Tiefweiß und Blütenschwarz - Dithia Fering - E-Book

Tiefweiß und Blütenschwarz E-Book

Dithia Fering

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Beschreibung

Helen, die gerade ihr Studium begonnen hat, versucht jeglichen Kontakt zu anderen Menschen zu vermeiden, denn sobald sie mit jemandem spricht, durchfährt sie ein eisiger Schmerz. Dass ihr Leiden eine ganz spezielle Gabe ist, ahnt sie nicht. Doch dann lernt sie die lebenslustige Amber kennen. Und Ethan, der Helen sofort in ihren Bann zieht. Mithilfe der beiden findet Helen den Schlüssel zu sich selbst, gerät damit aber auch immer tiefer in den Strudel aus Geheimnissen, die Ethan umgeben. Und schließlich muss sie kämpfen - um Ethan und um sich selbst.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dithia Fering wurde 1995 in München geboren und lebt mit ihrem amerikanischen Mann in der Schweiz. Sie studierte Physiotherapie, fand aber erst während der Corona-Pandemie Zeit und Muße ihre Leidenschaft für das Schreiben zu verwirklichen - und so gründete sie nicht nur die Bildungswebsite webphysio.org rund um physiotherapeutische Themen, sondern verfasste auch ihren ersten Roman „Tiefweiß und Blütenschwarz“. In ihrer Freizeit liest sie mit großer Begeisterung nahezu alles von Kochrezepten und DIY-Anleitungen über Romane der unterschiedlichsten Genres bis hin zu wissenschaftlichen Studien. Wenn sie nicht gerade liest, findet man sie im Fitnessstudio, oder beim Fotografieren in der Natur.

Dithia Fering

Tiefweiß und Blütenschwarz

© 2021 Dithia Fering

ISBN Softcover: 978-3-347-36860-6

ISBN Hardcover: 978-3-347-36861-3

ISBN E-Book: 978-3-347-36862-0

Verlag & Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Für Brian, den besseren Ethan

Kapitel 1

Es regnet. Ich lasse meinen Kopf gegen die harte Lehne des Bussitzes fallen und blicke auf die vorbeifliegenden Häuser, die allerdings wegen der bereits hereingebrochenen Dunkelheit und des schlechten Wetters kaum zu erkennen sind. Nur die Geschäfte und einige Büros, in denen noch gearbeitet wird, sind beleuchtet und man kann die darin beschäftigten Menschen erkennen. Es ist keine besonders schöne Stadt: viele Straßen, Autos, Hochhäuser und Menschen. Aber wahrscheinlich trifft das auf alle größeren Städte zu, ich weiß es nicht.

Die hinter mir liegenden Vorlesungstage waren erträglich gewesen. Die hohe Anzahl an Mitstudenten und die großen Vorlesungssäle erleichtern es unbeachtet zu bleiben. Trotzdem bin ich erschöpft, wie immer nach einem Tag den ich in der Öffentlichkeit verbringen muss. Ich freue mich auf zu Hause und muss lächeln, als ich an meine Wohnung denke. Sie ist das Beste an diesem neuen Leben in der noch so fremden Stadt. Sie befindet sich im Dachgeschoss eines fünfstöckigen Altbaus und ist so klein, dass ich mich gefragt hatte, ob es überhaupt rechtmäßig sei solch eine Wohnung zu vermieten. Den obersten Stock des Hauses erreicht man im letzten Abschnitt durch ein Gebilde, das eher einer Leiter gleicht als einer Treppe und seine besten Jahre bereits hinter sich hat. Die Tür zur Wohnung öffnet – zum Glück – nach außen, denn wäre dies nicht der Fall, hätte mein Bett nicht hineingepasst. Betritt man die Wohnung, befindet sich auf der rechten Seite ein winziger Kühlschrank, auf dem ein portabler Herd inklusive Backofen und zwei Kochplatten steht. Dass es der einwandfreien Funktionsfähigkeit des Kühlschranks zuträglich ist einen Herd darauf zu platzieren, wage ich zu bezweifeln. Allerdings ist es tatsächlich der einzig mögliche Platz dafür, denn der Rest des Raumes wird vollständig von meinem Bett ausgefüllt. Das Kopfteil stößt an die linke Wand des Raumes, das Fußteil an die rechte Wand, und der Raum endet mit der Längsseite des Bettes. Das Bad liegt auf der linken Seite des Zimmers, die Tür kann nicht ganz geöffnet werden, da sie bei einem Winkel von etwa 45 Grad an die Wanne der Dusche stößt, sodass man, sobald man sich zwischen Türrahmen und Tür hindurchgequetscht hat, zunächst in der Dusche befindet, von der man das Waschbecken und die Toilette - in Armlänge - erreichen kann. Die Toilette ist so nah am Waschbecken angebracht, dass jeder Toilettengang zu einer Beweglichkeitsübung wird.

Doch der Grund, warum ich diese Wohnung so liebe, ist die Dachgaube im Schrägdach, unter der sich ein Vorsprung befindet, groß genug, um dort sitzen zu können. Ich hatte mich sofort in diesen Platz unter dem Fenster verliebt und ihn mit Kissen und Decken zu einem Ort gemacht, an dem ich mich trotz der Fremde behaglich fühle. Vom Fenster aus kann ich auf die Straße unter mir blicken und somit auf alle Menschen, die sie von A nach B führt. Seitdem ich hier wohne, habe ich bereits Stunden damit verbracht diese Menschen zu beobachten und mir ihre Lebensgeschichten auszumalen. Von diesem wunderbaren Ort aus - und ohne die Gefahr selbst entdeckt zu werden.

Ein starkes Ruckeln des Busses weckt mich aus meinen Tagträumen und ich fahre nach oben, um einen Blick auf die Haltestellenanzeige zu werfen. Noch zwei Stationen, ich bin glücklicherweise nicht zu weit gefahren. Ich falle wieder in mich zusammen, um weiter die dunklen Straßen und Häuser zu beobachten. Doch etwas in meinem Augenwinkel erweckt meine Aufmerksamkeit und lässt mich inne halten. Ich sehe auf. Und fahre zusammen.

Eine Frau steht direkt vor mir. Sie ist zugegebenermaßen nicht besonders furchteinflößend, etwa Mitte sechzig, so groß wie ich und hat einen knochigen Körper. Bestimmt hatte sie einmal tiefschwarzes Haar gehabt, welches inzwischen allerdings mit zahlreichen grauen Strähnen durchsetzt ist und in einem Dutt zusammengehalten wird, aus dem sich einige lockige Strähnen gelöst haben. Augen, umgeben von Tausenden von Lachfalten sehen mich an.

Trotzdem steigt blanke Angst in mir hoch. Mein Herz rast. Ich blicke mich um, vielleicht hat sie mich verwechselt. Erst jetzt bemerke ich, dass die meisten Fahrgäste bereits ausgestiegen sind. Diejenigen, die noch im Bus sitzen, scheinen vom plötzlichen Erscheinen der Frau vor mir keinerlei Notiz genommen zu haben. In meiner Verzweiflung beschließe ich so zu tun, als hätte ich sie nicht gesehen und versuche mich betont unbekümmert zum Fenster zu drehen.

„Helen.“

Ich erstarre mitten in der Bewegung und Gänsehaut überzieht meinen Körper. Woher weiß sie meinen Namen?! Mich überkommt eine leichte Übelkeit. Ich drehe mich langsam wieder zu ihr und versuche mich zu wappnen für das, was unvermeidlich kommen wird.

