This is my China - Martina Schermer - E-Book

This is my China E-Book

Martina Schermer

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Beschreibung

Die Welt ist ein Dorf geworden. Menschen machen in den entlegensten Gegenden des Globus Urlaub, jetten von Kontinent zu Kontinent. Trotzdem gibt es noch das Unentdeckte, Unbekannte – das, wovon zu erzählen lohnt: Es ist der Alltag in fernen Ländern. Der Alltag in China zum Beispiel. Martina Schermer hat sechs Monate lang in China gelebt. Sie ist sechs Monate lang hineingewachsen in das alltägliche Leben in der quirligen Millionenmetropole Shànghǎi. Sie hat gelernt, sich mit chinesischer Stoik in überfüllte Metrozüge zu quetschen, hat sich mit chinesischen Freundinnen zum Tanzen aufgebrezelt, hat mit chinesischen Kollegen Büroalltag geteilt. Sie hat Freunde gewonnen – aus China, aus Italien, Frankreich, Spanien. In einer WG, in der die Zimmertemperatur im Winter ohne Heizung auf 5 Grad Celsius sinkt, ist sie mit ihren neuen Gefährten zusammengerückt. Sie hat Arnaud beim Gitarrespielen zugehört, mit Shirley gelacht, bis der Bauch schmerzte, mit Facundo Spaghetti gekocht. Sie ist gereist: zum Familienbesuch mit einer chinesischen Freundin, mit einer Italienerin zum Perlenkauf nach Zhūjì, nach Tibet – in eine bunte, eine arme, eine andere Welt. Über all das hat Martina geschrieben. E-Mails an die Familie und Freunde daheim. Reise- und Lebensberichte, die immer länger wurden, je weiter sie sich auf die fremden Lebensgewohnheiten eingelassen hat. Dabei konnte es passieren, dass man in einem süßen Stollen auf ein Stück salzige Salami beißt oder im Badezimmer der Gastfamilie so lange nach dem Klo sucht, bis man kapiert, dass der Duschabfluss alles in die Kanalisation befördert. Oder man gerät auf einen Markt, auf dem Eltern mit Annoncen herumwedeln, auf denen sie ihre gerade erwachsenen Kinder zum Heiraten feilbieten, aus Angst, ihnen entginge eine gute Partie. In diesen "Briefen" an die Heimat ist ein China zu entdecken jenseits stereotyper Medienberichte, in denen doch nur von der Wirtschaftsmacht Chinas, vom fernöstlichen Konkurrenten die Rede ist.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort 3

千里之行 – qiān lǐ zhī xíng Eine Reise von 1.000 Meilen [beginnt mit dem ersten Schritt]  (Lǎozǐ).4

Sorry, no English.4

Shirley schläft im Schrank.5

Behörden, Behörden.5

Shirley, Arnaud und Facundo.6

Chángníng Lù – meine Mitbewohner.6

Chángníng.8

Novembernebel 8

Auffallen.9

Shopping, shopping, shopping.9

At work.9

Ein kleiner Exkurs zur Mode.10

Handwerker.10

Zhōuzhuāng.11

Brille.11

Ānjí und Hénán – von zwei Reisen.12

Ānjí 12

Joy erklärt die Welt 13

China’s got talent 14

Hénán – ab in die tiefste chinesische Provinz.14

Xìnyáng – Tausende von Jahren Geschichte, doch alles sieht nach Kommunismus aus.15

Don’t judge a book by its cover – oder über den chinesischen Wohnstil16

Shirleys Familie – anders und doch so normal 17

We love kitsch.18

Bǎo le, ich bin voll – oder von der Mästerei chinesischer Eltern.20

Schönheitsideale.20

Ein kleiner Exkurs zum chinesischen Familienbild.21

Chinesischer Müßiggang plus ein Stück chinesischer Geschichte.21

Zu guter Letzt …..21

自由自在 – zì yóu zì zài 1. gemächlich und sorglos; frei und schrankenlos; ungebunden und ohne Verpflichtungen; frei (wie) die Lüfte 2. es sich bequem machen; sich behaglich fühlen; die Freiheit genießen.21

