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Ein Verrat, der tiefer schneidet als jede Klinge. Der dritte und letzte Band der abenteuerlichen koreanischen Heist-Fantasy um fünf Attentäter und ihre unmögliche Mission. Nach dem Kampf im Hafen von Quu haben die Assassinen ein höheres Ziel, als nur zu überleben. Die besten Lügner der vier Reiche begeben sich auf eine letzte Mission: Sie müssen nach Yusan zurückkehren, um zu beenden, was sie angefangen haben. Nur sitzt nun jemand auf dem Schlangenthron, der noch gefährlicher ist als der Gottkönig. Und selbst die drei Artefakte des Drachenkönigs können den Assassinen nicht vor der geballten Macht der vier Reiche schützen. Feinde werden zu Verbündeten. Freunde werden zu Verrätern. Und die, denen sie am nächsten stehen, haben die Macht, sie zu brechen. Aber nur wenn sie bereit sind alles zu verlieren, können sie das ewige Spiel der Könige gewinnen.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2025
Mai Corland
Macht ist Lüge
Nach dem Kampf im Hafen von Quu haben die Assassinen ein höheres Ziel, als nur zu überleben.
Die besten Lügner der vier Reiche begeben sich auf eine letzte Mission: Sie müssen nach Yusan zurückkehren, um zu beenden, was sie angefangen haben.
Nur sitzt nun jemand auf dem Schlangenthron, der noch gefährlicher ist als der Gottkönig. Und selbst die drei Artefakte des Drachenkönigs können den Assassinen nicht vor der geballten Macht der vier Reiche schützen.
Feinde werden zu Verbündeten. Freunde werden zu Verrätern. Und die, denen sie am nächsten stehen, haben die Macht, sie zu brechen. Aber nur wenn sie bereit sind alles zu verlieren, können sie das ewige Spiel der Könige gewinnen.
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Mai Corland ist in Korea geboren, in New York aufgewachsen und vor der Kälte des Winters nach Florida geflohen, um zu studieren. Wegen einer Reihe fragwürdiger Entscheidungen lebt sie jetzt wieder im Norden. Wenn sie nicht gerade schreibt, hält sie mit beiden Händen einen Cappuccino fest umklammert. Unter ihrem Namen Meredith Ireland hat sie bereits einige YA-Romane verfasst.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »Three Shattered Souls« bei Entangled Publishing, Shrewsbury.
Für die deutschsprachige Erstausgabe:
© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60569 Frankfurt
Lektorat: Hanka Leo
© Karte: Elisabeth Turner Stokes
Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einer Idee von Elisabeth Turner Stokes
Coverabbildung: Elisabeth Turner Stokes unter Verwendung von Motiven von Shutterstock und Pixelsquid
ISBN 978-3-10-492105-1
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[Widmung]
Vorbemerkung der Autorin
[Karte]
Die Hauptfiguren
Weitere wichtige Figuren
Was bisher geschah
Kapitel 1 Royo
Kapitel 2 Sora
Kapitel 3 Aeri
Kapitel 4 Tiyung
Kapitel 5 Sora
Kapitel 6 Royo
Kapitel 7 Mikail
Kapitel 8 Aeri
Kapitel 9 Tiyung
Kapitel 10 Royo
Kapitel 11 Sora
Kapitel 12 Mikail
Kapitel 13 Tiyung
Kapitel 14 Aeri
Kapitel 15 Sora
Kapitel 16 Tiyung
Kapitel 17 Aeri
Kapitel 18 Mikail
Kapitel 19 Aeri
Kapitel 20 Royo
Kapitel 21 Aeri
Kapitel 22 Tiyung
Kapitel 23 Sora
Kapitel 24 Mikail
Kapitel 25 Royo
Kapitel 26 Sora
Kapitel 27 Mikail
Kapitel 28 Aeri
Kapitel 29 Mikail
Kapitel 30 Tiyung
Kapitel 31 Royo
Kapitel 32 Aeri
Kapitel 33 Sora
Kapitel 34 Royo
Kapitel 35 Tiyung
Kapitel 36 Mikail
Kapitel 37 Tiyung
Kapitel 38 Sora
Kapitel 39 Tiyung
Kapitel 40 Aeri
Kapitel 41 Sora
Kapitel 42 Aeri
Kapitel 43 Tiyung
Kapitel 44 Royo
Kapitel 45 Mikail
Kapitel 46 Tiyung
Kapitel 47 Sora
Kapitel 48 Aeri
Kapitel 49 Tiyung
Kapitel 50 Royo
Kapitel 51 Sora
Kapitel 52 Mikail
Kapitel 53 Royo
Kapitel 54 Aeri
Kapitel 55 Tiyung
Kapitel 56 Mikail
Kapitel 57 Sora
Kapitel 58 Royo
Kapitel 59 Mikail
Kapitel 60 Aeri
Kapitel 61 Mikail
Kapitel 62 Aeri
Kapitel 63 Tiyung
Kapitel 64 Aeri
Kapitel 65 Mikail
Kapitel 66 Royo
Kapitel 67 Mikail
Kapitel 68 Sora
Kapitel 69 Aeri
Kapitel 70 Tiyung
Kapitel 71 Royo
Kapitel 72 Aeri
Kapitel 73 Mikail
Kapitel 74 Royo
Kapitel 75 Aeri
Kapitel 76 Royo
Kapitel 77 Mikail
Kapitel 78 Aeri
Kapitel 79 Sora
Kapitel 80 Mikail
Kapitel 81 Royo
Kapitel 82 Sora
Kapitel 83 Mikail
Epilog Royo
Danksagung
Für mein Herz und meinen Sonnenschein und meinen Mann aus Stahl
Korea hat eine reichhaltige Mythologie und eine eigenständige, lebendige Kultur. Als in den USA adoptiertes Kind koreanischer Herkunft habe ich bei der Ausgestaltung der Welt von Three Shattered Souls aus meiner eigenen Lebensgeschichte und meinen persönlichen Erfahrungen geschöpft. Dennoch soll darauf hingewiesen werden, dass diese Geschichte weder ein historischer Roman noch Fantasy vor dem Hintergrund der realen Welt ist; sie spielt in einem einzigartigen Setting, das von meinen Recherchen zu koreanischen Mythen, Legenden und kulturellen Besonderheiten inspiriert ist. Dabei habe ich mir immer wieder künstlerische Freiheiten herausgenommen und hoffe, dass den Leserinnen und Lesern die Lektüre ebenso viel Freude macht wie mir das Schreiben dieses Buches.
Aeri Diebin, Prinzessin von Yusan, König Joons Tochter
Mikail Ehemaliger königlicher Meisterspion von Yusan, Prinz von Gaya
Royo Auftragsschläger aus Yusan
Euyn Verbannter Kronprinz von Yusan, König Joons Bruder (verstorben)
Sora Giftmädchen aus Yusan, ehemals Leibeigene von Fürst Seok
Tiyung Sohn von Fürst Seok, aus dem Stillen Kerker entkommen
König Joon König von Yusan
Quilimar Königin von Khitan, Schwester von Joon und Euyn
Fürst Seok Fürst von Gain im Süden Yusans
Fürst Rune Fürst von Rahway im Westen Yusans
Fürst Bay Chin Fürst von Umbra im Norden von Yusan (verstorben)
Fürst Dal Fürst von Tamneki im Osten von Yusan (verstorben)
Uol Priesterkönig von Wei (verstorben)
Zahara/Hana Yusanische Spionin, ehemals ein Giftmädchen und Leibeigene von Fürst Seok
Sun-ye Giftmädchen aus Yusan, Leibeigene von Fürst Seok
Fallador Angeblicher gayanischer Prinz im Exil
Gambria Falladors Cousine
Daysum Soras Schwester und Seoks Leibeigene (verstorben)
Ailor Mikails Ziehvater (verstorben)
Fünf der gefährlichsten Lügner von Yusan verbündeten sich zu einer gemeinsamen Mission: der Ermordung des Gottkönigs Joon. Dann jedoch stellte sich der geplante Mordanschlag als eine Falle heraus, die Joon selbst den fünf Klingen gestellt hatte. Sein eigentliches Ziel war, dass seine Tochter Aeri ihm die einzigen Menschen zutrieb, die in der Lage sein würden, ihm aus dem Nachbarreich Khitan den Goldenen Ring des Drachenherrschers zu bringen. Der Diebstahl gelang, aber Euyn, der in Ungnade gefallene Prinz von Yusan, wurde dabei von der Königin von Khitan getötet.
Mit dem Goldring und dem Amulett des Drachenherrschers besitzt Aeri jetzt zwei Relikte, die ihr ungeahnte Macht verleihen, und muss eine grausame Prophezeiung erfüllen. Dem Berufsschläger Royo hat sie mit einer Lüge das Herz gebrochen. Zusammen mit dem Giftmädchen Sora, die verzweifelt versucht, ihre gefangene Schwester zu retten, sind die beiden in Gaya gelandet, einem ehemaligen Reich, das von Yusan als Kolonie unterworfen wurde. An ihrer Seite steht Mikail, der yusanische Meisterspion, der soeben von seiner Herkunft aus der gayanischen Königsfamilie erfahren hat. Nur er konnte das gestohlene Wasserzepter von Wei benutzen und mit den gescheiterten Attentätern in letzter Sekunde aus Khitan entkommen.
