Thornforest - Lilli Dorgerloh - E-Book

Thornforest E-Book

Lilli Dorgerloh

0,0
10,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Siebzehn Jahre lang hat Lily geglaubt, ganz normal zu sein. Doch von einer Blutlinie abzustammen, in der es haufenweise Geheimnisse gibt, ist alles andere als normal. Denn als Lily erfährt, dass ihre wahre Bestimmung darin liegt, über magische Kreaturen in den tiefen Wäldern Schottlands zu herrschen, wird ihr klar, dass Märchen durchaus wahr sein können. Lily bekommt die Aufgabe, einen zweiten potenziellen Herrscher zu finden. Ihr Grandpa schickt Lily nach Thornforest. Ein Ort, der Magie anzuziehen scheint, und Lily merkt schnell, dass sie nicht die Einzige ist, die hier ein Geheimnis hat. Die Brüder Nelson und Cormac sind anders als der Rest. Mysteriöser, gefährlicher …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 493

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Impressum 2

- 1 - 3

Prolog 4

Lily 4

Kapitel 1 7

Lily 7

Kapitel 2 16

Lily 16

Kapitel 3 25

Lily 25

Kapitel 4 31

Lily 31

Kapitel 5 40

Lily 40

Kapitel 6 50

Lily 50

Kapitel 7 58

Lily 58

Kapitel 8 67

Lily 67

Kapitel 9 80

Lily 80

Kapitel 10 89

Lily 89

- 2 - 103

Kapitel 11 104

Nelson 104

Kapitel 12 107

Nelson 107

Kapitel 13 124

Nelson 124

Kapitel 14 140

Nelson 140

Kapitel 15 150

Nelson 150

Kapitel 16 162

Nelson 162

- 3 - 167

Kapitel 17 168

Cormac 168

Kapitel 18 171

Cormac 171

Kapitel 19 175

Cormac 175

Kapitel 20 182

Cormac 182

Kapitel 21 191

Cormac 191

Kapitel 22 198

Cormac 198

Kapitel 23 205

Cormac 205

Kapitel 24 213

Cormac 213

Kapitel 25 223

Cormac 223

Kapitel 26 231

Cormac 231

Kapitel 27 240

Cormac 240

Kapitel 28 248

Cormac 248

Kapitel 29 256

Cormac 256

Kapitel 30 266

Lily 266

Kapitel 31 269

Nelson 269

Kapitel 32 271

Cormac 271

Kapitel 33 274

Lily, Nelson, Cormac 274

Kapitel 34 276

Lily 276

Kapitel 35 283

Lily 283

Kapitel 36 289

Nelson 289

Kapitel 37 296

Lily 296

Kapitel 38 302

Lily 302

Kapitel 39 312

Lily 312

Kapitel 40 317

Cormac 317

Kapitel 41 321

Lily 321

Epilog 324

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-570-7

ISBN e-book: 978-3-99107-571-4

Lektorat: Katja Wetzel

Umschlagfotos: Pablo Caridad, Aitthiphong Khongthong | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

- 1 -

Prolog

Lily

Niemand hat jemals ein so freies und fröhliches Leben gelebt wie sie. Die Sonne schien auf ihr Gesicht und es war schwer das Lachen des kleinen Mädchens zu übersehen. Die Hängematte schaukelte im lauen Sommerwind und der Himmel malte Bilder aus den vorüberziehenden Wolken. Sie lief noch etwas wackelig über die Wiese und spielte mit sich selbst Verstecken hinter den Kirschbäumen. Ab und zu fiel sie hin, ihre kurzen Beine knickten noch oft weg, aber sie genoss das Leben, was sie noch vor sich hatte. Auf der Terrasse war der Tisch eingedeckt. Vier Plätze, ein Kuchen mit einer Kerze darauf. Sie war frühreif für ihr Alter. Das wussten ihre Eltern, doch blitzte der Stolz in ihren Augen auf, als sie ihre Tochter sahen, wie sie vor ihrem eigenen Schatten davonlief.

Es hätte nicht schöner sein können, das idyllische Anwesen, vor dem alle Menschen stehen blieben. Sie sagten oft, ein Kind, das so aufwächst, kann nur ein glückliches Leben haben. Wie recht sie hatten. Die Schmetterlinge setzten sich auf ihre Nasenspitze und sie musste niesen. Wieder lachte sie und machte mit diesem zauberhaften Lachen aller Welt Konkurrenz. Der Teich, der am Ende von der Wiese lag, war mit Seerosen übersät und man konnte Frösche hören. Sie ahmte die Geräusche nach. Nichts und niemand hätte dieses Bild zerstören können. Ein Baby, das gerade durch die Tür ging, um ein kleines Mädchen zu werden, ihre Eltern, die vor Stolz nicht wussten, was sie sagen sollten. Und ein Mann, der abseits stand. Schweigend, er sollte dazugehören, ihm gehörte der vierte Platz am Tisch. Auch er zeigte seine Aufmerksamkeit dem kleinen Mädchen, jedoch war er allein. Er konnte nicht dazugehören, er war so anders. Die Harmonie der Familie wurde von einem so kleinen Menschen zusammengehalten, denn – das sah man auf den ersten Blick – es gab keine Liebe zwischen den Menschen, die das Mädchen bewunderten.

Sie war wirklich etwas Besonderes, wie sie über die Sommerwiese lief und mit jedem Lachen Liebe in die Luft warf. Liebe, die diese Familie brauchte. Und das, obwohl es vielleicht nicht sofort danach aussah. Der Mann grinste, und wenn man ihn genauer betrachtete, konnte man sehen, dass auch er vor Stolz platzte, es aber nicht zeigen konnte. Er hätte es so gerne gezeigt, doch ihm stand nur der vierte Platz am Tisch zu. Niemand hatte ihn nach seiner Meinung gefragt.

Und obwohl es nicht perfekter hätte sein können, konnte man mit jeder Sekunde mehr sehen, dass ein Fluch auf dieser Familie lag. Ein Fluch, der sie in ein schwarzes Loch zog. Doch konnte man nicht sehen, wieso diese Familie so zerbrochen war.

Das kleine Mädchen lief ein weiteres Mal durch die dicht stehenden Kirschbäume und verschwand in den gigantischen Schatten, welche die Bäume warfen. Die Sonne versteckte sich hinter einer riesigen Wolke und die Harmonie zerbrach, sobald das Mädchen nicht mehr in Sichtweite war.

Die Eltern hörten einen Schrei, hoch und schrill. Und auch der alte Mann hörte ihn, nur hörte er ein Brüllen hinterher. Er lief los. Den Bäumen entgegen, die das kleine Mädchen kurz zuvor verschluckt hatten. Er fand sie weinend auf dem Boden sitzen. Sie schaute in die Büsche, als hätte sie etwas gesehen. Der alte Mann wusste, dass sie etwas gesehen hatte. Er hob sie hoch und trug sie zurück zu den besorgten Eltern. Die junge Frau kam auf ihn zu und riss ihm ihre Tochter aus dem Arm. Sie funkelte ihn böse an, mit Augen, die der Nacht gehörten. Sie verschwand im Haus, zusammen mit dem Mädchen, das augenblicklich aufgehört hatte zu weinen, als der alte Mann sie hochgehoben hatte.

Die beiden Männer sahen sich in die Augen. Zwei Augenpaare, die nicht hätten identischer sein können. In beiden war eine Leere zu sehen, die nicht gefüllt werden konnte. Der junge Mann drehte sich ebenfalls um und ließ seinen Vater dort stehen.

Allein stand er da. Er blickte auf den Boden und bemerkte das Buch, welches er gefunden hatte, als er sie zurückgeholt hatte. Ein nicht ganz gewöhnliches Buch. Doch er kannte es und eine Träne tropfte auf den Titel.

Die Menschen sagten oft, ein Kind, das so aufwächst, kann nur ein glückliches Leben haben.

Wie unrecht sie hatten …

Sie wachte auf. Es war nur ein Traum, nicht real und voller Fantasie. Und doch kam er ihr vertraut vor, sie kannte ihn. Sie träumte gerne, aber war es normalerweise so anders als heute. Heute erwachten Erinnerungen in ihr. Sie kannte die Geschichte, oder dachte zumindest, sie zu kennen.

Die Sonne und der Garten, das alles war echt, nur nicht heute. Es waren Bilder der Vergangenheit. Die Familie, zerstritten. Es passte.

Nur heute war niemand mehr da und sie fragte sich, was aus ihrem Leben geworden war. Warum träumte sie von Erinnerungen, die sie an die schöne Zeit zurückdenken ließ? Die Zeit, die jetzt nicht mehr ist. Sie wurde traurig.

