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Wenn aus den Trümmern der Vergangenheit eine neue Zukunft entsteht.
Sutton hat den ersten Sprung in die Unabhängigkeit gewagt und ist in ein Studentenwohnheim gezogen. Finanziell wird sie allerdings weiterhin von ihren wohlhabenden Großeltern unterstützt, die im Gegenzug dafür jedoch einige Erwartungen an sie stellen, die manchmal nur schwer zu erfüllen sind.
Eines Tages entdeckt Sutton im strömenden Regen einen jungen Mann am Straßenrand und bietet ihm ihre Hilfe an. Sutton und Alistair fühlen sich sogleich zueinander hingezogen, weswegen sie gemeinsam ihre nassen Kleider trocknen und für einen Moment lang unbesorgt das Leben feiern.
Doch ihre aufkeimende Liebe wird auf eine harte Probe gestellt. Alistair kämpft mit Schuldgefühlen und weiß, dass Sutton sich von ihm abwenden würde, wenn sie die ganze Wahrheit über ihn und seine Familie erfährt …
Der New Adult Liebesroman “The Way He Acts” ist der zweite Band der “The Way You Are”-Reihe voller Spannung, Gefühl und dem holprigen Weg, sich selbst zu finden. Für Fans von Forbidden Love Dynamik und Slow Burn.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
THE WAY YOU ARE
BUCH ZWEI
Verlag:
Zeilenfluss Verlagsgesellschaft mbH
Werinherstr. 3
81541 München
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Texte: Bella Paasch
Cover: Zeilenfluss
Satz: Zeilenfluss
Korrektorat:
TE Language Services – Tanja Eggerth, Johannes Eickhorst
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Alle Rechte vorbehalten.
Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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ISBN: 978-3-96714-457-4
Liebe Leser*innen,
"The Way He Acts" enthält potenziell triggernde Inhalte.
Für den Fall, dass du sie brauchst,
findest du die Triggerthemen unter zeilenfluss.de/product/the-way-he-acts/,
da sie Spoiler für das ganze Buch enthalten.
Für alle,
die einfach nur
genug sein wollen.
Ich habe mir nicht ausgesucht, mich in dich zu verlieben. Aber ich habe beschlossen, für dich da zu sein und für dich einzustehen, dir zu zeigen, dass du es wert bist.
Ich habe erkannt, dass ich dich nicht verlieren kann.
Und ich habe verstanden, warum.
Warum du verschwunden bist. Warum du manche Dinge tust, die man auf den ersten Blick nicht verstehen kann. Warum du mir nicht mehr glaubst. Warum du nicht mehr an meiner Seite bist. Warum du glaubst, ich sei besser ohne dich dran.
Vielleicht mag das ja sogar stimmen. Es könnte leichter sein. Ich könnte jemanden anderen finden, mich in ihn verlieben, gemeinsam unsere Zukunft planen, dich vergessen.
Ich könnte zufrieden mit ihm sein.
Doch er wäre nicht du. Jemand anderen als dich will ich nicht. Du bist es, den ich in meinem Leben haben möchte. Ich möchte es nicht leicht haben. Nicht, wenn ich dann auf dich verzichten müsste.
Deswegen sitze ich hier jetzt seit fast einer Stunde allein an unserem Platz und warte darauf, dass du dir aussuchst, mich zu lieben. Beschließt, all diesen Menschen mit hoch erhobenem Kopf den Mittelfinger zu zeigen und ihnen keine Macht mehr über dich zu geben.
Verstehst, dass du es wert bist.
Denn du bist genug, Alistair.
Ich habe mir ausgesucht, dich so zu lieben, wie du bist.
Du musst es nur noch selbst erkennen.
Was für ein absoluter Scheißtag.
Der Regen prasselt unaufhaltsam auf mich herab und meine Laune sinkt bloß noch weiter ins Unermessliche, während ich auf mein inzwischen etwas mitgenommenes Auto zulaufe. Lange kann ich den Besuch in einer Werkstatt nicht mehr aufschieben. Mich würde es nicht einmal mehr überraschen, wenn es gleich einfach den Geist aufgeben würde. Der Tag war so oder so schon die reinste Katastrophe, dass ich den nur noch so schnell wie möglich hinter mich bringen will.
Da möchte man nur helfen und macht trotzdem alles falsch. Wieder mal absolut typisch. Sutton, tu ja dies nicht, tu das nicht. Mische dich nicht ein, aber kannst du vielleicht trotzdem das machen? Womit ich mich dann übrigens sehr wohl einmischen würde. Echt jetzt, ich kann es nicht mehr hören. Und meine jüngste Schwester Lily ist echt noch sauer auf mich, weil ich ja so selbstsüchtig wäre. Das hat sie sicherlich von Mom aufgeschnappt, wenn ich mal wieder handle, wie es nicht in ihren Kram passt. Nicht falsch verstehen, ich habe sie lieb, genauso wie meine beiden Halbschwestern, aber manchmal zerren sie unglaublich an meinen Nerven.
Im Auto angekommen, werde ich erstmal meine Jacke los, denn sie klebt wie eine zweite Haut an meinen Armen. Genau wie meine Jeans, die ich zuhause gleich als Erstes gegen etwas Bequemeres einwechseln werde. Und dann werde ich mich unter eine Decke kuscheln, mir Musik anmachen und einen Moment lang die Ruhe genießen. Wenn es nach mir ginge, würde ich schon die Heizung voll aufdrehen. Doch das ist für gerade mal Anfang Herbst vielleicht ein wenig zu früh, um es vor meinem Gewissen zu rechtfertigen.
