Tiger fressen keine Yogis - Helge Timmerberg - E-Book
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Tiger fressen keine Yogis E-Book

Helge Timmerberg

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Beschreibung

"Ein Tiger raubte ihm die Hände, die Zunge biss er sich während eines Malariaanfalls selbst ab, und sein linkes Auge verlor er bei dem Streit mit einem afghanischen Widerstandskämpfer, den er um zwei Kilo Haschisch erleichtern wollte." So hätte es kommen können. Aber eines kann man Helge Timmerberg nun wirklich nicht nachsagen: er hätte nicht gelebt. Dass sein gesamtes Leben bislang ein langer, wilder, bunter Trip durch innere und äußere Welten war, davon zeugt dieses Buch mit seinen besten Stories, Reportagen und Abenteuern, die (z.T.) als Originalausgaben in Zeitschriften erschienen sind, wie u. a. Merian, Süddeutsche Zeitung Magazin, Die Zeit, Playboy, Tempo, Wiener, Bunte, Prinz oder PUR. Immer wieder hat sich Timmerberg auf die Suche in die Ferne begeben. Davon zeugen die Stories dieses modernen Nomaden, der ohne Reisen nicht leben kann: z.B. von der Yakuza in Japan, aus Tel Aviv während des Golfkriegs oder zur Pestzeit aus Maharashtra. Er lebte unter Heiligen in Indien und sah das Weiß im Auge des Tigers. Er trifft Waffenschieber und Drogenbarone oder erlebt die Offenbarung des wahren Flamenco in Andalusien. Doch auch so abwechslungreiche Geschichten, wie eine Reportage über die Sicherheit von DDR-Banken direkt nach der Währungsunion (Nach Erscheinen der Geschichte kam es zu einer Serie von Banküberfällen in der DDR), ein uneigennütziger Viagratest oder Reflexionen über Liebe im Hotel findet man in diesem Kultbuch des Bestsellerautors.

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Seitenzahl: 310

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Helge Timmerberg

Tiger fressen keine Yogis

Das Buch: Helge Timmerberg ist nicht nur als Skandaljournalist bekannt geworden, sondern hat sich auch durch seine abenteuerlichen Reiseberichte einen Namen gemacht. Er testete für verschiedene Redaktionen so gut wie sämtliche Drogen, und in Bayern verbot man schon mal eine Tempo-Ausgabe wegen eines Artikels von ihm. Immer wieder hat sich Timmerberg auch auf die Suche in die Ferne begeben. Davon zeugen die Stories dieses modernen Nomaden, der ohne Reisen nicht leben kann: z. B. von der Yakuza in Japan, aus Tel Aviv während des Golfkriegs oder zur Pestzeit aus Maharashtra. Er lebte unter Heiligen in Indien und sah das Weiß im Auge des Tigers. Sein Ziel ist es, den Geist einer Kultur, einer Stadt, eines Menschen zu erfassen. Dabei zieht sich ein roter Faden durch alle Reportagen: die Kraft Timmerbergs, immer wieder loslassen zu können und dadurch die Inspiration für die Geschichten zu gewinnen. Gibt er eben noch zynische Kommentare über Prominente im Borchardt (Berlin) von sich, so folgt gleich darauf ein einfühlsamer und wahrhaftiger Bericht über seine Begegnung mit Todgeweihten im Haus von Mutter Theresa in Kalkutta. Timmerberg ist das enfant terrible des deutschen Journalismus, der es auf diese Weise schafft, in Bild und Zeit gleichzeitig zu schreiben.

Helge Timmerberg, geboren 1952 im hessischen Dorfitter, entschloss sich mit zwanzig im Himalaja dazu, Journalist zu werden. Seitdem schreibt er Reisereportagen aus allen Teilen der Welt – bisher mit Ausnahme der Fidschis und Australien. Nur Crewmitglieder der großen Fluglinien sind möglicherweise mehr unterwegs. Seine Wohnung nennt er Basiscamp, und alle Ansätze des modernen Nomaden, ernsthaft sesshaft zu werden, schlugen bisher fehl. Er versuchte es in Marrakesch (drei Jahre), in Havanna (zwei Jahre), in Wien …

Bisher von Helge Timmerberg erschienen u. a.:

