Tierarzt unter Menschen - Edgar Dahmen - E-Book

Tierarzt unter Menschen E-Book

Edgar Dahmen

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Beschreibung

In diesem Buch erzählt Edgar Dahmen, wie Reiner Zanten seine Tierarztpraxis in Dachau gegründet und über vier Jahrzehnte erfolgreich geführt hat. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit Mitarbeitern, Freunden, Kunden, Hundezüchtern, Tierschutzvereinen und anderen Partnern. Er gibt Einblicke in seine Arbeit als Fleischhygieniker im Schlachthof und bei Metzgern, beschreibt die Herausforderungen und Veränderungen, die das Zeitalter der mobilen Telefone und die aufkommende Konkurrenz mit sich brachten. Er reflektiert auch über seine persönlichen Gedanken und Gefühle als Mensch in dieser Zeit und teilt seine Erinnerungen, Weisheiten und Ratschläge mit Dachauer Wegbegleitern, an der Entwicklung der Tiermedizin interessierten, angehenden, praktizierenden und pensionierten Tierärzten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

1968 – ein Schaltjahr

Eigene Praxis in Dachau

Das Personal

Neue Freunde

Hundezüchter, Hundesport und Diensthundewesen

Die ersten 10 Jahre

In den neuen Praxisräumen

Der Tierschutzverein

Dachauer Metzger

Fortbildung und neue Therapien

Praktikanten, Hospitanten

Überweisungen

Neue Kleintierpraxen

Privat

Einzelpraxis

Im Ruhestand

Der Autor

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors.

© 2023 Edgar Dahmen

Edgar Dahmen, Scharnstraße 40, 46509 Xanten

Satz u. Layout / E-Book: Büchermacherei · Gabi Schmid · buechermacherei.de

Covergestaltung: OOOGrafik · ooografik.de

Fotos: Privat; AdobeStock #168992478

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg

Softcover 978-3-384-05820-1

Hardcover 978-3-384-05821-8

E-Book 978-3-384-05822-5

Vieles in den Geschichten ist wahr. Alle Personen sind dennoch Kunstfiguren, deren Handlungen ebenso fiktiv sind, wie die Ereignisse und Situationen.

1968 – ein Schaltjahr

Nach der letzten Prüfung im Fach Chirurgie schloss Reiner Zanten im Februar 1968 sein Studium ab. Der Rest des Jahres prägte seinen weiteren beruflichen und privaten Lebensweg. Es war ein Schaltjahr im wahrsten Sinne des Wortes.

Um den zweiten Promotionstermin des Jahres Ende Juli einzuhalten musste die Dissertation noch im April beim Dekanat eingereicht werden. Die eigenen Untersuchungen hatte er bereits in den letzten beiden Jahren während des Studiums und in den Semesterferien durchgeführt, ausgewertet und beschrieben. Die Literaturübersicht aus der Staats- und Fakultätsbibliothek war in groben Zügen bereits vorformuliert, musste jedoch noch den letzten Schliff erhalten. Mit Hilfe des vom Doktorvater zugewiesenen Betreuers gelang dies nach mehreren Korrekturen.

Um die Zeit zu überbrücken und wirtschaftlich zu nutzen, nahm Reiner dann über den Studentenschnelldienst einen Job beim Quelle-Versand im Norden von Schwabing an. Dort wurden die reparierten Reklamationen verpackt und an die Kunden zurückgeschickt. Das hatte er in wenigen Stunden gelernt. Das Geld brauchte er für die Fahrschule und den Führerschein. Neben der Arbeit nahm er etwa ein Dutzend Fahrstunden in Schwabing, bis er die Prüfung für die Klasse 3 auf Anhieb bestanden hatte. Auf die damals übliche gleichzeitige Ausbildung für die Klasse 1 verzichtete er aus Kostengründen.

Wie es mit seinem Beruf als Tierarzt weitergehen sollte, war damals noch unklar.

Bei der Wahl seines Studienfachs ging er wohl davon aus, dass er später auf dem Land arbeiten würde. Dies wird sicherlich auch daran gelegen haben, dass er zu diesem Zeitpunkt noch keinen Tierarzt kannte, der anderswo tätig war.