Ich werfe nochmal einen letzten Blick in den Rückspiegel, zurück zu dem kleinen Haus, das zwanzig Jahre auch mein Zuhause war, bevor ich letztes Jahr ins Studentenwohnheim umgezogen bin. Lily steht nicht wie sonst immer am Fenster, um mir zuzuwinken. Gut, dann soll sie halt schmollen. Damit kann ich leben. Meg war mit vierzehn eindeutig umgänglicher als unsere jüngere Schwester jetzt.
Ich seufze einmal laut auf, ehe ich mein Auto starte und mich endlich auf den Weg zurück mache. Zu meinem Glück ist es ohne Theater angesprungen.
Unterwegs schalte ich das Radio ein, das mehr Rauschen als Musik von sich gibt. Mittlerweile stört es mich nicht einmal mehr und obwohl eine Bluetooth-Funktion ein Traum wäre, könnte ich mich nur schweren Herzens von diesem Auto trennen. Mir graut es schon vor dem Tag, an dem wir notgedrungen getrennte Wege gehen müssen.
Ich hänge wirklich sehr an diesem Teil, das einmal meinem Dad gehört hat und nicht von meinen Großeltern an sich gerissen wurde. Er hat es von dem Lohn seines ersten Jobs zum Missfallen meiner Großeltern gekauft. Es war gebraucht und passte so gar nicht zu ihnen. Fast hätten sie es nach seinem Tod verschrotten lassen, wäre Mom damals nicht rechtzeitig dazwischengegangen. Das war sicherlich auch das einzige Mal, dass Dads Eltern bei einem Wunsch von Mom nachgegeben haben. Sie sind wirklich kontrollsüchtige Tyrannen. Der bloße Gedanke an die ellenlange Diskussion darüber, dass ich Fotografie studieren will und nichts ›Anständiges‹, da sie ja die Gebühren zahlen, verursacht bei mir noch immer Albträume. Der Deal, der daraus entstand, lässt mich jeden Sonntag vor ihrer Haustür stehen, gefolgt von einem recht wortkargen und unangenehmen Dinner.
Andererseits muss ich leider zugeben, dass ich ohne ihr Geld aufgeschmissen wäre, zumindest bis ich an meinen Treuhandfonds in ein paar Jahren komme.
Die Studiengebühren in diesem Land sind wirklich die Hölle. Also halte ich mich an unseren Deal und bin die liebe Enkelin, die sie sich immer gewünscht haben. Minus des Kleidungsstils, den sie für vorzeigbar halten. Diesem beuge ich mich nur bedingt. Niemand bekommt mich für ein Essen in ein Kleid voller Rüschen. Da liegen dann nämlich echt meine Grenzen. Wenn schon ein Kleid, dann eins, das mir gefällt. Dummerweise unterscheiden sich da unsere Meinungen.
Ich habe gerade das Ortsschild von Fairway nach Mission Hills passiert, als mir eine Person liegend im Gras nahe des Baches an der Straßenseite auffällt. Wer liegt denn bitte bei diesem Wetter einfach dort herum? Schnell werfe ich nochmal einen Blick zurück. Regt derjenige sich überhaupt?
Ich wende mich wieder der Straße vor mir zu, denn das ist nicht meine Angelegenheit und ich wollte schließlich auf direktem Weg nach Hause. Aber in mir protestiert es lautstark. Was, wenn die Person Hilfe braucht? Ich kann doch nicht so dran vorbeifahren, oder?
Ach, verdammt nochmal! Prompt halte ich den Wagen, denn um hier zu drehen, ist die Straße zu schmal und ehe ich einen Ort zum Wenden finde, bin ich zu Fuß schon dreimal dort. Ich checke, ob ich mein Handy nicht vergessen habe, und greife nach der Ersatzjacke, die immer auf der Rückbank liegt. Eventuell habe ich einen kleinen Jackentick und habe viel zu viele überall herumfliegen.
Noch während ich in die Lederjacke schlüpfe, verlasse ich das Auto und laufe zu der Stelle, an der die Person liegt. Als ich näher komme, kann ich erkennen, dass es ein junger Mann – vielleicht in meinem Alter – ist. Seine Brust hebt und senkt sich langsam und gleichmäßig auf und ab, was mich schon mal erleichtert aufatmen lässt. Ich weiß nicht, ob ich es gut verkraftet hätte, wäre es nicht so.
Ein paar Schritte von ihm entfernt bleibe ich schließlich stehen. Er hat mich entweder nicht bemerkt oder ignoriert mich, denn seine Augen sind durchgehend geschlossen. »Hey, ist alles okay bei dir?«
Ich bin ein Arschloch.
Und ich habe es vermasselt. Mehrmals.
Diese Erkenntnis hat sich schon seit mehreren Wochen in meinem Kopf verankert. Leider etwas zu spät, um es wieder geradezubiegen, damit alles wieder wie früher wird. Vermutlich habe ich mit dieser dämlichen Aktion meine Freundschaft zu meinen beiden besten Freundinnen Reverie und Kara vollständig in den Sand gesetzt. Ich weiß nicht, ob das schlimmer ist oder noch die Tatsache, dass ich vielleicht doch immer mehr wie mein Vater werde. Obwohl ich mir schon vor Jahren geschworen habe, ihm nicht auch nur im Geringsten zu ähneln. Und dass ich mich an mein Versprechen an mich selbst nicht einmal halten konnte, macht mir zugegeben eine wahnsinnige Angst.
