Theo - Barbara Minerai - E-Book

Theo E-Book

Barbara Minerai

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Beschreibung

Gudrun Winter hat einen Schlaganfall erlitten. Während die Ärzte und Therapeuten alles daran setzen, Gudrun zu heilen, scheint ihr ältester Sohn kontraproduktiv auf die Genesung zu wirken. Theo ist mit über fünfzig Jahren noch immer Junggeselle und die Mutter bildet den Mittelpunkt seines Lebens. Seine übertriebene Fürsorge schadet der mutlosen Patientin mehr als sie ihr hilft. Allerdings ist Gudrun mit über achtzig Jahren in der glücklichen Lage, noch immer von ihren alten Schulfreundinnen umringt zu sein. Das muntere Damenkränzchen trifft sich jeden Mittwoch zur Aquagymnastik und sorgt für reichlich Wirbel. Jede der vier Damen ist auf ihre Weise für eine Überraschung gut. Über ihre alte Freundschaft hinaus scheint es zwischen den Freundinnen eine beinahe Übersinnliche Verbindung zu geben.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1.

Kopfschüttelnd wandte sich Helene ab. In all den Jahren, die sie nun als Krankenschwester arbeitete, hatte sie so etwas noch nicht erlebt. Der nicht mehr ganz junge Mann saß nun bereits seit Stunden am Bett seiner alten Mutter und redete mit sanfter Stimme auf sie ein. Helene hatte die Vorhänge geschlossen und mit einer für sie ungewohnt resoluten Stimme eine gute Nacht gewünscht. Der erhoffte Effekt blieb aus. Draußen fiel der Schnee im Licht der Straßenlaternen lautlos zu Boden, aber der Besucher machte keine Anstalten, das Krankenhaus zu verlassen. Seine ruhige, freundliche Ausstrahlung wirkte vertrauenserweckend. Auf diese Weise hatte er das Personal der Stock Unit in den ersten Wochen für sich einnehmen können. Inzwischen waren seine ausgedehnten Besuche aber nicht nur Helene ein Dorn im Auge. Die alte Dame hatte vor mehr als vier Wochen einen Schlaganfall erlitten und seit diesem Tag wich ihr Sohn nicht von ihrer Seite. Helene war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass die Liebe und Zuneigung der engsten Angehörigen wichtig für die Genesung der Patienten war, aber in diesem speziellen Fall schien eher das Gegenteil der Fall zu sein. Auch nach mehr als achtundzwanzig Tagen hatte sich die Frau mit ihren achtzig Jahren nicht von ihrer Krankheit erholt, obwohl die medizinischen Voraussetzungen überraschend gut waren. Frau Winter hatte Glück im Unglück gehabt. Erholt, glücklich und voller neuer Eindrücke war sie von ihrer ersten Seereise zurückgekehrt und hatte ihrer Familie und ein paar engen Freundinnen begeistert Bilder von weißen Schiffen und malerischen Städten gezeigt. Am nächsten Morgen war sie einfach zusammengeklappt. Der Sohn, das musste man ihm lassen, hatte sofort die richtigen Schlüsse gezogen und umgehend den Notarzt herbei telefoniert. Die Aufnahmen des MRT hatten den allgemeinen Verdacht bestätigt. Frau Winter hatte einen Schlaganfall erlitten, wenn auch nur einen leichten. Ihr Sprachzentrum war betroffen und auch das Schlucken fiel ihr schwer. Trotz dieser Diagnose waren die Ärzte von einem eher kurzen Aufenthalt im Krankenhaus ausgegangen, dem natürlich eine entsprechende Rehabilitationstherapie folgen sollte.

Frau Winters Prognose war gut und ihr Zustand auf keinen Fall unumkehrbar. Seit diesem Tag war nun mehr als ein Monat vergangen, in dem Ärzte und Therapeuten alles für eine zügige Genesung getan hatten. Die bis dahin so lebensfreudige Frau Winter schien es damit weniger eilig zu haben. Sie weigerte sich schlicht, an einer Verbesserung ihres Zustands zu arbeiten und schien die Fürsorge ihres Sohns in vollen Zügen zu genießen. Der zweiundfünfzigjährige Theo, der Zeit seines Lebens von der Mutter umsorgt wurde, war im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Schlag erwachsen geworden. Natürlich war dies längst überfällig, aber der vollständige Rollentausch zwischen Mutter und Sohn irritierte nicht nur das familiäre Umfeld. Theo war Finanzbeamter. Etwas anderes als eine Beamtenlaufbahn hätte auch gar nicht zu ihm gepasst. Er war der geborene Beamte. Immer pflichtbewusst und immer korrekt. Selbst im Hochsommer verließ er die Wohnung niemals ohne Anzugjacke und wenn auch nur die kleinste Aussicht auf Regen bestand, nahm er einen Schirm mit. Eine eigene Familie hatte Theo nie gegründet, so viel wusste Helene inzwischen. Der schüttere Haarkranz, der sich langsam silbern färbte, ließ den Finanzbeamten älter erscheinen, als er eigentlich war. Sein konservativer Kleidungsstil ließ ihn eher altbacken als seriös aussehen. Bis zu dem fraglichen Tag in der ersten Novemberwoche hatte Theo nicht einen einzigen Tag im Amt gefehlt. Er litt zwar, was bei seinem Beruf nicht ausblieb, unter einem ständigen, ziehenden Schmerz in seiner Nackenmuskulatur und kämpfte regelmäßig mit Migräneattacken, aber davon bemerkten die Kollegen im Amt nichts. Nun aber hatte das Amt und alles was damit verbunden war für Theo an Bedeutung verloren. Seine Aufmerksamkeit galt ausschließlich seiner Mutter. Zunächst hatten seine Kollegen und Vorgesetzten mit Verständnis auf die neue Situation reagiert. Seit er der Arbeit aber nicht mehr wegen der Krankheit seiner Mutter fernbleiben konnte, besuchte er einmal in der Woche auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Hausarzt. Wenn seine Kopfschmerzen nicht mehr für ein Attest ausreichen würden, konnte der Arzt Theo immer noch auf Grund der psychischen Belastung krankschreiben.

