Tiefgang - Elisabeth Vogt - E-Book

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Elisabeth Vogt

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Beschreibung

Dort wo du nichts siehst, kann alles sein. Runa beginnt eine Reise in die Tiefe dieser Welt und die Tiefe in sich selbst. In den Gängen der Kanalisation gebiert sie ihre selbst geschaffenen Monster, die einst ihre Energie verschlangen. Langsam fängt sie an, das Licht zu nähren und im dunkelsten Schwarz über ihren eigenen Schatten zu springen. - Ein radikal ehrlicher und feinsinniger Kurzroman, der tiefen Einblick in das Menschsein zulässt. Dieses Buch ist eine Einladung längst vergessene Türen zu öffnen. Begleite Runa auf ihrer Reise zu sich selbst und sei bereit, mit ihr den Verstand zu verlieren.-

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dieses Buch widme ich dir.

Ich lag bewegungsunfähig in meinem Bett. Ich hörte nur das leise Surren der Elektrizität in meinem Zimmer. Mein ganzer Körper war so versteift, dass mein Brustkorb sich beim Ein- und Ausatmen kaum hob und senkte. Ich spürte in meinem Körper das Adrenalin kochen und hatte Angst vor dem Moment, bei dem der Topfdeckel dem Druck nicht mehr standhalten konnte. Um das Überschwappen der angestauten Gefühle zu verhindern, versuchte ich mich nicht zu bewegen. Damals glaubte ich, wenn ich nur lang genug in meiner Starre verharren würde, wäre das Explodieren unmöglich. Ich fühlte mich wie so oft viel zu weich für diese harte Welt und suchte Schutz. Doch bei mir konnte ich den Schutz nicht finden. Zumindest jetzt noch nicht. Als mein Atem schneller wurde und meine Muskeln anfingen zu zucken, ahnte ich, dass ich den Deckel nicht mehr lang stillhalten konnte. Zu viel trug ich in mir, was einen Ausweg aus meinem Körper suchte. Mit einem Mal fing ich an zu schlagen und zu schreien. Ich konnte das Überschwappen und die darauffolgende Explosion nicht verhindern.

Ich schlug härter auf mich ein als jede noch so wild gewordene Kreatur jemals auf mich einschlagen könnte. Beim Boxen gegen die Wände entfuhr mir ein schmerzvoller Schrei, der mich dazu brachte, lieber in meine Kissen zu boxen. Doch genau das war der Grund meines Kampfes. Ich wollte Schmerz fühlen, wissen, dass ich lebte. Bei jedem Schlag stöhnte ich auf. All die zerstörerische Kraft, die ich davor in Gedanken und Gefühlen gegen mich gerichtet hatte, konnte ich nun herausboxen. Noch einmal und noch einmal. Ich holte noch ein paar Mal kräftig aus, doch ich merkte, wie die angestaute Energie entwichen war wie aus einem Luftballon. Mit meiner letzten Frustration boxte ich und biss in mein Kissen. Darauf folgte ein Schrei, der sich in mir und meinem Zimmer ausbreitete. Es war ein langer schmerzvoller Ton, der je länger er anhielt immer mehr in ein Schluchzen überging. Ich tat mir selber leid. In dem Schrei konnte ich meine ganzen unterdrückten Schreie hören, die ich mich nicht getraut hatte freizulassen. All die Wut verwandelte sich in die Trauer, die sich hinter diesem Ausbruch versteckt gehalten hatte. Ich sehnte mich nach mir, der Liebe zum Leben und nach Halt. Je länger ich schluchzte und mich schüttelte, desto ruhiger wurde ich. Die Müdigkeit übermannte mich. Ich hatte das freigesetzt, vor dem ich mich so sehr fürchtete. Ich war müde von den Rollenspielen und diese Rollen wieder ablegen zu müssen – und dann das Chaos zu betrachten, das diese angerichtet hatten. Ich zog die Bettdecke über mich und der Sturm legte sich und Stille umhüllte mich.