Barfuß im Oktober.21

Chinesisch für Anfänger.21

Haydn auf Chinesisch.21

Halloween.21

Das Allerheiligen-Skypen.21

Gesetz(losigkeit) der Straße.21

Die Krabbe in Einzelteilen.21

Lěng miàn.21

Ordnung bis zur letzten Socke.21

创世 – die Schöpfung.21

Perlenfieber.21

Ein deutscher Tag.21

Der Dogwalk.21

Apropos Kleidung …..21

„Oben ist der Himmel – unten sind Sūzhōu und Hángzhōu“.21

T’ai Chi – Gegensatz 2.0.21

Things I have never done before.21

Der Fotografenschreck.21

Kick it like the Irish! 21

Es weihnachtet schon sehr.21

Wia dahoam...21

Daheim am Nordpol 21

Die Weihnachtsüberraschung.21

Stacy, Carrie und Irisa.21

Das Christkind und die chinesische Post 21

Weihnachten mal anders.21

Dank Montagsmaler nach Běijīng.21

Běijīng ist …..21

Wo warme Gedanken nicht mehr helfen.21

Auf ins neue Jahr 2012! 21

Metro.21

Radlküche.21

Herausforderung für die Geschmacksnerven.21

Winter in the Bronx.21

Apple-Wahnsinn.21

Der Heiratsmarkt 21

Zwischendurch.21

Klassisch chinesisches Neujahr.21

Pack- und Backkünste.21

Lenktalente.21

Nicht schon wieder! 21

Ich will essen, ich will essen! 21

… und sonst 21

一路平安 – yī lù píng ān Gute Reise! 21

Hong Kong.21

Heißes Pflaster.21

Von der Überfüllung in die Einsamkeit der Berge.21

Kaffeekränzchen auf den Straßen.21

Einkaufsparadies.21

Die Attitüde.21

Anders.21

Transit 21

Das Tor zu Tibet 21

Über Stock und Stein.21

Das schwarze Zelt 21

Die Gleise ins Hochland.21

O2 and you can do.21

Buntes Lhasa.21

Zufall?.21

Angst 21

Sonam...21

Wir sind hier am Ende der Welt 21

Links eine saubere Flughafentoilette …..21

Ausgerechnet Yak.21

Nomaden.21

Ein Abstecher zum Klassiker.21

Shirley und ich auf Reisen.21

Lost in Lìjiāng.21

Sie sprechen Chinesisch?.21

Spannendes Dàlǐ 21

Fotosession in Kūnmíng.21

四海为家 – sì hǎi wéi jiā Zuhause ist da, wo immer man auch ist 21

Notiz.21

Es ist so weit 21

Zwischen den Welten.21

Danksagung.21

Quellenverzeichnis.21

Zur Autorin.21

Disclaimer.21

Anmerkungen.21

Impressum...21

Vorwort

Die Welt ist ein Dorf geworden. Menschen machen in den entlegensten Gegenden des Globus Urlaub, jetten von Kontinent zu Kontinent. Trotzdem gibt es noch das Unentdeckte, Unbekannte – das, wovon zu erzählen lohnt: Es ist der Alltag in fernen Ländern. Der Alltag in China zum Beispiel.