• Tiger fressen keine Yogis – Solibro 2001

• Timmerbergs Reise-ABC – Solibro 2004

• Timmerbergs Tierleben – Solibro 2005

• Shiva Moon – Rowohlt 2006

• Das Haus der sprechenden Tiere – Rowohlt 2007

• Timmerbergs Single-ABC / Beziehungs-ABC – Solibro 2007

• In 80 Tagen um die Welt – Rowohlt 2008

• Der Jesus vom Sexshop – Rowohlt 2010

• African Queen – Rowohlt 2012

Helge Timmerberg

Tiger fressen keine Yogis

Stories von unterwegs

eISBN 978-3-932927-70-6 (epub)

© SOLIBRO® Verlag, Münster 2013 [2001]Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, MünchenUmschlagfoto: Dieter Eikelpoth

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„Die Welt um mich herum tanzte,tanzte, tanzte, nur ich kümmerte micheinsam-verdrossen um die letzten Fragen derMenschheit. Erst als ich sie alle, alle gelösthatte, ging auch für mich das Feiern los ...“

Helge Timmerberg

INHALT

Das Buch / Der Autor

Vorwort von Sibylle Berg

Loco Romantico (Andalusien)

Seit zwanzig Jahren ohne Sex (Indien)

Yakuza (Tokio)

Borchardt (Berlin)

Der Tod ist ein sanfter Bruder (Kalkutta)

Café Òpera (Barcelona)

Pillen, Pilze, Paranoia (Amsterdam)

Vier Tage im Quartier der Pest (Maharashtra)

Der Skarabäus (Kairo)

Raketen auf Tel Aviv (Heiliges Land)

Aufruhr im Basar (Marrakesch)

Sehnsucht Familie (Tanger)

Kampf der Kehlen (Schweiz)

Tiger fressen keine Yogis (Süd-Indien)

Straße nach Indien (Türkei-Iran-Pakistan)

Geldgruben (Deutsche Demokratische Republik)

Kalil el Maula (Libanon)

Southern Comfort (USA)

Verhaftungswelle unter Geburtstagskindern (Hamburg)

Mal durchatmen

Die Kunst des Entliebens (Droge I)

Kokain (Droge II)

Prozac (Droge III)

Die Götter tanzen mit (Droge IV)

Viagramania (Droge V)

Jetzt koche ich (Zuhause)

Auf der Flucht

Nachweis

Anzeigen

Vorwort

– von Sibylle Berg –

Vor ungefähr hundert Jahren lernte ich Helge Timmerberg kennen.

Wir waren jung und so schön, wie es möglich war; wir waren pleite, standen an einem Bankautomaten und wußten beide: für uns ist der nicht. Für uns war Tchibo, und da teilten wir uns einen Kaffee. Helge erzählte, daß er schreiben würde, ich dachte: was habe ich falsch gemacht, daß ich wirke wie eine, die beeindruckt ist dadurch, daß einer zu schreiben vorgibt.

Dann war der Kaffee fertig und Helge in Fahrt. Er erzählte Geschichten von Goldgräbern, Malaria und Drogenbossen; er redete von Märchen und Zauberern, und ich glaubte ihm kein Wort. Vor der Tür waren die 80er Jahre, alle logen und hatten Schulterpolster und blondierte Strähnen. Auch die Hunde. Helge und ich hatten kein Geld für Blondierungen, aber noch Hoffnung. Ich glaubte, mein Leben würde einen Sinn bekommen, wenn ich Bücher schreiben und veröffentlichen könnte, und Helge glaubte noch an die Liebe.

Das Ende war noch nicht zu sehen.

Später las ich seine Geschichten von Zauberern und Drogenbossen, von Malaria und Orten, die es vielleicht nur in seinem Kopf gab. Und ich traf ihn wieder und merkte, daß er der freieste Mensch war, den ich jemals kennengelernt hatte. Geld und Heimat waren ihm egal, und die Regeln des Journalismus waren ihm erst recht egal. Helge hatte lange Haare, er rauchte Rauschgift, er fuhr in Jogginganzügen in der Welt herum, er nuschelte, war unzuverlässig, doch alle liebten ihn, weil er die schönsten Artikel schrieb, die jemals in einer Zeitung gestanden hatten und weil er Menschen zum Vergessen bringen konnte damit.

