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Cambridge, 1994. Nachdem er zu Studienzeiten von einem Kommilitonen zurückgewiesen wurde, hat der Kunsthistoriker Don Lamb der Liebe abgeschworen und sich ganz seiner Karriere verschrieben. Mit Anfang 40 führt er ein asketisches Professorenleben zwischen Hörsaal, Bibliothek und dem High Table, wo am Abend die Intrigen des Lehrkörpers gesponnen werden. Außerdem arbeitet er wie besessen an einem Buch über das Blau des Himmels in den monumentalen Fresken von Barock-Maler Giovanni Battista Tiepolo. Doch dann kommt der Knacks. Als im Peterhouse eine moderne Kunstinstallation aus Müll errichtet wird, ist Don dermaßen empört darüber, dass er seinem Gelehrten-Reservat den Rücken kehrt und stattdessen die Leitung eines Museums in London übernimmt. Damit bricht das wahre Leben über ihn herein - in Gestalt des jungen Künstlers Ben, der ihn in die anarchische Künstlerszene der Hauptstadt und das Nachtleben von Soho einführt. Der Perspektivwechsel lässt den sonst beherrschten Professor zunächst aufblühen, erschüttert aber auch seine bisherige Existenz in ihren Grundfesten. Dons Schwärmerei für Ben wird zum Drahtseilakt und sein Neuanfang zu einer immer verworreneren Reise ins Ungewisse. James Cahill war selbst einige Jahre Dozent in Cambridge und kennt die Welt, von der sein Debütroman erzählt, sehr genau. So ist "Tiepolo Blau" nicht nur die augenzwinkernde Coming-of-Age-Geschichte eines kauzigen Intellektuellen in der Midlife-Crisis, sondern auch ein liebevolles Porträt der Elfenbeinturm-Existenz eines Stubengelehrten. Mit viel Feingefühl, Witz und Ironie erzählt Cahill, wie sein stoischer Protagonist sich selbst neu kennenlernt und dabei zunehmend den Halt verliert. "Tiepolo Blau" ist ein großer Roman über die Kunst, den Sex und das wahre Leben - düster wie ein Herbsttag in Cambridge, rätselhaft wie das Labyrinth der Bars von Soho, erhebend wie das Blau des Himmels bei Tiepolo.
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cambridge, 1994. Mit Anfang vierzig hat derKunsthistoriker Don Lamb der Liebe abgeschworenund sich ganz seiner Karriere verschrieben. Wie besessen arbeitet er an einem Buch über die Himmel in den Fresken von Giambattista Tiepolo. Doch Dons asketisches Professorendasein gerät ins Wanken, als im Peterhouse College eine moderne Kunstinstallation aus Müll errichtet wird. Er akzeptiert das Zeichen der neuen Zeit nicht, sagt ihm den Kampf an – und verliert. Vertrieben aus seinemGelehrtenidyll, wagt er einen Neuanfang als Leiter eines Museums in London. Als Don den jungen Künstler Ben kennenlernt, werden längst vergessene Gefühle in ihm wach. Er beginnt sich zu öffnen. Für das wahre Leben. Für Ben. Für die neue Zeit. Einen heißen Sommer lang lässt er sich treiben – durch sonnige Tage und trunkene Nächte, durch Parks und Pubs, durch London. Doch die Vergangenheit schläft nicht. Sie wacht über Don. Genau wie das Blau der Himmel Tiepolos – das Tiepolo-Blau.
James Cahill war selbst einige Jahre Doktorand in Cambridge und kennt die Welt, von der sein Debütroman erzählt, sehr genau. So ist Tiepolo Blau nicht nur die augenzwinkernde Geschichte eines kauzigen Intellektuellen in der Midlife-Crisis, sondern auch ein liebevolles Porträt eines Stubengelehrten, der sich unverhofft den Wirrnissen einer turbulenten Gegenwart stellen muss. Mit viel Feingefühl, Witz und Ironie erzählt Cahill, wie sein stoischer Protagonist sich selbst neu kennenlernt und dabei zunehmend den Halt verliert.
James Cahill brachte fünfzehn Jahre Wissenschaft und Kunst unter einen Hut, indem er neben dem Forschen und Schreiben bei einerGalerie für zeitgenössische Kunst arbeitete. Seine Artikel erschienen u. a. im Daily Telegraph, dem Times Literary Supplement und der Los Angeles Review of Books. Tiepolo Blau ist sein erster Roman. Die englische Originalausgabe erschien 2022 und war für den Author’s Club Best First Novel Award nominiert. Cahill lebt in London und Los Angeles.
Joachim Bartholomae war Verleger des Männerschwarm Verlags und ist heute als Autor, Herausgeber und Übersetzer tätig. Zu den von ihm übersetzten Autoren zählen Oscar Wilde, Edmund White, Rabih Alameddine und Alan Hollinghurst.
JAMES CAHILL
TIEPOLO BLAU
ROMAN
Aus dem Englischen von Joachim Bartholomae
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel
Tiepolo Blue bei Sceptre/Hodder & Stoughton, London.
© 2022 by James Cahill
1. Auflage
© 2024 Albino Verlag, Berlin
Salzgeber Buchverlage GmbH
Aus dem Englischen von Joachim Bartholomae
Übersetzung der Verse Virgils auf Seite 361 von Friedrich Klinger.
Die Zitate Shakespeares und Miltons wurden für die deutsche
Übersetzung dem Sinnzusammenhang entsprechend leicht geändert.
Umschlaggestaltung: Robert Schulze
in Anlehnung an Sofia Hericson & Lydia Blagden (Hodder & Stoughton)
unter Verwendung einer Abbildung von Shutterstock.com
Vorsatzpapier: Giambattista Tiepolo, «Entführung der Venus durch Kronos»,
Detail aus dem Fresko Der Lauf des Sonnenwagens (1740),
Palazzo Clerici, Mailand
Satz: Robert Schulze
Printed in the Czech Republic
ISBN 978-3-86300-384-5
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www.albino-verlag.de
Für meine Eltern Frances und Joe, und für Alexander Caplan
You say to the boy open your eyes
When he opens his eyes and sees the light
You make him cry out. Saying
O Blue come forth
O Blue arise
O Blue ascend
O Blue come in
Derek Jarman
Es ist Ende September, ein neues Trimester beginnt. Don Lamb hat den Nachmittag in der Bibliothek des Jesus College verbracht und Briefe aus dem achtzehnten Jahrhundert gelesen. Es hat geregnet – die Luft ist noch schwül –, aber als er zum Peterhouse zurückradelt, kommt die Sonne heraus und verblüfft die Welt. In ihrem Glanz wirken die Wege und Bäume von Christ’s Pieces nackt. Die Häuser auf der anderen Seite des Parks leuchten wie Bronze.
Es ist einer dieser Momente, wenn Sommer und Herbst einander durchdringen, beide unsicher, wo ihr Territorium beginnt oder endet. Es geht eine Brise, sanft wie ein feiner Nebel, und die Bäume – noch dicht belaubt – zittern und rascheln. Don hört auf zu treten und blickt nach oben. Der Himmel reißt auf. Ein Hochgefühl überkommt ihn, gepaart mit Traurigkeit – aus unerfindlichen Gründen. Er weiß, was im neuen Trimester auf ihn zukommt, sein Leben ist kein Wechselbad aus Aufregungen oder Überraschungen, und doch – er kann das Gefühl nicht erklären.
Ein Geruch nach feuchter Natur liegt in der Luft – ein Aroma von Laub, Matsch und Fäulnis, unterlegt mit etwas Dumpfigem. Er fährt weiter – langsam, als wäre er kein vielbeschäftigter Mann –, durchquert die Schattenflecken auf dem Weg. Cambridge ist noch ruhig nach den langen Sommerferien, aber die Studenten kehren allmählich zurück. Zwei von ihnen versperren ihm plötzlich den Weg: Junge Männer, in lebhaftes Gespräch vertieft, kommen ihm entgegen, die Gesichter überstrahlt von Heiterkeit. Von ihren Worten schnappt er nur rohe Klangfragmente auf. Mit einem Schwenk der Lenkstange gibt er ihnen den Weg frei.
Durch den Schlenker kollidiert Don mit einer steinernen Vogeltränke, stößt hart mit dem Knie dagegen. Er rutscht vom Sattel und fasst sich ans Bein; der Schmerz lässt nach, an dessen Stelle tritt stille Benommenheit. Regenwasser hat das Becken bis zum Rand gefüllt, und zwischen einer Schmutzschicht aus Blättern, Blüten und Insekten – toten wie lebendigen – spiegeln sich die Wolken am Himmel in der Oberfläche des kleinen Teichs. Ein Zigarettenstummel treibt in dem Konfetti herum. Der Rand seines Gesichts ist ebenfalls im Wasser zu sehen, ein Teil von Augenbraue und Wangenknochen und ein dunkles Auge.
Ein Schild am Ende des Parks markiert die Grenze von Christ’s Pieces. Es ist ein merkwürdiger Name, als läge Gottes Sohn zerstückelt unter dem Universitätsgelände. Er schiebt das Rad um einen Haufen Hundekot herum, schwingt ein Bein über die Stange und fährt an der Bushaltestelle vorbei, hinein ins wohlgesinnte Herz von Cambridge.
Die Sonne verschwindet hinter Wolken, als er das Tor von Peterhouse durchquert. Von der Loge des Pedells sieht er etwas Merkwürdiges – einen Haufen Abfall auf dem Rasen des Old Court. Es sieht aus, als wäre ein Müllcontainer ausgekippt worden.
Scheinbar gleichgültig fragt er den Pedell, wann das beseitigt wird.
«Wohl kaum sehr bald, Professor Lamb.»
Das Lächeln des Pedells hält Don davon ab, weitere Fragen zu stellen. Im Gitterwerk der Postfächer aus Eichenholz, viele davon vollgestopft mit Umschlägen, Zeitungen, dicken Papierstapeln oder losen Blättern, ist sein eigenes Fach (Professor D. Lamb) leer.