Martina Schermer hat sechs Monate lang in China gelebt. Sie ist sechs Monate lang hineingewachsen in das alltägliche Leben in der quirligen Millionenmetropole Shànghǎi. Sie hat gelernt, sich mit chinesischer Stoik in überfüllte Metrozüge zu quetschen, hat sich mit chinesischen Freundinnen zum Tanzen aufgebrezelt, hat mit chinesischen Kollegen Büroalltag geteilt. Sie hat Freunde gewonnen – aus China, aus Italien, Frankreich, Spanien. In einer WG, in der die Zimmertemperatur im Winter ohne Heizung auf 5 Grad Celsius sinkt, ist sie mit ihren neuen Gefährten zusammengerückt. Sie hat Arnaud beim Gitarrespielen zugehört, mit Shirley gelacht, bis der Bauch schmerzte, mit Facundo Spaghetti gekocht. Sie ist gereist: zum Familienbesuch mit einer chinesischen Freundin, mit einer Italienerin zum Perlenkauf nach Zhūjì, nach Tibet – in eine bunte, eine arme, eine andere Welt.

Über all das hat Martina geschrieben. E-Mails an die Familie und Freunde daheim. Reise- und Lebensberichte, die immer länger wurden, je weiter sie sich auf die fremden Lebensgewohnheiten eingelassen hat. Dabei konnte es passieren, dass man in einem süßen Stollen auf ein Stück salzige Salami beißt oder im Badezimmer der Gastfamilie so lange nach dem Klo sucht, bis man kapiert, dass der Duschabfluss alles in die Kanalisation befördert. Oder man gerät auf einen Markt, auf dem Eltern mit Annoncen herumwedeln, auf denen sie ihre gerade erwachsenen Kinder zum Heiraten feilbieten, aus Angst, ihnen entginge eine gute Partie.

In diesen „Briefen“ an die Heimat ist ein China zu entdecken jenseits stereotyper Medienberichte, in denen doch nur von der Wirtschaftsmacht Chinas, vom fernöstlichen Konkurrenten die Rede ist. Martina Schermer nimmt mit in die Wohnzimmer, Garküchen, kleinen Läden, großen Supermärkte, in die Clubs der nimmermüden Metropole, in die überfüllten Straßen, die aufgeräumten Schnellzüge, und dem Leser begegnet Amüsantes, Befremdliches, Erstaunliches. Denn dieses Buch ist die Beschreibung des Aufregendsten, das man in einem fremden Land erleben kann: Alltag teilen, heimisch werden, leben.

Dorothee Krings

千里之行 – qiān lǐ zhī xíng Eine Reise von 1.000 Meilen [beginnt mit dem ersten Schritt] (Lǎozǐ)

Ich verlasse Deutschland am Dienstag, den 31. August 2011. Mein Rückflug: der 29. Februar des darauffolgenden Jahres. Dazwischen nur China. Mein Arbeitgeber hatte ein Austauschprogramm ins Leben gerufen. Ich bewarb mich, weil sich irgendwo tief in meinem Herzen Fernweh regte, und habe einen Platz bekommen. Meine Füße haben noch nie asiatischen Boden betreten. Und jetzt würden sie es sechs Monate lang, genau 183 Tage, tun. Im Flugzeug, als einer der wenigen Europäer unter mehr als 300 Chinesen, mache ich meinen Kopf frei. Von allen Stereotypen, Vorurteilen. Will vollkommen unbefangen sein. Um dieses Land kennenzulernen, von dem ich bislang eben nur sämtliche Stereotypen und Vorurteile aus den Medien kenne. Als ich an diesem Mittwoch lande, ist mein Kopf leer.

Sorry, no English

Freitag, 3. September 2011

Mit meinem Koffer bin ich 500 Gramm unter dem Limit der erlaubten 23 Kilogramm. Und auch das 10 Kilogramm zu schwere Handgepäck bekomme ich – mit all meiner Leibeskraft mimend, es sei federleicht – unkontrolliert ins Flugzeug gehievt. So weit alles glatt gelaufen. Würde da nicht über die gesamte Flugzeit von zehneinhalb Stunden ein übel riechender Mensch neben mir sitzen. Weinen muss ich, weil er so stinkt. Ich tue kaum ein Auge zu.

