Tilflukt - Anja-Carina Taurisano - E-Book

Tilflukt E-Book

Anja-Carina Taurisano

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Beschreibung

Nach der Flucht aus einer gewaltsamen Ehe muss eine junge Frau ihr Leben neu sortieren. Bekannte ermöglichen ihr einen Zufluchtsort, wo sie schneller wie geplant Stärke beweisen muss. Erst nachdem sie ihren Pfad gefunden hat, lösen sich die Geheimnisse auf. Es hatte nicht nur ein Wikingergott seine Finger in ihrem Leben und alles ergibt plötzlich einen Sinn. Sie ist nur der Anfang von einem viel größeren Plan.

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EPUB
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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Tilflukt

Wenn Götter das Leben planen

Anja-Carina Taurisano

© 2023 Anja-Carina Taurisano

ISBN Softcover: 978-3-347-95814-2

ISBN E-Book: 978-3-347-95815-9

ISBN Großschrift: 978-3-347-95816-6

Druck und Distribution im Auftrag :tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag , zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Epilog

Nachwort

Erklärungen

Über mich

Tilflukt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort

Über mich

Tilflukt

Cover

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3

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Vorwort

Eine Warnung vorweg: Bitte nichts nachmachen, was in dieser Geschichte beschrieben wird. Ich übernehme keine Haftung von eventuellen Verletzungen.

Die Erzählung ist rein fiktiv. Personen, Schauplätze und Handlungen frei erfunden.

Auch wenn man vieles im Internet nachschlagen kann, ein paar reale Dinge musste ich schon benutzen. Eine Erklärung mancher Wörter habe ich am Ende hinzugefügt, falls jemanden die Begriffe nicht geläufig sind.

Ich wünsche jedem Leser viel Spaß und mögen die Götter über euch wachen.

Prolog

Ruhig liegt der See in dem abgeschiedenen Tal, umgeben von dunklem Gras, bevor der Wald beginnt. Unser Ziel ist das helle Langhaus vor den hohen Bäumen.

„Und? Gefällt es dir?“, fragt Sören mich. Ihm gehört diese Idylle.

„Einfach perfekt“, antworte ich beeindruckt. „Genau das brauche ich jetzt.“ „Sag ich doch, dass es ihr gefällt“, wirft Julian ein. Er ist ein Freund, der mir diese Zuflucht ermöglicht hat.

Ich musste weg. Weit weg. Vor allem von meinem prügelnden Mann.

Sobald ihm etwas nicht passte, rastete er aus. Irgendwann brauchte er dafür noch nicht einmal mehr Alkohol, es war normal für ihn geworden.

Ich war an allem schuld. Dass die Kinder weggeholt wurden, dass er die Arbeit verloren hatte, dass es regnete oder eine Fliege über die Wand lief. Mit 30 war mein Leben schon ein Trümmerhaufen.

Ich beteiligte mich rege in einem Forum, heimlich, ohne dass es er mitbekommen hatte.

Da waren nur Gleichgesinnte, die das Leben der Wikinger mögen. Einfach, aber kämpferisch. So sehen die Männer auch aus. Muskulös, viele mit langen Haaren und Vollbärten, die Frauen sind auch durchtrainiert. Sie veranstalten Turniere, ziehen sich in Lager zurück, leben ihren Traum.

Dann stellte Sören sein Projekt vor. Er hatte sich ein großes Stück Land gekauft, in den Bergen versteckt und suchte Leute, die ihm helfen, das Haus zu bauen. Ein Langhaus, wie die Wikinger früher.

Julian meldete sich sofort und war auch einer, der immer dabei war, Bilder postete von dem Fortschritt und wie das erste Fest gefeiert wurde, als es fertig war.

Mit ihm schrieb ich viel privat. Dadurch kenne ich seinen realen Namen, denn im Forum heißt er Leif.

Er merkte schnell, wenn ich traurig war. Bis ich ihm den Hintergrund dafür erzählte. Er meinte, ich soll sofort von zu Hause abhauen, aber ich wusste nicht wohin ohne Geld.

Dann bot er an, eine Zeit bei ihm zu wohnen.

Und das hatte mein Mann mitbekommen.

Keine Ahnung wie, aber dass ich noch lebe, ist ein Wunder.

Das Messer flog nur knapp an mir vorbei, auch dem Zweiten konnte ich ausweichen und bezog dafür die nächsten Prügel.

Ich habe mir nur meinen Rucksack, das Handy geschnappt und bin weggerannt. Blind vor Tränen.

Einfach nur weg.

In einem Café hatte ich dann endlich WLAN und konnte Julian schreiben. Knapp drei Stunden später sammelte er mich ein.

Aber nach zwei Tagen ging der Terror los. Über das Smartphone hatte mein Mann den Standort herausgefunden und randalierte vor der Tür.

Julian wollte ihn beruhigen und fand sich direkt in einer Schlägerei wieder.

Doch er hatte Kampferfahrung als Wikinger und gewann.

Mein Mann versprach ihn erneut zu Besuchen mit seinen Kumpels.

Vor Wut zerstörte ich mein Handy und Julian organisierte mir ein neues. Dass er mit Sören schrieb, wusste ich nicht und war sehr überrascht, als er mir das Angebot mitteilte, mich fernab von allem ausruhen zu dürfen. Einfach über mein Leben nachzudenken, ohne Angst zu haben.

Und so lande ich drei Tage später in diesem Traum.

Kapitel 1

Der Zugang ist schwierig und weit.

Wir sind einen Tag geritten, da keine Straße in dieser Einöde existiert. Handyempfang gibt es nur oben auf den Bergen.

„Ein paar Extras haben wir allerdings eingebaut.“ Sören schmunzelt. „Wir haben eine Solaranlage auf dem Dach, denn wenn wir hier lagern und etwas passieren sollte, ist es notwendig, wenigstens die Rettung anzurufen. Und dazu muss ein Handy geladen sein, so viele Powerbanken kann man gar nicht mitnehmen.“

„Vergiss nicht die Pumpe für fließendes Wasser und den Durchlauferhitzer für eine warme Dusche“, erinnert Julian.

„Wie? Keinen Aufzug?“ Ich sehe an dem Haus hoch.

„Nee und den Whirlpool haben wir auch vergessen“, kichert Sören. Er öffnet das Tor und führt die Pferde hinein.

„Wie du siehst, hier vorne ist der Stall“, erklärt er, bindet sie an und zeigt mir das Haus, das einer großen Halle gleicht.

