The way to find trust: Lara & Ben - Carolin Emrich - E-Book
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The way to find trust: Lara & Ben E-Book

Carolin Emrich

3,0

Beschreibung

"Du bist meine beste Freundin. Du kannst mit allem zu mir kommen. Das weißt du doch. Was hat sich verändert?" ›Du! Du hast dich verändert. Und unsere Freundschaft gleich mit.‹ Seit sich Ben und Lara in der Wohngemeinschaft der Lebenshilfe e. V. kennengelernt haben, sind sie beste Freunde. Das ändert sich auch nicht, als Lara in Alina und Mareike ältere Freundinnen findet, die sie mit auf Partys nehmen und ihr zeigen, dass es mehr gibt als Schule. Währenddessen hat Ben mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen. Als Lara ihm beisteht und auf einmal mehr zwischen ihnen ist als Freundschaft, beginnt ein riskantes Versteckspiel. Denn Beziehungen unter den Mitbewohnern sind verboten.

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Beliebtheit




Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1 - Lara

Kapitel 2 - Ben

Kapitel 3 - Lara

Kapitel 4 - Ben

Kapitel 5 - Lara

Kapitel 6 - Ben

Kapitel 7 - Lara

Kapitel 8 - Ben

Kapitel 9 - Lara

Kapitel 10 - Ben

Kapitel 11 - Lara

Kapitel 12 - Ben

Kapitel 13 - Lara

Kapitel 14 - Ben

Kapitel 15 - Lara

Kapitel 16 - Ben

Kapitel 17 - Lara

Kapitel 18 - Ben

Kapitel 19 - Lara

Kapitel 20 - Ben

Kapitel 21 - Lara

Kapitel 22 - Ben

Kapitel 23 - Lara

Kapitel 24 - Ben

Kapitel 25 - Lara

Kapitel 26 - Ben

Kapitel 27 - Lara

Kapitel 28 - Ben

Kapitel 29 - Lara

Kapitel 30 - Ben

Kapitel 31 - Lara

Kapitel 32 - Ben

Kapitel 33 - Lara

Kapitel 34 - Ben

Kapitel 35 - Lara

Nachwort

 

Carolin Emrich

 

 

The way to find trust

Lara & Ben

 

 

Liebesroman

 

The way to find trust: Lara & Ben

»Du bist meine beste Freundin. Du kannst mit allem zu mir kommen. Das weißt du doch. Was hat sich verändert?«

›Du! Du hast dich verändert. Und unsere Freundschaft gleich mit.‹

 

Seit sich Ben und Lara in der Wohngemeinschaft der Lebenshilfe e. V. kennengelernt haben, sind sie beste Freunde. Das ändert sich auch nicht, als Lara in Alina und Mareike ältere Freundinnen findet, die sie mit auf Partys nehmen und ihr zeigen, dass es mehr gibt als Schule.

Währenddessen hat Ben mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen. Als Lara ihm beisteht und auf einmal mehr zwischen ihnen ist als Freundschaft, beginnt ein riskantes Versteckspiel. Denn Beziehungen unter den Mitbewohnern sind verboten.

 

Die Autorin

Carolin Emrich wurde 1992 in Kassel geboren. Schon als kleines Mädchen bat sie ihre Mutter, ihr nicht nur vorzulesen, sondern ihr auch das Lesen beizubringen. Sobald sie dieses beherrschte, gab es kein Halten mehr. Stapelweise wurden die Bücher verschlungen und bald schon begann sie, eigene kleine Geschichten zu Papier zu bringen. Im Alter von 15 Jahren verschlug es sie auf eine Fanfiction-Plattform, wo sie auch heute noch ihr Unwesen treibt. Im Herbst 2015 reifte dann die Idee heran, ein Buch zu schreiben. Aber vorher stellte sich die Frage: Kann ich das überhaupt? Um dieser auf den Grund zu gehen, begann sie zu plotten und schrieb daraufhin ihr Fantasy-Debüt »Elfenwächter«. Weitere Jugendbücher sind derzeit dabei, Gestalt anzunehmen.

Beruflich schloss Carolin Emrich im Juli 2015 ihre Ausbildung zur Industriemechanikerin erfolgreich ab.

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, Juli 2019

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2019

Umschlaggestaltung: Rica Aitzetmüller | Cover & Books

Illustrationen: Mirjam H. Hüberli

Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-053-9

ISBN (epub): 978-3-03896-054-6

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Für alle, die einfach nur sie selbst sein können.

Kapitel 1 - Lara

 

Vier Jahre zuvor

 

Misstrauisch betrachtete ich das Brötchen auf meinem Teller. Meine Finger zitterten, während ich es griff und langsam an meinen Mund führte. Unter Argusaugen wurde jeder Millimeter meiner Bewegungen verfolgt. Ich musste es essen. Komplett.

Speichel sammelte sich auf meiner Zunge, aber nicht, weil ich das Ding gerne essen würde, sondern weil ich wusste, dass ein durchschnittliches halbes Weizenbrötchen mit Butter hundertvierzig Kilokalorien besaß und ich dafür zwanzig Minuten auf meine Joggingrunde aufschlagen musste. Mir war übel.

Die Zahl Hundertvierzig begann in meinem Kopf zu rotieren. Sie lachte mich aus, bekam Augen und rief mir zu, dass ich doch so oder so zu fett sei und bloß nicht auf die Idee kommen solle, etwas zu essen.

Der Fingernagel meines Daumens hinterließ eine halbkreisförmige Macke in der weichen Außenseite des Unterteils. Ich hatte sogar das untere Teil vom Brötchen bekommen, weil es meine Lieblingsseite war und ich sie mir aussuchen würde, wenn ich die Wahl hätte. Aber die hatte ich gar nicht.

Hundertvierzig! Und wenn ich nur ein paar Mal abbeißen würde? Wären siebzig Kalorien zu verschmerzen?

Übelkeit brannte in meiner Kehle und Tränen sammelten sich in meinen Augenwinkeln. Ich konnte das nicht, ich konnte das einfach nicht.

»Iss endlich!«, brummte mich Christian an, aber mein Hilfe suchender Blick zu seiner Frau Svenja blieb heute unerhört.

Sonst sagte sie immer etwas wie ›Nun lass das Kind doch machen‹, heute allerdings nicht. Sie war ebenso der Überzeugung, dass ich dieses Brötchen essen musste. Meine ›Pflegeeltern‹ waren sonst nie so streng und hatten eher versucht, meine Gunst durch Freiheiten zu gewinnen. Das war anscheinend vorbei.

Sonst durfte ich mich mit meinem ungesüßten Fencheltee zufriedengeben. Der war auch völlig ausreichend. Ich wollte so früh am Morgen nichts essen. Das passte nicht in meinen Diätplan.

Ana wäre enttäuscht von mir. Verdammt! Das durfte nicht passieren. Alles, nur das nicht.

Seufzend drehte ich die Hälfte in meiner Hand. »Ich verpasse meinen Bus«, murmelte ich, nachdem ich einen Blick auf die Uhr am Backofen geworfen hatte.

Christian stöhnte genervt auf. »Dann beeil dich lieber!«

»Ich muss aber noch meine Tasche holen«, versuchte ich es erneut.

»Du stehst nicht auf, bevor du das gegessen hast!« Seine Hand donnerte flach auf den Tisch und ich ließ vor Schreck das Brötchen fallen.

Der Knall hallte in meinen Ohren wider, vermischte sich mit der Enttäuschung und dem Druck des drohenden Versagens, bis ich schluchzend die Schultern hochzog, um mich irgendwie zu verstecken.

»Chris!« Svenja hatte anscheinend Erbarmen mit mir, denn sie machte eine Kopfbewegung in Richtung meines Zimmers.