An meinem ersten Abend habe ich eine spontane Wohnungsbesichtigung um 10 Uhr. Ich bitte das Hotelpersonal, mir die Adresse in chinesischen Lettern auf einen Zettel zu schreiben, strecke dem Taxifahrer diesen entgegen und lasse das nächtliche Shànghǎi an mir vorbeiziehen. Der potenzielle Mitbewohner ist ein netter Schwede, mit dem ich gleich bei einem chinesischen Pflaumenwein zusammensitze. Aber er entscheidet sich leider gegen mich, weil ich nur sechs Monate bleiben werde, und er zehn.

Shànghǎi ist eine sehr wilde Stadt, UNGLAUBLICH riesig.

In der Nähe meines Hotels gibt es einen Brunnen, eine Fußgängerbrücke und fünf Straßen, allesamt mörderisch gefüllt mit Autos, Motorrädern, Bussen, Fahrradfahrern, Fußgängern – und einer Martina, die versucht, lebendig über die Straße zu kommen.

Gegenüber dem Hotel steht ein völlig leeres Shoppingcenter, das in China hergestellte Produkte internationaler Marken zu europäischen Preisen feilbietet. Dort lande ich am ersten Abend gleich mal auf der Suche nach etwas Essbarem: Im 3. Stock gibt es ein Restaurant. Die Karte ist glücklicherweise bebildert, und so zeige ich auf ein vertraut aussehendes Gericht. Was kommt, sieht genauso gut aus und schmeckt auch so: frittierte Hähnchenstücke mit mildem Chili, Erdnüssen und Sesam. Allerdings habe ich vergessen, dass Chinesen grundsätzlich das ganze Tier verspeisen, und so falle ich in meinen ersten sieben Stunden in Shànghǎi beinahe einem Hühnerknochen zum Opfer. In panischer Angst zuzle ich die Hälfte der insgesamt um die fünfzig Stückchen ab (mit Stäbchen). Schmecken tut es ja fantastisch. Aber die andere Hälfte muss ich übrig lassen. Das war schließlich ein ganzes Huhn, das da mit dem Hackebeil zerteilt und in die Pfanne geworfen worden war. Da ich noch so viel auf dem Teller habe, beachtet mich die Bedienung nicht. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich die Stäbchen noch auf dem Teller positionieren soll, um deutlich zu machen, dass ich bezahlen möchte. Da beschließe ich, aus meinem „Chinesisch für Dummies“-Buch einen Satz auswendig zu lernen. Und so übe ich zehn Minuten lang „Qing jiézhàng“ und winke die Bedienung herbei. Ich sage es einmal, zweimal. Die Bedienung sieht mich nur hilflos an, verbeugt sich und sagt: „Sorry, no English.“

Essen ist ein großes Thema. An meinem ersten Arbeitstag sitzen meine chinesischen Kollegen mit großen Augen am Tisch und amüsieren sich prächtig, als ich Frosch, Aal und sonstiges Getier vorgesetzt bekomme. Ist zwar eine Überwindung, aber schmecken tut es (bis auf den Frosch).

Meine Kollegen sind supernett. Sie applaudieren sogar, als ich meine Geschenke – Lindt-Schokolade und Killepitsch – ausgepackt habe. Und die eine Chinesin begrüßt mich unverblümt mit den Worten: „You are much more beautiful than I expected.“ Ob das nun nett gemeint war, weiß ich bis heute nicht.

Ein sehr junges Team jedenfalls, allesamt sehr lustig und hilfsbereit. Die meisten Namen kann ich noch nicht wirklich aussprechen. Glücklicherweise nennt sich mein Zimmerkollege Elvis.

Eine Wohnung habe ich jetzt immer noch nicht, auch nicht drei Besichtigungen später. Denn irgendwas passte immer nicht: weit zur U-Bahn, arroganter Mitbewohner. Aber für das Wochenende ist noch mal ein Besichtigungsmarathon angesagt. Mein Hotel ist ja noch bis Sonntag gebucht.

