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Ein Luxushotel in der Schweiz, ein mysteriöser Gast, ein tödliches Spiel Lo Blacklock wagt einen Neuanfang: Obwohl die traumatischen Erlebnisse auf dem Kreuzfahrtschiff vor vielen Jahren sie noch immer begleiten, ist die Einladung zur Neueröffnung eines Luxushotels in der Schweiz ihre Chance endlich ins Berufsleben als Reisejournalistin zurückzukehren. »Jeder Ruth Ware-Krimi ist ein einzigartiges und unerwartetes Juwel, und dieser ist keine Ausnahme. Ein berauschender, spannungsgeladener, langsam verglühender Traum von einem Buch, vielschichtig und durchdrungen von Atmosphäre und Gefahr. Ich habe jede Seite geliebt.« LISA JEWELL Das Hotel am Ufer des Genfer Sees ist traumhaft und Lo hofft, dort ein Interview mit dem exzentrischen Hotelbesitzer Marcus Leidmann ergattern zu können. Als sie eines Nachts überraschend in sein Hotelzimmer eingeladen wird, ist Lo zwar skeptisch – doch ihre Neugier ist stärker. Umso überraschter ist sie, als sie von einer unbekannten Frau empfangen wird, die behauptet, Marcus' Geliebte zu sein und sich in Lebensgefahr zu befinden. Es beginnt ein tödliches Katz und Maus-Spiel ... »Großartig düster und absolut fesselnd.« Lucy Foley
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Lo Blacklock wagt einen Neuanfang: Obwohl die traumatischen Erlebnisse auf dem Kreuzfahrtschiff vor vielen Jahren sie noch immer begleiten, ist die Einladung zur Neueröffnung eines Luxushotels in der Schweiz ihre Chance, endlich ins Berufsleben als Reisejournalistin zurückzukehren. Das Hotel am Ufer des Genfer Sees ist traumhaft und Lo hofft, dort ein Interview mit Hotelbesitzer Marcus Leidmann ergattern zu können. Doch statt auf den exzentrischen Millionär trifft sie in Suite 11 auf eine Frau, die behauptet, in tödlicher Gefahr zu schweben. Lo ahnt nicht, dass sie längst in ein riskantes Katz-und-Maus-Spiel geraten ist …
Ruth Ware
Thriller
Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
Für alle, die mehr wollten
Im Traum war ich gefangen. Eingesperrt in einer Zelle tief unter Wasser, wo niemand meine Schreie hörte.
Es gab keinen Ausweg; ich konnte nur in dem kleinen Raum von einer Seite zur anderen taumeln. Ich kratzte mit den Fingernägeln an der verschlossenen Tür, riss den orangefarbenen Nylonvorhang an der Wand zurück, doch dahinter war kein Fenster – nur eine Plastikplatte, die mich grausam verhöhnte.
Verzweifelt sah ich mich nach etwas um, das mir helfen konnte, hier rauszukommen – einem Stück Holz, mit dem ich die Tür aufstemmen, etwas Schwerem, mit dem ich das Schloss zerschlagen konnte. Aber da war nichts – nur eine Metallkoje, die an die Wand geschraubt war, und ein gummiüberzogenes Tablett auf dem Boden.
Die Tür war passgenau, es gab keine hilfreiche Lücke, in die ich meine Finger zwängen, keinen Spalt am Boden, wo ich hindurchspähen oder durch den ich etwas rufen könnte.
Während ich mit abgebrochenen, blutigen Nägeln am erbarmungslosen Plastik kratzte, wurde mir klar: Es gab keinen Weg hinaus. Ich war vollkommen und unwiderruflich gefangen. Die Erkenntnis drohte mich zu überwältigen.
Als ich aufwachte, überkam mich ungeheure Erleichterung. Ich lag mit geschlossenen Augen da, mein Herz hämmerte, das Blut rauschte in meinen Ohren. Es war nur ein Traum gewesen – der alte Albtraum, den ich schon unzählige Male gehabt hatte. Nur ein dummer, wiederkehrender Albtraum – die Erinnerung an ein Grauen, dem ich längst entkommen war. Ich war in Sicherheit, zu Hause, wo mir niemand etwas tun konnte.
Aber … war ich das? Noch bevor ich die Augen öffnete, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich lag nicht zu Hause in meinem bequemen Bett, meinen Mann neben mir, keine Kinderfüßchen bohrten sich in meinen Bauch. Ich lag allein auf einer dünnen, harten Matratze, mit Schmerzen in Rücken und Hüften. Auch die Geräusche waren anders – nicht das freundliche Klappern unserer alten Klimaanlage, kein Autohupen oder Sirenengeheul in der New Yorker Nacht.
Nein, ich hörte nur das Schlagen von Türen, Schritte, zornig erhobene Männerstimmen.
»Wenn du nicht endlich Ruhe gibst –«, rief jemand, dann noch etwas Unverständliches.
Ich setzte mich auf, öffnete angsterfüllt die Augen, als ich mich an die Ereignisse des Vortags erinnerte. Es gab hier keine Fensterattrappe, keine cremeweiße Platte hinter einem Nylonvorhang. Und die Tür war nicht aus Plastik. Aber es gab eine Tür. Vergittert und aus Metall. Und definitiv abgeschlossen.
Mein Traum war kein Traum gewesen. Ich war tatsächlich gefangen. Saß in einer Zelle. Und hatte keine Ahnung, wie ich rauskommen sollte.
Ich betrat das Schlafzimmer und zog scharf die Luft ein. Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Herausgezogene Schubladen, Decke und Kissen auf dem Boden, ein kleiner Beistelltisch umgekippt auf dem Bett, Stühle lagen umher, als hätte jemand mit ihnen Bowling gespielt. Kleidungsstücke waren überall auf dem Boden verstreut, auf dem Nachttisch, baumelten vom Fenstergriff. Der Teppich war kaum noch zu sehen. Inmitten des Chaos putzte sich Delilah, meine alte Tigerkatze, gelassen auf einem Haufen ehemals sauberer, gefalteter Wäsche.
Es gab nur zwei Erklärungen. Entweder war heute Nacht jemand eingebrochen und hatte mit beängstigender Entschlossenheit nach etwas gesucht. Oder Judah hatte den Jungs erlaubt, sich selbst für die Schule anzuziehen, und das war das Ergebnis. Ich war mir relativ sicher, welche zutraf.
Seufzend richtete ich die Stühle auf, holte Teddys Trinkbecher unter seinem Bettchen hervor und scheuchte Delilah von der zerdrückten Wäsche herunter. Dann stopfte ich Elis Kleider wieder in seine Kommode. Du bist gigantisch toll! stand auf einem kleinen Hoodie mit aufgenähtem brüllendem Dinosaurier, das auf dem Boden lag. Warum gab es für Erwachsene keine Kleidung mit solch ermunternden Sprüchen? An manchen Tagen hätte ich durchaus einen lächelnden T-Rex gebrauchen können, der mir sagte, dass er an mich glaubte – Tagen wie diesem.
»Wie war das Vorstellungsgespräch?« Judah nahm die Kopfhörer ab und schaute vom Laptop hoch, als ich den Trinkbecher auf die Arbeitsplatte stellte. Es machte mich jedes Mal glücklich, unser Wohnzimmer zu betreten – deswegen hatten wir uns überhaupt nur für die Wohnung entschieden. Es erstreckt sich fast über die gesamte Länge des alten Gebäudes, hat einen dunklen, polierten Holzboden und hohe Fenster, durch die man auf die benachbarten Dächer blickt. Und heute war es voll Herbstsonne und tanzenden Staubflocken.
Als wir die Wohnung kauften, hatte sie zwei Schlafzimmer, eins für uns und ein Arbeits- und Gästezimmer. Doch dann war ich schwanger geworden, und aus dem Arbeitszimmer war ein Kinderzimmer für zwei kleine Jungs geworden. Jetzt arbeiteten wir – nun ja, vor allem Judah – meist am Küchentisch, der in einer kleinen Nische des Wohnzimmers stand.
Er hatte gerade einen Zoom-Call gehabt, als ich nach Hause kam, doch jetzt wirkte er, als könnte er eine Ablenkung vertragen.