Kapitel 1

Lily

Grandpa sagt immer, Märchen wurden geschrieben, damit man sie nicht glaubt. Sonst würden sie nicht Märchen heißen. Ich weiß, dass Grandpa schon alt ist und oft Unsinn redet, aber in dieser Sache vertraue ich ihm. Grandpa ist ein Märchenbuch auf Beinen und ich liebe es ihm zuzuhören, auch jetzt noch, obwohl ich schon fast 17 Jahre alt bin. Ich glaube, niemand auf der Welt ist so von seinem Grandpa abhängig wie ich …

Ich war 9 Jahre alt, als es passierte. Es kam so unerwartet, dass es nicht mal das Ende eines traurigen Märchens sein konnte. Meine Mum und mein Dad waren Wissenschaftler und Historiker. Sie interessierten sich für alles, was vor unserer Zeit passierte. Grandpa sagte immer, sie lebten in der Vergangenheit. Sie glaubten nur das, was sie auch selber beweisen konnten, und Märchen waren für meine Eltern der größte Schwachsinn in der Geschichte der Menschheit. Nach fast fünf Jahren mit Grandpa zusammen, hielten meine Eltern es nicht mehr mit ihm aus. Ich hörte Mum mit Grandpa streiten, jeden Tag schrie sie ihn an und manchmal hatte ich das Gefühl, sie hätte vergessen, dass er immer noch zur Familie gehört. „Ich habe gesagt, keine Märchen mehr oder ich verbiete dir, mit ihr zu reden!!!!“, rief sie eines Abends, als ich eigentlich schon schlafen sollte. „Aber es macht ihr Spaß, oder Lily??“, fragte er mich, als er sah, dass ich im Türrahmen stand, mit einem Märchenbuch in der Hand. „NENN SIE NICHT LILY!“, brüllte Mum. „Sie heißt Olivia!“ Es war kaum zu glauben, doch am nächsten Morgen packte Dad alles, was wir hatten, ins Auto und wir fuhren weg. Ohne ein Wort an Grandpa setzten sie sich mit mir ins Auto und fuhren einfach weg. Sie ließen meinen Grandpa einfach allein zurück. Allein auf einem riesigen Anwesen, worin die Familie McWheel schon immer gelebt hatte. Meine Kindheit hier war einfach ein Traum und wir vier lebten hier schon fast wie eine richtige Familie, bis meine Eltern gingen – mit mir und ohne Grandpa. Das hatte ich ihnen nie verziehen, denn seit diesem Tag habe ich für eine sehr lange Zeit nichts mehr von ihm gehört.

Doch an dem Tag, als Mum und Dad nach Ägypten reisten, um sich mit dieser Geschichte zu befassen, wurde Grandpa zum Hauptbestandteil meines Lebens. Sie waren in einer Pyramide, natürlich mit Sicherheitsleuten. Doch als einer der Sicherheitsleute die Kontrolle verlor, brach wirklich alles zusammen. Sie gingen einen instabilen Gang entlang, als sich über ihnen die Decke löste. Elf Leute wurden verschüttet und nie wiedergefunden. Auch meine Eltern nicht! Ich hatte nie die Gelegenheit bekommen, mich zu verabschieden …

Ich war sehr lange traurig, allein, am Erdboden zerstört und wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte, bis sich mein geliebter Grandpa wieder meldete und mich mitnahm zu sich nach Hause, auf das Anwesen meiner Kindheit.

Ich heiße Lily. Lily Charly McWheel. Ich wohne jetzt seit fast neun Jahren bei meinem Grandpa in der Nähe von Edinburgh, in Blackford, Schottland. Nein, eigentlich heiße ich Olivia Charlotte McWheel, aber seit ich vier bin, nennt Grandpa mich nur Lily. Er meinte immer, es klänge magischer, wie in einem Märchen. Er sah die Dinge oft anders als gewöhnliche Menschen. Manchmal denke ich, Grandpa kommt aus einer anderen Welt, er hat so etwas Magisches an sich. Aber ich liebe ihn, denn er ist die einzige Person auf der Welt, die sich wirklich um mich kümmert, die mich tröstet und die mich versteht. Ich sage immer, Grandpa ist ein Träumer.

***

Gestern Nacht war wieder so eine Nacht, in der ich hätte heulen können. Ich lag in meinem Bett bei Grandpa im Haus, mein Zimmer ist im 1. Stock direkt neben dem Badezimmer und dem Fernsehzimmer von Grandpa. Ich finde die Lage perfekt, weil ich genau 8 Sekunden brauche, um ins Bad zu kommen und nochmals 8 Sekunden, um zurückzukommen.

Was bedeutet, dass ich es unter 30 Sekunden schaffe, auf die Toilette zu gehen, wenn ich mich beeilte. Das ist jetzt nichts Außergewöhnliches, aber ich bin in jeder Hinsicht der unpünktlichste Mensch auf der ganzen Welt, meistens, und wenn ich meine Zeit für den Gang ins Badezimmer verschwenden würde, dann würde ich noch mehr Zeit verlieren, als ich sowieso schon tat. Ich glaube, irgendwann wird einem die Zeit zum Verhängnis und für eine unpünktliche Person kann das noch schlimmere Folgen haben, als für jede andere. Wahrscheinlich habe ich das auch von Grandpa, wie vieles.

Außerdem kann ich abends gut zuhören, was Grandpa so für ein Programm guckt und wenn es mich interessiert, dann lehne ich meinen Kopf einfach dicht an die Wand. Mein Zimmer ist das zweitgrößte Zimmer im ganzen Haus und ich habe alles, was ein fast 17-jähriger Teenager so braucht: Ich habe einen Schreibtisch, obwohl ich den eigentlich überflüssig finde, weil ich sowieso nicht lerne, einen zweiten Tisch, wo ich meine Modeentwürfe zeichne – Ich liebe designen, fast so sehr wie Märchen. Und ein überdimensional großes Bett, in dem ich mich manchmal selbst verliere.

Ich verliere ständig Sachen, meistens Dinge, die man für die Schule braucht. Genau dann, wenn wir ein bestimmtes Arbeitsblatt brauchen, habe ich es nicht dabei, obwohl ich schwören könnte, dass es einen Tag zuvor auf meinem Bett oder so lag. Einige Male musste Grandpa deswegen sogar in die Schule kommen, um mit meiner etwas merkwürdigen Klassenlehrerin Mrs. Judy zu reden, wie vergesslich ich doch sei.

Mrs. Judy ist ein kleines bisschen komisch; Jane Judy heißt meine Lehrerin, wenn man mich fragt, ein sehr unpassender Name für eine fast 60-jährige alte Dame. Mrs. Judy trägt ausschließlich die Farben Rosa und Beige, riecht nach Ingwer oder so und hat strubbeliges, kurzes braunes Haar. Rosa und Beige, für meinen Geschmack nicht gerade die optimale Kombination. Aber egal, Grandpa muss immer lachen, wenn er mit ihr redet und das kommt oft vor.

Wir haben eine Strichliste gemacht, wie oft wir schon in die Schule mussten, um mit ihr über mich zu reden. Ich sag nur so viel, sie ist ziemlich lang …

Mrs. Judy gehört auf jeden Fall auch zu denen, die Märchen für den größten Unsinn der Geschichte halten. Vielleicht hasst sie mich ja deswegen so sehr!

Gestern Nacht konnte ich ziemlich schlecht schlafen, ich kann oft nicht gut schlafen, einfach weil ich viel zu reale Träume habe und auch letzte Nacht wieder von meinem Unterbewusstsein durch eine irreale Welt gejagt wurde. Immer wenn ich es schaffe, mich aus dieser ebenfalls irrealen Folter zu befreien, befinde ich mich in meinem gigantischen Bett, nass geschwitzt und voller Angst vor dem Wieder-Einschlafen. Das hört sich ziemlich kindisch und albern an, ich wusste es genauso gut wie jeder andere. Aber es war echt und meine Träume waren auch nicht so, wie gewöhnliche Träume. Sie waren Reflektionen, kleine einzelne Szenen aus meiner Vergangenheit und sie ließen mich immer wieder in dieses schwarze Loch fallen, aus dem ich seit so vielen Jahren probiere herauszukommen. Aber genau wegen diesen Träumen lebte ich in der Vergangenheit, zumindest nachts, und meine Vergangenheit ist keine Zeit, in der man gerne leben möchte …

Um mich wieder in die Gegenwart zu ziehen, lese ich oft mein riesiges Märchenbuch, das ich von Grandpa zum 4.Geburtstag bekommen habe. Vor mir hat es Dad gehört, obwohl er immer gesagt hat, er habe es nicht einmal aufgemacht. Dafür sah es zwar schon ziemlich mitgenommen aus, aber ich habe Dad nie danach gefragt, ob er als Kind auch Märchen gelesen hat. Grandpa sagt ja, er glaubt, Dad habe seine Leidenschaft für Legenden und Märchen wegen Mum aufgegeben, und ist auch nur wegen ihr Wissenschaftler geworden. Ich glaube, Grandpa hat recht, wie fast immer; Mum mochte Grandpa nie besonders, obwohl er sich immer bemühte ihr alles recht zu machen. Dad liebte Mum wohl so sehr, dass er mit der Zeit vergaß, seinen Vater zu lieben. Warum er so etwas vergessen konnte, wusste ich nicht.