Mit drei Relikten in ihrem Besitz sind die vier Klingen in allen Reichen bedroht. Aber innere Brüche und Geheimnisse könnten die Gruppe zerstören, noch bevor der Eroberer des Throns von Yusan gegen sie in den Krieg zieht. Um zu überleben, müssen sie es mit der ganzen Welt aufnehmen – doch wer ist bereit, den ultimativen Preis zu zahlen, wenn der Drachenherrscher zurückkehrt?
Berm in Gaya
Wir sind wirklich am Arsch.
Wenn auch nicht jetzt im Moment. Fürs Erste sind wir in Gaya sicher. Aber ich denke schon den ganzen Morgen darüber nach, und alles in allem sitzen wir in der Scheiße.
Mikail steht am Fenster und schaut auf den weißen Sand und das blaue Meer hinaus. Wir haben den Goldring, und wir haben es aus Khitan rausgeschafft, und eigentlich sollte das bedeuten, dass wir gewonnen haben. Stattdessen haben wir Prinz Euyn verloren und herausgefunden, dass Mikail der letzte Gayaner königlicher Abstammung ist; wir haben ein Relikt aus Wei gestohlen – einem Königreich, das routinemäßig Yusaner abschlachtet –, einen Haufen Leute ertränkt und festgestellt, dass Aeri uns die ganze Zeit angelogen hat.
Und das ist alles gestern passiert.
Ich reibe mir über die Narbe in meinem Gesicht, während Fallador und Gambria mit Mikails Rücken reden. Die beiden haben auch gelogen. Fallador hat sich als der geflohene Prinz von Gaya ausgegeben, womit Gambria seine ebenfalls königliche Cousine wäre, aber das sind sie beide nicht. Die Wahrheit haben sie uns nur gesagt, weil wir so schnell wie möglich aus Quu wegmussten. Da Aeri bewusstlos war, konnte nur noch Mikail das Wasserzepter einsetzen.
Das Relikt glänzt in seiner Hand. Zwei Armlängen pures Gold mit einem faustgroßen Saphir obendrauf. Allein das macht es schon wertvoll, aber erst das Ätherum verleiht ihm die Macht, das Meer zu kontrollieren.
»… du warst nicht der Einzige. Mikail, hallo?«, fragt Fallador.
Mikail dreht sich um und blinzelt mit seinen blaugrünen Augen, als wäre er überrascht, ihn hier zu sehen.
Gambria verschränkt stirnrunzelnd die Arme. »Er hat überhaupt nicht zugehört.«
Ich beiße die Zähne zusammen. Sie sollten ihm verdammt noch mal eine Pause gönnen. Für jemanden, der gerade herausgefunden hat, dass sein ganzes Leben eine Täuschung war, und dessen Geliebter vor seinen Augen ermordet wurde, macht er sich ohnehin recht gut.
Ich bin kurz davor, was zu sagen, aber Mikail lächelt nur, als wäre nichts. »Ich hab zugehört, aber um der Argumentation willen, wiederholt es doch noch mal.«
Gambria schnaubt. Ihre geringe Körpergröße macht sie mit Ausstrahlung wieder wett. Aber Fallador ist höflich. Er nickt nur.
»Deine leiblichen Eltern waren die Miats, die Königsfamilie von Gaya«, fängt er noch einmal von vorn an. »Du und ich, wir wurden gemäß einer langen Tradition als Kinder vertauscht.«
Mikail schlendert zum Sofa und setzt sich Fallador gegenüber. Ihre Haut hat denselben warmen Braunton, und sie haben beide helle Augen – Falladors sind komplett grün, ohne die blauen Einsprengsel, aber das fällt bei Babys vermutlich nicht auf. Man hätte sie wohl vertauschen können, aber warum?
Ich habe einen Haufen Fragen, halte mich aber zurück, schließlich geht mich die Unterhaltung eigentlich nichts an. Ich bin nur hier, weil ich draußen auf dem Flur auf und ab marschiert bin, bis Mikail die Tür aufgemacht und gesagt hat, ich würde mit meinen Schritten das ganze Haus aufwecken. Also hat er mich reingebeten.
»Was für eine Tradition soll das sein?« Mikail lässt sich in die Kissen sinken und Fallador beugt sich zu ihm vor.
»Vor zweihundert Jahren, als Gaya eine Kolonie wurde, begannen die Miats damit, ihr jüngstes Kind heimlich in Sicherheit zu bringen, indem sie es mit einem aus dem gemeinen Volk vertauschten. Damit wollten sie sicherstellen, dass die Blutlinie der Miats nicht ausstirbt, sollte Yusan den Kolonialvertrag eines Tages brechen und wieder angreifen. So würde es immer jemanden geben, der das Flammende Schwert des Drachenherrschers führen kann.«
Das Schwert, das König Joon vor etwa zwanzig Jahren gestohlen hat.
Mikail kratzt an einem Blutfleck auf seinem Hosenbein herum. »Warum hat man es den Kindern nicht gesagt?«
Fallador runzelt die Stirn. »Man hat es ihnen gesagt, sobald sie volljährig wurden. Aber das war bei dir nicht möglich. Nicht nach dem Blutfest.« Er hält inne, die Augen voller Tränen, dann schüttelt er den Kopf und konzentriert sich wieder auf Mikail. »Wir dachten, die ganze königliche Blutlinie wäre ausgelöscht worden, dich eingeschlossen. Ich hielt mich für den einzigen Überlebenden, also … musste ich …«
Sein Kehlkopf hüpft auf und ab. Schniefend dreht er sich weg.
Gambria legt eine Hand auf Falladors Schulter. »Also haben wir in Khitan die Fassade aufrechterhalten. Als wir erfuhren, dass du überlebt hast, warst du bereits als Spion für Yusan unterwegs, und alle glaubten, Fallador wäre der geflohene Prinz. An dem Punkt hielten wir es für sicherer, nichts zu sagen. Falls jemand die letzten Mitglieder der gayanischen Königsfamilie töten wollte, würden sie mich und Fallador holen. Und du wärst in deiner Rolle als Meisterspion geschützt … trotz aller gegenteiligen Bemühungen.«
»Das ist eine ziemlich beschissene Begründung«, platze ich heraus.
Gambria sieht mich mit purer Verachtung an und fährt unbeirrt fort. »Wir dachten, du wärst in größerer Gefahr, wenn du die Wahrheit wüsstest.«
Mikail blickt von ihr zu Fallador und wieder zu ihr. »Seid ihr beide tatsächlich miteinander verwandt?«
»Nein«, erwidert Fallador verlegen grinsend. »Gambrias Eltern arbeiteten in der Palastküche. Sie hat mir das Leben gerettet, indem sie mich in einer Kiste auf einem Frachtschiff versteckt hat, kurz bevor sie meine … unsere Familie erwischt haben. Wir beschlossen, uns als Cousin und Cousine auszugeben, sobald wir in Khitan an Land gingen.«
Es war also alles erlogen.
Ich bin gespannt auf Mikails Reaktion, aber er nickt nur. Er nimmt das alles ziemlich gelassen. Zu gelassen für meinen Geschmack. Aber vielleicht sind Lügen keine große Sache, wenn man selber in so vielen verstrickt ist.
»Wer weiß sonst noch davon?«, will Mikail wissen.
»Niemand«, antwortet Fallador. Mikail zieht eine Braue hoch, aber Fallador hält seinem Blick stand. »Alle, die davon wussten, sind an dem Tag gestorben. Gambria habe ich es erst erzählt, nachdem du vor acht Jahren zum ersten Mal Kontakt zu mir aufgenommen hast. Wie du dir vorstellen kannst, war das ein … intensiver Moment zwischen uns.«
Sie sieht ihn streng an, und obwohl ich sie nicht mag, verstehe ich ihren Ärger. Sie haben so viel zusammen durchgemacht, und trotzdem hat er ihr nicht die Wahrheit gesagt. Er hat ihr nicht genug vertraut, sie nicht genug geliebt, oder es war ihm nicht wichtig genug, ehrlich mit ihr zu sein. Ich balle die Fäuste – das ist ein Verrat, den ich kenne.
»Na ja … und deine Freunde, die wissen es nun natürlich auch«, korrigiert ihn Gambria, und ihre blauen Augen schnellen zu mir. »Apropos, was ist eigentlich genau der Plan?«
Genau, was machen wir jetzt? Aeri hat den Goldring von Khitan und das Zeitenglas, und Mikail hat das Wasserzepter. Damit fehlen uns nur noch das Flammende Schwert von Gaya und die Unsterbliche Krone, und König Joon hat beides in seinem Besitz. Niemand weiß, dass wir hier sind … noch nicht, aber man wird in allen Reichen nach uns suchen. Wir haben drei Relikte. Jetzt werden wir gejagt.
»Sora und Aeri schlafen noch?«, erkundigt sich Mikail.
»Ja«, antworte ich.
Mikail schwenkt das Zepter hin und her, und auf seiner Stirn bildet sich eine Sorgenfalte. Ein Schauder durchfährt mich ungeachtet der Wärme im Raum. Diese Falte habe ich nicht mehr bei ihm gesehen, seit Euyn anbot, sein Leben auf den Goldring zu verwetten. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich Mikail noch nie besorgt gesehen, wenn die Todesgefahr ihn selbst betraf. Doch mit denen, die er liebt, ist es etwas anderes: Einen geliebten Menschen zu verlieren, kann schlimmer sein als der Tod. Das weiß ich besser als die meisten anderen.