Ich hatte gerade angefangen zu schreiben und war verbissen und ehrgeizig; ich wollte Preise und Ruhm, und es ging mir nicht gut. Ich dachte, man müßte das machen, was alle machten. Mit großen Worten Halbwissen verbreiten und tun, als ob man sich auskennen würde, in einer Welt, in der sich keiner auskennen kann. Mein Mund war zusammengepreßt und alle waren mir Feinde. Die wichtigen Männer beim Spiegel, die alten Herren, die Bücher schrieben, und ich glaubte an die Regeln, die sie in ihrer Angst aufgestellt hatten.

Bis ich Helge traf.

Helge zeigte, daß es ganz anders gehen konnte. Daß man nur gut ist, wenn man sich für das, was man schreibt, interessiert – selbst wenn das, was einen interessiert, nur man selbst ist –, daß man nicht tun soll, als hätte man Ahnung, daß Regeln und Gesetze die Erfindung von Feiglingen sind, daß es keine Sicherheiten gibt, für nichts und man sich deshalb auch keine suchen müßte.

Ich habe dann Bücher geschrieben, und Helge hat die Liebe gesucht. Die 80er sind lange her, und so frei wie Helge bin ich nie geworden und er vielleicht nie so glücklich, wie er gewollt hätte. Alle Jahre haben wir miteinander geredet, und immer wollte Helge gerade dann ein Buch schreiben, das sein Leben verändert, oder zu einer Frau ziehen, die ihn rettet und damit sein Leben ändert.

Hundert Jahre sind vergangen. Helge hat noch immer nicht das gefunden, von dem er gar nicht sagen kann, was es eigentlich ist. Und nun gibt es doch endlich ein Buch von ihm, und beides ist gut. Daß er noch nicht angekommen ist, denn so muß er weitersuchen und vielleicht noch ein paar schöne Geschichten schreiben. Daß es ein Buch gibt, denn so bleiben ein paar Gedanken von ihm, auch wenn er schon wieder weit weg ist.

Loco Romantico

(Andalusien)

Ich war genervt, müde und ohne jede Hoffnung, daß wir doch noch einmal zu einer Party kommen würden, die nicht vorbei oder verschoben oder sonstwie ausgefallen war. Sieben Stunden Autofahrt steckten mir im Rücken, und diese Stadt gefiel mir nicht, und die Wohnung, in die man mich gebracht hatte, gefiel mir auch nicht, und am wenigsten gefiel ich mir selbst.

Same old story. Der alte bescheuerte Blues. Irgendein Zigeuner erzählt mir etwas von Wahnsinns-Fiestas, zu denen er mich bringen will, und von dem einzigen, dem echten, dem ursprünglichen Flamenco, und ich habe nichts Besseres zu tun, als ihn und seine Frau und seine Tochter und seinen Sohn in den Wagen zu packen und mich für den Rest des Lebens darauf einzustellen, ihr Essen zu bezahlen.

Doch der Mann hatte mich beeindruckt. Allein sein Name. Loco Romantico. Zuerst hörte ich noch ein L zuviel. Local Romantico. Und ich fand das enorm witzig. Der lokale Romantiker. So wie der lokale Säufer, der lokale Hurenbock, der lokale Journalist. Sie klärten mich auf. Kein zweites L. Nur Loco. Und „loco“ ist das spanische Wort für verrückt.

Er hat sich den Namen selbst gegeben. Er darf das. Loco ist ein Sänger, ein cantaor, wie man unter Zigeunern sagt. Noch dazu ist er ein genialer Poet. Erzählte mir seine Frau. Und alles, was sie mir über Loco erzählte, ging in die Richtung, es hier mit dem begnadetsten Naturtalent zu tun zu haben, daß das lichtbeschienene Andalusien in den letzten fünfhundert Jahren hervorgebracht hat. Die Bauern der Sierra Nevada werden zu weinen beginnen, wenn sie Locos Gedichte hören. Geschichten über die Kommunikation zwischen Biene und Ameise und ähnliches. „Zen“, sagte seine Frau. „Reiner, naiver Zen.“

Ich gehe also mit Loco und seiner ehrgeizigen, höchst manipulativen Frau Samina seit drei Stunden durch die Straßen von Jerez, und im Kinderwagen schläft Sol, der neun Monate alte Säugling, und daneben trabt Nu, die neunjährige Tochter, und Nu weint. Weil es spät nach Mitternacht ist und der Wind Regen aus Marokko bringt. Und egal, wohin wir gehen, wir kommen nicht an. Keine Fiestas, kein Flamenco.

