Tialda und der Gott des Feuers - Mo Reber - E-Book

Tialda und der Gott des Feuers E-Book

Mo Reber

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Beschreibung

Die Geschwister Tialda, Melo und Ricchar leben mit ihrem Stamm unter der ständigen Bedrohung von kriegerischen Nachbarstämmen versklavt zu werden. Der einzige Ausweg scheint eine eheliche Verbindung zwischen Tialda und Bero, dem Sohn des verfeindeten Stammesfürsten Marbod, zu sein. Doch noch bevor Tialda ihre eigene Freiheit für das Wohl ihrer Sippe opfern kann, wird sie eines Nachts plötzlich entführt und verschleppt. Der besonnene Melo und sein hitzköpfiger jüngerer Bruder Ricchar machen sich auf die Suche nach ihrer großen Schwester. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, um Tialda und ihren Stamm zu retten!

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Mo Reber

Tialda undder Gott desFeuers

© 2021 Mo Reber

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-38146-9

Hardcover:

978-3-347-38147-6

e-Book:

978-3-347-38148-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1 Das Thing

Der silberne Mond schien auf die dunklen Gestalten herab. Sie bewegten sich lautlos am Ufer des Flusses entlang. Einige Flusswindungen weiter, loderte ein Feuer auf einer Weidenlichtung. Hier war die Thingstätte der Rathar.

Es war still um das Feuer herum. Die Männer und Frauen grübelten über die Zukunft ihrer Sippe.

„Wir könnten kämpfen!”, murmelte Rotungard. Sie war eine der ältesten Thingmitglieder, hatte aber trotz ihres hohen Alters nichts von ihrer rebellischen Seele verloren. Die anderen blickten auf und sahen zu ihr rüber.

„Was guckt ihr mich so an? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich unsere Sippe ihre Freiheit erkämpft!”

„Du hast Recht Rotungard, aber das ist viele Jahre her und wir wissen von den Heldentaten unserer Vorfahren nur durch unsere Heldenlieder. Dies alles geschah schon lange vor deiner Zeit. Inzwischen sind wir ein Volk von Bauern. Wir können nicht in den Kampf gegen eine Horde von blutdürstigen Soldaten ziehen. Das würden wir nie überleben!”

„Ist es nicht besser mit Stolz zu sterben, als ohne Würde zu leben?” Rotungard seufzte. Sie kannte Tialdas Antwort darauf und wusste, dass sie im Grunde recht hatte. Tialda war nicht wie sie: geblendet von alten Heldentaten. Ihr ging es allein um das Wohlergehen ihrer Sippe. Nicht umsonst hatte man sie beim letzten Thing einstimmig zu ihrer Anführerin gewählt.

„Es führt kein Weg daran vorbei: Eine Hochzeit mit Marbods Sohn ist unsere einzige Rettung.“ Bei dem Gedanken an den raubeinigen und brutalen Bero lief Tialda ein kalter Schauer über den Rücken, aber sie wusste, dass nur so ihrer Sippe geholfen werden konnte. Marbod hatte Tialda bereits zweimal dieses Angebot gemacht und mit jedem Mal das Tialda ablehnte, wurden die Zölle erhöht. Marbod hatte keinen direkten Zugang zum Fluss, sodass er auf den Handel mit Tialdas Sippe angewiesen war, um an die begehrten abaronischen Waren zu gelangen. Tialdas Stamm trieb schon viele Generationen Handel mit den Abaronen, deren Handelsrouten bis an den Fluss reichten. In den letzten Jahren hatten die abaronischen Stämme allerdings immer öfters versucht ihre Siedlungsgebiete auch über den Fluss hinaus zu erweitern. Der Stamm der Rathar, zu dem auch Tialdas Sippe gehörte, hatte den Übergriffen der Abaronen nur wenig entgegenzusetzen, da sie überwiegend Bauern und Händler waren. Erschwerend kam hinzu, dass sie über ein recht lang gestrecktes Gebiet entlang des Flusses verstreut lebten. Im Gegenzug waren die Subrasker, und damit auch Marbods Sippe, nicht nur bekannt für ihre gut ausgebildeten berittenen Krieger, sondern auch für ihre Waffenkunst. Um von den Abaronen nicht überrannt zu werden war Tialdas Sippe auf Marbods tatkräftige Unterstützung angewiesen und das wusste der Subraskerfürst auch. Seit Tialdas Vorgänger überraschend bei der Jagd gestorben war und die Übergriffe der Abaronen häufiger wurden, hatte Marbod Schutzzölle bei den am Fluss liegenden Sippen der Rathar erhoben. Die Abgaben waren mittlerweile so hoch, dass sie kaum noch genug zum Überleben hatten.

„Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben! Wir könnten ein Bündnis mit den Nevalen schließen, dann könnten wir den Kampf gegen Marbod aufnehmen!“

Tialda winkte ab: „Lass gut sein Itta, die Männer Geirröds sind ebenso wenig Krieger wie wir. Wir würden den Horden nur noch mehr Futter vor die Füße werfen. Nein, mein Entschluss ist gefasst. Morgen werde ich dem Rest unserer Sippe meine Entscheidung mitteilen. Das Thing ist hiermit geschlossen.“ Tialda stand auf und ging zum Wasser. Auch die anderen standen auf.

„Kommst du nicht mit nach Hause?“, fragte Rotungard sie.

„Nein, nein, geht ihr schon vor. Ich werde noch das Feuer löschen und komme dann nach.“

Als die Thingmitglieder gegangen waren ließ Tialda ihren Blick über das Wasser schweifen. Die Nacht war klar und das Mondlicht tanzte auf den sanft plätschernden Wellen des Flusses. Die Äste der Weiden reichten bis ins Wasser hinab, sodass ihre Spitzen auf den Wellen schwammen. Es schien, als wolle der Fluss die Bäume in seinen Bann ziehen und mit sich reißen, doch die alten Riesen mit ihren weit verzweigten Wurzeln hielten der Versuchung stand. Tialda konnte es den Bäumen nachempfinden. Wie gerne wollte sie sich mitreißen lassen vom Wasser, fort von einem Leben, vor dem sie sich fürchtete, doch auch sie war fest verwurzelt an diesem Ort und musste sich ihrem Schicksal ergeben. Ob sie als Frau Beros weiterhin im Thing ihrer Sippe sitzen konnte? Sie wusste, dass die Wahrscheinlichkeit gering war. Mehr noch als sein Vater, war Bero ein Mann, der Besitz als Zeichen der Macht sah und diese niemals teilen würde. Tialda, als seine Frau, würde er als seinen Besitz betrachten, den es, als Zeichen seiner Macht, zu präsentieren, aber niemals zu teilen galt. In Gedanken versunken löschte Tialda das Feuer. Über das Zischen der Glut hörte sie nicht das Rascheln im Unterholz und bemerkte auch nicht die Schritte, die hinter ihr immer näher kamen.

„Es tut mir im Herzen weh unsere Tialda so zu sehen, aber“, Rotungard blieb stehen. Aus Richtung des Lagerfeuers kamen seltsame Geräusche. Sie rief nach ihrer Freundin, aber es kam keine Antwort. Rotungard bedeutete Itta zum Dorf zu laufen und machte sich dann auf den Weg zurück zur Thingstätte. Kurz vor der Lichtung blieb sie stehen. Dort, im Licht der Glut konnte sie Männer erkennen. Sie trugen Helme mit großen, geschwungenen Hörnern. Rotungard rannte, so schnell ihre alten Beine sie trugen, zurück zum Dorf. Als endlich die Hütten in Sichtweite kamen, rief sie: „NORDMÄNNER!! Wacht auf, die Nordmänner haben Tialda entführt!“

2 Das Boot

Tialda schlug die Augen auf. Zumindest dachte sie es, aber sehen konnte sie nichts! Sie versuchte es ein weiteres Mal: Nichts! Sie wollte sich die Dunkelheit aus den Augen wischen, doch ihre Arme ließen sich nicht bewegen!

Langsam kam die Erinnerung zurück - und mit ihr die Panik. Erst jetzt bemerkte sie den Schmerz der ihren ganzen Körper durchzog.