Ich schüttelte den Kopf. »Ganz okay, aber ich glaube nicht, dass ich die Stelle bekomme. Das Mädchen, mit dem ich gesprochen habe, war wirklich nett, aber sie sagte, ich sei überqualifiziert. Und zwar gleich zweimal.«
»Im Klartext: Du bist ihnen zu teuer«, sagte Judah achselzuckend und schob die Lesebrille in die Stirn. »Ich hab’s dir ja gesagt – du solltest dir höhere Ziele setzen.«
»Gut und schön, aber ich bin schon so lange aus dem Job raus.« Ich versuchte, den Ärger in meiner Stimme zu unterdrücken, doch es gelang mir nicht ganz. Judah hatte gut reden – er hatte kurz vor der Pandemie eine angenehme Festanstellung bei der New York Times bekommen. Es war das journalistische Äquivalent zu einem Lotteriegewinn – dass er das wusste, machte es mir auch nicht einfacher, unsere sehr unterschiedlichen Karrieren auszublenden. »Festanstellungen sind dünn gesät, Jude, vor allem, wenn man eine Lücke von fünf Jahren im Lebenslauf hat.«
»Ich weiß«, sagte Judah, stand auf und nahm mich in die Arme. »Tut mir leid, es sollte nicht klingen, als würden solche Jobs auf Bäumen wachsen. Ich denke nur manchmal … dass du dich unterschätzt.«
»Ich weiß mich durchaus zu schätzen, glaub mir. Aber ich habe seit Elis Geburt kaum gearbeitet. Und für viele ist das ein automatisches Stoppzeichen.«
Eli war kurz vor der Pandemie geboren worden. Damals hatte ich mich im Erfolg meines bisher einzigen Buches Dunkle Wasser gesonnt, das von meinen albtraumhaften Erfahrungen auf dem Kreuzfahrtschiff Aurora in den norwegischen Fjorden handelte. Judah hatte gerade die Stelle bei der New York Times bekommen. Von dem Buchvorschuss und seinem neuen Gehalt hatten wir diese Wohnung im trendigen Tribeca-Viertel von Manhattan gekauft. Der logische nächste Schritt schien, es mit der Familiengründung zu versuchen.
Aus irgendeinem Grund hatte ich die Vorstellung gehabt, dass der Versuch Monate, wenn nicht gar Jahre dauern würde. Doch Eli war schneller da gewesen, als wir beide erwartet hatten, und das Leben mit einem Neugeborenen hatte uns völlig aus der Spur geworfen. Es schien unmöglich, dass ein so winziger Mensch zwei geordnete Leben so restlos durcheinanderbringen konnte. Die Tatsache, dass ich fünftausend Kilometer von meinem Heimatland und meiner Mutter entfernt lebte, machte es mir besonders schwer. Eine Zeit lang hatte sich unser Leben sehr holprig gestaltet – ich hatte gefürchtet, meine psychische Gesundheit könnte in finstere Tiefen zurücksinken, da die alten Medikamente nicht mehr wirkten und die neuen unerwartete Nebenwirkungen und Dosierungsprobleme mit sich brachten. Doch irgendwie schafften wir es. Der Hormon-Tsunami legte sich. Eli gewöhnte sich an einen festen Tagesablauf. Judah und ich bekamen unser Leben in den Griff, und ich fand den richtigen Cocktail aus Antidepressiva, der mich wieder ins Lot brachte. Und gerade als ich mit dem Gedanken spielte, ein Kindermädchen zu suchen und wieder arbeiten zu gehen, schlug die Pandemie zu.
Ich hätte es niemals offen zugegeben, doch ich war irgendwie auch froh gewesen. Natürlich war es schlimm – die Isolation, die Sorgen um meine Mutter, die an einem Ort lebte, den der Guardian als »Pestinsel« bezeichnete. Aber es hatte mich auch aus der Verantwortung genommen – Schulen und Kindergärten waren geschlossen, sodass ich zwei wunderbare Jahre zu Hause mit Eli verbringen konnte, ohne nach einer Vollzeitstelle suchen zu müssen. Als dann Teddy zur Welt kam, wurde die Uhr erneut zurückgestellt, und ich war wieder im Babyland, wenn auch mit optimierter Medikation und mehr Erfahrung.
Jetzt aber waren plötzlich sechs Jahre vergangen. Eli ging in den Kindergarten. Teddy hatte gerade mit der Spielgruppe begonnen. Der Buchvorschuss war für unseren Lebensunterhalt draufgegangen. Und Judah und ich waren uns einig, dass ich mich wieder in den Sattel schwingen sollte.
Nur war es schwierig, das Pferd einzufangen.
Ich hatte ziemlich viel frei gearbeitet – hier in den Staaten und auch für frühere Auftraggeber und Kontakte in Großbritannien. Doch ich träumte von einer Festanstellung mit Renten- und Krankenversicherung. Zumindest war ich jetzt amerikanische Staatsbürgerin, was mir eine gewisse Sicherheit verlieh. In der Zeit meiner postnatalen Angstzustände hatte ich obsessive Albträume davon, dass meine Greencard abgelaufen war und die Einwanderungsbehörde uns die Tür eintrat. Der Gedanke hatte mich verfolgt, sooft Judah auch schwor, dass das nicht passieren konnte, dass man mich als Frau eines US-Bürgers und Mutter von zwei amerikanischen Kindern nicht ausweisen würde. Doch auch wenn ich jetzt einen kostbaren amerikanischen Pass besaß, war mir klar, dass ich ziemlich am Ende wäre, wenn Judah etwas zustieße. Unser Leben hier, unsere Krankenversicherung, unsere Hypothekenzahlungen, alles hing an seinem Job. Und das wollte ich nicht mehr. Nicht nur meinetwegen – ich wollte auch nicht, dass die Sorge für unsere kleine Familie allein auf Judahs Schultern lastete.
Ich schlang die Arme fester um ihn, legte die Stirn kurz an seine breite Brust. Dann richtete ich mich auf und lächelte.
»Ach, alles wird gut. Ich finde schon was – ich muss nur an genügend Türen klopfen, oder?«
»Genau.« Judah strich mir die Haare aus dem Gesicht und lächelte auf mich herunter. »Der Job bei der Times war für mich auch absolut unerreichbar, bis es dann plötzlich geklappt hat. Du kannst wahnsinnig gut schreiben und hast ziemlich eindrucksvolle Referenzen. Irgendwas wird sich ergeben. Und bis dahin arbeitest du eben weiter frei. Irgendwann geht die richtige Tür für dich auf, das weiß ich.«
»Ich liebe dich, Judah Lewis«, sagte ich. Und ich meinte es zutiefst ernst.
»Ich liebe dich, Laura Blacklock«, sagte er mit seinem schiefen Lächeln, das mir immer ans Herz ging. Wir schauten einander eine lange Minute in die Augen, und ich dachte wie schon tausend Mal zuvor, was für ein Glück ich doch gehabt hatte – mit diesem Mann, den ich liebte, bei dem auch nach zehn Jahren mein Herz noch schneller schlug, mit zwei Kindern, einer wunderschönen Wohnung, die wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht erhofft hatten. Mein Leben hätte in einem wässrigen Grab in Norwegen enden können. Das hatte es um ein Haar auch. Seither war jeder Tag für mich ein Geschenk, für das ich ewig dankbar war.
Wir lösten uns lächelnd voneinander, als Judahs Laptop sich mit einem Piepton meldete.
»Tut mir leid. Mein Kalender. Ich habe um halb ein Teamgespräch.«
»Du musst ja unser täglich Brot verdienen«, sagte ich. Und dann, als mein Blick auf den Poststapel auf dem Tisch fiel: »Ach, ich hab übrigens die Post raufgebracht. Da sind ein paar Päckchen für dich. Ich glaube, in einem sind die Hemden, die du bestellt hast.«
Judah nickte und ging die Ansammlung aus Werbebriefen, Päckchen und Rechnungen durch, bevor er stöhnend einen dicken geprägten Umschlag hochhielt.
»Die nächste Hochzeit, nehme ich an. Nicht zu glauben, dass du immer noch unverheiratete Freundinnen hast. Wer ist es diesmal?« Er warf mir das Kuvert zu.
Stirnrunzelnd betrachtete ich es. Es sah tatsächlich wie eine Hochzeitseinladung aus – steifes, teures cremefarbenes Papier. Ein europäischer Poststempel, aber nicht aus Großbritannien. Ich konnte das Land nicht zuordnen. Auf dem Stempel stand Helvetia, was irgendwie skandinavisch klang. Der Umschlag war mit schwarzer Tinte und in kalligrafierter Handschrift an Mme Laura Blacklock adressiert.
Es gab nur einen Weg, es herauszufinden.
Ich riss den Umschlag auf, wobei ich mich an der Papierkante schnitt, zog die Karte heraus und leckte mir beim Lesen das Blut vom Finger.
Marcus Leidmann und die Leidmann Group
geben sich die Ehre,
Mme Laura Blacklock
zur Presseeröffnung des
Grand Hôtel du Lac
in
Saint-Cergue les Bains
Genfer See, Schweiz
von Montag, den 4. November,
bis Donnerstag, den 7. November,
einzuladen.
U.A.w.g. [email protected]
Auf der Rückseite stand derselbe Text auf Französisch, darunter ein diskreter QR-Code mit dem Vermerk Weitere Informationen/Plus d’informations.