Mit dem Abfallhaufen verhält es sich anders, als er dachte. In der Mitte des Rasens steht das Skelett eines Bettes – ein Eisengestell mit Sprungfederrahmen. Es ruht am einen Ende auf einem Berg leerer Schnapsflaschen, zerknickter Bierdosen und einem Durcheinander von Kleidungsstücken. Darunter steht ein Scheinwerfer auf dem Rasen, der sich mit langsamen, roboterhaften Bewegungen dreht. Ein schwarzes Kabel schlängelt sich über den Rasen und verschwindet am Rand des Hofes unter einer Tür.
Neben dem Fußweg steht ein Schild.
Angela CannonLOTTERBETT
Don dreht sich um und schaut fasziniert zurück. Immer wieder schickt die Lampe blendende Blitze durch die Sprungfedern im Innern des Betts, und spinnwebartige Schatten flackern über den Rasen.
Jemand – der Gedanke kommt ihm, während er dort steht – könnte ihn beobachten. Kollegen könnten aus den Fenstern schauen – genau diese Sekunde verfolgen, lauernd auf das Urteil des Kunsthistorikers. Sein Gesicht nimmt den Ausdruck kühler Verachtung an. Die Lampe ändert die Richtung und leuchtet durch den Flaschenhaufen, lässt die Glasoberflächen erstrahlen – grün, braun, das elektrische Blau eines ausgetrunkenen Liters Bombay Sapphire. Die Farben machen ihn blinzeln.
Auf dem Weg um die Rasenfläche herum zum Treppenhaus, das zu seinen Räumen emporführt, widersteht er der Versuchung, sich umzudrehen. Doch vom Fenster seines Arbeitszimmers kann er einen weiteren Blick auf den sorgfältig arrangierten Müll dort unten auf dem Rasen werfen. Er sieht artifizieller aus als ein Haufen Abfall, durchdachter. Don zieht den Vorhang zu, und der dünne Stoff pulsiert in fremdartigem Licht. Er steckt sich eine Zigarette an und sieht sich um, als wolle er sich vergewissern, dass der Rest seiner Umgebung unverändert ist – genau wie immer.
Die Tautologie seines Namens hat ihm immer gefallen. Don, so nennen Studenten die Professoren. Und professoral, ernsthaft und würdevoll ist sein Leben verlaufen. Mit achtzehn kam er nach Cambridge, und im Laufe der Jahre hat sich sein Bewusstsein mit der Stadt verbunden, wie Efeu, das sich im Stein verwurzelt. In diesem Sommer ist er dreiundvierzig geworden, doch manchmal scheint diese Zeitspanne bedeutungslos zu sein. Seine Erinnerungen sind mit dem rankenden Blattwerk von Peterhouse verwachsen, mit den Gärten, den Wiesen und dem verstohlenen Fluss. Seine Gedanken spiegeln das unwandelbare Erscheinungsbild von Cambridge, sein Geist ist durchdrungen von den Ritualen des akademischen Lebens.
Seine Räume sind zwei der ältesten im College. Der größere, sein Arbeitszimmer, beherbergt seine Sammlung von Drucken und Zeichnungen, hauptsächlich von Meistern des Rokoko – eine bescheidene Sammlung, bescheiden präsentiert. In der Mitte des Raums steht ein Kork-Modell des Pantheon auf einer Eichenkonsole. Zwischen den Fenstern ruht auf zwei Messinghaken ein kleines Zierschwert. An den Wänden ringsum füllen Bücher die Regale. Auf seinem Schreibtisch steht in einem Rahmen das verblassende Schwarz-Weiß-Foto eines Windhunds.
In einer Ecke türmen sich Kartons, jeder voller Papiere und akribisch mit Filzstift beschriftet – Palazzo Sandi, Residenz Würzburg, Santa Maria del Rosario: Abteilungen seines privaten Archivs. Seitdem er siebzehn ist, hat Don Reproduktionen der Fresken von Giambattista Tiepolo gesammelt – hunderte von Postkarten, Drucken und Buchseiten.
Tiepolo ist seine große Liebe. Zeit seines Lebens hat er sich darauf vorbereitet, ein Buch – das Buch – über dieses Genie aus dem Venedig des achtzehnten Jahrhunderts zu schreiben: den Letzten der Alten Meister, den Ersten der Modernen. Andere Historiker haben Tiepolo als Maler lieblicher, heiterer Szenen beschrieben, als Choreograf des Himmels. Nicht so Don. Mit jedem Bild, das er findet, gibt ihm der Geist des Malers ein weiteres Zeichen und verlangt von ihm die akademische Abhandlung, die nur Don schreiben kann. «Schluss mit lieblicher Heiterkeit», hört er Tiepolo sagen. «Zeig ihnen, wie klassisch ich bin.» Das Buch ist noch in seiner frühesten Phase, ein Sack voller wirbelnder Ideen. Es wird eine schwierige Arbeit – seine bislang komplexeste.
Der andere Raum, Dons Schlafzimmer, ist leer bis auf ein schmales Bett, ein Waschbecken und einen zerbrochenen Spiegel.
Er tauscht seine Lederschuhe gegen Pantoffeln und schaltet das Radio ein; es erklingt das Piepen des Zeitzeichens:
«Sechs Uhr, es folgen die Nachrichten. Ein Ende des Balkankriegs ist nicht in Sicht – die Belagerung Sarajevos dauert an. Premierminister John Major ist neuen Korruptionsvorwürfen gegen Mitglieder seiner Regierung ausgesetzt. Madonna, die Queen of Pop …»
Er schaltet es aus. Die Nachrichten des Tages enthalten nichts von Interesse.
An seinen Fingern haftet der Geruch von altem Papier. Tiepolos Korrespondenz aus Mailand – die Briefsammlung, die er eben noch studiert hat – drängt sich wieder in sein Bewusstsein. Er nimmt die Papiere aus seiner Aktentasche, vertieft sich am Schreibtisch in seine Notizen.
Sein Leben begann erst, als er Venedig, das ihm bekannte Universum, verließ.
Mailand – die Alten nannten es Mediolanum – sah die Blüte von Tiepolos früher Reife. Es bedurfte einer klassischen Stadt, um ihn zu Höherem zu erheben.
Stunden vergehen, und er vergisst, zum Dinner nach unten zu gehen. Sein Geist ist unzugänglich für das ferne Geklapper und Stimmengewirr aus dem Speisesaal, das nur kurz vom Tischgebet unterbrochen wird. In ihm zischeln die kleinen Nöte und Plagen der 1730er.
Spät am Abend liest er sein Manuskript für die Fitzwilliam-Vorlesung. Sie ist ein kleiner Vorbote seines Buches über Tiepolo. Einzelne Passagen liest er laut. Einen Abschnitt, die Beschreibung der Allegorie Die Macht der Beredsamkeit, will er frei aus dem Gedächtnis vortragen. Er wird das Pult verlassen, auf dem seine Notizen liegen – als ob die Worte in einem Schwall von Inspiration über ihn gekommen wären. Vor dem Spiegel im Schlafzimmer, aus dem Hintergrund vom Licht des Arbeitszimmers beleuchtet, gelingt ihm der Vortrag perfekt, wobei er die Worte mit präzisen Handbewegungen abrundet – einem einzigen erhobenen Finger. Er spricht den Abschnitt wieder und wieder, und so vergeht die Hälfte der Nacht.
***
Zur Fitzwilliam-Vorlesung trägt Don seinen besten Anzug aus mitternachtsblauer Seide, mit weißem Hemd und einer blauen Seidenkrawatte.
Als er um sieben Uhr das College verlässt, ist er zu sehr damit beschäftigt, im Kopf seine Rede zu proben, um den Abfallhaufen auf dem Rasen wahrzunehmen, obwohl die Lampe den dunklen Hof in grelles Licht taucht. Heute Abend ist nichts anderes von Bedeutung als die Vorlesung. Er eilt die Trumpington Street hinunter und spürt, wie mit der bevorstehenden Aufgabe seine geistigen Kräfte wachsen. Als er am Fitzwilliam Museum eintrifft und aus der kalten Abendluft in die überfüllte Lobby tritt, bemerkt er, wie sich Köpfe nach ihm umdrehen – ein Moment der Ruhe tritt ein.
Er streift den Mantel ab und gibt ihn einer Angestellten. Das nervöse Lächeln des Mädchens macht ihm seine eigene fiebrige Erwartung bewusst. Ist es Nervosität? Er verwirft den Gedanken, lächelt zurück und ist im Begriff, die Treppe emporzusteigen. Doch genau in diesem Moment schließen sich Finger um sein Handgelenk. Er dreht sich um.
Es ist Val – Valentine Black –, der Leiter des Fachbereichs.
Ein vertrauter Geruch – Eau de Cologne gemischt mit Zigarettenrauch – folgt ihm. Val schiebt ihn in einen leeren Nebenraum.
«Kein Grund zur Sorge», murmelt Val, während sie den dunklen Raum durchqueren. «Du wächst mit der Aufgabe. Das tust du immer.»
«Ich bin nicht besorgt. Eine These ist eine These. Habe ich das nicht schon immer gesagt?»
Val bleibt stehen und lacht – ein entspanntes, elegantes, hinreißendes Lachen. Don schaut ihn an. Val ist in den Sechzigern, aber er könnte für zehn Jahre jünger durchgehen – ein großer, schlanker Mann mit dichtem schwarzen Haar, das er aus der sonnengebräunten Stirn nach hinten bürstet. Seine Zähne sind weiß und lückenlos, und sie verstärken – im Dämmerlicht des Raums – das erregte Leuchten seiner Augen. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, der Dons ähnelt, aber anstelle einer Krawatte schmiegt sich ein silbergraues Halstuch in seinen Hemdkragen.
«Völlig richtig, Don. Hast du das nicht von mir? Wie auch immer, du machst das bestimmt großartig. Sie werden dich für deinen Scharfsinn lieben – oder auch hassen. Hier lang – die Hintertreppe führt direkt zur Bühne.»
