Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Therdeban - Barbara Brosowski Utzinger

»Weißt du, jeder macht sein eigenes Glück. Nur Dumme warten, bis es ihnen in den Schoss fällt. Ich bekomme am Ende immer, was ich will ...« Ein Jahr ist vergangen. Die fremde und wilde Welt Kelderan ist zu Francescas Zuhause geworden. Sie glaubt, endlich in Sicherheit zu sein. Doch der Feind ist geduldig und hat viele Gesichter. Er schlägt zu und entreißt ihr alles - ihren Geliebten und ihr Kind. Wie soll sie einen Ausweg finden, wenn selbst ihr Besitzer keinen Rat mehr weiß und sie niemandem mehr vertrauen kann ... Mit über 60 Illustrationen, gezeichnet von der Autorin.

Meinungen über das E-Book Therdeban - Barbara Brosowski Utzinger

E-Book-Leseprobe Therdeban - Barbara Brosowski Utzinger

Inhalt

Du kennst deine Rolle in dieser Welt nicht

Es gibt immer einen anderen Tag

Komm mit

Heile Welt

Wer Fehler sucht wird einen Weg finden

Lass mich gehen

Erinnerungssammler

Lumeers Notizen des westlichen Urualhars

Jeder hat eine Schwäche

1Bleib stark

Den Mächtigen gehört das Gesetz

Die vergessenen Gottheiten

Rauch am Horizont

Die kleine Kriegerin

Der Anfang vom Ende

Es war schon lange vorbei

Eine Fremde in ihrer Welt

Danksagung

1. Du kennst deine Rolle in dieser Welt nicht

E in Fremder kehrte mit ihrem Besitzer zurück.

Sie versteckte sich hinter dem Ledervorhang der Vorratskammer und lauschte. Die Stimme war ihr unbekannt, leicht und flötend, männlich. Nicht bedrohlich klingend. Aber ihr Leben hatte sie eines Besseren belehrt. Bisher war der Besuch von Fremden immer mit schlechten Geschehnissen einher gegangen, Spott und Schmerz, Verrat und Auslieferung. Sie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte. Fluchtpläne manifestierten sich in ihren Gedanken, schnell schüttelte sie den Kopf. Nein, sie konnte nicht gehen. Erstens: Ihr Kind. Zweitens: Ohne den Schutz ihres Besitzers war sie Fleisch.

Gerne hätte sie in sein Gesicht gesehen. Seit ihr Besitzer sie vom Markt gekauft hatte, konnte sie jede kleinste Veränderung seiner Stimme und seines Blickes lesen. Sie kannte seine Körpersprache, wie er sich drohend zu seiner ganzen Größe, fast doppelt so groß wie sie, reckte, um sie dann mit gesenktem Kopf in eine Ecke zu treiben. Dann gab es Schläge.

Aber er hatte sie gerettet, hatte als Menschenfresser ein gutes Wort für sie eingelegt und damit seine Kriegerehre riskiert.

Nein, Creel würde nicht zulassen, dass ihr etwas geschah. Die Zeiten, als sie nur seine Ware und Sklavin war, waren vorbei.

Vorsichtig spähte sie durch einen Spalt hinaus.

Der Fremde war beim Esstisch angekommen, der noch voll schmutzigen Geschirrs war. Er war jung, viel jünger als Creel. Fuchsrotes Fell, schlank und sehnig. Ein grünes Dreieck zierte die untere Hälfte seines Gesichts, der rote Rand kennzeichnete den hohen Rang. Sein aufrechter Gang und der hoch gehaltene Kopf verrieten seinen Stolz darauf. Ein Breega.

Oh verdammt!

Ihr Herz klopfte noch schneller. Der Fremde war einer vom Matriarchat. Sofort stiegen Erinnerungen in ihr hoch. Nackt gefesselt in einem großen Raum, flankiert von Wachen mit eisernen Totenkopfmasken. Vor ihr hunderte gierige Keilan, die nur darauf warteten, ein Stück Fleisch von ihr abzuschneiden – bei lebendigem Leibe.

Bitte, bitte geh einfach wieder … Bitte schick ihn weg, Creel.

Doch ihr Besitzer richtete seine eisblauen Augen genau auf ihr Versteck.

»Francesca.«

Seine Stimme war kühl, er war nicht zufrieden. Beschämt sah sich Francesca um. Kein Wunder. Sie war mit dem Haushalt im Verzug und hatte nicht aufgewischt.

Vielleicht konnte sie ihn beschwichtigen, indem sie noch schnell Tee aufsetzte. Rasch hievte sie den Eisentopf über die Feuerstelle, schürte die Glut und legte Holz nach. Alles, um sich dem Fremden nicht zu zeigen.

»Francesca!«

Creels Wut war bis in die Küche spürbar. Sie musste zu ihm kommen. Sofort. Francescas Herz raste wie ein eingesperrter Nachtvogel. Sie richtete sich auf und wischte ihren Wickelrock sauber. Ein kurzer Blick auf einen der glattpolierten Töpfe, um zu prüfen, ob ihr Haar sauber gekämmt war. Das konnte Creel noch weniger ausstehen als sie zweimal rufen zu müssen.

Mit gesenktem Kopf ging sie die Stufen hoch in den Essraum und hinüber in den Wohnraum, bis sie die vier Pfotenfüße direkt vor sich sah. Creels Klauen, wie immer glattpoliert wie Elfenbein. Die des Fremden waren grob geschliffen, dafür trug er Goldschmuck um die Zehen. Was für ein seltsamer Kerl. Sie versuchte, aus dem Augenwinkel seinen Gesichtsausdruck zu erhaschen. War er erstaunt, erfreut oder angewidert? Sie konnte nur seine Hände erkennen, eine in die Hüfte gestemmt, die andere lässig an der Seite baumelnd. Die Handfläche war bandagiert.

Sie hörte, wie Creel ungeduldig ausatmete und drehte sich rasch zu ihm, den Kopf gesenkt, sodass ihr Kinn auf ihrer Brust ruhte.

»Ja, Herr?«, erkundigte sie sich mit rauer Stimme.

Creel ließ die Arme, die er wie immer vor sich verschränkt hielt, sinken. Eine seiner Hände war ebenfalls verbunden. Francesca runzelte die Stirn. Sie versuchte zu erkennen, ob er verwundet war. Jede Änderung an ihm bedeutete eine Änderung für sie.

Der Fremde schnaubte. »Das ist ja ein Mensch!«

Sein Lachen klang wie gluckerndes Wasser.

Francesca biss auf die Lippe. Sie war viele Kommentare gewohnt, es brachte sie nicht mehr aus der Fassung. Geduldig wartete sie. Creel ließ sich Zeit, dramatisch wie immer. Nein. Etwas war anders. Francesca sah seinen Schatten am Boden. Wie eine heroische Statue, die Arme wieder vor der Brust verschränkt. Sein Schwanz zuckte nervös von einer Seite zur anderen. Francesca wurde flau im Magen. Ihr Besitzer zwang sie in eine Rolle, die nicht üblich war. Und Francesca spielte mit.

»Du darfst hochsehen«, befahl Creel. Sie richtete sich auf und sah dem Fremden ins Gesicht. Es war schmal mit prägnanten Wangenknochen. Olivfarbene Augen, die so nahe beieinanderstanden, dass man meinte, er schiele auf die eigene Nase. Seine Mundwinkel zuckten hoch, dann fielen sie wieder. Erst beim zweiten Anlauf stand das Lächeln.

»Ah, wir kennen uns.« Er hielt ihr die Hand entgegen.

Misstrauisch besah Francesca die Geste. Ein Kontrollblick zu Creel. Er nickte. Sie durfte ihm die Hand schütteln.

Er griff zu wie eine Zange, meinte es wohl besonders herzlich. Francesca zuckte innerlich zusammen, es erinnerte sie an den Biss des Pilzkrokodils, nur ohne die Hakenzähne. Etwas in ihr schlug Alarm und sie sah dem Fremden direkt ins Gesicht, wollte wissen, mit wem sie es zu tun hatte, obwohl Keilan Anstarren als Herausforderung auffassten und nicht mochten.

Er lächelte immer noch.

Francesca analysierte die feinen Falten in seinen Augenwinkeln, das saubere Gebiss. Sie konnte bei bestem Willen nicht sagen, ob das Lächeln echt war oder nur Fassade.

Creel räusperte sich. Rasch erinnerte sich Francesca der beigebrachten Manieren und senkte den Kopf. Sie sah den Schatten ihres Besitzers, wie er mit einer Handgeste von ihr zu dem Fremden zeigte.

»Francesca, das ist Sitaar. Er ist Elinn und mein Zweitpartner«, sagte Creel.

Der Fremde, Sitaar, trat von einem Fuß auf den andern, schien sich nicht sicher, wie er auf diese Betitlung reagieren sollte. Francesca wusste nicht einmal, was damit gemeint war.

»Zweit- was?«, entfuhr es ihr.

Creels Stirn legte sich in Falten und Francesca biss sich auf die Lippen. Sie und ihr vorlautes Maul. Es ging sie nichts an.

»Ah. Ein Zweitpartner ist eine Hilfe in der Familie, jemand, der den Altherrn unterstützt und die Gene auffrischt, wie früher vor hunderten von Jahren«, erklärte Sitaar fröhlich.

Francesca schluckte ihren Kommentar hinunter. Die Kultur der Keilan hinterfragte man als Mensch besser nicht.

Creels Kiefermuskeln zuckten, sein Blick war in sich gekehrt. Er war gar nicht zufrieden damit sein Leben mit der halben Portion zu teilen, die sich nun neugierig umsah.