Vorsichtig, ganz vorsichtig, versuche ich es ihnen beizubringen. In einem Kaffeehaus, an einem Marmortisch, irgendwo in der Nacht. Ich bestelle Bier für die Großen und Cola für die Kleine und sage: „Ich habe einen Fehler gemacht. Das passiert mir öfter, daß ich den Bogen einer Recherche nicht schließe. Ich habe in Sacramonte ein paar nette Leute kennengelernt, und man hat mich zu einer Feier eingeladen. Morgen. Ich glaube, ich muß zurück.“

Das war gut gesprochen. Kein Wort der Enttäuschung über diesen erfolglosen Abend, nichts, was ihnen das Gesicht geraubt hätte. Alles nur meine Schuld. „Wann willst du zurück?“ fragt Samina. „Nach dem Frühstück.“

Sie übersetzt es Loco. Er spricht kein Englisch. Er kann noch nicht einmal lesen, geschweige denn schreiben. Und er bekommt plötzlich sehr traurige Augen. Ein großes, dickes, 36jähriges Baby mit schwarzen Rastalocken, das ein Gesicht macht, als habe man gerade zum ersten Mal sein Urvertrauen zerstört. Er sagt nur einen Satz, und Samina übersetzt.

„Loco sagt, du seist wahrscheinlich doch kein so guter Journalist, wenn du Loco Romantico verlassen willst.“

Das brachte mich zum Nachdenken. Was hatte ich denn bisher erlebt? Und gesehen? Gewiß sind die Höhlen von Sacramonte traumhaft. Mit einem wunderbaren Ausblick auf die Alhambra, auf die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada und auf die weißen Dächer der Altstadt von Granada. Vor ein paar hundert Jahren muß es da richtig gut gewesen ein. Mit Feuern und Liedern, die die Nacht zerreißen. Aber dann kam Hemingway vorbei und dann der internationale Massentourismus, und jetzt ist Sacramonte im Grunde nichts anderes als so eine Art Zigeunerzoo, wo sie fürs Rumhampeln bezahlt werden.

Ja, auch ich war dabei. In einer weißgekalkten Höhle mit hundert kitschigen Tellern an den Wänden, und ein paar grell geschminkte Omas wollten mir und den fünf Gästen aus Tokio Kastagnetten andrehen, zum zehnfachen des üblichen Preises. Ja, sie haben auch getanzt und gesungen und Gitarre gespielt, eine halbe Stunde lang, für zweitausend Peseten pro Mann und Japaner, und genauso gut hätten sie einen blökenden Esel durch die Stuhlreihen treiben können. Um ein Haar hätte ich die Contenance verloren, als ich da wieder herauskam. Weil ich der Esel war und es hätte wissen müssen. Für Flamenco zu bezahlen, bringt dasselbe, wie bezahlter Sex. Für beide Seiten. Als Konsument bist du ein Freier, als Interpret eine Hure. Und was dabei auf der Strecke bleibt, ist diese menschliche Qualität, die man Ehre nennt. Oder, wie die Spanier sagen: honor. Und es gibt keinen Flamenco ohne honor.

Loco hatte noch immer traurige Augen. Er sagte wieder nur einen Satz und Samina übersetzte. „Loco sagt, du gibst der Zeit keine Zeit.“

„Hat er das genau so formuliert“, fragte ich Samina, „oder sind das deine Worte?“

„Seine“, sagte sie.

„Dann ist er wirklich gut.“

„Er ist noch besser. Du hast ihn überhaupt noch nicht kennengelernt. Und du wirst ihn auch nicht mehr kennenlernen. Du fährst ja nach dem Frühstück.“ Sie lächelte.

Ich mochte diese Frau nicht. Während unserer Fahrt von Granada an die Küste hatte ich sie einmal im Rückspiegel dabei beobachtet, wie sie mit ihren Händen tanzte. Zehn Finger wie zehn Schlangen direkt über meinem Kopf. Ich mag keine Frauen, die mich zu verhexen versuchen. Ich mag auch nicht die Art, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Ein neunjähriges, übermüdetes Mädchen durch die Nacht zu schleppen und weinen zu lassen. Ist das Zigeunerleben?