„Helen. Du weißt, es gibt Gut und Böse. Inzwischen gibt es mehr Böses als Gutes. Helen, bitte gehe nicht unter.“

Der Bus stoppt, die Frau dreht sich um und geht. Ich schnappe nach Luft und sehe auf meine Hände, die meinen Rucksack so fest umklammert halten, dass die Knöchel weiß hervortreten. Mir ist schwindelig, da ich offensichtlich die Luft angehalten habe. Aber ansonsten spüre ich nichts. Gar nichts. Ich bin so verwirrt, dass ich nur unter größter Anstrengung bei der nächsten Haltestelle aus dem Bus stolpere und meinen Weg nach Hause finde.

Kapitel 2

Gemessen an der Pfütze, die sich inzwischen unter meinen Füßen befindet, stehe ich bestimmt seit fünf Minuten wie festgewachsen in meiner Wohnung, doch meine durchnässte Kleidung und die damit verbundene Kälte, die langsam in meinen Körper dringt, lassen mich meine rasenden Gedanken beiseiteschieben und zwingen mich zur Bewegung. Ich zerre mir die an meiner Haut klebenden Klamotten herunter und zwänge mich in die Dusche.

Das Wasser das über meinen Körper rinnt, ist – wie immer trotz voll aufgedrehten Warmwassers – eiskalt und lässt mich noch mehr frieren, als ich es sowieso schon tue. Resigniert drehe ich das Wasser ab und steige aus der Dusche und damit in eine den gesamten Badboden bedeckende, einen Zentimeter hohe Pfütze. Ich seufze, nehme mein Handtuch vom Haken an der Tür, trockne mich flüchtig ab und lege es auf den Boden, was zur Folge hat, dass das Handtuch mit Wasser vollgesogen und der Boden dennoch überschwemmt ist. Ich bin zu erschöpft dem Wasserdesaster weitere Beachtung zu schenken und zwänge mich durch Dusche und Tür hindurch zurück ins Zimmer. Ich schlüpfe in Jogginghosen sowie den wärmsten Pullover den ich besitze und krabbele über mein Bett zu meiner Lieblingsnische unter dem Fenster. Und hoffe inständig, dass sich dort, in meiner Oase und meinem Sicherheitsbunker, die Welt endlich nicht mehr zweihundertfach zu schnell dreht.

Ich lasse mich in die Kissen sinken, schließe die Augen und versuche das erste Mal, seitdem ich die Frau im Bus gesehen habe, wieder bewusst zu atmen. Ich lege meine Hände auf meinen Bauch und atme tief durch die Nase ein. Als meine Lungen aufgefüllt sind, halte ich die Luft kurz an, dann atme ich aus, fünf Sekunden lang. Und automatisch höre ich Eleonores weiche Stimme, als würde sie neben mir sitzen.

„Tief durch die Nase einatmen bis nichts mehr hineinpasst, kurze Pause und ausatmen, eins, zwei, drei, vier, fünf, kurze Pause und von vorne. Tiiief durch die Nase einatmen …“

Und wie immer wenn ich ihre Stimme höre, werde ich ruhig, mein Herzschlag beruhigt sich endlich und das erste Mal an diesem Tag ist mir nicht mehr unangenehm kalt. Ich seufze und öffne die Augen. Eleonore. Meine einzige Freundin. Der einzige Mensch mit dem ich sprechen kann, der mich kennt, dem ich alles anvertraut habe. Von dem ich mich akzeptiert und geliebt fühle. Den ich selbst liebe. Wie gerne würde ich mich jetzt in den gemütlichen Ohrensessel in ihrem Büro einkuscheln, zusammen mit ihr einen ihrer exotischen Tees trinken und ihr von allem erzählen. Von meiner neuen Wohnung, dem neuen Leben. Und von der seltsamen Frau und ihren noch seltsameren Worten.

Ein dicker Kloß breitet sich in meinem Hals aus, als ich Eleonore und den Moment unserer Verabschiedung wieder vor Augen habe. Ihre etwas fülligere Gestalt, aufrecht, voller Grazie. Die grauen Haare, wie immer streng nach hinten gekämmt, zusammengehalten in einem Dutt. Ihr Gesicht, in dem viele viele Jahre an Lebenserfahrung zu erkennen sind und welches doch, durch jedes einzelne Zeichen des Alters, zu einem noch schöneren geworden ist, als es in jungen Jahren sicherlich einmal gewesen war. Doch nun wirkt es eingefallen. Sie sieht mich an, mit ihren graublauen Augen hinter der Brille mit den dicken Gläsern und ich habe das Gefühl, sie blickt direkt in meine Seele. Dann zieht sie mich in ihre Arme.

Mein Gesicht ist nass von den Tränen, die ich offensichtlich vergossen habe. Es ist das erste Mal seit ungefähr 15 Jahren, dass ich weine. Es tut erstaunlich gut.

Der Klang meines eigenen Seufzens durchbricht die Stille. Ich kippe das Fenster, um die kalte Nachtluft hineinzulassen, in der Hoffnung, dass der zusätzliche Sauerstoff das Engegefühl in meiner Brust etwas lindern kann. Es regnet noch immer. Der Wind bläst mir eine schwarze Locke ins Gesicht, ich streiche sie entnervt hinter mein Ohr. Ich ziehe meine Knie zur Brust, lege mein Kinn auf meine Unterarme und starre auf meine Füße. Dabei fällt mein Blick auf ein kleines Päckchen, das neben meinen Füßen steht. Es ist das Abschiedsgeschenk von Eleonore. Ich hatte mir vorgenommen es erst zu öffnen, wenn ich Eleonore vermissen würde. Denn ich wusste, dass dieser Zeitpunkt kommen würde.

Ich nehme das Geschenk in die Hand und betrachte es. Eine kleine schwarze Schachtel mit einer gelben Schleife. Gelb, meine Lieblingsfarbe. Ich muss lächeln. Ich ziehe an der Schleife und öffne die Box. Als mein Blick auf den Inhalt fällt, füllen sich meine Augen wieder mit Tränen.

Es ist ein dicker, gelber Stift. Genau der dicke, gelbe Stift, der die Ursache war für meinen Beschluss, dass Weinen sinnlos sei und keine Schmerzen lindern könne. Der dicke, gelbe Stift, der mich an den Tag erinnert, an dem mir meine Schmerzen das erste Mal so bewusst waren, dass er sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Der dicke, gelbe Stift, über den ich mich zuerst so gefreut hatte, der dann zu meinem einzigen Halt wurde und den ich schließlich wieder verlor.

Ich nehme den Stift heraus und umklammere ihn so fest wie damals. Durch einen Schleier aus Tränen erkenne ich verschwommen einige Worte auf dem Boden der Schachtel. Ich wische mir die Tränen aus den Augen.

Du bist stark, egal wie klein du dich fühlst. E.

Die Tränen fließen mir nun wie ein Wasserfall über die Wangen. Ich wusste nicht, dass man so viel Flüssigkeit im Körper hat, die man in Form von Tränen vergießen kann.

„Danke, Eleonore. Danke“, flüstere ich.

Kapitel 3

Ein unangenehmes Schrillen dringt in mein Bewusstsein und scheint sich direkt in mein Hirn zu bohren. Ich versuche meine Augen zu öffnen, was sich aufgrund der Helligkeit äußerst schwierig gestaltet. Als ich diese Hürde endlich überwunden und meine Orientierung wiedergefunden habe, stelle ich fest, dass ich gestern auf der Fensterbank eingeschlafen bin. Den Stift halte ich noch immer in der Hand. Lächelnd lege ich ihn in seine Schachtel zurück.

Es ist nun höchste Zeit dieses sicherlich gesundheitsgefährdende laute Klingeln meines Weckers abzuschalten, also rolle ich mich von der Fensterbank. Ich lande auf meinem Bett und strecke mich so weit ich kann, bis ich endlich das schrillende Etwas erreiche, das am Boden neben meinem Bett steht.