Sitaar rüttelte am Sturmvorhang, stupste mit einem Fuß die Stühle aus Wirbelknochen an, ließ die Finger über die Spiralgravuren an der Wand gleiten.

Ob er sich überlegte, wo er seine Sachen hinstellen würde? Wo er sitzen würde, ob am Waschbecken auch das richtige Seifenpulver war? Der Gedanke, einen Fremden im Heim zu haben – es erfüllte Francesca mit einer Unsicherheit. Sie stellte sich unbewusst mit verschränkten Armen neben ihren Besitzer. Als sie das Starren seiner eisblauen Augen bemerkte, reckte sie das Kinn hoch, wollte ihm zeigen, dass sie auf seiner Seite und nicht willens war, diesem Fremden morgens die Suppe …

Sitaar klatschte erfreut in die Hände, nachdem er die Terrasse in Augenschein genommen hatte.

»So, was war nun diese Sache mit der Bedingung oder meiner Prüfung oder was auch immer?«

»Francesca gehört mir.« Creel ließ das R rollen, um die Bedeutung zu unterstreichen, reckte sich zu seiner stolzen Größe. »Du wirst ihre Existenz hier geheim halten bei dem Wort deines Lebens. Du wirst ihr kein Leid zufügen und sie respektieren.«

»Was? Nur das? Na wir vertragen uns bestimmt, was meinst du, Francesca?« Sitaar lachte und gab ihr einen kameradschaftlichen Klaps auf die Schulter. Francescas erste Reaktion war ein Satz rückwärts, sie war sich nicht gewohnt, von den Keilan angefasst zu werden. Der fuchsfarbene Keilan grinste weiter, ließ eine Augenbraue wippen, wartete auf ihre Antwort.

»Ähm. Ich denk schon, ich meine …« Sie verlor den Faden, als sie wieder Creels stechenden Blick auf ihr spürte.

»Na siehst du.« Sitaar nickte fröhlich. »Und, was ist meine erste Aufgabe, Altherr?«

Creel zuckte mit keiner Wimper, vielleicht war ihm die Betonung auf alt entgangen. Francesca versuchte mittels Augenrollen in Richtung Küche zu zeigen, das Scheuern der angebrannten Töpfe hielt sie bei dem Frechmaul für einen guten Vorschlag.

»Feuerholz. Geh hol Feuerholz«, sagte Creel.

»Ah.« Sitaar knackste mit den Fingern. »Ich weiß, wo man das Beste von ganz Kelderan herbekommt. Es raucht nicht und bildet eine duftende Glut.«

Ein anerkennendes Nicken und der Fremde war weg. Francesca musste zugeben, ein wenig enttäuscht zu sein. Sie hatte erwartet, dass Widerworte kommen würden und Creel ihn dafür mit der Faust in den Boden haute. Vielleicht hatte sie sich auch getäuscht und der Fremde war ganz okay. Sie hatte weit schlimmere Keilan erlebt und Creel war nicht einer, der eine Gefahr in sein Heim …

»Hör mir genau zu.« Creel baute sich wie eine Wand vor ihr auf. »Du redest kein Wort mit ihm, schaust ihn nicht an und kommst ihm nicht in die Quere. Verstanden?«

Die Härte in seiner Stimme liess ließ Francesca zusammenschrumpfen.

»J… ja«.

*

Elinn schob zum dritten Mal die leuchtenden Fruchtschnitze vor das weiße Keilan-Kind.

»Die ess‘ ich nicht, die sind gelb!«, protestierte Reiko und verschränkte die Arme, sodass er wie eine Miniaturausgabe seines Vaters wirkte. Nur Creels eisblaue Augen hatte er nicht geerbt.

Elinn seufzte müde. »Du hast Tubos schon immer gegessen.«

Ihre Finger knobelten an dem Verband ihrer linken Hand, dazwischen sah sie immer wieder zum Eingang der Schlafräume. Der Ledervorhang davor schaukelte sachte im Morgenwind. Creel war bereits zur Arbeit aufgebrochen, aber der Neue, Sitaar, war noch nicht aufgetaucht.

»Ja, ich esse sie. In Fannys Kuchen! Und nur da!« Reiko schob den Teller weg, streckte die Nase stolz in die Luft.

Chesla prustete, während er einen Tubosschnitz durch seine Zahnlücke lutschte. Das rote Keilankind mit dem Flauschkopf aß alles, was Francesca ihm vorsetzte. Die Verbindung zwischen ihnen hatte sich die letzten Wochen noch mehr gefestigt. Jeden Morgen ermahnte sich Francesca, dass sie eigentlich ein Kind aufzog, dessen Verwandte ihresgleichen jagten und fraßen. Doch hängte sich Chesla an ihre Schultern, lachte ihr mit seiner glockenhellen Stimme in die Ohren war jegliche Sorge weggeblasen. Sie war seine Mama. Punkt.

Francesca schob die verschmähten Früchte zu Reiko zurück. »Drei Stücke, und den Rest verback ich, einverstanden?«

Normalerweise mischte sich Francesca nicht in Elinns Erziehung ein, selbst wenn Creels Frau seit dem Vorfall mit Reeros Verrat deutlich freundlicher geworden war, eine Kälte blieb zwischen beiden. Aber an diesem Tag schien Elinn verzeihend, gar dankbar, dass ihr Sohn den Vorschlag des Menschen annahm und sich drei Schnitze auf einmal in den Mund stopfte.

»Gleich erstickst du! Wie ein Yond an einem Kürbis!«, fauchte Chesla. Dafür bekam er einen der verschmähten Tubosschnitze an den Kopf geworfen. Francesca schnappte Cheslas Handgelenk, gerade rechtzeitig, ehe er das angelutschte Fruchtstück durch den Raum werfen konnte. »Geht raus spielen, nicht am Tisch.«

Die Sonne reflektierte bereits auf dem hellorangen Gestein, was versprach, ein schöner und warmer Tag zu werden. Francescas Gedanken wanderten sofort zu möglichen Haushaltsarbeiten. Ideales Wetter zum Früchtetrocknen und um die schweren Reiseumhänge zu waschen. Die Sitzfelle sollten auch wieder ausgeklopft werden, Asche und Essensreste hatten darauf eine vielfarbige Schicht gebildet. Die Eisenstange, an der die Felle mit dem Schulterknochen eines Tieres bearbeitet wurden, war knapp hinter dem Wettervorhang der Terrasse. Gerade so weit, dass man sie nicht sah und sie dennoch draußen war, und die Sonne auf der Haut spüren konnte. Wie sie das vermisste. Francesca strich sich über die bleichen Arme, bald wäre sie so weiß wie Creel. Ihre Fingerkuppen berührten den Schorf auf ihren Ellenbogen und Oberarmen. Sich während der Arbeit an den Steinwänden zu scheuern gehörte inzwischen zu ihrem Alltag. Stein, wohin man sah, viel zu kalt und rau für ihre Menschenhaut. Francesca ermahnte sich, an diesem Tag die Stoffbinden umzuwickeln und ihre Haut zu schonen.

Das Rascheln von Leder riss sie aus ihren Gedanken. Auch Elinns Blick schnellte zu den Vorhängen, die die Schlafräume abtrennten und die sachte wallten. Es war nur der Wind. Es kam oft vor, dass ein Luftzug durch die Gänge fuhr und Blätter hereintrug oder Gewürze von den Regalen fegte. Francesca kaute auf der Unterlippe, die Unruhe war greifbar, selbst Elinn war durch das alltägliche Geräusch aufgeschreckt worden.

»Wer ist er?«, fragte Francesca.

»Wer?« Elinn versuchte, gleichgültig zu wirken. Sie griff nach ihrem Becher und stieß ihn um.

»Er. Sitaar.« Francesca bremste die Teeflut mit einem Lappen und schenkte Elinn dann neuen ein. Elinn nickte zum Dank, trank aber nicht. Ihre Finger waren zu den Muschelplatten in ihrem Haar gewandert und zupften daran. Als sie Francescas Starren bemerkte, versteckte sie rasch die nervöse Hand unter dem Tisch und holte Luft. »Du hast ihn doch damals auch gesehen, damals vor ...«

Elinn fiel es schwer, die Vergangenheit vor dem Rat anzusprechen. Schließlich war es ihre Tochter gewesen, die Francesca und die Familie verraten hatte. Und Elinn hatte Francesca erst nicht geglaubt. »Er war der mit der Maske. Die mit den Hörnern.«

Natürlich wusste Francesca das noch. Die Dinger erschienen ihr manchmal im Traum und ließen sie aus dem Schlaf aufschrecken. Ein goldener Keilantotenschädel mit acht sternförmig angeordneten Hörnern.

»Ja, aber ... was macht er hier?«, fragte Francesca.

»Hat dir Creel das nicht erklärt?«

Gerne hätte Francesca sich darüber beklagt, dass man ihr hier nur das Mindeste mitteilte, doch heute war kein guter Tag dazu. Überhaupt nie. Klappe halten, Mensch.

»Nein, hat er nicht.« Francesca versuchte nicht abwertend zu klingen, sondern benutzte ihr Lächeln, um mehr aus Elinn zu locken. Sie wollte unbedingt wissen, was sie von dem seltsamen Zweitpartner hielt.