Sie hatte das Feuer gelöscht und hinter sich, zwischen dem Zischen der Flammen, ein Rascheln gehört. Ein kalter Schauer war ihr über den Rücken gelaufen, doch bevor sie sich noch umdrehen konnte traf sie ein dumpfer Schlag auf den Kopf.

Und jetzt fand sie sich gefesselt und mit verbundenen Augen auf dem Boden liegend wieder. Wie lange sie hier wohl schon lag? Ihr Kopf schmerzte nicht, also musste sie schon ein paar Tage an diesem Ort sein. Die starken Schmerzen in ihren Armen und Beinen schienen diese Vermutung zu bestätigen. Hatte Fürst Marbod sie etwa entführt, um eine Heirat zu erzwingen? Oder war es sein Sohn, der seinem Vater im Jähzorn um nichts nachstand?

Erst jetzt bemerkte Tialda die sanften Bewegungen, ein leichtes Schaukeln des Raumes und jetzt hörte sie auch das gleichmäßige Geräusch der Ruder, wie sie ins Wasser glitten und wieder herausgezogen wurden. Sie war also auf einem Boot. Tialdas Herz hörte auf zu rasen: Es waren nicht Marbods Männer! Sie besaßen nur kleine Fischerboote. Solche großen und schnellen Boote besaßen nur die Seemänner aus dem hohen Norden. Nordmänner! Sofort schlug Tialdas Herz wieder bis zum Hals und für einen kurzen Moment stockte ihr der Atem!

Die Nordmänner waren in aller Welt berühmt und berüchtigt für den Handel den sie trieben: Gewürze, Schmuck und feinste Stoffe aus den fernsten Ländern im Süden und auf dem Weg zurück sammelten sie Sklaven für die Heimat!

3 Das Dorf

„Rotungard, was genau hast du gesehen? Wie viele Männer waren es? Hatten sie Boote?“ Melo versuchte so viele Informationen wie möglich über Tialdas Entführung zu sammeln, doch Rotungard war völlig aufgelöst. Sie schien um Jahre gealtert zu sein, stellte Melo überrascht fest. Sie war zwar eine der ältesten Mitglieder der Sippe, doch war ihm das bis heute nie so bewusst gewesen. Auf einmal bemerkte er die tiefen Furchen in ihrem Gesicht, die weißen, dünnen Haare, die krummen Glieder und ihren mühsamen Gang.

Nach dem Tod ihrer Eltern hatte Rotungard sich um Melo und seine Geschwister gekümmert. Vor allem zu Tialda hatte sie ein sehr inniges Verhältnis, denn sie hatte sie auf ihre Rolle als Anführerin der Sippe vorbereitet. Tialdas Entführung traf sie daher besonders hart.

„Sie sind weg! Es muss alles sehr schnell gegangen sein, sie haben kaum Spuren hinterlassen!“ Melos jüngerer Bruder Ricchar und ein paar seiner Kameraden kamen aus dem Wald gelaufen. Der Schweiß tropfte ihm von Kinn und Nase, so sehr hatte er sich verausgabt. Die dünnen Zöpfe, die Ricchar trug, damit ihm die Haare nicht die Sicht störten, klebten ihm nun im Gesicht.

Sobald Rotungard das Dorf mit ihrem Schrei geweckt hatte, war Ricchar zum Versammlungsort des Things gelaufen, wo seine Schwester entführt worden war. Als er dort ankam, war niemand mehr zu sehen. Also lief er flussabwärts, so schnell ihn seine Beine trugen. Er konnte keine Boote sehen, doch waren die Nordmänner dafür bekannt ihre Raubzüge in völliger Dunkelheit zu vollziehen. Sie waren so gute Seefahrer, dass sie ihre Boote selbst in absoluter Dunkelheit sicher nach Hause bringen konnten! Ricchar war stehen geblieben, um nach Luft zu schnappen und da hatte er es gehört: Ein sanftes, gleichmäßig plätscherndes Geräusch, wie es nur die schnellen Langboote der Nordmänner erzeugen konnten!