Judah musste etwas gemerkt haben, denn als ich zu Ende gelesen hatte, sah er mich neugierig an.
»Doch keine Hochzeitseinladung?«
»Nein. Eine Pressesache.« Ich reichte ihm die Karte. Er las sie und tippte dann auf den Namen ganz oben.
»Von dem hab ich schon gehört. Marcus Leidmann, der CEO der Leidmann Group. Kennst du die?«
Ich nahm die Karte zurück und schüttelte den Kopf. »Ist das ein Reiseunternehmen?«
»Die machen von allem etwas – wie eine kleinere Version von Tata Steel. Sie haben mit Schwerindustrie angefangen und dann in alle Richtungen von Eisenbahnen bis Kommunikation diversifiziert. Ich wusste allerdings nicht, dass sie auch in der Hotelbranche aktiv sind. Das muss neu sein.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ist vermutlich ein guter Zeitpunkt, um in die Reisebranche einzusteigen. Viele Firmen sind in der Pandemie pleitegegangen, da gibt es jede Menge günstige Gelegenheiten für gewiefte Investoren. Jedenfalls eine nette Gelegenheit für irgendwen, es sich auf Kosten dieses Marcus gut gehen zu lassen.«
Ich wollte die Karte gerade in den Müll werfen, als Judah mich zurückhielt.
»Was meinst du? Es wäre eine nette Gelegenheit für dich.«
Ich lachte. »Ich kann doch nicht in die Schweiz fahren, Judah! Wer würde die Jungs in den Kindergarten bringen? Und abholen?«
»Ähm … ich?« Er sah ein bisschen gekränkt aus. »Wie zum Beispiel heute Morgen, als du beim Vorstellungsgespräch warst, falls du dich erinnerst. Das haben wir auch überlebt.«
Ich wollte gerade erwähnen, dass das nur ein Morgen gewesen war und das Zimmer der Jungs danach wie ein Kriegsgebiet aussah, machte aber den Mund wieder zu. Ich wollte keine dieser Frauen sein, die herummeckern, wenn ihr Mann etwas auch nur ein bisschen anders macht als sie selbst. Und vermutlich war es ganz gut für die Jungs, ein wenig selbstständiger zu werden – wenn auch schade, dass sie ihr Zimmer dabei ins komplette Chaos versetzten.
»Aber was bringt mir das?«, fragte ich stattdessen. »Ich habe keinen Auftrag, darüber zu berichten. Ein kostenloser Urlaub wäre natürlich nett, aber ich bin mir nicht mal sicher, ob er wirklich kostenlos ist. Vermutlich müsste ich den Flug selbst bezahlen.«
»Erstens«, Judah zählte an den Fingern ab, »erzählst du mir seit zwei Jahren, dass du endlich mal wieder deine Mutter besuchen willst. Selbst wenn du den Flug selbst bezahlen musst, kannst du die Reise nach Europa von der Steuer absetzen, was auch nicht schlecht ist. Zweitens ist der Laden vermutlich voller Reisejournalisten und -redakteure, sodass du wunderbar netzwerken kannst. Vielleicht begegnest du sogar alten Bekannten. Drittens, Lo, sitzt du seit sechs verdammten Jahrenmit den Kindern zu Hause. Falls irgendwer einen kostenlosen Urlaub verdient hat, dann du. Das Universum will dir damit sagen, dass du wieder in den Sattel springen sollst. Und es ist auch ziemlich schmeichelhaft, dass sie an dich gedacht haben, oder?«
Ich schaute auf die Karte in meiner Hand, die jetzt ein bisschen blutverschmiert war. Es gab alte Bekannte, denen ich nicht gern begegnen wollte, aber ansonsten hatte Judah völlig recht. Ich würde meine Mutter sehr gerne sehen, hatte die Reise viel zu lange aufgeschoben, und mit der letzten Bemerkung hatte er ins Schwarze getroffen. Es war tatsächlich schmeichelhaft, dass jemand an mich gedacht hatte. Nach der Veröffentlichung von Dunkle Wasser hatte ich im Bereich Reisejournalismus eine gewisse Berühmtheit erlangt, wurde regelmäßig zu Eröffnungen neuer Resorts und Luxuszugreisen eingeladen. Während der Pandemie war der Strom allmählich versiegt. Es war schön zu wissen, dass mein Name noch irgendwo da draußen in einem Rolodex stand – falls noch jemand einen Rolodex benutzte.
Ja, es war ziemlich schmeichelhaft, dass man an mich gedacht hatte. Es machte mir bewusst, dass ich, wie ich mich auch nach dem Vorstellungsgespräch gefühlt haben mochte, kein Niemand war. Vielleicht steckte mehr von einem gigantisch tollen T-Rex in mir als gedacht. Und womöglich hatte Judah recht, und das Universum wollte mir genau diese Botschaft senden.
Mummy!« Eli schoss wie eine kleine braunhaarige Rakete aus der Kindergartentür, rammte mir den Kopf in den Bauch und umarmte mich so heftig, als wäre ich eine Woche weg gewesen. »Ich hab dich soooo vermisst.«
»Du hast mich doch gestern Abend noch gesehen, als ich dich ins Bett gebracht habe!«
»Aber heute Morgen warst du weg. Bevor ich wach geworden bin!« Er klang vorwurfsvoll.
Teddy, der an meinem anderen Arm hing, nickte eifrig. »Du bist weggegangen!«
»Aber Daddy hat sich doch um euch gekümmert, oder?«
»Wir mussten uns alleine anziehen.« Elis Gesichtsausdruck war geradezu tragisch, als hätte Judah ihn über Nacht im Stich gelassen, statt ihn lediglich zu bitten, sein T-Shirt selbst anzuziehen. »Ich hab ihm gesagt, dass du immer meine Hose aussuchst, aber er hat gesagt, ich bin ein großer Junge und kann das allein.«
»Können wir endlich geeeeehn«, rief Teddy und hopste aufgeregt herum. »Ich will in den Park. Können wir in den Park? Kriegen wir Candy?«
Ich konnte mich nie daran gewöhnen, dass meine eigenen Kinder amerikanische Wörter benutzten, aber sie waren natürlich auch Judahs Kinder und wurden mit jedem Tag amerikanischer. Als Eli in die Spielgruppe kam, war sein Akzent meinem noch sehr ähnlich gewesen, weil er die meiste Zeit mit mir verbracht und ich ihn stetig mit Peppa Wutz und den Oktonauten versorgt hatte. Doch nach ungefähr fünf Minuten in der Spielgruppe besaß er einen makellosen New Yorker Akzent, fast so breit wie Judahs Brooklyner Tonfall. Jetzt wechselte er mühelos hin und her – Amerikanisch mit seinen Freunden, ein bisschen englischer mit mir und bei den Zoom-Anrufen bei seiner englischen Oma. Bei Teddy war es ähnlich. Immerhin hatte ich durchgesetzt, dass wir bei »Mummy« blieben. Andere Frauen waren Moms. Ich nicht.
»Nein, keine Süßigkeiten. Aber …« Ich schaute aufs Handy, dann zum Himmel, der Regen versprach. Egal. Judah hätte eine Stunde mehr zum Arbeiten, und falls es regnete, waren wir kleidertechnisch gerüstet. »Na gut, wir gehen in den Park. Aber nur eine halbe Stunde.«
In dem kleinen Park stiegen die Jungs aufs Klettergerüst, baumelten von den Stangen, planschten durch Pfützen und verausgabten sich nach Leibeskräften, während ich ein Auge auf sie hatte und zwischendurch versuchte, am Handy überzeugende E-Mails an meine wenigen verbliebenen beruflichen Kontakte aufzusetzen, um ihnen einen Artikel über das Grand Hôtel du Lac schmackhaft zu machen. Ein Problem bestand darin, dass die Plus d’informations, die sich hinter dem QR-Code verbargen, nicht sonderlich aufschlussreich gewesen waren. Genützt hätte mir irgendein Aufhänger oder ein Alleinstellungsmerkmal – das erste CO2-neutrale Hotel der Schweizer Alpen vielleicht. Oder das einzige Hotel in Europa mit einem Swimmingpool aus massivem Gold. Gut, das war unwahrscheinlich, aber angesichts der Fotos auf der Internetseite erschien es mir nur unwesentlich unwahrscheinlicher als CO2-Neutralität. Das Hotel war wunderschön. Man hatte offensichtlich weder Kosten noch Mühen gescheut: nicht beim Gebäude, bei dem es sich um ein hinreißendes Château aus dem 18. Jahrhundert am Ufer des Genfer Sees handelte, und auch nicht bei der Ausstattung, die unfassbar teuer aussah und von handgefertigten Delfter Kacheln in den Badezimmern bis zu einem gewaltigen gläsernen Infinity Pool mit Seeblick reichte. Ich erwartete nicht, im November dort viel zu schwimmen, konnte mir aber sehr gut vorstellen, mich an einem der antiken Kachelöfen einzukuscheln, die in den Salons und Lounges des Hotels standen, oder mich mit einem Martini in der holzgetäfelten Cocktailbar aus den 1920er-Jahren niederzulassen. Die Website versprach alles von winterlichen Schlittenfahrten bis Heliskiing im nahe gelegenen Morzine, was das Hotel klar als Ganzjahresziel für Superreiche positionierte. Ich war mir nur nicht sicher, ob das einen Artikel wert war.
