner Freundin an Bord angerollt kommen würde. Mittlerweile ging es mir wieder halbwegs gut, worüber ich wahnsinnig erleichtert war. Niemals hätte ich das Konzert ausfallen lassen wollen!

Endlich hörte ich Motorengeräusche und bald darauf klingelte es. Ich sprang auf und eilte zur Tür. Kurz bevor ich Selbige aufreißen konnte, nahm mich meine Mutter nochmal bei Seite, um mir viel Spaß zu wünschen.

„Pass auf dich auf!“, rief sie mir noch hinterher, als ich mich bereits aus ihrer Umarmung gelöst hatte und auf dem Weg war.

Ich drehte mich halb um. „Mach ich!“ Dann war ich schon aus der Tür und fiel Marie vor Freude um den Hals.

„Ich bin ja so aufgeregt!“, rief ich ihr entgegen.

Marie lachte. „Das sieht man!“

Nebeneinander gingen wir zum Auto und nahmen auf der Rückbank Platz. Ich begrüßte Maries Vater und bedankte mich, dass er uns fuhr und begleitete.

Er lachte und entgegnete: „Gerne doch. Ich bin ja schon mal gespannt, was uns erwartet.“

Zunächst einmal erwartete uns ein mehrere hundert Meter langer Stau an der Parkplatzeinfahrt. Ich war so nervös, dass ich andauernd auf dem Sitz hin und her schaukelte, um vielleicht irgendwo die Klosterruine schon zu erblicken. Doch ich hatte kein Glück.

Wie uns einer der Parkeinweiser erklärte, mussten wir zunächst noch ein paar weitere hundert Meter zu Fuß gehen. Doch schließlich war auch das geschafft und wir standen vor dem Eingangstor – und am Ende einer zirka fünfzig Meter langen Schlange. Ich stöhnte genervt auf.

Marie belächelte mich erst und bedachte mich dann mit einem mitleidigen Blick. „Du kannst es wohl wirklich kaum erwarten, oder?“, fragte sie.

Nein, konnte ich nicht. Aber die Schlange bewegte sich im Schneckentempo vorwärts und so versuchte ich mich abzulenken, indem ich die Umgebung studierte. Die Klosterruine gab eine herrliche Kulisse ab. Sie erhob sich stolz nach allen vier Himmelsrichtungen und bildete einen wunderbaren Kontrast zu dem noch hell strahlenden Abendhimmel. Das Konzert sollte im Innenhof stattfinden und als wir schließlich das große Eingangsportal durchschritten, war ich schier überwältigt.

Wir saßen im vorderen Drittel und so konnte ich in alle Richtungen gut sehen. Eines der Gebäude war nur noch in seinen Grundmauern erhalten, sodass man einen Eindruck des ganz in der Nähe dahinter entlang rauschenden Baches erhaschen konnte.

„Die Vorband beginnt erst in einer halben Stunde zu spielen, wollen wir uns noch etwas zu Essen holen?“, riss mich die Stimme von Maries Vater aus meinen Gedanken.

Wir stimmten zu und standen – Überraschung – die nächsten zehn Minuten erneut in einer Warteschlange. Von den Bockwürsten schmeckte ich kaum etwas, so schnell schlang ich sie hinunter. Als wir endlich unsere Plätze einnahmen und die Vorband begann, ihre Instrumente vorzubereiten, prickelte mein ganzer Körper vor Vorfreude. Der Himmel war mittlerweile in ein unglaublich intensives Abendrot getaucht. Endlich ging es los!

Die feinen Härchen auf meinen Armen stellten sich auf und ich atmete aus. Unwillkürlich hatte ich den Atem angehalten. Von der Unterhaltung meiner Freundin und ihres Vaters bekam ich so gut wie nichts mit. Als die Vorband spielte, stimmte ich mich emotional auf meine Lieblingsband ein. Mit moderner Musik konnte ich kaum etwas anfangen, aber sobald ich die Klänge von Flöten, Klavieren und Schalmeien vernahm, war es um mich geschehen. Bei einigen Liedern schienen die Töne geradezu in der Luft zu schweben und dieses Gefühl verzauberte mich.

Denn so fühlte ich mich, wenn ich diese Songs hörte. Als könnte ich fliegen. Um mich herum brandete Applaus auf. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass die Vorband fertig war und sich die Musiker gerade verbeugten.