Und dann reißt mich plötzlich eine laute Stimme aus den Gedanken, die für einen kurzen Augenblick das Geräusch des andauernden Regens durchbricht. Ich zucke zusammen, weil ich hier niemanden erwartet habe, öffne die Augen und richte mich auf.
»Bist du irgendwie verletzt oder so?«, fragt sie erneut mit einem Hauch von Besorgnis. Das Erste, was mir schrägerweise in den Kopf kommt, ist, ihre Stimme klingt wirklich toll. Irgendwie weich und warm und beruhigend. »Soll ich einen Krankenwagen rufen?«
Okay, offensichtlich muss ich hier einen etwas seltsamen Anblick von mir geben, weswegen ich mich räuspere und antworte: »Nein, alles okay.« Dann drehe ich mich mit dem Oberkörper zu der Frau um.
Der Regen hat sie von Kopf bis Fuß bereits völlig durchnässt und ihr langes rotes Haar klebt zum Teil an ihrer einen Wange. Als sie meinen Blick bemerkt, streicht sie es sich mit beiden Händen hinters Ohr. »Okay, gut.« Sie schiebt sich nun die Hände in ihre Jackentasche und wippt einmal auf ihren Füßen auf und ab. »Dann habe ich hiermit meine Pflichten als gute Bürgerin wohl erfüllt. Schön, dass du keine Leiche warst. Also …«
So scheiße meine Gedanken vor ihrem Auftauchen auch waren, kann ich nichts dagegen unternehmen, dass mein einer Mundwinkel nach oben wandert. »Danke, dass du trotz deiner Befürchtung nachgeschaut hast.«
»Gerne, na dann, man sieht sich.« Sie dreht sich auf ihren verdreckten Chucks um, was mein Zeichen ist, mich wieder zurück ins Gras zu legen.
Zugegeben, von Weitem muss ich wirklich wie eine Leiche ausgesehen haben. Und wenn nicht das, zumindest sehr schräg. Da muss man ihr hoch anrechnen, dennoch näher gekommen zu sein. Vermutlich hätte ich selbst das nicht getan.
»Ich weiß, das geht mich echt nichts an«, ertönt erneut ihre Stimme, und ich bemerke, dass sie sich neben mich fallen lässt. »Aber du wirst dir echt ’ne miese Erkältung holen, wenn du hier weiter herumhockst.«
Ich lasse eine Augenbraue nach oben wandern. »Stimmt, geht dich nichts an.« Mit dem anderen liegt sie andererseits leider auch richtig, und ich hätte hier schon vor zehn Minuten verschwinden sollen, als es plötzlich geschüttet hat.
Aber ich dachte, das wäre vielleicht ein Zeichen des Universums zu meinem Verhalten. Karma und so.
»Scheinbar kommt mein Helfer-Syndrom gerade wieder voll raus«, murmelt sie seufzend vor sich hin. »Soll ich dich irgendwo absetzen? Mein Auto steht dort drüben, aber ich habe hier kein anderes sonst gesehen«, schlussfolgert sie richtig, dass ich ohne hier bin.
Ich sehe sie einen Augenblick einfach nur an, ehe ich schließlich das Gegenteil von dem sage, was ich eigentlich wollte. »Klar.«
Sie blinzelt ein paarmal überfordert, als hätte sie selbst ebenfalls nicht mit einer Zustimmung gerechnet. Doch sie fängt sich sogleich wieder, nickt bekräftigend und steht auf. »Na dann mal los.« Auffordernd streckt sie mir eine Hand entgegen.
Zögernd ergreife ich sie und lasse mich mit ihrer Hilfe auf die Beine ziehen, sodass ich ihr einen kurzen Moment sehr nahekomme, bevor ich einen Schritt zurücktrete. Jetzt, wo wir uns beide gegenüberstehen, merke ich, dass sie nicht mal einen halben Kopf kleiner ist als ich. Vielleicht sogar noch etwas weniger als das, wenn man bedenkt, dass wir auf keinem geraden Boden stehen und es zum Bach leicht bergab geht.
Unsere Hände lösen sich wieder voneinander, und sie nickt mit dem Kopf etwas weiter nach rechts die Straße rauf. »Dann los geht’s, ich stehe dort hinten.«
Ich bleibe immer einen halben Schritt hinter ihr, als wir zu dem Auto gehen, weil ich mir noch immer nicht sicher bin, was ich hier überhaupt tue. Entweder ist das eine wirklich beschissene Idee, die ich bereuen werde, oder die Lösung all meiner Probleme. Letzteres ist wohl dann doch eher etwas hoch gegriffen.
An ihrem Auto angekommen, schließt sie es auf ihrer Seite auf, aber als ich bei mir die Tür öffnen will, gibt sie nicht nach. Mit hochgezogener Augenbraue werfe ich einen Blick über das Autodach. Ich brauche gar nichts sagen, sie weiß augenblicklich, was ich meine.
»Oh ja, warte. Die Tür geht von außen irgendwie nicht mehr auf.« Sie klettert ins Auto und beugt sich im Inneren über den Beifahrersitz, um mich reinzulassen. »Sorry dafür.« Sie lächelt entschuldigend, als ich mich zu ihr setze.
»Kein Problem.« Immerhin müsste ich ohne sie jetzt weiter durch den kalten Regen zurücklaufen.
»Also, wo soll es hingehen?«, fragt sie, als wir losfahren.
Ich fahre mir durch die nassen Haare, die an meiner Stirn kleben. »Soll ich ehrlich sein?«
Sie nickt auffordernd. »Natürlich.«
»Ich habe keine Ahnung, wohin«, gebe ich zu und wage es nicht, dabei in ihre Richtung zu schauen.