Die Bühne steht am Ende der beeindruckendsten Galerie des Museums; sie ist ein vorübergehend errichtetes Podium, verkleidet mit einer Schabracke aus weinrotem Leinen. In ihrer Mitte steht ein Pult isoliert im Licht eines Scheinwerfers. Dahinter verteilen sich vierhundert leere Stühle im Raum – zwei enorme Ufer aus grünem Plüsch zu beiden Seiten des Mittelgangs. Durch die geschlossenen Doppeltüren am entgegengesetzten Ende hört man ein Gewirr von Stimmen.
Val führt Don zu einem Stuhl im Hintergrund der Bühne, direkt unter Edward Lears Gemälde einer griechischen Ruine in blühender englischer Landschaft.
«Wir fangen um acht an», sagte er; vom Pult aus blickt er auf die leeren Stühle. «Zuerst stelle ich dich natürlich vor.»
«Hoffentlich nicht zu ausführlich.»
Val dreht sich um und zeigt ein konspiratives Lächeln. «Nur ein paar schlichte Worte, Don. Eigentlich muss man dich nicht vorstellen, aber du weißt ja, wie sowas läuft.»
Kurz nach acht Uhr, als vierhundert Eminenzen in ihren Sitzen warten, steigt Val aufs Podium, stellt sich ins Scheinwerferlicht und hebt die Hände. Gleich hinter ihm sitzt Don und beobachtet den Freund mit gefasstem Gesichtsausdruck.
«Der Redner heute Abend ist ein weltbekannter Gelehrter», beginnt Val und lässt den Blick lebhaft durch den Raum wandern, die Lippen dicht am Mikrofon, das wie eine schwarze Mohnblume aus dem Pult emporwächst. «Eine gefeierte Autorität auf dem Gebiet des Rokoko, und», er dreht sich zu Don und senkt die Stimme, «ein lieber Freund.»
Vals kristallklare Aussprache ist so zackig und präzise, denkt Don, dass sie fast deutsch klingt, vielleicht liegt das daran, dass er so viele Sprachen spricht. Schweigen unterstreicht seine Worte wie ein Ritterschlag. Don senkt den Kopf.
«Das Publikum wird mir vergeben, wenn ich der Versuchung erliege, mich auf eine kurze – wie soll ich sagen? – eine Pilgerfahrt, genau, durch die Errungenschaften Professor Lambs zu begeben. Don selbst wird mir vielleicht nicht so bereitwillig vergeben.»
Höfliches Gelächter durchflutet den Raum, und Val kichert ins Mikrofon.
«Professor Lamb ist kein gewöhnlicher Kunsthistoriker. Er ist, lassen Sie es mich ganz klar zum Ausdruck bringen, die Verkörperung der Kunstgeschichte in Cambridge. Ich kann mich kaum an eine Zeit erinnern, zu der er keine strahlende Leuchte in unserem akademischen Pantheon gewesen ist. Und doch, lang, lang ist’s her, war er mein Doktorand – der beste, den ich jemals hatte.» Wieder wirft Val einen Blick in Dons Richtung. «Er ist Ende der 1960er nach Cambridge gekommen – für manche eine Zeit des Aufruhrs, aber für Don ein Moment intellektuellen Erwachens, ein erstes Erblühen. Klassische Formen, nicht marxistische Credos, waren die Prinzipien, denen er folgte.»
Im Publikum ist Gemurmel zu hören – der leise, vertraute Klang akademischen Widerspruchs. Val holt tief Luft.
«Mit fünfundzwanzig wurde er Fellow am Peterhouse; mit dreißig war er Professor. Sein erstes Buch, Klassische Anspielungen im venezianischen Seicento, war bahnbrechend – die himmlische Vereinigung von klassischer Philologie und ästhetischem Scharfsinn.» Vals Versuch, das Mikrofon zurechtzurücken, verursacht lautes Donnergrollen. «Es folgte eine Reihe meisterhafter Veröffentlichungen, jede davon ein blendendes Opus. Die Villen von Andrea Palladio, die Ursprünge des norditalienischen Barock, die kleineren Werke von Nicolas Lancret – man könnte sagen, ein kurzer frankophiler Schlenker.» Vals Hände lassen unsichtbares Konfetti auf das Publikum regnen; seine Augen leuchten. «Viele von Ihnen werden sich an seine Rundfunkserie Eine venezianische Odyssee erinnern – wie er in einer Gondel durch Venedig glitt und mit knochentrockenem Humor über die Kirchen und palazzi sprach!»
Ein erneuter Ausbruch von Gelächter, stärker als der vorige.
«Wir haben es mit einem Menschen zu tun, für den Gelehrsamkeit eine Sucht und eine Pflicht bedeutet» – Val schlägt aufs Pult, das ins Wackeln gerät –, «aber eine Pflicht, die er liebt. Er hat der Kunstgeschichte in Cambridge eine neue, höhere Bedeutung verliehen – und höchstwahrscheinlich nicht nur dort.»
Der Applaus ist zunächst zögerlich, dann kraftvoll, inbrünstig, raumfüllend. Val hebt die Hand wie ein Dirigent, der eine Pause ankündigt.
«Meine Damen und Herren, begrüßen Sie Professor Donald Lamb.»
Mit einer ballettreifen Seitwärtsbewegung gibt Val die Bühne frei. Don erhebt sich unter einem neuen Ausbruch von Applaus und geht die wenigen Schritte zum Pult.
Vor ihm liegt sein Manuskript, übersät mit den Anmerkungen der letzten Nacht. Das Mikrofon wirft einen langgezogenen Schatten auf die Seite. Er hebt die Augen, lächelt in den See verdunkelter Gesichter, und konzentriert sich auf den Eröffnungssatz.
«Ich möchte zu Ihnen von der Grenzenlosigkeit der Himmel Tiepolos sprechen» – seine Stimme schwillt an –, «von ihrer Tiefenschärfe.»
Er nimmt die Fernbedienung des Projektors – einen schmalen Knebel aus schwarzem Bakelit – und lässt das erste Dia ratternd vor die Linse gleiten. Auf einer Leinwand diagonal hinter ihm erscheint die Abbildung von zwei Gottheiten – eine schöne Göttin und ein alter bärtiger Gott, die sich vor einem leuchtenden Himmel in den Armen halten.
Die Rede nimmt den geplanten Verlauf. In Phrasen, die wie musikalische Kompositionen ihre Motive entwickeln und wiederholen, erklärt er die Anordnung von Göttern und Menschen in Tiepolos Fresken – die komplexen räumlichen Hierarchien, die der scheinbar sorglosen Verteilung der Figuren zugrunde liegen. Er erklärt, wie fein differenziert diese Arrangements geplant wurden – ausgemessen und verzeichnet nach dem Goldenen Schnitt – und wie jede Wolke und jedes Stück Himmel ihren Platz gemäß klassischen Proportionen einnehmen …
Ab und zu mustert er die Menschen im Publikum und sieht, dass seine Kollegen vom Fachbereich alle in einer Reihe sitzen. Auch viele andere Gesichter sind ihm vertraut.
Zwanzig Minuten nach Beginn der Vorlesung, gerade, als er einen Exkurs über euklidische Geometrie beginnt, spürt er eine leichte Unruhe am Ende des Raums. Er blickt auf, spricht aus dem Gedächtnis weiter und sieht, dass eine Frau verspätet ankommt. Sie geht die letzte Sitzreihe entlang, vorbei an den sitzenden Menschen, hin zu einem freien Stuhl. In dem Teil des Saals ist das Licht heller, es scheint sie hervorheben zu wollen. Sie ist schwarz, ein wenig vertrauter Anblick in Cambridge, und vermutlich Anfang vierzig. Sie trägt eine ärmellose Bluse von marmorierter Goldfarbe.
Dons Augen kehren immer wieder zu der Frau zurück, während er sein Publikum durch die ätherischen Weiten der Fresken geleitet. Reflexhaft sucht er nach ihr, wann immer er vom Pult aufblickt. Ihr Gesicht ist ernst und attraktiv. Erschrocken stellt er fest, dass sie ihn ihrerseits mit einem eigenartigen, fragenden Gesichtsausdruck ansieht – nicht ganz einem Lächeln, auch wenn sich ihre Lippen ein wenig kräuseln.
Er kommt zu einem kleinen Höhepunkt, indem er sein Publikum ironisch daran erinnert, dass die Menschen schon immer fliegen konnten, zumindest in der Kunst des Rokoko; als er den Blick hebt, begegnet er wieder diesem Gesichtsausdruck, das Amüsement darin ist nun stärker als zuvor. Sie beobachtet ihn konzentriert und intensiv. Gerade dort, wo seine Argumente am stärksten, seine Hypothesen am kühnsten sind, scheint sie – indem sie die Brauen zusammenzieht – nicht zuzustimmen, zu widersprechen.
Er lässt das Dia-Karussell sich klappernd weiterdrehen, getragen von einer Adrenalinwelle, und zwingt sich dazu, den Wurm des Zweifels zu ignorieren, der an ihm zu nagen begonnen hat. Das Bild eines glänzenden Himmels leuchtet hinter ihm auf – der Kosmos, gemalt über die ganze Ausdehnung einer Saaldecke, bevölkert von mythischen Figuren, die in einen Whirlpool aus goldenem Licht zurückweichen. Die Macht der Beredsamkeit. Der Moment ist gekommen.
Er macht einen Schritt weg vom Rednerpult und hebt entspannt die Hand.
«Dies wundervolle Szenario», hört er sich sagen, «schmückt den Palazzo Sandi in Venedig. Sie werden bemerken, dass Cupido mit verbundenen Augen über den Köpfen der dem Schicksal geweihten Liebenden Orpheus und Eurydike schwebt.» Er lauscht der Kadenz seiner Stimme. Aus dem Innern seines Kopfes bewundert er ihren Klang, ihre Resonanz. Mit seiner nicht gestikulierenden Hand versucht er, die Jacketttasche zu finden.
Dann machen sich seine Augen selbstständig. Sie fliegen hinüber zu diesem Gesicht, das stummen Widerspruch zeigt, und sehen, dass dieser Widerspruch nun mit unverhohlener Belustigung gepaart ist. Sein Herz beginnt zu klopfen.