Ich griff immer noch zitternd nach meiner Tasse, stürzte den Tee hinunter und lief los, um meine Schultasche zu holen.

 

 

Sechs Wochen zuvor

 

Alle hatten sich in der Aula eingefunden. So viele Schüler waren es letztes Jahr aber nicht gewesen. Zumindest vermutete ich das. Schätzen war noch nie meine Stärke gewesen.

»Wie viele sind das hier?«, wollte ich von Ben, meinem besten Freund, wissen, der neben mir an der Tür zur Aula stehen geblieben war.

Er würde sich nicht mitten unter sie begeben. Das tat er nie, aber dafür hatte er ja mich. Ich leistete ihm gerne die wenige Gesellschaft, die er ertragen konnte, ohne dass es ihm zu viel wurde.

Ben schob sich nervös die Brille auf der Nase zurecht, bevor er einen Blick durch den Raum warf. »Letztes Jahr wurden an dieser Schule siebenhundertvierundsiebzig Schüler unterrichtet. Die Oberstufe hat erst morgen ihren ersten Tag. Die sind selbstverständlich heute nicht hier.« Er machte eine Pause und ich vermutete, er rechnete nach. »Es werden heute zwischen fünfhundertfünfzig und sechshundert Schüler hier sein. Kein Wunder, dass nicht alle einen Sitzplatz bekommen.«

Er sagte das, als wären wir zufällig zu spät gewesen, dabei hatte ich absichtlich für ihn getrödelt. Weil ich wusste, er fühlte sich in Menschenmengen noch immer nicht wohl, dabei hatte er sich schon so gut entwickelt. Vor allem schien er viel motivierter zu sein, das letzte Schuljahr durchzuziehen. Durch seine Fehlzeiten hatte er wiederholen müssen, was ihn allerdings in meine Klasse befördert hatte. Und wer ging schon nicht gerne mit seinem besten Freund in eine Klasse?

Wir standen an den großen gläsernen Türen zum Flur, durch den wir direkt an die frische Luft gelangen konnten, sollte es Ben hier drinnen zu stickig werden. Bis jetzt hielt er sich aber sehr wacker und ich war richtig stolz auf ihn.

Wir beide waren mit die Ersten, die sich aus dem Raum zwängten und zu unserem Klassenzimmer liefen. Ben rückte immer wieder an seiner Brille herum, was ich nicht anders machen würde. Ich wäre auch hypernervös, wenn ich in eine neue Klasse käme.

»Wir sitzen vorm Pult, oder?«, fragte ich, als ich die Treppe in den ersten Stock erklomm.

Mein alter Eastpak klatschte dabei immer wieder an meinen Hintern. Die Träger waren auf die weiteste Einstellung gerutscht, weil sie so abgetragen waren, aber das störte mich nicht. Ich hatte sie mit Büroklammern fixiert, da ein einfacher Griff an die Plastikschnalle genügte, um den Träger zu lösen. Das Reinfummeln war immer eine blöde Arbeit.

»Das würde ich dir dringend raten. Wählst du Physik, Bio oder Chemie?«, wollte Ben wissen, während er hinter mir unseren Klassenraum betrat. Ein paar der Mädels waren schon da und warfen uns neugierige Blicke zu.

»Bio und Physik. In Chemie hatte ich ne drei im Zeugnis, das kann so dieses Jahr stehen bleiben. Die fünf in Physik muss aber dringend weg. Ich bin nur versetzt worden, weil ich in Bio ne zwei hatte.«

»Ja, ich weiß.« Er stockte hinter mir.

»Das ist Ben. Neuer Mitschüler. Er wiederholt«, übernahm ich die Vorstellung für ihn.

Aylin und Leonie unterbrachen ihr Gespräch, um kurz zu nicken. Lisa, Pia und Anna-Lena begannen zu kichern. Während ich mich noch fragte, was so lustig war, schob sich Ben vorsichtig an mir vorbei, damit er sich auf den rechten Platz direkt vor dem Pult setzen konnte. Ich zog mir den linken Stuhl etwas weiter heraus und ließ mich verkehrt herum drauffallen.

»Wie waren eure Ferien?«, fragte ich in die Runde.

Anna-Lena sah mich kurz an, antwortete aber nicht. Das war ich schon gewohnt. Die drei Zicken hielten sich eh für was Besseres.

»Nein«, stöhnte Leonie, während sie so tat, als hätte ich etwas Unverzeihliches getan. »Nicht. Hör auf damit. Sie waren viel zu kurz, nichts weiter.«

Aylin verdrehte die braunen Augen. Anscheinend hatte sie sich das heute schon mal anhören dürfen.

Während ich kurz berichtete, was bei uns so los gewesen war, versammelten sich immer mehr Schüler im Klassenzimmer. Zwei von den Jungs kannte ich noch nicht, aber sie saßen sofort bei den anderen, als hätten sie schon vorher dazugehört. Vielleicht war das auch so und sie kannten sich irgendwie untereinander.

Aylin und Leonie setzten sich letztendlich hinter uns, weil sie nicht in die erste Reihe wollten.

»Guten Morgen!«, rief unser Klassenlehrer Herr Wolf, der zur Tür hereingekommen war, und die ersten Gespräche verstummten.

Ben sah mich mit zusammengepressten Lippen an. Er hasste es, sich vor der ganzen Klasse vorstellen zu müssen. Referate waren mittlerweile in Ordnung, wobei ich dieses Jahr darauf achten würde, dass wir sie möglichst gemeinsam vortragen durften, dann konnte ich einspringen, wenn er nicht weiterkam.

Einige murmelten ebenfalls ein »Guten Morgen«, aber größtenteils wurden die Gespräche noch flüchtig beendet.

»Wie ich sehe, habt ihr die Ferien alle überstanden. Drei neue Gesichter sind dieses Jahr dazugekommen. Für euch stelle ich mich noch mal vor, falls wir uns noch nicht kennen sollten: Ich bin Thomas Wolf, zweiundvierzig Jahre alt, habe hier an dieser Schule vor dreiundzwanzig Jahren mein Abitur gemacht, habe in Frankfurt zuerst Sport und Mathematik studiert, dann aber Sport gegen Physik getauscht, und die beiden Fächer unterrichte ich auch bei euch.« Er klappte das Klassenbuch auf, nahm sich den Zettel mit den Namen heraus und überflog die Liste seiner Schüler.

Von hinten sah ich mich an oberster Stelle durchscheinen. ›Albers, Lara Katharina.‹ Oft hatte es Vorteile, die Erste in der Liste zu sein, ab und zu aber auch nicht. Er begann, die Namen aufzurufen und abzuhaken, dabei blickte er immer wieder durch den Raum, um sich anzusehen, wo welcher Schüler dieses Jahr saß.

Er setzte Markus und Benedikt gleich wieder auseinander, was ich mit einem Kichern kommentierte. Anscheinend durften es die beiden dieses Jahr nicht einmal probieren. Letztes Jahr endete es damit, dass der eine dem anderen die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen und die Bänder so fest zugeknotet hatte, dass sie aufgeschnitten werden mussten. Es war eine der amüsantesten Mathestunden gewesen, die wir je gehabt hatten.

»Ben Schütte.«

Neben mir streckte sich ein Arm in die Höhe.

»Stell dich einfach mal kurz vor. Ich hatte dich auch nur in ein paar Vertretungsstunden.« Herr Wolf machte einen Haken neben den Namen meines besten Freundes.

Der räusperte sich, warf einen zerknirschten Blick in meine Richtung und drehte sich dann um. »Ich bin Ben, werde im Dezember siebzehn und wiederhole die Zehnte, weil es halt letztes Jahr nicht gereicht hat.«

Möglicherweise hatte ihn die letzte Reihe nicht verstanden, aber es fragte keiner nach. Die Hälfte schien es auch gar nicht zu interessieren.