»Also eher nicht zu dir?«
Ohne überlegen zu müssen, schüttle ich den Kopf. »Eher nicht.« Zuhause ist gerade der letzte Ort, an dem ich sein will. Und meine sonstige Zufluchtsstelle habe ich mir in der letzten Zeit selbst verbaut. Ich kann es Reverie und Kara nicht einmal verübeln, dass sie gerade kein Wort mit mir wechseln. Auch wenn ich schon beobachten konnte, wie Kara das ein oder andere Mal in der Schule auf mich zukommen wollte und sich im letzten Moment doch noch anders entschieden hat.
Wir verfallen in Schweigen, und als ich schließlich zu ihr sehe, erkenne ich, dass sie nachdenkt. Wir halten an einer der wenigen roten Ampeln, die dieser Ort zu bieten hat, als ein paar Momente später meine neue Bekanntschaft wieder die Stille durchbricht. »Ich schätze mal, du hast einen Scheißtag gehabt.«
Ich lache humorlos auf. »Kann man so sagen.«
»Gut, ich genauso.« Sie nickt zustimmend und nagt dann nachdenklich an ihrer Unterlippe, ehe sie sich mir mit einem entschlossenen Ausdruck in den Augen zuwendet. »Hast du Lust, tanzen zu gehen?«
Wohl kaum. Das schießt mir gleich als Erstes durch den Kopf. Und dennoch antworte ich wieder einmal anders als gedacht. »Warum eigentlich nicht.«
So klatschnass lässt man uns in keinen Club rein. Und vermutlich würden wir uns in den Sachen zusätzlich sicherlich die eben noch angekündigte Erkältung holen. Also bin ich kurzerhand zum Studentenwohnheim gefahren, in der meine WG ihr Zuhause hat. Da meine Begleitung ja nicht nach Hause wollte, stehen wir jetzt vor dem gegenüberliegenden Apartment, das unter anderem der Bruder meiner einen Mitbewohnerin bewohnt. Ich hatte die Hoffnung, dass er uns was von seinen Klamotten leihen könnte, aber natürlich macht niemand auf. Pff, hätte ich mir denken können. Die sind gerade wahrscheinlich selbst unterwegs, wenn nicht sogar im gleichen Club, den ich im Kopf habe. Am ersten Freitag im Monat gibt es dort schließlich immer die Getränke zum halben Preis. Deswegen wirkt es auf dem Flur gerade wie ausgestorben.
Ich drehe mich von der Tür weg, als nach dem nächsten Klopfen weiterhin nichts geschieht. »Wir können deine Sachen sonst einfach schnell in den Trockner hauen.«
Er hebt skeptisch eine Augenbraue. »So schlimm sind die Klamotten doch gar nicht.« Gleichzeitig wandert sein Blick an ihm selbst herab, und nun bin ich es, die die Augenbraue in die Höhe zieht.
»Wetten, das Shirt könnte man auswringen?«
»Ich glaube nicht –«
»Man würde sogar problemlos einen Messbecher damit vollbekommen«, ergänze ich, denn ganz ehrlich, meine Klamotten sind schon bis auf die Haut durchgenässt, und er war wahrscheinlich noch viel länger dem Regen ausgesetzt. Außerdem ziehen wir hier und da eine leichte Wasserspur durch den Flur …
»Aber in den Trockner?« Er sieht alles andere als begeistert und überzeugt von meinem Vorschlag aus. Also wenn nur das sein Problem ist.
Ich mache bloß eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, ich haue alles da rein außer meine Unterwäsche.« Die ist schließlich aus Spitze und war teuer. Zu meinem Jacken-Tick gesellt sich also auch ein Unterwäsche-Kauf-Tick. Was soll ich sagen, jeder Mensch hat halt seine Stärken und Schwächen. »Und sollte was passieren, dein Shirt hat sowieso schon einen Grasfleck am Rücken«, mache ich ihn auf seine heutige Fehlentscheidung eines hellen Oberteils aufmerksam.
Er seufzt geschlagen. »Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl dabei, aber mir bleibt wohl kaum was anderes übrig.«
In meiner Wohnung steuere ich zuerst das Badezimmer auf der linken Seite an, um ein Handtuch zu holen und den Trockner schon mal auf das passende Programm zu stellen. Im Wohnzimmer, das gleichzeitig Esszimmer, Eingangsbereich und Küche ist, steht mein Gast noch immer an der Tür.
Ich werfe ihm ein Handtuch zu, das er geschickt auffängt, und zeige dann aufs Badezimmer. »Da ist der Trockner drin, du kannst deine Sachen direkt reinwerfen und auf Start drücken. Das Programm ist schon drin.«
»Okay, danke.« Er und will sich schon fortbewegen, als mir etwas einfällt.
»Warte hier.« Ich nehme meine Decke, die noch von gestern Abend auf der Couch liegt, und reiche sie ihm. »Damit du gleich nicht frierst.«
Anschließend verschwindet er hinter der Tür, und der Trockner geht an. Seufzend schäle ich mich aus meiner Jacke und lege für einige Sekunden den Kopf in den Nacken. Das hier habe ich nicht erwartet, als ich bei meiner Familie aufgebrochen bin und bloß nur noch nach Hause wollte.