Der Schmerz meiner Hand ließ mich aus meinem verschwommenen Zustand aufschrecken. Meine Hände waren blutverschmiert und auch die Wand hatte ein neues Muster bekommen, welches an meinen inneren Krieg erinnerte. Ich begann wie ein Baby an all meinen Fingern zu lutschen und schließlich versuchte ich die ganze Faust in den Mund zu nehmen. Genauso wie früher klappte das jetzt auch nicht. Das Leben besteht nur darin, immer wieder die gleichen Dinge zu tun und andere Ergebnisse zu erhoffen. Das nennt man Hoffnung. Ich wollte nicht mehr nur hoffen, sondern komplett neue Dinge testen. Solche, die ich noch nie zuvorgetan hatte und am besten auch niemand vor mir je getan hatte. Dann könnten keine Erwartungen und Hoffnungen entstehen.

Meine freigesetzten Darmgase stiegen langsam unter der Bettdecke zu mir nach oben auf und ich erfreute mich daran. Endlich nicht schämen müssen, einfach riechen können. Angenehm! Ich hätte hier noch ewig warten können. Nein, nicht warten, verweilen können, aber in meiner jetzigen Situation wartete ich fast immer oder ich tat etwas. In der Zeit, wo ich nicht wartete, explodierte ich. Einfach so. Mit der Faust gegen die Wand oder besser gesagt die Wand gegen meine Faust.

Ich fing an, mich zu schälen. Erste Schicht Bettdecke, zweite Schicht Klamotten und fing sogleich an, neue Schichten aufzutragen. Ich beeilte mich, da ich nicht so lange nackt in meinem Zimmer stehen wollte, welches Fenster in alle Richtungen hatte. Nachdem ich nun auch über meine Hand Schichten auftrug in Form von Pflastern, machte ich mich auf den Weg zu meiner Arbeit.

Wohin wusste ich nicht. Ich wusste, um ehrlich zu sein, noch nicht mal, dass ich arbeitete. Ich sagte es nur, um andere Menschen nicht zu schockieren. Eigentlich ging ich oft zu Freunden, in den Wald oder manchmal, und das muss geheim bleiben, in die Kanalisation.

Schon als kleines Kind dachte ich, dass die Untergrundbewegung in der Kanalisation stattfinden müsse. Ich wusste nicht, in welcher Realität es mir besser gefiel. Oft wollte eine Seite in mir immer noch das Leben im Sonnenlicht genießen, von Club zu Club ziehen und mich in der Welt der Formen verlieren, und die andere Seite wollte die Isolation von den Außenreizen, tief ins Unbekannte in mir und der Welt gehen. Beides zu vereinen und ein Doppelleben zu führen, schien fast unmöglich.

Denn es ist so: Lebst du einmal in den Gängen des Gestankes, gehst du nicht mehr nach oben. Du stinkst nämlich zu stark und das würde dich verraten. Und all das da unten muss geheim bleiben. Sonst müssen wir für unsere Schlafplätze mitten in der Scheiße auch noch Geld bezahlen!

Als ich in der Küche stand, nahm ich den Kuchen, den ich gestern gebacken hatte. Ich entschied mich zu meinen Freunden in die Kanalisation zu gehen. Ich packte noch ein paar großen Kerzen und meinem Ganzkörper-Kondom in meinen Beutel und machte mich auf den Weg zu Kalle, Ronja und Milo machte. Milo war der Hund von Kalle und Ronja. Den Kuchen nahm ich deswegen mit, weil ich nicht wusste, wann die beiden Geburtstag hatten. Ich hatte diesen Tag etwa schon fünf Mal verpasst. Besser spät als nie, dachte ich mir. Außerdem wäre es sicherlich schön für meine Herzensmenschen, wieder einmal etwas frisch Riechendes und Wohlschmeckendes zu essen.

Auch ich wusste nicht mehr, wie alt sie waren. Manchmal, wenn ich ihre Gesichter unter all dem Schlamm sehen konnte, empfand ich ihr Antlitz als wunderschön. Ich schätzte sie um die 25. Sie selbst hatten aufgehört zu zählen. Manchmal, wenn ich zu ihnen kam und sie mich fragten, welches Jahr dort oben sei, konnte ich ihnen keine Antwort geben. Viel zu interessant und einmalig fand ich es, dass sie es nicht wussten. Sie lebten fern ab von der Zeit und vergaßen langsam alle gesellschaftlich ausgedachten Ideen. Manchmal konnten sie sich ungefähr vorstellen, wie es draußen wohl aussehen könnte, weil sie Dinge zwischen der Scheiße schwimmen sahen. Diese schwimmenden Beweise verrieten ihnen, dass Menschen zum Beispiel immer noch mit Kondomen verhüteten oder sie viele Erbseneintöpfe im Klo runterspülten. Manchmal kamen auch Schnuller, Spielzeuge oder ähnliches vorbei geschwommen. Das Beste war, wenn sie eine Plastiktüte sahen. Mit erfreulichen Substanzen versteht sich natürlich.