»Eigentlich hat Creel recht damit, dir nichts zu sagen. Nun … Der Rat hat es bestimmt. Schon lange vorher. Sie haben sich erst jetzt für ihn entschieden.« Elinns Hände wanderten über den Tisch, suchten Arbeit, fanden keine. Stattdessen begann sie, wieder an dem Verband zu zupfen. Dabei hob sie einen Mundwinkel an, sodass man ihre Reißzähne sah. Was war es, Ärger, Ekel, vielleicht Schmerz? Francesca wollte eben fragen, was für eine Verletzung sie hatte, als Elinn die Hände auf den Tisch klatschen ließ und laut sagte: »Er ist, wie ihr Menschen so schön sagt, mein zweiter Ehemann.«

Sie reckt ihren Hals durch, sah aus wie ihr Tubos verschmähender Sohn.

Dass die Matriarchin Gewalt hatte, das war Francesca schon immer klar gewesen, aber dass sie sich in so was einmischen konnten schien unglaublich. Ihr klappte der Mund auf, und ehe sie sich bremsen konnte, rief sie:

»Aber … du hast doch schon Creel. Wieso lässt du dir so was gefallen?«

Elinn hob die Augenbrauen, es sah aus, als wolle sie Francesca für die Kritik schelten, doch stattdessen kam ein trockenes Lachen aus ihrem Mund. »Was meinst du, wie ich zu Creel gekommen bin? Wir haben uns nicht bei den Wassertänzen in Urualhar kennengelernt und aus Liebe unsere Namen in die Leuchtpilze geritzt. Wir haben uns vor Iseamel das erste Mal getroffen und am gleichen Tag zog ich hier ein. Ich wollte keine Familie, er mag keine Frauen. Aber so ist es nun mal. Strategische Heirat, kleiner Mensch. Wir haben hier alle unseren Platz und unsere Aufgabe, ob wir es wollen oder nicht.«

Francesca erinnerte an all die Kleinigkeiten, die sie früher als unwichtig interpretiert hatte. Sie hatte Elinn nie in Creels Armen gesehen, nie einen Austausch von Zärtlichkeit bemerkt. Nur Respekt und Alltag.

Sie wollte Creels Frau ihre Meinung verkünden, doch deren entschlossener Gesichtsausdruck hielt sie davon ab. Elinn war überzeugt, hatte sich damit abgefunden. Sie war durch und durch eine devote Breega, selbst wenn das einen neuen Mann in ihrem Bett bedeutete. Wieder einmal wurde Francesca bewusst, dass sie zwar die Keilan kannte, die mit ihr lebten, aber von ihren kulturellen Hintergründen und ihrer Politik so gut wie nichts wusste.

»Wieso jetzt?«, fragte Francesca. Sie wollte jede Veränderung analysieren und verstehen. Ihr Sein hing an dünnen Fäden. Elinns Standpunkt zu der Sache machte sie nervös.

»Weil Creel seine neun Kinder hat und ich noch jung genug bin.«

Neun? Francesca ging sie im Kopf alle durch. Reiko, der jüngste, der gerade mit Chesla auf der Terrasse einen Steinschleppwettbewerb veranstaltete. Reero, die Zicke, die Francesca an Querra verpetzt hatte und nun ihre Schuld irgendwo in der Wüste absaß. Die Zwillinge, Tardo und Dalaya, die sich seit dem Verrat nicht mehr blicken ließen. Estephim, der gutmütige Riese, der in der Küstenschmiede zusammen mit Jyrell arbeitete.

Elinn mussten Francescas unbewusst ausgestreckten Finger aufgefallen sein. Als Francesca alle fünf durchhatte, fügte Elinn hinzu: « Yeelis hat selber Kinder und ist an das große Gebirge gezogen. Fargalen starb in der Ausbildung, Hennwell bei der Geburt ihres Kindes. Wo Yargonaut ist, weiß ich nicht. Er ist nicht von mir.«

Francesca hob die Augenbrauen. So viele Information über ihren Besitzer bekam sie selten auf einmal. Neun Kinder, einige davon tot. Francesca empfand tiefen Respekt vor Elinn.

»Elinn, das ist …«, fing sie an und erstarrte.

Sitaar war aus dem Schlafraum getreten, geräuschlos. Er reckte sich, sog tief die Luft ein, ließ jeden Finger knacksen und wölbte den Rücken durch, gab mit seinem jungen Körper an. Dann grüßte er fröhlich und schenkte jedem ein strahlendes Lächeln. Er setzte sich neben Elinn und legte einen Arm um sie. Elinn ließ sich zu dem viel jüngeren Keilan ziehen, wie ein Holzstück, ohne Regung. Sitaar flüsterte Elinn etwas ins Ohr, woraufhin sich ein gezwungenes Lächeln in ihrem Gesicht bildete. Francesca ertrug den Anblick nicht.

Rasch eilte Francesca zum Herd, schöpfte Frühstücksbrei in einen Teller und füllte eine Schale mit Beeren. Ein paar der Früchte kullerten davon und sie fluchte innerlich, war froh, dass niemand außer ihr es bemerkte. Sie setzte das Essen vor das erzwungene Liebespärchen.

»Danke. Jetzt sei so lieb und sag mir nochmals deinen Namen«, sagte Sitaar und nahm den Arm von Elinns Schultern. Diese rutschte sichtlich erleichtert ein Stück von dem fuchsfarbene Keilan weg, der die Schale zu sich heranzog und den Inhalt in seinen Mund stopfte.

Francesca sah ihn mit geweiteten Augen an. Red‘ bloß nicht mit ihm, Creel wird stinksauer, wenn du es tust!

Sitaar hatte die halbe Schale geleert, füllte sich Beeren in die entstandene Breilücke und aß weiter. Francesca schnappte die leere Schüssel, wollte in die Küche fliehen.

Elinns scharfes Räuspern und ihr vorwurfsvoller Blick hielten sie zurück.

»Mhmweist…«, sprach Sitaar mit halbvollem Mund. »Ich will nur wissen, wie man ihn richtig ausspricht … schließlich ist es ein französischer Name.«

Francesca traute ihren Ohren nicht. Das Wort ‚französisch’ hatte sie zuletzt im Zusammenhang mit Vokabularprüfung gehört, vor einem gefühlten Jahrhundert, damals in der Schule.

»Woher weißt du das?«, entfuhr es ihr.

»Also hatte ich recht, Fron-tsches-cka?«

»Äh … nein … das Ende nicht so stark betont … aber ich meine, woher …«

»Ah! Aus dem Land, aus dem der Name kommt, weiß ich das …« Sitaar stibitzte eine der Tubosschnitze von Reikos Teller und kratzte damit Breireste aus der Schale. Der Typ hatte Appetit wie ein Yond. Elinns legte die Stirn in Falten, es schien, als ob sie fürchtete, dass der neue Zweitpartner ihnen die Haare vom Kopf fressen würde. Francesca hing an Sitaars Lippen und wartete auf mehr Informationen ihrer Heimat, den Ort, an den sie sich kaum noch erinnerte. Doch Sitaar war zu vertieft ins Kauen.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. »Du warst in Frankreich?«

Sitaar nickte und schleckte sich die Finger ab. »Colmar hieß der Ecken, schöne Gegend. Ruhig.«

»Colmar?« Francesca setzte sich an den Tisch. »Das ist doch nicht weit von Basel!«

Der Gedanke an ihre Heimat ließ längst vergessene Erinnerungen aufblühen. Das Klingeln eines Trams, Lichterketten in der Nacht, das Kitzeln ihres Wintermantels an ihren Wangen und der Geschmack von gebrannten Mandeln. Wie oft war sie mit ihren Eltern in Basel zum Weihnachtsmarkt gefahren. Es schien ihr wie ein anderes Leben.

»Basel ist schön, dort waren wir nur kurz. Ich mag die Tiere, die auf dem Wappen sind. Sie erinnern mich an Wüstenschlangen.«

Wüstenschlangen. In Kelderan waren Fabelwesen wie Basilisken Wirklichkeit. So etwas erstaunte Francesca längst nicht mehr, nicht, seit ein Baum lebendig geworden war und sie mit Messerdornen zerstückeln wollte.

»Du warst in der Schweiz? Was hast du dort gemacht?« Im selben Moment, als sie die Frage aussprach, wurde Francesca die Antwort bewusst. Ihr Magen zog sich zusammen und eine Stimme in ihr schrie laut ‚Huldra’. Menschenjäger. Sie krallte die Finger in die Beine. Nicht, dass sie nicht wusste, wo sie war, es waren immer noch alles Menschenfresser. Selbst wenn Creel und seine Familie offiziell Vegetarier waren, Menschenvegetarier. Aber ein Jäger war etwas anderes. Er hatte ihresgleichen aufgelauert und getötet und ausgenommen und geräuchert und ...

»Das war zu den Zeiten meiner ersten Ausbildung. Leider ein Fehltritt, wie sich herausstellte, ich hatte nicht das … wie soll ich sagen, Zeug zum Jagen«, fuhr Sitaar fort, unterdrückte ein Rülpsen und sah beschämt zu Elinn hinüber. Die rollte mit den Augen, stand auf und kontrollierte die spielenden Kinder.

Als sie außer Hörweite war, sprach Sitaar weiter. »Naja, ich sag es nicht so gern, aber mein Onkel hat mich rausgeschmissen. Habe die Prüfung nicht bestanden, die mit dem Baby.«

Wieder eine Pause. Baby? Francescas Nackenhaare standen auf. Was war damit?

»Baby?«

Sitaar grinste, schien es zu genießen, ein aufmerksames Publikum zu haben, das an seinen Lippen hing.

»Jaja, das Baby. Hol es aus dem Haus, markiere es, bring es zurück. Ohne, dass ihm etwas geschieht oder jemand etwas bemerkt.«

Francesca war sich erst nicht sicher gewesen, die Antwort hören zu wollen, nun war sie sich erst recht nicht sicher, wissen zu wollen, inwiefern Sitaar wohl versagt hatte. Die Mutter erwürgt? Das Baby direkt aus dem Kinderbett rausgefressen?