Inzwischen war es Dezember und die Menschen waren mit den üblichen Vorbereitungen für das Weihnachtsfest beschäftigt. Auch Helenes Gedanken schweiften ab. Obwohl es bereits später Abend war, hatte sie nach Dienstschluss noch einiges vor. Im Gegensatz zu Theo hatte sie sehr wohl eine Familie und sie freute sich auf die bevorstehenden Feiertage. Nachdem sie das Schwesternzimmer verlassen hatte, überlegte sie kurz, noch einmal nach Frau Winter zu sehen, verwarf diesen Gedanken nach einem Blick auf die Uhr aber gleich wieder. Seit Tagen war die Bahn die sie in den Vorort und damit nach Hause brachte hoffnungslos überfüllt. Trotz der späten Stunde kehrten viele Pendler erst jetzt aus der Stadt zurück, wo sie nach getaner Arbeit auf der Jagd nach passenden Geschenken die Zeit vergessen hatten. Helene wollte die nächste Bahn auf keinen Fall verpassen und verließ auf schnellstem Weg das Krankenhaus. In ihrer gemütlichen Küche wollte sie ein weiteres neues Rezept für Weihnachtsplätzchen ausprobieren. In der Einkaufstasche, die an ihrem Arm baumelte, befand sich Weihnachtspapier und Schleifenband, das sie vor Dienstantritt ausgesucht hatte. Damit wollte sie die Geschenke für ihre Familie verzieren, die sie seit Wochen auf dem Dachboden ihres Hauses versteckte. Draußen auf der Straße zügelte Helene ihr Tempo, um auf dem glatten Gehweg nicht auszurutschen. Während sie auf ihre Schritte achtete und der Schnee sich allmählich auf ihren Schultern sammelte, dachte sie noch einmal an Frau Winter. Wahrscheinlich würde Theo immer noch an ihrem Bett sitzen und beruhigend auf sie ein sprechen. Theo sprach mit seiner Mutter, als betreute er ein Kleinkind. Das passte wunderbar zu den Schlafanzügen, die er der alten Dame gekauft hatte. In Brusthöhe tummelten sich kuschelnde Bären oder niedliche Hasen. Der Gedanke brachte Helene zum Lachen. Frau Winter schien sich in ihrer neuen Rolle sehr wohl zu fühlen. Eigentlich bedurfte es keinerlei Beruhigung, um die Dame im Bett zu halten. Einen Großteil des Tages verbrachte sie mit geschlossenen Augen unter der Bettdecke. Die Arbeit des Logopäden hätte durchaus Früchte tragen können, aber Frau Winter machte kaum Gebrauch von ihrer langsam zurückkehrenden Sprachfähigkeit. Helene wunderte sich immer wieder, dass den zahlreichen Besuchern im Krankenzimmer nicht langweilig wurde. Theo war zwar der älteste Sohn, aber kein Einzelkind. Seine Geschwister, Schwägerinnen, Schwager, Nichten und Neffen erschienen mit schöner Regelmäßigkeit und brachten wenigstens ein bisschen Leben in den Raum. Jegliche Versuche Frau Winter auf die Beine zu bekommen, wurden aber von Theo im Keim erstickt. Nahrung verweigerte die alte Dame genauso wie die Mitarbeit an der Physiotherapie. Warum sollte sie sich auch mit der Krankhauskost zufrieden geben, wenn Theo liebevoll Obst in mundgerechte Stücke zerteilte und mit dem Löffel Flugzeug spielte. Trotz ihres kurzen Auflachens war Helene der Ernst der Situation durchaus bewusst, aber sie hatte gelernt, sich nach Dienstschluss von den Schicksalen der Patienten zu distanzieren. Um die Beweglichkeit von Frau Winter stand es erheblich schlechter als zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung. Die nachlassende Muskelkraft war genau wie die ständige Übelkeit auf die strenge Bettruhe zurückzuführen, die Theo seiner Mutter verordnete.

Helene rührte die Zutaten für den Teig zusammen und summte leise zu der Musik aus dem Radio. Es war spät und der Rest der Familie schlief bereits. Bevor sie sich daran machte, den Teig zu kneten, öffnete Helene eine Flasche Wein und holte ein Glas aus dem Schrank. Die Lichterketten im Fenster sorgten ebenso für eine anheimelnde Atmosphäre, wie der bereitstehende Adventskranz auf dem Küchentisch. Die strenge Schwesterntracht war im Krankenhaus geblieben und Helene trug nun eine bequeme Jogginghose. Sie lehnte an der Arbeitsplatte und trank den Wein in kleinen Schlucken. Trotz aller Erfahrung war die Krankenschwester in ihr nicht mit der weißen Kleidung auf der Station zurückgeblieben. Auch jetzt kam ihr wieder Frau Winter in den Sinn. Die einzige Tochter der Frau schien sogar Erfahrung in der Krankenpflege zu haben. Helene erinnerte sich, sie einmal in der typischen Kleidung gesehen zu haben. Aber gegen ihren ältesten Bruder war sie ebenso machtlos wie die anderen Geschwister. Nicht einmal im Rollstuhl das Zimmer verlassen durfte die alte Dame. Immer war es zu kalt oder Frau Winter in Theos Augen zu schwach. Dabei hatte die Frau Winter mit den vier Kindern im Vergleich zu vielen alten Menschen ein wirklich lebenswertes Dasein. Während andere langsam an Einsamkeit zugrunde gingen, herrschte bei Frau Winter ein ständiges Kommen und Gehen. Neben den Kindern tauchten immer wieder einige rüstige Rentnerinnen auf, die, wie Helene erfahren hatte, sogar noch älter waren. Das Damenkränzchen war um einiges gesprächiger als Gudrun Winter. Eine der betagten Frauen hatte sich als Hilde vorgestellt und war eine Schwägerin, die stramm auf die Neunzig zuging. Die zwei anderen, deren Namen Helene gerade nicht einfallen wollten, waren Freundinnen aus Frau Winters Schulzeit. Das allein grenzte für Helene schon an ein Wunder. Ihr waren schon heute, mit gerade mal fünfzig, kaum Freundinnen aus Kindertagen geblieben. Kurz kam ihr der Gedanke, dass Theo nicht wesentlich älter war, als sie selbst. Trotzdem führte er ein ganz anderes Leben und Helene fühlte sich mit einem Mal viel jünger. Frau Winter musste in den letzten Jahren ein aufregenderes Leben gehabt haben, als ihr Erstgeborener. Man musste doch nur an die Seereise denken, die sie noch vor wenigen Wochen gemacht hatte. Aber es half alles nichts. Im Krankenhaus konnte die alte Dame wirklich nicht mehr lange bleiben. So wie die Dinge jetzt standen, würde sie bestimmt noch vor Weihnachten in einem Pflegeheim landen. Die Ärzte hatten während der morgendlichen Visite bereits einige Andeutungen gemacht.