Aus dem gleichen Grund werden die ersten Studenten in einer Familie meist Lehrer oder Pfarrer oder vielleicht auch Arzt.

Die Motivation, Tierarzt zu werden, hat sich im Laufe der Jahre nicht wesentlich verändert. An erster Stelle steht wohl die Liebe zu den Tieren und der Wunsch, ihnen bei der Überwindung von Krankheiten zu helfen. Dafür ist die Arbeit in der Praxis unerlässlich. Ob es dazu kommt, hängt von vielen Faktoren ab. Es sei denn, man ist von vornherein darauf festgelegt, eines Tages die Praxis von Vater oder Mutter zu übernehmen.

Dass mittlerweile ein Großteil der Studierenden Frauen sind, ist dem Numerus Clausus geschuldet; dass viele von ihnen später nicht in der Praxis oder Klinik, sondern im Büro eines Veterinäramts oder im Labor eines Untersuchungsamts landen oder gar keine Approbation beantragen, war ursprünglich nicht geplant. In der Regel sind es die sich bietenden Chancen, die den Berufsweg und die Karriere bestimmen.

Auch der Veterinärmediziner Dr. Lothar Wieler, heute Präsident des Robert Koch-Instituts, war bei seiner Entscheidung für das Studium der Veterinärmedizin sicherlich von dem Wunsch beseelt, Tieren helfen zu wollen und zu können.

Es gab zwar Assistentenstellen an der veterinärmedizinischen Fakultät, aber die Auswahl war nicht groß. Die begehrtesten Stellen in den Tierkliniken waren bereits von Kommilitonen besetzt worden, die dort ihre Doktorarbeit begonnen hatten. Für Reiner war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, ob er sich unbedingt mit einer eigenen Praxis niederlassen wollte.

Seine Freundin Erika war da anderer Meinung. Sie hatte ihre Abschlussprüfungen noch vor sich, die letzte stand im Dezember an. Danach wollte sie als Assistentin in einer Kleintierpraxis in Stuttgart arbeiten. Reiner, den sie heiraten wollte, könnte das so ähnlich machen, dachte sie, und wie es der Zufall wollte, erfuhr sie von einer Kommilitonin, dass deren Freund seine Assistentenstelle in Obermenzing zum 1. August gekündigt hatte. Im Großraum München gab es damals nur zwei solcher Stellen, eine in Starnberg und eben diese im Münchner Westen.

Mit den Worten: „Das wäre doch was für dich“, empfing sie ihn freudestrahlend, als er sie nach Feierabend, müde vom Päckchenpacken bei Quelle, besuchte.

Der Kontakt zum Praxisinhaber war schnell hergestellt und die Bedingungen für einen Arbeitsvertrag, unter anderem die mobile Verfügbarkeit mit eigenem Fahrzeug, konnten erfüllt werden.

Während der Chef seinen Urlaub an der Algarve verbringen wollte, sollte der ausscheidende Assistent Reiner im Juli einarbeiten. Natürlich ohne Bezahlung für den Neuen. Das Monatsgehalt wurde vertraglich auf 1.000 DM netto in bar festgelegt. Die offizielle Arbeitszeit sollte Montag bis Samstag von 8 bis 12 Uhr und Montag bis Freitag von 15 bis 19 Uhr sein. Der Donnerstagvormittag war als Ausgleich frei. Um Lohnsteuer, Sozialabgaben und Krankenversicherung kümmerte sich das Steuerbüro des Chefs.

Kaum war der Arbeitsvertrag unterschrieben, überraschte ihn Erika mit einer neuen Nachricht.

Sie war schwanger!

Nun kam vieles zusammen: Nach der Führerscheinprüfung musste ein Auto gekauft werden, die Einarbeitung im Juli stand fest, die Doktorprüfung Ende Juli, der offizielle Arbeitsbeginn war der 1. August, die standesamtliche und kirchliche Trauung sollten im August und September stattfinden und danach musste eine gemeinsame Wohnung gefunden werden.