»Mein Onkel brach die Prüfung ab, ehe ich richtig loslegen konnte. Wie er halt so ist. Hm. Ich glaube du kennst ihn sogar.«

Francescas Gedanken spannen immer noch Horrorszenarien von blutverspritzten Teddys.

»Wie bitte?«

»Du kennst meinen Onkel. Mir schien es, er hätte dich beim Rat angesprochen.«

Francesca versuchte sich durch den Schleier, den sie über die Zeit beim Rat gelegt hatte, zu erinnern, wen Sitaar wohl meinte. Safran war nie Menschenjäger gewesen, oder doch? Wer war da sonst noch gewesen? Sie hörte, wie Elinn die Kinder rief und zum Baden aufforderte. Die Kleinen legten die Hände auf die Ohren und sangen lauthals, liefen dann kreischend davon, als Elinn sie zu packen versuchte.

»Knochenkette und Narbe«, half Sitaar nach.

Francesca sprang wie von einem Selfim gebissen auf.

»Was? Dieser ... nein!«, entfuhr es ihr mit erstickter Stimme.

»Ich sehe, du magst ihn genauso sehr wie ich.«

Francesca ließ sich langsam wieder auf ihren Sitz zurücksinken, ihre Knie zitterten noch.

»Ich kenn ihn nicht wirklich«, korrigierte sich Francesca, überlegte gerade, ob sie noch was Nettes sagen sollte, damit der Neffe ihre Kritik am Onkel nicht übelnahm. Nur was?

Sitaar prustete los, lachte schallend, sodass die Kinder erstaunt um die Ecke der Terrasse spähten.

»Na, da kannst du dich glücklich schätzen. Ich war damals kurz davor, ihm seinen Schwanz in eine Steckdose zu stecken.«

Francesca starrte Sitaar mit offenem Mund an.

»Brrrz!« Sitaar klatschte grinsend in die Hände. »Kannst du dir vorstellen, wie ihm all die Haare rauchend vom Kopf abstehen?«

Francesca gab ein schüchternes Lächeln von sich.

Eine Hand legte sich in ihren Nacken. Die fünf Ringe daran brannten eiskalt auf ihrer Haut. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie aus den Augenwinkeln weißes Fell erkannte.

»Ich habe etwas vergessen«, erklärte Creel ruhig, beugte sich über Francesca und nahm sich einen der Trinkkrüge vom Tisch.

»Habt ihr dort nichts zu trinken?«, fragte Sitaar keck.

Creel ignorierte den Kommentar, wandte sich zum Gehen und sagte zu Sitaar: »Vergiss das Feuerholz nicht.«

Erst als Creel den Eingangsvorhang hinter sich zuschlug, wagte Francesca wieder Luft zu holen. Ihr war heiß und kalt zugleich.

Sitaars Stimmung war gesunken, er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Francesca meinte den Griff noch in ihrem Nacken zu spüren. Sie wusste sehr wohl, wieso Creel den Krug geholt hatte. Um sie auf frischer Tat zu ertappen.

Langsam erhob sie sich und schlurfte in Richtung Küche, überlegte, Creel direkt bei seiner Rückkehr anzusprechen und um Verzeihung zu bitten. Vorher würde sie den Haushalt blitzblank erledigen und die Feuerstelle schrubben.

»Also bist du aus Basel?«

Sitaar war ihr gefolgt, stand auf der obersten Stufe der Treppe, die in die tiefergelegte Küche führte.

Francesca schüttelte den Kopf, sah sich um und überlegte, was sie nur tun könnte, damit er aufhörte, mit ihr zu sprechen. Sie schnappte einen der großen Holzbottiche und schleppte ihn zu der Quelle neben ihrer Nische, schob ihn so hin, dass das Wasser langsam hineinrinnen konnte. Dann zwängte sie sich dicht an der Wand entlang an Sitaar vorbei zurück in die Küche, um Steine in die Glut zu legen.

»Also nicht aus Basel?«, schwatzte Sitaar weiter. »Ich will nur sichergehen, dass ich nicht mal versehentlich deine Verwandten angeknabbert hab.«

»Ich … ich muss die Kinder baden.«

»Gut, ich helfe dir.«

Geh weg. Geh doch einfach!

»Wie lange bist du schon bei Creel?«, ging die Fragerei weiter.

Francesca wog die Steine in ihren Händen, legte sie auf den Boden. Sie musste ja nicht reden. Mit den Händen zeigte sie die Jahreszeiten an. Drei Sturmzeiten, ein Frost, vier Sonnenbrände. In Monaten war das … viel zu lange.

»Nicht schlecht, deswegen sprichst du auch makellos unsere Sprache, was?«

Francesca zuckte mit den Schultern.

»Also jetzt gerade nicht.«

Hilflos sah sich Francesca um.

»Oder wurde dir das Reden verboten?«

Francesca schnaufte laut, blieb aber stumm. Sitaar schritt die Stufen hinab, so dass die Ringe an seinen Zehen glitzerten. Gold. Alle Breega trugen Gold. Francesca mochte das Silber, das Creel als Fingerringe und auf der Rüstungsverzierung hatte viel mehr. Es war nicht so protzig.

»So eine treue Sklavin habe ich schon lange nicht mehr gesehen, und ich kenne viele. Und das, obwohl du das ‚unreines Fleisch’ trägst. Das heißt, du bist nicht mal eine Sklavin.«

Francesca bemühte sich, ihm nicht ins Gesicht zu sehen, obwohl es sie vor Neugierde zerriss. Waren es Feststellungen oder Sticheleien? Hatte sie es mit einer zweiten Reero zu tun? Sie kratzte mit dem Schürhaken an den Steinen, biss sich auf die Lippen. Würde er ihr nachlaufen, wenn sie sich in der Vorratskammer verschanzte? Hatte er nichts zu tun? Musste er nicht zum Rat? Holz holen? Irgendwas?

»Also, nicht Basel. Zürich? Nein, dafür bist du zu nett. Lass mich raten, vom Land?«

Francesca tat, als wäre das Auswählen der richtigen Kochsteine das wichtigste der Welt.

»Wenn du mit Maugrid gekommen bist, dann müsstest du irgendwo auf seinen Territorien wohnen. Lass mich überlegen. Basel und Liestal waren es nicht. Dann eine andere Ortschaft am Rhein. Säckingen? Laufenburg? Koblenz?«

Francesca glitt der Stein aus der Feuerzange. Sie stieß ein Fluchen zwischen den Zähnen hervor.

»Ah, Koblenz!«

»Nein«, zischte Francesca, klemmte den Stein erneut ein und lief in Richtung Holzbottich. »Baldingen. Bei Zurzach.«

»Hm. Kenn ich leider nicht. Vielleicht hat er jetzt ein neues Gebiet, weil es Aufmerksamkeit auf sich zieht, wenn man zu lange an einem Ort ist … hmm. Dir ist das Thema wohl unangenehm. Wir können auch über etwas anderes reden. Über was Schönes vielleicht? Ja? Bald ist das Irialisfest.«

Der Stein zischte, als er das Wasser traf. Mit dem Finger prüfte Francesca die Temperatur, entschloss sich, einen weiteren Stein hinzuzufügen.

Von dem Fest hatte sie nur am Rande mitbekommen und mehr hingelauscht, um ihre Arbeitsaufträge herauszuhören. Kamen die Kinder dafür nach Hause musste sie mehr Kochen oder putzen …

»Wir gehen dafür immer hinab ins Tal. Da sieht man die Bannerträger besser. Ich nehme an, du kommst dann nicht mit?«

Als was, du Klugscheißer? Als Snack?

Als Francesca nichts erwiderte, lachte Sitaar.

»Jetzt hör mal zu, so lange Creel dich nicht zu Rauchfleisch verarbeitet gehört dein Mund noch dir. Genau wie dein Wille, Fragen zu stellen. Oder bist du ein Tisch oder ein Stuhl?«

Francesca kaute auf den Lippen. Sitaars Worte trafen eine Seite in ihr, eine, die lange geschwiegen hatte.

»Keine Angst, ich werde ihm kein Wörtchen sagen«, fügte er hinzu. »Du kannst mir vertrauen.«

Francesca richtete sich auf und sah ihm direkt ins Gesicht, die eng stehenden Augen, die Schmuckplättchen, die in seinem Haar bimmelten. Sie fühlte sich, als würde sie Creel betrügen. Aber er hatte sie sowieso schon erwischt.

»Danke«, sagte sie.

Sitaar lächelte freundlich, knackste dann die Fingergelenke. »Dann geh ich mal Holz holen. Und dann erzähle ich dir mehr von der Lichtzeremonie am Irialisfest.«

*

Für Keilan-Kinder war das Irialisfest wie Weihnachten. Von einem Tag auf den andern wurde das Thema aktuell, wie das erste Türchen am Adventskalender.

»Zwanzig Mal Schlafen bis zur Sonnenwende!« Reiko schnappte sich eine der Decken, krabbelte auf den Tisch und sprang dann hinab, den Stoff wie Flügel ausgebreitet.

Chesla verschränkte die Arme. »Ich will Krieger werden, kein fliegender Vorhang!«

Aber bald schon zeichnete er mit Reiko zusammen Muster auf den Boden. Die Kreidezeichnungen stellten die Motive dar, die alle Keilan-Kinder auf ihre Laternen malten. Chesla war ein begabter Künstler, auf seinen Entwürfen fanden sich Francescas Erzählungen wieder, springende Pseudore und ein Mädchen, das fallende Sterne in seinem Kleidchen auffing.