2.

„Das können wir doch auch nicht mehr schaffen“, seufzte Tine und steckte sich die nächste Zigarette an. Wilma verdrehte die Augen und erhob sich aus ihrem Sessel um ein Fenster zu öffnen. Trotz der späten Stunde tagte das Damenkränzchen noch in Hildes gemütlichem Wohnzimmer. Die drei Freundinnen hatten die achtzig, ebenso wie Gudrun Winter, längst überschritten. Trotz ihrer Bemühungen sich fit zu halten, nagte der Zahn der Zeit an ihren alternden Körpern. Davon konnten sie sich gegenseitig während ihrer wöchentlichen Besuche im Schwimmbad überzeugen. Tine, die eigentlich Christine hieß, machte dabei noch die beste Figur. Seit der Schulzeit zählte Gudrun Winter zu Tines engsten Freundinnen. Allerdings hatte Tine selbst nie geheiratet und so war der Kontakt der beiden Frauen im Lauf der Jahre mehr und mehr eingeschlafen. Während Tine als Hostess die Welt bereiste, kümmerte sich Gudrun um ihren Mann, vier Kinder und die eigene Mutter. Gudruns konservativem Ehemann war die lebenslustige Tine ein Dorn im Auge und erst als er Gudrun zur Witwe machte, nahmen die Freundinnen ihre gegenseitigen Besuche wieder auf. Obwohl Tine ihr nicht ganz unkritischer Gesundheitszustand bewusst war, konnte und wollte sie auf das Rauchen nicht verzichten. In ihrem Körper schlummerte eine Zeitbombe, der sie lieber nicht allzu viel Beachtung schenken wollte. Ein Aneurysma, hatte der Arzt gesagt. Irgendwo in Tines Bauch. Eine Operation kam für die resolute Tine nicht in Frage. Sie wollte das Leben bis zum letzten Atemzug genießen und wenn das nicht mehr möglich war, dann sollte es lieber mit einem Schlag vorbei sein. Gudrun war schließlich das beste Beispiel dafür, was so ein Krankenhausaufenthalt aus einem machte. Trotzdem hielt sie Wilmas Vorschlag, sich mit vereinten Kräften um Gudrun zu kümmern, für eine Schnapsidee.

„Du könntest schon, wenn Du Dich mit diesen stinkenden Glimmstengeln nicht selbst zugrunde richten würdest“, murmelte Wilma und wickelte sich in eine dicke Strickjacke, bevor sie sich wieder in ihrem Sessel niederließ. Hildes schneeweiße Spitzengardine bauschte sich vor dem geöffneten Fenster und ein kalter Luftzug ließ die Flamme der Kerze auf dem kleinen Tisch zwischen den Freundinnen flackern. Tine blies ungerührt Rauchkringel in die hereinströmende Nachtluft. Manchmal ging ihr Wilma mit ihrem langweiligen Leben ganz schön auf die Nerven. Immerhin hatte der Verzicht auf Zigaretten Wilma auch nicht vor der Arthrose schützen können. Aber dieses Thema wollte Tine lieber gar nicht erst anschneiden. Am Ende würde Wilma noch behaupten, das Passivrauchen sei an ihren Knieschmerzen schuld. Oder aber sie würde von ihrem arbeitsreichen Leben als alleinerziehende Mutter von drei Kindern erzählen.

Wilma war seit über dreißig Jahren Witwe. Als ihr Mann starb, war der jüngste Sohn gerade mal vier Jahre alt. Wilma war nichts anderes übrig geblieben, als sich eine Stellung zu suchen und den Lebensunterhalt zu verdienen. Tine verstand durchaus, dass Wilma eine schwere Zeit durchgemacht hatte, aber in ihren Erzählungen vergaß sie gerne zu erwähnen, dass ihre Mutter die Kinder versorgt und das Essen gekocht hatte. Wilmas drei Kinder fand Tine darüber hinaus gar nicht mal so gut gelungen. Darüber war sie sich mit Hilde einig, die ebenfalls nie eigene Kinder bekommen hatte. Weder Tine noch Hilde hatten jemals den Wunsch verspürt, mit dem hausbackenen Dasein von Gudrun oder Wilma zu tauschen. Hilde hatte als Gattin eines Regierungsbeamten viele schöne Reisen gemacht und ein unbeschwertes Leben geführt. Dass eben dieser Regierungsbeamte Gudruns Bruder war und Hilde dadurch zur Patentante machte, begeisterte sie wenig. Mit Kindern hatte sie einfach nichts anfangen können. Hilde war die älteste in der Runde und würde in Kürze ihren neunzigsten Geburtstag feiern. Als der Regierungsbeamte vor dreizehn Jahren starb, warf dieses plötzliche Ereignis Hilde vorübergehend aus der Bahn. Nach einiger Zeit gewöhnte sich die rüstige Witwe an die Vorzüge des Alleinseins und saß bald darauf wieder in einem Flugzeug, das sie in den sonnigen Süden brachte. Nun aber quälte Hilde seit ein paar Monaten ein immer wieder auftretender Schwindel. Im Gegensatz zu Wilma wäre sie allerdings nie auf die Idee gekommen, ihr Unwohlsein auf Tines Zigarettenrauch zurückzuführen. Die verfügbaren Fachärzte hatte Hilde alle aufgesucht, aber die zahlreichen, modernen Untersuchungen waren alle ergebnislos geblieben. Widerstrebend hatte sie eingesehen, dass die verordnete Gehhilfe nicht nur unvermeidbar, sondern auch nützlich war. Allerdings schienen die Hersteller solcher Geräte anzunehmen, dass sich Damen in ihrem Alter nur bei Tageslicht auf die Straße trauten. Mit der Grundausstattung ihres Rollators war Hilde keineswegs einverstanden gewesen. Sie hatte keine Ruhe gegeben, bis sie das Gestell mit Theos Hilfe an ihre Bedürfnisse angepasst hatte. Nun verfügte der Rollator über eine angemessene Beleuchtung, mit der sich Hilde auch nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße bewegen konnte, ohne übersehen zu werden. Sogar auf die im Straßenverkehr vorgeschriebenen, roten Bremslichter hatte sie bestanden. Hilde war keine Frau, die sich von den Jahreszeiten vorschreiben ließ, wann sie zu Hause zu sein hatte. Wie es aussah, würde sie leider in Zukunft auf Theos Unterstützung verzichten müssen. Der, dachte Hilde, saß schließlich ständig an Gudruns Bett und schälte Äpfel.