„Konntest du ausmachen wie viele es waren?“, fragte ihn Melo.

„Nein. Ich denke es war nur eins. Wir müssen sofort hinterher, sonst haben wir sie verloren!“

Doch bevor Ricchar zurück in den Wald laufen konnte hielt sein Bruder ihn fest. „Ricchar, wir werden ihnen folgen und unsere Schwester zurückholen, aber alleine kannst du nichts ausrichten. Lass mich einen Trupp Männer zusammenstellen und dann machen wir uns noch heute Nacht auf den Weg!“

Doch als Melo den Rest der Sippe über sein Vorhaben informierte, war die Reaktion nicht wie erhofft. Die Männer waren in heller Aufregung! Auch wenn sie Tialda als ihr Oberhaupt schätzten, so musste ihr erster Gedanke doch dem Schutz der Sippe gelten. Jeder wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war bis die Nordmänner wiederkehren würden. Und sollten sie ihre Beute beim nächsten Mal nicht so leicht am Ufer pflücken können, dann würden sie auch ins Landesinnere vordringen. Viel Zeit blieb nicht, um die umliegenden Dörfer zu warnen, die Ufer zu sichern und einen Zufluchtsort für den Notfall einzurichten. An eine direkte Konfrontation war nicht zu denken! Die Nordmänner waren nicht nur hervorragende Seeleute, sondern auch versierte Krieger. Eine handvoll einfacher Bauern würden sie beiseite fegen wie ein Bündel Reisig. Das Dorf konnte es sich nicht leisten in einer solch kritischen Lage auf die kräftigsten und erfahrensten Männer zu verzichten!

Ricchar konnte es nicht fassen, er war außer sich vor Wut! Wie konnten sie seine Schwester einfach so im Stich lassen? Gerade Tialda, die soviel für sie getan hatte! Nur ihr hatten sie es zu verdanken, dass das Dorf beim letzten Hochwasser nicht weggeschwemmt worden war, wie es so vielen anderen Dörfern entlang des Flusses ergangen war.

Tialda hatte schon immer gerne den Geschichten der Alten gelauscht: über die Heldentage der Sippe, als ihre Vorfahren noch stolze Krieger waren und auf der Suche nach Ruhm und Ehre durch die Länder streiften. Einige hatten weit im Süden bei den Völkern der Hellenen als Söldner gearbeitet und dort nicht nur ihre Kampfkünste erweitert, sondern auch Lesen und Schreiben gelernt. Diese Zeiten waren längst vergangen und auch das Wissen um Lesen und Schreiben war im Laufe der Jahre verloren gegangen. Auch Tialdas Vater war dieser Kunst nicht mehr mächtig, aber er hatte es sich zur Aufgabe gemacht all das Wissen, das er auf seinen Wanderungen, wie er es nannte, gesammelte hatte, weiterzugeben und seine Tochter war eine dankbare Zuhörerin. So hatte Tialda auch von den seltsamen Bräuchen in anderen Ländern erfahren und ihren Nutzen für die eigene Sippe erkannt. Als Tialda ihren Vorschlag damals im Thing vortrug, hatten zunächst alle gelacht: ihre Hütten auf Stelzen bauen, sie würden den Spott aller Stämme auf sich ziehen! Rotungard hatte gelacht, doch wusste sie auch, dass Tialdas Ideen gerade wegen ihrer Kühnheit oft den gewünschten Erfolg erzielten. Und so schafften sie es gemeinsam den Rest der Sippe zu überzeugen und sie vor dem Hochwasser zu retten.

Und zum Dank sollte Tialda nun einfach ihrem Schicksal überlassen werden!

„Ihr heuchlerischen Feiglinge! Ohne Tialda gäbe es jetzt kein Dorf mehr, dass es sich zu schützen lohnte! Vielleicht wäre es besser gewesen sie hätte uns alle absaufen lassen!“ Ricchar sah in die betretenen Gesichter um sich herum, doch niemand schien gewillt ihm und Melo zu helfen.