Reiko hingegen bewunderte Sitaars goldene Maske mit der Hörnerkrone und dem Totenkopf. Diese hatte in einer Nische nahe des Eingangs einen Ehrenplatz gefunden, neben Creels Rüstung und seinen Messern. Die ersten Tage war es gewöhnungsbedürftig gewesen, die Maske erinnerte Francesca an die Zeit, als sie vor dem Rat stand. Angekettet vor all den gierigen Keilan, die nur darauf warteten, sich ein Stück vom noch lebenden Braten abzuschneiden. Dann mit der Zeit änderte sich ihre Einstellung zu dem metallenen Kopfschmuck. Denn Sitaar war eigentlich sehr nett.

Francesca begann, Kuchen für das Iralisfest zu backen. Der Duft süßer Tubos und Gewürzen hüllte den Raum ein und zauberte allen ein Lächeln ins Gesicht. Wenn sie mit Sitaar zusammen in der Küche saß, Nüsse mahlte und Tubos schälte, dann fühlte sich Francesca in ihre Kindheit zurückversetzt. Es war schön, ein Datum am Horizont zu haben, auf das man sich gemeinsam freuen konnte. Bis jetzt war ihr Ziel immer ihre Rückkehr nach Hause gewesen. Der Wunsch blieb, aber die Realität hatte sie eingeholt. Sie würde Hilfe brauchen. Irgendwann wollte sie Creel darum bitten. Derzeit ließ dieser sich jedoch kaum blicken. Francesca war ein wenig beunruhigt darüber und gleichzeitig dankbar. Bis zu diesem Tag hatte er kein Wort zur Strafe für ihren Ungehorsam fallen lassen. So sprach Francesca, wann immer ihr Besitzer abwesend war, mit dem fuchsroten Keilan. Sitaar hatte sich richtig in die Familie eingelebt und hellte die Stimmung mit seinem Lachen auf. Er fragte jeden nach seinem Wohlbefinden, war nett und aufmunternd. Er interessierte sich für Francescas Rezepte, die Traditionen der Menschen und die Schule. Francesca war froh, mit jemandem zu reden, der ihre Welt kannte. Chesla hatte keine Ahnung, was Telefonieren war oder dass man mit den Blitzen, die aus den Wolken kamen, Kisten betreiben konnte, in denen Bilder erschienen.

»Meine Schwester«, erzählte Sitaar, »war eine kluge Händlerin. Sie wurde reich durch Batterien, hat sie bei euch geholt und hier teuer verkauft. In der Wüste sind eure technischen Spielsachen beliebt. Mp3-Player, fahrende Autos. Ein Anführer der Sandhechtjäger besaß sogar einen Vibrator. Er hatte keine Ahnung, wozu das Ding mal gedacht war, und hat halt mit ihm Tee umgerührt.«

Francesca verschluckte sich fast vor Lachen. Sitaar war unterdessen verstummt, er las gerade in Francescas Notizen. Auf seinen Wunsch hin hatte sie begonnen, Rezepte aufzuschreiben. Für einen Moment kam sich Francesca seltsam vor, so einträchtig neben einem Menschenfresser sitzend, einer, der sich interessierte, was ein Mensch tat und erzählte. Der letzte Erwachsene, der das getan hatte, war Antralis gewesen.

»Wie geht man eigentlich rüber?«, platzte es aus ihr heraus.

In Sitaars Augen blitzte es, bestimmt hatte er geahnt, dass er eines Tages diese Frage zu hören bekäme. »Du warst bewusstlos, was? Das machen die immer mit denen für Tugo. Neben Tugo gibt es eines, das letzte, wenn ich mich erinnere. Seit dem Götterkrieg wurden viele Tore versperrt, zerstört, von den Leibern der Götter zermalmt. Oder sie werden bis heute von Ungeheuern bewacht. Wie das neben dem Gesternwald, Maugrid benutzte es gern, weil es nicht besteuert ist ...«

Francesca knetete den Teig noch inbrünstiger. Das klang nicht gut, Wüste, Gesternwald, Steuern … wie sollte sie heim?

Sitaar bemerkte ihren getrübten Blick und sagte rasch: »Aber es gibt noch andere. Nicht in der Nähe, aber es gibt sie. Ich kenn sie. Frag einfach deinen alten Freund Sitaar.«

Francescas Augen huschten hinüber zum Regal, dort hatte sie das Muschelpapier versteckt, auf dem so etwas wie eine grobe Landkarte skizziert war. Sie brannte darauf, es Sitaar zu zeigen. Sobald sich die Chance ergab und sie nicht beide Hände im Nussteig hatte.

Sitaar schwatzte derweil weiter: »Könnte zwar etwas schwer werden, Dafan ist hinter dem Meer und du müsstest wirklich frei sein von Creel. Der kommt bestimmt nicht freiwillig mit, eingefleischter Therdeban und seine Pflichten und so ...«

»Was ist mit deiner Schwester? Holt sie drüben noch Batterien?«

Sitaar zertrümmerte weiter die orangen Knospen, die als Fleischwürze benutzt wurden.

»Meine Schwester?« Er hämmerte besonders inbrünstig. « Die ist tot.«

»Das … das tut mir leid!«

Sitaar rieb die zerriebene Masse vom Mörser, ließ diesen dann auf den Tisch knallen und starrte hinüber zur Terrasse. Er sah betrübt und elend aus. Francesca wollte ihn trösten, seine Schulter streicheln. Aber mit den klebrigen, vor Teig triefenden Fingern war das keine gute Idee.

»Es muss dir nicht leidtun, sondern mir …« stieß Sitaar hervor.

»Muss es nicht …« Francesca versuchte sanft zu klingen.

»Oh doch. Das muss es! Sie ist tot! Wegen mir.« Er sprach das letzte Wort voller Hass aus.

»Aber ...«

»Nein. Ich habe sie erschossen, weil ich dachte, sie sei eine von ihnen, sie sei ein Mensch!« Sitaar sprang auf und stürmte weg. Francesca hörte, wie er durch den Gang zum Hinterausgang stürmte und das Heim verließ.

*

»Möchtest du noch etwas mehr Braten?«

Francesca hielt Sitaar aufmunternd den Spieß hin, bereit ihm ein besonders saftiges Stück abzusäbeln. Der fuchsrote Keilan hatte das ganze Abendessen über kein Wort gesagt. Francesca hatte still mit ihm getrauert. Sie wusste sehr wohl, was es bedeutete, aus Versehen Blut an den Händen zu haben. Um wie viel schlimmer musste es sein, wenn es ein Familienmitglied war. Armer Sitaar. Francesca mutierte zur Mama mit Kochtopf und war froh, ein schwaches Lächeln aus Sitaar zu locken.

»Francesca, setz dich her!« Creel schlug auf den leeren Stuhl neben sich.

»Jaja, Moment …«

»Wag es nicht, mir zu widersprechen!«

Alle zuckten zusammen. Francesca registrierte aus den Augenwinkeln, wie Chesla sich langsam aufrichtete, und wies ihn mit einem Wink zurück.

Plötzlich fand Sitaar seine Stimme wieder. »Sie wollte mir nur Fleisch geben, Altherr, lass sie in Ruhe.«

»Pass du nur auf. Ich weiß genau, was du vorhast!«, flüsterte Creel.

Francesca wurde flau im Magen, sie wusste, was es hieß, wenn Creel leise redete. Sie bereute jedes einzelnes Wort ihrer Widerrede. Was hatte sie sich nur gedacht?

»Was ich vorhabe? Ich bin nur nett, Altherr! Wo ist deine so berühmte Ruhe, oh großer Therdeban?«

Creel stemmte beide Fäuste auf den Tisch und lehnte sich zu Sitaar, sodass seine gefletschten Zähne eine Handbreite vor dessen Nase schwebten.

»Ist das eine Herausforderung?«

»Nein, Alter …« Sitaar blieb ruhig, ein Lächeln auf den Lippen.

Es trieb Creel nur noch mehr zur Weißglut. Mit der Faust schlug er auf den Tisch, ließ die Teller tanzen.

Elinn hob flehend die Hände. »Aufhören!«

»Siehst du, hör auf deine Partnerin«, sagte Sitaar.

Gleich würde er ihn schlagen, Francesca sah es an der Art, wie Creel seine Augen zu Schlitzen verengte, an seinen zum Bersten gespannten Kiefermuskeln und daran, wie er sein Gewicht auf den linken Fuß verlagerte.

Sie musste etwas sagen. »Hör auf, Creel! Bitte …«

Patsch!

Creels Hand traf ihr Gesicht.

Elinn schrie. Chesla packte seinen Teller und warf den Inhalt nach Creel. Grüngelb lief das weich gekochte Gemüse an Creels Fell herab, tropfte auf den Tisch. Seine Augen huschten zwischen Francesca und Sitaar hin und her, er stieß die Atemzüge regelrecht zwischen den Zähnen hervor. Der Bratspieß in ihren Händen wog plötzlich das fünffache.

Gleich schlägt er hier alles kurz und klein!

Creel reckte den Hals durch, sog die Luft ein und drehte sich weg. Ohne einen Kommentar verschwand er.

Francesca sah ihm benommen nach, registrierte kaum, wie Chesla auf den Tisch kletterte und sie umarmte. Lange sagte niemand etwas. Elinn lehnte sich benommen an die Tischkante und sah aus, als wolle sie gleich lauthals zu fluchen beginnen oder sich übergeben. Sitaar legte seine Hand auf ihre Schulter.