Das andere Problem bestand darin, dass so viele Printmagazine eingestellt worden waren, seit ich zuletzt einen ernsthaften Pitch aufgesetzt hatte. Geblieben waren meist nur auf Hochglanz getrimmte Blogs, die nicht das nötige Budget besaßen. Als die dritte ähnliche Antwort zurückkam – Ja zum Artikel, aber »wir können leider kein hohes Honorar anbieten« –, schloss ich seufzend das Mailprogramm. Judah meinte, das Universum wolle mir sagen, ich solle wieder in den Sattel springen, und vielleicht stimmte das auch, aber ich wünschte mir, die Botschaft würde von einem fetten Scheck begleitet. Die angebotenen Honorare würden nicht einmal die Flugkosten decken.
Trotzdem war es verlockend und außerdem die Gelegenheit, meine Mum zu besuchen, die zwei Jahre vor der Pandemie ihren Mann verloren hatte und seit einer Hüft-OP im vergangenen Jahr zunehmend gebrechlich wirkte. Vielleicht sollte ich einfach »Was soll’s« sagen und so viel Positives wie möglich daraus ziehen? Es war nicht gerade der knallharte Investigativjournalismus, von dem ich mal geträumt hatte, aber immerhin eine Veröffentlichung mit meinem Namen drüber, und das war vielleicht alles, was an diesem Punkt zählte.
Teddy riss mich aus meinen Gedanken, indem er von der Schaukel fiel und laut losheulte. Die Jungs waren müde, bereit für heißen Kakao, Bluey und Abendessen. Als ich den schluchzenden Teddy aufsammelte, das Pfützenwasser von ihm wischte und in meinem Beutel nach einem Dino-Riegel suchte, um ihn zu trösten, traf ich meine Entscheidung. Es war Zeit. Ich würde zusagen.
Wir hatten den Park fast verlassen, als mein Handy eine Nachricht meldete. Ich rechnete mit Judah, der wissen wollte, wann wir zum Essen kämen. Aber es war die Antwortmail einer früheren Kollegin, die jetzt laut LinkedIn in der Feature-Redaktion der Financial Times arbeitete. Sie war bei Velocity, dem Reisemagazin, bei dem ich vor zehn Jahren angefangen hatte, meine Chefin gewesen. Ich hatte keine Ahnung, ob sie noch im Reisebereich arbeitete, und hatte die Mail auf gut Glück geschrieben, ohne wirklich auf eine Antwort zu hoffen. Ich klickte drauf, rechnete mit der üblichen Absage. Aber nein. Nicht ganz.
Lo, toll, von dir zu hören, schön, dass du wieder dabei bist. Sorry, aber ich glaube, der Artikel über das Hotel wäre nicht ganz unsere Linie. Klingt nett, aber ohne einen Aufhänger hat es nicht das nötige Gewicht. Wenn du allerdings ein Interview mit Marcus Leidmann bekommen könntest, würde ich das DEFINITIV unterbringen. Wir reden von einem großen Profil, 2000 Wörter oder mehr, je nachdem, was er zu sagen hat. Er ist bekannt für seine extreme Zurückgezogenheit, also klappt das vielleicht nicht. Ich wollte es nur erwähnt haben. Wer nicht fragt, der nicht gewinnt, oder?
Rowan
Es hatte zu regnen begonnen, die Tropfen rannen mir über die Stirn und klatschten aufs Display, während ich dastand und Rowans Nachricht wieder und wieder las.
»Muuuuummy«, sagte Eli und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. »Können wir gehen, ich muss mal, ganz dringend!«
»Tut mir leid, Schatz.« Ich steckte das Handy weg. »Das war wegen der Arbeit. Gehen wir nach Hause.«
Doch auf dem Heimweg, bei dem mir der Regen von der Nase tropfte und Teddy über seine nasse Hose jammerte und dass sein Hintern wehtat, stahl sich immer ein Lächeln in mein Gesicht. Ich war wieder da. Im Sattel. Und das tat gut.
Wann kommt das Taxi?« Judah saß auf dem Bett, während ich meinen Koffer packte, und betrachtete mich wie ein besorgter Vater, der seine Erstgeborene ins Ferienlager schickt.
»Um drei. Ich muss erst um halb fünf am Flughafen sein, aber ich dachte, bei dem Verkehr …«
»Ja, gute Idee. Und hast du auch alle Dokumente im Handgepäck? Pässe? Medikamente? Versicherungskarte?«
»Ja, ja und ja.« Meine Pässe waren in meiner Handtasche, ich hielt sie demonstrativ in die Höhe – den alten, weitgereisten britischen und meinen nagelneuen, noch steifen amerikanischen Pass. »Es ist irgendwie aufregend, den amerikanischen endlich einzuweihen. Ich bin noch nie als amerikanische Staatsbürgerin verreist!«
»Du weißt, dass du den beim amerikanischen Zoll benutzen musst, oder? Bei einer doppelten Staatsbürgerschaft musst du den amerikanischen Pass bei der Ein- und Ausreise vorzeigen.«
»Ja, ich weiß. Ich kann genauso gut googeln wie du, Judah.«
»Und du hast alle Angaben zur Unterkunft und wer dich am Flughafen abholt?«
»Ja. Judah, Liebling, hör auf mit dem Theater! Klar, es ist eine Weile her, aber ich habe das mal beruflich gemacht.«
»Ich weiß, ich weiß, sorry.« Immerhin besaß Judah den Anstand, betreten auszusehen. Ich selbst machte mir eigentlich keine großen Gedanken über meine Reisepässe, eher über den Dresscode in diesem Hotel und ob mir noch irgendein Kleid aus der Zeit vor meinen Schwangerschaften passen würde. Es war lange her, dass ich beruflich gereist war, und fast genauso lange, dass es in meinem Leben Anlässe für elegante Kleider gegeben hatte. Ich hatte keine Ahnung, ob die Reißverschlüsse meiner wenigen Abendkleider noch zugingen. Angesichts der Fotos auf der Internetseite des Hotels schien der Tageslook für diese Saison dort aus Skinny Jeans, pelzgefütterten Stiefeln und skandinavischer Strickmode zu bestehen, was ich so gerade hinbekommen konnte. Jedenfalls die Jeans und die Strickmode. Mit pelzgefütterten Stiefeln konnte ich nicht dienen, da mussten eben ganz normale herhalten. Die Abendfotos zeigten allerdings gertenschlanke Europäerinnen in einfarbigen Designerkleidern, und das … könnte ein Problem werden.
Ich hielt mir gerade mein liebstes kleines Schwarzes vor, um zu beurteilen, ob es noch elegant genug für ein Restaurant der Michelin-Sterne-Kategorie war, als Teddy niedergeschlagen ins Schlafzimmer kam, seinen Plüschdino im Schlepptau.
»Waaaaaaarum musst du weg?«, fragte er zum ungefähr zwanzigsten Mal.
»Weil ich arbeiten muss, Schatz.« Ich zog mein Top aus und streifte entschlossen das schwarze Kleid über den Kopf.
»Mummys müssen nicht arbeiten«, argumentierte Teddy. »Daddys müssen arbeiten, aber Mummys arbeiten nur, wenn sie wollen.«
»Wie bitte?« Ich lachte ungläubig, als mein Kopf oben aus dem Kleid auftauchte. »Wo hast du das denn her?«
Teddy antwortete nicht, aber näher betrachtet ergab es in seiner Kleinkindlogik durchaus Sinn. Immerhin hatte ich die meiste Zeit seines Lebens nicht gearbeitet. Es gab zwar mehrere berufstätige Mütter in seinem Freundeskreis, aber auch etwa ein halbes Dutzend, die Teilzeit oder gar nicht arbeiteten. Aus Teddys Perspektive wirkte es wohl tatsächlich, als arbeiteten die Dads alle voll, die Mums hingegen nur, wenn sie wollten.
Ich zog den Reißverschluss hoch und stellte mit leisem Triumph fest, dass er tatsächlich noch komplett zuging. Dann kniete ich mich vor Teddy hin.