Viel mehr gibt es von den ersten 55 Stunden in China noch nicht zu erzählen. Da es hier schon fast Mitternacht ist und ich gerade erst von der Arbeit gekommen bin, musste ich übrigens im Hotel Essen bestellen. Und wo bestellen die, wenn nichts anderes mehr auf hat? Genau, bei McDonald’s. Prima. Da sitz ich nun mit meinen Pommes und Burger mitten in Shànghǎi. Der Vorsatz, nie bei Fast-Food-Ketten zu essen, hat schon mal nicht wirklich lange gehalten.

Na dann, das Abenteuer kann beginnen!

Shirley schläft im Schrank

Sonntag, 11. September 2011

Mein Kollege John und ich sind auf Hardcore-Wohnungssuche. Ich habe Annoncen auf den internationalen Plattformen durchsucht, er hat Makler vor Ort kontaktiert. Leider war er etwas naiv bezüglich der Mietpreise, die inzwischen in Shànghǎi herrschen. Die Wohnungen, die wir uns ansehen, sind es schon wert, sie gesehen zu haben – aber nicht aus dem Grund, dort einziehen zu wollen. In einem Hochhaus, das aussieht, als würde es im nächsten Moment in sich zusammenfallen, wohnt eine chinesische Studentin und sucht eine Mitbewohnerin. Unglücklicherweise hat John vergessen zu fragen, ob sie Englisch spricht – sie tut es natürlich nicht. Und somit stehen wir da und können kein Wort miteinander kommunizieren. Dazu sieht es in der Wohnung aus wie auf einer Müllhalde, und es riecht wie in einer Großküche, die seit sieben Monaten nicht mehr gesäubert wurde. Alles starrt vor Dreck, das Bad ist vom letzten Duschen überflutet. In dieser Wohnung will ich nicht einmal etwas mit Handschuhen berühren. Und durch dieses ganze Chaos stakst elegant eine zerzauste Katze.

Die „internationalen“ Wohnungen sind vom Standard her besser, aber auch hoffnungslos überteuert. Bei einer Besichtigung kommen die Mitbewohner nicht mal auf das Klopfen des Maklers aus den Zimmern heraus. Der peinlich berührte Makler versucht zu retten: „Ja, sie würden sich wirklich sehr freuen, wenn Du bei ihnen einziehen würdest.“ In einer weiteren Wohnung ist das Zimmer mini-mini, aber die Mitbewohner sehen supernett aus. Bei der sage ich sofort zu. Der Makler allerdings hält mich noch hin. Am Samstagnachmittag gebe ich meine Zusage. Der Makler schreibt zurück, ich solle Sonntag früh noch mal anrufen. Das tue ich, und man vertröstet mich auf den Nachmittag. Am Sonntagmittag ziehe ich aus dem Hotel aus, bringe meine Sachen ins Büro. Dann fahre ich zu Carrefour (so eine Art französisches Kaufland, sehr verbreitet in China), kaufe Bettzeug und so allerhand Alltagskram. Um 4 Uhr nachmittags treffen mein Kollege und ich uns im Maklerbüro. Ich unterschreibe und ziehe sofort ein. Somit war ich nur fünf Stunden obdachlos, und alles ist gut gegangen – auf den letzten Drücker.

Die ganze Aufregung und der anhaltende Jetlag haben zur Folge, dass ich nachts nicht schlafen kann. Um halb 2 Uhr früh klopfe ich bei Shirley, meiner neuen Mitbewohnerin, und frage, ob sie mit mir reden möchte. Ich völlig verheult und verdreht ob der Schlaflosigkeit. Sie holt Arnaud, den anderen Mitbewohner, und die beiden sitzen mit mir auf dem Sofa und füttern mich besorgt mit Keksen. Etwas beruhigter versuche ich wieder zu schlafen – geht aber nicht. Rufe meine Eltern an. Um 3 Uhr, um halb 6 Uhr. Dann schlafe ich endlich ein. Bis der Wecker um 7 Uhr morgens läutet. Erst in der zweiten Nacht schlafe ich besser, in der dritten Nacht dann durch.