„Die waren gar nicht mal so schlecht“, befand Marie.

Ich nickte leicht, doch hielt den Blick starr auf die Bühne gerichtet.

Endlich! Nacheinander betraten die Musiker der Hauptband die Bühne. Tosender Applaus begrüßte sie. Es war ein recht großes Ensemble von acht oder neun Musikern. Jeder hatte sein Instrument, manche sogar mehrere verschiedene. Ich konnte Geigen, diverse Gitarren, Schalmeien und sogar eine Sackpfeife erblicken. Außerdem sah ich noch mehrere andere Instrumente, deren Namen ich nicht kannte.

Als alle bereit waren, wurde es kurz still. Plötzlich erklangen die ersten Takte und die Musiker setzten nacheinander ein. Schon nach wenigen Sekunden zog die Musik mich in ihren Bann und verzauberte mich. Die Zeit verging so schnell, dass es mir vorkam, als hätte die Band erst fünf Minuten lang gespielt, als bereits das letzte Lied vor der Pause angekündigt wurde. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um mein Lieblingslied.

Es wurde ganz still. Die ersten Töne erklangen. Die Musik schwoll immer weiter an, nur um dann abrupt wieder gedämpft zu werden und sich erneut aufzubauen und zu steigern. Ein aufgeregtes Prickeln durchfuhr mich. Für mich hatte diese Melodie etwas Magisches. Sie war auf eine Weise aufmunternd und voller Energie, die ich nicht recht in Worte fassen konnte. Doch wenn ich diese Melodie hörte, hatte ich das Gefühl, dass einfach alles möglich war.

Ich zuckte zusammen, als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich vor lauter Aufregung meine Fingernägel in meine Unterarme gekrallt hatte. Ich sah auf jeder Seite meiner Arme fünf halbmondförmige Kratzer und erkannte, warum ich zusammengezuckt war – ich hatte mit einem Finger auch meine Narbe erwischt … Ich atmete tief durch und realisierte, dass ich am ganzen Körper zitterte. War das normal? Ganz vorsichtig warf ich einen Blick nach links neben mich. Marie und ihr Vater klatschten begeistert mit, sie schienen nichts von meiner Situation zu bemerken.

Ruckartig wandte ich den Blick von den beiden ab und schaute gebannt nach vorn. Hinter der Bühne konnte ich direkt auf die Wand eines der Klostergebäude blicken, auf der sich die Silhouetten der Musiker widerspiegelten. Ich schaute wieder zurück auf die Bühne. Die Melodie begann sich noch einmal zu verändern. Plötzlich sah mich einer der Gitarristen direkt an – oder bildete ich mir das vielleicht ein?

Nein, der Bassist starrte mich aus etwa dreißig Metern Entfernung an! Ich kannte ihn definitiv nicht persönlich, da die Band aus dem Ausland war, und wusste somit zu einhundert Prozent, dass wir uns noch nie zuvor begegnet waren. Und dennoch schien die Zeit mit einem Mal stillzustehen, als sich unsere Blicke trafen. Alles um mich herum verschwamm und ich hörte die Musik nur noch so dumpf, als sei ich unter Wasser.

Er starrte mich mit einer Mischung aus Distanzierung und Besorgnis an, so als ob ich jeden Moment in Flammen aufgehen oder explodieren könnte. Doch nichts dergleichen passierte. Die Musik bäumte sich noch einmal auf. Und der Bann war gebrochen.

Es fühlte sich an, als hätte mir jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet.

Mein Sichtfeld wurde wieder klar und auch die Musik klang genau so wie vorher. Der Gitarrist wandte den Blick ab. Hatte denn niemand sonst etwas mitbekommen? Scheinbar nicht. Die Musik lief einfach weiter und auch mein Zittern ließ nach einer Weile nach. Da der Gitarrist seinen Blick von mir abgewandt hatte, bekam ich nun meinerseits die Gelegenheit, ihn ungestört beobachten zu können. Diese schwarzen Augen, der besorgte Blick, mit dem er mich gemustert hatte …

Nein, das konnte doch nicht sein, oder? Das alles erinnerte mich so sehr an die Gestalt aus meinen Alpträumen. Nur, dass der Typ hier locker doppelt so alt und seine Haare ganz anders waren, vielleicht nicht unbedingt länger, aber dafür um Einiges heller. Dennoch, der Blick war exakt der Gleiche. Ich beschloss, dass ich kurz meine Ruhe brauchte und so stürmte ich mit einer nur kurzangebunden Erklärung an Marie und ihren Vater davon, noch bevor die Melodie ganz verklungen war.