»Hör mal, Schatz, manchmal hören Mummys auf zu arbeiten, wenn ihre Kinder noch klein sind, so wie ich, und die Daddys machen das manchmal auch. Aber bevor du geboren wurdest, habe ich gearbeitet, und jetzt bist du ja ein großer Junge. Da will ich wieder damit anfangen.«
Will war das richtige Wort. Nicht ich muss, denn das stimmte nicht ganz. Wir würden noch eine Zeit lang mit Judahs Gehalt auskommen, wenn wir auf den ein oder anderen Luxus verzichteten. Aber ich wollte das für mich tun – und vielleicht auch für Teddy und Eli.
»Ich werde dich und Eli so sehr vermissen, wenn ich weg bin, aber es ist nur eine Woche –«
»Eine ganze Woche!«, rief Teddy in tragischem Ton, als wäre ihm die Information völlig neu. Dabei hatten wir schon mehrmals darüber gesprochen.
»Ja, eine Woche«, sagte ich geduldig. »Weißt du noch? Ich arbeite drei Tage in der Schweiz, und dann besuche ich Granny Pam für ein paar Tage in England, um zu sehen, ob es ihr gut geht. Und dann komme ich wieder nach Hause. Ich werde dich ganz schrecklich vermissen, aber du und Daddy und Eli, ihr kommt sicher super zusammen klar. Daddy lässt euch vermutlich alle möglichen Sachen machen, die ich euch nicht erlaube.« Judah grinste im Hintergrund und nickte nachdrücklich. »Also, ihr werdet eine tolle Zeit haben. Und ich bringe dir auch ein Geschenk mit …«
»Ein Geschenk?« Ein Leuchten ging über Teddys Gesicht. »Was denn?«
»Hm … Eine Überraschung. Etwas Besonderes aus der Schweiz.«
»Aber was denn?«
»Wenn ich es dir sage, ist es ja keine Überraschung mehr, oder?« Hilfe. Was gab es in der Schweiz, das es in Amerika nicht gab? Toblerone? Die gab es hier auch. Kuckucksuhren? Na ja, mir würde schon was einfallen. Und Teddy war gerade erst vier. Ich könnte ihm ebenso gut Lego mitbringen – er wollte einfach nur etwas auspacken. »Was sehr Aufregendes.«
»Aber ich will es jetzt haaaaben!«, heulte Teddy und verwandelte sich wieder in ein untröstliches Kleinkind. Judah stand hinter ihm und lachte, und ich verdrehte die Augen, wohl wissend, dass die Suppe, die man sich einbrockte, für exakt solche Situationen erfunden worden war. »Warum kann ich es nicht jetzt haben?«
Ich zog mir das Kleid über den Kopf, streifte wieder mein T-Shirt über, hob ihn hoch und küsste seine kleine, rundliche Wange. Er roch noch ein bisschen nach Milch und Cheerios vom Frühstück.
»Du kannst es eben nicht jetzt haben, dafür kannst du aber das hier haben.« Ich blies prustend auf seine Wange, und er kicherte. Dann hob ich sein T-Shirt hoch und prustete auf seinen Bauch. »Und das hier.« Teddy quiekte in gespieltem Schrecken, war aber eigentlich begeistert. Ich schwang ihn in die Höhe und prustete noch einmal über seinem Hosenbund. »Und das. Und wenn du jetzt weiterjammerst, kommt das gefährliche Kitzelmonster!«
»Nein, nicht das gefährliche Kitzelmonster!«, schrie Teddy, als hätte er größte Angst, landete zappelnd auf dem Boden und rannte kichernd davon.
»Doch, das gefährliche Kitzelmonster!«, rief ich und lief ihm nach. »Es ist sogar schon hier und absolut kitzelbereit.«
»Eli!«, brüllte Teddy und lachte hysterisch. »Hilf mir, Eli, das gefährliche Kitzelmonster ist hier! Hiiiiilfe!«
»Oh, Mann«, sagte Judah lachend. »Was hast du nur getan? Du wirst nie mit Packen fertig, bis das Taxi hier ist. Er will das gefährliche Kitzelmonster von jetzt bis zum Schlafengehen.«
»Ach, wen interessiert das Taxi«, sagte ich, schlang die Arme um ihn, schob die Finger unter sein Sweatshirt und vergrub sie in der weichen Haut über seinen Hüften. »Du solltest wissen, dass das gefährliche Kitzelmonster sehr schnell packen kann.«
»Tatsächlich?«, fragte Judah grinsend. »Kann es auch so packen?« Er hob mich hoch, warf mich über die Schulter wie ein Höhlenmensch im Comic und stampfte aus dem Schlafzimmer. »Jungs! Ich hab das gefährliche Kitzelmonster gefangen. Zeigt’s ihm!«
Als sich das Taxi etwa vier Stunden später in den New Yorker Verkehr einfädelte, drehte ich mich um und sah, wie die Gesichter von Judah, Eli und Teddy immer kleiner wurden. Judah stand mit einem breiten, ermutigenden Grinsen am Straßenrand. Eli hielt seine Hand und winkte, doch sein Gesicht sah sehr verunsichert aus. Teddy hatte schon losgeweint, noch bevor die Taxitür zugefallen war. Er hatte die Arme in Richtung Auto ausgestreckt, während ihm die Tränen nur so über die runden Wangen kullerten.
Meine Kehle zog sich zusammen, und meine Augen brannten, als Teddy den Kopf an Judahs Hals vergrub. Dann bog das Taxi um die Ecke, und die kleinen Gestalten waren verschwunden. Um mich abzulenken, holte ich das Handy heraus und scrollte durch die Pressemappe, die die PR-Abteilung der Leidmann Group zusammengestellt hatte. Programmablauf, Informationen zum Hotel, Statistiken der Schweizer Tourismusbranche …
Nur zwei Informationen fehlten, und das waren selbstverständlich die, auf die ich am meisten gehofft hatte. Zum einen eine vollständige Gästeliste. Vor langer Zeit hatte mir ein Kollege verraten, er bitte vor jeder Presseveranstaltung um eine Gästeliste, damit er die anderen Anwesenden vorher googeln könne. An den Kollegen dachte ich heute mit eher gemischten Gefühlen. Er war auch mein Ex, und wir hatten uns nicht gerade freundschaftlich getrennt. Doch was berufliche Ratschläge anging, war Verlass auf ihn, und ich wendete diesen Kniff seither regelmäßig an. Es funktionierte nicht immer – manche Veranstalter waren zu Recht vorsichtig. Falls es Stars auf der Gästeliste gab, sorgte man sich um deren Sicherheit und Privatsphäre. Andere hielten Informationen aus dem genau entgegengesetzten Grund zurück: wenige Zusagen und völliges Fehlen prominenter Gäste, was sie gegenüber einer Journalistin natürlich nicht zugeben wollten. Doch überraschend häufig antworteten die Veranstalter sehr bereitwillig. Und wenn man die Namen interessanter Gäste vorher kannte, wirkte man einfach informierter und vernetzter.
Leider hatte mir die Pressestelle der Leidmann Group mitgeteilt, die Gästeliste sei vertraulich, umfasse aber »hochkarätige Persönlichkeiten aus Finanzwelt, Journalismus und Reisebranche«, was auf das halbe Dutzend Blogger und Influencer schließen ließ, die man bei solchen Gelegenheiten unweigerlich antraf.
Die zweite Unbekannte war noch frustrierender. Ich hatte um ein Interview mit Marcus Leidmann gebeten, doch die Entscheidung darüber war noch nicht gefallen. Die Pressereferentin, mit der ich gesprochen hatte, hatte nicht direkt Nein gesagt, aber auch nicht Ja, obwohl ich mit der Financial Times als Auftraggeber aufwarten konnte. Ein eindeutiges schriftliches »Ja, er wird mit Ihnen sprechen« samt Datum und Uhrzeit wäre sehr beruhigend gewesen. Zumindest hatte ich aus ihr herauskitzeln können, dass Marcus Leidmann bei der Hoteleröffnung definitiv persönlich zugegen sein würde. Selbst wenn ich kein offizielles Interview bekam, schien es nicht unmöglich, beim Dinner lange genug mit ihm zu reden, um daraus einen Artikel zu machen.
Allerdings, je länger ich googelte, desto klarer wurde mir, dass Rowans Bemerkung, er lebe extrem zurückgezogen, schwer untertrieben war. Er hatte noch nie ein Interview gegeben, jedenfalls konnte ich keins finden, und sämtliche Zitate waren nichtssagend wie offizielle Presseerklärungen. Er war »erfreut« über den Erwerb einer weiteren Firma. »Bedauerte« den Tod eines Industriemagnaten. »Begrüßte« die Vierteljahresbilanz des ein oder anderen Fonds. Nichts bot irgendeinen Einblick in den Mann und seine Persönlichkeit.