„Wir könnten uns doch abwechseln“, nahm Wilma den Faden wieder auf.

„Gudrun gehört in die Hände von geschultem Personal und nicht in unsere zittrigen Finger“, entgegnete Hilde.

Tine richtete ihren Blick auf ihre eigenen Finger mit den gepflegten, lackierten Nägeln, die noch immer die Zigarette hielten.

„Meine zittern jedenfalls nicht“, sagte sie und blies weitere Rauchkringel in die Luft.

„Trotzdem“, beharrte Hilde, „Gudrun ist schließlich keine Elfe. Ich kann ihr unmöglich helfen.“

Seit vielen Jahren musste Hilde strenge Diät halten und sich selbst täglich Insulin spritzen. Die Krankheit bereitete ihr kaum Probleme, aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die meisten jüngeren Frauen hätten viel dafür gegeben, Hildes Figur zu haben.

„Aber im Stich lassen können wir Gudrun auch nicht“, schmollte Wilma. Für sie zählte in den allermeisten Fällen nur ihre eigene Meinung und auch jetzt war sie nicht bereit, von ihren Plänen abzuweichen. Wilma war groß und kräftig und mit ihren herben Gesichtszügen strahlte sie auch im Alter noch Strenge aus. Natürlich ehrte es sie, sich um die Freundin kümmern zu wollen, aber ganz uneigennützig war dieses Vorhaben nicht. Die meiste Zeit des Tages verbrachte Wilma alleine in ihrer Wohnung, aus der das letzte ihrer drei Kinder vor Jahren ausgezogen war. Seitdem bekam sie ihre Familie kaum zu Gesicht. Die Enkel ließen sich meistens dann blicken, wenn das Taschengeld zur Neige ging. Hin und wieder durchbrach das Läuten des Telefons die Stille und an manchen Tagen war Wilma fast erstaunt, wenn sie den Anruf entgegennahm und zum ersten Mal an diesem Tag ihre eigene Stimme hörte.

„Mittwochs können wir sowieso nicht. Da gehen wir zum Schwimmen“, sprach Tine den rettenden Gedanken aus, der ihr gerade gekommen war.

„Und hinterher ins Restaurant“, vervollständigte Hilde mit einem beziehungsreichen Blick auf Wilmas Bauch, der selbst unter der dicken Strickjacke deutlich sichtbar war. Das gemeinsame Essen nach dem Schwimmen war zu einem liebgewonnenen Ritual der Freundinnen geworden und Hilde wusste, dass es der eigentliche Grund war, warum Wilma überhaupt ins Schwimmbad ging. Ihr selbst bedeutete beides nicht viel. Der Arzt lobte sie zwar wegen der Wassergymnastik, aber er schimpfte auch wegen der einen kleinen Ausnahme, die sich Hilde einmal in der Woche von ihrer Diät gönnte.

„Was grinst Du denn plötzlich so?“, wollte Wilma aus ihrem Schmollwinkel wissen.

Tatsächlich hatte sich auf Hildes faltigem Gesicht ein amüsiertes Lächeln ausgebreitet, das auch ihre Augen erreichte. Mit fast neunzig brauchte sie noch immer keine Brille und die Lachfalten in ihren Augenwinkeln waren deutlich sichtbar. Gudrun hatte sie vor ein paar Jahren zur Teilnahme an diesem Gymnastikkurs überredet und im Geiste sah Hilde den ersten gemeinsamen Besuch im Schwimmbad deutlich vor sich. Sie selbst hatte sich in aller Eile einen schlichten schwarzen Einteiler besorgt, der ihr dem Anlass angemessen erschien. Die Bikinis, die sie während ihrer Aufenthalte an spanischen Stränden immer noch trug, wollte sie den Menschen im Hallenbad nicht zumuten. Immerhin bestand ja die Gefahr, dass Bekannte unter den Schwimmern waren. Außerdem würde sie einen Teil der Besucher bestimmt jede Woche wiedersehen. Als sie in ihrem nagelneuen, schwarzen Badeanzug die Umkleidekabine verlassen und die Freundinnen vor der Dusche getroffen hatte, war ihr beinahe der Mund offen stehen geblieben. Gudrun hatte ihre Leibesfülle in einen bunt bedruckten Einteiler gezwängt. Große Blumenmotive zierten nicht nur Brust und Bauch, sondern auch das ausladende Hinterteil. Die blond gefärbte Dauerwelle war unter einer Gummihaube verborgen gewesen, die bestimmt noch aus den Siebzigern stammte. Das Blumenmotiv hatte sich auch dort wiederholt. Große Blütenblätter aus gelbem Gummi hatten Hilde für einen Moment den Blick auf Wilma versperrt. Tine, die sich ihrerseits für dunkelblau entschieden und mit ihrer sportlichen Figur in dem Einteiler beneidenswert fit ausgesehen hatte, war aus einer der benachbarten Kabinen getreten und hatte Hilde leicht in die Seite geknufft. Auch ohne Tines Brille war ihr Wilmas Aufzug nicht verborgen geblieben. Auch Wilma hatte eine dieser fürchterlichen Gummikappen getragen. Zu ihrer ohnehin schon stattlichen Größe waren dank der Blüten noch einige Zentimeter dazugekommen. In Wilmas Fall waren sie allerdings grün gewesen. Ebenso grün, wie die Palmen, die ihren Badeanzug geziert hatten. Als Gudrun und Wilma dann nebeneinander in Richtung Schwimmbecken gewatschelt waren, hatten Hilde und Tine Gelegenheit gehabt, die ungleichen Zwillinge von hinten ausgiebig zu betrachten. Neben Wilma hatte Gudrun, trotz ihrer gelben Badekappe, noch kleiner gewirkt. Natürlich hatten die beiden die ungeteilte Aufmerksamkeit der ganzen Badeanstalt auf sich gezogen. Für einen Moment hatte Hilde überlegt, jede Bekanntschaft mit den bunten Hühnern zu leugnen, aber das war ihr dann doch zu albern vorgekommen. Immerhin war Gudrun ihre Schwägerin. Die Schwester des verstorbenen Regierungsbeamten. Genau diese Schwägerin lag also jetzt im Krankenhaus und trug Schlafanzüge mit Tiermotiven. Das Lächeln verschwand von Hildes Gesicht. Wilma starrte noch immer erwartungsvoll zu ihr herüber und wartete auf eine Antwort.