Mikail greift nach dem Metallkrug auf dem Tisch und schenkt sich Wasser nach. Ich glaube, es ist schon sein sechstes Glas heute.
»Wir müssen nach Jeul und Statthalter Yong aus der Welt schaffen«, sagt Mikail. »Der Plan ist, Gaya zu befreien.« Er hält inne und schaut zu mir. Ich muss so verwirrt aussehen, wie ich mich fühle, denn er redet weiter. »Jeul war die Hauptstadt von Gaya, als es noch ein eigenständiges Reich war, und die Kolonie wird noch immer von dort regiert. Die Stadt befindet sich im Nordwesten der Insel.«
Fallador legt den Kopf schief, und Gambria zieht eine Augenbraue hoch.
»Was ist mit den yusanischen Garnisonen?«, fragt Fallador. »Die Insel ist von etwa sechstausend Soldaten besetzt, und die meisten davon sind in der Umgebung von Jeul stationiert.«
Angesichts dieser Zahl dreht sich mir der Magen um. Doch Mikail lässt das Zepter wie einen Kreisel herumwirbeln und zuckt mit den Schultern. »Sobald wir die Hauptstadt eingenommen haben, stelle ich die Königliche Garde vor die Wahl: Flucht oder Tod.«
Was?
»Was?«, ruft Gambria. »Die Hauptstadt einnehmen – womit? Mit Charme und Humor? Du hast keine Armee, keine Marine. Alles, was wir haben, ist ein Ruderboot, das wir von dem Kriegsschiff gestohlen haben, und die Kleider, die wir am Leib tragen.«
Fallador kommt Mikael mit seiner Antwort zuvor. »Selbst wenn wir Jeul einnehmen …« Er bricht ab und wirft Gambria einen missmutigen Blick zu. »Wenn du die Soldaten laufen lässt, werden wir es mit noch mehr Gegnern zu tun bekommen.«
Mikail hält das wirbelnde Zepter mit einem Finger an. »Schlägst du also vor, dass ich sie alle töte?«
Falladors Augen weiten sich, und er schüttelt den Kopf. »Was? Nein. Aber wir brauchen unsere eigenen Soldaten – und zwar eine ganze Menge.«
»Wir können die gayanische Bevölkerung zusammentrommeln«, sagt Mikail. »Aber ich bezweifle, dass wir mit unseren drei Relikten so viele Soldaten brauchen.«
Gambria und Fallador tauschen Blicke aus, während ich darüber nachgrüble, wie Mikail sich das vorstellt. Okay, wir haben die Relikte, aber sechstausend Soldaten sind verdammt viele Männer für uns sechs. Und wir wissen noch nicht, was mit Aeri passiert, wenn sie die zwei Relikte einsetzt. Diese Dinger fordern einen hohen Tribut.
Na prima. Ich mache mir schon wieder Sorgen um sie. Ich trete gegen den leeren Stuhl neben mir. So lerne ich meine Lektion.
Gambria und Fallador werfen sich weiterhin Blicke zu, aber keiner sagt etwas. Das Schweigen zieht sich, bis es mir auf die Nerven geht.
»Sprich!« Mikail schlägt mit der Hand auf die Sofalehne. Was für jemanden, der kein besonders aufbrausendes Temperament hat, schon bemerkenswert ist. Er ist gerade wirklich nicht er selbst, aber wie sollte er das auch sein, wo er doch selbst gar nicht weiß, wer er eigentlich ist.
»Adoros«, wendet sich Gambria mit seinem echten Namen an ihn. »Diese Insel ist schon seit zwei Jahrhunderten unter yusanischer Herrschaft. Und seit fast zwanzig Jahren ist sie vollständig besetzt. Ich habe dir gesagt, es ist nicht mehr das Heimatland, wie wir es kannten – dieser Ort existiert nicht mehr. Zwei Jahrzehnte reichen aus, um eine Generation vergessen zu lassen und um das Volk dazu zu bringen, Yusan gegenüber loyal zu sein, nicht Gaya.«
»Das kann nicht sein«, sagt Mikail mit wutverzerrtem Gesicht. »Ich habe Kontakt zu Spionen. Es gibt durchaus Widerstand auf der Insel.«
Sie runzelt die Stirn. »Den jungen Leuten wurde eingetrichtert, dass Yusan sie befreit hat, und du behauptest, das kann nicht sein?«
»Ein Joch ist doch keine Befreiung – sogar Tiere kennen den Unterschied«, entgegnet er. »Es gibt noch eine Generation, die sich an das Blutfest erinnert.«
Ich fühle mich wie bei einem Tuhko-Spiel – mein Blick geht hin und her, während sich die beiden Parteien einen Schlagabtausch liefern. Da ich nicht weiß, wer recht hat, warte ich einfach auf den nächsten Punkt.
»Nicht alle haben bei dem Aufstand mitgemacht«, sagt sie. »Und du weißt es. Die Menschen, die die Wahrheit kannten, sind entweder tot oder unter den Gewinnern. Im Zweifel siegt die Feigheit über die Tapferkeit.«
Mikail macht eine wegwerfende Handbewegung. »Die Erinnerung lebt.«
»Und das weißt du, weil du mit so vielen Menschen dort gesprochen hast?« Gambrias Wangen färben sich rot, und ihre Stimme wird lauter. »Nur weil du die Realität nicht wahrhaben willst, geht sie davon nicht einfach weg!«
Ich stelle mich näher zu Mikail. Ich bin zwar nicht sein Leibwächter, aber diese Frau hat kein Recht, ihn so anzuschreien. Und es macht mir nichts aus, sie rauszuschmeißen, auch ohne Auftrag.
Gambria atmet hörbar aus und steht auf. »Ich gehe mal an die frische Luft.«
Ohne ein weiteres Wort verlässt sie den Raum. Niemand macht einen Mucks, bis die Tür leise hinter ihr ins Schloss fällt.
Die sind wir los. Endlich.
Mikail starrt wieder mit leeren Augen vor sich hin. Er wirkt, als wäre er zwischen zwei Welten gefangen, als würde er im wachen Zustand schlafwandeln. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl. Nachdem man vor acht Jahren meine Freundin ermordet hat, konnte ich die Straße der Seelen nach mir rufen hören, aber ich war im Diesseits gefangen. Ich wäre für den Tod bereit gewesen. Zu überleben ist nicht immer ein Segen, manchmal ist es auch ein Fluch. Und Mikail scheint es jetzt genauso zu gehen.
Ich erschaudere. Wenn er den Tod sucht, wird er ihn finden. Und was passiert dann mit dem Rest von uns?
»Sie liebt dich wirklich«, sagt Fallador.
Mikail blinzelt angestrengt, er gibt sich Mühe, im Hier und Jetzt zu sein. Dann grinst er gespielt gelassen. »Sie hat eine seltsame Art, das zu zeigen.«
Fallador zuckt mit den Schultern. »Liebe ist wie Wasser. Sie kann viele verschiedene Formen annehmen, viele verschiedene Stadien durchlaufen und bleibt dennoch immer dieselbe.«
Ist das so? Ich schlucke hart und denke an Aeri, die in dem Zimmer drüben schläft. Befinden wir uns nur in einem anderen Stadium? Nein, der Schmerz in meiner Brust sagt etwas anderes. Ohne Vertrauen kann es keine Liebe geben. Sie hat mir nicht genug vertraut, um ehrlich mit mir zu sein, ich kann mich kein bisschen auf sie verlassen. Ich will, dass es ihr gut geht – selbst jetzt noch –, aber es ist nicht Liebe.
»Bist du sicher, dass … du okay bist?« Fallador streckt die Hand aus und legt sie auf Mikails Arm. Ihre Blicke treffen sich, und ich räuspere mich im denkbar schlechtesten Moment. Beide starren mich an. Ohne Gambria bin ich hier das fünfte Rad am Wagen.
»Ich … ich sollte mal nach dem Rechten sehen«, sage ich. Falls es einen unauffälligeren Weg gegeben hätte, die beiden allein zu lassen, so habe ich ihn nicht gefunden.
Mikail entzieht sich Falladors Berührung und nickt. »Das ist eine gute Idee.«
Ich bin schon fast draußen, da bemerke ich ein enttäuschtes Stirnrunzeln in Falladors Gesicht, bevor er sich wieder um einen neutralen Ausdruck bemüht. Er zeigt nicht offen, was er fühlt. Können wir ihm vertrauen?
Können wir überhaupt noch irgendjemandem vertrauen?
Berm in Gaya
Ich vergrabe meinen Kopf unter einem Kissen. Niemand in den vier Reichen trampelt so laut wie Royo. Seit dem Morgengrauen tigert er draußen durch den Gang, und mit jedem Schritt knarzen die Bodendielen. Währenddessen wälze ich mich in diesem hübschen Reisegasthaus, durch dessen Fenster die Meeresbrise hereinweht, rastlos im Bett hin und her.
Wir sind vorübergehend in Sicherheit, was ich nutzen sollte, um Schlaf nachzuholen, doch mein Kopf kommt einfach nicht zur Ruhe. Meine Gedanken kreisen unablässig um Daysum, Tiyung und was aus uns allen werden wird.