Oder ist es Gastfreundschaft, und sie tun es nur für mich? Weil Loco und ich Samina zum Übersetzen brauchten und weil kein Geld für einen Babysitter da war, und weil sie die einzigen Zigeuner waren, die mich nicht sofort nach Geld gefragt hatten. Sie wollten kein Geld, aber vielleicht wollten sie Popularität, was dasselbe ist. Loco hatte eine Platte produziert. „Flamenco Colours“. Er hat Samba reingemischt und Rock und Jazz, und die Produktion war ein Flop. Niemand in Andalusien interessierte sich dafür. Zu strange, zu neu, zu unkonventionell. Vielleicht interessierte man sich in Deutschland dafür, und vielleicht war das der Grund, warum sie mir halfen? Durchaus ein faires Geschäft. Ich verschaffe ihnen Popularität und sie verschaffen mir den reinen Flamenco. Eine Hand klatscht in die andere.

Nur nicht in dieser Nacht. Und es war bereits gegen zwei Uhr. Du gibst der Zeit keine Zeit, hatte Loco gesagt. Na schön, ich werde sie diesem verrückten Romantiker geben. „Sag ihm, daß ich bleibe“, bat ich Samina, und sie tat’s, und Locos Augen veränderten sich. „Amigo“, sagte Loco, und das mußte nicht übersetzt werden. Wir gingen.

Was war geschehen? Nicht viel. Ich hatte ein bißchen Flamenco verstanden. Dieses Phänomen, das am besten von einem Sänger beschrieben worden ist, den sie El Chocolate nannten, und der wie Loco aus Jerez kam. Chocolate sprach einmal über seine Erfahrungen mit Plattenaufnahmen: „Die sagen zu dir, komm morgen früh ins Studio und sing. Aber wie soll das gehen? Wie soll ich wissen, ob ich morgen früh singen kann? Darum taugen meine Platten nichts. Es sind Morgenplatten. Mit Flamenco haben sie nur wenig zu tun.“

Das sagen alle. Du kannst den Flamenco nicht planen, nicht zwingen, nicht locken, nicht herbeischmeicheln, bezahlen schon gar nicht, im Grunde nicht einmal suchen. Flamenco ist wie eine Sternschnuppe, wie ein Regenbogen, wie Verlieben. Und manchmal wie ein Blitz. Und wenn er wie ein Blitz ist, dann zerreißt er dir das Herz.

Das war mein Problem. Darunter wollte ich es nicht machen. Und in Granada war es darunter. Nicht immer so tief wie in der Touristen-Abzockerhöhle. Nein, ich hatte Samina nicht belogen. Ich hatte durchaus nette Leute dort getroffen, an durchaus netten Abenden, in durchaus netten Bars. Die Gang zum Beispiel. Drei Zigeuner, die immer nur zusammen auftauchen, und der Boß hatte die linkesten Augen, die ich je gesehen hatte, und außer seinen beiden Wasserträgern schien ihn dort niemand zu mögen. Nur sie klatschten mit, als er zu singen begann. Laut und dermaßen aggressiv, daß ich bereits die langen, schmalen, feingeschmiedeten Zigeunermesser fliegen sah. Ich ließ mir den Text übersetzen. Er handelte von Geld.

Als er Luft holte, nutzte einer der Männer von der anderen Seite der Bar die Chance und sang eine Antwort, und jetzt schlugen dessen Freunde mit ihren Handknöcheln den Rhythmus auf die Tische und sein Text handelte von Philosophie, und noch bevor der Gangchef etwas darauf erwidern konnte, legte der Wirt seinen unglaublichen Bauch auf die Theke und schlichtete mit zwei Liedern den Streit. Das erste handelte von Mutterliebe, das zweite vom Essen und Trinken.

Ich meine, das war kein übler Abend. Aber ich war noch nicht satt. Ich war unbescheiden, und Loco, den ich einen Tag später kennenlernte, fand es mehr als legitim. Er hielt es für meine Pflicht, in dieser Angelegenheit unbescheiden zu sein. Er hatte mir das Beste versprochen, und er war der beste Führer auf der Straße des Flamenco. Und das ist kein romantisches Bild. Die Straße, auf der wir gingen, nachdem wir das Kaffeehaus verlassen hatten, hieß tatsächlich Calle del Flamenco.