Die darauf einsetzende Stille würdige ich mit einem tiefen Atemzug bei geschlossenen Augen, bevor ich schließlich aufstehe. Meine Klamotten von gestern liegen noch immer zusammengeknüllt auf dem Boden, sind feucht und fangen bereits an zu müffeln. Also spanne ich meine Wäscheleine von der Türklinke der Wohnungstür zur Türklinke der Badtür. Das Resultat sind ganze eineinhalb Meter Wäscheleine, über die ich meine Kleidung, teilweise übereinander, hänge. Ich lasse mich auf die Knie fallen, um frische Kleidung aus den Kisten unter meinem Bett zu holen, krieche unter der Wäscheleine hindurch und zwänge mich ins Bad. Mir entfährt ein resignierter Laut als ich bemerke, dass der Boden nach wie vor überschwemmt ist und mein Handtuch klitschnass. Ich hebe es vom Boden auf, wringe es in der Dusche aus und hänge es wieder an die Tür. Nachdem auch mein zweites Handtuch mit Wasser vollgesogen ist, verwende ich eine ganze Rolle Klopapier um den Boden zumindest einigermaßen zu trocknen. Ich muss meine Duschzeit wohl noch weiter reduzieren, um Wasserschäden zu vermeiden.

Ich schlüpfe in meine Klamotten und werfe einen Blick in den Spiegel. Ich sehe in schwarze, große Augen, die im Moment, ähnlich wie bei einer allergischen Reaktion, geschwollen und rot umrandet sind. Die schwarzen Locken kleben teilweise am Gesicht oder in dicken Strähnen zusammen - wohl den salzigen Tränen der letzten Nacht geschuldet. Alle restlichen Haare stehen in undefinierbaren Wellen und Locken in alle möglichen Richtungen. Sie umrahmen ein helles Gesicht, dessen Hautfarbe wohl auch als bleich bezeichnet werden könnte. Ich versuche mit Hilfe meiner Bürste des Haarchaos´ Herr zu werden und das Nest auf meinem Kopf in einem Zopf zusammenzubinden. Die Folge sind mehrere ausgerissene Haarbüschel und ein Ergebnis, von dem ich nicht sicher bin, ob es eine Verbesserung zum vorherigen Zustand ist. Ich kann keinen neuen Versuch starten, wenn ich pünktlich zur ersten Vorlesung kommen möchte. Ich quetsche mich also aus dem Bad und unter der Wäscheleine hindurch, schnappe mir meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Mit etwa 10 Minuten Verspätung erreiche ich schnaufend die Universität. Zum Glück befinden sich die Türen zum Vorlesungssaal hinten, sodass ich mich unauffällig hineinschleichen kann und alleine in der letzten Reihe Platz nehme.

Kapitel 4

So sehr ich es auch versuche - ich kann mich heute nicht darauf konzentrieren, was der Professor Wichtiges zu erzählen hat. Immer wieder kehren meine Gedanken zu der Frau aus dem Bus zurück. Die innere Unruhe lässt mich auf meinem Stuhl nervös hin- und herrutschen. Ich bin zutiefst irritiert und kann schlichtweg keine Erklärung für das Geschehene finden. Woher sie meinen Namen kannte. Was sie mit ihren Worten meinte. Und warum ich nichts fühlte, als sie mit mir sprach. Vielleicht habe ich mir alles nur eingebildet? Erst als meine Mitstudenten aus dem Vorlesungssaal strömen, wird mir bewusst, dass es bereits Mittagszeit ist. Und dass ich nichts von der Vorlesung mitbekommen habe. Hoffentlich wird alles Wichtige in den Unterlagen stehen.

Mittagszeit bedeutet Mensazeit und meine Herzfrequenz steigt augenblicklich. Die Gefahr angesprochen zu werden ist in einer überfüllten Mensa - ohne Chance auf einen freien Tisch - sehr viel höher als während einer Vorlesung. Ich beschließe deswegen, den größten Ansturm zu umgehen und zwanzig Minuten draußen Luft zu schnappen. Auch wenn bis dahin sicherlich der essbare Teil des Mensafraßes bereits weg ist und ich nur noch 25 Minuten zum Essen habe. Aber die Entscheidung zwischen widerlichem Essen oder Schmerzen fällt für mich eindeutig zugunsten des widerlichen Essens aus. Ich ziehe meine Jacke bis oben hin zu und wickle mir meinen Schal zweimal um den Hals, sodass mein halbes Gesicht unter ihm verschwindet.

Als ich nach draußen trete, schlägt mir kalte Novemberluft entgegen. Zum Glück regnet es nicht mehr, aber der Himmel ist grau. Und irgendwie wirkt meine ganze Umwelt grau, als würde man sie durch eine verdunkelte Scheibe sehen. Ich laufe los, die Straße entlang, um den Studentenansammlungen vor der Uni zu entkommen. Ich stelle mir vor, ich hätte meinen gelben Stift bei mir und könnte diesem grauen Wetter ein paar Farbtupfen verpassen. Der Gedanke heitert mich auf und ich biege lächelnd in eine Seitenstraße ab. Sie ist so schmal, dass ein Auto nicht hindurchpassen würde, und der Asphalt wurde offensichtlich seit Jahren nicht erneuert. Die mit Wasser gefüllten Schlaglöcher zwingen mich auf den Boden zu sehen, denn ich habe keine Lust den Rest des Tages mit nassen Füßen zu verbringen.

Als ich aufschaue um zu sehen wo ich überhaupt hinlaufe, entfährt mir ein leiser Schrei und ich stoppe so abrupt, dass ich fast das Gleichgewicht verliere. Ich sehe in ein Gesicht. Das Gesicht der Frau aus dem Bus. Mein Herz rast und ich habe das Bedürfnis wegzulaufen. Aber meine Füße sind wie angewurzelt. Ich starre ihr ins Gesicht und hebe meine Hände, bereit zur Verteidigung. Sie aber steht nur da und lächelt. Die mehr grauen als schwarzen lockigen Haare sind wie gestern – wenig erfolgreich – in einem Dutt zusammengehalten. Ihre großen schwarzen Augen liegen auf mir, ihr Blick ist sanft. Ich muss mir eingestehen, dass sie wirklich alles andere als bösartig wirkt, und lasse meine Hände wieder sinken.

„Helen, es gibt Gut und Böse. Gut und Böse sind Eigenschaften, die wir einem Menschen äußerlich nicht ansehen können. Du wurdest als ein ganz besonderer Mensch geboren, denn du siehst nicht nur durch deine Augen.“ Sie lächelt mich an, dreht sich um und verschwindet um die Ecke.

Ich weiß nicht wie viele Minuten vergangen sind, als ich aus meiner Erstarrung erwache. Aber es ist sicherlich höchste Zeit sich auf den Rückweg zu machen. Meine Beine scheinen mein Gewicht nicht mehr richtig tragen zu wollen und ich fühle mich so wackelig, dass ich bestimmt wirke, als hätte ich ein Gläschen zu viel gehabt.

Ich habe so viele Fragen im Kopf, dass er zu bersten scheint. Bin ich endgültig verrückt geworden? Mit Nachdruck lasse ich die Luft, die sich in meinen Lungen angesammelt hat, ausströmen. Es ist nicht so, dass mir die von der Frau angesprochene Thematik vollkommen fremd wäre. Wenn man keine Freunde hat, hat man viel Zeit zum Nachdenken. Und ich bin mir inzwischen sicher, dass ich mich nicht in einem von Karl Mays Winnetou-Geschichten befinde, in denen man klar trennt: Gut und Böse. Schwarz und Weiß. Das Leben hat nun mal Millionen von Grautönen, hellere und dunklere. Wahrscheinlich gibt es nicht mal ein klares Weiß und reines Schwarz. Und ich soll etwas Besonderes sein? Ich sehe nicht nur durch die Augen? Und warum, verdammt nochmal, fühle ich nichts, wenn diese merkwürdige Frau mit mir spricht?