Das Holz riecht noch frisch und über eine Treppe gehen wir in die obere, offene Etage.

„Hier haben wir Nischen gemacht zum Schlafen, wenn wir lagern“, weist Julian hin. „Etwas Privatsphäre kann ja nicht schaden.“

Am anderen Ende des Hauses liegt die Waffenkammer. Ordentlich sind Äxte, Langbögen und Schwerter aufgestellt. In einem Fass sind Pfeile und im Regal dahinter Kleidung, falls jemand etwas zum Wechseln braucht.

„Und jetzt kommen wir zu unserem Meisterstück“, meint Sören stolz.

Über eine kleine Treppe gehen wir wieder hinunter.

Der Raum ist mit einer Wand von der Halle abgetrennt und ein riesiges Bett steht mittendrin.

Es ist nicht irgendeins, so etwas kann man nicht kaufen.

Das Kopfteil ist mit Schnitzereien verziert. Runen, Raben, Odin auf Sleipnir. An dem anderen Ende sind Wolfsköpfe an den Pfosten. Viele Felle bilden die Matratze.

„Wow“ hauche ich.

„Als Jarl von Tilflukt erlaube ich dir, dort zu schlafen, wenn ich nicht hier bin“, sagt Sören. „Außer du möchtest eine Gefährtin von mir sein, dann …“

„Hör auf“, unterbricht ihn Julian. „Du weißt, warum sie hier ist.“

„Muss man deswegen Nonne werden?“, faucht er. „Spaß sollte jeder im Leben haben.“

„Vielleicht werde ich irgendwann mal wieder ein normales Leben führen können“, mische ich mich ein. „Aber bis dahin habe ich die Nase voll von Männern. Sorry, klingt blöd, ist aber so.“

„Wir sollten dich zur Schildmaid ausbilden, dann kannst du dich wehren gegen den Wi …“ Sören stoppt, als er versteht, was ich gesagt habe. „Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nah treten. Bei schönen Frauen setzt mein Gehirn aus.“ Sofort werde ich rot, Komplimente habe ich in der Art schon lange nicht mehr gehört.

Julian seufzt und zieht mich am Arm mit in eine Kammer, das Badezimmer. „Er ist manchmal zu direkt. Nimm es ihm nicht übel. Er ist auch Single und sucht seinen Spaß.“ Schnell hat er mir erklärt, wie ich alles einschalte.

Die beiden laden die Packpferde ab. Säckeweise Lebensmittel.

Sie zeigen mir, wie es verstaut wird und wo ich alles andere Benötigte finde. „Wir lagern heute hier und morgen früh machen wir uns auf den Rückweg“, entscheidet Sören „Ich werde oben schlafen als Entschuldigung.“

Ich muss mir Kleidung aus dem Regal nehmen, da ich nichts anderes besitze als das, womit ich weggelaufen bin. Nach einer langen Dusche trete ich an das Feuer, wo Julian schon kocht.

„Das Kleid steht dir“, sagt Sören erstaunt und entschuldigt sich sofort wieder. Er steht auf und holt einen Gürtel, an dem ein Messer und eine kleine Tasche hängen. „Wenn schon, denn schon. Jeder hat das immer bei sich.“

„Sie braucht einen neuen Namen“, erwähnt Julian. „Sie hat noch nie einen gewählt.“ Er spielt auf meinen Forumsaccount an, wo ich mit meinem Normalen angemeldet bin.

Sören nickt, während er mir hilft, das lange Leder richtig umzubinden. „Zieh dich um und hol Met. Wir halten die Zeremonie ab.“

Keine zehn Minuten später setzt sich Sören in voller Montur auf den erhöht stehenden Stuhl. Sein Umhang wird von Spangen gehalten. Das blaue Hemd lässt die Unterarme frei und ein goldener Armring ziert sein Handgelenk.

Julian hat beige Kleidung und der Ring ist silbern.

„Wer bringt die Maid zur Namensgebung vor den Jarl?“, fragt Sören ernst.

„Ich, euer treuer Untertan Leif, mein Jarl Sören.“ Er zieht mich am Handgelenk zu dem Podest und zupft an mir. „Knie dich hin“, flüstert er.

Ich folge der Aufforderung.

„Die Götter mögen meine Zeugen sein, wie ich, Jarl Sören von Tilflukt, dieser Maid ihren Namen gebe und ihn laut ausspreche, damit er allen bekannt ist. Ich habe ihn weise gewählt nach der Göttin des Hausstandes, der Sippe und der Familie. Wir heißen dich willkommen in unserem Haus, stellen dich unter unserem Schutz und erwarten die Befolgung der Tugenden. So stehe nun auf und empfange deinen Jarlsring, der dich an uns bindet und jedem zeigt, dass du Mitglied unserer Sippe bist, Frigg.“

Nur langsam stehe ich auf, um den feierlichen Moment nicht zu stören. Ich strecke ihm meinen linken Arm entgegen.

Julian zieht scharf die Luft ein und durch Sörens blaue Augen huscht ein Funkeln.

„Das würde dich zu meiner Gefährtin machen“, flüstert der Jarl erklärend. Sofort wechsle ich den Arm.

Er streift den Ring darauf. „Schade“ haucht er traurig.

Julian reicht uns Becher. „Willkommen in unserer Familie, Frigg.“

Wir stoßen gemeinsam an und der Met schmeckt köstlich.

Beim Essen bekomme ich eine Übersicht der Regeln. Niemand wird hier mit seinem echten Namen angesprochen, zum Schutz im realen Leben. Damit die Gemeinschaft funktioniert, müssen alle mitarbeiten.

Sören gibt mir ein Buch, in dem alles genau aufgeschrieben ist. „In einem Monat sammeln wir uns zur Litha, Sommersonnenwende. Ich muss vorwarnen, es wird wild werden. Genauso wie früher.“

„Du solltest wissen, dass hier nur Ehen zählen, die Sören geschlossen hat“, fügt Julian, nein Leif hinzu. „Das heißt, manche haben da draußen einen anderen Partner und hier …“

Ich muss sehr entsetzt ausgesehen haben, denn die beiden lachen.