»Beim nächsten Mal ein bisschen lauter«, murmelte ich ihm zu, während er sich wieder richtig hinsetzte.

Ben murrte eine Zustimmung, bevor wir uns darauf konzentrierten, über unseren Stundenplan zu diskutieren und zuzusehen, dass wir beide in Bio und Physik landeten.

Der Tag verlief eigentlich ganz ruhig. Niemand machte einen blöden Kommentar, was ich auch maximal von Anna-Lena erwartet hätte. Ihren Eltern gehörte ein Klamottenladen in der Innenstadt und seit der letztes Jahr aufgemacht hatte, war ihre Nase noch stärker in die Höhe gewandert als sowieso schon. Sie trug immer Markenklamotten aus dem Geschäft und kämmte sich mindestens alle fünf Minuten die schwarzen Haare.

 

»War doch ganz okay, oder?«, wollte ich wissen, als wir nach der fünften Stunde zu unserer Haltestelle liefen. Wir hatten die zweite Pause durchgemacht und damit zeigte mein Smartphone gerade mal 12:04 Uhr. Heute hatte nur Organisatorisches angestanden und deswegen fielen die Nachmittagsstunden aus. Dafür ging es morgen gleich bis Viertel nach drei. Mittwochs bis halb drei und donnerstags auch noch mal bis Viertel nach drei. Aber am Freitag hatten wir schon um eins Schluss. Das fand ich super organisiert.

»Wenn das für dich okay war … Ich bin müde und habe Kopfschmerzen. Ich werde gleich etwas essen und mich dann in mein Bett verziehen.«

»Doch so schlimm?« Ich hob die Hand und wuschelte ihm durch die dichten schwarzen Haare.

Er grinste leicht, sah aber nicht von seinen Schuhen auf. »Ja. Ich habe mich in den Ferien einfach zu sehr dran gewöhnt, dass ich da nicht hinmuss. Weißt du, es ist total komisch. Es geht mir in so vielen Bereichen besser. Ich habe das alles viel mehr im Griff, aber die Schule wird immer ein rotes Tuch bleiben und das, obwohl es eigentlich früher der sicherste Ort war. Ich würde das gerne verstehen.«

»Mhm.« Ich ließ meinen Eastpak von der linken Schulter rutschen, um meinen Geldbeutel mit der Busfahrkarte rauszuholen. »Was sagt dein Therapeut?«

»Die Psyche geht manchmal merkwürdige Wege und es gibt Trigger, bei denen man erst mal nicht denkt, dass es welche sein können. Ich vermute, da wurde irgendwas falsch verknüpft.« Sein Tonfall war sarkastisch, aber ich wusste, dass es ihn fertigmachte, wenn jeder Tag so anstrengend war, und es ihm schwerfiel, morgens überhaupt aufzustehen.

»Aber mit Lars geht es mittlerweile besser«, warf ich ein, ehe ich mich im Laufen zu meinem Schuh bückte und versuchte, beim nächsten Schritt ein Steinchen aus meiner Sandale zu wischen.

Er zuckte mit den Schultern, ehe er seine Busfahrkarte aus der hinteren Tasche seiner Jeans zog. Da hätte ich sie schon hundertmal verloren. »Ein bisschen. Er hat ein Problem mit mir und das verstärkt es bei mir nur. Wäre er nicht so … grundaggressiv, ach, keine Ahnung. Keine Lust mehr. Themenwechsel.« Ben setzte ein Grinsen auf, das wirklich täuschend echt ausgesehen hätte, wenn ich nicht genau wüsste, dass es nur gespielt war. Jeder andere mochte ihm abkaufen, dass er einfach das Thema abhakte und weitermachte, aber das stimmte nicht.

»Wollen wir heute Abend nen Film gucken?«

Ben sah auf den Busfahrplan. Als würde er nicht schon anderthalb Jahre auf diese Schule gehen und ganz genau wissen, wann der nächste Bus kam.

»Ja, mal gucken, ob ich mich konzentrieren kann«, murmelte er.

»Notfalls schlaf doch dabei, dann gucke ich alleine und bin einfach da.«

»Vielleicht.« Er schob mit dem Zeigefinger seine Brille höher.

Ich wünschte, ich könnte ihm das irgendwie leichter machen, aber er musste es wollen. Wenn er sogar mich nicht an sich ranließ, war seine Stimmung total auf dem Nullpunkt.

»Anna-Lena hat nicht deinetwegen gelacht heute Morgen. Nur damit du das weißt. Sie ist ne dumme Bitch, die glaubt, jeder sei unter ihrer Würde.«

Ben zog die Augenbrauen zusammen und ich sah, dass er mir nicht glaubte. Na toll. Er hatte in den letzten Monaten so gut aufgehört, alles auf sich zu projizieren. Das konnte doch nicht innerhalb eines Tages wieder da sein? Er hatte sich letzte Woche Gedanken gemacht, das wusste ich, weil er es mir anvertraut hatte, aber doch nicht in dem Ausmaß.

»Die würde über alles und jeden lachen. Wirklich. Beobachte sie die nächste Zeit einfach. Für ein bisschen Aufmerksamkeit verkauft die ihre Oma, wetten?«

Sein linker Mundwinkel hob sich kurz. »Der Bus kommt.«

Seufzend gab ich es vorerst auf. Ich würde es später noch mal mit einem Film versuchen. Dafür waren Freunde schließlich da.

Kapitel 2 - Ben

 

Fünf Jahre zuvor

 

Das schrille Klingeln der Schulglocke löste zwei absolut gegensätzliche Empfindungen in mir aus. Ich konnte endlich nach Hause und meine Schwester beschützen, aber ich musste dafür nach Hause.

»Ben? Darf ich dich mal etwas fragen?«, hielt mich unsere Klassenlehrerin Frau Schneider zurück.

Ich stockte. Das war nicht gut. Wer passte die Minuten auf Jenny auf, wenn ich hier stand? Sie war noch so klein, irgendjemand musste sich doch vor sie stellen.

»Du bist in letzter Zeit so still im Unterricht geworden. Bereitet dir etwas Kummer?«

›Immer seid ihr im Weg! Nichts klappt und das ist allein eure Schuld!‹

»Nein«, sagte ich ruhig. »Alles in Ordnung.« Wie oft hatte ich diesen Satz schon wiederholen müssen? Mittlerweile glitt mir die Lüge ohne Probleme über die Lippen. Nichts war in Ordnung, gar nichts. Erst recht nicht, wenn ich nur hier stand und nicht helfen konnte.

»Ich mache mir Sorgen um dich und wollte dich das mal fragen. Zu Hause ist auch alles okay?«

Nein.

»Ja.«

»Dein Sportlehrer hat mich angesprochen, dass du neuerdings sehr oft blaue Flecken an den Beinen hast.«

»Fußball«, nuschelte ich.

Ich sollte mir eine lange Hose mit in den Sportunterricht nehmen. Ob noch eine saubere im Schrank lag? Hatte Mama gewaschen? Falls nicht, musste ich das sofort tun, wenn ich nach Hause kam. Jenny durfte nicht in dreckigen Klamotten in die Schule gehen.

»Dann ist ja alles gut.« Sie lächelte mich an und griff nach ihrer Tasche. In meinem Magen prickelte es unangenehm, während sie mit mir durch die Gänge zum Ausgang lief. Die Uhren, die wir auf unserem Weg hinter uns ließen, sollten mich zum Rennen bewegen, aber war es nicht verboten, durch die Gänge zu rennen? Irgendwo hatte ich das mal gehört. Da meine Klassenlehrerin immer noch neben mir herging, traute ich mich nicht, loszurennen.