Inzwischen habe ich die Uni erreicht und bemerke, dass ich noch ganze fünfzehn Minuten habe, bevor die nächste Vorlesung startet. Ich beschleunige meinen Schritt und stelle zufrieden fest, dass mein kleiner Ausflug, wenn auch unerwünscht aufwühlend, doch zumindest seinen Zweck erfüllt hat. Die Mensa leert sich zunehmend. Die Begeisterung darüber legt sich schnell, als ich einen Blick auf die noch vorhandenen Essensreste werfe.

Ich lande schließlich bei verkochten Nudeln mit Salatdressing. Mit dem Tablett und dem sich darauf befindlichen ekelerregenden Essen mache ich mich auf den Weg in Richtung des Tisches, den ich bereits beim Hereinkommen als den perfekten Platz auserkoren hatte. Es ist der einzige Tisch für nur zwei Personen und steht ganz am Ende des Raumes, eingepfercht hinter einer Säule. Durch das große Fenster hat man einen wunderbaren Blick auf den Vorplatz der Universität.

Plötzlich sehe ich im Augenwinkel eine Person – ebenfalls mit Tablett in der Hand –, die verdächtig lange in die gleiche Richtung läuft wie ich. Ich lege einen Zahn zu. Die Person neben mir scheint dieselbe Idee zu haben. Als ich fast schon außer Atem mein Ziel erreiche, knalle ich mein Tablett auf den Tisch. Exakt im gleichen Moment wird auf der gegenüberliegenden Seite ein Tablett auf den Tisch geknallt.

Ich seufze. Das war es dann wohl mit dem schönen Platz. Ich mache mit noch immer gesenktem Kopf kehrt – eine Strategie, die ich mir über die Jahre hinweg angeeignet hatte, um möglichst wenig aufzufallen und somit nicht angesprochen zu werden.

„Warum möchtest du genau an diesem Tisch sitzen?“

Mein Herz setzt für einen Moment aus, nur um in der nächsten Sekunde in doppelter Geschwindigkeit wieder einzusetzen, als eine tiefe und raue Frauenstimme von der anderen Seite des Tisches zu mir dringt. Ich erstarre mitten in der Bewegung, schließe die Augen und warte. Das Blut rauscht in meinen Ohren und ich habe das Gefühl mein ganzer Körper würde vor Anspannung pulsieren. Ich warte. Und warte. Vergeblich. Stattdessen breitet sich eine fast schon vergessene Wärme in meiner Bauchgegend aus. Mein Herz rast, als wollte es vor Freude Purzelbäume schlagen.

„Kannst du nicht sprechen?“

Ich kann das Grinsen in der Stimme hören. Die Wärme durchströmt meinen ganzen Körper. Ein Lächeln so groß, dass es fast schon weh tut, überzieht mein Gesicht und ich wage mich zurückzudrehen, um die Person zu sehen, zu der diese Stimme gehört.

„Er ist klein, steht abseits und man hat einen schönen Blick nach draußen“, antworte ich.

Ich hebe den Kopf, was fast nicht nötig gewesen wäre, denn die junge Frau mir gegenüber ist etwa eineinhalb Köpfe kleiner als ich. Ich zucke sogar ein wenig zusammen, als ich sie ansehe, da sie irgendetwas an sich hat, das sie leuchten zu lassen scheint. Es beginnt bei ihren zu einem Bob geschnittenen sicherlich gefärbten knallroten Haaren, die ihre grünen, katzenförmigen Augen und die cappuccinofarbene Haut noch mehr strahlen lassen. Sie hat eine markante Nase und ein unfassbar breites Lächeln mit strahlend weißen Zähnen. Ihr Pullover hat exakt die Farbe ihrer Augen und bestimmt zehn filigrane goldfarbene Ketten baumeln um ihren Hals.

„Diese Antwort ist richtig. Der Preis dafür ist die Erlaubnis mit mir zu speisen.“

Ich grinse und mache einen Knicks. „Sie sind so großzügig. Was für eine unfassbare Ehre.“

Sie lacht ein tiefes, raues, vor allem aber echtes Lachen und wir setzen uns. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich einen weiteren Menschen auf dieser Welt gefunden zu haben scheine, mit dem ich sprechen kann.

„Und wir scheinen nicht nur unsere Vorliebe für kleine, abgelegene Tische zu teilen, sondern auch einen ähnlichen Geschmack zu haben.“

Sie macht eine wedelnde Handbewegung zwischen unseren Tellern und ein angewiderter Ausdruck huscht über ihr Gesicht. Ich gluckse, als ich die gleiche fragwürdige Kombination aus Nudeln und Salatdressing auf ihrem Teller sehe.

„Bestätigt mich allerdings in meiner Annahme, dass diese Kombination die noch am wenigsten kriminelle ist. Ich bin übrigens Amber.“

Sie streckt mir ihre Hand entgegen. Ich schüttele sie. „Ich bin Helen. Ich freue mich wirklich dich kennenzulernen.“

Wenn sie nur wüsste, wie sehr ich den eben gesprochenen Satz auch meine.

„Gleichfalls.“

Wir lächeln uns an und nehmen unsere Gabeln in die Hand. Der Mut verlässt uns allerdings zur selben Zeit wieder und wir lassen die Gabeln sinken. Wir müssen beide lachen, starten dann aber entschlossen einen neuen Versuch.

Sämtliche Muskeln in meinem Mund ziehen sich zusammen, als ich in geschmacklose Nudeln mit der Konsistenz einer Qualle beiße, umgeben von Soße, die ausschließlich aus Essigessenz zu bestehen scheint. Ich kneife meine Augen zusammen und versuche den Würgreflex zu ignorieren und das, was sich da gerade in meinem Mund befindet, irgendwie meine Speiseröhre hinab zu befördern. Ich stöhne auf, als ich es endlich halbwegs geschafft habe und kippe den gesamten Inhalt meines Glases Wasser hinterher.

Umso überraschter bin ich, als ich meine Augen wieder öffne und in Ambers Gesicht sehe. Auch sie hat die Augen geschlossen, aber scheinbar aus anderem Grund als ich. Sie ist die Inkarnation der Zufriedenheit. Ihr Mund ist so voll gestopft, dass sie einem Hamster wirklich ähnlich sieht. Einem Hamster mit roten Haaren.

„Das ist richtig gut.“

Ihre Worte sind zwischen Kauen und etlichen Hmmms nur mit viel Fantasie zu verstehen. Amber öffnet die Augen und ihre Kaubewegungen stoppen augenblicklich, als sie meine weit aufgerissenen Augen sieht. Sie schluckt die kolossale Menge an Essen, die sich gerade in ihrem Mund befindet, ohne weitere Zerkleinerungsversuche auf einmal herunter. Ich bemerke, wie sich mein Gesicht unwillkürlich verzieht, während ich inständig hoffe, dass ihre Speiseröhre diese Menge an Volumen und Essig unbeschadet übersteht.

„Findest du nicht?!“

Ihr scheint es also gut zu gehen.