Ohne finanzielle Hilfe war das alles nicht zu schaffen. Denn Ersparnisse gab es nicht. Reiners Mutter konnte nicht helfen, sie hatte nur eine kleine Witwenrente, von der sie auch noch jahrelang die Schulden für das Haus abzahlen musste. Erikas Mutter wollte ihrer Tochter sogar die monatliche Unterstützung streichen. Ihr Vater, Ministerialdirigent im Stuttgarter Innenministerium, der die Daueraufträge verwaltete, setzte sich in diesem Fall durch und versprach, bis zu ihrer Abschlussprüfung im Dezember zu zahlen. Nicht durchsetzen konnte er sich allerdings gegen den Willen seiner Frau, was die Hochzeitsfeier betraf.

Keine persönliche Teilnahme, keine finanzielle Beteiligung.

Auf keinen Fall wollte sie die Familie ihres Schwiegersohns kennenlernen, schon gar nicht die Schwiegermutter ihrer Tochter, und ihr Mann wagte nicht zu widersprechen.

„Bucklige Verwandtschaft habe ich schon genug“ waren ihre Worte.

In seiner Verzweiflung wandte sich Reiner an seine Patentante. An ihrer Zahlungsfähigkeit bestand kein Zweifel, aber jemanden um Geld zu bitten, war ihm mehr als peinlich, und so bat er sie, ihm Geld zu leihen. Die Patentante, für die er als Schüler auf den Märkten von Lüdenscheid, Plettenberg, Werdohl und Altena gegen fürstlichen Lohn Eier verkauft hatte, schenkte ihm einen Betrag, an dessen Höhe er sich nicht mehr genau erinnert, der jedoch ausreichte, um die notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können.

Mit viel Elan begann Reiner seine berufliche Tätigkeit. Einiges hatte er schon von seinem Vorgänger als Gehilfe gelernt, der Wissensdurst war groß, das Können noch sehr mangelhaft.

Sein Chef war Jahrgang 1919, hatte während des Zweiten Weltkriegs eine Art Notexamen absolviert und bei der Wehrmacht mit Pferden gearbeitet. Eine richtige klinische Ausbildung konnte er nicht vorweisen. Noch während des Krieges hatte er geheiratet und war innerhalb kurzer Zeit bereits zum dritten Mal Vater geworden. Das dritte Kind hatte er bekommen, als er bereits mit der ganzen Familie aus Oberschlesien nach München geflohen war. Im örtlichen Veterinäramt sprach man nur von dem Flüchtling, der sich im Westen Münchens als Tierarzt niedergelassen hatte. Er selbst sah darin seine einzige Chance, genug Geld für sich und seine Familie zu verdienen. Anfangs nahm er jeden tierärztlichen Auftrag an, natürlich auch von Landwirten, die ihn zur Behandlung von Kühen, Schweinen oder Pferden riefen. Eine Ablehnung konnte er sich nicht leisten. Mit der Behandlung von Pferden war es jedoch bald vorbei mit den Nutztieren. Durch die Übernahme der Fleischbeschaubezirke Allach, Unter- und Obermenzing wurde die finanzielle Grundlage der Praxis gesichert. Metzgereien, die die Konsumwelle der Nachkriegszeit bedienten, gab es an jeder Ecke.

Aus seiner Sicht bot die Behandlung von Kleintieren, insbesondere von Hunden, Katzen, Stubenvögeln und Heimtieren in der Stadt, wenn auch am Stadtrand, die besten Verdienstmöglichkeiten für die Zukunft.

Obwohl es berufsrechtlich nicht erlaubt war, nannte er seine Praxis Kleintierpraxis und war damit die zweite Praxis in München, die ausschließlich Kleintiere behandelte. Die andere Praxis befand sich im Osten der Stadt und wurde von einer erfolgreichen Frau geleitet. Um mit ihr mithalten zu können und um seine Fähigkeiten zu erweitern besuchte er alle Fortbildungsveranstaltungen, die er erreichen konnte. Damals gab es im Herbst und Winter sehr wenige davon. Die heutige Weiterbildungsindustrie gab es noch nicht. Bald stellte er auch Berufsanfänger ein, die das neueste Wissen von der Universität mitbrachten. Reiner war der vierzehnte dieser jungen Tierärzte.