Grandpa war nach dem Tod meiner Eltern selber so traurig, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Nicht mal bei Grandmas Tod. Zumindest sagt er das. Ich war noch gar nicht auf der Welt gewesen, als meine Grandma gestorben ist. Ich wusste nichts über sie, nur ihren Namen: Anne. Mehr habe ich meinen Großvater nie gefragt, weil ich Angst hatte, wie er reagieren würde. Ich mochte es nicht, wenn er traurig war. Ich mochte es generell nicht, wenn erwachsene Menschen weinen oder ihre Trauer und ihren Schmerz zeigen. Dann sieht man immer, wie klein und zerbrechlich sie eigentlich doch sind, und dass die Stärke und die Unverwundbarkeit auch nur eine Fassade darstellen. Ein Schild, hinter dem sie sich verstecken können, bis zu dem Moment, in dem die Kraft nicht mehr ausreicht und sie es fallen lassen. Dann sieht man das wirkliche Gesicht und das macht die ganze Sache dann noch trauriger und grausamer, als es generell schon ist.

Ich las dieses große, braune Buch immer und ich habe noch nie ein anderes gelesen. Vielleicht, weil es Dad gehörte. Vielleicht erinnert es mich an ihn. Besonders dieses eine Märchen. Es war magisch:

Thornforest’s Legend

Um das Jahr 1800 rum, lebte irgendwo in Schottland, in den tiefsten Wäldern, wo niemand auch nur einen Fuß hineinsetzte, ein sehr wohlhabendes Ehepaar.

Sie lebten in diesem Wald, genau zwischen zwei großen Hügeln stand ihr Schloss. Das war das Anwesen der McDobbin-Familie, die schon seit hunderten von Jahren dort lebten und die Außenwelt wohl nur von Bildern kannten. Doch sie waren glücklich dort und hatten nie mit dem Gedanken gespielt, ihren Wald zu verlassen.

Die McDobbins heirateten, alleine und nur für sich und sie bekamen Kinder. Das älteste Kind war mittlerweile eine schüchterne Frau, die sich wohl kaum danach sehnte, ihr Zimmer jemals zu verlassen, um die Welt zu entdecken …

Das zweite Kind war das genaue Gegenteil zu ihrer Schwester. Mit der Zeit wurde die jüngere Tochter arrogant und selbstverliebt und so kam es, dass sie eines Tages zu ihrer großen Schwester ging und sie stark provozierte. Die ältere Tochter war Kontakt zu Menschen nicht gewohnt und wusste nicht, wie sie mit der Situation umzugehen hatte: Sie erstach ihre eigene Schwester in ihrem Zimmer …

Die Familie wusste nicht, was zu tun war, die Eltern waren überfordert und sperrten das Mädchen in ihrem Zimmer ein. Doch das Mädchen konnte nicht länger alleine sein und verzweifelte an ihrem schlechten Gewissen, bis sie eines Tages tot im Schlossgarten aufgefunden wurde, der sich unter ihrem Balkon befand.

Gefunden hatte sie ihr jüngerer Bruder, der total geschockt von dem Handeln seiner Schwester war. Aus diesem Grund entschloss er sich dazu, nicht in diesem Wald zu bleiben. Er hatte Angst vor dem Alleinsein und so wanderte er hinaus aus dem Wald, mit der Entschlossenheit, etwas Großes zu bewirken und die Welt zu verbessern.

Er ließ seine Eltern zurück, allein mit dem letzten Sohn. Seine Eltern waren krank vor Sorge, dass auch dem älteren Sohn etwas passiert in der großen Welt und deswegen versprach der Sohn ihnen, sie zu besuchen, wenn er in der Gegend sei.

Doch sobald der ältere Sohn einen Fuß aus dem Wald setzte, gab es kein Zurück. Dornen wuchsen immer höher und es war kein Durchkommen für jeden, der in den Wald zu dem Anwesen wollte.

Es vergingen viele Jahre, ohne dass die Eltern je von ihrem abenteuerlustigen Sohn etwas hörten. Sie waren sich ganz sicher: Er musste gestorben sein …

Ihr letzter verbliebener Sohn musste, ob er wollte oder nicht, daheim auf dem Anwesen bleiben und die Eltern bauten eine Mauer um das Schloss, sodass ihr Sohn wohlbehütet aufwachsen konnte!

Doch der Sohn war neugierig und durchforschte das ganze Schloss. Er kannte jeden Winkel und jedes Geheimnis. Doch sein Leben wurde von Tag zu Tag langweiliger. Er wurde ein junger Mann und war sehr gebildet. Schließlich fing er an zu lesen und studierte alles, was er in der Schlossbibliothek auffinden konnte.

Die Jahre vergingen und er fragte sich, wozu er lebte, doch aus Liebe zu seinen Eltern blieb er und tat so, als ginge es ihm gut.

Immer öfter lag er in seinem Zimmer, dachte nach, was noch kommen wird …

Mit einem Mal fiel ihm etwas auf, etwas, was er vorher nie wahrgenommen hatte. Eine winzige Tür, hinter einem seiner großen Kleiderschränke. Obwohl er jeden Winkel kannte, hat er sie noch nie gesehen, oder auch nur wahrgenommen.

Er schob alles beiseite und fand etwas Unglaubliches: Eine Art Thron, einen aus Holz gemachten Stuhl, der auf eine ganz besondere Art majestätisch wirkte. In diesem Thron lag ein Buch, es sah mitgenommen aus, und die Schriftzeichen auf dem Buchdeckel waren verstaubt.

Der junge Mann, fing an in diesem Buch zu blättern, er studierte den Thron der offensichtlich mit dem Buch verbunden war.

Doch er hielt es geheim, er war sich nicht sicher, ob sein Vater etwas von dieser Tür, die für ihn in eine andere Welt führte, wusste und er wollte es für sich behalten. Sein Projekt wuchs, er lernte eine ganz neue Sprache, er war ganz vertieft in die Arbeit, die Runen zu entziffern. Doch dann, ganz plötzlich verstarben seine Eltern, sie waren alt und schwach. Der einzig verbliebene war nun der jüngste Sohn der McDobbins!

Liam-Cormac Will McDobbin. Er blieb allein zurück. Allein in einem Wald, in den niemand auch nur einen Fuß hineinsetzen konnte …

Meistens schaffte ich es bis zu der Stelle und schlafe dann doch ein, dieses Märchen ist mein absolutes Lieblingsmärchen, es hat irgendetwas Realistisches, es ist so anders als alle anderen Märchen, die ich von Grandpa kenne. Er erzählt eigentlich immer gerne etwas über gruselige Kreaturen, so eine Art Fabelwesen, sie faszinieren mich total!

Aber heute konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht schlafen, ich war hellwach und konnte Grandpas Fernseher hören, aber ich wollte nicht zuhören, ich wollte nachdenken. Ich habe so Tage, da muss ich einfach nachdenken, weil ich sonst total überfordert bin mit allem, was hier so um mich herum passiert.

Heute Abend war es, glaube ich die Gesamtsituation, die mich immer wieder zum Nachdenken brachte: Der Tod meiner Eltern ist jetzt schon fast acht Jahre her, am 26. Oktober 2010 sind sie abgereist, mit dem Versprechen, mich nicht lange alleine zu lassen. Mein Grandpa meinte nur, ich sei doch nicht alleine, aber Mum meinte immer, Grandpa sei nicht die verantwortungsvollste Person. Ich glaube, Mum mochte Grandpa nicht besonders und ich finde es schade, dass sie ihm nie eine Chance gegeben hat.

Und dann am 29. Oktober 2010 war der eindeutig schlimmste Tag in meinem Leben gewesen! Ich war bei meiner besten Freundin Ilvy, wie jeden Donnerstag. Donnerstags war Ilvy-Tag und montags war Lily-Tag, das war schon immer so, denn Ilvy und ich sind schon seit dem Kindergarten beste Freunde. Ich weiß, dass nichts für immer halten kann, aber in diesem Fall würde ich eine Ausnahme machen.