Ich schüttele fassungslos den Kopf. „Ich glaube, das ist das Ekligste, was ich je in meinem Leben gegessen habe. Und das will in meinem Fall etwas heißen. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob ich Angst vor dir haben oder dich einfach nur abstoßend finden soll.“

Amber lacht so laut auf, dass sich einige der wenigen Studenten, die sich noch in der Mensa befinden, umdrehen. Sie sieht mir in die Augen. „Ich mag dich, Helen.“

Und schon schiebt sie sich die nächste gewaltige Ladung an ekelerregenden Nudeln in den Mund.

„Und was studierst du?“

Sie scheint eine Vorliebe zum Sprechen mit vollem Mund zu haben.

„BWL im ersten Semester.“

„Oh wow. Du musst intelligent sein. Und warum BWL?“

„Ich glaube nicht, dass ich besonders intelligent bin. Ich versuche einfach fleißig zu sein. Und BWL deswegen, weil ich ehrlich gesagt nicht wusste, was ich studieren soll. Und keine besonderen Talente habe.“ Ich zucke mit den Schultern.

„Ja, das kenne ich. Ich wollte eigentlich eine Gesangsausbildung machen, aber mein Dad meinte es wäre sinnvoller zu studieren. Also habe ich mit Kommunikationswissenschaften angefangen, weil ich gerne rede. Ich bin mir aber nicht mehr ganz sicher, ob diese Argumentationskette so richtig war.“

Ich muss mich konzentrieren ihre Worte, die irgendwo zwischen Massen an quallenartigen Nudeln hervorkommen, zu verstehen.

„Und bist du neu hier?“, fragt sie mich mit hochgezogenen Augenbrauen - natürlich nicht, bevor sie sich nicht eine weitere Gabel voller Nudeln in den Mund geschoben hat.

„Ich bin vor eineinhalb Wochen hierher gezogen.“

„Spannend!“ Sie seufzt und befüllt ihren noch nicht leeren Mund mit weiterem Essen. „Ich wohne schon mein ganzes Leben hier. Aber immerhin bin ich endlich zu Hause ausgezogen. Ich liebe meine Eltern über alles und sie mich auch, aber es war wirklich an der Zeit sich nicht mehr gegenseitig zu erdrücken. Jetzt wohne ich in einer WG, zehn Minuten von hier entfernt. Ich werde dir meine Mitbewohner bei Gelegenheit vorstellen.“

Der Wasserfall an Informationen, der da – schwer verständlich – auf mich einprasselt, die Tatsache, dass ich Amber bereits jetzt in mein Herz geschlossen habe, sowie die Aussicht auf das Kennenlernen von weiteren Personen, was mir dann doch ziemlich Angst bereitet, überwältigt mich für einen Moment. Erst die Stille und die fehlenden Essensgeräusche von der gegenüberliegenden Seite des Tisches holen mich wieder ins Jetzt zurück. Amber hat ihre Quallennudeln inzwischen aufgegessen und starrt gierig auf meinen nach wie vor vollen Teller. Ich grinse und schiebe ihn ihr hin. Sie strahlt so breit, als hätte ich ihr einen Lebenstraum erfüllt. Wahrscheinlich habe ich das in diesem Moment sogar.

Kaum befindet sich die nächste Ladung Nudeln in ihrem Mund, fährt Amber mit ihrem Fragenkatalog fort. „Und wo kommst du her? Und hast du Heimweh? Vermisst du deine Familie und Freunde?“

„Ich bin in einem Heim in Baden-Württemberg aufgewachsen. Ich … “

Amber bricht in einen Hustenanfall aus. Offensichtlich ist ein nicht unerheblicher Teil der Nudelmassen diesmal in der falschen Röhre gelandet. Ich springe auf, um ihr auf den Rücken zu klopfen. Nachdem sie sich wieder etwas beruhigt hat, sieht sie zu mir auf, ihr Gesicht ist vom Hustenanfall etwas gerötet.

„Du bist im Heim aufgewachsen?“ Sie krächzt mehr, als dass sie spricht und sieht mich voller Mitleid aus großen Augen an.

Mit einem Seufzer setze ich mich wieder. „Ja. Aber glaub mir, es ist eigentlich gar nicht schlimm. Ich weiß nicht, wie es ist eine Familie zu haben, insofern konnte ich auch nie eine vermissen. Und es erspart mir jetzt das Heimweh … Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch keine Freunde. Ich bin eine Einzelgängerin. Nur Eleonore. Die vermisse ich sehr. Sie war meine Lieblingsbetreuerin.“ Ich starre auf das leere Wasserglas vor mir. „Eigentlich viel mehr als nur eine Betreuerin. Und die Einzige, mit der ich sprechen konnte“, füge ich leise hinzu.

Amber legt jetzt sogar die Gabel zur Seite und sieht mich an. In ihrem Blick liegt eine Mischung aus Sorge, Neugierde und Bewunderung. „Irgendwie bist du schräg, Helen. Aber obwohl ich dich objektiv erst seit“, sie wirft - trotz der goldenen Armbanduhr die sie am Handgelenk trägt - einen Blick auf den Bildschirm ihres Smartphones, „30 Minuten kenne, habe ich das Gefühl, ich kenne dich schon ewig. Wie Seelenverwandte irgendwie. Crazy.“ Sie grinst mich an wie ein Honigkuchenpferd und ihre Augen funkeln.

Ich kann gar nicht anders als zurück zu lächeln. „Schräg trifft es ganz gut. Und ja, mir geht es ähnlich.“

Amber wirft einen weiteren Blick auf ihr Handy. „Übrigens hat die Vorlesung vor 20 Minuten angefangen. Ich finde es lohnt sich jetzt nicht mehr noch hinzugehen. Außerdem habe ich Hunger. Wie wär´s mit Muffins und Kaffee? Ich weiß, wo es die besten Muffins der Stadt gibt.“

Ich erstarre bei dem Gedanken daran die Vorlesung zu verpassen. Ich habe in meinem Leben noch nie etwas geschwänzt. Allerdings hatte ich bisher auch nie einen Grund dazu. Den habe ich jetzt. Er steht vor mir, ist rothaarig und in seinem Gesicht spiegelt sich die reinste Ekstase bei dem Gedanken an Muffins. Mich überschwemmt eine Welle von Wärme und Dankbarkeit. Wahrscheinlich ist es allerhöchste Zeit meine Prioritäten neu festzulegen. Ich straffe meine Schultern. „Okay, los geht’s.“

Amber strahlt, als hätte jemand Lichter in ihr angeschaltet. Wir räumen unsere Tabletts auf und machen uns auf den Weg.

Als wir nach draußen treten, schließe ich die Augen, inhaliere die frische kalte Luft und konzentriere mich auf das Glücksgefühl, welches mich im Moment komplett ausfüllt und mir Frieden gibt, mit mir selbst und der Welt.

„Wir müssen ungefähr fünf Minuten laufen. Und ich verspreche dir, die Muffins von M & M sind die besten, die du jemals in deinem Leben gegessen hast.“

„M & M?“ Ich schmunzele.

Amber kichert. „Ja, M & M, Muffins and more. So ein bescheuerter Name. Aber mal ehrlich, diese Muffins! Ich glaube M & M ist mein Paradies auf Erden.“

Ich muss lachen über diese sprudelnde Begeisterung. „Dann bedanke ich mich dafür, dass du dieses Stück vom Himmel mit mir teilst.“

Inzwischen haben wir das hochgelobte Café erreicht. Es liegt an einer Ecke und ist an den beiden Seiten, die zur Straße zeigen, verglast. Im Sommer stehen wohl Tische und Stühle auf dem breiten Gehsteig vor dem Café. Jetzt sind sie zusammengeklappt und an die Wand gelehnt. Hinter den Glasscheiben kann man kleine Tische erkennen, die liebevoll mit Tischdecken, einer Kerze und einem winzigen Blumenarrangement geschmückt sind. Ein bestechender Geruch schlägt mir entgegen, als Amber die Tür öffnet.