Im Nachhinein erscheint es mir töricht, aber vor Euyns Tod hatte es sich fast so angefühlt, als könnten wir fünf alles überleben, wenn wir zusammenhalten. Weder das gescheiterte Attentat in der Arena noch der Angriff der Marnen noch eine Lawine waren uns zum Verhängnis geworden – um nur einige der Gefahren zu nennen, die wir heil überstanden haben. Doch jetzt ist klar, dass wir nicht unbesiegbar sind, nicht einmal Aeri, die mit einem Fingerschnippen Schiffe versenken kann. Royo ist wohl auch besorgt um sie.
Nicht dass er das zugeben würde.
Ich drehe mich zur anderen Seite, streiche mein langes Haar auf dem Daunenkissen zurück und versuche, noch einmal einzuschlafen. Aber ich gebe gleich wieder auf: Es hilft nichts, ich bin hellwach. Ich schlüpfe aus dem Bett, ziehe rasch mein schweres Kleid und die Stiefel an und öffne die Tür.
Royo steht direkt davor. Er macht einen Satz zurück und greift nach seiner Klinge.
»Guten Morgen«, sage ich.
»Oh. Sora.« Er atmet stoßweise, es kostet ihn sichtlich Mühe, seine breiten Schultern zu senken. »Hi.«
»Wolltest du gerade anklopfen?« Ich zeige auf die Holztür.
»Mhm, nein, ich war … Nein. Ich bin nur … Ich wollte … Nein.« Er nickt, dann schüttelt er den Kopf.
Das war die falsche Frage.
»Möchtest du reinkommen?«
»Ist sie … Nein, ich bleibe gern hier draußen.« Er schiebt die Hände in die Taschen. Er trägt eine weite Hose und ein Unterhemd, das für seine muskulöse Brust viel zu eng wirkt. Und in dieser Brust schlägt ein gebrochenes Herz.
Er späht an mir vorbei zu Aeri, die auf dem anderen Bett schläft. Gestern Abend haben wir beschlossen, dass jemand sie besser im Auge behalten sollte, und ich habe angeboten, mein Zimmer mit ihr zu teilen. Ich war froh über Gesellschaft. Als Kind habe ich im selben Raum geschlafen wie meine Brüder und Daysum, und in der Giftschule waren neunzehn andere Mädchen im Schlafsaal, zumindest in der Anfangszeit. Danach lag Hana jede Nacht neben mir, bis sie starb. Es schläft sich leichter, wenn man einen geliebten Menschen bei sich weiß.
»Ich wollte mir ein bisschen die Beine vertreten«, lüge ich. »Möchtest du mitkommen?«
»Mhm … ja«, sagt Royo.
Ich lächle und schließe die Tür hinter mir ab. Er beobachtet es mit Argusaugen, als könnte ich es vermasseln, einen Schlüssel zu drehen. Sie weckt immer noch seinen Beschützerinstinkt, auch wenn er das abstreiten würde. Gebrochene Herzen treiben Dornen aus, wenn sie sich wieder zusammenflicken. Seins hat jetzt einen doppelt so dicken Panzer.
Wir gehen die Treppe in den Empfangsraum hinunter. Es ist eine kleine Herberge mit zwanzig Zimmern auf zwei Etagen, aber es gibt ein gutes Abendessen.
Royo und ich treten an die Rezeption. Das Mädchen hinter dem Tresen lächelt und wünscht uns einen Guten Morgen. Die Leute hier sprechen Yusanisch.
Ich will gerade etwas erwidern, als der Wirt selbst auftaucht. Ich kann schwer einschätzen, wie alt er ist, vierzig vielleicht, aber er hat eine beginnende Glatze, einen dünnen schwarzen Schnurrbart und gierige braune Augen.
»Geht es in die Stadt, werte Dame?«, fragt er.
»Ja. Gibt es hier in der Nähe ein Bekleidungshaus?«
Das Mädchen beschreibt mir den Weg, während der Wirt mich weiterhin anstarrt. Obwohl es warm im Raum ist, läuft mir ein kalter Schauer den Rücken hinab. Etwas an ihm löst einen Fluchtreflex in mir aus. Zum Glück dauert das Gespräch nicht lange, denn bis zum nächsten Laden ist es nicht weit.
»Wir gehen Klamotten kaufen?«, fragt Royo, als er die Tür zur Straße öffnet.
»Du musst nicht mitkommen, aber ich falle hiermit zu sehr auf.« Ich zupfe an meinen Kleidern. Den Pelzumhang habe ich in der Schlacht verloren und den Brustpanzer im Zimmer gelassen, aber ich trage ein Kleid für kalte Witterung, und in Gaya ist es tropisch heiß. Wir sollten wirklich nicht noch mehr Blicke auf uns ziehen als ohnehin schon.
Beim Hinausgehen werfe ich einen Blick über die Schulter und sehe, dass der Wirt mich immer noch anglotzt. Eine böse Vorahnung beschleicht mich, aber ich schüttele sie ab. Vielleicht irritiert mich einfach das Gefühl, wieder Beute zu sein. In Khitan, wo Frauen gleiche Rechte haben, war es anders, doch nun sind wir wieder auf yusanischem Hoheitsgebiet.
Draußen erinnert mich die salzige Luft an mein Häuschen in Gain. So zwiespältig es auch sein mag, es ist ein Gefühl von Vertrautheit. Dabei ist diese Insel anders als alle Orte, an denen ich jemals war. Mikail sagte, Berm sei die zweitgrößte Stadt in Gaya, aber sie ist viel kleiner als Gain oder sogar Use. Weniger als zehntausend Einwohner, vermute ich. Die Gebäude sind weiß gekalkt und mit Palmblättern gedeckt; vor den Eingängen liegt Seegras. Schwarze Holzpfähle schützen sie vor Springfluten.
Ich humple die asphaltierte, sandige Straße entlang. Mein kleiner Zeh, der mir auf dem Weg zum Cerome-See erfroren ist, bleibt schwarz, aber wenigstens spüre ich ihn nicht. Drei weitere Zehen sind rot und schmerzen beim Auftreten immer noch.
»Alles in Ordnung mit deinen Füßen?« Royo starrt auf meine Stiefel und schaut dann mich an.
»Es lässt sich aushalten«, sage ich. »Wie geht es dir?«
»Gut.«
Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu. Auf uns treffen viele Beschreibungen zu, aber »gut« geht es niemandem von uns.
Er seufzt. »Ich bin wütend, verletzt, einsam, fühle mich wie der letzte Trottel – such’s dir aus.« Er kickt einen Stein weg, der über die Straße schlittert.
Ich verstehe, was er meint, und kann es doch nicht nachempfinden. Mich hat noch nie jemand, den ich liebe, so belogen wie Aeri ihn. Umgekehrt habe ich jemandem, den ich liebe, Dinge verschwiegen. Daysum hat immer behauptet, sie käme damit klar, alles zu wissen – ich aber wusste, dass das nicht stimmt.
»Manche Wahrheiten werden aus Liebe verheimlicht«, sage ich.
Er schüttelt den Kopf. »Wenn man jemanden liebt, kann man keine Geheimnisse vor ihm haben.«
Ich starre ins Leere. »Wenn man glaubt, dass die Wahrheit ihm unnötig wehtut, schon.«
Royo macht den Mund auf und klappt ihn wieder zu, während wir unseren Weg fortsetzen.
Als wir gestern Nacht in unseren Betten lagen, haben Aeri und ich uns lange unterhalten. Wir sprachen darüber, dass sie keiner Menschenseele, auch Royo nicht, von dem Amulett erzählt hat. Ich hätte dasselbe getan. Der Träger des Relikts bestimmt buchstäblich über Leben und Tod. Sie hat damit Mikail in Oosant gerettet und Royo auf dem Sol, und mich hat sie in Khitan vor Seok in Sicherheit gebracht. Dann hat sie mit dem Ring vor unseren Augen zwei Kriegsschiffe in pures Gold verwandelt. Womöglich ertranken dadurch zwei Könige, die sich einbildeten, Götter zu sein. Natürlich hat sie das goldene Zeitenglas vor allen geheim gehalten. Die meisten Leute würden sie niedermetzeln, um ein so mächtiges Relikt in die Finger zu bekommen, allen voran ihr eigener Vater. Und wenn Royo davon gewusst hätte, wäre er ebenso in Gefahr geraten.
Es gibt Bürden, die wir allein tragen, damit ein geliebter Mensch nicht von der Wahrheit erdrückt wird.
Aber nicht alle Geheimnisse werden aus Fürsorge gewahrt. Euyn hat mir verschwiegen, dass meine Eltern mich und Daysum nie verkauft hatten und dass er meinen Vater zum Spaß gejagt hat. Genauso wenig hat er irgendjemandem verraten, dass er glaubte, kein Baejkin zu sein. Die Wahrheit wird manchmal auch aus Eigennutz oder zum Selbstschutz verschwiegen. Auf Aeri trifft das aber nicht zu, denke ich. Jedenfalls nicht Royo gegenüber.
»Sie wollte dich nicht einweihen, um dich nicht in Gefahr zu bringen«, sage ich. »Ihr Vater und viele andere hätten dich womöglich gefoltert, bis du sie verrätst. Sie hat dich im Dunkeln gelassen, damit du nicht mit hineingezogen wirst.«
»Na klar, weil wir ja überhaupt nicht mit drinhängen«, erwidert er trocken.