Der Schulbus war schon weg, als ich aus der Tür trat. Ich würde eine ganze Stunde warten müssen, bis der nächste kam. Wenn es heute ein schlechter Tag war, dann hatte bereits eine Flasche Bier neben Papas Frühstück gestanden, und irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass heute ein sehr schlechter Tag war. Ich hatte noch nie den Bus verpasst. Jenny würde auf mich warten müssen. Ich würde Ärger bekommen und das bedeutete, dass alles noch schlimmer wurde. Das durfte einfach nicht wahr sein. Ich konnte doch den Bus nicht verpasst haben. Wer sollte jetzt … Jenny …

»Ben? Ist alles in Ordnung?«

»Nein«, brachte ich heraus. »Ich muss nach Hause. Ganz dringend. Ich darf nicht zu spät kommen.«

»Na dann komm. Ich kann doch keinen meiner Schüler hier stehen lassen.«

Ich wusste, dass es ein Fehler war, zu Fremden ins Auto zu steigen, auch wenn es meine Lehrerin war. Die ganze Autofahrt war ich furchtbar nervös. Sie brachte mich nach Hause und ich konnte nur an meine kleine Schwester denken. Papa erwartete mich an der Haustür. Er war total betrunken. Das war der Anfang vom Ende.

 

 

Heute

 

»Hast du dir schon überlegt, was du an deinem Geburtstag machen möchtest?«, fragte mich unser Betreuer Herr Bruns am Frühstückstisch.

Er selbst trank nur eine Tasse Kaffee. Gleich war Schichtwechsel und Maria würde zu uns kommen und bis abends bleiben. Die beiden waren neben Steffen und Jan in unserer Wohneinrichtung für uns zuständig.

Lars, Lara, Basti und ich lebten seit fast anderthalb Jahren in einer Art WG. ›Lebenshilfe e. V.‹ nannte es sich und ermöglichte uns vieren eine ganz andere Betreuung als in einer Pflegefamilie oder übergangsweise in einem Heim. Wahrscheinlich hatte hier auch jeder für sich ein Päckchen zu tragen, was es in einer Pflegefamilie nicht so leicht machte.

Ich wusste, dass Lara schon einige davon hinter sich hatte, aber die richtige nie dabei gewesen war. Auch Basti hatte mal erwähnt, dass er schon ein wenig rumgekommen war. Von Lars wusste ich quasi gar nichts. Er hatte wohl Vorstrafen wegen Körperverletzungen, mehr wollte ich auch gar nicht wissen. Ich fühlte mich in seiner Nähe unglaublich unwohl und er schaffte es, mit einem Blick all die widerlichen Erinnerungen an meinen Vater zu wecken. Warum auch immer ihm das möglich war. Vielleicht lag es an dem stechenden Blick aus seinen hellblauen Augen. Lars war der Älteste von uns vieren und bereits volljährig hier eingezogen.

»Nein. Das heißt, doch. Ich möchte nichts Besonderes machen. Außerdem sind es bis dahin noch zwei Monate.«

Mit wem hätte ich auch feiern sollen? Meine einzige Freundin war Lara und mit der würde ich an meinem Geburtstag so oder so Zeit verbringen. Jenny lebte zu weit weg, als dass ich sie sehen könnte. Sie würde sicher anrufen, das tat sie immer, doch ich hatte sie so lange nicht mehr gesehen. Anders ging es leider nicht. Sie wollte irgendwann wieder zu unseren Eltern, aber ich hatte den Abstand bitter nötig gehabt. Ich durfte nur nicht zu sehr drüber nachdenken.

Um mich von den Gedanken an meine Erzeuger abzulenken, schmierte ich mir ein Brot. Hauptsache, ich konnte mir irgendetwas anderes überlegen, selbst wenn es nur die Frage war, was ich essen wollte.

An manchen Tagen gelang mir das gut und das plötzliche Herzrasen legte sich wieder. An anderen Tagen steigerte ich mich in die Erinnerungen rein. Sie prasselten auf mich ein wie die Schläge meines Vaters, immer und immer wieder, bis ich an nichts anderes mehr denken konnte. Ich war wieder zehn, stand zitternd vor meiner kleinen Schwester und steckte ein, was er an uns beiden auslassen würde.

Ich entschied mich für Leberwurst, weil mich die monotone Streichbewegung beruhigte.

»Aber wenn es etwas Spezielles gewesen wäre, hätten wir das organisieren müssen. Deswegen habe ich mir gedacht, dass ich dich rechtzeitig frage.«

Ich nickte. Die Einzige, die ich hierhaben wollte, wäre meine Schwester, aber das ging wie gesagt nicht.

»Es gibt also wirklich nichts …«

»Nein.«

Den Abend meines sechzehnten Geburtstags hatte ich mit einer Panikattacke im Bad verbracht, weil ich trotz der unbekannten Nummer an mein Smartphone gegangen war. Die Stimme meiner Mutter hatte mich zwar aus der Bahn geworfen, aber ich hatte ihr einen Moment lauschen können. Dann war im Hintergrund etwas zu hören gewesen, was es mir unmöglich gemacht hatte, auch nur einen einzigen weiteren klaren Gedanken zu fassen.

Es war verwirrend und auslaugend, dass man sich immer und immer wieder in den Erinnerungen verlieren konnte, gerade wenn man krampfhaft versuchte, sie zu vergessen.

»Guten Morgen.« Lara kam die Treppe runter. Für einen Samstag war sie früh dran, aber das konnte mir nur recht sein. Sie schaffte es oft, mich abzulenken und meine düsteren Gedanken für einen Moment abzuschalten.

»Hi«, grüßte ich zurück und beobachtete sie dabei, wie sie sich einen Cappuccino machte.

»Magst du auch einen?« Sie sah über die Schulter zu mir und fasste dabei ihre blonden Haare zu einem lockeren Zopf zusammen. Sie waren noch feucht, aber nicht so sehr, als wenn sie eben erst geduscht hätte.

»Gerne. Wieso bist du so früh auf?«

»Ich bin gestern über der blöden Erörterung eingeschlafen und wurde um zwei Uhr wach, konnte nicht mehr schlafen. Also war ich eine Runde laufen, duschen und hab noch ein bisschen vor mich hingedöst. Was hast du heute vor?«

Die blöde Deutschhausaufgabe hätte ich beinahe vergessen. »Die Erörterung schreiben, so wie es aussieht.«

»Dann leiste ich dir nachher Gesellschaft«, schlug sie vor.

Das wäre gut. Lara konnte einfach besser formulieren und mir dabei etwas unter die Arme greifen, damit es nicht zu hölzern klang. Mir war schon oft geraten worden, mehr zu lesen, damit ich daran arbeiten konnte, aber dafür war ich nach der Schule und den Hausaufgaben oft zu müde. Außerdem las ich sehr langsam und es dauerte alles ziemlich lange. Keine guten Voraussetzungen, um ein Buch anzufangen und es zu beenden, bevor ich vergaß, um was es sich drehte oder was anfangs passiert war.

 

Lara ließ sich gar nicht lange bitten. Kaum war ich wieder in meinem Zimmer, kam sie hinterher und klatschte mir ihr Deutschbuch, den Hefter und ihren Block auf den Schreibtisch.

»Hast du es eilig?«, wollte ich wissen und sie nickte.

»Ein wenig. Alina hat gefragt, ob ich heute Abend Lust hätte, mit ihr und ein paar Freundinnen wegzugehen.« Lara wirkte dabei gleich ein paar Zentimeter größer.

»Nur Mädchen?«, erkundigte ich mich.