Ilvys Familie kommt aus Schweden und bis Ilvy drei Jahre alt war, haben sie dort gewohnt, aber dann ist Familie Lindqvist hierhergezogen, nach Blackford, wo wir wohnen. Ilvys Familie ist wohl die herzlichste Familie, die es gibt. Mr. und Mrs. Lindqvist sind total nett, und ich war oft da, wenn Mum und Dad verreisen mussten und nicht wollten, dass ich zu Grandpa gehe. Ilvy hat zwei größere Brüder, Emil und Lasse; Emil ist jetzt schon dreiundzwanzig und Lasse ist vorgestern achtzehn geworden. Die beiden sind lustig und cool und irgendwie, wie meine eigenen Brüder, dachte ich manchmal, weil ich es hasste, als wohlhabendes Einzelkind abgestempelt zu werden. Ilvy war immer bei mir, auch in der Zeit, in der ich am liebsten tagelang geheult hätte.

An diesem Tag hat Grandpa bei Familie Lindqvist angerufen. Ich bin gerade zu dem Zeitpunkt durch die Küche geschlichen, um Lasse beim Versteckspiel zu finden, als Mrs. Lindqvist plötzlich anfing zu weinen. Unsere Familien waren eng befreundet und Mum hat Mr. und Mrs. Lindqvist beim Einzug damals sehr geholfen.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Grandpa holte mich ab und nahm mich mit. Ich war vollkommen überfordert mit der Situation.

Natürlich hat Grandpa mir alles erzählt: Die eingestürzte Pyramide, das Verschwinden der elf Personen. Grandpa und ich hatten nie Geheimnisse voreinander und auch das hatte er mir sofort gesagt, obwohl ich noch so jung war.

Ich habe meinen Grandpa noch nie so aufgelöst und traurig gesehen …

Diese Bilder machen mich abends im Bett oft so verrückt, dass ich kaum einschlafen kann. Oft telefoniere ich dann mit Ilvy, aber heute war es schon so spät, da wollte ich sie nicht noch einmal wecken. Ilvy ist verdammt gut in der Schule und weil morgen die Mathe-Klausur ansteht, wäre sie nur eingeschnappt, wenn ich sie nachts wecken würde.

Ich hatte keine Lust mehr zu Grandpa zu gehen, um mit ihm fernzusehen, also machte ich das Licht an und setzte mich an meinen Nähtisch.

Ich habe hier striktes Nähverbot nach 21:00 Uhr, weil Grandpa das Geräusch abends nicht mag. Also machte ich bei meinen Entwürfen weiter. Ich liebe zeichnen und designen, dort kann man so kreativ sein, nur für sich selbst. Aber heute Abend bin ich nicht weit gekommen mit meinen Kleidern, die ich für den Sommer machen möchte, denn als ich an meinem Schreibtisch wieder aufwachte, stand auf meinem Wecker schon 2:27 Uhr, Mittwoch, 17. Januar.

Kapitel 2

Lily

„Was ist los, Lily? Schlecht geschlafen?“, fragte Grandpa mich heute Morgen.Wenn der wüsste …, dachte ich mir nur. Ich bin jetzt nicht der absolute Morgenmuffel, aber wenn ich schlecht geschlafen habe, dann tut es mir für alle Anwesenden am folgenden Morgen leid.

Ich verlor mich mal wieder in meinen Gedanken und somit antwortete ich nicht auf Grandpas Frage: „Lily, ist alles okay? Ich rede mit dir.“ Grandpa ist echt verdammt fürsorglich. Ich mag es ja, dass es ihn interessiert, wie es mir geht. Aber manchmal ist es einfach ein bisschen zu viel. Meine Eltern haben sich nie wirklich dafür interessiert, wie es mir ging. Je älter ich wurde, umso mehr war ich auf mich allein gestellt. In der Zeit, in der wir nicht mit Grandpa zusammengewohnt haben, bin ich nach der Schule oft alleine gewesen. Ich hatte nicht die Möglichkeit gehabt, jemandem von meinem Schultag zu erzählen. Seitdem ich bei Grandpa wohne ist das anders. Grandpa sieht alles. „Nein, nein, es ist wirklich alles gut. Ich schreibe gleich eine Mathe-Klausur und habe wie immer nicht dafür gelernt.“ Das habe ich nur geantwortet, weil ich heute Morgen irgendwie keine Lust auf eine Diskussion mit meinem Granada hatte. Sonst würde ich ihm doch niemals in die Augen sagen, dass ich nicht gelernt habe. „Aber das ist doch nicht schlimm, Mathe … Das braucht man nicht mal zum Märchen-Erzählen!“

Mit dieser wirklich typischen Antwort verließ er den Frühstückstisch und lächelte mich noch einmal an. Ich lächelte zurück und hatte sofort ein besseres Gefühl, weil ich wusste, dass die nächste 5, die ich mit nach Hause bringen werde, nicht einmal Fernsehverbot bedeuten wird, weil es ja nur Mathe ist.

Mein Fahrrad ist wirklich nicht mehr das neueste, aber es fährt und das ist die Hauptsache. Blöd nur, dass es heute Morgen unter keinen Umständen gefahren wäre, weil ohne Kette fährt ein Fahrrad nun mal nicht …

Grandpa ist schon zur Arbeit gefahren. Er arbeitet noch, nicht weil er Geld braucht, das hat die Familie McWheel in rauen Mengen, deswegen ist unser Anwesen auch so groß.

Nein, Grandpa will einfach was zu tun haben. Außerdem arbeitet er wirklich gerne. Er meint, das hält ihn fit und in der Zeit, in der ich in der Schule bin, sitzt er eh nur alleine zu Hause rum. Dazu kommt noch das Geld, das meine Eltern als Historiker verdient hatten und das war auch damals schon mehr als genug. Das war der einzige Vorteil, den ich in einem Historiker sah: Wenn er oder sie wirklich was gefunden oder erforscht hatte, dann bekam er oder sie so viel Geld dafür, was ich schon ein bisschen unfair fand.

Also war Grandpa weg. Arbeiten. Schön und gut, aber ich musste mich jetzt so beeilen, weil es schon fast unmöglich war, noch pünktlich zu kommen. Ein Blick auf mein Handy bestätigte das sofort: 7:52 Uhr. Okay, das hieß rennen, und zwar wirklich richtig schnell rennen.

Ich nahm also meinen Rucksack, schloss das kleine Gartentor hinter meinem Rücken und rannte. Es ist nicht weit bis zur Schule, aber in acht Minuten ist es echt verdammt viel Straße, fiel mir heute wieder auf. Trotzdem, vier Fußgängerampeln und zwei Kreisel später war ich total nass geschwitzt und außer Atem. Aber ich war da. Ich stand auf unserem Schulhof.Geschafft!, dachte ich mir. Ich sah auf die riesige Uhr an der Wand: 8:03 Uhr, das war Rekord, aber anstatt mich darüber zu freuen, musste ich zusehen, schnell in die Klasse zu kommen.

Mr. Miller war schon da, das war auch schon vorauszusehen, weil Mr. Miller an Tagen, wenn Klausuren anstehen, immer gefühlt schon um 6:30 Uhr hier steht und auf uns wartet. Ilvy und ich glauben, dass Mr. Miller zu Hause nicht so zufrieden ist. Meine Freundin hatte mal gesagt: „Vielleicht ist er mit seiner Frau nicht so zufrieden und freut sich immer auf die Tage, wenn er als Ausrede mit einer Klausur kommen kann.“

„Ich glaube, der hat nicht mal eine Frau“, hat Rupert dann gesagt und seitdem sind wir alle davon überzeugt, dass er sich Zuhause einsamfühlt und deswegen immer so früh in der Schule herumgeistert. „ Um ehrlich zu sein hat der auch keine verdient, wenn man Kinder mit Matheaufgaben foltert!“, hat Julien daraufhin geantwortet und da waren wir uns wirklich alle einig.

„… damit ich euch die Arbeit austeilen kann – Ah, Miss McWheel, das ist ja schön Sie hier auch noch mal zu sehen.“ Ich hasste ihn dafür, ein paar Mädchen tuschelten sofort, wie immer.

„Schade, Mr. Miller, diese Aussage kann ich nicht ganz erwidern, tut mir leid!“ Meine Stimme war so monoton und trocken, dass ich selbst etwas überrascht war. Die Klasse fing lauthals an zu lachen und Mr. Miller sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Olivia Charlotte, setzen Sie sich und sein Sie leise! Sie kriegen Ihre Klausur zehn Minuten später.“ Ich setzte mich und musste lachen. Dann beugte ich mich nach vorn zu Ilvy und meinte: „Als ob das bei mir etwas ausmacht.“

Ilvy musste auch lachen, aber sie konzentrierte sich so auf die bevorstehende Klausur, dass es eher ein Höflichkeitslachen gewesen sein muss.

Ich habe mich nicht einmal angestrengt, irgendetwas Sinnvolles aufzuschreiben. Einige Male habe ich versucht, etwas von Ilvy oder Rupert abzuschreiben. Bei Rupert hätte es, glaube ich, auch nicht viel gebracht, denn selbst ich bin auf Ruperts Leistungsniveau. Aber Mr. Miller hat mich wirklich die ganze Zeit beobachtet, nur mich, glaube ich jedenfalls. Also habe ich es nach dem vierten Mal aufgegeben und meine Zeit abgesessen wie im Gefängnis.