„Du hast Recht, Ricchar“, meldete sich Rotungard plötzlich zu Wort. „Ohne deine Schwester gäbe es dieses Dorf nicht mehr. Und sie war gerade dabei es ein zweites Mal zu retten: Sie hatte beschlossen den Sohn Marbods zu heiraten um unser Dorf vor seinen Schergen zu schützen. Das kann sie jetzt nicht mehr. Umso wichtiger ist es, dass wir uns vor den Übergriffen nicht nur der Nordmänner, sondern auch der Abaronen und Marbods Männern wappnen. Glaubst du wirklich es wäre in Tialdas Sinne, wenn wir alles wofür sie gekämpft und gelebt hat zugrunde gehen lassen, nur um sie zu retten? Ich kenne deine Schwester seit sie das Licht der Welt erblickt hat, sie ist wie eine Tochter für mich. Glaube also nicht, dass ich diese Entscheidung leichten Herzens treffe. Aber die Sicherheit der Gemeinschaft steht über dem Wohl unserer geliebten Tialda.“

Auch wenn er es niemals zugeben würde, Ricchar wusste, dass Rotungard Recht hatte. Und trotzdem, er wollte und konnte seine Schwester nicht einfach im Stich lassen! Zur Not würde er eben alleine gehen. Doch ganz allein war er nicht: „Rotungard, wie immer ist auf dein Urteil verlass. Und so sehr es mich auch schmerzt, so weiß ich doch, dass die Entscheidung des Things richtig ist. Gesteht aber bitte meinem Bruder Ricchar und mir zu, die Suche trotzdem aufzunehmen. Eine Hilfe für das Dorf können wir jetzt nicht sein, aber vielleicht können wir unserer Schwester helfen. Wir müssen es zumindest versuchen. Mit eurer Zustimmung werden wir eines der Boote nehmen und heute noch aufbrechen.“

4 Der Regen

Sie hatten nur Proviant für ein paar Tage eingepackt und waren die ganze Nacht durch gerudert um die Distanz zum Langboot so gering wie möglich zu halten. Die Brüder wussten, dass sie es niemals schaffen würden das Schiff einzuholen, doch hofften sie zumindest ihre Spur nicht zu verlieren, um dann an Land ihre Schwester befreien zu können.

Es hatte die ganze Nacht und den ganzen Morgen geregnet und Melo und Ricchar waren völlig durchnässt und übermüdet. Melo schlug vor, dass sie sich von nun an mit dem Rudern abwechseln sollten, sodass jeweils einer von ihnen etwas essen und schlafen konnte, doch Ricchar war wie besessen und wollte nicht aufhören. „Ich weiß nicht woher du die Ruhe nimmst jetzt zu schlafen, Bruder, aber ich mache weiter!“

Melo kannte seinen Bruder nur zu gut, um zu wissen, dass weitere Diskussionen mit ihm zwecklos waren, daher sagte er: „Gut, dann werde ich dich in ein paar Stunden ablösen. Wir sollten uns ebenfalls überlegen, wo und wann wir für Proviant stoppen, denn spätestens, wenn wir auf das offene Meer gelangen, sollten wir genügend Nahrung für die Überfahrt zusammen haben. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie viele Tage wir außer Reichweite von Land sein werden.“

Statt einer Antwort bekam er nur einen verächtlichen Blick von Ricchar. Das überraschte ihn zwar nicht, aber es ärgerte ihn trotzdem.

Sein kleiner Bruder verachtete alle Anzeichen von Schwäche. Leider waren in den Augen Ricchars jegliche Gefühlsregungen, außer Wut und Zorn, sowie fast jede nicht impulsive Handlung, ein Zeichen von Schwäche. Das machte es Melo, dem eher die sanften Töne und eine gewisse Besonnenheit lagen, nicht gerade leicht.

Als Melo nach ein paar Stunden aufwachte und seinen Bruder ablösen wollte, saß Ricchar zitternd und schweißgebadet über die Ruder gebeugt. Seine Haut war eiskalt und seine Augen glasig.

„Ricchar, hörst du mich?“, fragte Melo und schüttelte seinen jüngeren Bruder, doch das Fieber hatte ihn voll im Griff. Melo überlegte nicht lange, dann steuerte er das Boot an Land, band es an einen alten Baum und rannte ins Landesinnere um Hilfe zu holen.