Alina war Lars’ Freundin und er würde Lara auf keinen Fall dabeihaben wollen. ›Nervig‹ war sein liebstes Adjektiv für sie.

»Ja. Sie meinte, dass Mareike mitkommt, welche aus ihrem Volleyballteam und eine alte Schulfreundin.«

»Ist Alina hier?« So viele Informationen in eine Textnachricht zu stecken, kam mir merkwürdig vor.

»Ja, habe ihr eben die Tür aufgemacht. Mareike war auch dabei.«

Mareike war die Freundin von Basti und das schon eine ganze Weile. Da sie und Alina Freundinnen waren, hatten sich Lars und Alina darüber kennengelernt.

»Also ist hier heute Abend jeder ausgeflogen?«

»Ich weiß nicht, ob Basti und Lars auch weggehen.« Lara setzte sich auf meinen Schreibtisch und ließ die Beine baumeln. »Fangen wir an?«

Ich setzte mich auf und schlug die Beine über die Bettkante. Im Liegen auf den Knien ließ es sich eh schlecht arbeiten. »Also, mit welcher der drei Fragen hast du angefangen?«

»Mit der ersten.«

Seufzend erhob ich mich und griff nach ihrem Hefter, in dem das Arbeitsblatt fein säuberlich ganz hinten abgeheftet war.

»Frage eins«, murmelte ich vor mich hin, während ich den Zettel überflog, um zu sehen, wo genau die Fragen für die Hausaufgabe standen. »Kann man sagen, dass unsere Gesellschaft kinderfeindlich ist?«

»Was hast du bis jetzt?« Ich lehnte mich neben sie an die Tischplatte.

»Die Pro-Argumente sind die, dass unsere Gesellschaft kinderfeindlich ist, ja?«

»Da die Behauptung negativ ausgelegt ist, unterstützen die Pro-Argumente das.«

»Okay, gut. Ich war kurz verwirrt.« Sie las sich ihre Argumente anscheinend noch einmal selbst durch, ehe sie sich mit dem Block einmal auf die Oberschenkel klopfte. »Pro: Es gibt wenig finanzielle Unterstützung für Frauen, die sich entscheiden, ihrem Kind oder ihren Kindern zuliebe nicht arbeiten zu gehen.«

»Was ist falsch an Fremdbetreuung? Es soll das Sozialverhalten von Kindern stärken, wenn sie sich viel unter Gleichaltrigen aufhalten.« Ich schrieb das unter die Contra-Argumente. »Nicht überall wird Kindern diese Möglichkeit …«

»Natürlich«, unterbrach sie mich. »Soweit ich weiß, gibt es Länder, in denen die Kinderbetreuung kostenlos ist. So muss sich nicht die Familie im Notfall abrackern, weil die Unterstützung im ersten Jahr nicht reicht. Kita-Plätze sind nicht für jeden zugänglich, Tagesmütter teuer …«

»Mach mal langsam«, bremste ich sie aus. »Ich habe das Gefühl, bei dir eine gewisse Grundtendenz zu der Behauptung zu sehen. Du bist eher der Meinung, dass sie stimmt?«

»Ja, natürlich. Ist das falsch? Soll da keine eigene Meinung rein?«

Ich trommelte mit der Rückseite meines Kugelschreibers auf den Linien herum, die ich für die Tabelle gezogen hatte. »Schon. Aber erst mal geht es um reine Fakten. Pro und contra. Dann überlegst du dir, auf welcher Seite du stehst oder wofür du mehr Argumente hast. Das muss nicht dasselbe sein. Manchmal ist man von etwas überzeugt, auch wenn die Argumente dagegen stehen. Oder es ist spannend, die Gegenseite zu beleuchten. Wie auch immer du dich entscheidest, am Ende muss es schlüssig sein, die Argumente ineinander übergehen und sich eine Meinung rauskristallisieren.«

»Das klingt machbar. Ich habe ja eine Meinung.« Lara begann, wahrscheinlich aus Langeweile, Schnörkel und Kreise an den Rand ihres Blattes zu zeichnen.

Nachdem wir noch eine Weile diskutiert und Google zurate gezogen hatten, um zu schauen, wie teuer eigentlich die Unterbringung in einer Krippe war, schrieben wir unsere Erörterungen. In einer Pause, die Lara nutzte, um etwas zu trinken aufzutreiben, suchte ich eine meiner Playlists bei Spotify raus und ließ etwas Musik laufen. Das traute ich mich nur vor Lara, die mich wenigstens mit keinem meiner Lieblingslieder aufzog, nur weil sie vielleicht eher für eine weibliche Zielgruppe geschrieben worden waren. Ich konnte nichts für meinen Musikgeschmack, aber die halbe Welt schien ihn verwerflich zu finden.

Da Lara noch nicht wieder da war, drehte ich ihren Block, fing mit meinem Smartphone die Verzierungen ein, suchte einen Filter dafür raus und stellte das Foto auf Instagram. Ich markierte Lara und tippte ein paar Hashtags dazu, die mir spontan einfielen.

@lara.lara.02 #Homework #Hausaufgaben #Deutsch #schoolthings #Erörterungen #wennmankeinenbockhat #lernen

Sie hatte kein Problem damit, wenn ich das tat. Es war nicht das erste Mal, dass ich ihre ›Zeichnungen‹ postete. Meiner Meinung nach sollte sie sich mal an eine richtige Zeichnung setzen. Ihre Schnörkel waren sehr schön, aber ich war mir sicher, dass da noch mehr ging. Sie musste es nur versuchen. Meine Überredungskünste waren bis jetzt allerdings nicht erfolgreich gewesen.

»Machst du wieder Fotos?«, fragte sie, als sie mit einer Flasche Zitronensprudel zurückkam.

»Ja. Ich habe schon so viele deiner Langeweilezeichnungen gepostet, dass ich mal eine Fotostrecke draus basteln könnte.«

Sie lachte und hüpfte wieder auf den Platz auf dem Schreibtisch. »Oh, Basti hat übrigens gesagt, er und Lars sind heute auch nicht da. Du hast also sturmfrei. Feier nicht zu wild.« Sie pikte mich mit der Rückseite ihres quietschpinken Kugelschreibers in die Seite.

Ob sie mir mittlerweile verziehen hatte, dass ich den haarigen Stern auf der Sprungfeder am Ende abgebrochen hatte? Es war im Affekt passiert. Sie hatte damit vor meiner Nase herumgewedelt und ich hatte den Stern einfach zur Seite schlagen wollen, war mit dem Ärmel hängen geblieben und hatte ihn abgerissen. Drei Tage war sie mir beleidigt aus dem Weg gegangen.

»Wann wollt ihr nachher los?« Sie wusste genau, Partys lagen mir im Allgemeinen nicht. Zu laut und zu viele Menschen. Keine Übersicht über die Situation zu haben, machte mich nervös.

»Alina sagte, sie machen sich gegen acht auf den Weg. Sie will ihr Auto noch nach Hause bringen und von da nehmen wir den Bus in die Stadt.«

»Dann wünsche ich dir schon mal viel Spaß.«

Auf Instagram leuchtete mir das Herzchensymbol entgegen, was mich darauf hinwies, dass einigen meiner Follower das Foto gefiel.

»Ja, noch bin ich nicht weg.«

»Schade«, murmelte ich sarkastisch, was mir einen weiteren Angriff von Laras Kugelschreiber einbrachte.

»Konzentrier dich auf die Hausaufgaben«, forderte sie, was mich nur noch mehr zum Lachen brachte.

Als wenn sie auch nur einen Finger krumm machen würde, wenn sie wählen dürfte.