Ich hatte ihnen gesagt, dass ich zur Toilette wollte, bevor die ganzen Massen auch dahin strömten – nochmal Schlange stehen könnte ich nämlich an diesem Abend definitiv nicht ertragen. Und so bahnte ich mir bereits kurze Zeit später einen Weg durch die noch klatschende Menge in Richtung der ausgeschilderten Toiletten. Doch ich musste wohl irgendwo falsch abgebogen sein, denn plötzlich stand ich im Dunkel – es war mittlerweile Nacht geworden – und hörte ganz in der Nähe den Fluss vorbeirauschen. Das Klatschen und Rufen der Konzertbesucher war zu einem leisen Hintergrundgeräusch verklungen. Stattdessen zirpte und summte es um mich herum, als würden die Tiere hier am Fluss die aufziehende Nacht Willkommen heißen.

Ich schaute hinauf und konnte die ersten Sterne erahnen. Plötzlich glaubte ich, hinter mir eine Bewegung auszumachen. Doch ich entdeckte niemanden, als ich mich umwandte.

„Na, verlaufen?“, fragte plötzlich eine Stimme neben mir.

Ich fuhr wie von der Tarantel gestochen herum. Und da stand er. Wie er so schnell hierhergekommen war, war mir absolut schleierhaft, denn die Band hatte doch gerade erst ihr Lied beendet und sich unter tosendem Applaus in die Pause verabschiedet. Und dennoch stand er quasi direkt vor mir, kaum zwei Meter von mir entfernt – der Bassist, der mich vorhin so seltsam angeblickt hatte.

Er musterte mich von oben bis unten. Ich starrte zurück. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. So aus der Nähe betrachtet, war das hier definitiv nicht der Junge aus meinen Träumen – bis auf diese verflixten schwarzen Augen, die mich so eindringlich anschauten. Ganz so, als wollte er mir etwas Wichtiges mitteilen.

Schließlich hob er wieder zu sprechen an: „Insgesamt scheint es dir ja ganz gut zu gehen. Bis auf deinen Arm.“ Die Narbe war offenbar auch ihm nicht entgangen. Mit einem Wink hieß er mich, näher zu kommen.

Klingt bescheuert, aber ich trat einen Schritt näher zu ihm. Er berührte ganz leicht mit seinem rechten Zeige– und Mittelfinger die Stelle, und eine wohltuende Kühle breitete sich auf meiner Haut aus. So angenehm hatte sich die Narbe, seitdem ich sie vor ein paar Tagen entdeckt hatte, noch nie angefühlt. Ich schaute gebannt auf meinen Unterarm und blendete den Gitarristen beinahe vollständig aus, aber so ganz am Rande hatte ich das seltsame Gefühl, als ob seine Gestalt kurz verschwimmen würde. Doch noch bevor ich wieder aufschauen konnte, war es vorbei. Was war das denn eben gewesen?

Dann bemerkte ich das schöne Armband, das um sein rechtes Handgelenk lag. Es sah aus wie aus Leder gefertigt und die zarten Bänder waren liebevoll zu einem komplizierten, verschlungenen Muster verflochten worden. Zwei Bänder waren etwas länger als die anderen und hingen lose herab, so als ob sie als Verschluss fungierten. Der Fremde trat zurück, plötzlich wieder distanziert.

Erst jetzt fiel mir etwas anderes auf. „Du sprichst ja deutsch!“, platzte ich heraus – warum ich den Kerl duzte, war mir schleierhaft, aber schließlich hatte er das bei mir ja auch gemacht.

Der Gitarrist schaute mich verdutzt an und erst jetzt registrierte ich, dass sein Instrument scheinbar hastig quer über seinen Rücken geschnallt war und in dieser Position wirkte wie ein Schwert.