„Besetze doch schon mal den Tisch dahinten.“ Amber zeigt auf ein Tischchen am Ende des Raumes. „Ich kümmere mich derweil um die Bestellung.“

Ich laufe zum von Amber auserkorenen Tisch und lasse mich auf den Stuhl fallen, der in der Ecke steht. Von hier kann ich das ganze Café überblicken. Außer unserem Tisch ist nur ein weiterer von einer älteren Dame besetzt, die eine Tasse Tee schlürft. Kein Wunder, um diese Uhrzeit. Ich bin fast ein bisschen stolz darauf, mich hier zu befinden und nicht im Unterricht zu sitzen. Das Leben zu leben, anstatt es abzusitzen. Ich lächle.

Amber hat inzwischen bestellt und balanciert ein Tablett, auf dem sich zwei riesige Tassen und vier Muffins befinden, auf unseren Tisch zu. Sie stellt das für sie offensichtlich höchst wertvolle Gut mit größter Vorsicht ab. „Wir können natürlich noch Muffins nachbestellen, falls es nicht reicht.“ Sie räuspert sich und tut so, als hätte sie meinen entgeisterten Blick nicht gesehen, kann ihr Grinsen aber nicht unterdrücken. „Also, wir hätten Schoko, Haselnuss, Blueberry und Brownie-Cheesecake.“ Ihr Zeigefinger wandert von einem zum nächsten Muffin. „Ich würde vorschlagen, wir teilen alle, du musst nämlich unbedingt jeden probieren.“ Sie schiebt mir das Tablett hin und sieht mich so gespannt an, als wäre ich eine Rakete, die gleich in den Weltraum startet.

Ich entscheide mich dafür mit Haselnuss zu beginnen. Als ich in den Muffin beiße, habe ich tatsächlich das Gefühl, etwas würde explodieren. Allerdings nicht, weil ich gerade abhebe, sondern weil meine Geschmacksnerven gerade aus einem jahrelangen Winterschlaf erwacht zu sein und einen ekstatischen Freudentanz aufzuführen scheinen. Was nach zwanzig Jahren Kinderheimessen wahrscheinlich keine große Kunst ist. Trotzdem. Dieser Muffin ist fantastisch. Ich kann Ambers Begeisterung vollkommen nachvollziehen.

Nachdem ich unter Ambers Adleraugen auch die anderen Muffins probiert, sie in höchsten Tönen gelobt und Brownie-Cheesecake zu meinem Favoriten gekürt habe, nimmt auch Amber einen Muffin – Blueberry – in die Hand und beißt ein so großes Stück ab, dass ich mich frage, ob das Kauen anatomisch überhaupt noch möglich ist. Sie scheint hingegen kein Problem in diesem für sämtliche Gesichtsmuskeln als Extremsport zu bezeichnenden Unterfangen zu erkennen und beginnt – natürlich – zu sprechen.

„Du hast vorher gesagt du hattest nie Freunde. Was ich mir gar nicht vorstellen kann, weil ich dich wirklich mag und nicht glauben kann, dass irgendwer anderer Meinung sein könnte. Aber irgendwie erinnert es mich auch an mich selbst. Mit meinen sogenannten Freundinnen aus der Schule habe ich schon jetzt, nur zwei Monate nach dem Abi, keinen Kontakt mehr. Aber viel mehr als mit ihnen shoppen und feiern zu gehen, konnte ich sowieso nicht. Meine jetzigen Kommilitonen sind von Ehrgeiz und sich selbst besessen und ich fühle mich völlig fehl am Platz.“

Amber schluckt den inzwischen zumindest ansatzweise zerkleinerten Muffin hinunter und hält für einen Moment inne. Sie scheint in Gedanken irgendwo weit entfernt zu sein und mir wird bewusst, dass auch dieser Mensch Leid erfahren hat. Genau wie ich, wenn auch in anderer Form. Und ich bewundere Amber einmal mehr dafür, dass sie trotzdem diese vor Energie und Lebensfreude sprudelnde Person ist.

Und schon hellt sich Ambers Gesicht wieder auf und sie schiebt sich den Rest des Blueberry-Muffins in den Mund. „Aber ich bin wirklich glücklich mit meiner WG. Ich glaube Lisa ist manchmal genervt, wenn sie lernen möchte und ich währenddessen singe. Aber ich hatte sie schließlich gewarnt, bevor ich eingezogen bin. Und Max ist die Freundlichkeit in Person.“ Zu dem Blueberry-Muffin in ihrem Mund gesellt sich ein Stück Schoko-Muffin. Sie beginnt wieder zu strahlen. „Und ich habe das Glück Alex zu haben, meinen Freund. Wir sind zusammen zur Schule gegangen und ich habe ihn seit der sechsten Klasse vergöttert.“ Sie kichert wie ein kleines Mädchen. „Er hat sich bis zur Oberstufe nie für mich interessiert. Diese letzten zwei Jahre musste ich dann noch weitere Überzeugungsarbeit leisten und – tada – jetzt sind wir seit zwei Monaten zusammen! Helen, ich glaube ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“ Wie um ihre Worte zu unterstreichen, beißt sie energisch ein weiteres Mal in den Schokomuffin in ihrer Hand. „Hast du einen Freund?“

Ich schüttele den Kopf „Nein.“ Mir entfährt unbeabsichtigt ein Seufzer.

Meine Gedanken schweifen zurück zu dem Tag, als ich das erste – und letzte – Mal mit Moritz sprach. Moritz, Mitglied im Kreis der Beliebten, blond, gutaussehend. Jahrelang hatte ich ihn im Stillen angehimmelt. Bis es das Schicksal so wollte, dass ich, meiner Tollpatschigkeit sei Dank, in ihn hineinstolperte, was zur Folge hatte, dass er seinen Kaffee auf sein blütenweißes Shirt schüttete. Die Schmerzen die sein darauf folgendes Pass doch auf wo du hinläufst, du Missgeburt! auslösten, taten so weh, dass ich kurz davor war einfach abzuhauen. Wegzulaufen vom Heim, der Schule und Moritz. Aber mir wurde bewusst, dass ich zwar vor diesen Dingen weglaufen könnte, nicht aber vor meinem Leben.

Amber hört für einen Moment auf zu kauen und runzelt die Stirn. „Hm. Dabei bist du doch so hübsch! Aber wir finden schon noch jemanden für dich!“

Es dämmert bereits, als Amber auch die letzten Muffin-Reste vernichtet und wir unsere bereits zweite Tasse Kaffee ausgetrunken haben.

Ich lächle und sehe Amber in die Augen. „Ob du es glaubst oder nicht, aber das war einer der schönsten Tage in meinem Leben. Danke dafür.“

Amber sieht mich an und lächelt ihr Amber-Strahle-Lächeln. „Wie wär´s, wenn du am Freitagnachmittag zu mir kommst? Dann kann ich dir Lisa und Max vorstellen. Und am Abend ist die Willkommensparty für die Erstsemester. Vielleicht lernen wir ja noch weitere nette Menschen kennen.“ Sie zwinkert mir zu.

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Zum einen vor Freude darüber Amber wiederzusehen, zum anderen aus Furcht vor dem Kennenlernen von Lisa und Max und blanker Angst vor der Party.

„Ich würde dich wirklich gerne besuchen kommen. Aber ich bin kein großer Fan von Partys.“

„Geht es dir gut? Du bist ganz bleich!“ Amber sieht mich fragend an und legt mir ihre Hand auf die Stirn, wahrscheinlich um zu testen, ob ich unter einem plötzlichen Fieberschub leide.