Behörden, Behörden

Am Montag nach meinem Einzug – nach eben nur eineinhalb Stunden Schlaf – muss ich noch zum Gesundheitscheck. Die Fragen nach Lepra, Cholera und Pest habe ich alle schon in Deutschland verneint. Hier in China nun noch ein zweites Mal. Respekt gebührt der chinesischen Abfertigung. Der Warteraum ist vollgestopft mit Ausländern, die sich um eine Aufenthaltserlaubnis bewerben. Die insgesamt zehn medizinischen Untersuchungen gehen im Akkord voran. 1. Arzt: Pulsmessung, 2. Arzt: Ultraschall, 3. Arzt: Lungen abgehört – Takt: ein Ausländer pro Minute, zehn Minuten pro Ausländer. Die Arztpraxis in Deutschland hat insgesamt fünf Tage gebraucht. Ich musste dreimal hin, davor einmal in eine andere Praxis zum Röntgen. Beim eigentlichen Check hatte mich die Ärztin dann gar nicht untersucht, ich musste den Fragebogen selbst ausfüllen, die Laborergebnisse waren verspätet. Viermal bin ich durch die halbe Stadt gefahren. Und anschließend habe ich eine Rechnung über 225 Euro bekommen. In China gibt es zehnmal so viel Service für ein Viertel des Preises.

Erschreckt hat mich nur hier in Shànghǎi: Nach den Aufregungen der letzten Tage sitze ich hier in China mit dem niedrigsten Blutdruck aller Zeiten und drei Kilo weniger als zwei Wochen zuvor.

Einen Tag später muss ich bei der Polizei zur Registrierung antreten, ein weiterer Schritt bei den Behördengängen. Die Human-Resources-Assistentin meiner Firma hat mir Adresse, Öffnungszeiten und Formularnamen sorgsam auf ein kleines Zettelchen geschrieben. „8 – 20 Uhr“ steht da, und so stehe ich um 8 Uhr morgens bereit in der lokalen Polizeistation. Es ist niemand da. Irgendwann kommt eine Angestellte an den Schalter, winkt mich zu sich herüber. Ich zeige ihr meinen Zettel. Sie nimmt einen Stift, streicht die „8:00 Uhr“ durch, schreibt „8:30 Uhr“ hin und schickt mich zurück zum Wartebereich.

Shirley, Arnaud und Facundo

Ich habe noch eine Weile überlegt, ob ich nicht doch noch in eine andere Wohnung ziehen soll. Mein Zimmer ist mit geschätzten nicht mal 8 Quadratmetern wirklich etwas mickrig. Der Schrank bricht schon beim Anschauen zusammen (den habe ich nun auch reklamiert), und es ist unglaublich laut draußen. Ich treffe mich noch mit einem potenziellen Mitbewohner einer anderen Wohnung. Der ist nett, aber sein Tagesablauf ist komplett konträr zu meinem. Und zudem sieht er aus wie mein ehemaliger Lateinlehrer – nur ohne Bart. Irgendwie schreckt mich das ab.

Somit entscheide ich mich dafür, in der jetzigen Wohnung zu bleiben und habe es nicht bereut, denn die Mitbewohner sind es wirklich wert. Die sind so supernett und aufgeschlossen, dass ich inzwischen auf keinen Fall mehr tauschen möchte.

Wir sind nun zu viert: Shirley, eine Chinesin; Arnaud, ein Franzose; und Facundo, ein Spanier, der mir von Shirley anfänglich als Italiener vorgestellt wird.

Die drei sind wirklich super. Sie nehmen mich mit, wenn sie etwas unternehmen, geben mir Tipps, und am Abend sitzen wir zusammen und quatschen. Und demnächst am Feiertag werden wir zusammen einen Ausflug machen.

