Theatralisches - Julian Schutting - E-Book

Theatralisches E-Book

Julian Schutting

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Beschreibung

Theatralisches von Julian Schutting bietet drei Nachdichtungen antiker Texte für heutige Theater- und Literaturliebhaber: Dido und Aeneas, Kaiserin Irene konversiert mit Sohn Konstantin und Platons Gastmahl als (Neu-)Inszenierung des ewigen Schauspiels elementarer menschlicher Gefühle. Die Antike aus Schuttings Perspektive betrachtet eröffnet dem Leser durch Ironie und Scharfsinn Nachdenkenswertes über Liebe, Niedertracht und logisches Denken.

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Seitenzahl: 48

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Julian Schutting

Theatralisches

Julian Schutting

Theatralisches

O T T O   M Ü L L E R   V E R L A G

ISBN 978-3-7013-1191-0eISBN 978-3-7013-6191-5 © 2012 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN Alle Rechte vorbehalten Satz: Media Design: Rizner.at, Salzburg Druck und Bindung: Druckerei Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan

Inhalt

Dido und Aeneas

Kaiserin Irene konversiert mit Sohn Konstantin

Ein kleines Abendgastmahl

Dido und Aeneas

1. Gesang

Selbst inmitten brüllender Stürme

und unser Schiff überrollender Wogen

ist wie ein keinerlei Schwankungen

preisgegebenes Segel Euer Bild, o Königin,

mir vorangeschwebt: hat mir und den Meinen

untrügerisch wie der Abendstern den Weg zu Euch

gewiesen – genug sei es, hat es mir bedeutet,

der Irrfahrten auf eines Odysseus Spuren,

der da auf Abenteuerreisen

die Heimkehr ins Ehebett meidet!

Das Heilige Land meiner Liebe sollt, Königin,

Ihr sein – aus diesem Heiligen Land

kann nach der Landnahme in Eurer Gestalt

keine Macht der Welt und Überwelt

mich vertreiben, und geböte Gott Jupiter höchstpersönlich,

ich hätt Euch, mein Heiligtum,

unberührt zu verlassen und Latium zu gründen!

Ja, mit diesen Worten sei hingetreten

vor die Königin Dido, und sie wird nicht widerstehen

den Flammenwerfern meines Liebesfeuers,

wenn mich doch jetzt schon,

im Kampf gegen die uns widrigen Meeresfluten,

Liebesfeuer durchflutet!

und sobald mein Feuer sie mitbrennen gemacht hat,

wird die derzeit noch auf den nullten Blick

geliebte, weil mir noch Unbekannte,

zum ersten Mal meiner ansichtig geworden

wie ihrer ich, sich fragen wie mich ich,

ob das nicht ein Wiedererkennen wäre,

und hätten wir unsere erste Erblickung

vorweggenommen in einem verschollenen Traum.

und so hat sie schon jetzt, wo wir noch

ums Überleben kämpfen, im inneren Ohr,

was ich Gestrandeter dann erst sage: Laß uns,

du von jeher Geliebte, unterm Sternenzelt

nächst hoch aufgeschichtet wärmendem Feuer

unser Liebeslager errichten, laßt es

wie einen Altar der Liebesgöttin schmücken,

oder wollt Ihr für unsere erste Liebesnacht

vor Unwettern mit mir in eine Felsgrotte

flüchten, auf daß aus dem Dunkel der Nacht

von scheinbar über uns hinwegzuckenden Blitzen

geholt würden unsere Sternbildern

abgelauschten Liebespositionen?

2. Gesang

Wer, Späher, sind die Schiffbrüchigen,

die sich meinem Karthago nähern?

Königin, ich weiß es nicht – nehmt mein Fernglas!

Dem Segel des ersten Schiffes sehe ich

mein Bildnis eingezeichnet. und zu dem sehe ich

aufschauen einen zweifellos vom Kampf um Troja

gestählten Helden, auf welcher Seite er auch

gekämpft haben mag. Anmut wohnt in seinem

muskulösen Körper, und wenn sich mir das nicht

als unvernünftig verböte, vermöchte ich

zu schwören: ich sehe ihn nicht zum ersten Mal!

Aber, o Königin – ein Verwahrloster erschiene

Euch anziehend schön, einer in Fetzen?