Die existierenden Porträts waren kurz, nüchtern und offenbar ohne seine Mitwirkung entstanden. Sie konzentrierten sich auf allgemein verfügbare geschäftliche Informationen. Bislang hatte ich lediglich sein ungefähres Alter (um die siebzig), seinen Familienstand (seit vielen Jahren verwitwet) und die Anzahl seiner Kinder (ein Sohn, Pieter, 35, Thronfolger der Leidmann Group) ermitteln können. Er war kein Selfmade-Millionär. Die Firma Leidmann und Leidmann war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von seinem Großvater und Großonkel gegründet worden, flämischen Industriellen. In den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren war das Unternehmen unter seinem Vater gewaltig expandiert. Leidmann senior hatte einen florierenden metallverarbeitenden Betrieb in einen globalen Player verwandelt, einen Konzern, der sich mit allem von Automobilbau bis Logistik beschäftigte. Judahs Vergleich mit der Tata Group war gar nicht so abwegig – in den späten Neunzigerjahren war die Leidmann Group fast so breit gefächert wie der indische Riese.
Doch erst als Marcus zu Beginn der Zweitausender CEOwurde, hatte sich die Firma in ein globales Phänomen verwandelt. Er hatte sie verschlankt, konsolidiert und in die bis dato noch ungenutzten internationalen Finanzmärkte diversifiziert. Und das alles, ohne einen einzigen Fehler zu begehen, soweit ich es beurteilen konnte. In der Geschäftswelt schien der widerwillige Konsens zu herrschen, dass Marcus Leidmann, silberner Löffel hin oder her, ein extrem gewiefter Geschäftsmann war, der vermutlich auch unter anderen Voraussetzungen sehr erfolgreich gewesen wäre.
Da sich die Mehrheit an der Leidmann Group in Privatbesitz befand und an keiner Börse gehandelt wurde, gab es kaum Informationen über den Nettowert der ineinander verschachtelten Firmen, Fonds und Beteiligungen, sodass alle Schätzungen seines persönlichen Vermögens eben reine Schätzungen waren. Doch sowohl Forbes als auch die Sunday Times gaben auf ihrer Liste der reichsten Menschen seinen persönlichen Nettowert mit über zwei Milliarden US-Dollar an, und es gab auch weit höhere Schätzungen. Jedenfalls konnte man mit Sicherheit sagen, dass Marcus Leidmann ein beträchtliches Vermögen besaß.
Falls ich nicht wenigstens ein bisschen Zeit mit ihm verbringen und ihn befragen konnte, wäre die Chance, genug Material für einen Artikel, geschweige denn ein großes Feature für Rowan zusammenzubekommen, gleich null. Sollte es mir jedoch gelingen, zumindest eine kurze Begegnung zu arrangieren, könnte ich die als wertvolles Exklusivinterview verkaufen. Nicht nur wegen des Honorars – obwohl die Financial Times eine der wenigen Zeitungen war, die immer noch gut und zuverlässig zahlten. Es ging auch darum, es als Referenz angeben zu können. Die Financial Times gehörte zuden ganz Großen, so wie Wall Street Journal und New York Times: solide, angesehen, ein Name, der beiderseits des Atlantiks für seriösen Journalismus stand. Eine Veröffentlichung darin würde mir fraglos Türen öffnen. Und wenn ich auf die bloße Hoffnung hin auf einen anderen Kontinent reisen musste, würde ich es tun. Im schlimmsten Fall bekäme ich einen kostenlosen Aufenthalt in einem schicken Hotel. Im besten Fall eine Audienz bei einem der mächtigsten und unzugänglichsten Männer Europas. Sowie eine Referenz, die meine Karriere wieder in Schwung bringen könnte. Eindeutig eine Win-win-Situation.
Einen Augenblick, Ma’am.« Die Frau am Schalter von Swissair hielt meinen amerikanischen Pass in der Hand und sah stirnrunzelnd auf den Monitor. Ich wurde unruhig. Hatte ich irgendein Kästchen nicht angekreuzt? Lag es an meinem Pass? Oder … oh Gott, hatte ich einen Fehler bei der Buchung gemacht? Auch nach fast zehn Jahren in den USA vertat ich mich ab und an immer noch mit der Datumsangabe. Sollte ich versehentlich für den 11. April statt den 4. November gebucht haben, würde Judah mich bis an mein Lebensende damit aufziehen. Sooft er mir auch darlegte, dass Monat, Tag, Jahr die logische Reihenfolge sei – daran würde ich mich nie gewöhnen. Wer zum Teufel hatte sich die Reihenfolge mittel, klein, groß ausgedacht? Das ergab doch keinen Sinn.
»Gibt es ein Problem?«, stotterte ich, doch die Frau war aufgestanden und zu einer Kollegin gegangen, die sehr nach Chefin aussah. Vor lauter Stress stieg mir Magensäure in die Kehle. Hatte man meinen Platz anderweitig vergeben und mich von der Passagierliste gestrichen? War das bei Interkontinentalflügen überhaupt möglich?
»Entschuldigen Sie bitte, Ms Blacklock.« Die Mitarbeiterin kam lächelnd zurück, doch das hatte nicht viel zu bedeuten – in Amerika lächelten die Leute immer. Selbst wenn sie furchtbare Neuigkeiten überbrachten, lächelten sie mitfühlend. »Ich war nur ein bisschen verwirrt, weil Sie schon online für Ihre ursprüngliche Sitznummer eingecheckt hatten, aber das ist gar kein Problem. Ich stelle Ihnen nur eine neue Bordkarte aus, auf der das Upgrade angegeben ist. Bitte scannen Sie die neue, wenn Sie durch die Sicherheitskontrolle gehen.«
»Wie bitte?« Ich glaubte, ich hätte mich verhört. »Sagten Sie Upgrade?« Ich sah an mir hinunter und fragte mich, ob ich irgendein magisches Outfit trug, aber es waren meine vertrauten bequemen Klamotten. Spontane Upgrades kamen höchstens mal in langatmigen Anekdoten über Flitterwochen oder furchtbare Schicksalsschläge vor. Ich hatte noch nie gehört, dass das einem ganz gewöhnlichen Menschen passiert wäre, nur weil die Fluggesellschaft ihm eine Freude machen wollte.
»Es scheint, Ihr Arbeitgeber hat Sie auf die First Class umgebucht.«
»First Class?« Ich war noch nie im Leben First Class geflogen. Schon Business-Class wäre äußerst komfortabel und beträchtlich luxuriöser als die von mir gebuchte Premium Economy. Selbst die war nur ein Zugeständnis an die Tatsache, dass ich über Nacht flog und gern den Sitz nach hinten stellen wollte, ohne ein furchtbar schlechtes Gewissen gegenüber der Person hinter mir zu haben. »Es tut mir wirklich leid, aber das muss ein Missverständnis sein. Ich bin Freiberuflerin, ich habe keinen Arbeitgeber. Und ich habe das Upgrade ganz sicher nicht selbst gebucht.«
»Hm … ich habe die Buchung hier, sie wurde heute früh bezahlt, Upgrade auf First Class, JFK nach GVA Genf. Hier ist die Buchungsbestätigung. Vielleicht ein Geschenk von jemandem?«
War das etwa eine romantische Geste meines Mannes? Nein, sicher nicht. Ein Last-Minute-Upgrade auf die First Class kostete vermutlich … daran wollte ich lieber gar nicht denken. Sicher Tausende Dollar. Selbst Business wäre mehr gewesen, als wir uns leisten konnten. First Class war der pure Irrsinn.
Doch die einzigen anderen Menschen, die meine Flugdaten kannten – wegen der Abholung am Flughafen –, saßen in der Pressestelle der Leidmann Group. Sie würden wohl kaum ein Vermögen für eine Journalistin hinblättern, der sie nie begegnet waren. Ein Buchungsfehler konnte es auch nicht sein, Fluggesellschaften begingen keine derartigen Fehler, oder?
Nein, es gab nur eine Erklärung: dass Judah in letzter Sekunde auf ein so gerade erschwingliches Upgrade geboten und den Zuschlag bekommen hatte. Er hätte nie den regulären Preis bezahlt – das konnten wir uns einfach nicht leisten –, aber für ein paar hundert Dollar hätte er es vielleicht versucht, als nette Überraschung für mich.
»Die Lounge für die First Class befindet sich oben an der Treppe, hinter der Sicherheitskontrolle«, sagte die Mitarbeiterin und reichte mir die Bordkarte. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Ms Blacklock?«
»Ähm … nein.« Ich fühlte mich leicht benommen, als ich zur Sicherheitskontrolle ging, und rechnete immer noch damit, dass mir jemand nachlaufen und erklären würde, die Fluggesellschaft habe einen Fehler begangen. Aber es ertönten keine Schritte, niemand rief meinen Namen.