„Also gut“, lenkte Hilde schnell ein, um von ihren eigentlichen Gedanken abzulenken. Sie konnte Wilma schlecht erzählen, was sie gerade vor ihrem geistigen Auge gesehen hatte.

Wilma ließ den Augenblick nicht ungenutzt verstreichen und hakte sofort nach. „Ihr seid also dabei?“

„Einmal in der Woche“, schränkte Hilde ihre Zusage sofort ein.

Wilmas forschender Blick wanderte weiter zu Tine, die gerade ihre Zigarette im Aschenbecher ausdrückte. Dieser Vorgang schien ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

„Tine?“, fragte Wilma ungeduldig.

„Ja, es ist kühl geworden.“ Tine verstand die Aufforderung absichtlich falsch und erhob sich. Umständlich zog sie die Spitzengardine zur Seite und schloss das Fenster.

Hilde musste schon wieder grinsen. Da hatte sie Tine ja in eine ganz schön verzwickte Lage gebracht, aber zusammen würden sie schon einen Ausweg finden. Tine ließ sich Zeit und zupfte erst einmal die weiße Gardine zurecht, bevor sie sich zu Wilma umwandte. „Natürlich“, sagte sie mit einem warmen Lächeln. Der Anblick der schneebedeckten Straße hinter dem Fenster hatte sie in eine milde Stimmung versetzt. Nicht nur Hildes Wohnung war bereits weihnachtlich dekoriert. Auch die umliegenden Häuser strahlten Gemütlichkeit aus. Die Lichterketten hinter den Fenstern tauchten die winterliche Straße in ein warmes Licht. Tine, die eigentlich gerne allein lebte, hatte sich plötzlich von der Weihnachtsstimmung anstecken lassen. In ihrer eigenen Wohnung verzichtete sie auf den ganzen Schnickschnack. Das musste man hinterher nur alles wieder aufräumen. Tine wusste besseres mit ihrer Zeit anzufangen, als Tannennadeln aus dem Teppich zu saugen. Jetzt aber machte sich eine gewisse Melancholie in ihr breit. Vielleicht würde es weiße Weihnachten geben. In den letzten Jahren hatte es an den Feiertagen meistens geregnet. An den letzten Schnee konnte sich Tine schon gar nicht mehr richtig erinnern. Nun aber wusste sie plötzlich, dass sie Weihnachten auf keinen Fall allein verbringen wollte. Dann doch lieber mit Gudrun und Theo.

„Ist doch schließlich Weihnachten“, sagte Tine an Wilma und Hilde gewandt.

Wilma strahlte. Sie liebte es, wenn ein Plan aufging.

„Zusammen bekommen wir Gudrun bestimmt schnell wieder auf die Beine.“

Der Blick, den ihre Freundinnen tauschten, entging ihr vor lauter Zufriedenheit völlig.

3.