Die Wohnung ist ziemlich geräumig, um die 100 bis 120 Quadratmeter groß. Eine Küche, die nie jemand benutzt, ein großes, gemütliches Wohnzimmer und drei Zimmer. Die Jungs wohnen in den schönen, großen Zimmern inklusive Balkon. Meines ist das Minizimmer, in das ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch passen. Und nach Shirleys Zimmer habe ich lang gesucht. Die wohnt nämlich buchstäblich im Schrank. Es gibt zwischen den beiden großen Zimmern einen begehbaren Kleiderschrank, der durch eine verspiegelte Schiebetür verschlossen wird. Darin ist ein kleines Fensterchen, und anstelle von Kleiderstangen steht Shirleys Bett. Sie erzählte mir, dass dies das einzige Zimmer sei, das sie sich leisten kann. Und der Gemeinschaftsbereich ist so geräumig, dass sie ihre recht üppige Garderobe problemlos in den Schränken in Wohnzimmer und Diele verteilen kann.

Chángníng Lù – meine Mitbewohner

Shirley ist meine absolute Lieblingschinesin in Shànghǎi. Sie ist 25 Jahre alt und arbeitet als Chinesischlehrerin.

Sehr praktisch, denn wir anderen Mitbewohner können Privatstunden an unserem Küchentisch nehmen. Mit Shirley macht alles Spaß. Ein echtes Highlight ist es, als wir zum Radlkaufen gehen. Das Fahrradgeschäft hat schon zu, und so ziehen wir einfach weiter zum Supermarkt. Der ist um die Zeit schon angenehm leer, und wir haben viel Platz und Spaß dabei, kichernd durch die Gänge zu düsen und die Radl auszuprobieren. Ich freue mich schon, wenn wir nächste Woche zusammen für fünf Tage zu ihrer Familie in eine nordchinesische „Kleinstadt“ der Provinz Hénán fahren.

Arnaud kommt aus Lille und arbeitet bei einem französischen Sportartikelhersteller. Er ist sehr musikalisch – spielt Gitarre und singt – und außerdem sehr unternehmungslustig. Er nimmt mich zu manchen Aktivitäten mit, zum Beispiel bin ich mit ihm auf den Geschmack gekommen, Rugby zu schauen. Meistens hat er noch fünf bis zehn andere Franzosen im Schlepptau – manche davon aufgeschlossen, Englisch zu reden, und wie das so ist – manche auch nicht.

Facundo ist zwar offiziell Spanier, aber eigentlich argentinischstämmig, Anfang 30, Architekt. Superlustiger Typ, der an jedes zweite Wort ein „eeeeeeeeeeee“ anhängt. Er ist sehr relaxt und liebt es, nach einer durchtanzten Nacht die Wochenenden mit seiner chinesischen Freundin Stacy bei Frühstück und Filmen im Bett zu verbringen. Außerdem mag er Katzen, was unsere zwei weiteren Mitbewohner erklärt.

Katze Nummer 1 heißt Pumuki, und Facundo hat sie als Kätzchen im Aufzug gefunden. Pumuki liebt vor allem unseren (ganzjährigen) Weihnachtsbaum. Der liegt jeden Morgen völlig verwüstet und in Einzelteile zerlegt im Wohnzimmer.

Katze Nummer 2 ist Leopoldine, und Facundo hat sie ebenfalls irgendwo gefunden. Leopoldine ist, wie sich später herausstellt, ein Leopold, noch ganz jung, und tapst ungeschickt durch die Welt.

Die beiden Katzen leben eigentlich in Facundos Zimmer und Balkon, aber manchmal springen sie auch in der Wohnung herum. Ihr erstes Ziel ist dabei mein Zimmer. Ich weiß nicht, warum, aber sie kommen aus Facundos Raum, machen eine Neunzig-Grad-Wendung und stehen an meiner Schwelle. Ich bin nicht begeistert darüber, ich möchte die Katzen nämlich nicht auf dem Bett haben. Und so werfe ich mindestens zehnmal am Tag die beiden Tiere aus dem Zimmer und hoffe auf einen Lerneffekt.