Ich muss über seinen Galgenhumor lachen. Ja, wir hängen alle mit drin. Niemand von uns ist sicher, solange wir keinen Weg finden, diese Sache zu beenden. Wie ich auf der Palasttreppe in Khitan gesagt habe: Die, die wir hassen, sterben zuerst.
Nur wie?
Wir haben mächtige Relikte, aber wir sind nur zu viert – mit Fallador und Gambria zu sechst, falls wir ihnen trauen können. Einmal war uns das Glück im Kampf gegen die Königreiche hold. Ohne eine Armee im Rücken werden wir wohl kaum eine zweite Schlacht überleben. Wie erringen wir den Sieg? Wie lassen wir Seok sterben und Daysum leben? Wie morden und retten wir zugleich?
Royo und ich gehen weiter durch die feuchte Luft. Hier regnet es nicht, denn Gaya liegt so weit südlich, hat Mikail uns erklärt, dass der Monsun daran vorbeizieht, so wie die Regenwolken nicht bis Fallow im Westen kommen.
Auf der Insel scheint das ganze Jahr über die tropische Sonne. Kokos- und Dattelpalmen ragen in den Himmel, ihre Schatten sind eine Wohltat in der Hitze. Schweiß glänzt auf Royos Stirn und durchnässt sein Hemd. Zwar kommen wir an einer Schmiede, einem Brothaus, einer Gerberei und einem Pferdestall vorbei, aber Kleiderhäuser sehe ich keine.
Ich befürchte schon, eine Abzweigung übersehen zu haben, als wir auf einmal ans Ende der Straße gelangen. Wir waren so auf die Geschäfte zu beiden Seiten konzentriert, dass wir beinahe am Fuß der Burg stehen, bevor ich sie bemerke. Royo wirkt ebenfalls überrumpelt. Er blinzelt und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Die Festung ist auf einem grünen Hügel erbaut, und die Soldaten, die auf den Wehrgängen patrouillieren, sind von der Königlichen Garde Yusans. Ihre hellbraunen Uniformen und schwarzen Lederharnische sind unverkennbar. An den Türmen flattert die rote Fahne mit der schwarzen Schlange im Meereswind.
Royo späht aus dem Augenwinkel zu mir und wechselt dann auf die andere Straßenseite, weg von dem Fort. Mit dem Kinn bedeutet er mir, ihm zu folgen. Jetzt der Königlichen Garde in die Arme zu laufen, ist das Letzte, was wir gebrauchen können. Ich bezweifle, dass schon nach uns gefahndet wird, aber wir können gut darauf verzichten, uns hier bemerkbar zu machen.
Ich will gerade die Straße überqueren, da werde ich auf etwas aufmerksam. Zwei Soldaten sprechen mit einer kleineren Frau. Sie lacht, und ich bleibe wie angewurzelt stehen.
Dieses Lachen kenne ich. Ich habe es in einem Schlitten in Khitan gehört.
Gambria spricht mit der Königlichen Garde.
Mir wird heiß und kalt. Keine Ahnung, wo Mikail und Fallador sind, aber wir haben Aeri im Gasthaus allein gelassen. Gambria weiß, dass sie zwei Relikte hat, und Yusan würde für diese Information eine hohe Belohnung zahlen. Laut Mikail ist Gambria loyal, aber stimmt das? Genug Gold kann selbst das stärkste Herz in Versuchung führen.
Vor Angst krampft sich mein Magen zusammen, und mein Puls rast. Wir müssen zurück zum Gasthaus.
Royo und ich wechseln einen Blick. Sein Atem ist schneller geworden, und seine Muskeln sind angespannt. Mit zusammengebissenen Zähnen und durchgedrücktem Rücken marschiert er neben mir bis zur nächsten Seitenstraße. Sobald wir um die Ecke gebogen sind, rennen wir los.
Berm in Gaya
Ich habe neben Sora geschlafen wie ein Stein. Langsam wache ich auf, als mich jemand am Knöchel packt. Ich stöhne. Schon wieder ein Traum über Prinz Omin. Wie er mich berührt, bevor ich ihn umbringe. Das war vor sieben Jahren – wann hören diese Albträume endlich auf?
Doch dann rieche ich die salzige Brise und höre mehrere Männer durcheinanderreden. Es ist nicht Omin – nein, der ist tot, und ich bin wach.
Die Wirklichkeit ist schlimmer als ein Albtraum.
Ich reiße die Augen auf, als mich yusanische Soldaten aus dem Bett zerren. Mein Herz pocht wild, meine Gedanken rasen. Wie haben sie mich gefunden? Sie halten mich bereits an den Armen und ziehen mich aus den Laken. Mikail hat gesagt, dass wir hier sicher sind. Aber die Königliche Garde hat uns gefunden.
Warte … Sora. Wo ist Sora? Sie hat doch gerade noch im Bett neben mir gelegen.
Verzweifelt blicke ich mich um, doch ich sehe nichts als königliche Gardisten in schwarzer Lederrüstung. Es sind zwar keine stahlgepanzerten Palastwachen, aber dafür sind es viele.
Ich schlage um mich und schaffe es kurz, mich aus dem Griff der Soldaten zu befreien. Eine Sekunde später ist es mit meiner Freiheit jedoch schon wieder vorbei, als sie mich erneut an den Handgelenken fassen und mir die Arme auf den Rücken drehen.
»Royo!«, schreie ich, doch die Angst schnürt mir die Kehle zu. »Royo!«
Eine schwitzige Hand verschließt meinen Mund. Die Finger riechen nach Zwiebeln. Mir wird übel.
Ich winde mich, versuche mich mit aller Kraft zu befreien, während ich den Raum nach etwas absuche, das mir dabei dienlich sein könnte. In diesem Zimmer im zweiten Stock befinden sich fünf Soldaten, und ich kann nirgendwohin. Sora ist weg. Entweder haben sie sie schon geholt, oder sie ist ohne mich geflohen.
Nein. Sie muss gefasst worden sein. Sie hätte mich nicht einfach zurückgelassen.
Zwei der Soldaten heben mich hoch und wollen mich davontragen. Ich krümme mich, trete nach ihnen, woraufhin ein dritter meine Beine festhält.
Es ist hoffnungslos.
Meine Handflächen schwitzen, und das Herz hämmert mir gegen die Brust. Sie bringen mich irgendwohin, weg von meinen Freunden, weg von Royo. Nein. Ich brauche eine Waffe, aber mein Dolch ist noch unter meinem Kissen versteckt. Ich bin unbewaffnet und lediglich mit einem Slip bekleidet. Mir wird flau im Magen. Plötzlich beginnen der Ring und das Amulett auf meiner Haut zu vibrieren, als flehten sie darum, eingesetzt zu werden. Ja, ganz machtlos bin ich nicht, doch mit gefesselten Armen kann ich die beiden nicht erreichen. Moment … das muss ich ja gar nicht. Die Relikte funktionieren allein durch Intention, nun da sich ihre Macht vervielfacht hat.
Seltsamerweise versuchen sie nicht, mir den Ring zu entreißen oder das Zeitenglas aus meinem Dekolleté zu hebeln. Die Relikte sind mit meinem Körper verschmolzen, doch offenbar wissen die Männer gar nicht, dass ich sie besitze.
Sie werden es schon noch herausfinden.
Ich bereite mich gerade darauf vor, die Männer in Gold zu verwandeln, als Mikail zur Tür hereinstürmt. In einer Hand hält er das Wasserzepter, in der anderen sein flammendes Schwert. Er sieht in jeder Hinsicht wie ein Kriegerkönig aus.
Alle erstarren. Außer Mikail.
Mit schwingendem Schwert stürzt er sich in den tödlichen Kampf. Mit einer einzigen fließenden Bewegung schlitzt er die drei Soldaten auf, die mich festhalten. Sie lassen mich fallen und greifen sich an ihre Körpermitte. Ich pralle hart auf der gewebten Matte auf und weiche mit einer Seitwärtsrolle den Blutfontänen und umherspritzenden Eingeweiden aus.
Der Soldat in unmittelbarer Nähe zur Tür ergreift die Flucht, während Mikail den stöhnenden Männern die Kehlen aufschlitzt. Auf dem Korridor ist ein kurzer Aufschrei zu hören, dann kommt Fallador herein, von dessen Schwert frisches Blut tropft.
Der letzte Soldat weicht mit erhobenen Händen vor Mikail zurück. Er stammelt etwas, während ich mich vom Boden aufrapple, aber ich kann ihn nicht verstehen. Es muss Gayanisch sein.
Mikail legt den Kopf schief und betrachtet die Uniform des Mannes. Wut steigt ihm ins Gesicht, seine blaugrünen Augen lodern. Er schwingt die Klinge und durchtrennt die Kehle des Soldaten. Blut spritzt in hohem Bogen heraus und auf Mikails Ärmel.
Der Mann greift sich an den Hals, dann sinkt er gurgelnd zu Boden.
Ich blicke an mir herunter. In meinem weißen Unterkleid stehe ich inmitten von vier verblutenden Soldaten, während Mikail und Fallador mich wie entgeistert anstarren. In diese Szene platzen Royo und Sora. Schweiß glänzt auf ihren Gesichtern. Royo hat einen Dolch in der Hand und trägt einen Schlagring; Sora ist mit einem Wurfmesser bewaffnet. Kaum haben sie den Raum betreten, halten sie inne.