Die armen Menschen dort oben! Bevor sie endlich glücklich werden konnten mit ihren Pulvern, Tabletten oder Pflanzen, mussten sie sie in der Toilette hinunterspülen, aus Angst erwischt zu werden. Pech für sie, Glück für Ronja, Kalle und manchmal auch Milo. Auch der Hund bekam manchmal etwas von dem beruhigenden Zeug.

Heute war ein sonniger Tag und meine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit hier unten gewöhnen. Langsam und vorsichtig stieg ich die Treppe unter der Gullyöffnung hinunter. Den Kuchen balancierte ich geschickt in meiner rechten Hand hinab. Als ich unten angekommen war, musste ich erst mal anhalten und warten, bis sich langsam Konturen anfingen abzuzeichnen. Ich schaute aufmerksam. Erst war alles nur schwarz. Nur langsam, sehr langsam teilte sich die einheitlich schwarze Fläche in unterschiedliche schwarz, braun und grau Töne auf, und ich begann die unterschiedlich langen Rohre erahnen zu können. Unter meiner Gummiplastikschicht wurde es warm und schwitzig. All die Ausdünstungen meines Körpers klebten an mir, und ich musste aufpassen, dass das gespannte Gummi nicht riss. Sobald ich lauter mit meinen Gummistiefeln ins Wasser schritt, hörte ich es quietschen und piepsen. Die Rattenfamilien scheuten und flohen in alle Richtungen. Manchmal rannten sie dabei gegen meine Beine. Früher schrie ich dann oft auf, doch heute empfand ich sie als meine Freunde. Ich konnte sie willkommen heißen.

Gerade war wieder einer dieser Momente, an dem ich die Welt als Geschenk sehen konnte. Auch wenn meine schmerzende Hand mich daran erinnerte, dass dies vor wenigen Stunden noch ganz anders aussah. Trotzdem fühlte ich mich nun aufgehoben. Ich schloss die Augen und folgte der Stromrichtung bis ich vor einer Kuhle stand. Hier musste ich einmal durchtauchen, um in ein Rohr unter dem Wasser zu gelangen. Ich presste Augen und Mund zusammen, um bloß keinen Fäkalschlamm einzuatmen, was eigentlich paradox ist, da in mir genau dieses Gebräu hergestellt wurde, aber aus einem komischen Gefühl des Ekels wollte ich es doch nicht in mir aufnehmen. Obwohl ich mich erinnern konnte, bei meinem Nachbarn die Meerschweinchen immer mit ihrer eigenen Kacke gefüttert zu haben, war ich noch nicht bereit, fremde Kacke zu essen. Da fiel mir ein, dass das bestimmt eine nachhaltige und umweltfreundliche Ernährungsart wäre. Es wäre praktisch wie ein Wiederkäuen der Nahrung. Außerdem wusste ich, dass jedes Wesen immer ein bisschen unverwertete Biomasse ausschied, die nun nochmal durch den Körper gehen könnte und somit mehr Energie gewonnen würde als bei nur „einmal durchlaufender Nahrung“. Nachdem ich diesen, mich zum Schmunzeln bringenden Gedanken zu Ende gedacht hatte, hörte ich die Stimmen meiner Freunde.