„Also, ich fand’s super“, meinte Rupert nach der Arbeit.

„Das würde bei deinen Erwartungen dann so eine Fünf sein?!“, sagte Ilvy leise.

„Du bist echt fies, nur weil wir nicht alle Streber sind … Ich glaube, - es wird mindestens eine vier!“ Rupert klang leicht beleidigt.

Aber ich bekam das alles irgendwie nicht so wirklich mit, ich war schon wieder mit meinen Gedanken ganz woanders. Heute war einfach nicht mein Tag, Punkt.

„… oder Lily, hallo?“ Ilvy war ganz dicht an meinem Ohr und ich erschrak, weil ich gar nicht mitbekommen habe, wie sie sich zu mir heruntergebeugt hat.

„Was ist los?“

„Man, was hast du denn, ist alles okay?“

„Jaja, alles gut, ich war nur in Gedanken. Sorry!“

Ilvy verdrehte die Augen. Sie hasst es, wenn ich ihr nicht zuhöre, aber sie kann mir nicht böse sein. Das konnte sie noch nie, deswegen habe ich in solchen Situationen auch kein schlechtes Gewissen.

„Also, was ich eigentlich sagen wollte, ich glaube, ich habe die Arbeit verhauen. In Aufgabe 2 habe ich in der Tabelle zwei Lücken gar nicht ausgefüllt und eine ist auf jeden Fall falsch …“

Ich konnte hören, dass sie sichtlich enttäuscht mit ihrer Leistung war.

„Oh nein, Ilvy, dann wird es dieses Mal ja vielleicht nur eine Zwei plus, wie schlimm!“ Julien hatte wohl mitgehört und machte sich jetzt mit allen anderen über Ilvy lustig. Aber sie war das gewohnt, denn so verläuft jedes Gespräch mit Ilvy nach einer Arbeit, egal, welches Fach. Am Ende wird es eh immer noch die Eins minus.

Wir gingen auf den Schulhof und setzten uns auf eine Bank unter den vier großen Birken. Hier sitzen wir immer, wenn wir zu zweit sind. „Hey, Lily, jetzt sag mal bitte, irgendwas ist doch los. Ist irgendwas zu Hause passiert?“ Ilvy entgeht wirklich nichts und ich kann meiner Freundin auch nicht wirklich gut Dinge verheimlichen, deswegen wäre es nur Zeitverschwendung, ihr irgendetwas nicht zu erzählen.

„Na gut, also … Eigentlich ist ja nichts, ich habe nur schlecht geschlafen, mein Fahrrad ist kaputt und deswegen musste ich laufen und wegen meinem charmanten Wortwechsel mit Mr. Miller dürfen Grandpa und ich jetzt wahrscheinlich wieder einmal zu Mrs. Judy …“ Immer, wenn ich mich aufrege, werde ich hysterisch und meine Stimme ist auf einmal viel höher als im Normalfall. Ilvy musste sich auch heute das Lachen verkneifen, weil sie immer meint, ich sehe dabei aus wie ein leidender kleiner Hund.

„Reg dich ab, okay? Warum hast du denn so schlecht geschlafen, Mathe macht dich doch sonst nicht so verrückt oder?“

„Nein, und es ist auch nicht wegen Mathe, ich musste mal wieder an meine Eltern denken, wie fast immer, dann habe ich mir mein Märchenbuch genommen …“

„Auch wie immer, du Lily, ich weiß gar nicht, was du hast, weil das, was du hier erzählst, erzählst du mir doch bis zu sechs Mal im Monat, oder nicht?“

„Ja, aber … du verstehst das nicht, es war irgendwie anders, weißt du, immer, wenn ich dieses eine Märchen lese, wird es von Mal zu Mal magischer …“ Wieder erschienen vor meinem inneren Auge diese Bilder. Bilder, die viel zu real waren, um nur von meinem Unterbewusstsein erfunden worden zu sein.

Sie stutzte: „Also, das ist nicht normal, nicht mal für jemanden wie dich, ist wirklich alles okay?“

„Man, Ilvy, ich spinne doch nicht! Ich fühle mich irgendwie … angezogen … also irgendwie magisch. Aber jedes Mal, wenn ich diesen verdammten McDobbin-Forest auf der Karte suche, ist da nichts, nicht mal etwas, was diesem Namen ähnelt!“

Ich weiß ja selber, dass sich das alles total komisch anhört, aber es stimmt wirklich: Gestern Abend, da habe ich mich wieder so komisch gefühlt, als ob ich etwas damit zu tun hätte. Das warme Gefühl von Vertrautheit und Nähe breitete sich in mir aus, doch es wurde sofort wieder kälter, als ich mir bewusst wurde, was ich da gerade für einen Schwachsinn erzählte.

Eins weiß ich auf jeden Fall zu hundert Prozent, dieses Märchen ist anders, anders als alle anderen Märchen aus meinem Buch. Ich könnte wetten sogar anders, als alle anderen Märchen aus allen Märchenbüchern, die es gibt!

Auf jeden Fall für mich.

***

„Grandpa, ich glaube wir müssen wieder mal zu Mrs. Judy. Ich habe mit Mr. Miller diskutiert, weil ich zu spät war …“ – Nein, so konnte ich es ihm nicht sagen, das ist nicht sehr geschickt verpackt. Ich überlegte schon die ganze Zeit, wie ich Grandpa klarmachen sollte, dass wir einen weiteren Strich auf unserer Liste der Klassenlehrerbesuche hinzufügen können. In der achten Stunde, als ich dachte, ich hätte diesen Mist-Tag ohne weitere Zwischenfälle überstanden, hatte ich ein Vier-Augen-Gespräch mit Mrs. Judy. Es klopfte an der Tür und alle zuckten zusammen. Mrs. Judy erschien und wenn das im Unterricht passiert, wissen schon alle, dass irgendeiner gewaltig Mist gebaut hat: „Olivia Charlotte McWheel! Mitkommen in mein Büro!“ Wie gut ich diesen Satz aus ihrem Mund kannte …

Mindestens genauso gut kannte ihn meine Klasse und alle fingen an zu lachen. Ich wollte nicht frech wirken, aber ich musste auch grinsen.

Ilvy stöhnte nur: „Na toll, danke Lily! Jetzt muss ich hier zwei Stunden Geschichte ohne dich aushalten!“

Ich konnte nur noch ein entschuldigendes „Sorry!“ murmeln, als Mrs. Judy anfing, ungeduldig an den Türrahmen zu tippen.

Also musste ich mir ihr zweistündiges Gerede über Respektlosigkeit und Disziplin anhören, bis der abschließende Satz kommt: „Ich möchte natürlich noch mit deinem Großvater darüber reden, ich werde mich in Kürze bei ihm melden.“

Ich hörte ihr nicht zu, denn ich konnte an nichts anderes denken, als an dieses verflixte Märchenbuch. Was hat es mit mir zu tun? Wo finde ich diesen Wald? Warum genau jetzt? Ich wusste, dass es komisch war, aber ich war nicht verrückt. Eine gewisse Magie wurde von dem Märchen ausgestrahlt und ich atmete sie ein, sobald ich die Buchdeckel auseinanderklappte. Von dem Zeitpunkt an war ich wie benommen von einem Duft und einer Sehnsucht, die nach Abenteuer rief …

„… natürlich noch mit deinem Großvater darüber reden, ich werde mich in Kürze bei ihm melden.“ Da war der Satz. Geschafft!

Mit einem „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ verabschiedete ich mich und glücklicherweise konnte ich Ilvy noch zum Tschüss Sagen abfangen, um dann nach Hause zu laufen.

„Bin wieder da!“, rief ich durchs ganze Haus, während ich die Tür aufschloss, als ich merkte, dass Grandpa genau neben der Haustür saß, als würde er mich schon erwarten.

„Du bist aber spät …“ Er musterte mich von Kopf bis Fuß.

Ich probierte mir nichts anmerken zu lassen: „Ja, wir sind nach der Schule noch Eis essen gega…“ Abrupt hielt ich inne. Wieso starrte er mich so komisch an?

Er lachte.

Hält er mich für doof? Bestimmt. In dem Moment merkte ich, wie schlecht die Ausrede war. Es war Januar … Da geht man nach der Schule kein Eis essen. Ich blickte auf meine Hände. Ich hatte Handschuhe an und als ich mir durch die Haare streifen wollte, merkte ich, dass ich sogar eine Mütze trug. Erst jetzt bemerkte ich, wie kalt es draußen war und wie schön warm mir das Haus im Gegensatz dazu erschien. Ich guckte ihn verzweifelt und etwas beschämt an und fragte: „Du weißt es schon?!“

Er nickte grinsend.