„Ja, alles gut. Wahrscheinlich nur zu viele Muffins“, murmele ich.

Sie sieht mich noch immer besorgt an. „Na gut. Ich freue mich jedenfalls sehr auf Freitag und wir können dann spontan entscheiden, ob wir zur Party gehen oder nicht.“

Sie zieht einen Stift aus ihrer Tasche, schreibt ihre Handynummer und Adresse auf eine Serviette und drückt sie mir in die Hand. Als wir aufstehen und uns auf den Weg nach draußen machen, winkt Amber der Bedienung hinter der Theke zu, die Amber bereits zu kennen scheint und ihr ein „bis morgen“ zuruft.

Inzwischen ist es dunkel draußen und es hat weiter abgekühlt. Amber wirft mich mit ihrer stürmischen Verabschiedungsumarmung fast um. „Schreib mir, wenn du zu Hause bist! Und ich freue mich wirklich auf Freitag.“

„Mach ich. Und danke nochmal für den schönen Tag.“

Amber dreht sich um und winkt mir zu, bevor sie um die Ecke verschwindet. Ich bleibe für einen Moment stehen und genieße die unsägliche Glückseligkeit, die mich erfüllt. Schließlich mache auch ich mich auf, in Richtung Bushaltestelle.

Ich stoppe und bemerke wie mein Dauerlächeln verschwindet, als ich zu der Seitenstraße gelange, in der ich nur ein paar Stunden zuvor auf die Frau gestoßen war. Ich seufze, zwinge mich dann aber weiterzugehen und versuche, mir meine gute Laune nicht nehmen zu lassen. Also schiebe ich die dunklen Gedanken so gut es geht beiseite und durchlebe in Gedanken noch einmal die Stunden mit Amber.

Kapitel 5

Ich wippe nervös auf meinem Stuhl hin und her und schiele zum mindestens zehnten Mal im Laufe der letzten Minute auf meine Handyuhr und warte darauf, dass sich endlich etwas auf der Anzeige bewegt. 16:59 Uhr. Langsam überkommt mich das Gefühl, mein Handy sei seinem Alter entsprechend nun endgültig kaputt, und die Uhr einfach stehen geblieben. Und natürlich scheint der Professor gerade heute – an einem Freitag – besonders viel Zeit zu haben und möchte gar nicht mehr aufhören zu dozieren, obwohl er die Vorlesung üblicherweise immer zwanzig Minuten früher beendet. Ungeduldig lasse ich den dicken, gelben Stift durch meine Hände gleiten. 17:00 Uhr.

„ … und ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.“

Na, endlich. Ich schiebe mir meinen gelben Buntstift in die Hosentasche, springe von meinem Stuhl auf und bin heute die Erste, die den Vorlesungssaal verlässt.

Ich habe mit Amber besprochen direkt von der Uni zu ihr zu kommen. Die Vorfreude macht mich ganz kribbelig. Das Partyproblem habe ich beschlossen notfalls durch eine plötzliche Kopfschmerzattacke zu lösen, sollte Amber sich nicht davon überzeugen lassen zu Hause zu bleiben. Als ich mich außer Sichtweite der Uni befinde, kann ich mich nicht mehr zurückhalten und hüpfe los. Es tut gut für einen kurzen Moment wieder einmal Kind zu sein.

Noch bevor ich den Weg durch den winzigen Vorgarten zum Eingang von Ambers WG passiert habe, wird die Haustür von innen aufgerissen.

„Helen, schön, dass du da bist!“ Amber strahlt über das ganze Gesicht und umarmt mich, bevor sie sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die Tür lehnt, um sie weiter aufzuschieben und mich eintreten zu lassen.

Der Grund für ihren körperlichen Einsatz sind die Massen an Jacken und Mänteln, die auf der linken Seite des kleinen Vorraums an einer Hakenleiste aufgehängt sind und in ihrer Summe ein Volumen ergeben, welches fast dem des gesamten Raumes entspricht und damit auch das Öffnen der Türe zur Schwerstarbeit werden lassen. Der Boden darunter ist aufgrund der sich darauf befindlichen Unmengen an Schuhen nicht zu erkennen. Eine Ordnung scheint dabei nicht vorhanden zu sein, und ich frage mich, wie es Amber schafft, jeden Tag zwei zusammenpassende Schuhe zu tragen. Ich toppe also den Schuhberg mit meinen eigenen Stiefeln und hoffe inständig dadurch keine Lawine auszulösen, während Amber meine Jacke quer über den restlichen Jacken platziert, als wären diese ein Regal. Zufrieden mit ihrem Werk dreht sie sich zu mir und klatscht in die Hände. „Herzlich willkommen in unserem kleinen, hübschen Heim! Ich zeige dir gleich alles, nur leider sind Lisa und Max nicht zu Hause.“

Ein erleichterter Seufzer entfährt mir.

Amber betritt das Wohnzimmer und ich folge ihr und ihrer knallvioletten Jogginghose. Die Farbe könnte sicherlich zur Behandlung von niedrigem Blutdruck genutzt werden. Die engen Bündchen am unteren Ende der Hose stecken in extrem plüschigen, knöchelhohen grauen Hausschuhen, an deren Vorderblättern jeweils zwei Hasenohren und an den Fersen ein Hasenpuschel angebracht sind.

„Das ist unser Küche-Essen-Wohnbereich.“ Sie macht eine ausladende Bewegung in den Raum.

Auf der rechten Seite der Tür befindet sich eine kleine Küche, davor steht ein Holztisch, um den herum sechs Stühle unterschiedlichsten Materials und verschiedenster Farben platziert sind. Auf der linken Seite steht ein dunkelgrünes Sofa, das gleichermaßen alt und gemütlich aussieht. In der gegenüberliegenden Ecke befindet sich ein kleiner Fernseher, direkt neben der verglasten Schiebetür, die in einen winzigen Garten führt. Drei nebeneinander stehende Liegestühle füllen diesen fast vollkommen aus.

„Ihr habt es wirklich schön hier!“

Amber nickt. „Ja, ich hatte Glück, dass sich Max und Lisa für mich entschieden haben.“

„Es wundert mich nicht, solange du bei deiner Vorstellung nicht diese migräneverursachende Hose getragen hast.“

Amber blickt an sich selbst hinunter und fängt aus vollster Kehle heraus an zu lachen. „Deswegen also verlässt Lisa immer fluchtartig den Raum, wenn ich mich darin befinde. Nicht wegen meinem Gesang, sondern wegen meiner Hose!“ Amber sieht mich voller Erleuchtung an.

Ich schmunzele. „Hm, vielleicht eine Kombination aus Beidem.“

Sie lacht noch lauter. „Ja … vielleicht“, grinst sie und schnappt sich eine Packung Schokocookies von der Küchentheke. „Komm, ich zeige dir mein Zimmer.“

Wir verlassen den Raum und laufen die schmale Wendeltreppe hinauf, welche auf der gegenüberliegenden Seite der Jackenmassen vom Vorraum abgeht und auf einem kleinen Flur endet. Amber deutet nach links. „Dort ist das Badezimmer, daneben ist Lisas Zimmer, das ist Max´ Zimmer und hier“, sie deutet theatralisch nach rechts, „befindet sich mein Reich“.