»Na dann, guten Morgen«, sage ich und lächle Royo an, doch in diesem Moment geben meine Beine nach.
Ich stürze gegen das Gestell eines Bettes und klammere mich an der Matratze fest. Kurz verschlägt mir die Angst den Atem. Ich kann meine Beine nicht mehr spüren. Royo und Sora eilen mir zu Hilfe, aber ich winke ab. In die Laken gekrallt hänge ich über der Bettkante und schluchze beinahe vor Erleichterung auf, als das Gefühl in meine Beine zurückkehrt. Ich sinke auf die Knie, und so verharre ich schwer atmend.
»Ich bin einfach zu schnell aufgestanden«, sage ich. »Das ist alles.«
Was ein klein wenig untertrieben ist.
Ich hole tief Luft und richte mich langsam auf. Meine Knie, meine Beine sind stabil. Es ist alles gut, noch habe ich keinen bleibenden Schaden durch die Relikte davongetragen.
»Was war das?« Royos bernsteinfarbene Augen huschen hin und her, während sich seine breite Brust hebt und senkt. Götter, er sieht großartig aus in dem Hemd.
»Was ist passiert?«, erkundigt sich Sora.
»Woher wussten sie, dass wir hier sind?«, frage ich. Wir reden alle drei durcheinander.
»Die Königliche Garde hat erst uns und dann dir einen Besuch abgestattet«, sagt Mikail. Ihn lassen solche Abschlachtungen völlig kalt. Lässig wischt er sein Schwert am Hemd eines verblutenden Gardisten ab, bevor er es wieder in die Scheide steckt.
»Aber woher wussten sie, welche Zimmernummern wir haben?«, überlegt Fallador laut, während er den Leichnam des anderen Soldaten aus dem Flur ins Zimmer zerrt. Er wirft ihn auf den Haufen mit den anderen. Der falsche Prinz ist eine gute Ergänzung zu unserem Kreis von Lügnern. »Wir hätten es gehört, wenn sie auch andere Türen eingetreten hätten – haben sie aber nicht.«
Niemand rührt sich, niemand sagt etwas. Es ist jedenfalls kein Zufall – so viel ist allen klar.
»Weil Gambria uns verraten hat«, sagt Royo.
Unsere gesammelte Aufmerksamkeit richtet sich auf ihn. Mein erster Gedanke ist, dass er sich irren muss, aber dann schaue ich in die Runde. Gambria ist die Einzige, die fehlt. Ich bezweifle, dass sie das hier verschlafen hat, also hat er vielleicht recht. Aber Sora meinte, Gambria hätte sie bei den Eishöhlen gerettet. Und sie hat uns geholfen, in den Palast von Quu zu kommen. Warum sollte sie so etwas tun und uns jetzt aufgeben?
»Das kann nicht sein.« Fallador rümpft die Nase beim Anblick seiner blutverschmierten Hände.
Sora seufzt. »Wir haben sie gerade mit zwei königlichen Gardisten sprechen sehen.«
»Sie würde uns nie verraten – nicht an Yusan«, entgegnet Fallador.
In dem Moment, als mir der Gedanke in den Kopf schießt, erscheint er absolut logisch. Gambria hat uns in Khitan gerettet, aber das war vor den Ereignissen im Hafen von Quu.
»Na ja, normalerweise würde sie dich vielleicht nicht verraten, aber sie hat Quilimar geliebt, oder?«, gebe ich zu bedenken.
Es wird still im Raum.
»Liebe führt zu Verrat«, füge ich hinzu.
Ich ignoriere Royos zuckenden Kiefermuskel als Reaktion auf meine Worte.
»Hast du einen von denen am Leben gelassen, damit wir mit ihm sprechen können, Mikail?«, erkundigt sich Sora, legt das Wurfmesser auf den Tisch und schließt geschäftsmäßig die Tür.
Er schüttelt den Kopf. Das ist der Nachteil, wenn man so schnell tötet – keine Zeugen, keine Quellen.
»Dann müssen wir sie wohl einfach fragen, wenn sie zurückkommt«, meint Sora.
Fallador späht aus dem Fenster. »Wir müssen sie finden und so schnell wie möglich von hier weg. Der Garnisonskommandant wird sicher Verstärkung schicken, wenn die Soldaten nicht zurückkehren. Wir sollten jetzt abhauen, damit ersparen wir uns eine Menge Ärger.«
»Aber was, wenn uns draußen noch mehr Soldaten auflauern, wenn es eine Falle ist?«, fragt Sora. »Was machen wir dann?«
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Mein Verstand arbeitet langsam. Mir ist, als würde ich meinen Kopf heute Morgen durch Schlamm ziehen. Keine Ahnung, ob das die Relikte verursachen oder ob ich einfach unter Schock stehe.
Mikail blickt sich mit scharfen Augen um. »Ich glaube nicht, dass es eine Falle ist. Dann würden mehr Soldaten hereinströmen und uns umzingeln. Ich glaube, dass draußen ein, zwei Gardisten darauf warten, dass wir jeden Moment rausgetragen werden.«
»Aber warum?«, frage ich. »Warum versuchen sie, uns mit so wenigen Männern zu überwältigen?«
»Weil sie nicht wissen, dass wir die Relikte haben«, erwidert Mikail. »Ich schätze, jemand hat uns als verdächtig gemeldet, aber nicht als flüchtig. Seit Quu war für Joon, falls er überlebt hat, nicht genug Zeit, um die gesamte Königliche Garde zu alarmieren und unsere Verhaftung zu befehlen.« Er macht eine Pause und schüttelt den Kopf. »Nein, jemand hat sechs Fremde gesehen und die Truppen verständigt.«
Ich betrachte uns fünf. Es ist offensichtlich, dass wir nicht von hier sind. Wir hätten gestern bei einem Kleiderhaus anhalten sollen, aber alle stöhnen immer, wenn ich vorschlage, dass wir uns neu einkleiden. Als würde das Erscheinungsbild nicht alles über einen preisgeben.
Ein leises Klopfen an der Tür lässt mich hochschrecken. Ich schnappe mir das Wurfmesser, das Sora abgelegt hat, und hole den Dolch unter meinem Kopfkissen hervor. Mikails Schwert entflammt zum Leben. Fallador greift nach seiner Klinge, und Royo wendet sich der Tür zu.
»Wer ist da?«, fragt Sora mit ihrer glockengleichen Stimme. Sie wirkt so ausgeruht und strahlend wie immer.
»Gambria«, ertönt es von draußen. Es klingt wie sie.
Royos und Soras Blicke treffen sich, und ich habe das Gefühl, etwas verpasst zu haben, aber Fallador nickt und geht zur Tür, um zu öffnen. Royo rückt sich den Schlagring zurecht, sein Bizeps spannt sich an. Götter, hab ich ihn vermisst. Seit ich auf diesem Ruderboot aufgewacht bin und er herausgefunden hat, dass ich ihn wegen des Zeitenglases angelogen habe, ignoriert er mich. Aber gerade ist er von wo auch immer herbeigerannt, um mich zu retten. Ich habe es gesehen – er sorgt sich immer noch um mich. Hoffnung keimt in meiner Brust, zerplatzt aber sofort wieder, denn Fürsorge ist nicht Vergebung. Selbst wenn er mich liebt, wird er nie darüber hinwegkommen, dass ich ihn ein zweites Mal belogen habe.
Auf Zehenspitzen schleicht Fallador um die am Boden verstreut liegenden Körper und Organe herum und öffnet vorsichtig die Tür. Doch Gambria stürzt herein, im Schlepptau einen gayanischen Mann, dem sie ein Messer an die Kehle drückt. Sie stößt ihn zu Boden, und er landet direkt auf einem der Sterbenden. Der Mann zappelt und stottert und starrt auf die offenen Wunden des Soldaten. Die Füße rutschen ihm auf der blutigen Matte weg, und sein Mund klappt auf, doch er ist zu verängstigt, um zu schreien.
Was ist hier los? Wer ist der Kerl?
Gambria sagt etwas auf Gayanisch, was ich nicht verstehe. Was auch immer es ist, es lässt den Mann am ganzen Leib erzittern. Ich glaube, es heißt Sag es ihm, doch obwohl ich mich mit fremden Sprachen leichttue, kenne ich nur sehr wenige gayanische Wörter, da es als tote Sprache gilt.
Gambria ist völlig unbeeindruckt von dem Schlachtfeld um sie herum, sie starrt nur den Mann an. Schließlich erkenne ich ihn an seinem Schnurrbart – es ist der Gastwirt.
Sie sagt noch etwas anderes und zeigt dabei auf die toten Soldaten im Raum.
»Ich … ich … habe euch gemeldet«, sagt er auf Yusanisch.
»Ich würde sagen, das ist ziemlich offensichtlich«, erwidert Fallador. »Warum?«
»Weil ihr nicht von hier und ohne Gepäck seid. Gastwirte, alle Bürger, sind verpflichtet, Fremde zu melden, um Gaya zu beschützen.«
Mikails Augenbrauen heben sich leicht. »Ich verstehe, dass ihr Gaya beschützen wollt, aber warum sprecht ihr deswegen mit der yusanischen Königsgarde?«
Er steckt sein Schwert in die Scheide, doch die Anspannung in seinen Schultern verrät, dass er nach wie vor bereit ist, den Mann sofort zu töten.