Der Chef führte die tägliche Sprechstunde durch, während sein Assistent die Tiere festhielt, die Spritzen aufzog und so weiter. Außerdem erledigte er alle Arbeiten, die die Patientenbesitzer nicht sahen. Das waren Reinigungsarbeiten, Büroarbeiten wie Mahnwesen, Verwaltung der tierärztlichen Hausapotheke und alle tierärztlichen Tätigkeiten, die mit dem Mikroskop oder unter Narkose durchgeführt werden mussten. Dazu gehörten vor allem Kastrationen von männlichen und weiblichen Katzen sowie von Hunden nach der Einarbeitung. Tumoroperationen an Haut und Gesäuge bei Hündinnen, Sanierung der Maulhöhle durch Zahnsteinentfernung sowie Zahnentfernung.

Dr. B. hatte die Idee, die Praxisführung eines Humanmediziners so weit wie möglich zu kopieren, da dies für die Tierbesitzer der einzige Vergleich war. Dazu gehörte auch ein Wartezimmer, das die Tierbesitzer Anfang der 50er-Jahre beim Tierarzt noch nicht kannten.

Gerne kassierte er die Behandlungskosten bar, wenn die Behandlung abgeschlossen war, aber ebenso gerne bestellte er die Kunden zu weiteren Behandlungen ein, wenn er sie noch weiter behandeln wollte. Wenn diese dann die Behandlung abbrachen, schrieb er seine Rechnungen.

Die Behandlung mit Medikamenten aus der Humanmedizin sollte seine Fortschrittlichkeit beweisen. Seine exklusive Klientel im damaligen Nobelviertel Obermenzing fand Gefallen an seinen Ideen und erzählte im Bekanntenkreis davon. Die aufmerksamen Medien, allen voran der Bayerische Rundfunk, wollten über den Tierarzt berichten, der den alten Hunden seiner wohlhabenden Besitzer Frischzellen injizierte. Mehrmals durfte er im Fernsehen von seinen großartigen Erfolgen berichten. Kein Wunder, dass der Ansturm kaum zu bewältigen war.

Die damalige Mentalität der Neureichen verlangte in der Aufbauphase Deutschlands nach Frischzellen, und so kam es zu dieser Organovit-Therapie, mit der sich sogar die Professoren Alrich und Kruft von der Medizinischen Tierklinik der Universität München beschäftigten. Die verwendeten Präparate waren keine echten Frischzellen, sondern gefriergetrocknete Zellen und deren Verdünnungen, die aus Schafembryonen stammten. Diese wurden bei der Schlachtung trächtiger Muttertiere gewonnen, die in besonders gesunder Bergluft gehalten wurden. Die injizierten Präparate sollten beim Menschen alte, verbrauchte Zellen regenerieren. Es gab Einzelpräparate von Herz, Leber, Niere usw. oder Mischpräparate, meist sogenannte Geriatrie-Mischungen. Der Chef war von dieser Therapie völlig überzeugt und wandte sie täglich in den Verdünnungen an. Die Trockenzellpräparate waren wesentlich teurer: Sie kosteten ihn im Einkauf zwischen 10 und 20 DM. Jede Injektion verkaufte er nach vorheriger Preisabsprache mit dem Tierbesitzer für bis zu 100 DM. Über seine Erfolge berichtete er auf der Jahrestagung der Herstellerfirma vor Human-, Zahn- und Tierärzten. Leider existierten die positiven Wirkungen mehr in seiner Phantasie als in der Realität. Nach Reiners Meinung und Beobachtung hatte der beste Therapeut der Welt, Dr. Tempus, eine Besserung herbeigeführt.

Eine große Schwierigkeit war Anfang der 60er-Jahre noch die Anästhesie. Dr. B. erzählte seinem neuen Assistenten, dass er früher den Katern vor der Kastration nur eine Beruhigungsspritze gegeben habe. Wenn sie eingeschlafen waren, wurden sie kopfüber in einen Reitstiefel gesteckt und die Hoden entfernt. Später erweiterte man die Vorbereitung, indem man dem müden Tier eine örtliche Betäubungsspritze in die Hoden gab, bevor der Vorderkörper in einen Sack gesteckt und die Kastration durchgeführt wurde.