«Die Unantastbarkeit», verkündet er und breitet die Arme aus, bevor ihm klar wird, dass seine Stimme verstummt ist wie ein ausgeschaltetes Tonband. Welche Unantastbarkeit? Sein Geist ist von strahlend weißer Leere. Vor sich sieht er eine Armee erwartungsvoller Gesichter, von denen einige bemerken, dass diese Pause nicht beabsichtigt ist; eins von ihnen macht sich offen über ihn lustig.
«Die Unantastbarkeit …», stößt er hervor, sich an die letzten Worte klammernd, an die er sich erinnert. Dann wiederholt er sie etwas leiser, wie zu sich selbst, die Stimme starr vor Schreck.
Sie wissen, dass er den Faden verloren hat. Panisch reibt er mit den Händen über sein Jackett, beugt sich leicht vor und spürt ein scharfes, heißes Prickeln auf der Stirn. Er presst die Handflächen aneinander, sie sind in Schweiß gebadet.
«Souffleur!», ruft eine Stimme im Publikum. Es ist Gene Caskill – natürlich. Don sieht die Zähne des Mannes umrahmt von seinem dichten Bart. Gedämpftes Lachen breitet sich unter den Kollegen seines Fachbereichs aus. Er ringt darum, die Selbstkontrolle wiederzufinden. Gezwungen würdevoll tritt er wieder ans Pult, fährt mit zitterndem Finger über seine Notizen und findet die Stelle. Die Sekunden sind lang und quälend.
«Ja, in der Tat, die Unantastbarkeit des oberen Luftraums», setzt er an und nimmt einen tiefen, belebenden Atemzug.
Im nächsten Moment hat er Tritt gefasst. Er spricht von den allegorischen Verknüpfungen zwischen mythischen Episoden, den Zonen des Himmels, den paradoxen Effekten des Sonnenlichts – wie es zugleich schärft und auflöst! Er hat den Faden wiedergefunden. Der Schweiß auf seinem Gesicht und der Brust kühlt ab. Er bleibt am Pult und seine Augen gehorchen ihm. Sie blicken nicht mehr ans Ende des Saals.
Es ist kurz vor neun, als Don seinen letzten Satz verkündet.
«Die glatte Oberfläche der Verzierungen kaschiert einen streng geordneten Himmel.»
Er tritt einen Schritt vom Pult zurück und erlaubt einem Lächeln, sich um seinen Mund auszubreiten. Ein abschließendes Lächeln, das ohne Worte die Botschaft verkündet: Ende.
Einige Sekunden herrscht Schweigen, bevor das Publikum dankbar zu applaudieren beginnt. Er erlaubt sich einen Blick durch den Raum und sieht, dass die Frau in der letzten Reihe gegangen ist – wo sie gesessen hat, ist eine grüne Lücke.
Ein Mitarbeiter schreitet mit einem überdimensionalen Blumenstrauß zum Pult. Die Blumen schwanken Don entgegen und entziehen den Überbringer seinem Blick – er sieht nur einen Regenschauer elfenbeinfarbener Blüten und grüner Blätter. Das Elend, das an ihm nagte, lässt nach. Er wird seinen Fehler später wieder bereuen – morgen, wochenlang. Aber jetzt beschützen ihn die Blüten vor dem Bedauern.
Als das Bouquet schaukelnd in seine Arme sinkt, umgeben von Zellophan, überfällt ihn der Geruch; er legt sich um ihn, ertränkt ihn. Das Klatschen des Applauses klingt wie Regen auf dem Dach.
Als er zum Peterhouse zurückgeht, kurz vor elf, denkt er an Vals überwältigendes Loblied. Nichts davon war gelogen, und doch, rückblickend kommt ihm das Lob übertrieben vor. Es war gewissermaßen eine Prophezeiung der niederschmetternden Peinlichkeit auf der Bühne.
Als er den Old Court durchquert, überholt ihn der Lichtkegel des Scheinwerfers unter dem Bettgestell, bestreicht das Geviert und holt ihn wieder ein, als er das Treppenhaus erreicht.
Am Schreibtisch erinnert er sich, wie seine Kollegen vom Fachbereich beim anschließenden Umtrunk mit fachkundigem Lob um ihn herumschlichen und wie Val schließlich wie aus dem Nichts auftauchte, mit weit ausgebreiteten Armen und sprühend vor Energie.
«Wunderbar, Don, einfach brillant! Der Himmel Venedigs – keine Leinwand, sondern eine Schwelle! Ein Triumph der Argumentation. Und nach dieser kleinen Pause hast du dich ganz hervorragend erholt.»
In diesem Moment, der sein Triumph hätte sein sollen – es beinahe gewesen wäre –, lösten diese Worte tiefe Verzweiflung aus.
Er geht hinüber zum Fenster und schiebt den Vorhang beiseite. Der Old Court liegt dunkel und verlassen da – das blendende Licht von LOTTERBETT ist erloschen. Wo er jetzt steht, an der Ecke des Fensters, ist der Haufen von Metall und Glas aus seinem Blickwinkel verbannt; von hier aus ist der Hof derselbe wie 1960 – und lange Zeit zuvor. Das Schachbrettmuster des Rasens wirkt im Mondlicht grau wie Puder, dunkel wie ein Mezzotinto. Des Nachts scheint die Zeit aus den Höfen und Durchgängen von Cambridge zu entschwinden. In diesem Moment wirkt der Old Court so alt wie das Universum.
Angesichts dieses statischen Szenarios wandelt sich seine Stimmung; die reuevollen Gedanken kommen zur Ruhe. Eine besonnene Stimme tritt an ihre Stelle: Der Vortrag war ein Erfolg, ein Triumph, genau wie Val gesagt hat. Weshalb noch an die Sekunden seines Aussetzers denken? Ihm kommt in den Sinn, dass römische Generäle auf ihren Siegesparaden von einem Sklaven begleitet wurden, der ihnen im Rausch ihres strahlenden Erfolgs zuflüsterte: Bedenke, dass du sterblich bist. Memento mori.
Er zieht sich in sein Schlafzimmer zurück, schreitet von Raum zu Raum mit dem kultivierten, gemessenen Gang des erfolgreichen Mannes. Als er zu Bett geht, wird ihm klar, wie müde er ist – so müde, dass Gedanken und Kummer verschwunden sind und einem allumfassenden Frieden Raum geben. Als er schläft, fühlt er sich emporgehoben. Sein schlichtes Eisenbett wird zur Plinthe.
***
Erfrischt wacht Don auf. Zu erfrischt. Es ist schon sieben Uhr.
Er eilt die Treppe hinunter ins Badezimmer und dreht den Wasserhahn auf. Die Rohre kreischen und Wasser schießt in die Wanne. Hinter der Milchglasscheibe schroffes Tageslicht – das Licht von Cambridge.
Später, bevor er sich anzieht, mustert er sich im Schlafzimmerspiegel. Sein Gesicht wirkt abgezehrt, älter als es ist. Die Haut ist blass und glanzlos, und sein dunkles Haar – wenigstens noch immer voll – ist von grauen Strähnen durchzogen. Er hat Ringe unter den Augen. Vereinzelte schwarze Haare verteilen sich unregelmäßig auf seiner Brust. Der Riss im Spiegel zieht sich diagonal von seinem linken Nippel zur rechten Schulter und lässt den oberen Teil seines Körpers wie eine farblose Büste erscheinen. Er macht einen Schritt zurück und bemerkt die Verletzung am Knie, einen leuchtend roten und bläulichen Halbmond an der Stelle, wo er gegen die Vogeltränke gestoßen ist. Sein Bauch ist flach, und eine Linie schütterer Haare führt vom Nabel zum Dickicht über dem Penis, der friedlich auf den herabhängenden Gewichten der Hoden ruht; anders als der Rest seines Körpers scheint er kaum gealtert zu sein.
Manchmal tritt der geschmeidige Körper seines jüngeren Selbst vor sein inneres Auge, während er sich nackt betrachtet, und er findet in dem gealterten Mann die verlorene Jugend wieder; dann erwacht das sanft hängende Pendel mit hinterlistigem Zucken.
Seine Morgenvorlesung behandelt Tintorettos Darstellung römischer Ruinen. Er denkt über das Thema nach, während er den Old Court durchquert. LOTTERBETT liegt scheußlich im Herbstlicht – das Durcheinander rostiger Sprungfedern, der Haufen aus Flaschen, Dosen und Kleidungsstücken, der programmierte Schwenk des Scheinwerfers.
Als die Glocke der Kapelle läutet, stapft Bruce Day durch das Tor zum College, seine Riesengestalt füllt das steinerne Portal aus. Bruce ist ein Gelehrter für mittelalterliche Geschichte, der im akademischen Alltag mehr und mehr in Lethargie versunken ist. Seit vierzig Jahren ist er in Peterhouse. Gerüchten zufolge war er einst attraktiv und voller Ideen – doch das Leben im College ist voller Mythen vergangener Größe.
In seinem Gefolge ist ein Junge unter zwanzig, ein Collegestudent, der wie ein aufgeregter Lakai mal von der einen, dann der anderen Seite Bruces Aufmerksamkeit zu erregen versucht, um ihm Fragen zum Frieden von Brétigny zu stellen. Bruce ignoriert ihn. Der Junge gibt auf und bleibt zurück; Bruce sieht Don und deutet mit dem Kopf auf das Arrangement auf dem Rasen.
«Zeitgenössische Kunst findet ihren Weg ins Peterhouse!», ruft er mit einem Grinsen, das vermutlich ironisch wirken soll. Seine Augen quellen aus ihren fleischigen Höhlen unter dem wilden Gestrüpp der Brauen hervor.
Don antwortet nicht. Er bewahrt einen Gesichtsausdruck kühler Würde und tritt hinaus auf die Trumpington Street.
Doch die Monstrosität auf dem Rasen geht ihm im Verlauf des Tages nicht aus dem Kopf.