Als Helene am darauffolgenden Tag ihren Spätdienst antrat, war es auf der Station bereits ruhig geworden. Dennoch blieb den Schwestern keine Zeit für eine ausgiebige Schichtübergabe. Diejenigen, deren Dienst endete, hatten es eilig, das Krankenhaus zu verlassen. Vor den Feiertagen hatte jeder anderweitige Verpflichtungen. Sowieso war die Personaldecke um diese Jahreszeit fast dünner als während der Sommermonate. Im Gegensatz zu den großen Ferien ließ sich Weihnachten nun einmal nicht auf sechs Wochen verteilen und wer irgendwie konnte, nahm sich ein paar Tage frei. Die verbleibenden Schwestern bereiteten die Patienten auf die bevorstehende Nacht vor und verteilten Medikamente. Zu ihrem Erstaunen fand Helene Theo heute nicht wie gewohnt am Bett seiner Mutter vor, als sie das im Halbdunkel liegende Zimmer betrat. Frau Winter lag, wie so oft, mit dem Gesicht zur Wand in ihrem Bett. Die Krankenschwester konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob die Patientin schlief oder sich nur schlafend stellte. Das Interesse an ihrer Umwelt schien mit jedem Tag ein bisschen mehr zu schwinden. Nur ihr ältester Sohn schien für Frau Winter noch eine Bedeutung zu haben, aber Theo ermunterte sie nicht dazu, ihre Selbstständigkeit zurück zu erlangen. Auch jetzt reagierte die alte Dame nicht auf die Geräusche in ihrem Zimmer. Die Gummisohlen von Helenes bequemen Schuhen quietschten auf dem abgetretenen, grauen Linoleumboden, mit dem die ganze Station ausgelegt war. Die Laternen draußen im Park warfen einen schwachen Lichtschein in das Krankenzimmer. Theo musste vergessen haben, die Vorhänge zu schließen. Auch der Nachttisch war nach dem Abendessen nicht wie sonst ordentlich an seinen Platz zurückgeschoben worden. Der zuverlässige Theo schien seinen Platz am Bett der Mutter heute ungewöhnlich eilig verlassen zu haben. Erst jetzt bemerkte Helene die leeren Abstellflächen, die noch gestern mit Blumen, Bilderrahmen und Plüschtieren vollgestellt gewesen waren. Einer Ahnung folgend öffnete sie eine Tür des Kleiderschranks. Nur ein paar einsame Wäschestücke lagen ordentlich in den Regalen. Verschwunden waren die Bären und Hasen, die sich auf weichen Schlafanzügen tummelten. Helene eilte zurück auf den menschenleeren Flur. Nur ein verlassener Rollstuhl stand im kalten Licht der Leuchtstoffröhren vor einer ergrauten Wand. Der einst weiße Anstrich zeigte deutliche Spuren von Besuchern und Patienten, die sich haltsuchend an ihm entlang getastet hatten. Auch die Einrichtung war längst in die Jahre gekommen. Kaum jemand nutzte heute noch die schäbigen Stühle, die in einer Nische vor dem Fenster zum Verweilen einladen sollten. Von den Türen der Patientenzimmer platzte an einigen Stellen der Lack ab. An anderen Stellen war er so verkratzt, dass die ursprüngliche Farbe fast nicht mehr zu erkennen war. Helene hatte sich schon oft die Frage gestellt, wie die Patienten in dieser Umgebung überhaupt gesund werden konnten. Die Renovierung der Station war längst überfällig. Aber im Fall von Frau Winter konnte das nicht der Grund für die schlechte Genesung sein. Immerhin schien sie ihre Umgebung kaum wahrzunehmen. Ihre Aufmerksamkeit galt einzig und allein Theo. Die meisten Patienten setzten alles daran, das Krankhaus schnellstmöglich wieder verlassen zu können. Gudrun Winter hingegen hatte sich von der Aussicht, die Station endlich verlassen zu können bisher nicht motivieren lassen. Nun aber waren ihre privaten Gegenstände, einschließlich Theo, überwiegend verschwunden. Im Schwesternzimmer fand Helene eine Kollegin, die sich gerade eingehend mit den Patientenakten beschäftigte.

„Ist das die Akte von Gudrun Winter?“, fragte sie und griff nach der dicksten Mappe auf dem Tisch.

„Hm“, nickte ihre Kollegin zustimmend. „Die Entlassungspapiere sind schon drin.“

„Reha?“, hakte Helene nach und blätterte hastig durch den Papierstapel.

„Du weißt es noch gar nicht?“, grinste die jüngere Krankenschwester. „Frau Winter fährt morgen nach Hause.“

Theo hatte keinen Blick für die festlich dekorierten Straßen, als er mit gesenktem Kopf durch die Dunkelheit nach Hause ging. Trotz der Kälte schwitzte er in seiner warmen Jacke und die Mütze hat er erst gar nicht aufgesetzt. Hinter seiner Stirn arbeitete es heftig. Die Ärzte konnten oder wollten seine Mutter nicht mehr länger im Krankenhaus behalten. Selbstverständlich hatte es in den letzten Tagen immer wieder Gespräche gegeben, aber Theo hatte all die eindringlichen Mahnungen in den Wind geschrieben. Er war der festen Überzeugung gewesen, Gudruns Zustand würde sich wie durch ein Wunder verbessern und bis es soweit war, würden die Ärzte sie wohl kaum hinauswerfen können. Allem Anschein nach hatte er sich geirrt. Ein Platz in einem Pflegeheim war für ihn nicht in Frage gekommen, deshalb hatte er sich gar nicht erst darum bemüht. Auf keinen Fall würde er seine Mutter in eine solche Einrichtung abschieben. Auch nicht, wenn es nur vorübergehend war, wie seine Geschwister ihm einzureden versucht hatten. Nun aber drohte die Verantwortung ihn zu überfordern. Theo blieb nur eine einzige Nacht, um die wichtigsten Dinge zu regeln. Er musste einen Pflegedienst finden, der bereit war, Gudrun zu Hause zu versorgen und wenn seine Mutter Fortschritte machen sollte, dann brauchte sie auch die entsprechenden Therapeuten. Die musste er vermutlich erst einmal davon überzeugen, Gudrun in ihrer Wohnung aufzusuchen. Außerdem musste er im Amt weiterhin seine Abwesenheit erklären, mindestens bis Ende des Jahres und nicht zuletzt musste er seine Geschwister informieren. Wenigstens um den Transport hatte sich das Krankenhaus gekümmert. Es waren nur wenige Kilometer bis zu der gemeinsamen Wohnung, aber selbst Theo war klar, dass Gudrun nicht in ein Taxi steigen konnte. Wenigstens lag ihre Wohnung im Erdgeschoß, dachte er, während er die letzten Meter seines Heimwegs zurücklegte. Als er den Schlüssel ins Schloss steckte und die Haustür des Mehrfamilienhauses aufstieß, fiel sein Blick auf die fünf Steinstufen, die ihn nun noch von der Wohnungstür trennten. Seufzend schüttelte Theo den Kopf. Darüber würde er sich später Gedanken machen. Jetzt musste er erst einmal aus dieser Jacke raus und ein paar dringende Telefonate führen. Hoffentlich würde er heute Abend überhaupt noch jemand erreichen. Das rote Lämpchen am Anrufbeantworter blinkte hektisch, als Theo die dunkle Diele betrat. Er tastete nach dem Lichtschalter und sah sich um. Was ihm bisher vertraut und gemütlich erschienen war, kam ihm nun, als er versuchte die Wohnung mit den Augen eines Fremden zu sehen, schäbig und altbacken vor. Der Teppich unter seinen Füßen war abgetreten. Die Tapeten und Vorhänge waren alt und unansehnlich. Er selbst hatte in den letzten Wochen dafür gesorgt, dass die Wohnung nun auch noch unordentlich und chaotisch wirkte. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stapelten sich Papiere, die er achtlos dort abgelegt hatte. Bestimmt waren darunter auch die Broschüren der Pflegeheime, die ihm dauernd ungefragt zugesteckt worden waren. Auf den alten Sesseln lagen Kleidungsstücke und die übrigen Möbel bedeckte eine graue Staubschicht. Theo öffnete eine Tür im Wohnzimmerschrank und griff zielstrebig nach einer Flasche mit braunem Inhalt. Bevor er das hier in Angriff nehmen konnte, brauchte er eine anständige Stärkung.