Gleich nach der Landung sei ihm

ein wohlduftendes Schaumbad bereitet!

Und in von Badeschaum verhüllter Nacktheit

sei er von Euch willkommen geheißen?

3. Gesang

Schwesterherz Dido! ein jeder, der Augen zu sehen

hat, sieht dir an, wie sehr du nach einem brennst:

mit dem Helden, dem du erglüht bist,

im fare l’amore zusammenzufinden – und dann?

kaum daß wir Karthager mit ihm und den Seinen

nach griechischem Brauch für ein

opulentes Symposion den Abendmahltisch

umliegen, du so nahe an ihn herangerückt,

als wolltest du ihm im Schoße liegen,

ermunterst du ihn, von Hektors Schicksal

zu erzählen, auf daß von uns und den Gästen

in diesen Nächten noch lange beisammen gelegen sei!

gleich nach dem Dessert sollst du ihn heut abend

an der Hand nehmen und in dein Schlafgemach

geleiten, oder wärest du nicht genauso wie er

den langen Tag lang anderem als Phantasien

über Eure geschlechtliche Vereinigung hingegeben?

so aber hat dein Aeneas sein Verlangen

nach seiner schönen Königin zu zähmen,

vermeint sich fälschlich ja angehalten, wie ein

Märchenerzähler aus ‚Tausend-und-eine-Nacht‘

der noch nicht Paarungswilligen

den Trojanischen Krieg

auf die Fortsetzung-folgt-Manier

wie auch seine Odyssee zum besten zu geben –

aber sollen denn die Nächte eines ganzen Jahres

Eurem Liebesvollzug genommen bleiben?

Schwesterherz Anna, du weißt nicht, wie sehr ich

die Vorfreuden auf unseren ersten Liebesakt

genieße, sooft ich den Heldentaten

dieses männlichen Mannes lausche.

da fühle ich, wie unser Liebesvorspiel

beschaffen sein wird:

voll des Verlangens nach einander

hasten wir zum Liebeslager –

dort hingesunken von ihm in die Arme genommen,

flüstere ich ihm zu, welch einstimmender

Zärtlichkeiten ich bedürfe: Aeneas,

auf diesem Rosenbette sollst du mich

alsbald begatten, aber davor hast du mir

von einer der Schlachten um Troja zu berichten:

danach wird unser Geschlechterkampf

ein Friedensfest sein der Liebe!

hastig beginnt er dann zu erzählen, möchte ja

nicht mehr lange seine Lust bezähmen müssen

an meiner Brust, kommt überhasteten Kriegsgeflüsters

in ein Keuchen, hört mich

vor Erregung über seine Kriegsberichte und erregt

von seiner von mir geweckten Erregung

schwer atmen und seufzen, und bald ist

mit einträchtigem Stöhnen und Keuchen

der Trojanische Krieg beendet!

4. Gesang

Aeneas, Geliebter –

daß doch Blicke zu töten vermöchten!

vermöchten sie das, ließe mich die Trauer

in deinen abschiednehmenden Augen

in Erwiderung des letzten Liebesblicks

in einen süßen Liebestod sinken, welcher mich

mit deiner und meiner Liebe

für immer zu vermählen wüßte!

so aber habe ich mir

– Leb wohl, leb sehrsehr wohl! –

nach unserem Abschied

– sei doch schon von mir geschieden! –

ein Stilett ins Herz zu stoßen. der Herzstich

jedoch wird nicht so schmerzen

wie die Abschiedsbange in deinen Augen:

die trifft mich mitten ins Herz.

und so geh, eile zu den Schiffen,

ohne mich einmal noch anzuschauen!

Ach Königin, über alles geliebte Geliebte,

laßt mich nicht ziehen!

von der Spiegelung meines Herzwehs in Euren Augen

müßt tödlich verletzt ich von Euch gehen,

also trotz ich, bei Zeus!, Jupiters Befehl,

lasse mich von dem Urteil, Euch hätt ich

zu verlassen, nicht vernichten:

hingewankt zu den Schiffen müßt ich letzten

Zurückschauens auf Euer Abschiedswinken

noch im Hafen hinsinken, das Herz mir

entzweigebrochen. ich laß nicht von Euch

nach einer Liebesnacht,

die Euch zu einem Mädchen verjüngt hat,

als hätt erst ich Euch zu einer Frau gemacht.