Für die Kastration einer weiblichen Katze musste ihr der Bauch aufgeschnitten werden, was eine tiefe Narkose erforderte. Die Betäubung erfolgte durch die Injektion eines flüssigen Barbiturats (aufgelöstes Thiogenalpulver) in die Bauchhöhle. Um den Darm bei der Injektion nicht zu verletzen, hielt der Helfer die Katze mit der rechten Hand im Genick und streckte mit der linken Hand die Hinterbeine so weit wie möglich nach unten. In dieser Position glitt der gesamte Darm in den unteren Bauchraum. Die Einstichstelle für das Betäubungsmittel befand sich in der Nähe des Nabels. Meistens klappte das gut, aber es gab auch fette oder sehr wehrhafte Tiere, die danach nicht oder nur verzögert einschliefen, weil das Mittel im Fett landete, wo es schlecht resorbiert werden konnte.

In der gynäkologischen Tierklinik hatte ein begabter Tierpfleger einen Narkosekäfig gebaut, in den unter Sichtkontrolle mit einem Gummiballon ein Narkosegas eingeblasen wurde. Sobald die Katze eingeschlafen war, konnte die Operation beginnen.

Die Hunde wurden mit einer intramuskulären Mischspritze betäubt, die ein Anästhetikum und ein Sedativum enthielt. Intravenöse Injektionen waren selbst an der Universität nicht üblich. Reiner erinnert sich an eine sehr eindrucksvolle Demonstration, die Professor Küsse seinen Studenten vorführte. Er injizierte einem Schäferhund intravenös das Narkosemittel Polamivet, zeigte den Studenten, was sie an dem schlafenden Hund ohne Zwangsmaßnahmen alles untersuchen konnten, und injizierte als Gegenmittel Lorfan ebenfalls intravenös. Der Hund stand auf und verließ den Demonstrationsraum mit normalem Gang. Einen Venenkatheter hatte der Professor nicht gelegt, einen solchen hat Reiner während seines ganzen Studiums nicht gesehen.

Auch ein Kaninchen hatte er an der Universität noch nie gesehen. Nur einmal wurde es in einer Anatomievorlesung von Professor Roessnek erwähnt. Zur Auflockerung des trockenen Stoffs zeigte er den Studenten, wie man einen Kaninchenbraten von einem falschen Katzenbraten unterscheiden konnte. Das Kaninchen hat nämlich einen knöchernen Processus suprahamatus am Schulterblatt, der bei der Katze fehlt.

Auch Zähne und Zahnbehandlungen wurden bei den Untersuchungen nicht berücksichtigt. Sie spielten nur bei der Altersbestimmung der Pferde eine Rolle.

Während der Einarbeitungszeit bei seinem Vorgänger wurde den beiden jungen Tierärzten ein Kaninchen vorgestellt, das nicht mehr fraß. Auf die eigentlich naheliegende Idee, auch die Zähne zu untersuchen, kamen die beiden erst bei der nächsten Vorstellung, als immer noch keine Besserung eingetreten war. Dass Zähne die Ursache einer inneren Erkrankung sein können, hatten sie nicht gelernt.

Wundnähte wurden noch bis weit in die 70er-Jahre einzeln verknotet. In der chirurgischen Tierklinik knüpfte niemand so schnell wie Professor Kritsch, der es ihnen im Operationskurs beigebracht hatte. Wenn man jedoch an den Verbrauch von Nahtmaterial denkt, hat das Knüpfen mit dem Nadelhalter eine enorme Zeit- und Materialersparnis gebracht.

Das umständliche Nähen mit Einzelheften führte der Einfachheit halber zur sogenannten 8er Naht, mit der vor allem bei Katzen nach der Kastration die Bauchhöhle wieder verschlossen wurde. Wenn die Wunde aus irgendwelchen Gründen nicht vollständig verheilt war, konnte es nach dem Fäden ziehen zu einem Platzbauch kommen.