„Hier bist du frei, Frigg“, meint Sören. „Du kannst tun, was du möchtest und sein lassen, was du nicht willst.“

Leif greift nach seiner Kette, nimmt sie ab und reicht sie mir. „Mögen dich die Götter beschützen und dir den rechten Pfad weisen.“

Thors Hammer, Mjölnir, liegt schwer in meiner Hand. „Das kann ich nicht annehmen. Es ist doch deiner.“

„Geschenke lehnt man nicht ab. Du brauchst das Amulett dringender als ich. Möge er dir die Stärke und Kraft geben, die du benötigst.“

Zitternd lege ich die Kette um. „Danke.“

Es fließt viel Met an dem Abend. Wir sitzen lange an dem Feuer, sie erzählen von dem Bau und wie die Gemeinschaft sich zusammengerauft hat.

Es wird viel gelacht.

Endlich kann ich es wieder. Die Last meines alten Lebens fällt von mir ab. Spät in der Nacht versuche ich ins Bett zu gehen, aber ich bin zu betrunken. Die beiden nehmen mich in die Mitte und stolpern mit mir zum Bett. Leif öffnet meinen Gürtel und Sören lässt mich langsam auf das Fell sinken.

Nur … ich halte mich so an ihm fest, sodass er auf mich fällt.

„Du bischt abba stürmisch“, lallt er und sieht mir tief in die Augen.

„Geh runda.“ Nur mühsam kann ich ihn zur Seite drücken.

„Isch hab kein Bock hoch zu latschen. Rutsch ma.“

„Gude Idee“ nuschelt Leif, schwankt auf die andere Seite und wirft sich hin. Eingeklemmt zwischen den beiden, die eigentlich noch weit Platz haben, schlafe ich ein. Ohne Angst, beschützt.

Am Morgen liege ich auf dem Rücken, beide haben einen Arm auf mir. Plötzlich muss ich lachen und die beiden schrecken hoch.

„Was ist los?“, keucht Sören verschlafen.

„Ich glaube, es ist einmalig, dass zwei Männer mit einer Frau in diesem Bett liegen.“

Er grinst breit. „Stimmt, es war eher andersherum geplant.“

„Alter, das überlebst du nicht“, meint Leif ernst.

„Keine Ahnung, probiere ich noch aus.“

„Dürfte ich irgendwie aufstehen?“, fragte ich schmunzelnd.

Sören dreht sich auf den Rücken und macht eine einladende Handbewegung.

Jedoch hüpft Leif aus dem Bett. „Komm Frigg. Ignorier den Lüstling.“ „Und als Jarl bildet er sich wohl ein, dass jede auf ihm rum springt“, kichere ich beim Aufstehen und verziehe mich ins Bad.

Als ich in die Halle trete, sehe ich, wie die beiden sich ausziehen auf dem Steg und nackt in den See springen. Man erkennt, dass sie immer hart gearbeitet haben.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Leichter Nebel zieht über das Wasser. Die Welt ist so friedlich und ruhig.

An dem Tor lehne ich mich an den Pfosten und lasse das Bild auf mich wirken. Hier können mein Körper und die Seele heilen.

Obwohl sie mich sehen, steigen aus dem Wasser, trocknen sich mit den Hemden ab und ziehen nur die Hosen an.

„Wozu die Dusche?“, frage ich, als sie auf mich zukommen.

„Wunsch der Maiden“, informiert Sören. „Die mögen es lieber etwas privater und wärmer.“

Beim Frühstück, sogar mit Kaffee, besprechen wir das Weitere, denn Sören kann erst in zwei Wochen wieder herkommen.

„Ich bringe dann schon mal einen Teil der Vorräte für das Fest und den Sommer. Manche verbringen auch ihren Urlaub hier.“

„Wie ich zum Beispiel“, sagt Leif. „Ich nehme mir immer ab der Sonnenwende frei.“

„Wenn du irgendwelche Extrawünsche hast, schick uns eine Nachricht. Empfang hast du … da oben.“ Sören zeigt auf den gegenüberliegenden Berg. „Pass auf, dass du dich nicht verletzt. Hier kommt niemand vorbei.“

„Wir sollten ihre Spuren im Forum löschen“, schlägt Leif vor. „Damit sie niemand mit uns in Verbindung bringt.“

„Und du musst definitiv auf dich aufpassen, da … jemand deine Adresse kennt“, umschreibt es der Jarl rücksichtsvoll.

Sie satteln die Pferde, nur meines bleibt hier für Ausritte oder den Notfall, und ziehen sich um.

Leif umarmt mich locker. „Sei vorsichtig und genieß die Ruhe.“

Ich nicke und verspreche es.

„Frigg, da du jetzt die Herrin von Tilflukt bist, trage meinen Jarlsring. Falls einer aus unserer Sippe überraschend vorbeikommt, weist es aus, dass du mein Vertrauen hast.“ Er streift seinen Goldenen ab und klemmt ihn auf meinen linken Arm. „Wir können es den anderen schlecht mitteilen, dass du dich hier versteckst. Es würde zu viele Fragen aufwerfen.“

„Danke, danke für alles“, flüstere ich ihm bei der sachten Umarmung ins Ohr. „Mein Jarl Sören.“

Er sieht mir liebevoll in die Augen. „Mögen die Götter über dich wachen.“

Lange sehe ich ihnen nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwinden.

Kapitel 2

Zügig erledige ich die Hausarbeit, führe das Pferd nach draußen und miste den Stall aus. Dann sehe ich mich erneut in dem Haus um. Probiere ein Schwert zu schwingen, wiege die Axt in meiner Hand und finde eine Kleinere mit Halterung für meinen Gürtel. Im Regal ist eine Kiste mit Lederschnüren, womit ich mir einen Zopf binde. Sogar Schuhe sind in einem Behälter. Aber es ist fast Sommer und es ist warm, sodass ich barfuß laufen kann. Vorsichtshalber suche ich mir trotzdem ein passendes Paar heraus, wenn ich in den Wald möchte.

Hinter dem Kopfende des Bettes stehen weitere schwere Truhen. Neben Werkzeuge sind dort auch Bücher. Rezepte, Romane und Dokumentationen über Wikinger.

Mit dem Regelwerk, was ich lesen soll, setze ich mich auf den Steg und lasse die Beine in den See baumeln.

Es ist einfach und eindeutig erklärt. Die Hierarchie, Aufgabenverteilung und Gesetze. Der Jarl ist für alles verantwortlich, und dass die Regeln eingehalten werden. Wenn er sich eine Gefährtin erwählt, ist sie die Herrin über die Dienerinnen und dem Haus. Sie muss den Schutz gewährleisten, Streit schlichten und für das Wohl der Sippe sorgen. Dieses Recht steht aber nur seiner ersten Frau zu, die anderen unterstehen ihr. Gekennzeichnet wird sie mit einem goldenen Ring am linken Arm, die Nebenfrauen in Silber. Der Jarl und seine Frau haben ihn stetig zu tragen.