»Es ist alles in Ordnung, Elinn. Atme tief durch und leg dich hin. Ich werde hier aufräumen«, erklärte er.

»Du auch, Francesca«, fügte er hinzu, als sie sich nach den Scherben bückte.

Noch lange saß Francesca wach in der Nische, den Rücken an die kühle Felswand gelehnt. Sie hörte, wie Sitaar räumte, Sachen verschob und wieder zurechtrückte.

Creel war nicht mehr derselbe. Es machte ihr Angst.

*

Elinn konfrontierte Creel gleich am nächsten Morgen damit, noch ehe alle wach waren. Sie wählte den Moment, an dem ihr Partner vor der Waschschale kniete und gerade sein Haar abseifte. In dieser Stellung überragte sie ihn und konnte so ihre Tirade effektvoll über ihn ergießen.

»Was ist nur in dich gefahren?«

Creel schwieg, rieb sich mit einer eigens dafür geschliffenen Muschel das Wasser aus dem Fell. Es plätscherte auf den Boden und suchte sich durch Felsrinnen den Weg zu den vielen Abflüssen. Das dumpfe Echo von Wassertropfen mischte sich mit dem stetigen Summen des Windes.

Francesca lag mit Chesla in der Nische, die Vorhänge geschlossen, die Augen ebenfalls. Es war unmöglich, in Creels Heim etwas nicht zu hören. Sie kannte alle so gut, dass sie blind wusste, was geschah. Das Kratzen der Krallen, als Creel sich erhob, das Rascheln des Wolltuchs aus Lunghfell mit dem er sich abtrocknete. Creel war schon immer wortkarg gewesen, doch das Schweigen, in welches er sich hüllte, war eisig. Das war nicht der Creel den sie kannte. Francesca schluckte, ihr Mund war trocken und das Unwohlsein in ihrem Magen verstärkte sich.

»Willst du mir etwa sagen, dass es dich nach all diesen Jahren kratzt, wer mit mir mein Bett teilt?«, fauchte Elinn.

»Unser Bett …«, korrigierte Creel scharf.

»Du warst dabei, als er gewählt wurde, du hattest ein Mitspracherecht! Du hättest auch Rusor oder …«

»Es war einer schlimmer als der andere, ich habe blind auf jemanden gedeutet.«

»Er ist freundlich zu allen!«

»Ich kenne solche wie ihn ...«

»Creel. Nicht jeder ist der Feind. Dies ist deine Familie und nicht deine Schule. Was ist los, etwa wieder Blutrache von Angehörigen?«

Schweigen.

»Was ist es dann? Ich kenne dich so nicht!«, jammerte Elinn.

Francesca öffnete die Augen. Chesla lehnte an der Wand der Nische und verfolgte das Gespräch durch ein Loch im Vorhang. Sie zupfte an seiner Schwanzspitze, er rückte ein wenig beiseite, sodass sie das Geschehen ebenfalls beobachten konnte.

Creel stand mit dem Rücken zu ihnen. Elinn sah aus, als hätte sie sich die ganze Nacht die Augen ausgeweint, die Rötungen hoben sich regelrecht von der grünen Gesichtsbemalung ab. Elinn wirkte plötzlich alt und gebrechlich.

Creel starrte einen unsichtbaren Punkt über ihrem Kopf an, während er sich weiter abrieb. Der Ablauf seiner Morgenhygiene war ihm zu heilig, um vor einem Gespräch mit seiner Frau abzuhauen. Er begann seine Mähne zu kämmen.

»Wann warst du zuletzt bei ihm?« In Elinns Stimme schwang Erkenntnis mit.

Creels Bürsten geriet ins Stocken, nur kurz, aber lang genug um sich zu verraten.

»Wie lange ist das her? Du hast ihn nicht mehr besucht, seit sie hier ist.«

Elinn stemmte die Hände in die Hüfte.

Ihn? Wer war diese Person, von der sie redeten?

»Du weißt genau, wieso ich das nicht kann ...«, meinte Creel eisig.

Beide sahen zu Francescas Nische.

Francesca riss den Kopf zurück, hoffte, dass das Beben des Vorhangs ihre Spionage nicht verriet. Sie konnte das Brennen von Creels Schlag noch auf der Backe spüren.

»Dann trefft euch irgendwo weit weg, er wird es schon nicht rauskriegen!« Elinn versuchte, verzeihend zu klingen. Francesca meinte, ihren zerrissenen Ausdruck vor ihrem inneren Auge zu sehen. Sie beugte sich wieder zum Loch, ihre Neugierde war groß. Chesla lehnte sich auf ihre Schultern, um ebenfalls einen Blick zu erhaschen.

Elinns Wangen waren feucht geworden, sie rieb sie, verschmierte die grüne Farbe darauf. Verächtlich sah sie auf ihre verschmutzte Hand, dann auf den Boden. »Du weißt, dass es auch für mich schwer ist, und du machst es gerade noch schlimmer! Ich bin die, die vor dem Rat lächelt und das System lobt! Hast du eine Ahnung, wie weh mir das tut?« Ihre Stimme erstickte, sie wandte sich ab.

Creel schnappte sich ihr Handgelenk, ehe sie weggehen konnte, und zog sie in seine Arme. Erst sträubte sich Elinn, dann ließ sie sich hochheben, vergrub ihr Gesicht in Creels Mähne. Eine halbe Ewigkeit standen sie so, Creel streichelte den zuckenden Rücken seiner Frau und schien ihr leise ins Ohr zu flüstern.

Elinn schüttelte den Kopf und leerte ihr Herz in die Halsbeuge ihres Partners. »Sie ist einfach gegangen, ohne uns mehr als ein Papier dazulassen! In die Wüste! Meine Jüngste! Sie gehen alle weg und kommen nur tot wieder!«

Creel gab keine Antwort, er wiegte Elinn nur sachte.

Francesca wusste sehr wohl, von wem die Rede war.

»Ich hab dir doch gesagt, Reero«, zischte Francesca.

Chesla blinzelte zu ihr. »Was hast du gesagt? Müssen wir nicht mit dem Frühstück anfangen?«

»Warte«, flüsterte Francesca. »Lass ihnen noch den kurzen Moment für sich.«

Sie beobachtete das ungleiche Bild des Kriegers und der zierlichen Frau, ein Therdeban und eine Breega und war unendlich erleichtert, dass die beiden sich umarmten. Für einen Augenblick hatte sie wie vor vielen Jahren Angst gehabt, dass sie sich scheiden lassen würden und sie zwischen Vater oder Mutter entscheiden ... nein, das war die falsche Welt. Die Sehnsucht überkam Francesca, sie drückte das Keilan-Kind an sich und schnaufte in seine wilde Mähne.

»Das kitzelt! Was soll das?« Chesla kicherte.

»Sei so lieb und hol mir Muschelpapier und Kreide.«

»Wieso?«

»Weil wir einen Brief schreiben werden.«

*

Sie brauchte drei Ansätze.

‚Zu deiner Information …‘

Nein.

‚Ich habe es dir bereits gesagt …‘

Nein.

‚Liebe Reero’, kritzelte Francesca schließlich auf das Muschelpapier, ‚das Irialisfest steht vor der Tür. Kommst du auch vorbei? Es gibt hier welche, die dich vermissen. Bitte bring nichts zum Kochen mit.‘

»Ist das dein Ernst«, fragte Chesla, als Francesca sich überlegte, wie sie signieren sollte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Schließlich malte sie einen Schnappfisch unter den Text. Reeros Adresse war leicht zu finden. Creel hatte ihre Abschiedsnachricht in einer kleinen Wandnische liegen lassen, wie etwas, das da war aber nicht wahrgenommen werden sollte.

Erst als Francesca den Brief zusammengerollt und in eine hellblaue Kiesmuschel verpackt hatte, stellte sie sich die Frage, wie sie Reero die Nachricht zukommen lassen konnte. Die Keilan hatten keine Briefkästen und selbst wenn, sie konnte nicht mal eben zum Postamt gehen und die Nachricht abgeben. Bestimmt musste sie dafür etwas bezahlen. In Francescas Vorstellung sah sie, wie ihr ein Keilan hinter einem Schalter ein Messer hinhielt und als Entgelt einen Finger verlangte.

Ein Tritt gegen ihr Knie ließ sie aus den Gedanken aufschrecken. Chesla hatte sie unter dem Tisch getreten, es war seine Art, sie zu warnen. Rasch verstaute Francesca Nachricht und Schreibzeug, als Sitaars langer Schatten in die Küche glitt. Mit einem Ächzen schulterte er den Feuerholzkorb, sah sich dann neugierig um. »Wo sind sie?«

»Schon unterwegs«, antwortete Francesca.

»Oh, gut, dann kann ich ja mit dir reden, ohne Ohrfeigen ... Wenn er das noch einmal tut …«

Er ließ den Satz hängen und seine Augen huschten über Francescas Gesicht. Creel hatte nicht fest genug zugeschlagen, nur ein roter Hauch blieb als Erinnerung. Der Therdeban hatte Wissen und Kraft, um ihr einhändig den Nacken zu brechen, das wusste Francesca. Dennoch tat es weh. Es war kein physischer Schmerz, sondern ein Groll in ihrer Brust. Unfair. Sie hatte doch ihr Bestes getan, immer.

»Wenn er dich nochmal schlägt, vergesse ich meine gute Erziehung.« Sitaar ließ die Fingergelenke knacksen.

Francesca traute ihren Ohren nicht. Es rührte sie. Sie spürte, wie ihre Wangen erröteten, als ihr bewusst wurde, dass sie gerade Lust verspürte, Elinns Ehemann herzlich zu umarmen.