Eine schmale, in dieser Nacht regenglänzende Gasse, die durch das Zigeunerviertel von Jerez de la Frontera führt, und irgendwie war alles anders. Ein Schalter hatte sich umgelegt, und das kannte ich. Das hatte ich tausendmal erlebt. Ein winziger, unsichtbarer Schalter, an dessen einem Ende Plus steht und am anderen Minus, und manchmal reicht ein Windhauch, ihn umzulegen.

Dieselbe Nacht, dieselbe Stadt. Die Quelle des Sherry. Hier kommt er her, hier wird er gemacht, hier ist er überall, dieser geniale Alkohol, der ziemlich genau in der Mitte zwischen Likör und Wein liegt. Darum ist die Luft hier süß. Darum kommt es dir nach einiger Zeit so vor, als hättest du ständig ein Gläschen Sherry unter der Nase. In Jerez de la Frontera wirst du schon vom Atmen besoffen. Und es scheint eine Menge lustiger Leute hier zu geben. Denn jetzt hörte ich sie plötzlich in den Häusern klatschen und fast hinter jedem Fenster war noch Licht. Und die kleine Nu weinte nicht mehr. So einfach ist das, wenn sich der Schalter umlegt. Loco blieb stehen und zeigte auf eine offene Tür links von uns, und er sagte wieder nur einen Satz, den Samina übersetzte: „Loco sagt, warum gehen wir nicht rein?“.

Es war eine reinrassige Flamenco-Bar mit Vorraum und Theke und einem kleinen Tanzsaal hintendran. An den Wänden hingen keine Teller, sondern Schwarzweißfotografien, zum Teil vergilbt, zum Teil mit Autogrammen, und reinrassig war sie deshalb, weil nur Zigeuner da waren. Viele Zigeuner.

Ich ließ es langsam angehen. Blieb im Vorraum und studierte Gesichter. Studieren ist untertrieben. Ich fiel in sie hinein. Kein Mensch hatte mir erzählt, wie schön Zigeuner sind, wenn sie feiern. Ich sah eine Menge feingeschnittener Nasen und einen alten Mann, dessen Gesicht wie ein zerknautschter Fußball war, nur Falten und ein ganz breites Lächeln zwischen den Ohren. Wie ich seine Augen beschreiben soll, weiß ich nicht. Nach einigen Minuten fiel mir auf, daß sie alle solche Augen hatten, und Loco schob mich weiter. Nach hinten, in den Tanzsaal. Da war die Musik, und davor war nochmal eine Mauer von Menschen. Aber Zigeuner sind kleiner als ich, und ich brauchte nicht weit durch den Raum zu gehen. Ich suchte mir einen Stehplatz in der linken Ecke des Saals und wurde zu Luft.

Wenn du beobachten willst, ausschließlich beobachten, wenn jede deiner Poren zu einer Antenne geworden ist und deine Augen zoomen, dann stört es manchmal sehr, wenn auf deine Anwesenheit reagiert wird. Dann möchtest du Mäuschen sein, und wenn du zu groß dafür bist, dann werde Luft. Oder ein Stück Holz. Und stehe wie eingebaut in deiner Ecke.

Sie hatten einen Halbkreis gebildet, etwa sechs bis sieben Reihen stark. Dahinter war eine Tribüne mit Stühlen. Die Alten saßen, die Jungen standen. Kinder waren dabei, bis zu zwei Jahren runter. Und viele Mädchen im heiratsfähigen Alter mit ihren Vätern, Vettern, Brüdern, Cousinen, Großmüttern und Urgroßmüttern, samt deren Freunden und Freundesfreunden und Anverlobten, Eingeheirateten oder sonstwie Verwandten, die aus allen Provinzen Andalusiens und manche sogar aus Barcelona und Madrid zu dieser Feier des Familien-Clans angereist waren. Und alle hatten sich unglaublich in Schale geworfen.