Die Mitglieder der Sippe tragen ihn rechts, wobei sein Stellvertreter die Ausnahme macht. Er muss ihn links haben.

Ich versuche, mich zu erinnern, wo Leif seinen trug. Dann sehe ich deutlich seinen rechten Arm, als er an mir zupfte. Da war nichts. Nun weiß ich seinen Rang.

Nur langsam sehe ich auf meine Handgelenke. Der goldene ist links für die erste Frau. So lese ich den Abschnitt nochmals gründlich, damit ich vorbereitet bin, falls jemand früher eintrifft und nicht Bescheid weiß.

Die Aufgabenverteilung liest sich simpel. Jeder packt dort an, wo Hilfe benötigt wird, gleich ob Mann oder Frau, Jarl oder Diener. Aber wer etwas Spezielles beherrscht, leitet die Gruppe.

Bei den Gesetzen muss ich langsamer werden. Es ist immer die Regel mit einem Beispiel.

Bei Streitigkeiten kann ein Kampf ohne Waffen gefordert werden. Der Sieger hat recht.

Jeder kann frei entscheiden, wen er als Partner wählt. Sobald die Ehe durch den Jarl ausgesprochen wurde, gelten sie für die anderen als Tabu. Bei Verstößen dagegen kann man aus der Sippe ausgeschlossen werden. Versteht sich das Paar nicht mehr, kann der Jarl die Verbindung beenden. Freie Leute können demjenigen beiliegen, auf den sie Lust haben. Eifersucht gibt es nicht. Nur dem Jarl stehen mehrere Frauen zu als Statussymbol.

Verletzt man ein Mitglied absichtlich, gibt es die Verbannung. Da werden alle weiteren Sippen informiert und derjenige bekommt nie wieder den Schutz eines Jarls.

Das Gleiche gilt bei Diebstahl.

Egal, aus welcher Religion man kommt, hier zählen nur die alten Götter.

Dann werden die Tugenden aufgelistet: Mut, Disziplin, Treue, Ehre, Gastfreundschaft, Fleiß, Ausdauer, Selbstständigkeit, Aufrichtigkeit.

Langsam lasse ich das Buch sinken. Es beschreibt genau das, was mir bisher im Leben gefehlt hat. Klare Regeln für alle.

Ich hätte mich viel früher damit auseinandersetzen sollen und auch mehr Mut haben müssen, diesen Weg zu wählen. Hätte bei dem Bau helfen können, mein Leben neu sortieren.

Vielleicht wäre dann alles anders gelaufen, wenn ich zur Schildmaid ausgebildet worden wäre. Die Sippe hinter mir stehend zu wissen. Gleichgesinnte, die sich an Regeln halten.

Laut klappe ich das Buch zu. An der Vergangenheit kann ich nichts ändern, aber an meiner Zukunft.

Rasch ziehe ich mich aus und springe in das Wasser, als ob es den erlebten Dreck abwaschen könnte.

Zum Glück kann niemand meinen geschundenen Körper sehen. Die frischen Striemen und alten Narben auf meiner Haut. Blutergüsse in allen Farben. Irgendwann habe ich gelernt, die Schmerzen davon zu ignorieren, damit ich mich normal bewegen kann.

Der kalte See beruhigt mich, die Sonnenstrahlen wärmen meine Sinne.

Ich schwimme zurück, ziehe mich auf den Steg, als mir eine Bewegung am gegenüberliegenden Ufer auffällt. Es ist weit weg und schon wieder vorbei. Vermutlich nur ein Tier, versuche ich mich zu beruhigen.

Das Kleid und Buch nehme ich in die Hände. Wenn ich reiten möchte, sollte ich lieber eine knielange Hose anziehen.

Der Fundus enthält alle Größen und so finde ich das Passende für mich. Die alte Kleidung sammle ich ein und wasche sie gründlich. Neben dem Haus ist eine Leine gespannt, wo ich sie aufhängen kann.

Dann widme ich mich dem Rezeptbuch und backe Brot.

Es ist praktisch, dass die Ärmel des Hemdes nur bis zu den Ellenbogen gehen, so bleiben sie sauber.

Nebenbei koche ich mir eine Suppe über dem Feuer. Viel Fleisch ist nicht auf Lager, aber wenn ich sparsam bin, reicht es für etliche gute Brühen.

Kaum wird es dunkler, hole ich das Pferd rein und schließe das Tor, da ich nicht weiß, welche Tiere nachts unterwegs sind.

Das Bett fühlt sich heute so riesig an und ich meine, ich könnte die beiden noch riechen. Meine Freunde, die mich beschützen.

Der Traum ist nur halb beängstigend.

Mein Mann jagt mich über eine Wiese und wird von den beiden aufgehalten. Sie lachen ihn aus, verspotten ihn und heben ihre Schwerter. Er schrumpft zu einer Maus und wuselt davon.

„Du stehst unter meinem Schutz“, sagt Sören ernst.

Völlig entspannt wache ich auf. So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen. Nach dem Frühstück erledige ich alles Notwendige und sattle anschließend das Pferd.

Nur kurz überlege ich, Pfeil und Bogen mitzunehmen, aber ohne Training bringt es mir nichts. Die Axt und das Messer müssen reichen.

In einem weiten Bogen reite ich um den See. Der Wald rauscht in dem leichten Wind. Die Vögel singen ihre Lieder.

Mein Ziel ist der Berg auf der anderen Seite, damit ich über das Land sehen kann.

Ich lasse das Pferd nur langsam gehen, habe es nicht eilig.

Ein Pfad windet sich den Hang empor. Man sieht viele Hufabdrücke.

Der Ausblick ist atemberaubend. Unberührte Natur. Keine Menschen. Nur unendlich weiter Himmel über den Bergen.

Ich sehe zum Haus hinunter und stutze.

Am Ufer unter mir liegt etwas am Wasser. Ein Körper.

Den Abstieg nehme ich vorsichtig auf, immer den Blick auf die Stelle gerichtet. Die Axt in der Hand.

„Hallo? Wer ist da?“, rufe ich immer wieder.

Dann gibt das Schilf den Blick auf den Mann frei.

Ein wahrer Hüne ohne Hemd, nur mit einer kurzen Leinenhose. Er liegt bewegungslos auf dem Bauch, den rechten Arm am Ufer, den linken im Wasser.

„Wer bist du?“, frage ich erneut, aber es kommt keine Reaktion.