Ein chirurgischer Knoten war in den Augen von Reiners Chef im Notfall zu umständlich. Da fiel schon mal der Satz: „Heute machen wir keinen chirurgischen Knoten, es pressiert.“ Er machte vier oder fünf Knoten übereinander. Allein der Begriff „chirurgischer Knoten“ muss in seiner Vorstellung etwas sehr Kompliziertes bezeichnet haben.

An der Universität verzichtete man in der Chirurgie nach Operationen fast immer auf Schmerzmittel mit der Begründung, dass der Schmerz die Bewegung unterdrücke und die Ruhe die Heilung fördere; in der Medizinischen Tierklinik hingegen galt der Grundsatz, dass der Schmerz die Entzündung unterhalte. Da musste man schon als Student flexibel sein.

Zu Beginn von Reiners Lehrzeit war eine Behandlung mit Tabletten gegen Bandwurmbefall noch nicht möglich.

Bandwürmer leben im Darm eines Wirtes. Für ihre Entwicklung benötigen sie einen sogenannten Zwischenwirt in dem sich das Zwischenstadium, die Larve, auch Finne genannt, aufhält. Der Mensch kann sich mit dem Fisch-, Schweine- und Rinderbandwurm infizieren. Der Name leitet sich vom jeweiligen Zwischenwirt ab, in dem der Wurm als sogenanntes Finnenstadium vorkommt.

Mit dem Gurkenkernbandwurm, der durch Flöhe übertragen wird, können sich sowohl Menschen als auch Hunde infizieren.

Für den Fuchsbandwurm wird der Mensch neben anderen Säugetieren zum finnentragenden Zwischenwirt, wenn er Bandwurmteile aus dem Kot eines Fuchses, z. B. mit Waldfrüchten, aufnimmt. Der Fuchs infiziert sich selbst wiederum, indem er in freier Wildbahn finnentragende Kleinsäuger frisst.

Wenn ein Hund makroskopisch sichtbare Bandwurmglieder ausscheidet, handelt es sich immer um den Gurkenkernbandwurm. Da es Ende der 60er-Jahre noch keine sicher wirkenden Wirkstoffe in Tablettenform gab, spritzte man ein sehr stark wirkendes Abführmittel, ging mit dem Hund auf die Straße, um den unter Darmkrämpfen abgegebenen Wurm zur mikroskopischen Untersuchung mit in die Praxis zu nehmen. Wenn der Kopf des Wurms dabei war, war die Behandlung erfolgreich, wenn nicht, musste sie wiederholt werden, da die Glieder vom Kopf her nachwachsen.

In diesem Zusammenhang erinnert er sich auch an den Parasitologen Professor Hiebmann, der seinen Zuhörern von der Nachkriegszeit erzählte, als die Präparatesammlungen der Institute oft zerstört waren. Arme Biologiestudenten infizierten sich mit Bandwürmern und verkauften die abgetriebenen Exemplare an die Universität.

Reiners Chef hatte den Ruf, einer der teuersten, wenn nicht sogar der teuerste Tierarzt Münchens zu sein. Die Tierkliniken der Universität waren preislich sehr günstig. Nur wenn ein Patientenbesitzer unterschrieb, dass sein Hund/Katze/Pferd vom Professor persönlich behandelt werden sollte, kostete es entsprechend mehr. Dafür durften die Studenten ihre praktischen Fähigkeiten an den Tieren erlernen. In solchen Fällen wurden die Tiere von sehr armen Leuten vom Chef an die Universität geschickt.

Eine Gebührenordnung für Tierärzte, herausgegeben von der Bundestierärztekammer, gab es schon damals, sie wurde aber weder von den niedergelassenen Tierärzten noch von den Universitätstierkliniken angewendet. Der einfache bis dreifache Satz konnte abgerechnet werden, und in dieser Preisspanne bewegten sich auch die meisten Tierärzte. Abgerechnet wurde nicht nach Einzelleistungen, sondern immer nach einer Liste, die alle Positionen in einem Paket enthielt.