»Weil wir Yusaner sind.« Der Gastwirt runzelt die Stirn.
Gambria schaut Mikail an und macht eine Geste nach dem Motto: Hab ich doch gesagt.
Ich habe definitiv etwas verpasst.
Mikail seufzt. Dann nimmt er den Kopf des Gastwirts und bricht ihm mit einem kräftigen Ruck das Genick.
Uff. Wir sind in noch größerer Gefahr, als wir dachten. Und wir haben noch nicht mal gefrühstückt.
Im Khatakan-Gebirge, Khitan
Mit einer Laterne in der Hand betrete ich neben Hana das Höhlensystem, durch das wir unter dem Khatakan-Gebirge hindurch nach Yusan gelangen. Ich muss zurück, doch meine Schritte sind langsam und zögerlich. Die Wochen im Stillen Kerker haben mir Kraft geraubt, aber es ist die Angst, die meine Beine schwer wie Blei werden lässt.
Ich kann immer noch nicht fassen, dass mein Vater den Qali-Palast eingenommen haben soll. Irgendwie ist Seok vom Fürsten des Südens zum König von Yusan aufgestiegen, doch wie auch immer er dieses Kunststück bewerkstelligt hat, er hält mich sicher für tot. Ich müsste ja auch tot sein. Hätte sich Mikails Vater nicht für mich geopfert, wäre ich Asche. Als Ailor die Mörder kommen hörte, gab es sich für mich aus, indem er sich meine Adelskette umhängte. Er rettete mir das Leben. Und wurde dafür in der dunklen Zelle hingerichtet.
Wir erreichen den Eingang zur Höhle. Die Öffnung verschluckt uns wie ein hungriger Dämon. Ich schaue in tiefe Finsternis. Panik durchfährt mich, mein Magen zieht sich zusammen, und ich stolpere mit schweißnassen Händen einen Schritt zurück. Ich habe erlebt, was im Dunkeln geschieht. Ich kann nicht noch einmal dorthin zurück, nicht an einen lichtlosen Ort, nicht nach Yusan. Es muss einen anderen Weg geben.
»Ich … Vielleicht sollten wir doch weiter nach Quu«, sage ich.
Hana bleibt stehen. Als sie ihre Kapuze zurückschlägt, um mich vorwurfsvoll anzusehen, stiebt Schnee zu Boden. Ihre Schönheit ist atemberaubend. Ihre Augen haben denselben Braunton wie ihr Haar. Ihre Wimpern sind lang, die Gesichtszüge vollkommen, selbst wenn sie verärgert die vollen Lippen zusammenkneift.
»Du glaubst ernsthaft, dass du Sora mehr helfen kannst, indem du dich in Khitan in eine Land- und Seeschlacht stürzt, anstatt heimzukehren und mit deinem Vater zu sprechen, der sich gerade zum neuen König von Yusan ausgerufen hat?«
Ich verziehe das Gesicht. Wir haben die Kriegstrommeln an der Grenze gehört. Wir wissen, dass gayanische und yusanische Truppen in Khitan einmarschieren. Und dieses Chaos hat mein Vater genutzt, um den Thron an sich zu reißen.
Also gehe ich weiter.
Hinter mir erstirbt das Tageslicht, und ich kann mir einen Stoßseufzer nicht verkneifen.
»Wenn du nicht aufpasst, wird dich der Kerker für immer verfolgen«, sagt Hana. »Lass das nicht zu.«
Sie reckt das Kinn vor, aber in ihrer Miene verändert sich etwas. Ihre Augen haben sich verdüstert. Sie muss nicht nur für die Besuche bei mir, sondern auch in ihrer Funktion als königliche Spionin in den Stillen Kerker gekommen sein.
»Leichter gesagt als getan«, murmele ich.
Sie schnaubt verächtlich. »Denkst du, ich verstehe Leid nicht und wie es den Geist zerfrisst? Es ist ein Mühlstein um den Hals, der dich selbst an Land ertränken kann.«
Ich zucke zusammen. Sie spricht über das Leid, das ihr meine Familie zugefügt hat. Sie und neunzehn andere Mädchen waren von meinem Vater für seine Giftschule ausgesucht worden. Fast zehn Jahre lang wurden sie systematisch Giften ausgesetzt. Knapp fünfhundert Wochen Folter. Nur drei überlebten, und die mussten in Seoks Auftrag töten. Wenn sie sich weigerten oder starben, wurden ihre Geschwister in die Prostitution verkauft.
Hana sieht mir noch einmal in die Augen. »Du bist mehr als das, was du durchmachst.«
Sie geht weiter, und ich lasse den Kopf hängen. Dann nehme ich allen Mut zusammen, rücke mein schweres Bündel zurecht und stapfe in die Dunkelheit. Hana hat Proviant und Ausrüstung aufgetrieben, obwohl die Leute schon vor dem aufziehenden Krieg flüchteten. Wir werden das Essen, Feuerholz und Lampenöl für den Marsch nach Yusan brauchen, aber ich war überrascht, dass man uns überhaupt irgendetwas abgegeben hat. Andererseits ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht totzukriegen, und das Geld, das Hana anbot, war dafür hochwillkommen.
Viele Gongs lang schlagen wir uns durch die Höhlen. Unsere beiden Öllampen brennen einen schmalen Pfad durch die Finsternis. Während Hana auf Markierungen an den Wänden achtet, rede ich mir ein, dass ich klarkomme, dass ich nicht in ein Verlies zurückgekehrt bin. Aber ich komme nicht klar.
Ständig sehe ich nasses Blut auf dem Boden, und wenn ich noch mal hinschaue, ist es weg.
Ich bin nicht sicher, wie lang wir unterwegs sind, bis wir endlich Halt machen, aber es hat sich wie Wochen angefühlt. Hana stellt ihre Laterne neben verkohltem Holz in eine Nische. Wenn es hier eine Feuerstelle gibt, muss der Rauch irgendwo nach draußen abziehen können. Zugleich ist dieser Bereich von drei Seiten geschützt. Das muss als Nachtlager reichen.
»Kann ich dich was fragen?«, platze ich heraus, als ich mein Bündel abwerfe.
Sie sieht mich an.
»Warum kommst du mit zurück nach Yusan, wenn du in Khitan frei sein könntest? Wenn mein Vater herausfindet, dass du am Leben bist …« Ich beende den Satz nicht. Wir wissen beide, dass er sie foltern und töten würde. Das muss nicht ausgesprochen werden.
»Für Sora.« Sie blinzelt und schichtet dann weiter die Holzscheite auf, die ich hergetragen habe.
»Weiß sie, dass du lebst?«
Ich kann nicht fassen, dass mir bislang nicht in den Sinn gekommen ist, das zu fragen. Aber vor unserer Flucht aus dem Stillen Kerker war Hana diejenige, die mich verhörte, und ich war nur ein Gefangener. Jetzt bin ich der Sohn des Königs … gewissermaßen. Ich fahre über mein glatt rasiertes Kinn. Der Ehrgeiz meines Vaters kennt wirklich keine Grenzen.
Ein fast unmerkliches Kopfschütteln von Hana liefert mir die Antwort. Sonderbar, dass sie Sora nichts von ihrem Manöver mit dem vorgetäuschten Tod hat wissen lassen, aber vermutlich war eine Kontaktaufnahme zu riskant, solange Sora noch in Gain wohnte. Jetzt könnten die beiden wiedervereint werden – wenn wir alle überleben.
Ich schlucke meine aufkeimende Eifersucht hinunter. Ich will nicht, dass irgendjemand anderes Sora bekommt, aber das ist ein unfairer Gedanke.
»Sie wird selig sein«, sage ich.
Hana wirft mir von der Seite einen Blick zu, während sie Feuerstein und Zunder bereitlegt. »Sie wird erleichtert sein.«
»Ihr werdet zusammen sein können.« Ich entrolle meinen Schlafsack und versuche, einen munteren Ton anzuschlagen. Das ist schwieriger, als es sein sollte, aber ich wünsche Sora, dass sie glücklich wird, selbst wenn ich dabei außen vor bleibe. Das hat sie mehr als verdient.
Hana lässt den Feuerstein sinken und mustert mich. »Du kennst sie wirklich kein bisschen, oder?«
»Doch, ich –«
»Tiyung, sobald sie erfährt, dass ich am Leben bin, wird sie mich nie wieder lieben.«
Ich runzele die Stirn. »Natürlich wird sie das. Sie wird –«
»Ich habe sie und meinen Bruder, die zwei Menschen, die ich am meisten liebte auf der Welt, im Stich gelassen, damit ich überlebe. Es ging mir nur um mich. So hätte sie niemals gehandelt, und sie wird es mir nicht verzeihen, niemals.«
»Sie hat so gehandelt«, sage ich leise.
Vor meinem inneren Auge läuft der Moment ab, in dem ich Sora in ihrem Versteck hinter einem bemoosten Felsen im Wald gefunden habe. Sie war nach ihrem ersten Auftragsmord aus Gain geflohen. Ich war derjenige, der sie zu Seok zurückschleifte, während sie mich anbettelte, sie gehen zu lassen. Ich stieß sie vorwärts, obwohl sie mir von den Gräueln in der Giftschule erzählte und von dem Mann, den sie gerade für meinen Vater getötet hatte. Mehrfach flehte sie mich an, ihn bei der Königlichen Garde anzuzeigen.