„Äh ja, ich spreche mehrere Sprachen“, sagte er wieder in akzentfreiem Deutsch. Dann richtete er sich auf. „Ich muss zurück, die anderen fragen sich sicher schon, wo ich bin. Doch vorher kann ich dir auch noch gleich das hier geben, es gehört ja dir.“

Mit diesen Worten reichte er mir eine rubinrote Kugel, die aussah, als sei sie aus Glas und sehr schwer und zerbrechlich. Erstaunlicherweise fühlte sie sich kühl und weich und überhaupt nicht schwer an.

„Außerdem“, sagte der Fremde, „gebe ich dir noch einen Rat mit auf den Weg: Du wirst dich bald entscheiden müssen, ob du aufhören oder weitermachen willst. Wähle weise.“ Nach diesen Worten wollte er sich gerade umdrehen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. „Ach ja, die Toiletten sind in der Richtung.“ Er deutete mit einem Kopfnicken in eine komplett andere Richtung als ich vorhin gegangen war, bevor ich hier gelandet war.

Als ich mich wieder zu ihm umwandte und mich bedanken wollte – und nebenbei fragen, wer zum Henker er sei und woher er wisse, dass ich die Toiletten suchte – musste ich feststellen, dass der mysteriöse Fremde spurlos verschwunden war. Als hätte er sich in Luft aufgelöst. Was war nur mit mir los? Ich konnte mir das doch nicht alles nur eingebildet haben, oder?

Die Kugel! Er hatte mir eine Kugel gegeben. Tatsächlich, da lag sie, etwa fünf Zentimeter im Durchmesser, auf meinem linken Handteller. Noch so etwas: Der Fremde hatte mir die Kugel ganz bewusst in die linke Hand gegeben, als wüsste er, dass ich Linkshänderin war. Oder war das auch nur Zufall gewesen? Er hatte auf jeden Fall ganz genau gewusst, wo er mich finden würde. Ich stand weit und breit allein hier am Fluss, niemand sonst von den Konzertbesuchern hatte sich hierher verirrt.

Ich starrte noch einmal irritiert auf die leuchtend rote Kugel und noch während ich mich fragte, was sie wohl darstellte und wo ich sie verstauen sollte, schrumpfte die Kugel plötzlich vor meinen Augen und schien in meine Hand einzusinken, bis sie gänzlich verschwunden war. Also ehrlich, jetzt war ich wirklich ganz, ganz kurz vorm Durchdrehen. Ich musste mir dringend einen Spritzer kaltes Wasser ins Gesicht schaufeln, um mich zu beruhigen.

So ging ich in die Richtung, die der Fremde mir gewiesen hatte und kam schon nach kurzer Zeit bei den Toiletten an. So kurz vor Ende der Pause war hier nur noch wenig Andrang. Ich hatte nicht bemerkt, wie viel Zeit vergangen war. Hastig spritzte ich mir einen Schwall kaltes Wasser ins Gesicht und konnte schon wieder etwas klarer denken. Danach eilte ich, so schnell ich durch die Menge kam, zurück zu Marie und ihrem Vater, die bereits besorgt nach mir Ausschau hielten. Erleichtert registrierten sie, dass ich wieder zurück war und stellten zu meinem großen Glück keine Fragen.

Von der zweiten Hälfte des Konzerts bekam ich so gut wie nichts mit. Ich starrte die ganze Zeit den Bassisten an und traute mich kaum zu blinzeln, doch er sah mich nicht ein einziges Mal während des ganzen restlichen Auftritts an. Nach der letzten Zugabe war er dann auch schneller als alle anderen hinter der Bühne verschwunden.

Marie und ihr Vater waren ebenso müde wie ich, wenn auch aus anderen Gründen. Die beiden hatten aus voller Kehle die letzten Wiederholungen mitgegrölt, obwohl sie den Text gar nicht kannten. Ich glaube, die Mittelalterband hat seit diesem Tag ein paar neue Fans. Ich hingegen war in Gedanken immer noch bei meiner seltsamen, und möglicherweise eingebildeten, Begegnung und bekam daher nicht wirklich viel davon mit, was Marie und ihr Vater auf dem Rückweg über das Konzert zu sagen hatten. Es schien ihnen wohl gefallen zu haben.