Vorsichtig pustete Regina in die Tasse und nippte dann an ihrem heißen Tee. Glücklicherweise hatte ihr Mann Holger Theos Anruf entgegengenommen. Regina hätte ihrem ältesten Bruder sonst vermutlich gehörig die Meinung gesagt. So leid es ihr für ihre Mutter tat, Theo bekam nun endlich die Quittung für seine Alleingänge. Holgers Versuche, seine Frau zu besänftigen, waren erfolglos geblieben. Regina hatte die anderen Brüder sofort zum Kriegsrat herbeigerufen. Jetzt saßen sie zu sechst um den Esstisch in Reginas und Holgers neuem Haus, in dem noch nichts auf das bevorstehende Weihnachtsfest hindeutete. Meist war es Holger, dem zwei Tage vor heilig Abend der fehlende Baum auffiel. Wenn er sich dann auf den Weg machte, eine geeignete Nordmanntanne zu finden, beauftrage Regina ihren Mann zusätzlich damit, in allerletzter Minute die passenden Geschenke zu finden. Häuslichkeit war nicht gerade ihre starke Seite. Natürlich hatte sie emsig Nestbau betrieben als die Kinder noch klein waren, aber die Vorbereitung sämtlicher besonderer Ereignisse und die Einkäufe im allgemeinen überließ sie dann doch lieber Holger. Spontane abendliche Zusammenkünfte kamen so gut wie nicht vor, so dass Reginas Schwägerinnen nun mit tapferen Gesichtern einen Schaumwein tranken, den Holger vor Jahren geschenkt bekommen und seitdem im Keller vergessen hatte. Wie die Flasche den Umzug in das neue Haus überlebt hatte, war ihm selbst ein Rätsel. Reginas jüngere Brüder, Klaus und Robert, mussten heute wohl oder übel auf ihr Feierabendbier verzichten und stattdessen mit Cola vorlieb nehmen.

„Tja“, machte Klaus ratlos und nahm noch einen Schluck aus seinem Glas. Eigentlich hatte er etwas sagen wollen, um die ungewöhnliche Stille am Tisch zu durchbrechen, aber ihm fiel beim besten Willen nichts ein, was die Situation in irgendeiner Weise besser machen würde. Er arbeitete im Schichtdienst und würde seiner Mutter keine große Hilfe sein können. Natürlich war auch er gegen die Verlegung in ein Pflegeheim gewesen, aber im Gegensatz zu Theo war er realistisch genug, den Zustand seiner Mutter einschätzen zu können. Alleine würde Gudrun auf gar keinen Fall zurechtkommen, auch nicht für ein paar Stunden. Klaus hatte sich darauf verlassen, dass Theo schon die richtige Entscheidung treffen würde. Abgesehen davon, dass auch er noch immer auf eine vollständige Genesung hoffte, hatte seine Aversion gegen Senioreneinrichtungen auch finanzielle Gründe. Trotz der erreichten Pflegestufe würden Gudruns Kinder einen Teil der Kosten unter sich aufteilen müssen. Nun aber stellte sich die Frage, wie die Mutter zu Hause betreut werden konnte. Seiner Frau Monika konnte Klaus das bestimmt nicht zumuten. Sie hatte noch mit ihren eigenen Eltern zu kämpfen und die Entfernung zu Gudruns Wohnung konnte sie unmöglich jeden Tag zurücklegen, um ein paar Stunden bei der Schwiegermutter zu sein. Erst recht nicht, wenn Klaus mit dem Auto unterwegs war. Robert beschäftigten ganz ähnliche Gedanken. Er und seine Frau Maike ahnten schon lange, dass Gudrun nach dem Krankenhausaufenthalt auf fremde Hilfe angewiesen sein würde, aber gegen Theo war er ebenso machtlos wie Regina. So richtig hatte er sich dann auch nicht getraut, Theo ernsthaft zu widersprechen. Immerhin nahm der älteste Bruder ihnen allen doch eine ganze Menge Arbeit ab, auch wenn er in seiner Rolle als Krankenpfleger richtig aufzublühen schien. Dafür hatte Theo in den vergangenen Jahren schließlich auch ein entspanntes Junggesellenleben im Hotel Mama geführt, während all seine Geschwister selbst Kinder hatten und sich um den eigenen Haushalt kümmern mussten.

„Theo hat diese Entscheidung getroffen“, bemerkte Regina leise. „Es muss ihm bewusst gewesen sein, dass die meiste Arbeit an ihm hängen bleiben wird.“

„Naja“, warf Holger ein, „ob das eine so bewusste Entscheidung war? Ich glaube eher, Theo hat die Entscheidung einfach zu lange hinaus gezögert und hatte nun gar keine andere Wahl.“

„Er wird doch selbst irgendwann mal wieder ins Amt müssen“, überlegte Maike und drehte das Glas mit dem Schaumwein zwischen den Händen. Regina, Klaus und Robert waren nach dem Auszug aus der elterlichen Wohnung in einem Vorort sesshaft geworden und hatten dort ihre Familien gegründet. Die Wege zwischen ihren Wohnhäusern konnten sie notfalls zu Fuß zurücklegen und so war auch das heutige, spontane Treffen trotz der winterlichen Verhältnisse kein Problem gewesen. Die Entfernung zu Gudruns und Theos Wohnung war Maike aber seit Jahren ein Dorn im Auge. Theo verzichtete ganz bewusst auf ein eigenes Auto. Seine Geschwister waren sich einig, dass dies keinesfalls eine Geldfrage war. Vielmehr war Theo es leid gewesen, ständig für Gudrun und ihre Freundinnen das Taxi zu spielen. Das Damenkränzchen hatte sich immer auf den freundlichen Theo verlassen. Nun aber mussten die Frauen die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Theo selbst konnte den Weg ins Amt bequem mit dem Bus zurücklegen. Damit entfiel auch die lästige Parkplatzsuche in der Stadt. Was Theo dabei aber gerne übersah, war die Tatsache, dass nun seine Geschwister und deren Partner Taxi fuhren. Wann immer eine Familienfeier anstand, musste sich jemand bereit erklären, Gudrun und Theo am anderen Ende der Stadt abzuholen und später wieder dorthin zurückzubringen. Sie hatten sich schon sehr oft darüber unterhalten, dass dies, alles in allem, eine Fahrzeit von zwei Stunden ausmachte. Bei dichtem Verkehr oder schlechtem Wetter konnte es auch leicht mehr werden. Für Gudrun und Theo kam ein Umzug aber nicht in Frage. Nach dem Tod des Vaters waren sie, wie selbstverständlich, in der eigentlich viel zu großen Wohnung geblieben. Regina schien ähnliche Gedanken zu haben wie Maike.