Val wird wissen, was sie bedeutet, redet er sich ein. Val kann es bestimmt erklären.
Val ist die Galionsfigur einer Gruppe von Dozenten, die im College den Ton angeben und über ebenso viel Einfluss verfügen wie der Dekan. «Es fällt kein Sperling vom Himmel über Peterhouse», pflegt Val zu sagen, «von dem ich nichts weiß.» Seine Stimmungen, seine Launen, seine Wertschätzung der Tradition und Verachtung neuer Trends, seine ausgefeilten Manieren und gelegentliche Abwesenheit von Manieren – all das bringt den Charakter des Colleges zum Ausdruck. Er nennt sich selbst die Queen von Peterhouse.
«Was hat dieser Vandalismus, diese Verunstaltung des Rasens zu bedeuten?», will Don wissen, als er Val am späten Nachmittag in der Lounge des Lehrkörpers trifft. «Wie konnte das passieren?»
«Schuld ist der neue Dekan», sagt Val mit angedeuteter Resignation. «Der neue Dekan hat es in Auftrag gegeben.»
«Es ist ein Schandfleck.»
«Es ist zeitgenössische Kunst. Und es bleibt ein ganzes Jahr – vielleicht auch länger. Glaub mir, Don, es gefällt mir so wenig wie dir.»
«Es ist eine unerträgliche Beleidigung», braust Don auf. «Ein Affront gegen unseren Intellekt, unser Wissen – gegen mein Wissen.»
«Ein monumentales Gebilde», erwidert Val mit ätzendem Lächeln. Er nimmt Don am Arm und führt ihn zu einem Paar durchgesessener Lehnstühle.
«Warum wurdest du nicht einbezogen? Warum wurde ich nicht einbezogen? Ich meine, als Kunsthistoriker. Ich hätte beratend … wir hätten das verhindern …»
«Als Experte für zeitgenössische Kunst?» Val lacht. «Komm schon, Don. Der Dekan konnte sich denken, wie du reagieren würdest. Und er versteht etwas von neuer Kunst.»
«Ist es eine Art von Witz?»
«Ganz und gar nicht. Es ist von einer Künstlerin, die Andrea Soundso heißt. Oder Angela. Ach ja, Angela Cannon. Offensichtlich sehr angesagt. Sehr provokant. Ein Star vom Goldsmiths College, habe ich gehört.»
Schuld ist der neue Dekan. Don hört die Worte jeden Tag, ungeachtet der Tatsache, dass der Dekan und seine Frau Briony seit fünf Jahren am College sind. Frank Davis war davor Direktor des Fernsehsenders Channel 4. Seit siebenhundert Jahren ist er der erste Dekan von Peterhouse, der nicht aus dem Wissenschaftsbetrieb stammt – und diese Neuerung hat nicht funktioniert. Franks Berufung war ein Experiment der tonangebenden Dozenten, die nur vage Kenntnisse des Programms von Channel 4 hatten und hofften, diesen umgänglichen Mann nach ihren eigenen Vorstellungen zu formen. Aber Frank und Briony verfolgen ihre eigene Politik, und die ist nicht identisch mit der der Peterhouse-Elite.
Don steht am Rand dieser Elite und verlässt sich auf Val und sein Wissen um die Machtkämpfe im College. Für Politik interessiert er sich generell nicht besonders. Warum sollten ihm die Wahlen zum Europäischen Parlament wichtiger sein als Napoleons Invasion in Venedig? Politiker, so sagt er gern, sind vergängliche Wesen. Ideologie ist aus der Mode, Sowjet-Russland zerbröckelt, die alten Gegensätze verwandeln sich in Posen. Er spürt, wie sich seine Studenten von den harten Prinzipien vergangener Zeiten hin zu einer oberflächlicheren Rhetorik bewegen. Das zwanzigste Jahrhundert ist in seine dekadente Phase eingetreten und geht bald zu Ende. Was soll man dazu noch sagen?
Und was die Religion betrifft, so interessiert sie ihn nur insofern, als sie große Kunstwerke hervorgebracht hat.
Seine Aufmerksamkeit kehrt zu Val zurück, der weit zurückgelehnt in seinem Sessel mit der brennenden Zigarette zur Decke weist und sarkastisch über den gegenwärtigen Zustand der britischen Kunst doziert. Val spricht die Worte Konzeptualismus und Abjektion aus, als hielte er klebrige, unhygienische Objekte zwischen den Fingern. Seine Augen funkeln, als sie Dons wiedererwachte Aufmerksamkeit wahrnehmen. Er hält Don seine Zigarettenschachtel hin und wartet darauf, dass er sich bedient.
«Die Absicht zu schockieren ist stärker als jeder andere Impuls», fährt er fort. «Und was Fragen der Ikonografie, oder Form, oder selbst der Repräsentation angeht …»
Don lehnt sich zurück und lässt sich von der unaufhaltsamen Flut von Vals Worten mitreißen. Er spürt, wie sich ein Teil seiner Wut in Müdigkeit verwandelt. Val, denkt er, ist sein einziger Freund. Don ist es nie leichtgefallen, sich mit anderen Menschen anzufreunden und diese leichten, herzlichen Bande zu knüpfen (einen besonderen Tonfall, kleine anteilnehmende Blicke), die eine Freundschaft ausmachen – außer bei Val, der auf ihn zuging, bevor sich sein professioneller Schutzpanzer entwickelte.
«Theorie hat keinen Platz mehr im Lexikon», fährt Val fort. «Anstand ist out. Sich dumm zu stellen, Arsch zu rufen ist eine erfolgversprechende kritische Haltung geworden.»
Don spürt, wie sich seine Pupillen reflexhaft weiten. Er kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Seit je findet er Vals Esprit faszinierend, seit je ist er auf einer tieferen Ebene dankbar für die Zuneigung, die Val ihm entgegenbringt. Val ist ein Mensch mit ruhelosem Verstand, alert und energiegeladen, manchmal gereizt und sarkastisch, aber unbeirrbar in seiner Loyalität Don gegenüber. Trotzdem sind sie verschieden. Val ist charmant und gesellig und kann Hemmungen auf Knopfdruck überwinden. In sexuellen Angelegenheiten ist er furchtlos. Ich bin ganz einfach eine alte Tunte, pflegt er zu sagen, wenn man ihn – wie diskret auch immer – nach seinem Privatleben fragt.
«Aber was spielt meine Meinung schon für eine Rolle?», sagt Val und seufzt; er beugt sich zu Don hinüber. «Die Ideen des neuen Dekans – seine Überzeugungen – werden diesen Ort zur Unkenntlichkeit verändern. Wart’s nur ab.»
«Das können wir nicht zulassen», sagt Don mit einem verzweifelten Seufzen.
Val lächelt kläglich und zuckt die Schultern. Don wird sich wieder einmal bewusst, dass sein Freund die merkwürdige Gabe besitzt, unbeteiligt zu bleiben. Vielleicht hat Val nicht das Bedürfnis zu kämpfen. Er ist zwanzig Jahre älter als Don und sein Ruf ist seit langem in Stein gemeißelt. Sein erstes Buch, Die neoklassische Pose, wurde 1960 veröffentlicht. Knapp, aber brillant – es war schon ein Klassiker, als Don sein Student wurde: eine kraftvolle Verteidigung der klassischen Ästhetik, ausgedrückt in reduzierter, stakkatohafter Prosa. Blender, Revisionisten und Kritiker gab es genug, die Vals Prinzipien infrage stellten und seine ruhigen Gewissheiten zurückwiesen. Und doch haben diese Gewissheiten überdauert wie Denkmäler.
«Und weißt du, was noch?», sagt Val. «Der Dekan hat einen poet in residence berufen. Nein, eine poetess.» Er schaut aus dem Fenster auf den Fellows’ Garden, auf das rostrote Laub und den gemähten Rasen – leer bis auf ein herumflitzendes Eichhörnchen.
Dons Gedanken sind zu LOTTERBETT zurückgekehrt – unglücklich, unfreiwillig. Zu den Sprungfedern, den Flaschen, dem paranoiden Lichtkegel.
«Sie heißt Erica Jay», fährt Val fort. «Der Dekan hat mir eine Ausgabe ihrer gesammelten Gedichte geschickt. Nie von ihr gehört. Aber was weiß ich schon?» Er spricht leicht dahin, doch auch voll Bitterkeit. «Ich bin nur ein altes Fossil, das zufällig mit Auden befreundet war.»
Das Herbsttrimester nimmt seinen Lauf. LOTTERBETT bleibt. Wenn die tiefstehende Sonne auf das Bettgestell scheint, glitzern die Kratzer in seinem ramponierten Rahmen wie silberne Haare. Am Abend dehnt sich das Objekt über seine physischen Grenzen hinweg aus. Der Scheinwerfer, der unter den Sprungfedern unablässig hin und her schwenkt, wirft über Rasen und Gebäude Schatten wie Maschendraht. Die meisten der Wissenschaftler in Peterhouse sind ratlos, viele offen feindselig. Das Gerücht kursiert, die Skulptur sei gar nicht die Idee des Dekans gewesen, sondern die seiner Frau. Briony Davis ist selbst bildende Künstlerin, sie modelliert Büsten. Ihr Porträt von Harold Pinter, ein abgemagertes Abbild im Stil von Giacometti, steht im Foyer des National Theatre. Manche behaupten, sie selbst habe LOTTERBETT geschaffen, Angela Cannon sei ein Pseudonym.
Einer der Dozenten, ein Kirchenhistoriker, behauptet, Angela – oder die Frau des Dekans – habe den Auftrag erhalten, ein neues Ehrenmal für Whitehall zu entwerfen. Angeblich soll es sich um einen ausgebrannten Schiffscontainer handeln, der längsseits auf einem Haufen Gummireifen steht.