»Ich wollte dich etwas fragen«, begann Sitaar und hockte sich an den Tisch. Chesla verschwand halb unter dem Tisch, nur seine Nase ragte noch über die Steinplatte. Er war etwas eifersüchtig auf Sitaar, der sich mit seiner Fanny fast so gut verstand wie er.

»Gibt es irgendetwas, das Creel viel bedeutet? Ich mein, kann ich ihm etwas geben, etwas tun, damit er mich vielleicht nur einmal nicht wie Dreck ansieht?«

»Hm.« Francesca rieb sich die Nase. Sie fand es eine reife Leistung von Sitaar, sich mit solchem Eifer um die Familie zu kümmern. »Ich denk, es gibt keine Geschenke, die du ihm machen kannst. Er benutzt nur seine Messer, seinen Becher … Wenn er nicht gerade seine Schüler plagt, dann meditiert er. Geh ihm am besten aus dem Weg.«

Apfelkuchen, die Option erwähnte sie nicht, da sie genau wusste was Creel mit dem Kuchen tun würde, wenn Sitaar ihm einen überreichte.

»Und Elinn?«

Francesca überlegte. Sie fühlte sich an die Zeiten erinnert, als sie mit Papa Pläne für den Muttertag ausheckte.

»Du kannst ihr mit den Kindern helfen, und …« Auf einmal spürte sie die Kanten der Muschel in ihrer Hand. Sie legte sie auf den Tisch.

»Und du könntest mir hierbei helfen. Elinn würde sich richtig freuen, Reero zu sehen.«

Sitaar runzelte bei der Erwähnung des Namens die Stirn. »Das ist doch die jüngste Tochter. Quanticor. Hm. Das ist weit weg, das liegt nicht auf meinem Weg zum Feuerholz.«

»Ja, aber du könntest es zu der Luftwache bringen«, meinte Francesca.

Die Luftwache flog jeden Tag auf den riesigen Kreyss-Vögeln das Tal entlang und hielt an verschiedenen Häfen an. Die Häfen am Meer, welche die Felsküste des ganzen Irialis-Tales flankierten sowie einige im tiefsten Landesinnern oder dem westlichen Gebirge. Dort gaben die Luftwache Nachrichten und Waren ab oder nahmen sie mit. Von dort aus wurde es an die andere Luftwache weitergegeben. Da das gesamte Land bewacht wurde, - sei es, um Brände schneller zu bemerken, die verbliebenen Götterkinder im Auge zu behalten oder eine Verteidigung gegen die seltenen Mondsegler zu sein - war auch das Nachrichtensystem weitreichend. Bis in die Wüste.

»Das ist ein rechtes Stück. Das wird sie frühestens in zwei Tagen erreichen. Und es kostet.« Sitaar bemerkte, wie Francesca an den Lippen kaute und meinte mit einem schelmischen Grinsen: »Weißt du was, wir geben es einfach in Creels Namen auf, er wird es erst bei der Besteuerung am Ende der Saison bemerken. Wenn überhaupt.«

Francesca dankte ihm. Obwohl sie genau wusste, es war verschwendetes Geld. Die Zicke und Antworten?

*

Die Nachricht, dass ihre Eltern einen Zweitpartner hatten, lockte ein paar der Kinder an. Unerwartet standen die Zwillinge Tardo und Delaya eines Abends auf der Schwelle und hielten Francesca eine fette Echse fürs Abendessen hin.

Mit den Fingerspitzen und falscher Begeisterung nahm sie das Tier an und verschwand damit in der Küche. Gerade, als sie überlegte, welche essbare Speise sie daraus zaubern sollte, klingelten erneut die Muscheln und Perlen am Eingang. In der Hoffnung, es wäre Estephim sprang Francesca auf, verbarg sich aber im nächsten Moment hinter dem Vorhang. Eine Keilan-Frau mit Kind auf der Schulter und einem sich nervös umsehenden Keilan-Mann waren eingetreten. Die Frau wurde freudig von Elinn begrüßt und an der Art, wie diese sie mit Tränen im Gesicht an sich drückte, schloss Francesca, dass es sich um die andere Tochter handeln musste. Sie versuchte sich an den Namen zu erinnern. Yilis? Yeeris? Es spielte keine Rolle, vorgestellt wurde sie nicht. Auf der einen Seite war sie dankbar, auf der anderen gab es ihr ein mulmiges Gefühl, jedes Mal, wenn sie an den Gästen vorbei zum Tisch musste. Chesla trippelte immer hoch erhobenen Kopfes vor ihr her, wie ein Krieger. Er schenkte den Zwillingen böse Blicke. Düster sahen diese zurück und Francesca zog Chesla rasch in die Küche zum Gemüseschneiden. Einen Moment später tauchte Sitaar neben dem Herd auf, kontrollierte die Vorräte an Holz. »Soll ich noch was holen? Brauchst du mehr Zweige zum Anfeuern? Schwemmholz für Glut?«

Francesca besah die Echse. Sie war klein und der Stapel an Holz groß. Erst dann realisierte sie, dass Sitaar vor den andern in die Küche geflohen war. Ein Blick bestätigte es, denn die Zwillinge hatten wieder die Köpfe zusammengesteckt.

»Sind die schlimm … Starren einen an, ohne zu lächeln, mit demselben holzigen Gesichtsausdruck wie ihr Vater«, klagte Sitaar und tat so, als müsse er Rindenbrösel wegwischen.

»Willst nicht wissen, wie das für mich beim ersten Treffen war.« Francesca ließ einen Topfdeckel besonders laut auf den Boden klappern. »Heute ist einer der Tage, an dem ich am liebsten alles einpacken und über die Terrasse abhauen würde. Aber …«

Sie verstummte und biss sich auf die Zunge. Sie musste aufhören ihre Gedanken laut auszusprechen.

Sitaar wartete auf die Fortsetzung. »Aber?«

»Chesla. Ich kann nicht ohne ihn gehen, ich kann ihn nicht mitnehmen. Da sind nicht nur Menschenfresser draußen, sondern auch welche, die mich suchen.«

»Mein Onkel, was?«

»Nicht nur.«

Querra, Antralis, Terdil. Die Liste war lang, sie fühlte sich fast schon berühmt.

»Ich bin hier in einem Käfig, ich seh nur bis zu Creels Grenze. Ich habe keine Ahnung, was aus mir wird.« Mit dem Holzlöffel stocherte sie am Echsenfleisch herum. »Verdammte Scheiße! Ich hab doch gewusst, dass sie nicht einfach ein normales Filet bringen können. Guck dir das an. Es klebt wie Knochenleim am Topf!«

»Oh. Das hätte ich fast vergessen!« Sitaar öffnete eine der Taschen an seinem Gürtel und zog eine kleine, blaue Muschel hervor.

Mit offenem Mund sah Francesca sie an, schnappte sie dann und zurrte flink das Lederband auf. Erst war sie enttäuscht, als sie ihren eigenen Brief wiederfand, doch dann bemerkte sie die scharfe, schwarze Schrift auf der Rückseite.

Entgegen allen Erwartungen hatte Reero geantwortet, mit solch einer Inbrunst, dass der Kohlestift an einigen Stellen das Papier durchlöchert hatte.

‚Es gibt niemand, der mich vermisst, am wenigsten ein begnadeter Braten wie du. Du, die mir als Erstes geschrieben hat. Zum Fest komme ich nicht, zum Glück, weil ich nicht kann. Wer bezahlt deinen Briefwechsel?‘

Keine Unterschrift.

»Was tust du da?«

Francesca hatte Sitaar komplett vergessen, er lehnte sich neugierig über ihre Schulter, als sie ein leeres Blatt beschrieb. Erst fühlte sie sich unangenehm beobachtet, doch dann gab sie sich einen Ruck und ließ ihn mitlesen.

‚Nur weil man dir nicht schreibt, heißt es nicht, dass du ihnen nichts bedeutet. Hast du noch nicht genug Schriften gesammelt oder hat die Wüstensonne dein Hirn gebrutzelt? Hier hat sich vieles geändert …‘

»Und was hat sich geändert?«, meinte Sitaar.

Francesca seufzte und zog das Blatt unter den Schutz ihres überhängenden Haars.

»Ja, du hast mich erwischt.« Sitaar pulte unter den Fingernägeln. »Geht mich auch nichts an. Das heißt, ich gehe morgen wieder bei der Luftwache vorbei?«

Francesca schenkte ihm ein dankbares Lächeln. »Ich schulde dir etwas.«

»Das tust du.« Sitaars grüne Augen funkelten.

Francesca fühlte sich glücklich. Sie nahm sich vor, gleich nach dem Abendessen einen Brief an Jyrell zu schreiben. Es reizte sie, mehr von der Welt draußen zu erfahren.

Als die Kinder sich auf den Heimweg gemacht hatten, nahm Elinn Reiko und Chesla mit zum Rat, um für das Irialisfest zu üben. Francesca beeilte sich mit dem Waschen der Töpfe, sortierte dabei schon die Worte, die sie Jyrell schreiben wollte. Doch als sie sich mit Kreide und Papier an den Tisch setzte, rief jemand nach ihr – Creel.

»Bring mir Tee«, forderte er. Er musste in seinem Denkraum sein, der kleinen Kammer die nur ihm gehörte. Seltsam, normalerweise verschwand er zu dieser Zeit um, wie er es sagte, Wache zu halten.