Scham durchströmt mich in kalten und heißen Wellen, aber ich unterdrücke sie nicht. Ich erinnere mich bewusst an die entsetzliche Feigheit und Mittäterschaft, zu der ich imstande bin. Nur wenn man zu seinen Fehlern steht, kann man hoffen, sich zu ändern.
Hana schüttelt wieder den Kopf.
Ich beuge mich vor. »Vor drei Jahren ist Sora in den Xingchi-Wald geflohen und –«
Hana hebt eine Augenbraue. »Du glaubst, du hast sie eingefangen?«
»Ich … musste es tun.«
Ihre Schultern sacken herab. »Herr der Höllen, hältst du dich eigentlich immer für den Größten, Tiyung?« Sie atmet tief durch, ballt die Fäuste, öffnet sie wieder. »Sora ist nicht weitergerannt. Sie schaffte es nur so weit, bis ihr Zweifel kamen, und dann gab sie auf, weil sie mich nicht zurücklassen wollte. Denn wäre sie geflohen, hätte sie Daysum den Wölfen ausgeliefert, so wie ich Nayo – mit dem Unterschied, dass ich nicht kehrtgemacht habe. Ich habe mich nicht einfangen lassen. Sie hatte einen schwachen Moment, nachdem sie zum ersten Mal gemordet hatte. Ich hatte nur mein eigenes Leben im Sinn.«
Ich setze mich neben die Feuergrube auf den Boden und denke an jenen Tag zurück. Das kann nicht stimmen. Nein, Sora hatte es nicht darauf angelegt, gefangen zu werden. Aber … sie rannte nicht mehr, und sie war auch nicht sonderlich gut versteckt, als ich sie fand. Ich musste Zwang anwenden, um sie nach Gain zurückzubringen, aber dass sie nicht kooperiert hat, ist nicht dasselbe wie eine aktive Flucht.
»Ich musste eine andere werden, um weiterleben zu können«, sagt Hana. »Es hat mich alle Menschen gekostet, die ich liebte. Es ist mein voller Ernst, wenn ich sage, dass ich nicht mehr Hana bin. Mit der Vereinbarung, die ich vor zwei Jahren mit dem Adeligen getroffen habe, ist sie gestorben. Ich ließ ihn am Leben, und er half mir, Hana zu töten.«
Der Raum füllt sich mit stiller Reue, mit Entscheidungen, die nicht rückgängig zu machen sind.
»Sie wird es verstehen«, sage ich sanft. »Nayo hat es ja auch verstanden.«
Hana stiert mich an. »Du weißt rein gar nichts über Sora.«
Kopfschüttelnd entzündet sie das Feuer. Sie meint es nicht böse, sie ist nur resigniert, und das ist schlimmer. Ich lösche die Lampen, um Öl zu sparen.
»Du glaubst nicht, dass ich sie liebe.«
Hana zögert. Sie packt einen Kochtopf aus und streicht über das Metall. »Zuerst dachte ich, du seist ihr wegen ihrer Schönheit verfallen. Das spielt sicher auch eine Rolle, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, du liebst das, wofür sie steht.«
Sie täuscht sich, aber es bringt nichts, ihr meine Gefühle zu erklären. Ich liebe Sora von ihrer Fußsohle bis in die Tiefen ihrer Seele. Ich liebe ihre Stärke in all ihren Facetten und jede ihrer Schwächen. Ich würde sie in hundert Leben wiedererkennen und in jedem davon lieben.
Wir sitzen schweigend da, während Hana Reis in den Topf gibt und mit Wasser aus dem Trinkschlauch auffüllt. Doch irgendwann gewinnt meine Neugier die Oberhand.
»Wofür steht sie denn?«, frage ich.
Hanas Blick begegnet meinem. »Buße.«
Bei dem Wort verschlägt es mir die Sprache.
Nein. Sie irrt. Aber etwas an dieser Behauptung lässt mich nicht los. Etwas daran fühlt sich wahr an. Ist es das, was ich suche? Tue ich all dies, um dafür zu büßen, wer ich war und was ich habe geschehen lassen – oder liebe ich Sora wirklich? Als ich im Stillen Kerker war, habe ich Ailor gefragt, ob er an Wiedergutmachung glaube, und er hat sein Leben für mich geopfert, weil er es für möglich hielt. Kann es wahr sein?
Nichts als das Knistern des Feuers antwortet mir.
»Wenn du recht hast, dann liebt keiner von uns sie genug«, sage ich.
Hana lächelt leise. »Na, dann haben wir wohl doch was gemeinsam.«
Berm in Gaya
Was für ein sonderbarer Tag. Gambria hat uns möglicherweise verraten, aber sie hat auch für jeden ortstypische Kleidung mitgebracht – ein seltsamer Widerspruch. Ich ziehe mich in ihrem Zimmer um und schlüpfe in ein schlichtes weißes Kleid und Sandalen. So wirken wir wenigstens wie Einheimische.
Aber ich bin nicht sicher, ob wir ihr vertrauen können.
Ich gräme mich über dieses neue Rätsel, als ich auf den Flur hinausgehe. Die Tür zu meinem Zimmer steht noch offen, und ich werfe einen letzten Blick auf die sechs Leichen, bevor ich abschließe. Wir treffen uns in Mikails Suite und können wirklich nicht gebrauchen, dass ein argloser Reisender oder ein Dienstmädchen versehentlich hier reinplatzt.
»Warte.« Aeri taucht hinter mir auf und hängt ein Bitte-nicht-stören-Schild an den Türgriff.
Ich runzele die Stirn. Nicht gerade die zuverlässigste Maßnahme, aber schaden kann es auch nicht.
»Ist alles in Ordnung?«, frage ich.
Sie zuckt mit den Schultern. »Meinst du den Angriff oder das mit den Relikten?«
Ihre goldenen Augen mustern mich. Ich staune jedes Mal wieder, wie sehr sie funkeln.
»Eigentlich beides.«
»Ja, alles in Ordnung.« Sie hebt noch einmal die Schultern und lächelt.
Ich schaue ihr nach, während sie in ihrem himmelblauen Kleid in Mikails Suite spaziert. Aeri ist so ein ungewöhnlicher Mensch – eine Kombination aus hell und dunkel. Ich bin erleichtert, dass sie in Sicherheit ist, obwohl ich sie allein gelassen habe.
Ich bleibe noch kurz auf dem Gang stehen und ärgere mich. Solche Fehler dürfen mir einfach nicht passieren, nicht wenn so viel auf dem Spiel steht. Ja, ich habe Aeri als Freundin lieb gewonnen, aber vor allem brauchen wir sie als Herrscherin auf dem Thron von Yusan. Sie will die Krone nicht, aber sie ist die Einzige, mit der sich wirklich etwas ändern kann.
Gambria mustert mich, als ich Mikails Suite betrete. Die Tür schließt nicht richtig, weil der Rahmen beschädigt ist. Vermutlich haben die Soldaten sie eingetreten. Ich drücke sie so fest wie möglich zu. Wir werden ja nicht mehr lang bleiben. Wir müssen nur entscheiden, wohin wir aufbrechen sollen. Das ist schwieriger, als es klingt, denn wo wären wir überhaupt in Sicherheit? In Wei jedenfalls nicht, und in Khitan oder Yusan schon gar nicht. Vielleicht in Fallow, aber in diesem Winkel des Reichs herrschen weder Recht noch Ordnung. Euyn und Mikail sind dort nur knapp mit dem Leben davongekommen.
Die anderen warten bereits, aber ich halte neben Gambria inne und flüstere auf Khitanesisch: »Warum hast du mit den Soldaten gesprochen?«
Gambria senkt den Blick erst auf ihre Sandalen, dann sieht sie zu mir auf. »Mir ist klar, dass es verdächtig aussah. Aber ich habe versucht, in Erfahrung zu bringen, was in Quu passiert ist. Ob etwas über König Joon bekannt ist oder über … die Königin.«
Sie wendet ihre glasigen Augen nicht ab.
Ich nicke. Nicht zu wissen, was aus einem geliebten Menschen geworden ist, ist wirklich hart. Ich habe nichts über Daysum gehört, seit Seok mir gesagt hat, er habe sie an ein Freudenhaus verkauft. Manchmal gelingt es mir, es zu verdrängen, doch meistens kommt es mir vor, als würde ich gleich losschreien oder platzen, so schrecklich ist diese Ungewissheit.
»Gab es was Neues?«
»Noch nichts.«
Ich sehe ihr prüfend ins Gesicht, denn lügende Frauen durchschaue ich normalerweise leicht. Aber an ihrer Miene kann ich nichts ablesen. Ich kenne sie nicht gut genug, und ihre ehrlichen Gefühle für Königin Quilimar übertünchen alles andere. Vermutlich müssen wir einstweilen mit dem Verdacht leben. Wenn sie uns doch ans Messer liefert, werden wir es wohl oder übel erfahren.
Kein sehr ermutigender Gedanke, aber Zuversicht gibt es für uns schon lange nicht mehr.
»Also, ich habe einen Plan«, sagt Mikail. Er hat Blut am Ärmel, jede Menge Blut, und er knöpft gerade sein Hemd auf, um sich umzuziehen.