Kapitel 3 - Lara

 

Wäre es nicht das erste Mal, dass ich mit in eine Disco ginge, hätte ich bestimmt nicht solche Probleme, mir etwas Passendes zum Anziehen rauszusuchen. Etwas anderes als eine Jeans wollte ich nicht anziehen, aber die Sache mit dem Oberteil war schon kniffliger. Wie warm war es? Bräuchte ich eine Jacke? Reichte ein T-Shirt oder durfte es etwas schicker sein?

Mit einem genervten Stöhnen ließ ich das blaue Top und das weiße mit den Spaghettiträgern wieder fallen. Ich konnte mich absolut nicht entscheiden.

»Jetzt hilf mir doch mal!«, forderte ich und warf Ben einen vorwurfsvollen Blick zu, weil er nur auf meinem Bett saß und sich mit seinem Smartphone beschäftigte.

»Was erwartest du denn von mir?« Er tippte noch etwas fertig und legte es dann beiseite.

»Dass du mir sagst, was ich tragen kann. Ich hab echt keine Ahnung, was da angemessen ist. Ich will auch kein, weiß nicht, Pfau im Hühnerstall sein.« Frustriert warf ich die Arme in die Luft, wobei sich das weiße Top, das ich eben aus dem Schrank gezogen hatte, um mein Handgelenk schlang.

»Ich kenn mich damit noch weniger aus. Wieso fragst du nicht deine Freundinnen? Die nehmen dich immerhin heute mit. Da werden sie wohl wissen, was du anziehen kannst.«

»Bist du sauer?«, fragte ich und ließ mich auf die Bettkante fallen, was Ben dazu brachte, seine Beine einzuziehen.

Es war vielleicht schon das ein oder andere Mal vorgekommen, dass ich mich auf seinen Fuß gesetzt hatte.

»Auf wen oder was sollte ich denn sauer sein?« Er schlang seine Arme um die Knie, stützte den Kopf darauf ab und sah mich über den Rand seiner runtergerutschten Brille an. Ehe es mich kirre machen konnte und ich sie ihm hochschob, griff er selbst danach.

»Ich weiß nicht. Du wirkst so … distanziert. Was ist los?«

»Ich bin doch nicht distanziert.« Er grinste und sein Blick huschte für einen Moment zu seinem Smartphone, weil es mit einer kurzen Vibration angezeigt hatte, dass eine neue Nachricht eingegangen war. Vielleicht hatte aber auch nur jemand ein Bild auf Instagram kommentiert.

»Ich finde schon«, murrte ich leise.

»Nein. Du rennst hier seit zwanzig Minuten wie ein aufgescheuchtes Huhn durch dein Zimmer, hast dich in der Zeit dreißig Mal umgezogen und weißt anscheinend nicht, wo dir der Kopf steht. Da kommt es dir lediglich vor, als wäre ich ruhiger als sonst, was aber nicht der Fall ist.«

»Mhm«, machte ich, nahm dann aber seinen Vorschlag an und klopfte nebenan an Lars’ Zimmertür, damit mir Alina bei der Auswahl meines Oberteils behilflich sein konnte.

Kurze Zeit später stand sie neben mir vor meinem Schrank, Mareike saß neben Ben auf meinem Bett und die Jungs waren schon mal runter ins Wohnzimmer gegangen.

»Kommen Basti und Lars jetzt doch mit?«, fragte ich und hielt erneut das blaue Top neben das mit den Spaghettiträgern.

»Ja, seit wir wissen, dass ein Kumpel vom Volleyball auch mitgeht«, erklärte Mareike. »Da zog das Argument mit dem Mädelsabend nicht mehr, und da sie eh noch nicht wissen, was sie machen wollen … Vielleicht setzen sie sich auch noch ab. Ich weiß es nicht.« Sie hatte die Beine überschlagen. Das Kleid, das sie trug, saß recht eng und endete noch über den Knien.

Ich bewunderte sie für dieses Selbstbewusstsein, denn Mareike war niemand, den ich als schlank bezeichnen würde. Auch nicht unbedingt als dick, aber irgendwas dazwischen eben. Mollig oder wie man das nannte.

»Du klingst nicht so begeistert. Hast du deinen Freund nicht gerne dabei, wenn du weggehst?« Ich zog mir mein T-Shirt über den Kopf und griff nach dem altrosa Ding, das mir Alina hinhielt.

»Rosa?«, fragte Mareike beinahe erschrocken.

»Das ist Altrosa«, korrigierte ich sie.

»Was ist der Unterschied?«

»Versuch’s gar nicht«, rief Alina dazwischen. »Das bringt’s nicht.«

»Ich finde, Altrosa geht ein bisschen ins Graue rein. Rosa ist etwas heller«, erklärte ich, aber Alina begann schon zu lachen, als Mareike langsam den Kopf schief legte.

»Du kannst sie auch nach dem Unterschied zwischen Lavendel, Flieder und Taupe fragen und sie wird sagen, es ist alles Lila.«

»Das stimmt doch gar nicht!« Mareike griff nach einem meiner Schuhe, die vor meinem Bett lagen, und warf ihn nach ihrer besten Freundin. »Du bist hier die Blonde von uns beiden.«

Alina lachte und schmiss den Schuh wieder zurück.

»Jetzt zieh dich an«, forderte mich Mareike auf. »Solange Ben noch von seinem Handy abgelenkt ist.«

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung, während er den Kopf hob, weil er wohl seinen Namen rausgehört hatte.

»Was ist?«, wollte er wissen und sah sich zwischen uns um.

»Altrosa?« Ich hielt das T-Shirt ganz absichtlich neben meinen Oberkörper.

Ben hatte mich schon das ein oder andere Mal in Unterwäsche gesehen. Außerdem war das bisschen Oberweite, das ich vorzuweisen hatte, wirklich nicht der Rede wert, dass man es verstecken müsste. Es gab schlicht nichts zu verstecken.

»Zieh es halt mal an.« Er rückte sich seine Brille zurecht und zeigte nicht den Hauch eines merkwürdigen Gefühls, dass es ihm vielleicht unangenehm war, mich ohne Oberteil zu sehen. Das war gut so. Genau so sollte es doch zwischen besten Freunden sein.

Ich entschied mich schließlich für das altrosa T-Shirt, dessen oberer Bund an einer Schulter bis auf den Oberarm hing. Das sah mit schwarz-rosa BH-Bügeln gar nicht so schlecht aus, also ließ ich es an.

Basti und Lars wollten erst mal mit uns mitkommen und so quetschten wir uns zu dritt auf die Rückbank von Alinas kleinem Auto. Ich durfte in die Mitte, weil ich die Kleinste war. Ich konnte noch nicht einmal die Füße gescheit abstellen, weil ihr Auto nicht gerade ordentlich war.

»Man merkt, dass Aaron keine Semesterferien mehr hat. Der hat den Wagen wenigstens ab und zu aufgeräumt«, sagte Mareike irgendwann, was Alina zum Lachen brachte und den Jungs ein genervtes Aufstöhnen entlockte.

Man musste mir meine Verwirrtheit angesehen haben, denn Mareike setzte gleich zu einer Erklärung an: »Aaron ist Alinas Bruder und dem gehört theoretisch das Auto zur Hälfte. Er braucht es aber an der Uni nicht. Da gibt’s an jeder Ecke Straßenbahnen.«

»Und warum sind die Jungs so schlecht auf ihn zu sprechen? Oder ging’s um das Auto?«

»Lange Geschichte«, brummte Lars vom Beifahrersitz und irgendwie sorgte das dafür, dass das Thema erst mal erledigt war.

Ich würde Alina später einfach fragen, wenn ich sie allein erwischte. Wieso durfte er hier eigentlich den Ton angeben?

»Sag mal, geht das Radio?«, fragte ich nach vorne und Lars stöhnte erneut.

Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er immer so drauf war, hätte ich vermutet, er hätte richtig miese Laune, aber dem war nicht so. Das war einfach sein üblicher Umgangston. Nur seiner Freundin gegenüber konnte er anders. Ganz anders. Ein paar Mal hatte ich Zeuge davon sein dürfen, wie er herzhaft über einen Witz von ihr gelacht hatte.

Einen Abend, als ich nicht hatte schlafen können, hatte ich mich runtergeschlichen und die beiden auf der Couch überrascht. Nicht beim Sex oder so, sondern miteinander kuschelnd. Es war stockdunkel gewesen und ich hatte nur etwas trinken wollen, als ich auf halbem Weg durchs Wohnzimmer bemerkte, dass noch jemand auf dem Sofa lag. Die Luft anhaltend war ich mitten in der Bewegung erstarrt.

Wahrscheinlich wäre es tatsächlich weniger intim gewesen, sie beim Sex zu überraschen, als zu hören, wie der absolut unnahbare Eisklotz Lars »Ich liebe dich, mein Schatz« flüsterte. So leise, wie es mir möglich gewesen war, war ich in die Küche getapst und hatte mir eine Flasche von der Theke genommen. Als ich mich wieder umdrehte, starrten mich trotzdem zwei hellblaue Augen über die Sofalehne an. Nichts war zu sehen, nur diese Augen. Gruselig. Der Blick war so stechend, dass ich auch jetzt, ein paar Wochen später, noch immer ab und an glaubte, ihn in meinem Rücken zu spüren.

Dieses Erlebnis hatte jedenfalls ausgereicht, damit ich auf der Treppe nun immer das Licht anmachte, wenn ich später noch mal runtermusste, und extra ein bisschen trampelte.

»Wenn das Radio geht, macht es doch mal an«, bat ich. »Es ist so ruhig hier, wenn niemand etwas erzählt.«

Alina hob die Hand, wurde aber direkt von Lars ausgebremst.

»Lass das Ding aus.«

»Ich weiß bis heute nicht, was du dagegen hast. Außerdem ist es mein Auto, ich fahre, also hast du so überhaupt keine Entscheidungsgewalt.«

»Ich mag es halt nicht«, murmelte er.

»Du magst nur meine Musik nicht, stimmt’s?« Sie grinste breit, als Lars sie mit zusammengepressten Lippen musterte. »Erwischt!« Mit dem Zeigefinger stupste sie ihn gegen die Wange.

»Guck auf die Straße, wenn du fährst«, wies er sie zurecht.

»Ja, ich bin vorsichtig und passe auf.« Ihr Grinsen wurde noch eine Spur breiter, bevor sie sich wirklich wieder komplett auf die Straße konzentrierte.

Das Radio blieb den Rest der Fahrt aus, aber es war zum Glück kein langer Zeitraum mehr, ehe wir vor einem gemütlich aussehenden Einfamilienhaus in einer Dreißigerzone aus dem Auto kletterten. Es erinnerte mich an die zweite Pflegefamilie, bei der ich gewohnt hatte. Die beiden hatten auch in einer ähnlichen Gegend gelebt. Ruhiges Wohngebiet, Einfamilienhaus mit Garten.

Alina bat uns noch kurz rein und wir Mädels verschwanden für einen Augenblick im Bad, damit wir unser Make-up noch mal nachziehen konnten.

Nachdem ich Mareike dabei zugesehen hatte, wie sie einen absolut perfekten Lidstrich zog – und das gleich zwei Mal! – tat sie mir den Gefallen und versuchte es bei mir. Sie entschuldigte sich zwar mehrmals, dass es nicht perfekt war, doch es sah besser aus, als ich es je hinbekommen hätte. Da fehlte mir wahrscheinlich die Routine, aber nachdem ich mich im Spiegel betrachtet hatte, beschloss ich, das zu üben. Ich hätte mich beinahe selbst als hübsch bezeichnet.

Und dann zogen wir zu fünft los. Erst zur nächsten Bushaltestelle und schließlich über den Marktplatz zu einer Diskothek, bei der mir versprochen wurde, dass ich auf jeden Fall mit reinkam, auch wenn keiner der Betreuer einen Mami-Zettel unterschrieben hatte.

»Ich habe irgendwie immer gedacht, ihr mögt mich nicht«, gab ich zu, als Basti zufällig neben mir lief.

»Mhm«, machte er, was mich nicht gerade überzeugte. »Das ist so ne Sache mit den kleinen Schwestern.« Er stupste mich mit dem Ellenbogen an den Arm. »Die sind eben tendenziell nervig.«

»Bin ich das? So was wie eine kleine Schwester?« Das klang doch gleich weniger schlimm als sein vages »Mhm«.

»Ja, irgendwie schon. Das habe ich zumindest Mareike erzählt, als ich sie kennengelernt habe.«

Sie drehte sich zu uns um und lachte. »Du hast mir das Blaue vom Himmel gelogen, mein Freund.«

Basti fiel in ihr Lachen ein. »Aber ich war gut, oder?« Sein Tonfall wurde flirtend.

»Oh ja, sehr.« Sie ließ sich neben ihn zurückfallen und griff nach seiner Hand.

»Aber um noch mal drauf zurückzukommen: Nein, es ist nicht so, dass wir dich nicht mögen.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, unterbrach Lars ihn, was Basti zu einem Augenrollen verleitete.

»Du bist nur eine ganze Ecke jünger als wir, da gehen die Interessen manchmal auseinander.«

Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass Basti meine Vermutung nur bestätigen würde, aber seine Erklärung klang eindeutig besser. Lars versuchte ich für den Moment auszublenden. Sollte er doch seine Meinung haben.

Vor der Disco erwarteten uns schon zwei Mädels, die Freundinnen von Alina waren. Eine stellte sich als Lena vor und die andere, Vanessa, kannte ich flüchtig vom Volleyball. Es ärgerte mich immer noch, dass mir meine Therapeutin dringend davon abgeraten hatte, eine dritte Sportart anzufangen. Als wenn ich das nicht im Griff hätte.

Basti unterschrieb für Mareike, die erst am Donnerstag achtzehn werden würde, und Alina übernahm die Aufsichtspflicht für mich.

Ich war richtig nervös, als wir endlich reingingen. Es stellte sich aber als unspektakulärer heraus, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Musik war zwar gut, aber auch sehr laut, sodass sie es mir unmöglich machte, ein Gespräch zu führen. Und aus einem mir nicht ersichtlichen Grund hatte ich übersehen, dass man in einer Disco tanzte.

Das war etwas, was ich mir so gar nicht vorstellen konnte. Tanzen? Ich? Und dann auch noch ohne richtige Musik dazu.

Alina und Lars verschwanden direkt auf die Tanzfläche, Basti und Mareike lehnten nebeneinander an der Theke und waren in ein Gespräch vertieft und die anderen beiden kannte ich nicht genug, um mich mit ihnen zu unterhalten. Vor allem nicht in dieser Umgebung. Ich verstand hier durch die Lautstärke nicht mal meine eigenen Gedanken.

Vanessa bestellte für uns alle etwas zu trinken und sammelte dann das Geld ein, so fragte wenigstens niemand, ob ich das, was ich da bestellte, auch trinken durfte.

Erst hatte ich überlegt, ob ich mir einen alkoholfreien Cocktail bestellen sollte, weil mich der Gedanke, Alkohol zu trinken, nervös machte. Ich hatte bisher noch nicht die Gelegenheit dazu bekommen. Wann auch? Ich verbrachte meine Zeit fast nur mit Schulkram, Ben oder begleitete ihn nach draußen, wo er Fotos für seinen Instagram-Account schoss.