Reiner hatte sich schnell mit der Gebührenordnung vertraut gemacht und konnte sie richtig anwenden. Wenn sich später ein Tierbesitzer über die Höhe der Rechnung beschwerte und eine Spezifizierung verlangte, schlüsselte er die Einzelleistungen nach dem dreifachen Satz auf und kam dann stets zu dem Ergebnis, dass der Chef sich zu seinem Nachteil verrechnet hatte, aber aus Kulanzgründen auf eine Nachzahlung verzichten wolle. Da half es auch nichts, dass er sich mit der Bitte um Überprüfung an die Tierärztekammer wandte.

Schon während seiner Assistenzarztzeit hatte sich vieles verändert.

Die Kleintiermedizin steckte noch in den Kinderschuhen und wurde durch die Nachfrage, die sich aufgrund der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen ergab, zunehmend besser.

Reiners Lehrer an der Universität waren unter anderem die Klinikdirektoren Professor Alrich für Innere Medizin, Professor Resthues und später Professor Tebitz für Chirurgie sowie Professor Maier für Gynäkologie. Alle waren ausgebildete Pferde- oder Großtierärzte, die von Kleintieren wenig und von Heimtieren gar nichts verstanden. Als Reiner als Student einem Kommilitonen, der Humanmedizin studierte, sein Lehrbuch der Chirurgie zeigte, blätterte dieser darin, gab es ihm zurück und fragte: „Macht ihr außer Kastrationen noch etwas anderes?“

Bei näherem Hinsehen hatte er nicht ganz Unrecht. Die Kastration war für jede Tierart und jedes Geschlecht ein völlig anderer Eingriff. Natürlich gab es auch viele andere Operationsindikationen, jedoch wurden sie erst nach und nach fester Bestandteil der chirurgischen Ausbildung an den Universitäten. Reiner erinnert sich an eine retrospektive Studie, die Professor Tebitz an seiner Klinik durchführte, um die Erfolge der konservativen und chirurgischen Behandlung bei der Dackellähme zu vergleichen. Interessanterweise kam der Professor zu dem Ergebnis, dass die konservative Behandlung in seiner Klinik ebenso gute Verbesserungen brachte wie die Operation. Allerdings wussten nur Eingeweihte, dass seine Assistenten in besonders schwierigen Fällen auf eine Operation gedrängt hatten und die Eingriffe auch durchführten, da er sie als Pferdechirurg selbst nicht beherrschte.

Die beste Kleintiermedizin wurde damals nicht an den Universitäten angeboten, was Reiner zumindest für München beurteilen kann. Kleintierpraxen wie Niemand in Mannheim, Schmidtke in Karlsruhe, Bartels in Frankfurt oder Dürr in Bremen waren neben einer Handvoll anderer die fortschrittlichsten. Es wurde gemunkelt, dass ein Kreis von ihnen sich einmal im Jahr einen der besten Kollegen aus den USA nach Deutschland holte, um sich über die Entwicklung der Kleintiermedizin auf dem Laufenden zu halten. Wie schnell sich in der Medizin vieles ändern kann, hat Reiner selbst erlebt. Bei seiner ersten Praxisvertretung für den Chef, der gerne in den Urlaub fuhr, wurde ihm eine fehlgedeckte Zuchthündin vorgestellt. Sie durfte auf keinen Fall trächtig werden, sonst hätte sie ihre Zuchtzulassung verloren. Reiner wusste, welches Östrogenpräparat er an drei aufeinanderfolgenden Tagen verabreichen musste, um eine Trächtigkeit zu verhindern, und spritzte es nach Vorschrift. Nach seiner Rückkehr berichtete er seinem Chef von der Behandlung. Der Chef war entsetzt, weil Reiner statt des Präparats für Großtiere das zehnmal schwächere Präparat für Kleintiere verwendet hatte.

Schlaflose Nächte folgten.

Der Geburtstermin verstrich, zum Glück ohne dass etwas passierte.

Ähnlich wie bei der Antibabypille, die anfangs viel höher dosiert war. Geringste Östrogendosen reichen aus, um eine ungewollte Schwangerschaft/Trächtigkeit zu verhindern.