Achtsam steige ich ab. Ein paar dunkle Steine neben ihn sind voll mit Fliegen.

Die Angst vor einem Toten steigt in mir auf.

Dann sehe ich, dass er atmet. Schwach, aber sichtbar.

Schlagbereit hebe ich die Axt und berühre ihn.

Sein Stöhnen lässt mich zurückschrecken. Die Hand im Wasser bewegt sich leicht.

Da ich keine Waffen entdecken kann, gehe ich um ihn herum. Das Gesicht ist schmerzhaft verzogen. Seine aufgesprungenen Lippen zucken.

Ich will ihn am Arm herumwälzen. Doch als die Hand aus dem Wasser kommt, schreie ich auf. Ein silberner Jarlsring.

Bei einem Vergleich mit meinen stelle ich etliche Unterschiede fest. Er gehört nicht zu Sören. Nicht zu meiner Sippe. Aber er trägt einen.

Mit viel Anstrengung bekomme ich ihn auf den Rücken. Ein rundes Loch in seinem Unterleib blutet und auf seiner Brust ist ein Mjölnir tätowiert. Er hustet und keucht schmerzvoll auf.

Mit einem Finger tupfe ich Wasser auf seine Lippen. Seine Zunge huscht über die Tropfen. Ich fülle mehr in meine Hand und lasse ihn trinken.

Die Augenlider flattern und dann sieht er mich an. Er zieht den Arm an und hält mir seinen Ring hin.

Daraufhin zeige ich Sörens.

Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht, bevor er erneut hustet.

„Kannst du aufstehen?“

Er sieht mich verwirrt an.

Ich deute auf mein Pferd und dann in Richtung des Hauses.

Das Nicken ist kraftlos, aber er hält mir die Hand hin, damit ich ihm helfen kann.

Ein gurgelnder Laut dringt aus seiner Kehle, während er sich aufsetzt. Er deutet auf den See, dann auf den Mund.

Mit beiden Händen schöpfe ich Wasser und flöße es ihm ein, bis er sie nach dem dritten Mal wegschiebt.

Die Axt stecke ich in den Halter und überlege, wie ich ihn auf das Pferd bekomme.

Er dreht sich auf ein Knie und greift nach meinem Arm. Mit einem Schrei stemmt er sich hoch. Rasch hält er sich an meinen Schultern fest und schwankt. Mit ein paar Schritten erreichen wir das Tier.

Ich mache den Steigbügel länger und helfe ihm beim Aufsteigen. Eilig nehme ich die Zügel und gehe voran.

„Bleib bloß oben“, sage ich daran denkend, dass ich ihn niemals darauf heben könnte.

Es dauert, bis wir endlich ankommen. Er presst mit einer Hand auf das Loch. Zwischendurch höre ich sein schmerzvolles Stöhnen.

Das Absteigen ist für mich grauenvoll, da er einfach herunterfällt. Der Schrei trifft mich hart. Ich stelle das Pferd in den Stall und hole einen Becher Met.

Er lehnt inzwischen an dem Tor. Dankbar nickend trinkt er und gießt etwas auf die Wunde.

„Was ist passiert?“

Seine Antwort verstehe ich nicht, da es eine andere Sprache ist. Er hält mir den Becher hin.

Ich winke ihm, dass er hereinkommen soll.

Wieder stützt er sich auf mir ab und ich bringe ihn zu dem Bett. Erleichtert legt es sich hin. Mit einem Krug fülle ich den Met nach.

Erst nach drei Füllungen beginnt er zu lächeln, zeigt auf sich und sagt: „Igor.“ Ich stelle mich mit Frigg vor, meinem neuen Namen.

Dann versucht er, pantomimisch darzustellen, was passiert ist. Sein Haus wurde beschossen und er konnte mit einem Pferd entkommen. Irgendwo auf dem Weg starb es und er schleppte sich weiter.

Er nimmt meine Hand, zieht den Zeigefinger vor und drückt neben die Wunde. Ich fühle etwas Hartes darin, wahrscheinlich die Kugel.

Igor zeigt auf mich, dann auf die Stelle und legt betend die Hände aneinander. Fassungslos schüttle ich ablehnend den Kopf.

Wieder nimmt er meine Hand und legt sie auf seine warme Stirn.

Ich erkenne, dass er schon Fieber bekommt von der Verletzung.

Er deutet auf den Krug.

Während er trinkt, schießen mir die Tugenden vor die Augen. Mut, Ehre und Gastfreundschaft vor allem.

Es ist meine Pflicht. Wer weiß, wie lange die Rettung brauchen und ob sie ihm überhaupt helfen würde.

Langsam nicke ich und er lächelt.

Rasch sattle ich das Pferd ab und suche Stoffbahnen für den Verband.

Zwischendurch trinke ich auch einen Becher Met, damit die Übelkeit verschwindet und mein Magen sich beruhigt.

Igor ist inzwischen so betrunken, dass seine Bewegungen lahm und unkontrolliert sind.

Dann mache ich mich an die Operation.

Er wird bewusstlos, als ich mit meinem Finger versuche, die Kugel herauszuschieben. So kann ich von außen zusätzlich dagegen drücken.

Endlich springt sie heraus. Ich spüle mit Met die Stelle ab und lege etlichen gefalteten Stoff auf das Loch.

Da er so schwer ist, wickle ich nur einmal den Verband um ihn herum, weil ich nicht mehr Kraft habe. Dabei ziehe ich ihm die dreckige Hose aus.

Eigentlich sollte ich Sören oder Leif informieren, aber ich weiß nicht, wann er wieder aufwacht. Betrunken und mit Fieber kommt er nicht weit, aber vielleicht doch, sodass ich ihn nicht mehr finden kann. So mache ich nur Fotos von ihm, dem Ring und schicke es ohne Netz als Nachricht an meine Freunde. Wenn es ihm besser geht, werde ich sie senden.

Bei den Büchern finde ich eines mit Naturheilmitteln. Nie bleibe ich lange weg, weil das Fieber ihn nicht mehr aufwachen lässt. Ich pflege ihn, flöße Suppe und Tee ein. Wenn mir langweilig ist, übe ich mit einem Schwert.

Nach fünf Tagen wird Igor wach. Er glüht nicht mehr so stark und dreht sich selbst. Endlich kann ich das Fell unter ihm herausnehmen und waschen.

Am nächsten Tag erkläre ich ihm, dass ich telefonieren will.

Seine Augen weiten sich angsterfüllt und er schüttelt ablehnend den Kopf.