Da ich das aber nicht zugeben wollte, bestellte ich mir eine Piña colada. Wie ich kurz darauf sah, trank Alina auch eine, also würde ich die vertragen. Schon nach dem ersten vorsichtigen Schluck schloss ich genießerisch die Augen. Das schmeckte herrlich nach Kokos und Ananas.

»Die Piña colada hier ist richtig gut!«, rief Alina und beugte sich dabei so nah zu mir, dass ich bemerkte, wie stark sie bereits Körperwärme abgab. Allein davon, neben ihr zu stehen, wurde mir warm.

Ich stimmte ihr nickend zu und fragte mich, wie lange es dauerte, bis ich etwas von dem Alkohol merken würde, und wie es sich wohl anfühlte, betrunken zu sein.

»Wenn du bei dem Kerl mit den braunen Haaren da bestellst« ‒ sie deutete auf jemanden hinter der Theke und wartete, bis ich wusste, wen genau sie meinte ‒ »dann bekommst du alles, was du magst. Der fragt dich nicht nach deinem Ausweis. Sag einfach, dass du ne Freundin von mir bist, dann weiß er Bescheid.«

»Wer ist das?«, wollte ich wissen.

In dem weißen T-Shirt mit dem Schriftzug des Clubs darauf sah er richtig gut aus. Zumindest das, was ich von hier aus erkannte. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Mut hatte, ihn so direkt anzusprechen und eine Extrabehandlung zu verlangen.

»Ist nen Kumpel von mir. Jonas. Kenne ihn schon ein paar Jahre vom Volleyball. Er ist eigentlich ein ganz Netter, er hat nur die Angewohnheit, sich an alles ranzumachen, was nicht bei drei auf dem nächsten Baum ist.« Sie zuckte überdeutlich mit den Schultern. »Lass dich nicht von ihm angraben. Er wird dich danach nie wieder anrufen.«

Ich versteckte mein Lachen, indem ich den Strohhalm zwischen die Lippen nahm. Als ob sich jemand wie er an jemanden wie mich ranmachen würde. Auch mit der hochgeschnittenen Jeans und dem etwas weiteren T-Shirt ließ sich nicht verstecken, dass ich eindeutig zu viel auf den Hüften hatte. Jetzt wünschte ich mir trotz der Wärme einen Pullover oder meine Jacke herbei, die ich an der Garderobe abgegeben hatte.

»Eigentlich wollte er heute auf unserer Seite der Theke stehen, aber er musste für einen Kollegen einspringen, vielleicht kommt er nachher noch dazu. Aber wie gesagt, lass dich nicht angraben. Du bist als Einzige single von uns.« Sie stockte. »Bist du doch, oder?«

Nickend nuckelte ich weiter an meinem Strohhalm.

»Dann sag es ihm am besten nicht. Ich mag ihn, wie gesagt, er ist ein klasse Spieler, aber das mit den Frauen ist ne abartig dumme Angewohnheit.«

»Sprichst du da aus Erfahrung?«

Alina tippte sich lachend an die Stirn. »Das ist nicht meine Art. Ich habe ein einziges Mal nen Kerl an dem Abend geküsst, an dem ich ihn kennengelernt habe, und das ist Lars gewesen. Sonst lasse ich mir bei so was mehr Zeit. Keine Ahnung, da hat es irgendwie gepasst.«

Ich wusste gar nicht so genau, was eigentlich meine Art war. Immerhin hatte ich keinerlei Erfahrung mit Jungs. Es hatte da vor zwei Jahren mal einen schlabberigen Kuss mit einem Klassenkameraden gegeben, als wir auf einem Geburtstag Flaschendrehen gespielt hatten, aber mehr hatte ich nicht vorzuweisen.

Blöd eigentlich, wenn ich hörte, worüber sich die Mädels in meiner Klasse unterhielten. Da war ich total außen vor. Aber vielleicht konnte ich das ändern?

»Kommst du mit tanzen?« Alina deutete hinter sich, wo die anderen gerade in der Menge verschwanden.

Schulterzuckend stellte ich mein leeres Glas weg und beschloss, es einfach nachzumachen und zu lernen.

 

Zwei warme Hände lagen an meiner Hüfte. Jonas roch nach Zigaretten, Waschpulver und nach Piña colada. Das war mein Glas gewesen, aber er hatte den letzten Schluck daraus getrunken, weil er lachend gesagt hatte, dass es für mich reichte. Oder war das Alina gewesen? Die hatte mich auch irgendwann zwischen dem dritten und vierten Cocktail ermahnt, damit ich aufhörte, zu trinken. Das sah ich ein.

Bei jeder Bewegung meines Körpers berührte mein Oberkörper seinen. Störte ihn meine wenige Oberweite eigentlich nicht? Sein Gesicht verschwamm mit den bunten, flirrenden Lichtern um uns herum, als ich den Kopf hob und ihn ansah.

»Alles okay?«, fragte er, wobei seine Lippen mein Ohr berührten.

Ich nickte und drückte meine Stirn gegen seine Brust. Der Griff an meiner Hüfte wurde fester, jagte Gänsehaut über meinen Körper, und wenn mich nicht alles täuschte, hatte mir Alina eben gesagt, dass ich das lassen sollte. Aber was? Meine Finger strichen über den weichen Stoff von Jonas’ T-Shirt. Die monotone Bewegung ließ das Drehen in meinem Kopf etwas abflauen.

»Wenn du an die frische Luft möchtest, musst du das nur sagen«, hörte ich seine Stimme.

Frische Luft? Das klang, als würde es kalt werden. Ich mochte die Wärme, der wir hier ausgesetzt waren. Wenn nur nicht mein Mund von dem Cocktail so klebrig wirken würde. Ob ich mir ein Wasser bestellen sollte?

Verspätet mit dem Kopf schüttelnd, hob ich den Blick, um ihm zu sagen, dass ich Durst hatte, aber sein Gesicht war so nah an meinem, dass ich nicht mehr wusste, was ich eigentlich wollte.

Ich kam gar nicht dazu, den Gedanken zu beenden, denn im nächsten Augenblick spürte ich seine Lippen auf meinen.

Kapitel 4 - Ben

 

Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt, lange im Wohnzimmer zu sitzen oder gar zu warten, bis die anderen wiederkamen, aber dann tat ich es doch.

Vielleicht nur deshalb, weil Lara das erste Mal mitgegangen war und ich sicherstellen wollte, dass es ihr auch gut ging, wenn sie wiederkam. Sie hatte nur mitgehen dürfen, weil Mareike und Alina dabei gewesen waren. Keiner der Betreuer hätte sie guten Gewissens nur mit Basti und Lars gehen lassen.

Außerdem hatte Steffen heute die Nachtschicht, weswegen ich mich gerne dazugesellte und einen Film mit ihm ansah. Ich mochte seine Strukturiertheit. Dass er die Regeln nicht auslegte, wie er sie brauchte und wie es ihm passte. Es gab sie ja nicht ohne Grund.

Um kurz nach halb zwölf hörte ich die Haustür aufgehen. Steffen, der halb auf dem Sofa gelegen hatte, schlug die Wolldecke über seinen Füßen beiseite und setzte sich auf. »Fast vierzig Minuten zu spät.«

Ich nickte. Und niemand hatte geschrieben, dass es später würde. Wenn etwas passiert wäre und Steffen hätte nicht Bescheid gewusst … Basti und Lars waren bereits volljährig, aber Lara war es nicht. Steffen hatte eine Aufsichtspflicht ihr gegenüber.

Im Flur lachte Basti unterdessen vor sich hin und Lara kicherte, als hätte sie verdammt viel Spaß.

»Hilf mir mal!«, hörte ich Basti sagen.