5 Die Seherin

„Alles braucht einen Namen. Kennst du seinen Namen, so kannst du es beeinflussen.“

„Was ist, wenn es noch keinen Namen hat?“

„Dann hast du großes Glück und kannst es selbst benennen – aber wähle mit Bedacht, denn ein Name ist nicht ohne Macht und kann seinem Träger Gutes, aber auch Böses bringen!“

„Und kenn ich den Namen der Dinge, so kann ich sie beherrschen? Auch das Wasser und den Wind?“

„Kein Ding lässt sich gerne beherrschen – und in den meisten Fällen ist das auch nicht nötig: Ein leichter Schubs in die richtige Richtung ist durchaus ausreichend – und wesentlich leichter zu bewerkstelligen.“

„Aber wie kann soviel Macht in einem Namen stecken? Ich kenne den Namen des Bären im Wald, doch kann ich nicht seinen Weg bestimmen!“

„Nicht alle Dinge sind leicht zu beeinflussen! Du kennst meinen Namen und kannst mich allein durch Rufen dazu bringen meinen Kopf zu heben. Du rufst den Bären und er tut nichts. Was tust du mit einem neuen Pferd? Als Erstes gibst du ihm seinen Namen und dann gewöhnst du es daran – dann erst kannst du mit dem Üben anfangen. Genauso steht es mit allen Dingen: Es braucht Zeit und viel Übung.“

„Also meinst du, dass ich den Bären fangen und dressieren muss“, erwiderte Melo enttäuscht. „Das ist doch keine Magie!“

„Nein, das Pferd war nur ein Beispiel. Natürlich hat jedes Ding auch seinen eigenen Namen. Du kennst den Bären als Bär, aber das unterscheidet ihn nicht von all den anderen Bären im Wald! Würdest du seinen eigenen Namen kennen, er würde dich hören, riefest du ihn“, antwortete Vanadis geduldig und schob dann schmunzelnd hinterher: „Auf dich hören würde er aber trotzdem erst mit viel Übung!“

„Und so kann ich selbst den Wind beeinflussen?“

„Natürlich! Allerdings ist hierfür sehr viel Zeit und Kraft gefragt und außerdem gibt es leichtere Wege die Richtung des Windes zu beeinflussen.“

„Kannst du mich die auch lehren?“

„Du willst zu den großen Inseln im Norden, nicht wahr? Du brauchst den Wind auf deiner Seite, ohne ihn wirst du es nicht übers Meer schaffen. Dann ist dein erster Schritt dein Schiff mit einem Segel auszustatten.“

„Wie soll ich mit einem Segel den Wind beeinflussen? Das ist doch keine Magie!“

„Bringst du den Wind etwa nicht dazu dich über das Wasser zu tragen? Ohne Segel hättest du das nicht geschafft. Im Übrigen ist Magie nicht immer unerklärlich. Eigentlich ist sie das sogar nie – nur für die, die nicht in ihre Geheimnisse eingeweiht sind, ist sie es.“

„Aber die Richtung des Windes kann ich immer noch nicht ändern! Was wenn der Wind mich ans falsche Ufer bläst?“

„Oh, du könntest natürlich mit sehr viel Kraft und großem Willen den Wind dazu bringen sich zu drehen – oder aber du drehst dich selbst. So musst du vielleicht einen Umweg in Kauf nehmen, aber langsamer wirst du dadurch nicht. Allerdings kommst du sehr viel munterer ans Ziel!“, Vanadis lachte, als sie Melos verdutztes Gesicht sah. „Du musst endlich aufhören Magie als etwas Entrücktes, Geheimnisvolles zu betrachten, ansonsten erlernst du sie nie! Versteh doch: Magie bedeutet einzig und allein die Beeinflussung der Dinge. Alles ist miteinander verbunden und so kann ich auch alles beeinflussen. Wie ich das bewerkstellige ist nebensächlich. Ich lese die Runen, um nicht blind in meine Zukunft zu laufen, d. h. ich möchte sie bewusst beeinflussen. Ich lese die Sterne, um meinen Weg nach Hause zu finden. Ich nutze die Pflanzen, um meine Wunden zu heilen. All das ist Magie. Allerdings ist dieser Weg nichts für Ungeduldige, denn um ihn zu gehen braucht es tiefgreifendes Verständnis von allen Dingen. Verständnis das auf Wissen gründet und Erfahrung.“

Melo nickte langsam. Er begann zu verstehen.