„Hat Mrs. Judy dich schon angerufen?“

Er nickte wieder.

Ich fühlte mich ertappt. Jedes Mal, wenn ich ihn anlügen musste, fühlte ich mich anschließend schlecht, außerdem ich konnte noch nie besonders gut lügen. Ich war schon immer schlecht darin gewesen, ihn von etwas zu überzeugen, was gar nicht stimmen konnte. Meine Ausreden waren immer viel zu irreal und wenn ich mir etwas ausgedacht hatte, dann war es so wenig der Wahrheit entsprechend, dass jeder es hätte bemerken können.

„Lily, was ist denn los?“ Er sieht es sofort, wenn ich nicht gut drauf bin.

„Nichts … Ach, keine Ahnung, Mathe war scheiße!“ Ich wollte ihm nichts vorheulen.

„Aber das macht dir doch sonst auch nichts aus … Mathe …“ Grandpa wusste, dass es nicht nur an der Arbeit lag.

Er tippte auf den Stuhl neben sich. Ich sollte mich zu ihm setzen. Er ahnte wohl etwas, denn er schaute mich schon wieder so an.

„Also, dieses Märchenbuch … du weißt schon, das alte von Dad …“ Ich fing ganz vorsichtig an zu erzählen, er sollte mich ja nicht für verrückt halten.

Aber er blieb ruhig und nickte nur, wie immer, wenn er mir zuhört.

Ich fuhr fort: „Weißt du irgendetwas, irgendetwas, na ja … was nicht normal ist?“

„Wie meinst du das, nicht normal?“

„Ja, ich weiß auch nicht, vielleicht magisch? Denn ich finde, dieses eine Märchen, also das mit der Familie in dem Wald in Schottland …“ Ich wusste wirklich nicht, wie ich es ihm sagen sollte, es kam bestimmt total verrückt rüber. Aber Grandpa ist echt die Ruhe selbst, wenn es um Magie geht und ich könnte schwören, wenn ich ihn vor vier Jahren oder so gefragt hätte, dann wäre auch nicht so eine komische Situation entstanden, aber ich werde nun mal schon 17 und da ist es irgendwie anders.

„Du meinstThornforest’s Legend?“ Er setzte sich auf, anscheinend wusste er, wovon ich redete.

„Ja, genau dieses Märchen, das meine ich. Also ich habe auf allen möglichen Landkarten geguckt, weil ich mehr darüber wissen wollte, aber …“

Er unterbrach mich: „Aber es gibt diesen Wald nicht, nirgendwo, weil es ein Märchen ist, Lily!“

„Also ist wirklich alles erfunden? Das ist jetzt komisch, aber Grandpa … ich fühle mich so …“ Sofort unterbrach er mich schon wieder.

„Du fühlst dich magisch angezogen?!“ Dann wurde Grandpa auf einmal lauter: „Lily, hör zu, es ist ein Märchen und alles in einem Märchen ist erfunden!“

Ich fuhr zusammen. Wieso wurde er so laut? Was war denn los und wieso wusste er so genau Bescheid, wie ich mich fühlte und was ich sagen wollte?

„Grandpa, was ist mit dem Märchen, was hast du? Ist es wirklich so wie jedes andere Märchen, so wie die, von denen du mir erzählt hast?“ Meine Stimme zitterte. Ich hätte gerne noch mehr nachgefragt, aber irgendetwas an ihm wirkte plötzlich fremd. Ich fand es komisch, wieso wurde er so unangenehm, so war er noch nie mir gegenüber.

Auf einmal stand er auf und ich konnte etwas Zorn in seiner Stimme hören.

„Lily, ich möchte nicht, dass du dieses Märchen in meiner Gegenwart noch einmal erwähnst. Es ist ein normales Märchen, damit das klar ist! Dort ist nichts magisch, verstanden?!“

Ich spürte, wie mir die Tränen kamen. War das gerade mein Grandpa, der mich so angemacht hat? Mein geliebter Grandpa, der alle Märchen bewundert und mit Stolz erzählt? Was war an diesem Märchen anders, was war es, das es von den anderen, die in unserer Bibliothek standen, unterscheidet.

Ich nahm meine Tasche, flüsterte: „Entschuldige mich!“ und rannte schluchzend die Treppe hoch in mein Zimmer.

Das war mir wirklich noch nie passiert, immer war mein Grandpa auf meiner Seite. Er nahm mich in den Arm, wenn ich Streit mit Ilvy hatte oder wieder mal Stress mit meinen Lehrern bekam. Er war nie weg und ich habe ihm immer alles erzählen können …

Was um Himmels willen ist denn falsch mit diesem verdammten Märchen? Ist es wirklich so normal? Wenn ja, was hat Grandpa dann dagegen? Ich verstand die Welt nicht mehr.Mit Ilvy wollte ich jetzt nicht darüber und erst recht nicht in meinem Märchenbuch lesen, nicht heute. Normalerweise mache ich das immer, wenn ich traurig oder aufgewühlt bin. Oder ich gehe eben zu Grandpa, aber das ging jetzt nicht.

Ich legte mich ins Bett, kuschelte mich in all meine Kissen und wollte am liebsten versinken, in eine andere Welt abtauchen. In den Wald, in den sonst niemand reinkommt wegen den Dornenranken, die so hoch wie das Schloss der McDobbins sind.

Ich spürte, wie mich die Kissen immer weiter in die Welt der Träume zerrten, bis ich mich nicht mehr dagegen wehren konnte.

Kapitel 3

Lily

Lange geschlafen hatte ich natürlich nicht. Wie auch? Ich träume sofort schreckliche Sachen, wenn ich mit irgendjemanden streite oder irgendetwas nicht so Tolles passiert. Es war zwar immer noch Mittwoch, aber es war schon sehr spät, das konnte ich daran erkennen, dass nicht mal mehr der Fernseher von Grandpa lief. Mein Wecker ist heute Morgen leider zu Bruch gegangen, als ich ihn mit meinem Rucksack in der Eile vom Nachttisch runtergeworfen habe.

Ich wusste nicht, wieso, aber ich hatte ein unfassbar schlechtes Gewissen. Eigentlich sollte es Grandpa sein, der sich schlecht fühlen muss. Er war es schließlich, der mich so traurig gemacht hat. Aber egal, ich war jetzt wach und das konnte jetzt auch erst mal so bleiben.

Ich sah das Buch, es glitzerte etwas im Licht und es schien fast so, als flüsterten die Seiten mir ihr Geschriebenes ins Ohr!

Ich war hellwach und konnte nicht in meinem Bett sitzen bleiben. Also stand ich auf, schnappte mir das Buch und lief leise über den Flur. Meine nackten Füße waren kalt und ich glitt leise über den Boden, bis ich am Ende des langen Ganges angekommen war. Von dort ging eine Wendeltreppe hoch in ein weiteres Obergeschoss, eine Art Dachboden. Leise schlich ich die Stufen der Wendeltreppe nach oben. Es war stockdunkel, trotzdem fand ich den Lichtschalter, ohne lange zu überlegen. Das Licht erhellte den Raum, der von oben bis unten mit Büchern gefüllt war: Riesige Regale stapelten sich aufeinander und ich schlich zwischen ihnen hindurch. Wenn man nicht wüsste, dass es diesen Raum gab, dann würde man die Wendeltreppe, die hier hinaufführte, übersehen. Aber wenn man ihn kannte, dann war er der kostbarste und meist geschätzte Platz auf dem ganzen Anwesen. Ich kam nicht oft hier hoch, aber wenn ich es tat, dann war es etwas Besonderes. Hinter dem letzten Regal lagen sieben gigantische Kissen auf dem Boden und ein riesiger Sessel stand am Fenster. Ich ließ mich fallen und wusste, dass sie mich wie eine Wolke auffangen würden, ohne dass ich hart landen würde. Mich überkam ein vertrautes Gefühl und hier oben fühlte ich mich nicht verloren und einsam. Die Bücher füllten diesen Raum, sodass kein Platz mehr für Einsamkeit war und ich war zu Hause. Das Märchenbuch hatte ich immer noch in der Hand.

Ich schlug es auf und legte es auf meinen Schoß.

„Gute Idee, wenn du das Märchen jetzt noch mal liest, dann geht’s dir bestimmt sofort besser!“ Ich hörte diese kleine ironische Stimme in meinem Kopf echt nicht gerne, aber jetzt gerade blendete ich sie einfach aus. Ich konnte nicht mehr, ich musste jetzt noch einmal da weiterlesen, wo ich gestern in die Traumwelt entführt wurde und aufgehört hatte, und das, obwohl hier mindestens hundert andere Stimmen aus den Büchern ihre Titel in meine Ohren flüsterten. Ich hätte jedes Buch aufschlagen können und doch ließ ich mich erneut auf den Dornenwald ein …

… in den niemand auch nur einen Fuß hineinsetzen konnte.