Die Männer trugen dunkle Anzüge mit feinen Streifen, die Frauen Kostüme oder Abendkleider. Billigste Ware, bester Stil. Und Hüte trugen sie und großen Schmuck, und auf der Tribüne, genau in der Mitte, saß eine Frau in einem grünen Kleid. Sie war um die fünfzig und muß einmal wunderschön gewesen sein, und sie war noch immer schön. Sie trug ihren Kopf wie eine Königin und rauchte mit einer langen Zigarettenspitze. Sie rauchte ununterbrochen, und sie war die einzige, die nicht klatschte.

Der Rest tat es. Nicht sonderlich akzentuiert möglicherweise, aber unglaublich schnell, mit Gegenschlägen, die in Rhythmusspiralen durch den Halbkreis jagten, und dazu sangen sie ganz einfache, sehr leichte und fröhliche Lieder. Was sie in der Schule singen, oder wenn jemand Geburtstag hat oder wenn am nächsten Tag geheiratet wird. Lieder, die kein Ende brauchen. Endlosmelodien. Endlosschleifen. Dieser Gesang und dieses Klatschen kamen mir sehr bald wie ein akustischer und manchmal fliegender Teppich vor, in den die besten Sänger ihre Soli woben. Die besten Sänger! Man sagt, daß Jerez ihre Stadt sei. Granada hat die Tänzer hervorgebracht. Sevilla die Gitarristen. In Jerez ist die Seele. Weil die Stimme alles ist und der Ursprung, aus dem der Flamenco kommt. Und die Sänger fühlen, wenn der Flamenco kommt und wenn du in der Nähe bist, kriegst du das mit. Sie stehen mit geschlossenen Augen da, atmen schnell und tief und summen sich ein. Wer ihre Stimmen hört, macht „psst, psst, psst“, und dieses „psst“ pflanzt sich fort, und wenn sie es alle gehört haben, bricht der Gemeinschaftsgesang ab und das Klatschen wird leiser, nicht langsamer, keineswegs, und der Mann kann beginnen.

Leise, aber komprimiert, rauh, aber schön, hart und verletzlich holt er unter den anfeuernden, scharfgerufenen „ays“ der anderen die Stimme aus dem Bauch und bringt sie heraus und läßt sie gleiten und schweben und Girlanden ziehen und holt sie zurück und kommt mit noch mehr Intensität wieder. Und jetzt reitet er. Intensität. Darauf kommt es an. Ein Flamencosänger ist nur dann ein Flamencosänger, wenn er sich selbst singt. Und wenn du in den wenigen Minuten seines Solos alles, aber wirklich alles über sein Leben erfährst, über den Regen und über die Sonne, die er gesehen hat, über die Straßen, die er hinuntergegangen ist, über die offenen und geschlossenen Türen, über die Liebe, die dahinter war, und über das Leid; wenn es das ist, was du erfährst, dann hast du einen guten Sänger gehört.

Und wenn du ein guter Zuhörer bist, verschmilzt du mit ihm, was das mindeste ist, was ein Sänger braucht. Einen, der eins mit ihm wird, einen, der jede Facette seiner Gefühle aufnimmt und sie mit seinen vermischt. Dann singt der cantaor nicht nur seinen Flamenco, sondern auch deinen, und das bringt neben vielen anderen Annehmlichkeiten vor allem dies: Ekstase. Damit geht er ins Finale und das ist dann kein Lied mehr. Das ist ein Schrei. Ein langgezogener und länger und immer länger werdender Schrei, und erst, wenn du wirklich nicht mehr weißt, woher er die Luft dafür nimmt, und wo und wie das alles enden soll, erst dann bricht das hundertstimmige olé wie eine Welle über den Sänger herein, und der Mann ist fertig.

Welle um Welle, Sänger um Sänger und – natürlich – Tänzer um Tänzerin. Alle tanzten. Alle haben es noch vor dem aufrechten Gang gelernt. Eine nach der anderen sprang in den Halbkreis und gab das Geschehen für die Dauer von vier, fünf Schritten an die berühmten spanischen Stiefelabsätze weiter. Nicht mehr. Der kurze Tanz war angesagt. Bewegungen, die eigentlich nur Zitate waren. Aber das reichte. Loco Romantico hatte Recht. Diese Frauen gesehen zu haben, wie sie in vier, fünf Schritten, vier-, fünfmal die Hüften schwangen, reichte tatsächlich, um für den Rest des Lebens auf den Besuch von Discotheken verzichten zu können. Ich habe Zigeunerinnen tanzen gesehen. Ich war endlich satt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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