Beruhigend lege ich ihm meine Hand auf die Schulter, zeige ihm den goldenen Ring. Da erkennt er, dass ich meinen Jarl informieren möchte und muss.

Das Pferd freut sich, endlich wieder Bewegung zu bekommen. Kaum auf dem Gipfel angekommen, piept mein Handy.

Leif hat mir geschrieben, ob alles in Ordnung ist und ob ich irgendwelche Wünsche habe.

Ich warte, bis meine Nachrichten alle zugestellt sind, und rufe ihn an. Aber er nimmt nicht ab. Dann klingelt das Smartphone. Sören.

„Wieso ist Igor bei dir?“, fragt er direkt ohne Begrüßung.

Weinend erzähle ich. Endlich jemand, der mich versteht, mir zuhört. „Wieso kennst du ihn?“, möchte ich zum Schluss wissen.

„Er ist ein genialer Handwerker und hat die Schnitzereien am Bett gemacht. Sein Dorf ist zwei Tagesritte entfernt. Er ist Tscheche, leider ohne Deutschkenntnisse.“

„Kannst du nachforschen, was passiert ist?“

„Klar, mache ich. Passt bloß auf euch auf. Ich frage mal im Forum, ob jemand früher Zeit hat, damit du Hilfe bekommst.“

„Ach passt schon. Hauptsache, du bringst die Einkaufsliste mit.“

„Bist du dir sicher?“

„Ja.“

„Frigg, du bist eine starke Frau. Du wusstest es bloß noch nicht. Du hast unserer Sippe große Ehre zuteilwerden lassen. Ich bin stolz auf dich.“ Die Worte laufen mir wie das sprichwörtliche Öl hinunter.

„Danke“ hauche ich ergriffen.

„Nein, wir … ich stehe in deiner Schuld. Kannst du dich übermorgen wieder melden? Bis dahin weiß ich bestimmt mehr.“

„Okay, mein Jarl Sören.“

„Mögen die Götter weiterhin über dich wachen, Frigg. Es wird mir eine Ehre sein, dich persönlich auszubilden.“ Er legt auf.

Die Komplimente wirken noch. Bisher hat mich niemand als stark bezeichnet. Ich war eher die Schwache, auf die man prügeln konnte. Und Stolz habe ich niemanden gemacht.

Kurz schreibe ich Leif, dass ich mit Sören gesprochen habe, damit er sich nicht Sorgen macht.

Zufrieden und erleichtert mache ich mich auf den Rückweg.

Jeden Tag geht es dem Gast besser.

Bei dem Anruf konnte Sören mir nicht viel Neues berichten. Nur dass Leif ihn völlig verstört gefragt hatte, was bei mir passiert ist.

Nach drei Tagen schafft Igor es mit meiner Hilfe sogar bis zu dem See. Er zieht die Unterhose aus und geht ins Wasser.

Irgendwie haben die Männer keine Probleme, nackt vor mir herumzulaufen. Ich könnte es nicht, da ich mich für meine Narben schäme.

Er bemüht sich, Wörter zu lernen und bringt mir seine Sprache bei. Es ist nicht viel, aber grundlegendes. Inzwischen kocht er und das sehr schmackhaft. Er scheint schon länger dieses Lagerleben zu kennen.

Früh morgens schleiche ich mich hinaus, ziehe mich auf dem Steg aus und springe ins Wasser.

Der Nebel steht noch leicht über dem See. Die Welt ist so friedlich, beruhigend und still.

Doch das Platschen lässt mich herumfahren.

Igors Kleidung liegt neben meiner und eine Luftblasenspur kommt auf mich zu.

Panisch schwimme ich zurück.

„Warte“ ruft er, muss aber zusehen, wie ich mich aus dem Wasser ziehe, meine Sachen schnappe und ins Haus renne.

Genau das wollte ich vermeiden. Dass jemand meine Vergangenheit sieht. Die Tränen laufen in Strömen.

Ich schließe mich im Bad ein, kaure mich in eine Ecke und weine.

Er klopft an, ruft mich, entschuldigt sich, flucht irgendwas und schlägt dröhnend vor die Wand.

Doch plötzlich ist es still.

Ich höre seine Schritte, die sich entfernen. Dann zwei Pferde wiehern.

Aufgeregte Stimmen.

„Frigg?“ Sörens Stimme dringt leise zu mir nach etlichen Minuten. „Mach bitte auf.“ Er sagt etwas zu Igor in seiner Sprache. „Ich habe ihn weggeschickt. Komm bitte heraus.“

„Moment“ schniefe ich. „Ich muss mich noch anziehen.“

Vorsichtig öffne ich den Riegel und ziehe nur langsam die Tür auf.

Die blauen Augen sehen mich erleichtert an. „Da bin ich wohl gerade im richtigen Augenblick aufgetaucht. Es tut ihm leid, Frigg. Er wusste nicht, was du erlebt hast.“

Ich nicke. „Du verstehst ihn? Wieso?“

Er lacht. „Berufsbedingt im anderen Leben. Komm, er lässt dich in Ruhe.“

Als ich ihm seinen Armring geben will, lacht Sören und zeigt mir seinen Neuen. „Ich werde etwas zur Hierarchie hinzuschreiben müssen, da du einen neuen Status hast. Stellvertreterin, Hausherrin, aber nicht meine Gefährtin. Deshalb trägst du weiterhin beide.“

Beim Frühstück unterhalten sie sich.

Igor erzählt anscheinend, was vorgefallen ist in seinem Dorf und Sören nickt nur oder fragt etwas nach. Dann trete ich wohl in die Geschichte ein, da sie mich kurz ansehen. Zum Schluss bekommt Igor einen roten Kopf und starrt auf den Boden. Er flüstert etwas, eigentlich unsinnig, weil ich es eh nicht verstehe, aber es geht ihm sichtbar nah.

Sören schaut mich erschrocken an und hört ihm weiter zu. Als er antwortet, sieht Igor auf, lächelt leicht und sagt: „Ich warte.“

„Ach, er lernt unsere Sprache?“, fragt mich der Jarl erstaunt.

„Ja und ich ein paar Wörter seiner“, entgegne ich.