Sie spielten mal wieder „ich sehe was, was du nicht siehst“. Als sie mich erahnten, wurden ihre Stimmen aufgeregter und beide riefen gleichzeitig: „Ich sehe was, was du nicht siehst und das sieht aus wie Runa.“ Wie sehr erfreuten die Stimmen meiner Freunde mein Herz und es begann sich eine wohlige Wärme in mir auszubreiten, die noch intensiver wurde, als ich beide umarmte. Aufs Tiefste verbunden fühlte ich mich mit diesen beiden Wesen. Ihre Gesichter erhellten sich, und wir wurden stiller und genossen die Nähe und Wärme. Nach einigen Seufzern und Zärtlichkeiten schauten wir uns in die Augen. Ich vermochte nicht genau zu sagen, wo ihre Augen waren, doch als ich das Weiß um ihre Iris entdeckte, las ich in ihnen das, was sie mir zeigen wollten: Ich spürte die tiefe Liebe, welche sie mir entgegenbrachten, aber auch einen leichten Hauch von Scheu und Distanz. Ronjas Augen sprachen sogar ein wenig die Sprache der Angst und Einsamkeit. Lange sog ich ihre Gefühle in mir auf, ohne mich von ihnen verführen zu lassen. Rein wollte ich heute bleiben, auch wenn es jedes Mal eine Herausforderung war, mich nicht von meinen geliebten Menschen triggern zu lassen.

„Was beunruhigt dein Herz?“ fragte ich Ronja, nachdem Zeit verflossen war. „Ich vermisse den Gesang des Lebens. Auch wenn es hier manchmal Geräusche gibt, klingt das Leben doch nicht in seinen schönsten Tönen.“ „Warum gehst du dann nicht hoch?“ flüsterte ich. Ich wusste, dass diese Frage schwer zu beantworten war. Zu lange waren die beide schon abgetaucht, um sich dieser Frage stellen zu wollen. „Ich traue mich nicht. Ich und Milo können hier die Wärme leben. Wir erschaffen uns das Licht im Dunkeln. Ich habe Angst, wieder von der Hast und den Erwartungen gelockt zu werden und den Süchten der Stadt zu verfallen. Hier unten gibt es kein Aussehen, keinen Status, keine Eltern, kein reich oder arm, kein Haus. Nichts ist meins und dadurch ist so viel mehr möglich als früher.“ Lange hörte ich in mich und in Ronja hinein. Es stimmt, wenn alles dunkel ist, kann man selbst malen. Doch spürte ich auch, dass ihre Worte nicht ganz die Wahrheit wiedergaben. Sie band sich stark an Milo und Kalle und baute sich ihr Licht mit Hilfe von beiden auf. Sie war das Streichholz, welches sie nicht alleine angezündet bekam. Sie war angewiesen auf Milo und Kalle, um sich an deren Wärme zu reiben, um selber zu leuchten. Ich wusste, dass sie es wusste, doch verstand ich, dass sie es sich schwer einzugestehen vermochte.

Der Weg nach unten war für Ronja eine Flucht vor ihrem Selbst, welches ihr Angst machte. Hier unten konnten ihre Seiten, welche sie als unangenehm empfand weniger getriggert werden. Doch wenn sie ehrlich zu sich war, konnten auch hier ihre Schatten leuchten.

Kalle dagegen ging vor einigen Jahren, wir alle wissen nicht genau wann, aus einer tiefen Liebe nach unten. Er wollte der Erde näher sein. Er liebte das Licht und die Dunkelheit. Doch er verspürte eines Gewitterabends den Impuls, länger im Untergrund zu leben und das Licht für eine Zeit zu meiden, um sein eigenes Licht zu finden. Ihm schien es besser hier unten zu gehen, zumindest konnte ich dies aus seinen Augen lesen.

„Willst du nicht mal bei uns pennen?“ fragte Kalle mich. „Eigentlich ja“, erwiderte ich, „doch ich weiß nicht, ob mein Herz dazu bereit ist.“ - „Du bist immer herzlich eingeladen. Wenn man erst mal anfängt, in einer kleinen Gruppe hier zu schlafen, geschieht es nicht so schnell, dass man den Verstand verliert. So wie es damals bei Paulo war, der schreiend und sich selbst zerstörend umherlief“, erwiderte Kalle. Als Kalle die Worte den Verstand verlieren aussprach, regten diese in mir ein Verlangen genau nach diesem Zustand. Ich wollte einmal nicht mehr funktionieren müssen und meinem wahrem Ich begegnen. Ich wollte nicht weiter in Rationalistan leben, sondern mich auf nach Emotionien machen.

Diesen Wunsch verspürte ich schon so lange ich denken konnte. Ich wollte ihn in vollen Straßenbahnen schreien können, so wie ein kleines Baby, wenn es sich danach fühlt.