Dons Feindseligkeit sitzt tiefer. Während die Wochen verstreichen, nimmt sie eine Intensität an, die es ihm unmöglich macht, über LOTTERBETT zu sprechen oder es nur anzusehen. Wenn er den Old Court durchquert, fixiert er den Blick auf die Uhr oder den Bogengang der Kapelle. Aber dem rotierenden Scheinwerfer gelingt es dennoch, in sein Blickfeld einzudringen. Wie der Straßenmusiker, der ihn vor einiger Zeit in Venedig in der Hoffnung auf ein paar Lira schrammelnd und krächzend zu umgarnen versuchte, lässt er sich einfach nicht ignorieren.
Bestürzt hört er, wie sich junge Studenten vor der Skulptur mit leiser Stimme in bewundernden Lobeshymnen ergehen. Das ist verzeihlich; sie sind jung und naiv und begierig auf radikale Ausdrucksformen, wie hässlich sie auch sein mögen. Aber einer der Bewunderer ist der Kaplan des Colleges, ein Mann in den Sechzigern.
«Je länger ich es betrachte», sagt er zu Don, «desto stärker erinnert es mich an konstruktivistische Kunst. So kantig und verdreht.»
Sie passieren gleichzeitig das Tor zum College. LOTTERBETT leuchtet ihnen entgegen.
«Wenn Sie es sagen», erwidert Don.
«Und an die Plastiken von Mariam Schwarz – derselbe brutale Ernst.» Der Kaplan keucht ein wenig, weil er versucht, mit Don Schritt zu halten. Er ist ein kleiner, untersetzter Mann mit wolkigen weißen Haaren und einem Gesicht, das so glatt ist wie das einer jungen Frau. «Oder an Barbara Hepworth. Das Bettgestell erinnert an ihr Drahtnetz in einer Bronzeskulptur.»
Don fragt sich, wo der Kaplan wohl so zu reden gelernt hat. Er lächelt betrübt und blickt starr zum Eingang seines Treppenhauses; die halbe Strecke ist geschafft.
«Ich bin ihr einmal begegnet, der Hepworth», fährt der ältere Mann fort. «Unten in St. Ives im Sommer ’67. Ich erinnere mich an das Datum, weil Joe Orton gerade ermordet worden war.»
Don geht schneller.
«Was für ein Schock, das vergess ich nie. Von seinem Freund mit einem Klauenhammer totgeprügelt. Der Meister war eifersüchtig auf den Schützling …»
Don nimmt alle Kraft zusammen, überholt ihn und hastet die Treppe hinauf zu seinen Räumen.
Als er hereinkommt, scheint ihm sein Arbeitszimmer irgendwie verändert. Er betrachtet es unbeteiligt, als wäre er ein Fremder in seinem eigenen Leben. Der Raum ist sauber und beschaulich und fast schon bedrückend ordentlich: hunderte von Büchern systematisch entlang der Wände aufgereiht, zwei identische Sofas mit verblichenem roten Leinenbezug, zwischen denen das Pantheon aus Kork aufragt; und das kleine Zierschwert, überzogen von einem leichten Staubfilm.
Überall auf seinem Schreibtisch liegen Reproduktionen von Tiepolos Fresken, Drucke in verschiedenen Formaten. Manche sind so klein wie Postkarten, andere von der Größe einer Tabloid-Zeitung. Sie zeigen die Deckengemälde europäischer Kirchen und Paläste. Jedes Fresko erzeugt die Illusion, als öffne sich das Dach und enthülle einen Himmel voller Gestalten – Ansammlungen von Körpern, die emporfliegen oder abstürzen und eine luftige Allegorie darstellen: eine ruhmreiche Nation, die Kontinente der Welt, einen triumphierenden Gott.
Dies sind die Gegenstände von Dons Forschung – der Fokus seines ungeschriebenen Buchs. Hunderte von Stunden hat er sich über diese Bilder gebeugt, oft bis spät in die Nacht, und sich mit seinem Blick in sie hineingebohrt. Er hat Lineale und Winkelmesser angelegt und seine Messungen mit den architektonischen Daten verglichen, die am Rand der Bilder vermerkt sind – die Stufen, Säulen und Friese, die die Grenze zwischen der realen Architektur und der Szene des Freskos mit seiner Illusion des gemalten Himmels bilden. Mit feinen, am Lineal gezogenen Linien hat er jede Szene in geometrische Segmente zerlegt.
Auf seinem Schreibtisch liegt außerdem ein Notizbuch, prall gefüllt mit winziger Schrift. Er hat zu jedem Bild die Richtung und Art des Lichtes notiert (westlicher Schimmer, morgendliches Strahlen, dämmrige Schatten). Er hat die Anordnung von Wolken und Luft analysiert und die Tiefenschärfe mit fanatischer Präzision bewertet. Lange Spalten mit Messungen geben die wahrscheinlichen Entfernungen zwischen den Objekten an – von den scharfen Spitzen an Neptuns Dreizack zur Spitze von Pegasus’ Flügel und zu den über ihnen zart angedeuteten Vögeln …
Langsam und gewissenhaft deutet Don das Himmelreich in Tiepolos Fresken als ein Kompendium klassischer Regeln. Mit zunehmender Erregung verfolgt er, wie die Götter im Himmel in sein differenzierendes Netz fallen. Er hat beschlossen, dass sein Buch, wenn es veröffentlicht wird, Die Himmel Tiepolos heißen soll.
Wie er so in der Türöffnung steht und im Geiste die Einrichtung des Zimmers auflistet, kommen ihm die Reproduktionen auf seinem Schreibtisch einen Moment lang wie ein Raster blauer Tafeln vor – Würfel aus reinem, milchigem Licht. Doch als er den Raum durchquert, nehmen die Bilder wieder ihr normales Aussehen an. Die Komplexität kehrt zurück. Das Gefühl von Entfremdung – das Aufflackern eines jamais-vu – geht vorüber.
***
Mariam Schwarz. Der Name hatte sich in seinen Gedanken verfangen. Don durchsucht das Bibliotheksregal. Schultze, Schuyff, Schwarzkogler, Schwitters … Nichts über Schwarz.
Er ist in die kunstgeschichtliche Bibliothek gekommen, um einige Nachweise für seinen Aufsatz über Vitruv zu überprüfen, aber der Name der Bildhauerin, die der Kaplan erwähnt hatte – vermutlich die Inspiration hinter Angela Cannons LOTTERBETT –, hat sich wieder in seinen Kopf geschlichen und ihn veranlasst, in die Abteilung für moderne Bildhauerei hinüberzuschlendern.
«Haben Sie», fragt er die Bibliothekarin – eine gepflegte, kluge New Yorkerin namens Judy Cummings –, «irgendetwas über Mariam Schwarz? Offenbar eine Bildhauerin. Bei den Monografien habe ich nichts gefunden.»
«Ja, schon», sagt Judy, der Name sagt ihr sofort etwas. «Nachkriegszeit, objets trouvés, ich schau mal nach.» Sie durchstöbert einige kleine Schubladen voller Karteikarten und summt dabei vor sich hin. Dann zieht sie eine Karte heraus und hält sie hoch in die Luft, um sie über den Rand ihrer Brille hinweg zu lesen. Sie führt Don in einen anderen Teil der Bibliothek, eine unbeleuchtete Ecke, wo Ausstellungskataloge aufbewahrt werden.
Judy gleitet mit dem Finger über die Buchrücken. «Da haben wir’s.» Sie zieht ein schlankes Hardcover aus dem Regal. Auf dem Leineneinband sind die Worte Bildhauerinnen unserer Zeit zu lesen. «Darin werden Sie etwas über sie finden.»
Don durchblättert das Buch, während Judy sich einem Wagen voller großformatiger Bücher zuwendet und ihn resolut davonschiebt. Es ist der Katalog einer Ausstellung in der South London Art Gallery von 1952 – ein Überblickswerk zu Bildhauerinnen in Europa und Amerika. Die Seiten sind verblasst und stockfleckig.
Der Eintrag zu Mariam Schwarz trägt die Überschrift: «Eine Pionierin der objets trouvés.» Die Worte sind in fetter, schmuckloser Typografie gedruckt. Daneben ist ein körniges Schwarz-Weiß-Foto abgebildet. Es zeigt einen Metallrahmen – vielleicht ein Klettergerüst für Kinder oder einen Wäscheständer – als Silhouette vor einem weißen Himmel. Das Gerüst ist schwarz, verdreht und vollgestopft mit Gegenständen. Es sieht aus wie ein Überbleibsel nach einem zerstörerischen Sturm. Kleidung hängt verloren von den Stangen und ein hölzerner Stuhl ist durch das Gestänge gerammt worden. Dann ist da noch ein Bügelbrett – oder ein Kanu, das ist schwer zu sagen – und etwas, das wie der Ast eines Baumes aussieht, voller stacheliger Zweige.
Der Text ist eine kurze Biografie.
Mariam S. Schwarz kam 1941 nach London, eine Emigrantin aus Berlin. 1949 bereiste sie die Vereinigten Staaten, wo sie Marcel Duchamp und den abstrakten Bildhauer David Smith kennenlernte. Ihre Plastiken zeigen seitdem geschweißtes Metall und objets trouvés in abstoßenden Kompositionen, die Zeugnis von den Traumata unseres Jahrhunderts ablegen. Mrs Schwarz ist mit einem bedeutenden Dozenten vom Warburg Institute in London verheiratet, wo sie vor kurzem als Beitrag zum Festival of Britain ein Relief aus gehämmertem Aluminium enthüllte.
Don klappt das Buch zu. Ihn fasziniert der Gedanke, dass so etwas bereits Gegenstand der Kunstgeschichte ist. Allerdings nicht seiner Kunstgeschichte. Er registriert zustimmend, dass die Kreation auf dem Foto den Titel Zerstört trug.
Die Kunst Tiepolos und der anderen großen Venezianer wird länger Bestand haben als ihre, wer auch immer sie war. Der Geist der klassischen Kunst ist zeitlos, und Tiepolo war der letzte wahrhaft klassische Künstler, das letzte Glied einer goldenen Kette. Wenn das seine Kollegen nur begreifen würden. Doch in seinem Fachbereich sind viele Anhänger der Philosophie der 1970er – sie haben den Apfel vom Baum der Kulturtheorie gegessen.