„Für uns ist es einfach viel zu weit“, erklärte sie entschieden.

Monika schwenkte nickend ihr leeres Weinglas.

„Soll ich nochmal nachschenken?“, fragte Holger lächelnd.

„Je mehr man davon trinkt, desto besser schmeckt er“, kicherte Maike und bemühte sich sofort wieder ernst zu bleiben, als sie Roberts strafenden Blick bemerkte. Immerhin waren sie ja nicht zum Spaß hier.

Holger stand auf um die Flasche aus dem Kühlschrank zu holen, als plötzlich das Telefon klingelte. Sofort war Regina auf den Beinen.

„Ich mach das schon“, bremste Holger sie.

Wer auch immer am anderen Ende der Leitung war, wenn Regina das Gespräch annehmen würde, konnte das Telefonat Stunden dauern. Sie schaffte es sogar, jemand in ein längeres Gespräch zu verwickeln, der sich eigentlich nur verwählt hatte. Am Tisch blieben alle still, als Holger nach dem Mobilteil griff und sich meldete. Ein Anruf um diese Uhrzeit war ungewöhnlich und brachte meistens keine guten Neuigkeiten.

„Ahh“, machte Holger Anstalten den Anrufer zu begrüßen, wurde aber schienbar sofort unterbrochen. Regina gestikulierte heftig. Holger sollte ihr wenigstens ein Zeichen geben, wer da auf ihn einredete. Die anderen lauschten gespannt. Schon nach wenigen Sekunden lächelten alle verstehend. Die laute Stimme, die sie nun hörten, war allen wohlbekannt. Wilma. Nur was sie zu sagen hatte, war am Esstisch nicht zu verstehen.

„Stell Dir vor, Du wärst rangegangen“, grinste Robert und erntete zustimmendes Gemurmel.

„Dann hätte es wirklich Stunden gedauert“, erwiderte Holger, der das Gespräch gerade beendet und Roberts Worte gehört hatte.

Wilma teilte Reginas Leidenschaft für endlos lange Telefonate. Holgers einsilbige Antworten hatten ihr heute aber keine Gelegenheit gegeben, das Gespräch weiter auszudehnen. Außerdem war es auch wirklich schon spät und die Gruppe in Reginas Wohnzimmer hätte Wilma um diese Zeit eher im Bett vermutet.

„Ging aber doch recht schnell“, staunte Klaus prompt.

„Wahrscheinlich hat Wilma ihren Redebedarf heute Abend bereits bei Theo gedeckt“, erklärte Holger.

Regina und die Gäste sahen ihn auffordernd an.

„Theo hat natürlich auch das Damenkränzchen über die neuesten Entwicklungen informiert“, fuhr er fort.

„Lass mich raten“, unterbrach Regina, „Wilma hat das natürlich kommen sehen.“

Maike schmunzelte. Wilma sah immer alles kommen. Natürlich erfuhr ihre Umwelt immer erst dann davon, wenn der Fall tatsächlich eingetreten war.

„Diesmal muss man ihr allerdings anrechnen, dass sie Hilde und Tine bereits gestern Abend dazu verdonnert hat, bei Gudruns Betreuung zu helfen“, ließ Holger die anderen wissen.

„Das kann ja lustig werden“, kicherte Monika, die schon bildlich vor sich sah, wie die zarte Hilde der pummeligen Gudrun auf die Beine helfen wollte.

„Das ist besser als nichts“, meinte Klaus ernst.

„Das ist mehr als wir heute Abend zustande gebracht haben“, nickte Robert nachdenklich.

„Es ist immerhin ein Anfang“, stimmte Regina zu und gähnte ausgiebig.

Klaus und Robert nahmen das zum Anlass, endlich zum Aufbruch zu mahnen. Widerwillig erhoben sich auch ihre Frauen. Schließlich war die Flasche noch gar nicht leer.

4.

Hilde saß gelangweilt auf dem in beige und brauntönen gemusterten Sofa und sah Gudrun beim Schlafen zu. Dass Gudrun wenig zum Gespräch beisteuern konnte, war ihr schon klar gewesen, aber dass ihre Schwägerin einfach einschlief, während Hilde von ihren Erlebnissen der letzen Tagen berichtete, fand sie nun doch ein wenig unhöflich. Mit wem sollte sie sich nun unterhalten? Immerhin hatte sich Hilde bereit erklärt, Gudrun jeden Dienstag Gesellschaft zu leisten, während Theo im Amt war. Natürlich war es schon ein Fortschritt, dass Theo überhaupt wieder seiner geregelten Arbeit nachging. Vielleicht tat er aber auch nur so als ob. Ganze vier Mal hatte er heute schon die eigene Telefonnummer gewählt um zu hören, ob mit seiner Mutter alles in Ordnung war. Hilde hatte dies bereits vier Mal bestätigt und nur beim letzten Anruf durchklingen lassen, dass sie sich selbst ein wenig schwindelig fühlte. Darauf war Theo aber gar nicht erst eingegangen. Wenigstens hatte er seitdem auch nicht wieder angerufen. Es musste der Mangel an frischer Luft und Bewegung sein, der Hildes leichtes Unwohlsein auslöste. Sie hatte noch versucht, Gudrun wenigstens zu einem kurzen Spaziergang zu überreden, aber ihre Schwägerin hatte nur fröstelnd die Schultern hochgezogen. Dabei war es in der Wohnung