Eingewickelt in die Decke, die er über die Schultern gezogen hat und von innen festhält, tritt er nach ein paar Minuten wieder aus dem Badezimmer. Etwas unsicher sieht er sich in der Wohnung um, weswegen ich ihn sogleich von seinen Qualen erlöse. »Du kannst es dir auf der Couch bequem machen«, schlage ich vor. »Ich springe nur kurz unter die Dusche und ziehe mir was Trockenes an.«
Er nickt bloß und trottet dann auf besagte Couch, die mitten im Raum steht, zu, während ich in mein Zimmer verschwinde, welches genau gegenüber des Badezimmers liegt. Eilig krame ich eine enge schwarze Jeans aus dem Schrank und dazu ein kurzes dunkelrotes Top mit tiefem Ausschnitt. So fühle ich mich beim Feiern definitiv am wohlsten.
Als ich wieder mit den Klamotten in der einen Hand ins Wohnzimmer komme, fällt mein Blick automatisch auf ihn. Und dann wird mir eins sehr klar.
Dort sitzt ein halbnackter Kerl in meiner Lieblingskuscheldecke auf der Couch, und ich kenne nicht einmal seinen Namen.
Eine Tatsache, die diesen Abend irgendwie noch auf eine neue Stufe des Absurden hebt. Schließlich kann man die Entscheidungen, die uns hierhergeführt haben, schon als recht fragwürdig ansehen. Also trete ich auf ihn zu, um ihm meine Hand entgegenzustrecken. »Ich bin übrigens Sutton. Angesichts der Umstände«, ich deute mit der Hand einmal von oben bis unten auf ihn, »wäre es vielleicht nicht schlecht, wenigstens den Namen des anderen zu kennen.«
Ein leichtes Grinsen zupft an seinem linken Mundwinkel, ehe er schon zum zweiten Mal heute seine große Hand in meine legt. »Alistair«, erwidert er, und ich lasse meinen Blick noch einmal in Ruhe über sein Gesicht wandern. Es sollte echt verboten sein, dass ein einzelner Mensch mit solch guten Genen gesegnet wird, die er offensichtlich besitzt.
Ich vermute, dass seine Haare einen dunkelblonden Farbton haben, wenn sie dann erst einmal trocken sind und ihm nicht vom Regen an der Stirn kleben. Mit den Augen folge ich einem Wassertropfen, der sich aus seinen Haarspitzen gelöst hat und nun über seine definierten Gesichtszüge fließt.
Als er mit dem Finger über eben diesen Tropfen fährt und ihn fortwischt, reiße ich mich schnell wieder zusammen. Versuche, zu überspielen, dass ich ihn gerade so schamlos gemustert habe.
Bringen scheint es kaum etwas, denn er hat es sowieso schon längst bemerkt, kommentiert dies aber bloß mit einem wissenden Ausdruck in seinen braun-grünen Augen, einem charmanten Grinsen und dann einem Augenzwinkern. Ja, er ist sich seinen guten Genen mehr als bewusst.
»Schön, dich kennenzulernen.« Und auch das ist nicht gelogen. Wenn meine Großeltern wüssten, dass ich ihn am Straßenrand gefunden habe und mit zu mir nehme, würden sie regelrecht einen halben Herzinfarkt bekommen. Aber was soll ich sagen, jede noch so heimliche Rebellion gegen meine Großeltern fühlt sich wie ein kleiner Sieg in meinem Leben an. Und bisher scheint Alistair voll in Ordnung zu sein. Vielleicht ein wenig seltsam, aber wer ist das bitte nicht? Gut, außer äußerst langweilige Menschen womöglich …
»Geht mir genauso«, erwidert er, ehe ich mich schließlich ins Badezimmer begebe, um mich einigermaßen für den restlichen Abend herzurichten. Der Spiegel zeigt mir nämlich gerade kein sehr ansehnliches Äußeres meines Selbst. Wenigstens die wasserfeste Mascara hält, was sie verspricht.
Während ich dusche, meine Haare föhne, mich anziehe und etwas Make-up auflege – unter anderem, um meine Augenringe zu kaschieren –, begleitet mich die ganze Zeit das Geräusch des Trockners. Er braucht noch ein paar Minuten, weswegen ich beschließe, noch etwas zu Alistair rauszugehen. Er steht vor meiner Fotocollage, die ich gleich an der Wand zwischen meinem und dem Zimmer von Taylor angebracht habe und immer wieder erweitere. Das dritte und letzte Schlafzimmer, das Mia bewohnt, liegt nebenbei bemerkt direkt neben dem Badezimmer.
»Von wem sind die?«, fragt er interessiert, als er meine Anwesenheit bemerkt.
»Von mir«, antworte ich, ohne den Stolz in meiner Stimmer verbergen zu können, denn diese Fotos sind mein Ein und Alles. Sie sind alle in spontanen Situationen entstanden und ein reines Chaos. Vermutlich einer der Gründe, warum ich sie so liebe. »Ich studiere Fotografie.« Obwohl diese Bilder für einen meiner Kurse eher nicht in Frage kommen würden.
Alistair dreht sich zu mir um. »Die sind echt verdammt gut, Sutton.«
»Danke.« Ich lächle ihn an, als der Trockner verstummt und das einmalige Piepen von sich gibt, dass er fertig ist. »Ich schaue mal, ob die Sachen trocken sind«, sage ich, weil unser hinterlistiger Trockner hin und wieder meint, er sei fertig, ist er aber nicht.
Und oh Wunder, sie sind tatsächlich fertig, sodass ich seine Klamotten rausholen kann. Seine Hose, das Shirt und … eine Unterhose?
Meine Augen weiten sich automatisch und ich wage einen vorsichtigen Blick über meine Schulter durch die offene Tür ins Wohnzimmer, wo Alistair sich noch immer in aller Ruhe weiter die Collage ansieht.
Ich korrigiere meine vorherige Aussage. Es befindet sich ein nackter Kerl in meiner Kuscheldecke.