Für Don besteht die Rolle des Kunsthistorikers darin, Schönheit in ihre Bestandteile zu destillieren. Es ist lange her, dass er über Fragen der Gesellschaft, Politik oder Psychologie nachgedacht hat – modische Irrelevanzen. Er schreibt stattdessen über grundlegende Dinge: Form, Proportion, Licht, Ausgewogenheit.
Mit leichtem, ausgewogenem Schritt kehrt er zu den vertrauten Regalen zurück, um seine Nachweise zu prüfen.
***
Jeden Abend um sieben Uhr nehmen die Dozenten des Lehrkörpers in weitgehend gleichbleibender Anordnung ihre Plätze um einen langen Tisch an der Stirnseite des Speisesaals ein. Erhoben auf einem Podest sitzen sie unter Porträts von Männern, denen sie in Haltung und Ausdruck gleichen. Manchmal mischen sich Gäste in ihre Reihen – Durchreisende in ihrer sonst immergleichen Welt. Die Studenten sitzen an drei Tischreihen, die sich über die ganze Länge des Raums erstrecken – ein lärmendes Gegengewicht zu den alten und weisen Gesichtern am High Table.
Don kommt zu spät für Drinks vor dem Essen. Die Kollegen gehen schon vom Combination Room hinüber in den Speisesaal, und als sie ihre Plätze einnehmen, findet er sich an der Seite von Ferdinand Fernandez wieder. Ferdinand ist der jüngste Dozent in Peterhouse – nicht mal siebenundzwanzig, aus einer adeligen Familie in Argentinien, mit glänzenden schwarzen Koteletten und messerscharfen Augen, die zu dicht beieinanderliegen.
Während sie als Vorspeise eine Zwiebelsuppe zu sich nehmen, erzählt Ferdinand Don von seinen Forschungen über eine antike Statue Pompeius des Großen.
«Die Gelehrten liegen falsch», erklärt er zwischen zwei Löffeln. «Die Statue als Porträt anzusehen ist ein Missverständnis.»
«Ganz richtig», sagt Don. Heimlich lässt er den Blick um den Tisch kreisen. Der Stuhl rechts von ihm ist leer. Auf der anderen Seite von Ferdinand sitzt Val, der gerade mit eucharistischem Ernst einen Löffel Suppe zum Mund führt, und hinter Val eine Frau, die er nicht kennt. Sie ist schwarz. Er kann einen Teil ihres Gesichts im Profil sehen. Dessen Konturen sind Ausdruck einer Schönheit, die die Jugend überlebt hat, ihr entwachsen ist. Neben ihr, am Kopfende des Tisches, sitzt der Dekan Frank Davis, sich grüblerisch seiner Unbeliebtheit bewusst. Seine Frau Briony kommt nie zum High Table.
«Ein Koloss», sagt Ferdinand, «aber so voller Zweideutigkeiten! Pompeius, Julius Caesar – keiner weiß genau, was er darstellen soll. Der Kopf gehört nicht einmal zum Körper. Denken Sie nur an die Diskrepanzen der Marmorverarbeitung – das Haar auf dem Kopf nach einer ganz anderen Technik als das Haar unten …»
Don hat lauwarme Zwiebelstreifen im Mund, er ist im Moment nicht in der Lage, sie hinunterzuschlucken. Wo hat er die Frau schon gesehen? Er hebt die Serviette an die Lippen und entlässt die Zwiebel unbemerkt in deren Falten. Während er vorgibt, Ferdinand zuzuhören, beugt er sich vor und lässt seine Aufmerksamkeit den Tisch entlangwandern.
Val spricht mit ihr, er erzählt eine Geschichte. Er unterstreicht das Gesagte mit den Händen und rundet die Anekdote mit einem einschmeichelnden Lachen ab. Don sieht, wie sie amüsiert, wenn auch etwas ungläubig, die Lippen öffnet.
Und dann fällt es ihm wieder ein. Sie ist die Frau, die zu spät zur Fitzwilliam-Vorlesung kam und ihn mit genau diesem Gesichtsausdruck betrachtet hat, subtiler als ein Grinsen – und niederschmetternder.
«Und die Rezeptionsgeschichte», beharrt Ferdinand. «So verrätselt durch Widersprüche! Der nackte Mann versus imperiale Pose, der sterbliche Körper neben den Statussymbolen, der große Globus in der linken Hand und …»
Don beugt sich noch weiter über den Tisch. Die Frau sagt etwas über Oral Poetry – Erinnerungen, die von Ort zu Ort übermittelt werden, wie die Kette von Signalfeuern um Mykene, die die Nachricht vom Sieg über Troja weitertrugen. Ihre Intonation, jetzt, wo er darüber nachdenkt, ist tief und lyrisch – so spricht eine Dichterin.
Er legt seinen Löffel in die Schüssel. Natürlich – sie ist die neue poet in residence, von der Val gesprochen hat, Erica Jay. Die Erinnerung an die Fitzwilliam-Vorlesung versetzt ihm einen Stich, und er beschließt, dass die würdevollste Option ist, niemals mit ihr zu reden.
Ihr Gespräch mit Val hat von Mykene zu Peterhouse gewechselt.
«Hier sind nicht viele andere people of colour», sagt sie und lässt den Blick um den Tisch wandern. «Bin ich die einzige?»
Don kann Vals Antwort nicht verstehen – nur den beschwörenden Tonfall und das samtige Lachen, dass ihn schnell umschmiegt.
Sie scheint nicht zufrieden zu sein.
«Wohnen Sie alle hier im College?», hört er sie sagen. «All ihr Männer zusammen?» Das süffisante Lächeln ist wieder da.
«Eine Intelligenzia unverheirateter Dozenten …» beginnt Val, bevor seine Stimme wieder zum seidigen Gemurmel wird.
Don blickt in die Tiefe des Speisesaals und stellt sich einen Moment lang vor, er sähe den Raum mit den Augen eines Besuchers. Ein mittelalterlicher Saal, ausgestattet mit Möbeln und einer Wandvertäfelung aus dem 19. Jahrhundert, durchtränkt von Geschichte, Tradition und Kerzenlicht. Ihn irritieren die eindringlichen Fragen Erica Jays und die amüsierte Geringschätzung, die in ihnen mitschwingt. Geringschätzung ihrer Lebensweise – seiner Lebensweise. Mehr noch irritiert ihn der Gedanke, sie könnte recht haben und sie wären wirklich lächerlich, er und Val und Ferdinand und die anderen.
«Und von wo stammen Sie, Miss Jay?», erkundigt sich Val. «Ich meine, ursprünglich.»
«Aus Brixton.»
«Oh, na dann sind wir ja zwei Äpfel vom selben Baum. Ja, vom selben Baum!»
Doch, Val kann auch lächerlich sein.
«Die Statue ist so komplex wie jede kubistische Abstraktion», fährt Ferdinand fort. «Die Ikonografie entzieht sich einem einheitlichen System. Stattdessen: radikale Mehrdeutigkeit. Sie zeigt zugleich Mensch und Gott …»
Don wendet sich um und sieht ihm ins Gesicht. «Und was ist mit dem hässlichen Baumstumpf hinter dem Bein der Statue? Was trägt der zur Mehrdeutigkeit bei?»
Ferdinand sieht ihn ernst und verwundert an. «Er ist eine Stütze, Lamb. Das ist alles. Ein Mittel, um dem Marmor Halt zu geben.»
Mit dem zweiten Gang wechselt die Konversation ihre Richtung. Ferdinand wendet sich nach links zu Val und hält einen Vortrag über Hadrians Villa in Tivoli. Don lehnt sich zurück, und sein Blick gleitet über die Objekte auf dem Tisch – eine Kristallkaraffe mit Wasser, ein dreiarmiger Kerzenleuchter aus modelliertem Silber. Erleichtert darüber, in Ruhe gelassen zu werden, kehren seine Gedanken zu seinem unvollendeten Aufsatz über Vitruv zurück. Er ist nahezu fertig, doch Don kann sich nicht entscheiden, welche Schlussfolgerungen er ziehen soll. Worauf genau will er eigentlich hinaus?
Ihm wird bewusst, dass der Platz rechts von ihm nun besetzt ist. Er dreht sich ein wenig. Eine Frau blickt ihn mit entspanntem, selbstbewusstem Lächeln an. Sein eigenes Lächeln erstirbt sofort. Es ist Erica Jay. Sie hat ihren Platz zwischen Val und dem Dekan verlassen; vielleicht hat einer der beiden vorgeschlagen, sie solle sich zu ihm setzen.
Unwillkürlich nickt er ihr zu, als wollte er ein stillschweigendes Übereinkommen bestätigen.
«Entschuldigung, aber ich weiß nicht, wer Sie sind», sagt er schließlich. Eine Lüge, und nicht das, was er wirklich sagen wollte.
Sie denkt über seine Worte nach. «Nennen Sie mich Erica.»
Er nimmt einen Schluck Wein. «Professor Don Lamb.»
«Ja, sicher, natürlich. Ich habe Sie neulich Abend gehört.»
Voller Unbehagen fragt er sich, ob sie ein Zimmer neben seinem bewohnt. Hat er im Schlaf geredet? Dann begreift er – die Vorlesung, und er durchlebt noch einmal den Moment, als seine Eloquenz zerbröselte. In aller Eile sucht er nach einer Formulierung, um auf den Abend anzuspielen und irgendwie pfiffig ihre Anwesenheit dort zu würdigen. Doch was immer er zu diesem Thema sagen könnte, würde ihn lächerlich dastehen lassen. Stattdessen fragt er in seinem höflichsten Tonfall, was sie in Cambridge tut.
«Im Moment recherchiere ich für ein neues Gedicht. Eine poetische Erzählung.»
«Sie recherchieren? Welche Bibliotheken werden Sie nutzen?»
Etwas an ihrem ruhigen Blick ist unerträglich. Er wendet die Augen ab und sortiert die Speisen auf seinem Teller – Schweinefleisch, Kartoffeln, haricots verts.