An der Sicherheitskontrolle wollte ich mich automatisch in die Schlange stellen. Dann bemerkte ich, dass es eine separate Abfertigung gab, die mit Premium gekennzeichnet war. Darunter stand in kleineren Buchstaben First Class und Priority Pass. Das war eine gute Gelegenheit, die neue Bordkarte zu testen. Wenn ich hier zurückgewiesen wurde, wäre es weniger peinlich als am Gate. Ich kam mir wie eine Hochstaplerin vor, als ich zu dem abgetrennten Bereich ging und der uniformierten Frau dort meine Bordkarte zeigte. Statt mich gleich wieder zurückzuschicken, nickte sie nur und winkte mich an den endlosen Schlangen der Economy-Passagiere vorbei zu einer sehr viel kürzeren Reihe, in der Leute mit weitaus teureren Mänteln standen. Vor mir wartete eine hochgewachsene Frau mit langem, seidig schwarzem Haar, dunkler Brille und den höchsten High Heels, die ich je auf einem Flughafen gesehen hatte. Sie streifte einen klobigen Goldring nach dem anderen von den Fingern und beklagte sich bei ihrem Mann in einer Sprache, die ich nicht verstand, vielleicht Arabisch. Ihr Mann war das Gejammer offenbar gewohnt und tippte im Stehen auf seinem iPhone herum, während er beschwichtigend auf sie einsprach, ohne richtig zuzuhören. Dann warf er das Handy in die Plastikwanne, und sie gingen gemeinsam durch den Sicherheitsscanner.
Ich packte gerade meine Sachen in die Wanne, als meine Plastiktüte mit Flüssigkeiten unvermittelt platzte und Toilettenartikel und Make-up in Reisegröße sich über Förderband und Boden ergossen. Verlegen und mit hochrotem Gesicht suchte ich mein Zeug zusammen. Ich rechnete schon damit, dass mich der Sicherheitsmann zusammenstauchen würde, weil ich zu viele Flüssigkeiten in die Tüte gestopft hatte, und mich ans Ende der Reihe schicken würde, um eine neue zu holen und einen Teil der Fläschchen wegzuwerfen, doch zu meiner Überraschung passierte nichts dergleichen. Stattdessen reichte er mir eine neue Plastiktüte und eine Flasche Augen-Make-up-Entferner, die auf seiner Seite des Förderbandes gelandet war. Er lächelte nur, als ich mich stammelnd entschuldigte.
»Alles gut. Keine Eile.«
»Vielen, vielen Dank, es tut mir so leid. Soll ich …« Ich schaute auf den Lippenstift in meiner Hand. Der würde nicht mehr reinpassen. »Soll ich den wegwerfen?«
»Nein, alles in Ordnung, das ist keine Flüssigkeit, Ma’am.«
»Tatsächlich?« Ich war mir sicher, dass man mir bei meinem letzten Flug gesagt hatte, dass Lippenstifte als Gel zählten, weshalb ich ihn überhaupt erst in die Tüte getan hatte. »Ach, herzlichen Dank!«
»Kein Problem«, sagte er und winkte mich durch den Scanner.
Ein paar Minuten später war ich fertig und ging weiter, wobei ich schuldbewusst zu den endlosen Schlangen auf der Economy-Seite schaute. Wie immer es dazu gekommen war, die Bordkarte war offenbar echt, und ich musste Judah unbedingt gleich eine Dankesnachricht schicken.
Die ganze Prozedur war so schnell gegangen, dass ich jetzt fast drei Stunden herumbringen musste. Aber das war in Ordnung, denn auf mich wartete ja der Luxus der First-Class-Lounge. Wenn ich sie finden konnte.
Nach zwei falschen Anläufen fragte ich schließlich einen Mitarbeiter nach dem Weg, und zwanzig Minuten später passierte ich die ziemlich hochnäsige Dame am Empfang und ließ mich mitsamt einem kostenlosen Glas Champagner in einem plüschigen Sessel nieder. Ich war ganz selten Business-Class geflogen, meist bei den PR-Touren für Dunkle Wasser, die der Verlag organisiert hatte. Ich hatte nie genug von dem prickelnden Gefühl bekommen, einen Raum zu betreten, der mit Getränken und Snacks gefüllt war, an denen ich mich nach Herzenslust bedienen konnte. Auf dieser Reise würde ich mich ganz professionell verhalten, denn auch wenn es im Grunde ja ein Vergnügungstrip war – ein ziemlich seltenes Ereignis in meinem Leben –, hatte ich mich streng ermahnt, keinesfalls auf die Verlockungen kostenlosen Alkohols hereinzufallen und mich zum Affen zu machen. Ich trank mittlerweile nur noch sehr wenig und war mir ziemlich sicher, dass ich nach zwei Gläsern unter dem Tisch liegen und am nächsten Tag einen entsetzlichen Kater haben würde.
Aber das hier war etwas anderes. Wir waren noch nicht mal in der Schweiz, ich musste niemanden beeindrucken. Ein Glas konnte nicht schaden – und außerdem war ich es Judah ja wohl schuldig, das Beste aus seinem Geschenk zu machen.
Dann fiel mir ein, dass ich mich immer noch nicht bei ihm für die Überraschung bedankt hatte. Ich fotografierte das beschlagene Champagnerglas vor dem Hintergrund der riesigen Fenster, durch die man die Landebahn sah, und schickte es Judah mit dem Kommentar Ich danke dir so sehr! Hoffe, es war nicht zu $$$. Die Nachricht blieb ungelesen, kein Wunder. Es war fünf Uhr nachmittags, also hatte er alle Hände voll mit Abendessen und heulenden, übermüdeten Kindern zu tun.
Als mein Flug aufgerufen wurde, trank ich meine zweite kostenlose Tasse Tee aus (weniger gut als der Champagner, wenn ich ehrlich bin, aber ich wollte ja professionell sein) und stand auf, um Mantel und Handgepäck zusammenzusuchen. Da summte mein Handy.
??? Sorry, keine Ahnung, was das heißt! xx
Ich runzelte die Stirn, hatte aber keine Zeit zu antworten. Die Anzeigetafel war schon auf Boarding gesprungen. Die Erklärung musste also warten.
Die First Class war … nun ja, erstklassig. Anders konnte ich es nicht beschreiben. Es war einfach … unglaublich.
Zunächst mal führte man mich vorbei an der Schlange einfacher Business-Class-Passagiere, die noch ihre Bordkarten scannten, in einen separaten Korridor. An der Flugzeugtür begrüßte uns eine Flugbegleiterin mit Namen – außer mir gab es nur drei weitere Passagiere in der ersten Klasse – und zeigte uns, was sie als unsere »Suite« bezeichnete, eigene Abteile mit einem riesigen Breitbildfernseher, einer in ein Bett verwandelbaren Ottomane und einer Schiebetür für zusätzliche Privatsphäre.
»Darf ich Ihnen einen kostenlosen Pyjama anbieten?«, fragte die Flugbegleiterin, während sie mein Handgepäck verstaute und meinen Mantel aufhängte. Nicht, dass ich Hilfe gebraucht hätte, da der endlose Stauraum komplett überdimensioniert für mein bisschen Gepäck war.
»Wie bitte?« Hatte sie tatsächlich Pyjama gesagt?
»Einen kostenlosen Pyjama«, wiederholte die Flugbegleiterin. »Die bieten wir allen First-Class-Gästen auf Nachtflügen an.«
»Ich – äh … gern«, sagte ich verblüfft. Sie verschwand hinter einem Vorhang und kam mit einem Waschbeutel und einem sorgfältig verschnürten Päckchen zurück, das einen Pyjama aus dem weichsten Baumwollstoff enthielt, der mir je untergekommen war. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte – vielleicht ein Einweg-Kleidungsstück ähnlich den Papierunterhosen, die man zum Bräunungsspray bekommt. Aber das hier war ein echter Pyjama, Größe S, und dazu ein paar kuschelige Pantoffeln.
»Sie können ihn behalten«, sagte sie lächelnd. »Dürfte ich Ihnen einen Drink anbieten? Wir haben Champagner, Weißwein, Rotwein, Mimosas, Cocktails …«
»Ich – nehme ein Glas Champagner.« Ich hörte, wie sich nebenan die Business-Class füllte, und sah mich um, worauf die Flugbegleiterin rasch den Trennvorhang schloss, als könnte man jemandem in meiner Position den Anblick von gewöhnlichen Business-Class-Reisenden nicht zumuten.
»Perfekt. Es wäre ein Laurent-Perrier Grand Siècle Brut, Ms Blacklock, falls das in Ordnung ist.«
Ich nickte nur und spielte in den nächsten fünfzehn, zwanzig Minuten an den Sitzeinstellungen herum, trank Champagner, studierte die Speisekarte und scrollte durch das umfangreiche Filmangebot auf meinem Breitbildfernseher. Erst als die Stimme des Captains den Start ankündigte und die Passagiere aufforderte, auf die Sicherheitsunterweisung zu achten, fiel mir ein, dass ich Judah nicht geantwortet hatte.
Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, ihn anzurufen – telefonisch könnten wir das schneller klären, und vor allem wollte ich seine Stimme hören und mich vergewissern, dass Teddy sich beruhigt hatte, nachdem ich weg war, und Eli sich nicht unter Druck fühlte, der große, tapfere Junge zu sein. Aber es war halb acht. Er war sicher gerade dabei, sie zu baden und ins Bett zu bringen, und die Flugbegleiter gingen schon durch die Kabine und baten die Leute, ihre Handys auszuschalten und die Laptops wegzuräumen.
Ich las noch einmal Judahs Nachricht, überlegte, ob sie das bedeutete, was ich glaubte. Sie klang immer noch so verwundert wie vorhin.
??? Sorry, keine Ahnung, was das heißt! xx
Na gut, ich hatte das Upgrade nicht ausdrücklich erwähnt, aber das Foto eines Champagnerglases in der First-Class-Lounge war doch wohl selbst erklärend … oder nicht? Falls Judah das Upgrade gebucht hatte, hätte er sicher gewusst, was ich meinte. Falls er es aber nicht gewesen war … wer dann? Handelte es sich doch um eine Verwechslung? Würde jeden Augenblick ein stinkwütender Passagier, dessen Bestätigungscode bis auf eine Zahl identisch mit meinem war, hier auftauchen und meinen Platz beanspruchen? Der Gedanke war nicht angenehm, aber es hatte keinen Sinn, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich hatte mein Bestes getan und ausdrücklich nachgefragt. Sie konnten mich wohl kaum für ein Upgrade bezahlen lassen, um das ich nicht gebeten hatte, und wenn man mich zurück in die Premium Economy schickte, auch gut. Dafür hatte ich schließlich bezahlt und zwei kostenlose Gläser Champagner obendrauf bekommen. Kein schlechter Deal, auch wenn es mir leidtäte um meine schöne Liege, den unbegrenzten Champagner und den in Miso marinierten Barsch in Portweinsauce, den ich mir auf der Speisekarte ausgesucht hatte.
Jedenfalls war das alles zu kompliziert, um es Judah auf die Schnelle zu erklären. Die Motoren dröhnten auf, als sich das Flugzeug langsam in Bewegung setzte.
Keine Sorge, tippte ich hastig. Etwas mysteriös, ich erkläre es dir, wenn ich da bin. Wir starten jetzt. Liebe dich.
Ich schickte die Nachricht ab und sah zu, wie sie im Äther verschwand. Dann schaltete ich den Flugmodus ein, lehnte mich zurück und schickte mich an, das Luxusleben so lange auszukosten, wie man mich ließ.
Meinen ersten Blick auf das Grand Hôtel du Lac erhaschte ich, als wir auf der Straße, die um den Genfer See herumführt, um eine Kurve bogen, erkannte es aber nicht sofort. Ich dachte, wow, was für ein tolles Gebäude – sieht aus wie ein Märchenschloss. Erst als der Wagen langsamer wurde und durch ein imposantes Tor rollte, begriff ich, dass dieses Märchenschloss tatsächlich das Hotel war, das ich mir voller Vorfreude in den letzten Wochen immer wieder angesehen hatte. Nur die Perspektive war etwas anders als auf den Fotos aus der Pressemappe.
Als wir jedoch aus der schattigen, von Bäumen gesäumten Auffahrt kamen, war das Postkartenidyll des Châteaus, eingerahmt vom verblüffend blauen Wasser des Genfer Sees, hinter dem die mächtigen Alpen aufragten, unverkennbar. Von diesem Anblick hatte ich geträumt, während ich meine Flüge gebucht und den bürokratischen Kram für die Reise erledigt hatte.
Das Schloss stammte aus dem 12. Jahrhundert, doch war vom ursprünglichen Gebäude wenig übrig geblieben. Höchstens ein, zwei Türmchen an einer Ecke, mehr nicht. Im 18. Jahrhundert hatte man es im klassizistischen Stil grundlegend umgebaut. Es war u-förmig und stuckverziert mit einem hohen Mittelteil und zwei symmetrischen Seitenflügeln, die einen gepflasterten Vorplatz einrahmten, auf dem jetzt mein Wagen vorfuhr.
Eine dekorative breite Treppe aus Sandstein führte zu einer gewaltigen Doppeltür, die auf beiden Seiten von Hotelangestellten in beinahe militärisch anmutenden Uniformen mit glänzenden Knöpfen flankiert wurde, jeder auf einer Stufe. Es wirkte wie eine Mischung aus The Sound of Music und Downton Abbey.
Der Wagen hatte kaum angehalten, als zwei … Lakaien, dachte ich erst, aber Hotelpagen war vermutlich der korrekte Begriff, losstürmten. Einer öffnete die Autotür und streckte mir eine weiß behandschuhte Hand entgegen. Die hätte ich eigentlich nicht gebraucht; ich bin ganz gut darin, ohne Hilfe aus einem Auto auszusteigen.
Der andere ging Richtung Kofferraum und machte sich an meinem Gepäck zu schaffen.
»Ach, keine Sorge«, sagte ich mit einem Blick über die Schulter, »das schaffe ich schon –«
»Wenn Sie erlauben, Ms Blacklock«, sagte der Mann und verbeugte sich. »Ich sorge dafür, dass alles nach oben in Ihre Suite gebracht wird.«
Ich sah mit gemischten Gefühlen, wie er mit meinem Koffer verschwand. Es hatte mich schon leicht irritiert, so ohne Nachfrage mit Namen angesprochen zu werden, und jetzt zu sehen, wie er meinen Koffer wegbrachte, machte es nicht besser. Ich habe es nicht so gern, wenn andere mein Gepäck tragen – eine Mischung aus Sorge, das falsche Trinkgeld zu geben, und Angst, meine Sachen könnten verloren gehen. Am liebsten trage ich mein Gepäck selbst ins Zimmer, dann weiß ich immer, wo es ist. Aber diese Option war hier offensichtlich nicht verfügbar. Mein Koffer war verschwunden, noch bevor ich die flachen Stufen vor der Eingangstür erreichte. Der andere Lakai – ich nannte ihn bei mir jetzt einfach so – führte mich ins Foyer.
Dieses wiederum erinnerte weniger an ein Hotel als vielmehr an ein äußerst luxuriöses und extrem behagliches Heim. Es gab bestickte Sessel, Parkettboden, einen Stutzflügel, türkische Teppiche und ein knisterndes Feuer, das in einem riesigen bemalten Ofen brannte. Die Wintersonne fiel funkelnd durch die hohen Fenster, durch die man auf den See blickte. Nur ein zierlicher Schreibtisch in einer Ecke, auf dem sich ein iPad und eine Klingel befanden, verriet, dass dies kein Privathaus war. Es fühlte sich nach – ich konnte es nicht anders sagen – Geld an. Nach gewaltigen Summen, die man in alles von der Kunst an den Wänden bis hin zu dem wunderbar restaurierten Parkett gesteckt hatte. Hinzu kam der erlesene Blick auf den See, eingerahmt von Bäumen, bei denen jeder Ast an Ort und Stelle war. Ich hatte genügend Millionäre interviewt, um Bescheid zu wissen. Diese Art Luxus war teuer – und ließ sich auch nicht vortäuschen.
Der Lakai führte mich zu einem Sessel vor dem Kamin. Sowie ich mich hineinsinken ließ, tauchte eine Angestellte mit blütenweißer Schürze auf.
»Dürfte ich Ihnen einen Willkommensdrink anbieten, Ms Blacklock?« Sie sprach mit einem etwas steifen deutschen Akzent, wodurch ich mich aus irgendeinem Grund wie in einen Film von Wes Anderson versetzt fühlte. Vielleicht hatte es mit ihrem leicht ungewohnten Sprachrhythmus zu tun. »Champagner? Mimosa? Oder lieber Tee oder Kaffee?«
Ich schaute auf die reich verzierte vergoldete Uhr auf dem Bücherschrank gegenüber. Es war zehn nach zwölf, also kurz nach sechs Uhr morgens in New York. Champagner schien so oder so keine gute Idee zu sein.
»Gern Kaffee.«
»Selbstverständlich. Möchten Sie normalen Kaffee, French Press, Cappuccino, Espresso, Ristretto, Americano, Macchiato, Viennois …?«
Sie ratterte noch weitere Varianten herunter, während ich versuchte, zu einer Entscheidung zu gelangen. Die Hälfte der aufgezählten Optionen hatte mein müdes Hirn auf der Stelle wieder vergessen, darum entschied ich mich für einen Cappuccino.