Nachdem ich Alistair informiert habe, dass er sich wieder anziehen kann, und ich ihm dabei nur mit Mühe und Not in die Augen sehen konnte, ist er kurz im Bad verschwunden, und jetzt sitzen wir beide wieder in meinem Auto. Da dieser Tag schon bereits eine unerwartete Wendung bereitgehalten hat, bin ich gespannt, wo uns der Rest des Abends oder besser gesagt der Rest der Nacht wohl noch hinführen mag. Aber ich bin bereit, mich voll und ganz drauf einzulassen. Sogar der Regen hat aufgehört. Wenn das kein gutes Zeichen ist, weiß ich auch nicht.
»Ähm, Sutton?«, räuspert sich Alistair über die Musik aus dem Radio hinweg, als der Club schon in Sicht kommt und ich nach einer der raren Parkmöglichkeiten Ausschau halte. Es wäre klüger gewesen, hätten wir einfach einen Uber gerufen.
»Mhm?«, frage ich konzentriert und blicke in eine Parklücke, nur um sogleich genervt festzustellen, dass einer dieser lästigen Smarts den Platz besetzt. Ich kann echt bis heute nicht nachvollziehen, wie man sich so ein Teil anschaffen kann. Sie sehen nicht einmal besonders hübsch aus.
»Es könnte eventuell ein kleines Problem beim Einlass geben«, kommt es verlegen vom Beifahrersitz.
Ich runzle irritiert die Stirn und werfe ihm einem kurzen Blick zu. »Wieso das?«
»Es wäre gut möglich, dass ich noch keine einundzwanzig bin«, sagt er, als ich endlich einen freien Parkplatz erspäht habe.
»Sondern?«, frage ich misstrauisch, da ich ihn eigentlich genauso alt wie mich geschätzt habe, wenn nicht sogar ein Jahr älter.
»Neunzehn.«
Als das Auto zum Stehen kommt, drehe ich mich zu ihm, um ihn intensiv zu mustern. Und ich bleibe bei meinem Eindruck. »Du siehst definitiv zwei oder drei Jahre älter aus.«
Alistair kratzt sich unsicher am Hinterkopf. »Prüfen die denn keine Ausweise?« Ich hätte seine leicht unsichere Art wahrscheinlich niemals erwartet, wenn ich ihm unter normalen Umständen begegnet wäre. Sein Aussehen, die teure Kleidung und sein Ruf lassen einem als Allererstes ein selbstbewusstes und vielleicht sogar überhebliches Bild im Kopf entstehen. Doch hier, in diesem Auto, wirkt er … verloren.
Ich schüttle den Gedanken wieder ab, denn eigentlich geht es mich gar nichts an, und nehme ihm stattdessen seine Befürchtung. »In der Nähe eines Colleges, an ihrem umsatzstärksten Tag? Die haben mich hier sogar schon mit achtzehn reingelassen.« Ich zucke gelassen mit den Schultern. »Außerdem sind die meisten Studenten eigentlich zu jung.«
»Nur dass ich noch zur High School gehe.«
»Im letzten Jahr?«
Er nickt, woraufhin ich ihn verschwörerisch angrinse. »Na, dann wird es höchste Zeit, dass dich jemand schon einmal ins College-Leben einführt. Und dieser Jemand werde dann offenbar ich sein. Also, sollen wir?«
»Ich schätze schon.« Das nehme ich als Startzeichen, um mich abzuschnallen und auszusteigen, was er mir nach noch kurzem Zögern gleichtut.
Ich frage mich, warum er überhaupt meiner Idee zugestimmt hat, wenn ihm offensichtlich gar nicht so wohl dabei ist.
Als ich zu ihm ums Auto herumgehe und er misstrauisch die Gegend prüft, nehme ich mir einen Augenblick lang Zeit, um ihn ausgiebig zu mustern. Jetzt, wo seine Haare so gut wie trocken sind, wird deutlich, dass sie tatsächlich ein dunkles Blond haben, was irgendwie wirklich gut zu dem Rest von ihm passt. Er ist recht breit gebaut, sicherlich macht er regelmäßig irgendeinen Sport, sonst würden die Muskeln unter seinem Shirt nicht so deutlich zu erkennen sein. Ganz besonders, als es noch nass war und quasi wie eine zweite Haut an seinem Oberkörper geklebt hat … Ähm … ich tippe auf Football? So als Schlussfolgerung, dass er noch zur High School geht, das wäre zumindest naheliegend. Außerdem ist er nur ein Stückchen größer als ich, was beinahe an ein Wunder grenzt, da ich für eine Frau recht groß bin.
»Checkst du mich gerade etwa schon wieder ab, Sutton?«, ertönt plötzlich seine dunkle Stimme, und ich zucke erschrocken zusammen. Sowas von erwischt.
Um seine blauen Augen herum bildet sich ein amüsierter Zug, als ich zu meiner Schande auch noch rot anlaufe. Normalerweise geschieht das bei mir nicht so schnell. Aber jetzt kann ich förmlich spüren, wie die verräterische Wärme in meine Wangen kriecht und sich zusätzlich auf meinen Hals ausbreitet. Leugnen bringt hier wohl nicht mehr viel, schließlich ist es schon das zweite Mal, dass er mich in der letzten Stunde dabei erwischt. »Darf ich nicht?«
»Klar doch.« Ein verschmitztes Grinsen umspielt seine Lippen, ehe er sich von mir abwendet und auf den Club zuschreitet. »Habe ich schließlich auch schon getan«, höre ich dennoch deutlich und könnte schwören, dass sein Grinsen bei den Worten sicherlich noch ein Stück breiter wird.