Sie öffnet die Tür und ich trete in einen Raum, den ich unter Hunderten als Ambers erkannt hätte. Er ist nicht besonders groß, wenn auch deutlich größer als meine Wohnung. Rechts neben der Tür befindet sich ein Schreibtisch auf dem sich ein sicherlich 30 Zentimeter hoher Berg aus Ordnern und einzelnen Blättern aufwölbt. Der Gipfel wird von einem gefährlich schief stehenden Laptop gebildet. Die linke Wand des Raumes wird gänzlich von einem hölzernen Kleiderschrank eingenommen, der Amber wahrscheinlich bereits ihr ganzes Leben begleitet. Das Holz ist im unteren Teil bedeckt von kindlichen Kritzeleien in verschiedenen Farben, offensichtlich entstanden in den unterschiedlichsten Gemütszuständen. Die Angewohnheit die Geschehnisse ihres Lebens ihrem Kleiderschrank mitzuteilen, scheint Amber aber nie aufgegeben zu haben. Wände und Türen sind nahezu lückenlos überdeckt mit Zeichnungen, Wörtern und Texten, die Glück, Dankbarkeit, Angst, Wut und Verzweiflung widerspiegeln. Im Gesamten betrachtet ergibt sich ein Kunstwerk. Das Kunstwerk eines Menschenlebens.

Amber scheint meine Rührung bemerkt zu haben und seufzt. „Ja, es gab Zeiten, in denen ich meinen Schrank als meinen besten Freund bezeichnet habe.“

Sie lässt sich auf ihr Bett fallen, das auf der rechten Seite des Zimmers vor einer knallroten Wand steht und mit Massen von Klamotten bedeckt ist. Der Kleiderschrank scheint in seiner ursprünglichen Funktion wohl nicht mehr genutzt zu werden. Über dem Kopfteil befindet sich ein Fenster mit Vorhängen in der Farbe der Wand. Auf dem Fensterbrett steht eine beachtliche Sammlung kleiner Pflanzen, die allesamt im Moment nicht besonders glücklich zu sein scheinen.

„Setz dich zu mir!“ Amber tippt mit der Hand auf einen bunten Kleiderberg neben ihr und öffnet die Packung Cookies. „Und ich habe Cookies.“

Sie schenkt mir ein verführerisches Lächeln und ich kann nicht anders als zu lachen. Ich setze mich also neben sie – und damit auf ihre Klamotten. Amber scheint das nicht zu stören. Sie hält mir, natürlich mit bereits gefülltem Mund, die Kekspackung unter die Nase. „Die sind riiichtig gut!“

Ich nehme mir einen Cookie und grinse sie an. „Wenn du mich weiterhin so fütterst, kann ich mich bald gar nicht mehr in meiner Wohnung bewegen.“

„Notfalls kannst du mit in meinem Zimmer wohnen.“

„Genügend Kleidungsstücke, um ein bequemes Bett zu bereiten, wären auf jeden Fall vorhanden.“

Amber gibt mir einen spielerisch empörten Klaps auf den Oberarm und lacht. „Blödi. Übrigens, wegen heute Abend: Alex und seine Kumpels sind heute in einer Bar ganz in der Nähe von hier. Ich habe ihm geschrieben und gefragt, ob wir später dazu stoßen können. Dann musst du nicht zu der Party und lernst meinen Freund kennen. Und vielleicht ist unter seinen Freunden ja auch jemand für dich dabei! Dann könnten wir auf Viererdates gehen … “ Ambers Gedanken schweifen offensichtlich für einen Moment kurz ab. „Naja, wie auch immer. Er hat nur leider noch nicht geantwortet.“ Sie runzelt die Stirn und wirft einen Blick auf ihr Handy. „Immer noch nicht. Wahrscheinlich nicht gelesen … “

Ich schlucke, als Amber mir die Neuigkeiten berichtet. Die Angst macht sich augenblicklich breit und scheint mir den Hals zuzuschnüren. Aber ich weiß, wie viel es Amber bedeuten würde, dass ich ihren Freund kennenlerne. Wenn ich sie als Freundin behalten und nicht enttäuschen möchte, muss ich dieses Treffen wohl früher oder später hinter mich bringen. Ich straffe meine Schultern und schenke Amber ein Lächeln, das hoffentlich nicht ganz so gezwungen aussieht, wie es sich anfühlt. „Ja, okay! … Super!“

Amber scheint mich schon besser zu kennen als gedacht, denn sie sieht mich zweifelnd mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Ehrlich … wirklich! Ich freue mich deinen Freund kennenzulernen!“ Ich gebe mir Mühe möglichst freudig und begeistert zu wirken.

Amber scheint zwar nicht restlos überzeugt zu sein, trotzdem gibt sie sich erst einmal zufrieden und steckt sich einen weiteren Cookie in den Mund. „Hm, na gut.“

Sie blickt mich an und lächelt. „Ich würde wirklich gerne mehr über dich erfahren. Auch wenn ich mich in deiner Gegenwart so fühle als würden wir uns ein Leben lang kennen, weiß ich fast gar nichts über dich. Irgendwie rede ich die ganze Zeit und erzähle nur von mir.“ Sie wirft mir einen schuldbewussten Blick zu. „Magst du mir ein bisschen von deinem Leben im Heim erzählen? Und du hast gesagt du konntest nie mit jemandem sprechen. Warum? Und wie geht es dir jetzt hier in der neuen Stadt? Hast du noch Kontakt zum Heim? Und zu Eleonore?“

Die vielen persönlichen Fragen lassen mich schlucken. Ich beiße von einem Cookie ab, um etwas Zeit zu gewinnen. Außer Eleonore habe ich niemandem je etwas von mir erzählt. Wahrscheinlich auch, weil nie jemand danach gefragt hat. Weil ich mich aus Angst vor Schmerzen und Enttäuschungen komplett abgeschottet habe. Mir entfährt ein Seufzer. Ich sehe zu Amber und in ihrem Gesichtsausdruck liegen Offenheit und Geduld. Das gibt mir Mut.

„So viel gibt es gar nicht zu erzählen … Ich wurde in der Nacht meiner Geburt auf dem Fensterbrett von Eleonores Büro abgesetzt, wo sie mich schließlich gefunden hat. Seitdem ist sie für mich wie eine Ersatzmutter, und als ich älter wurde, wurde sie auch zu meiner besten Freundin. Und einzigen. Sie hat mich verstanden und mich nicht verurteilt. Immer wenn ich versucht habe mit anderen Kindern im Heim zu sprechen, habe ich … wurde ich … enttäuscht. Und ernüchtert. Irgendwann habe ich es schlichtweg aufgegeben mit anderen zu sprechen, um mich selbst zu schützen. Ich habe mich zurückgezogen und abgekapselt und wurde auch für die anderen immer unsichtbarer. Aber versteh mich nicht falsch, ich war nicht mein Leben lang unglücklich. Ich war immer unfassbar dankbar Eleonore zu haben.“ Ich muss lächeln. „Im Heim war für die Ältesten um 22 Uhr Nachtruhe. Fast jeden Abend bin ich also um kurz nach zehn aus meinem Zimmer in Eleonores Büro geschlichen, wo sie schon mit einer Tasse Tee auf mich gewartet hat. Dann haben wir mindestens eine Stunde lang geredet.“ Die Erinnerung rührt mich und ich muss einen dicken Kloß in meinem Hals hinunterschlucken. „Sie war immer für mich da. Ich hätte mir diesbezüglich keine bessere Kindheit vorstellen können. Ich habe mich von ihr behütet und geliebt gefühlt. Und all das, obwohl es den Betreuern im Heim eigentlich verboten ist persönliche Beziehungen zu den Kindern aufzubauen.“

Wieder habe ich das Bedürfnis Eleonore von allen Geschehnissen zu erzählen. Am allermeisten von Amber. Ich weiß, sie würde sich unheimlich freuen und sich nicht mehr so um mich sorgen, wenn sie erfahren würde, dass ich eine Freundin gefunden habe.

„Ja, ich vermisse sie sehr …“