Der junge Mann war sich bewusst, dass er tun und lassen kann, was er wollte. So stürzte er die Mauern um sein Anwesen herum, die ihn sein halbes Leben lang umgeben hatten. Er trat zum ersten Mal nach so langer Zeit wieder in seinen Wald und hasste seine Eltern einen kurzen Moment für das, was sie ihm vorenthalten hatten, indem sie ihn wegsperrten.

Der Wald war riesig, bunt und duftete so unfassbar gut. Aber auch fremd.

McDobbin baute sich ein Podest, sodass er alles, dieses wunderbare Farbenspiel, die fremden Tiere und Pflanzen, im Blick hatte und nie wieder weggehen brauchte.

Auf das Podest stellte er seinen Thron, ohne Vorahnung, es könnte alles verändern.

Der junge Mann verbrachte Tage und Nächte an seinem neuen Platz. Er schlief auch dort und wenn es regnete, verzog er sich in den Wäldern, wo die Bäume so dicht standen und ihre gewaltigen Kronen jeden einzelnen Regentropfen auffingen.

So vergingen Monate und Jahre und McDobbin war glücklich. Er ahnte nicht, dass sein Buch alles verändern würde. So las er eines Abends nur für sich einige Schriftzeichen laut vor und etwas Magisches geschah:

Sein Thron begann zu leuchten. Alles grün Bemalte wurde so hell wie die Sonne und McDobbin erkannte die Runen an der Lehne seines Stuhls wieder.

Seine Neugier umhüllte ihn und er las weiter. Es war wie ein Ritual, er konnte nicht mehr aufhören, bis die Zeile zu Ende war. Das Leuchten war vorbei und alles sah aus wie immer, doch er wusste, nichts war wie vorher. Irgendetwas hat alles verändert, jetzt in diesem Moment!

Er saß da, unschlüssig, was er jetzt tun sollte, als er plötzlich einen fürchterlichen Schrei aus dem Wald hörte.

Er fuhr zu Tode erschrocken zusammen.

So etwas hatte er in seinen schlimmsten Albträumen noch nicht gehört. Kurze Stille. Darauf folgte ein Brüllen. Ohne etwas gesehen zu haben, wusste er, dass es nicht von dieser Welt kam. Er konnte nicht anders und machte sich auf den Weg. Er musste wissen, was dahintersteckte.

Er wanderte immer tiefer in den Wald hinein, viel tiefer als er es sonst tat, ganz erstaunt darüber, wie groß sein Wald war.

Der junge Mann war sich ganz sicher, dass hier irgendetwas hauste, das er zuvor noch nie wahrgenommen hatte.

Er wanderte zwischen den beiden Hügeln umher, bis ihn seine Beine nicht weitertrugen und er in einer Höhle zu schlafen begann.

Als er wieder aufwachte, sah er in ein Paar gelbe große Augen und der Schrei, der ihn am Tag zuvor zusammenzucken lassen hat, ertönte erneut. Lauter und stärker als jemals zuvor …

Dieses Buch machte mich echt fertig. Weiter als bis zu dieser Stelle bin ich noch nie gekommen, nicht weil ich nicht weiterlesen wollte oder immer dann einschlief. Nein, ich konnte einfach nicht. Ich konnte nicht, weil es nicht ging. Der Rest des Märchens war nämlich nicht da. Die letzten Seiten von der Legende wurden rausgerissen.

So was macht mich richtig wütend. Wer bitte liest ein Buch nicht zu Ende? Da kann man doch nicht einfach das letzte, wichtigste Stück entfernen. Das ist doch wie bei einem Puzzle, da kann man auch nicht einfach zwei oder drei Teile weglassen.

Seit Tagen beschäftigt mich diese Legende und ich werde nie in der Lage sein, es zu Ende zu lesen, weil irgendjemand nicht sorgfältig damit umgegangen ist.

Warum muss denn alles immer so verdammt kompliziert sein?

Oft hatte ich mir vorgestellt, wie das Märchen weitergehen würde, aber nie ganz bis ans Ende. Denn ich hatte Angst, dass ich eines Tages die verschollenen Seiten in meinem Chaos wiederfinden und dann vom echten Ende enttäuscht sein würde.

***

Mehrere Monate waren vergangen und ich habe Grandpa kein einziges Mal mehr über das Märchen ausgefragt. Wir haben uns wieder vertragen und das Märchen habe ich auch nicht mehr lesen wollen. Es hätten sich nur noch mehr Fragezeichen in meinem Kopf aufgetan, die ich ja doch nicht beantworten kann.

Inzwischen bin ich 17 Jahre alt. Mein Geburtstag war verhältnismäßig ruhig und nichts Besonderes, was für meinen Grandpa eher seltsam ist. Als ich 13 geworden bin, hatte Grandpa 24 Kinder einladen lassen, von denen ich sechs nicht mal kannte, und hat vier Hüpfburgen aufstellen lassen. Dass dieses Jahr nicht mal ein Zelt im Garten stand, machte mich etwas traurig. Grandpa meinte einfach, ich sei jetzt zu alt für alberne Überraschungen und wahrscheinlich hatte er recht. Der Tag war trotzdem ganz schön, denn so ganz ohne Überraschung konnte Grandpa dann doch nicht: Er hatte fünf verschiedene Torten anfertigen lassen für mich, ihn, und meine engsten Freunde: Rupert, Julien und Ilvy.

Wir saßen im Garten unter dem riesigen Kirschbaum, den Grandpas Dad eingepflanzt hatte, als Grandpa geboren wurde. Daneben standen noch zwei Bäume – Einer der so alt war wie mein Dad und der andere, der auch am 06. Mai 17 Jahre alt wurde, genau wie ich. Das ist einer meiner Lieblingsplätze auf dem ganzen Grundstück. Ich bin oft hier, um meine Hausaufgaben zu machen, oder um zu lesen oder einfach nur, um für mich zu sein. Zwischen die Kirschbäume haben Grandpa und ich an meinem 9. Geburtstag eine Hängematte gehängt und eine große Hollywoodschaukel habe ich ein Jahr später von Ilvys Familie geschenkt bekommen.

Dieser Platz ist einfach perfekt für einen Träumer wie mich. Die ersten Nächte habe ich gar nicht mehr in meinem Zimmer geschlafen, sondern nur in der Hängematte, weil ich die Sternschnuppen nicht verpassen wollte, erzählt Grandpa mir immer.

Sieben Jahre später sitze ich immer noch hier und es war wie immer ein toller Geburtstag, ich hatte jeden um mich, den ich gerne um mich habe. Na ja, fast jeden. Am Abend von meinem Geburtstag bin ich zum Grab meiner Eltern gegangen. Ich habe Blumen hingelegt und mich bedankt. Ich weiß nicht, warum ich das jedes Jahr zu meinem Geburtstag mache. Vielleicht weil ich ihnen zeigen will, dass es mir gut geht, und damit sie sehen, was aus mir geworden ist. Wenn überhaupt etwas aus mir geworden ist … Es ist schwer so zu tun, als ob es einem gut geht, wenn man eigentlich innerlich zerbricht an seiner Trauer. Ich konnte es immer gut überspielen und das musste ich auch, denn das Leben musste weitergehen. Aber es gab ein paar Tage im Jahr, an denen ich die Trauer und den Schmerz nicht zurückhalten konnte – Mein Geburtstag war einer davon. Ein Tag, an dem etwas fehlte, wie an jedem anderen eigentlich auch, nur dass es an diesem Tag besonders auffiel. Aber ich konnte es nicht ändern.

Jetzt bin ich 17 und es fühlt sich wie jedes Jahr nicht anders an, aber trotzdem gut.