Chángníng

Für alle, die Shànghǎi kennen: Ich wohne in Chángníng, westlich von Zhōngshān Park. Die Wohnanlage liegt direkt am Creek, mehr einem sich langsam fortbewegenden Gebräu als einem Fluss ähnelnd. Auf der anderen Seite gibt es eine Straße und eine ärmliche Siedlung. Die Straße ist von Autos befahren und zusätzlich von Massen an Fußgängern bevölkert, was zur Folge hat, dass die Autos Tag und Nacht wie wild hupen, um die Fußgänger zu vertreiben. In der Siedlung leben Mensch und Tier in trauter Einigkeit. Die Menschen brauchen keine elektronischen Wecker, denn ab 4 Uhr morgens kräht die Schar von Hähnen, die dort wohnt. Am Tag wird das Getier dann von den ansässigen Handwerkern, vornehmlich Menschen im Besitz von Kreissägen, abgelöst.

Das Duschen ist übrigens nichts für Leute mit leichtem Schwindelgefühl. Die Wohnung ist ja im 16. Stock und der Fluss beginnt gleich hinter dem Haus. Man sieht direkt von der Dusche aus dem Fenster. So entsteht der Eindruck, man könne von der Dusche geradeweg in den Fluss springen. (Was man wegen der 15 Stockwerke dazwischen natürlich nicht machen sollte.)

Novembernebel

Eines Tages wache ich auf, sehe nach draußen und denke mir: November? Alles schon im Nebel. Eine große Dunstwolke hängt über der Stadt und hüllt alle Gebäude in ein milchiges Weiß. Draußen regnet es tatsächlich, fein, wie gesprüht. Der Haken daran ist nur, dass es gleichzeitig 35 Grad Celsius hat. Mein ordentlich geföhnter Pony verwandelt sich innerhalb von 10 Sekunden zu einer Dauerwelle, und ich sehe insgesamt aus, als würde ich frisch aus der Dusche kommen und hätte vergessen, mich abzutrocknen.

Das Bedürfnis, gut zu riechen und trocken auszusehen – beides muss man hier einfach ausschalten. Es ist einfach unmöglich. Nach 30 Sekunden an der Luft sind alle Menschen von einer Glanzschicht überzogen, und die Haare kräuseln sich. Alle Haare? Nein, nur die nicht asiatischen. Die Chinesen, die mit glänzendem, dicken Haupthaar gesegnet sind, sehen alle immer noch aus wie aus dem Ei gepellt.

Auffallen

Seltsamerweise falle ich gar nicht so auf. Zumindest werde ich nicht immer angestarrt. Es kommt schon mal vor, dass mich Leute in der U-Bahn unverhohlen mustern. Oder im Restaurant merke ich irgendwann, dass die Aufmerksamkeit der restlichen Gäste vom Essen auf mich übergegangen ist. Ich esse meine Dumplings mit Sojasoße, schaue zufällig nach links, sitzen vier Chinesinnen um die 50 da, die Köpfe in die Hände gestützt, und sehen mich an. Als sie bemerken, dass ich in ihre Richtung blicke, winken sie alle ganz fröhlich herüber und nicken eifrig mit den Köpfen.

Manche chinesischen Kinder wissen auch nicht so recht, was ich bin. Die lachen meist – und verstecken sich dann hinter ihrer Mama.

Sonntag, 25. September 2011

Die Tage hier sind voll. Unter der Woche heißt es arbeiten, arbeiten, arbeiten, dazwischen ist dennoch so viel Zeit, dass viel Neues und Lustiges passieren kann.

Heute, am Sonntag, habe ich aber die Vorhänge geschlossen, um nicht von dem schönen, sonnigen Tag draußen abgelenkt zu sein. Sortiere Fotos und schreibe. Und habe noch fest vor, irgendwann heute meine Chinesischhausaufgaben zu machen.

Shopping, shopping, shopping