Ich war unheimlich dankbar, als sie mich schließlich weit nach Mitternacht an meinem Elternhaus absetzten. Sie warteten noch, bis ich sicher drinnen angekommen war und die Tür hinter mir verriegelt hatte, dann hörte ich den Kombi davonfahren. Auf der Treppe im Flur lag ein Zettel, auf dem stand:

Meine liebe Tamina, ich wollte so gern aufbleiben und mir ganz genau anhören, wie das Konzert war, doch ich glaube, ich werde schon schlafen, wenn du nach Hause kommst. In dem Fall reden wir morgen darüber! Schlaf gut, Mama

Zum Glück war sie schon schlafen gegangen! Mir entrang sich ein Stoßseufzer der Erleichterung. In Windeseile hatte auch ich mich bettfertig gemacht und lag in den Federn. Noch bevor ich die Geschehnisse des Tages komplett Revue passieren lassen konnte, war ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. In dieser Nacht hatte ich zum ersten Mal seit Tagen keine Alpträume.

Zwei

Die Sonne weckte mich mit ihren warmen Strahlen, die mich auf meiner Nase kitzelten. Ich stöhnte verschlafen auf und wollte mich gerade noch einmal genüsslich umdrehen – schließlich war Samstag und ich konnte ausschlafen – als die Ereignisse des gestrigen Abends langsam in mein Bewusstsein rieselten.

Als hätte mir jemand einen Stromschlag verpasst, saß ich hellwach im Bett. Mein Herz raste. Das Konzert, diese merkwürdige Begegnung mit dem Gitarristen … War das etwa wirklich passiert? Ich versuchte mich zu orientieren. Da, auf dem Nachttisch lag noch meine entwertete Konzertkarte. Es war also wirklich real. Ich atmete tief durch, um mich zu beruhigen. Was war da nur geschehen? Die Sonnenstrahlen ließen die kleinen Staubteilchen in der Luft flimmern … flimmern – was war da noch? Irgendein Gedanke pochte in meinem Hinterkopf.

Ach ja, die Kugel, die mir der Fremde gegeben hatte; die hatte auch durchscheinend geleuchtet, als hätte sie versucht, das Licht der Sterne einzufangen. War sie gestern wirklich in meine Hand eingesunken? Das war doch technisch gesehen gar nicht möglich! Aber ich erinnerte mich genau an das Gefühl des kühlen Materials auf meinem Handteller. Ich starrte meine linke Hand an und probierte, mir das Gefühl von gestern Abend wieder ins Gedächtnis zu rufen. Mir vorzustellen, wie die Kugel da lag. Und noch wie ich in meine Anstrengungen versunken war, materialisierte sich die rubinrote Kugel wie aus dem Nichts in meiner Hand!

Ich schrie vor Schreck auf und machte einen Satz, sodass die Kugel von meiner Hand auf den Boden fiel und über den Teppich kullerte. Sie dotzte mit einem leichten „Plopp“ gegen meinen Schreibtisch in der anderen Zimmerecke und blieb dann liegen. Zitternd stand ich auf und durchquerte den Raum. In der Mitte des Raums blieb ich ruckartig stehen und hielt den Atem an. Wenn nur niemand meinen Schrei gehört hatte! Wie sollte ich meiner Schwester – oder noch besser meiner Mutter – das Vorgefallene erklären? Doch es blieb alles still.

Ich legte die restlichen drei Schritte nun schneller zurück und hob die Kugel auf. Fast hatte ich das Gefühl, als ob merkwürdige Schwingungen von ihr ausgingen. Oder als ob sie eine seltsame Macht ausstrahlte. Wo war sie nur hergekommen? Ich sah noch bildlich vor mir, wie die Kugel gestern Abend in meine Hand eingesunken war.

Da! Kaum dass ich mir das Szenario erneut vorstellte, geschah es wieder. Die Kugel schrumpfte, bis sie nur noch etwa die Größe einer Murmel hatte, und war gleich darauf in meiner linken Hand verschwunden. Hatte es mit meiner Vorstellung zu tun? Ich stellte mir erneut vor, wie die Kugel aus meiner Hand auftauchte – und zack, da war sie wieder! Ich wiederholte den Prozess noch ein paarmal, bis mir bewusst wurde, wie abgefahren das hier alles war. Ich beließ die Kugel in meiner Hand – oder wo auch immer – und hatte nun aber das Gefühl, ihre Präsenz noch nachhallen zu spüren. So, als würde eine sanfte Energie durch meine Blutbahnen fließen.