Als ich vom Friedhof zurückgekehrt bin, saß Grandpa immer noch unter den Kirschbäumen. Er wartete auf mich. Wir saßen lange zusammen da. Selbst als es schon lange dunkel war, dachte noch keiner von uns ans Schlafengehen. Wir redeten nicht viel, denn ich weiß wie es Grandpa geht, auch ohne viele Worte, und er weiß es bei mir. Es dauerte eine Weile, aber kurz nach Mitternacht sahen wir sie: Eine Sternschnuppe! Jedes Jahr am 06. Mai warten wir so lange, bis wir eine sehen, um uns etwas zu wünschen. Ich weiß nicht, was Grandpa sich wünscht, aber ich wünsche mir jedes Jahr das Gleiche, dieses Jahr wieder.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies mein letzter Geburtstag mit meinem Grandpa zusammen sein würde. Nicht jeder Wunsch kann in Erfüllung gehen …

Kapitel 4

Lily

Ich saß im Krankenhaus. Seit Wochen ging ich nicht mehr in die Schule, um jeden Tag bei Grandpa zu sein. Ich weiß, es ist nicht mein Leben, das auf der Kippe steht, aber irgendwie fühlte ich mich verantwortlich, für ihn da zu sein. Er ist der einzige Mensch, den ich noch hatte und so traurig wie es auch klingen mag, andersherum war es genauso. Seit meinem Geburtstag, der jetzt auch schon zweieinhalb Monate her ist, geht es meinem Grandpa einfach schlecht. Die Ärzte wissen nicht, wieso, und es gibt auch keine medizinische Begründung. Niemand findet irgendeine Diagnose, die auf die Schmerzen meines Grandpas hindeuten könnten. Er lag gequält im Bett, mit einem Gesichtsausdruck, den ich am liebsten nie gesehen hätte. Ich konnte nicht neben ihm sitzen und ihm beim Sterben zusehen, aber sobald ich das Krankenhaus verließ, fühlte ich mich schuldig, dass ich nicht bei ihm bleiben konnte. Es zerstörte mich, ihn so zu sehen: Hilflos und verzweifelt. Und selbst in dieser schweren Zeit probierte er mir ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern, indem er es vormachte. Er wollte es sich nicht anmerken lassen, wie schlecht es ihm wirklich ging, aber ich wusste, dass er kämpfte. Er kämpfte Tag und Nacht gegen die unerklärlichen Schmerzen, denn er wollte nicht aufgeben, das wusste ich.

„Lily, versprich mir eins: bring alles in Ordnung, was ich eventuell zerstört habe, in der Zeit, in der ich dort war!“, flüsterte er. Er war schwächer denn je an dem Tag, als er mir endlich alles erzählen wollte:

„Hör mir genau zu, Lily! Dieses Buch, was du liest, seit du lesen kannst … dieses eine Märchen von dem Dornenwald. Es ist sehr wohl besonders. Ich kann noch jetzt die Dornenranken wachsen hören. Die Blätter rauschten in meinen Ohren. Ich sah Farben, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren, und ich schmeckte die Abendteuer auf meiner Zunge, jedes Mal, wenn ich das Märchen las. Es hatte eine Magie, die mich anzog. Etwas, was ich mir bis heute nicht erklären kann und ich fürchte mich noch immer. Furcht und Angst vor dem Tag, der jetzt gekommen ist. Ich habe mein ganzes Leben darüber nachgedacht, wie ich es dir am besten erzählen sollte und jetzt stehe ich vor der unumgänglichen Aufgabe. “

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich konnte nichts darauf antworten, denn ich verstand ihn nicht. Aber Grandpa wollte mir nun alles erzählen:

„Der Wald, in dem McDobbin wohnt … Es gibt ihn wirklich, nur unter einem anderen Namen. In diesem Wald gibt es eine Schule. Sie ist ganz gewöhnlich, ein Internat, auf das ich selbst einmal ging. Mein Vater schickte mich dorthin, kurz nachdem meine Mutter starb. Ich werde dich nun auch dorthin schicken, denn es ist so weit. Das Märchen vom Dornenwald ist echt, Lily!“

Ich verstand die Welt nicht mehr, warum erfahre ich von all dem erst jetzt?

Vielleicht wollte er, dass ich etwas darauf antworte oder eine Frage stelle, aber ich konnte nicht.

„Ich weiß, es wird dich erst überfordern“, fuhr er fort. „Aber du wirst so weit sein, dass weiß ich … ich kannte ihn, Liam, den Herrscher des Waldes. Bis heute kann ich mir nicht erklären, wieso ich damals in diesen Wald gegangen bin. Es war ein regnerischer, dunkler Tag und der Wald lag so einsam und friedlich da, dass ich mich schließlich in ihm verirrte. Ich war taub durch den kalten Regen und ich konnte nicht mehr klar denken. Schließlich taumelte ich auf eine Lichtung zu mit Hunderten von Bäumen. Und doch waren dort zwei auffällige Bäume, die ganz anders waren: Sie waren größer und standen perfekt nebeneinander. Dort war eine Frau, die mich mit durch das Portal nahm. So kam ich zu Liam. Das war das erste Mal, als ich die Laute der Kreaturen hörte.“ Grandpa atmete schwer und ich musste mich konzentrieren, ihn zu verstehen. „Er ist der Autor von diesen magischen Erzählungen, denn er konnte es anfangs selber kaum glauben, also schrieb er es auf. Jedes kleinste Detail, jeden Flügelschlag eines Schmetterlings und jede Bewegung in den Bäumen. Jeder Windstoß und jeder Regentropfen. Liam füllte die Seiten mit Magie, und jeder der das Buch gelesen hat, weiß es. Alles fühlt sich anders an, sobald man den Fuß über die Schwelle setzt.“

„Aber, aber … wieso, ich meine, warum habe … oder konnte ich dieses Buch tausende Male lesen, aber habe nie den Autor herausgefunden?“ Ich stotterte und hasste mich für die Unsicherheit in meiner Stimme.

„Ich habe ihn geschwärzt, in der Hoffnung, du würdest es nicht finden und nie danach fragen. Du warst noch zu jung. Als du dann meintest, du fühlst dich angezogen, wusste ich, dass irgendetwas nicht stimmt.“ Ich konnte einen Seufzer hören, doch ich wusste nicht, ob er aus meinem oder seinem Mund kam. „Als ich dort war, las ich die Runen laut vor, von denen du bestimmt schon in dem Märchen gehört hast. Die Runen, die auch Liam vorgelesen hatte. Es klappte. Von dem Tag an war ich ein Teil des Zaubers. Ich wusste damals nicht, auf was ich mich da eingelassen hatte. Wir waren jung und leichtsinnig und viel zu unvorsichtig, aber ich konnte es nicht mehr rückgängig machen. Der Zauber war gesprochen. Ich war der zweite Herrscher, neben Liam. Unsterblichkeit, die Gabe, die Geschöpfe zu verstehen, übernatürliche Fähigkeiten – Dies waren die Belohnungen, die ich bekam. Aber nicht alles war gut. Liam und ich mussten unser Leben aneinanderbinden, und mithilfe eines Zaubers wurden wir eins. Wenn einer stirbt, stirbt der andere mit ihm. Allein die Geschöpfe konnten uns töten.“

„Wo ist Liam?“ Das war der erste Satz seit gefühlten Stunden, den ich gesagt habe.

„Er ist noch dort in seinem Schloss. Er war nie weg. Ich bin gegangen, als du auf die Welt gekommen bist.“

„Aber wenn du unsterblich bist, warum bist du dann … so alt?“ Ich fühlte mich immer unwohler mit jeder weiteren Frage, die ich stellte. Das alles war viel zu irreal und doch konnte ich ihm glauben. Am Klang seiner Stimme erkannte ich, dass das alles hier keine Geschichte mehr war. Nein, diesmal war es echt.

„Ich kann altern, nur sehr langsam, nur äußerlich, eigentlich bin ich noch immer 17 Jahre alt und doch lebe ich schon seit 104 Jahren auf dieser Erde.“

Ich konnte nicht mehr, es war echt. Ich redete mir ein, dass es echt war, weil ich es sonst nach jedem neuen Satz wieder vergessen würde. Ich konnte es nicht glauben und doch musste ich es, weil ich ansonsten den Verstand verlieren würde.

„Lily, ich meine es ernst. Damals, mussten wir einen Nachfolger auswählen, der unsere Arbeit fortführt. Wir wählten beide unser erstgeborenes Enkelkind. Ich konnte nicht deinen Vater nehmen, denn ich liebte ihn zu sehr. Damals wusste ich noch nicht, dass ich dich auch so sehr lieben könnte, wie ich es bei ihm tat, es tut mir so leid. Die Wahl fiel auf dich, du bist mein Nachfolger im Falle meines Todes.“

„Auf mich …?!“ Ich konnte nur flüstern, und das war schon zu viel verlangt. Meine Stimme brach.

Das musste eine Traum sein. Ein Albtraum! Grandpa konnte nicht sterben, die Unsterblichkeit, das hatte er mir doch gerade noch erzählt. Nur ein Wesen oder Geschöpf, oder was auch immer es ist, konnte Grandpa töten. Aber Grandpa war hier, ohne irgendwelche übernatürlichen Kreaturen. Wie konnte er dann sterben …?

„Liam …“ Ich sagte den Namen so leise, dass ich es selbst nicht hörte, aber es war klar, Liam war noch da. Die ganze Zeit. Er war nie weg …

„Er stirbt. Du hast recht. Ich weiß selbst nicht wie es passieren konnte. Eigentlich hat der Herrscher eine besondere Bindung zu den Geschöpfen …, aber wenn das Vertrauen bricht, dann verletzen sie ihn und dann stirbt er!“ Grandpa sagte es, als sei es alles nur ausgedacht, als ob gleich das Happy End kommen würde und alles gut werden würde. Aber so war es nicht, diesmal nicht und ich wusste es. Es war grausam.