Ein intramuskulär anzuwendendes Anästhetikum für Katzen und Heimtiere war vielleicht die größte Erleichterung für den Tierarzt während seiner Ausbildung. Zunächst wurde das erst 1966 von Parke-Davis in den USA patentierte Ketamin als einziger Wirkstoff injiziert.

Da die so betäubten Katzen in Rückenlage noch in der Lage waren, den Kopf zu heben, war diese Methode nicht ideal. Durch die Zugabe weiterer beruhigender und muskelentspannender Wirkstoffe in die Mischspritze wurde die Kurznarkose perfektioniert.

Ende der 60er-Jahre schmückten fortschrittliche Kleintierpraxen ihr Praxisschild mit dem Zusatz „Röntgen und Labor“.

Da durfte Dr. B. nicht fehlen, zumal es in München bereits mehr als 10 Konkurrenzpraxen gab. Er kaufte eine alte Röhre und ein Objektdickenmessgerät, ließ sich Belichtungszeiten, KV- und Entfernungseinstellungen aufschreiben. Trotz gutem Willen gab es keine auswertbaren Aufnahmen und außerdem bekam der Chef angeblich auch noch Kopfschmerzen von der Strahlung. Der Assistent sollte das Röntgen übernehmen. Reiners Vorgänger hatte schon ein wenig experimentiert, aber die neue Diagnostik steckte noch in den Babyschühchen. Bei der Begutachtung der Aufnahmen half ein Radiologe aus Pasing, dessen Röntgeninstitut auch die Bilder entwickelte. Reiner musste mit dem Auto und den belichteten Kassetten dorthin fahren. Der nette und hilfsbereite Arzt der Röntgenpraxis besprach mit Reiner sowohl die Aufnahmetechnik als auch die Befunde, soweit er dies als Humanmediziner konnte. Dank der vielen guten Tipps machte ihm die Diagnostik Spaß. Das blieb auch seinem Chef nicht verborgen und er förderte das lukrative Geschäft durch den Kauf einer gebrauchten Entwicklungseinheit.

Damit entfielen die lästigen Fahrten nach Pasing.

Reiner hatte an der Uni keine Röntgenausbildung und hat die Gefahr der Röntgenstrahlen, ähnlich wie die Schuhverkäufer damals, unterschätzt.

Was sollte schon passieren, wenn Eltern beim Schuhkauf das Skelett ihrer Füße und das ihrer Kinder in den neuen Schuhen sehen konnten? Er hat die Röntgenröhre auch benutzt, um Patienten zu durchleuchten, wobei er, nur durch einen Handschirm geschützt, direkt in die Strahlung blickte.

Um die Wirksamkeit der Organovit-Präparate zu beweisen, führte der Chef zahlreiche Selbstversuche durch. Da er mit 50 Jahren bereits eine ziemliche Glatze hatte, die ihm gar nicht gefiel, kam ihm die Idee, sich selbst mit verdünnten Zellpräparaten zu behandeln. Als erstes besorgte er sich eine Kamera, mit der er Nahaufnahmen machen konnte. In wöchentlichen Abständen fotografierte Reiner zunächst die sich entwickelnde Platte und spritzte anschließend die wässrigen Lösungen mit den dünnsten verfügbaren Kanülen unter die eng am knöchernen Schädel anliegende Haut. Der Chef muss unglaubliche Schmerzen ertragen haben, aber was tut man nicht alles, wenn man eine neue Therapie für eitle Männer entwickeln möchte. Nur so konnte er als der „Grötaz“ anerkannt werden, für den er sich hielt.

Ein Vierteljahr hielt er durch, nach einem Urlaub wurde die Behandlung entweder vergessen oder wegen Erfolglosigkeit nicht wieder aufgenommen.

Um die Wirksamkeit der Trockenzellen zu testen, spritzte er sich auch selbst in den Oberschenkel. Welche Präparate er dabei verwendete, verriet er nicht. Nur so viel: „Wenn man in mein Alter kommt, merkt man, dass alles nicht mehr so gut funktioniert wie mit Mitte Zwanzig.“