Perplex starre ich seinen Hinterkopf an. Jetzt, wo seine Haare übrigens etwas getrocknet sind, stellen sie sich als ein dunkles Blond heraus. »Wann das denn?«, werfe ich neugierig ein, sobald ich mich wieder gefangen habe, und schließe mit großen Schritten zu ihm auf.
»Hier und da mal«, entgegnet er nur wage, wohl wissend, dass mich das als Antwort nicht zufriedenstellt.
»Hier und da mal?«, wiederhole ich demnach und starre ihn an, um zu signalisieren, dass er das näher ausführen soll. »Mehrmals? Wir kennen uns gerade vielleicht mal zwei Stunden, Alistair.« Außer, er ist ein gruseliger Stalker und unser Treffen war kein Zufall. Was sich im Rückblick dessen, wie wir uns begegnet sind, wie ziemlicher Bullshit anhört.
»Als du mich am Bach aufgegabelt hast oder im Auto zum Beispiel.« Er sieht zu mir, und ich erwidere seinen Blick. »Während du realisiert hast, dass ich unter der Decke nackt bin.«
Ich schnappe empört nach Luft, weil ich damit nicht gerechnet habe. Mir war nicht klar, dass er es mitbekommen hat. »Aber du hast auf die Collage gesehen«, erinnere ich mich.
»Sobald du den Kopf zu mir gedreht hast, ja«, schmunzelt er, denn ihn scheint unser Gespräch sichtlich zu amüsieren. Gut, zugegeben, mir auch ein bisschen. Vielleicht sogar ein etwas zu sehr.
»Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?«, drehe ich den Spieß um. »Dank dir muss ich meine geliebte Decke jetzt mehrmals waschen oder am besten direkt entsorgen«, füge ich gespielt theatralisch hinzu.
Er zuckt bloß gelassen mit den Schultern. »Du meintest, ich würde mir in den nassen Sachen ’ne Erkältung holen. Und ich war wirklich lange im Regen. Demnach habe ich also nur deinen klugen Rat befolgt.«
Ich verenge die Augen. »Ich merke schon, bei dir muss ich aufpassen.«
Eigentlich habe ich nur Spaß gemacht, doch Alistairs Miene trübt sich augenblicklich und ich kann dabei zusehen, wie er sich vor mir verschließt. Von jetzt auf gleich ist die lockere Stimmung, die sich zwischen uns beiden entwickelt hat, wie ausgewischt.
»Ja, das wäre vermutlich besser«, verlässt es leise seine Lippen. Und obwohl ich ihn kaum kenne, brechen mir seine Worte und die Traurigkeit in seiner Stimme ein wenig das Herz.
Am liebsten würde ich direkt wieder umdrehen. Doch dann sehe ich die Betrübtheit, die mein schlagartiger Stimmungswechsel bei Sutton bewirkt hat, und ich bringe es nichts übers Herz, einfach zu verschwinden.
Dabei ist mir bewusst, dass sie nur Spaß gemacht hat, die Worte nicht ernst meinte. Aber sie hat da diesen Nerv getroffen, der sich seit Neustem in mir festgesetzt hat. Ich bin kein guter Mensch. Ich wäre es gerne, bin es jedoch nicht. Und ich möchte nicht, dass andere wegen mir leiden müssen.
Nur war Sutton so zuvorkommend, und ich genieße irgendwie ihre Nähe, dass es mich ebenfalls zu einem schlechten Menschen machen würde, sie jetzt im Stich zu lassen, nachdem ich zugesagt habe.
Also versuche ich, mir mehr Mühe zu geben. »Entschuldige«, sage ich möglichst sanft, um die Situation wieder zu entschärfen.
Sutton bleibt ruckartig stehen. »Du solltest dich nicht für deine Gefühle entschuldigen müssen. Also tu das in meiner Gegenwart bitte niemals.« Das hört sich so an, als würde sie meinen, dass das heute keine einmalige Sache ist. Keine Ahnung, was ich davon halten soll.
Und ich weiß außerdem nicht, was ich ihr antworten könnte. Deswegen halte ich lediglich ihrem ernsten Blick stand, der keine Widerrede zu dulden scheint. Nach einer Weile muss sie wohl einverstanden mit dem sein, was sie in meinen Augen zu erkennen glaubt – was auch immer das sein mag –, denn sie nickt einmal zufrieden und setzt unseren Weg zu dem offenbar gut besuchten Club fort.
Ihre These, dass niemand einen zweiten Blick auf einen wirft und nach dem Ausweis verlangt, scheint sich zu bewahrheiten. Schon als wir am Ende der Schlange zum Stehen kommen, wird deutlich, dass die Türsteher, die aussehen, als wären sie selbst gerade erst im College-Alter, mit dem Andrang restlos überfordert sind. Das spricht jetzt nicht gerade für den Club. Aber mein neues Gewissen verlangt von mir, nicht so schnell zu urteilen. Das ist nur nun mal echt verflucht schwer. Also manchmal. Nein, eigentlich fast immer.
Anscheinend bemerkt Sutton meine Überlegungen, denn sie gibt mir einen Stoß mit der Schulter und grinst leicht. »Siehst du, kein Grund zur Sorge. Die sind froh, wenn sie nachher Feierabend haben und nach Hause können.«
»Ja, scheint so«, stimme ich zu, als wir in der Schlange weiter aufrücken. Trotz der eindeutigen Überforderung an den Türen geht es recht zügig voran. Gewissermaßen müssen sie also doch irgendwie einigermaßen qualifiziert für den Job sein. Abgesehen davon, dass sie uns mit müdem Gesichtsausdruck und einem trägen Nicken durchwinken, nachdem sie uns einmal kurz gemustert haben.