Mit zittrigen Händen goss Francesca kochendes Wasser in einen Krug und verbrannte sich dabei fast die Füße. Sie stellte alles auf eine große Fischschuppe. Wasser, Teeblätterdose, Honigschale und Trinkgefäß. Sie vergewisserte sich, nichts vergessen zu haben. Noch nie hatte Creel nach Bedienung verlangt. Selbst Sitaar musste den Ton in der Stimme des Therdeban gehört haben. Er hatte seinen Lieblingsplatz auf der Terrasse bezogen und schielte durch den Nachtvorhang hinein. Francesca sah ihn hilflos an, sie wusste, es konnte nur eines bedeuten. Ihre Hände glitten zu ihren Oberarmen und rieben sie, dann tastete sie an ihr Gesicht. Man sah nichts mehr, aber die Erinnerung hatte sich eingebrannt. Nein, sie war stark. Und ein Schlag mehr in dieser Welt, was bedeutete es schon. Sie hievte die Getränke auf einen Arm und schob mit der freien Hand den Vorhang zu den Schlafräumen beiseite.

Mit einem schweren Raschen fiel er hinter ihr zu und hüllte sie in schummriges Licht. Ein schmaler, S-förmiger Gang von etwa sieben Meter Länge führte zum Hintereingang. Er war mit einem doppelten Vorhang versehen, der innen aus Fell und außen aus Leder bestand. Kleine Muscheln und Tonfiguren hingen auf beiden Seiten, sie waren Verzierung und Klingel zugleich. An den Gangwänden wuchsen vereinzelte Leuchtpilze und am Boden stand eine steinerne Schale mit einer kokelnden Kerze. Zu ihrer Linken war das Schlafzimmer, ein Raum, abgehängt mit Seide. Francesca hatte ihn nie betreten. Sie kannte nur die Kammer neben dem Hintereingang, in dem die Reiseumhänge aufbewahrt wurden. Zu ihrer Rechten war das Tor zu Creels Denkraum. Der Filzvorhang war zu, jeder Laut aus dem Innern war gedämpft. Einen letzten Blick hinter sich werfend trat Francesca ein, den Tee wie zur Abwehr vor sich haltend. Creel kniete vor seinem Schrein mit dem fadenumwickelten Totenschädel und wirkte trotzdem bedrohlich groß. Er löste gerade die silbernen Ringe von seinen Fingern und ließ sie, Stück für Stück, in die Holzschale vor ihm fallen. Der Klang, den sie erzeugten, war ohrenbetäubend. Francesca zählte mit. Bei Neun verstummte das Geräusch. Eigentlich hatte er zehn Ringe, aber vielleicht hatte sie sich einfach verzählt. Der Raum war noch feuchter und kälter, als Francesca ihn in Erinnerung hatte. Auf dem verzierten Schädel an der Wand spross mehr Moos, während das Kondenswasser wie Tränen von den Wänden lief. Leise stellte Francesca die Fischschuppe mit dem Tee auf den Boden, wandte sich um und hatte die Hand bereits wieder am Vorhang.

»Du bleibst hier.«

Francesca erstarrte mitten in der Bewegung, drehte sich langsam zu Creel. Er hatte sich nicht geregt. Sie wartete. Er ließ sie warten. Die Feuerschale zeichnete ein flackerndes Muster auf die Wand, die Objekte in den Nischen schienen dadurch zum Leben zu erwachen. Die Kette mit den Selfimzähnen, die einst Herrn Eckmann gehört hatte, war noch dort. Auch Sterks kitschige Glitzerarmbänder, die inzwischen viel blasser geworden und mit einer Schicht Moos überdeckt waren.

Wie lange war es her?

Sie versuchte, neuere Objekte in den Nischen zu erspähen. Bei ihrem letzten Besuch hatte sie Zeit gehabt, sich alles einzuprägen. Es schien ihr als wären es nicht mehr geworden. Neugierig sah sie auf den breiten Rücken des Therdebans. Ein verheilender Kratzer zog sich über seine linken Rippen – er hatte wohl bei einem Kampf wieder etwas eingesteckt – aber kein Souvenir mitgebracht. Niemanden getötet. Sie war froh darüber, aber gleichzeitig auch besorgt. Creel wurde nur sehr selten verletzt. Es erschien ihr wie ein schlechtes Omen. Sie erinnerte sich, wie er ausgerastet war und sie geschlagen hatte. So untypisch Creel. Es war alles verkettet. Aber nun, da er so friedlich in seinem Denkraum kauerte, musste er wohl endlich wieder seine Ruhe gefunden haben. Mit einem Mal zwitscherte eine kleine Stimme in ihr, wie untreu sie demjenigen gewesen war, der sie gerettet hatte. Er meinte es eigentlich nur gut, auf seine harte Art. Sie war froh, Reero nochmals geschrieben zu haben. Die davongestürmte Tochter wieder mit der Mutter und dem störrischen Vater zu vereinen nahm sie sich als ihr heimliches Ziel vor.

»Was kann ich tun?«, fragte sie.

Creels Kopf zuckte hoch, als hätte sie ihn aus einem Traum gerissen. Seine seidigen Haare fielen wie ein Wasserfall über die rechte Schulter, als er den Kopf nach links schwenkte und das mitgebrachte Getränk entdeckte.

»Es ist Baumblütentee und zum Süßen …«

Francescas Erklärung wurde jäh unterbrochen, als Creel Krug und Honigschale an die Wand schmetterte.

Die Strafe, die Strafe war noch offen! Francesca wollte weglaufen, aber Creel war so verdammt schnell! Sie prallte gegen seine harte Brust, ein Schlag und sie fiel vor ihm zu Boden.

»Du«, donnerte er, »kennst deine Rolle in dieser Welt nicht!«

Francesca rappelte sich auf. Sie kam keinen Schritt weit, da packte er sie am Hals und pinnte sie mit seinem Körper an die Wand.

»Was soll das?! Lass mich los!« Ihre Hände kratzten über schleimigen Fels, sie spürte, wie Sandkörner sich schmerzhaft unter ihre Fingernägel gruben.

»Habe ich dir nicht das Sprechen verboten?«

Francesca riss den Mund auf, doch ihr blieben die Worte im Hals stecken, als sie Creels Haar auf ihren Wangen spürte und seine eisblauen Augen direkt vor ihren schwebten.

»Du meinst wohl, nun wäre alles gut und du bist sicher? Oh nein, es hat erst richtig angefangen! Und wenn du nicht auf mich hören willst, dann musst du eben fühlen!«

Sie japste nach Luft, Luft, die nach Kräutern und Moos roch. Creel drückte eine Hand auf ihren Mund und neigte sich näher zu ihr.

»Was hier drinnen geschieht, bleibt hier drinnen. Wenn nur ein Wort diesen Raum verlässt …« Er rüttelte sie, um seine Worte zu unterstreichen.

Francesca drückte mit aller Kraft nach Creel, sie hätte die Fingernägel in sein Fleisch graben können, selbst wenn es sinnlos war. Sie hatte nicht den Mumm dazu. Die Hand verschwand von ihrem Mund und im nächsten Moment schrie sie. Zähne gruben sich in ihre Schulter, genau an die Stelle, wo ihr Hals begann. Francesca kämpfte um ihr Leben, gleich würde Creel ihr die Schlagader durchbeißen, wie Keilan es bei besonders widerspenstiger Menschenbeute oder bei Gegnern taten. Creel ließ los und sie spürte einen Tritt gegen ihre Beine. Es tat fürchterlich weh. Sie hörte, wie der Stoff ihrer Kleidung riss. Dann schlug sie auf dem Boden auf, Gesicht voran. Ein Knie brannte, als die Haut abgeschabt wurde. Der Rest des Sturzes wurde durch das rutschige Moos gedämpft. Creel hockte sich auf ihren Rücken, als wäre sie eine widerspenstige Lungh. Er war mindestens dreimal so schwer wie sie. Ihre Knochen rebellierten.

»Hör auf!« Francescas Sicht verschwamm unter Tränen. Mit einem Wimmern versuchte sie gegen Creel zu kämpfen. Etwas Warmes und Feuchtes rann über ihre Schulter. Blut.

Sie tastete danach und fand vier Spuren von Creels Eckzähnen. Brennende Wut ersetzte die kalte Furcht.

»Wieso tust du das?«, kreischte sie.

Creel ignorierte sie, sein Blick war zu dem Filzvorhang des Eingangs gerichtet, aufmerksam und wartend.

»Wieso?«, schluchzte Francesca.

Sie sah die Blutstropfen auf dem Boden, roch den vergossenen Honig und schmeckte das Moos. Ihr Herz raste. Mit größter Anstrengung wand sie einen Arm frei und griff nach Creels Handgelenk.

»Bitte lass mich los, ich wird‘ auch nie wieder … Was immer ich getan hab.«

»Du wirst mir noch dankbar sein«, hauchte Creel, griff nach dem Stoff, den sie sich als Bluse umgewickelt hatte, und zerrte ihn ganz ab. Francesca protestierte, flehte ihn an, aufzuhören. Doch er pausierte nur einen Augenblick, um ihr den Oberarm auf den Rücken zu drehen und ein weiteres Kleidungsstück zu zerstören.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er sie los, nicht ohne ihr vorher noch das Knie gegen den Unterleib zu pressen, bis sie dachte, ihre Hüftknochen würden bersten.

»Au!«, schrie sie, krabbelte rücklings weg, raffte sich auf, presste die Stoffüberbleibsel an den Körper und verschanzte sich in der entferntesten Ecke.

Creel setzte sich in aller Ruhe zurück an seinen Stein und meditierte weiter, Francescas Wimmern störte ihn nicht im Geringsten.