„Nun gut“, sagte Vanadis. „Dann ist unsere Lektion für heute beendet. Geh und sieh nach deinem Bruder. Morgen bei Sonnenaufgang treffen wir uns am Waldrand, dann lernst du die Namen der Pflanzen kennen.“

Melo war so dankbar für die Zeit mit Vanadis. Als er durch den Wald gerannt war, um Hilfe für Ricchar zu suchen, war er buchstäblich über sie gestolpert, als sie an einem Gebüsch kniend Kräuter sammelte. Er hatte sich schnell wieder aufgerappelt, kurz bei ihr entschuldigt und hatte sich daran gemacht weiterzulaufen. Vanadis hatte gelacht: „Wohin des Wegs so schnell, dass du dich noch nicht mal vom anderen Geschlecht ablenken lässt?“

„Mein Bruder Ricchar hat starkes Fieber und ich muss dringend Hilfe holen! Es tut mir leid, dass ich dich umgerannt habe, aber ich habe keine Zeit dir zu helfen.“

„Vor lauter Sorge um deinen Bruder kommt es dir wohl gar nicht in den Sinn, dass du die Hilfe, die du suchst, bereits gefunden hast?“ Wieder lachte sie herzlich. Sie lag immer noch bäuchlings im Laub. „Bring mich zu deinem Bruder. Ich werde ihm helfen.“

Tatsächlich hatte Melo vor lauter Aufregung nicht daran gedacht Vanadis um Hilfe zu bitten. Er war so verdutzt über seine Dummheit gewesen, dass er sie ohne weitere Einwände zurück zum Boot geführt hatte. Sie hatte Ricchar nur kurz angeschaut und Melo dann Anweisung gegeben ihn über seine Schulter zu heben und ihr zu folgen. Ihr herzliches Lachen war einer ruhigen Bestimmtheit gewichen.

Seitdem hatte Melo viel Zeit mit ihr verbracht. Sie hatten beide über Ricchars Schlaf gewacht und dabei hatte er viel von ihr gelernt. Sie hatte ihm von den Pflanzen, die sie zum Fiebersenken verwendete erzählt und erklärt, wann und wo sie zu pflücken waren. Nachts saßen sie vor ihrem Zelt und sie zeigte ihm die Sterne oder sie las die Runen.

Schon immer hatte ihn das Handwerk der Seherinnen interessiert, doch in ihrer Sippe hatte Tialda Rotungard komplett für sich vereinnahmt und seine Schwester belächelte Melos Wunsch mehr über das alte Wissen zu erfahren. Ihrer Meinung nach war dieses Wissen den Frauen vorbehalten, denn die Männer waren zu grob und ungeduldig um die Verflechtungen und Zusammenhänge der Welten zu verstehen und zu nutzen. Doch hier bei Vanadis fühlte sich Melo endlich angekommen. Er liebte es zu lernen und neue Dinge zu entdecken.

Vanadis verstand ihn und freute sich über sein Interesse. Für sie war nicht wichtig, was die Traditionen sagten, sondern das Herz. Schlug das Herz eines Mannes für das alte Wissen, dann stand für sie fest, dass die Götter es so gewollt hatten. Schließlich hatte der Göttervater selbst große Opfer gebracht, um sein Wissen zu erlangen. Vanadis sah in der Vielfalt und Wandelbarkeit der Götter den Beweis, dass auch die Bewohner von Midgard durchaus verschiedenen Wegen folgen konnten. So sah sie keinen Grund nicht das Bestellen des Landes oder die Verteidigung der Sippe mit dem alten Wissen in einer Person zu kombinieren. Für sie war es die Vielfalt, die das Leben lebenswert machte.