Wenn das bis in die Schule durchsickert, hätten sie sicherlich das Doppelte zu tun. Andererseits müssten sie spätestens nach einer Woche dichtmachen, sobald nur ein Elternteil Wind davon bekommt, dass ihre minderjährigen Schützlinge hier ihre gute Etikette vergessen. Was sie sowieso bei jeder Möglichkeit tun. Wir verbessere ich mich gedanklich. Was wir tun. Das sind die Momente, in denen man endlich mal durchatmen kann. Aber mittlerweile … fühlt sich auch das nicht mehr vollkommen richtig an.
Und wie ich schon festgestellt habe, habe ich keinen blassen Schimmer, was ich momentan tue. Vielleicht sogar nicht einmal mehr, wer ich eigentlich noch bin.
So weiß ich ebenfalls nicht, was ich fühlen soll, als uns die hitzige Atmosphäre des Clubs empfängt. Bereits jetzt platzt es hier aus allen Nähten und der Bass der lauten Musik hallt dumpf in meinem Körper wider.
Sutton bewegt sich in geschmeidigen Bewegungen durch die Menge, nicht ohne sich hin und wieder nach mir umzublicken, ob ich ihr wirklich folge. Sie ist definitiv nicht das erste Mal hier, denn sie hält zielstrebig auf etwas zu, was sich als eine Sitznische herausstellt, wo eine Freundin von Sutton zu sitzen scheint, denn als sie sie entdeckt, winkt sie ihr freudestrahlend entgegen, während sie am Strohhalm ihres Getränkes hängt.
Sutton lässt sich zu mir zurückfallen, kurz bevor wir an den Tisch gelangen. »Ich hoffe, das ist okay für dich. Das ist hier nämlich sozusagen unsere Stammecke und dann kann ich meine Jacke hierlassen und die lange Schlange an der Garderobe umgehen.« Die Schlange war beim Hereinkommen nicht zu übersehen. »Wir müssen auch nicht dortbleiben. Nur am Tisch ist immer zumindest einer zum Aufpassen von unserem Kram.«
»Klar, kein Problem.«
Mit einem letzten kurzen abschätzenden Blick mustert sie mich wieder einmal, ehe sie nickt. »Okay, dann los. Wenn wir verschwinden sollen, brauchst du bloß –«
Ich lege den Kopf schief. »Wenn mir etwas nicht passt, werde ich schon was sagen. Weißt du, ich bin wirklich schon ein großer Junge.« Schmunzelnd entgegne ich ihrem Blick, den sie noch nicht von mir genommen hat.
Nun verengen sich ihre Augen. »Kein Grund, mich auf den Arm zu nehmen, Mister.«
Erleichtert, dass wir wohl doch zu dem unbeschwerten Umgang von vorhin zurückkehren können, wandelt mein Schmunzeln sich in ein echtes Grinsen. »Was ist, willst du uns einander jetzt vorstellen oder sollen wir weiter im Weg rumstehen?« Mich haben schon mindestens zwei Leute angerempelt, seitdem wir stehen geblieben sind. Beim nächsten Mal gibt es sicherlich eine Bierdusche gratis dazu. Und nachdem meine Klamotten gerade erst aus dem Trockner kommen, ist das eher nicht in meinem Sinn.
»Fein, dann komm mit, du großer Junge.« Dabei verdreht sie belustigt die Augen, ehe wir den Rest des Weges zum Tisch hinter uns bringen.
Sie umarmt ihre Freundin und stellt uns dann einander vor. »Alistair, das ist Taylor, meine Mitbewohnerin. Und Tay, das ist Alistair«, sie hält einen Moment inne und sieht mich an, »wir sind uns heute per Zufall begegnet.«
»Freut mich.« Ich lächle sie an, kann mir dann aber nicht verkneifen: »Ihr habt übrigens einen wirklich guten Trockner.«
Überrascht hebt Taylor ihre Augenbrauen. »Okay, danke, schätze ich.« Sie dreht sich zu Sutton. »Erklärung?«
Meine neue Freundin rollt die Augen, wirft mir einen Seitenblick zu, hat aber einen ihrer Mundwinkel nach oben gezogen. »Der Regen hat uns erwischt.« Sie setzt sich auf die runde Bank und rutscht ein Stück beiseite, damit ich mich dazusetzen kann.
Taylor rümpft angewidert die Nase. »Oh ja, ein echtes Mistwetter. Ich hatte mir eigentlich extra Locken gemacht, man sieht ja, was davon übriggeblieben ist.« Sie hebt eine hellbraune, beinahe glatte Haarsträhne an.
»Deine Haare werden sogar ohne Regen trotz Schichten Haarspray nach ein paar Stunden glatt«, wirft Sutton ein.
»Genau wie bei dir, nur dass deine nicht glatt bleiben wollen«, schmunzelt Taylor und wendet sich dann mir zu. »Ist es nicht seltsam, dass man immer genau das haben will, was man nicht haben kann.«
Zögerlich nicke ich, bin mir nicht ganz sicher, was ich darauf erwidern soll. »Mag schon sein.«
Sutton lehnt sich zu mir rüber. »Sie studiert Psychologie und das ist ihre Lieblingsfrage, wenn sie neue Menschen kennenlernt. Wir sind andauernde Live-Fallbeispiele für sie.«
»Bei dir hört es sich an, als hätte ich sie nicht mehr alle!«