«Es geht mir vor allem darum, ein Gefühl für den Ort zu bekommen», erwidert sie nach einer Pause. «Wussten Sie, dass es 1970 im Hotel gleich neben diesem College Krawalle gab? Davon handelt mein Gedicht.»
Die Garden-House-Krawalle. Er erinnert sich gut daran. Ein Protest gegen die Militärdiktatur in Griechenland vor einem Hotel, in dem zufällig ein Dinner zu Ehren des Landes stattfand. Er artete schnell in Chaos aus. Sozialistische Studenten stellten in einem Raum in Peterhouse einen Lautsprecher auf, direkt über der Mauer zum Hotel. Einige drangen in den Saal ein und warfen Ziegelsteine. Er konnte die ganze Nacht wegen der dröhnenden Musik griechischer Dissidenten und des fernen Geräuschs splitternder Fensterscheiben nicht schlafen; in unmittelbarer Nähe wurde gegen seine Schlafzimmertür getrommelt.
«Ich kann mich dunkel erinnern. Ich glaube, damals war ich noch Student.»
Sie erzählt ihm die Geschichte, jede Phase der Miniatur-Schlacht. Während sie spricht, bemerkt Don, dass einigen der Kollegen der Gesprächsstoff ausgegangen ist. Sie trinken in verdrossenem Schweigen. Bruce Days Stimme ist vom entfernten Ende des Tisches gerade noch zu hören. Er hat seine Hand auf die eines jungen Freundes gelegt. Don hört die Worte «ritterliches Bündnis» – offenbar eine Perle der mittelalterlichen Geschichte.
«Acht Studenten wurden verurteilt», sagt Erica. «Sie gingen ins Gefängnis. Mein Gedicht erzählt die Geschichte mit ihren Stimmen, wie ein Chor; ihren Bericht von dieser Nacht, ihre Hoffnungen auf die Weltrevolution, ihr Was wäre, wenn.»
«Die Weltrevolution – hätten Sie gewollt, dass es darauf hinausläuft?» Die Frage ist scherzhaft gemeint, aber sie klingt spröde und gereizt.
Sie denkt einen Moment nach. Ihre Augen sind groß, unbeirrt. «Es geht nicht darum, was ich mir gewünscht hätte. Ich war nicht dabei. Es geht eher darum, Zeugnis abzulegen. Das ist die Aufgabe der Poesie – die Aufgabe der Kunst. Sie bewahrt, was wirklich war – legt es bloß.»
«Kunst», echot er, während er gedankenlos mit dem Finger einen Kreis auf die Tischdecke zeichnet, «beschwört andere Wirklichkeiten herauf. Sie beschreibt Welten, die unserer eigenen nur teilweise ähneln. Sie übersetzt das Leben durch das Brennglas der Allegorie in höhere Formen – verleiht ihm Würde. Ich glaube, Kunst ist eine Abfolge von Bekräftigungen. Ja, Bekräftigungen dessen, was gut und wahr ist.»
Sein Finger hat die Kreisbewegung eingestellt. Er lehnt sich zurück. Seine Worte haben einen unerwarteten Schub an Gefühlen freigesetzt – Stolz durchflutet ihn. Vor seinem inneren Auge erstrahlt die Allegorie Die Macht der Beredsamkeit.
«Bekräftigungen», sagt sie. «Das gefällt mir. Was ich aber noch nicht verstanden habe, ist ihr – wie haben Sie gesagt? – allegorisches Brennglas. Klingt irgendwie wie eine Nebelwand.» Ihr lächelnder Unglaube ist zurückgekehrt. «Ich denke so über die Kunst: Sie bekräftigt – gewiss –, aber sie verweigert auch die Bekräftigung. Sie greift das auf, was in der Welt geschieht, und wiederholt es, verwendet es auf ihre Art und wirft es dann zurück. Und sie bringt uns dazu, zu hinterfragen, was wir wissen und was wir glauben. Zum Teufel mit der Würde, Kunst destabilisiert. Ich meine, was ist denn überhaupt gut und wahr?»
Er starrt sie an, überzeugt, dass sie Unsinn redet, und ist doch verwirrt und um eine Antwort verlegen.
«Ich erwarte darauf keine Antwort», sagt sie. «Ich will nur sagen, Kunst ist dasselbe wie Leben – und das Leben ist gefährlich und unsicher.» Plötzlich ist ihr Lächeln einfacher, nicht mehr herausfordernd wie zuvor. «Erzählen Sie mir von sich.»
Das Schweigen zieht sich immer fester um ihn zusammen. «Da ist herzlich wenig zu sagen. Ich kam 1968 hierher und ging nicht wieder weg.»
«Haben Sie je daran gedacht, fortzugehen, hinaus in die Welt?»
Die Frage ist beiläufig und offenherzig. Und doch bewirkt sie das vertraute Gefühl von Ärger.
«Wissenschaft ist genauso Teil der Welt wie Politik», erwidert er, «oder die Kunst, oder Gedichteschreiben.» Er macht eine lange Pause, bevor er weiterspricht. «Ich nehme an, Sie meinen die Welt öffentlicher Wirksamkeit. Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht an meine Rundfunkserie Eine venezianische Odyssee. Eine konzise Geschichte der Kunst und Architektur dieser Stadt. Die Rezensionen in der Presse», er legt die Fingerspitzen aneinander, «waren nicht unfreundlich.»
Ericas Gesichtsausdruck ist eine Mischung aus höchster Aufmerksamkeit und Distanz, als ob in ihrem Kopf zweierlei Meinungen im Tandem arbeiten würden.
«Ich würde sagen, wir sind nur so welthaltig – jeder von uns –, wie wir selbst zulassen.» Sie hat ihn ignoriert, ist auf eine abstrakte Ebene gewechselt, und doch sind ihre Worte wie sprudelnder Schaum auf einer tiefen See voller Bedeutung.
Für den kurzen Rest ihrer Unterhaltung ist er abgelenkt, weil er sich fragt, welches Bild die Öffentlichkeit wohl von ihm haben mag. Er versucht sich vorzustellen, wie sein Nachruf in der Times lauten wird. Professor Donald Lamb, Kunsthistoriker, ein unerschrockener Verteidiger der klassischen Tradition. Er wird mehrere Spalten füllen, so viel ist sicher.
Als der Pudding serviert wird, entschuldigt sich Erica. Sie will auf ihr Zimmer, um zu schreiben. Das Dinner liegt in den letzten Zügen, und er bleibt allein zurück. Ferdinand Fernandez ist wieder in die Bibliothek gegangen, auch der Dekan ist entflohen. Der Speisesaal ist fast leer. Nur eine Handvoll Professoren sitzt noch am High Table, sie nippen am Portwein und unterbrechen das Schweigen gelegentlich durch gemurmelte Worte. Sie beenden den Abend, wie sie jeden Abend beenden. Er fühlt sich einsam.
Val kommt und setzt sich neben ihn.
«Ich finde ihre Gedichte ziemlich schlecht», sagt er im Flüsterton.
«Gedichte? Wessen Gedichte?»
«Wen soll ich schon meinen? Erica Jay! Unser poet in residence. Die große artiste. Hast du nicht gesehen, wie ich ihr den Hof machen musste, vor den Augen des Dekans? Solche unverschämten Fragen!»
«Ich habe ihr Werk nicht gelesen», sagt Don, irgendwie unwillig, seine eigenen Vorbehalte zu verheimlichen. «Ich hätte es ganz bestimmt tun sollen, aber du weißt ja, wie beschäftigt ich war – mein Aufsatz über Vitruv.»
«Du musst nur eine Seite lesen», zischelt Val, «um zu erkennen, dass es schrecklich ist. Kein Rhythmus, keine Lyrik, keine Struktur! Es ist nichts als Prosa in kurzen Zeilen. Und so bieder. Race und Empire – jawohl, Empire, aber nicht wie Auden das gemacht hat.»
«Und wie war das? Wie hat Auden das gemacht?»
Val scheint ihn nicht gehört zu haben. Er betrachtet sich selbst in der konvexen Wölbung seines Löffels. Er findet oft einen Grund zu erwähnen, dass er W. H. Auden gekannt hat. Sie verkehrten in ähnlichen Kreisen. Val ist stolz auf seine literarischen Verbindungen, und er kann gute – und auch schlechte – Dichtung erkennen, wenn er sie sieht.
«Die Gedichte sind schlecht.» Er schlägt mit dem Löffel auf den Tisch. «Politisch korrekt. Ich glaube, so nennt man das. Politisch korrekt.»
«Politisch korrekt. Ha. Ja, das ist sehr gut. Von wem stammt der Begriff?»
«Ach, ich weiß nicht, er macht die Runde.» Vals Seufzer klingt fast wie ein Jammern. «Warum ist sie hier? Warum?»
«Der neue Dekan ist schuld», murmelt Don.
Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrt, stellt er sich ans Fenster, im richtigen Winkel, um LOTTERBETT nicht zu sehen, und schaut hinab auf die Kieswege, Mauern und dunklen Fensterscheiben gegenüber. Er fokussiert neu und mustert sich selbst im dunklen Spiegel des Fensters. Die Linien, die von seinen Augenwinkeln ausgehen, treten furchtbar hervor. Doch wenn er sich nur ein klein wenig dreht, ist er ein neunzehnjähriger Junge.
Er denkt zurück an das Cambridge seiner Jugend. Ein ziemlich schwuler Ort, besonders Peterhouse. Aber das Thema wurde sehr diskret und unschuldig behandelt. Erotische Impulse wurden in die Sicherheit und Stilisierung eines Theaterstücks von Noël Coward transformiert, ein hübsches Cambridge-Drama mit gestreiften Blazern und pastellfarbenen Hosen. Sex wurde in der Sprachlosigkeit der Nacht begraben – und ging an Don vorbei. Romantische Möglichkeiten waren wie Klangfetzen einer entfernten Party, die an einem heißen Tag zu seinem Bibliothekstisch herüberdrangen.
Mit einer Ausnahme. Anders Andersson, ein Student in Peterhouse, der am selben Treppenaufgang wohnte wie Don.