„Du musst wissen, dass es hier einige Aussteiger gibt, die sich in entlegenen Tälern eine neue Existenz aufgebaut haben. Völlig autark, manche nach dem alten Glauben, aber trotzdem mit Internet. Daher kenne ich ihn auch, er hat oft Bilder von seinen Arbeiten online gestellt. Also, sein Dorf wurde von Rebellen überfallen. Alle erschossen, Kinder, Frauen, Männer und Tiere. Die Häuser angezündet. Igor war auf der Jagd, als er es hörte. Er versuchte, seiner Sippe Beistand zu geben, aber bevor er etwas unternehmen konnte, traf ihn der Schuss. Sein Pferd ging durch. Mit viel Kraft hielt er sich oben und floh. Eigentlich sind es nur zwei Tagesritte, er brauchte fünf. Da sich das Pferd das Vorderbein gebrochen hat, musste er laufen. Ohne Nahrung, ohne Waffen. Bis er am See zusammengebrochen ist.“

Sören nickt und Igor kniet vor mir nieder.

„Er verdankt dir sein Leben und das zählt in unserem Glauben sehr viel. Seit heute Morgen, bei der für dich beängstigenden Begegnung, hält er dich für eine große Kriegerin, die viele Schlachten gewonnen hat. Denn Narben sind eine Auszeichnung der Stärke und des Mutes. Es wäre ihm eine Ehre, dich in der Kunst des Bogenschießens auszubilden, und er bietet an, dir zu Dienen für seine Rettung.“

Sofort fällt mir das Buch ein über den Glauben, und dass meine Tat so bezahlt werden kann. Wenn ich keinen vernünftigen Gegenvorschlag machen kann, ist sein Angebot gültig.

„Wähle weise“, flüstert Sören.

„Okay“, sage ich, da Igor das Wort auch versteht.

Doch anstatt aufzustehen, dreht er sich zu Sören und redet länger.

Der hört zu, schließt die Augen und denkt nach. Dann hält er ihm seinen Ring hin und Igor küsst es, bevor er aufsteht.

„Wir machen heute Abend die Zeremonie. Er möchte in unsere Sippe aufgenommen werden und hat zusätzlich darum gebeten, dauerhaft hier leben zu dürfen, da er kein Zuhause mehr besitzt.“

„Könntest du mir ein Wörterbuch mitbringen?“, frage ich grinsend.

„Ach. Möchtest du auch hierbleiben?“

„Ich habe auch keine Möglichkeit zurückzugehen. Wenn ich darf, würde ich gerne bleiben.“

„Von mir aus, ich habe nichts dagegen. Nur solltest du seine Worte überdenken und deine Narben als Kampftrophäen ansehen. Sei stolz auf deine Stärke.“ „Noch kann ich es nicht. Es tut mir einfach weh, wenn ich daran denke.“

„Du wirst lernen, den Schmerz in Kraft umzuwandeln. Ich denke, du könntest eine gute Schwertkämpferin werden.“

Kapitel 3

Wir sitzen lange zusammen, sind froh, dass Sören dolmetscht, erklärt und kleine Missverständnisse beseitigt.

Am Nachmittag gehen wir in den Wald, da Igor mir einen passenden Bogen anfertigen will. Bis er einsatzbereit ist, werde ich mit einem anderen lernen.

„Er weiß mehr über Bäume als alle, die ich kenne“, meint Sören. „Du sollst eine Hand auf den Ast legen, die Augen schließen und spüren, ob er vibriert. Falls er ruhig bleibt, ist es das richtige Holz.“

Erst beim achten Baum passiert nichts. Vorher fühlte es sich falsch an und bei einem raschelten sogar die Blätter.

Igor sieht mich staunend an.

„Du stellst ihn auf eine harte Probe, Frigg“, übersetzt Sören. „Das ist eine Kirsche. Sehr schwierig für einen Bogen.“

Er hört zu. „Allerdings ist es sehr selten, dass jemand dieses Holz wählt. Es waren bisher die besten Schützen und er hat die Hoffnung, dass du sie alle übertreffen wirst. Für die Kriegerin gibt er sich besonders viel Mühe.“ „Könntet ihr einfach damit mal aufhören? Ich bin nichts Besonderes“, maule ich genervt.

„Dir fehlt nur Selbstbewusstsein, damit du es erkennst“, wirft er mir wütend entgegen und geht.

Mit ein paar Axthieben hat Igor den Ast abgeschlagen und trägt ihn zum Haus. Verblüfft bleibe ich an dem Baum stehen. Ich kann Mut und Stärke zeigen, wenn jemand in Not ist. Sobald es um mich selbst geht, ist da nur ein schwarzes Loch ohne jede Regung oder Empfindung. Als ob dieser Teil von mir gestorben ist.

Nur langsam gehe ich zum Steg, setze mich. Ich sehe den Wellen zu, denke über mein Leben nach. Die Gefühle starben, als mir die Kinder weggenommen wurden, davor überwiegt der Hass. Selten gab es Momente der Liebe, eigentlich nur für die beiden Kleinen, aber als sie weg waren, zerbrach mein Herz. Ich weiß noch nicht einmal mehr, wie sich das anfühlen sollte.

Die Erinnerung an das Telefonat mit Sören kommt mir in den Sinn. Als er meinte, ich wäre stark, genoss ich es. Meine Narben sind laut Igor äußerliche Zeichen dafür.

In dieser Welt, in diesem Glauben sind es Auszeichnungen.

Eigentlich habe ich meine Kämpfe hinter mir und nun muss ich lernen, mich zu wehren.

Ich zucke zusammen, als ich Sören neben mir sehe.

Das Spiegelbild schwankt leicht.

„Es tut mir leid“, sagt er nur.

„Du hast doch recht.“

„Der Körper heilt immer schnell, aber deine Seele und Herz brauchen länger.“ „Werden sie überhaupt wieder lebendig? Im Moment fühlen sich beide tot an.“ Er setzt sich neben mich. „Sieh mich an.“

Seine Augen strahlen in einem Blau, wie ich es noch nie gesehen habe.

„Ich denke nicht, dass sie tot sind. Du hast sie nur versteckt, damit du nicht dort verletzt wirst. Ein gebrochenes Herz kann repariert werden und die Seele wird auch wieder leuchten, wenn du dein Strahlen findest.“

„Weißt du eigentlich, dass du der einzige Mann bist, der mir Komplimente gemacht hat, ohne mich damit ins Bett zu bekommen zu wollen?“

„Nicht alle sind böse. Es gibt unter uns auch welche, die Frauen respektieren.“ Er lacht und kleine Fältchen ziehen sich neben den Augen.

„Und die Bösen machen so was.“ Ohne groß nachzudenken, ziehe ich das Hemd hoch und drehe ihm meinen Rücken zu.

„Ach du Scheiße“, keucht er entsetzt.

Ich ziehe es aus und die Oberarme schockieren ihn ebenfalls.

„Das ist echt heftig.“

„Und das ist nur die Hälfte“, flüstere ich, stehe auf und lasse die Hosen fallen. Sören zieht scharf die Luft ein, und bevor er etwas sagen kann, hechte ich ins Wasser.

Ich weiß, dass eine Botschaft meines Mannes auf meinem Hinterteil eingebrannt ist. BITCH.

Er hatte mich bewusstlos geschlagen und dann mit einem Lötkolben die Buchstaben gezogen. Und das nur, weil die Pizzeria voll war und ich länger gebraucht hatte, um Essen zu holen.

Kaum tauche ich auf, drehe ich mich um.

Sören steht auf dem Steg. „Darf ich auch?“, ruft er laut.

„Es ist dein See“, lache ich.

„Nicht, dass du wieder wegläufst.“

„Heute nicht mehr.“

„Was ist mit ihm?“ Er zeigt auf das Haus.

„Er sieht nichts neues.“ Schon tauche ich erneut.

Das Wasser ist klar und ich kann fast bis zum Boden sehen. Die Sonne lässt alles in warmen Tönen erscheinen.

Irgendetwas hat sich in mir verändert. Vielleicht, weil ich die Narben endlich mal nicht versteckt habe. Sie als Zeichen meines Kampfes sehe, den ich gewonnen habe, indem ich überlebte.

Beim Luftholen bekomme ich mit, wie die beiden ins Wasser springen. Kreischend wie kleine Kinder.

Igors Narbe ist noch Rot und tief. Es wird ihn lebenslang an den schlimmen Tag erinnern. Trotzdem bittet er Sören um die Aufnahme. Für ihn geht sein Leben weiter, nur in einer anderen Familie. Dort, wo ich auch aufgenommen wurde.

Prustend kommen sie zu mir geschwommen.

„Wenn wir zu nah sind, sag es“, meint Sören.

Ich spritze ihm eine Ladung Wasser entgegen. „Ihr werdet es schon merken.“ Wir erreichen die Mitte des Sees.

„Weißt du, was hier fehlt?“, frage ich keuchend.

„Nee. Sag´s mir.“

„Eine Badeinsel.“

„Geniale Idee.“ Er übersetzt es schnell.

„Igor meint, mit Laternen für die Romantik nachts.“

„Männer kennen dieses Wort?“ Ich drehe um, da mir langsam die Kräfte schwinden.

„Manche wissen, was Frauen mögen.“

„Die sind aber so selten wie Einhörner.“

Kurz darauf lachen die beiden schallend.

„Wenn das Wasser nicht so kalt wäre, … dann wären hier zwei Einhörner.“

Ich werde rot, weil ich die Doppelsinnigkeit begreife. „Lüstling.“

„Man lebt nur einmal und da sollte man auch Spaß haben.“

Ich beiße mir auf die Lippe. Bei dem Thema findet ich keinen Spaßfaktor. Es ist so ein Zwischending von Pflicht und Gewalt. Endlich erreiche ich den Steg und halte mich zitternd am Holz fest.

„Frigg?“, ruft Sören sorgenvoll. „Tut mir leid, wenn ich etwas Falsches gesagt habe.“ Er kommt zu mir und lässt genug Abstand. „Manchmal vergesse ich, aus welcher Hölle du kommst. Aber ich sage es dir gerne nochmals, nicht alle sind so.“

Mit Tränen in den Augen sehe ich ihn an. „Ich weiß nicht …“

„Sprich es aus, damit ich es verstehe.“

„… wie viele Narben …“

Seine Augen werden größer und Entsetzen macht breit.

„… ich dort habe.“

„Was? Wie? Nein, sag es nicht. Schade, dass ich ihn nicht verurteilen kann … nach altem Recht.“

Er zieht sich aus dem Wasser, gibt Igor Bescheid und beide gehen ins Haus. Ich lasse mich absinken und kühle die Augen.

Mein Leben ist ein Trümmerhaufen, wie mein Körper.

In der Waffenkammer nehme ich mir das Kleid aus dem Regal.

Kaum bin ich angezogen, gehe ich hinunter.

Sören legt gerade seinen Umhang um. „Komm, wir machen schnell die Zeremonie und Essen dann.“

Igor erhält den Namen Thorik, weil auch er noch nie einen gewählt hat. So kann unsere Sippe ihn besser verstecken. Seinen alten Jarlsring überreicht er dem neuen Jarl, der ihn an die Stuhllehne hängt, um die Toten zu ehren.

„Frigg? Ich möchte dir ein Angebot machen. Du musst nicht sofort entscheiden und kannst überlegen. Wenn du möchtest, nehme ich dich zu meiner Gefährtin, um dich vor den anderen zu schützen. Aber, und das ist wichtig, ich werde dich niemals zu etwas zwingen, was du nicht möchtest. Ich werde dir den Raum geben, den du brauchst. Allerdings musst du akzeptieren, dass ich meinen Spaß haben werde mit anderen.“

„Danke, ich denke darüber nach. Nett von dir.“ Ich bin vollkommen überrascht von dem Angebot.

„Lasst uns anstoßen. Skal.“

Bei dem Essen bemerke ich mal wieder nicht, wie viel ich getrunken habe. Erst beim Aufstehen.

„Du solltest Met nur noch verdünnt nehmen“, kichert Sören. „Komm, wir bringen dich ins Bett.“

„Aba diesma mehr Platz“, lalle ich nur noch.

„Thorik schläft oben.“

Sie setzen mich ab und ich kippe lachend um. „Luxus.“

Kreisend zeige ich auf Sören. „Du bleibs aba hier.“

„Das ist mein Bett.“

„Gud, hopp rein.“

Thorik winkt, wünscht gute Nacht und geht.

„Danke, dass ich in mein Bett darf.“

„Nett von mir, was?“

Sören zieht sich auf der anderen Seite des Bettes aus, lässt nur die Unterhose an und legt sich unter die Decke.

„Wieso muss ich frieren? Wo ist meine?“

„Es gibt nur die. Soll ich dir eine holen?“

Schnell rolle ich mich zu ihm. „Nee. Bleib hier.“

Er deckt mich zu. „Schlaf gut.“

„Du auch.“

Am Morgen werde ich nur langsam wach. Es fühlt sich komisch an, aber ich liege in Sörens Arm an ihn gekuschelt. Kaum bewege ich mich leicht, hält er mich fester.

Panik kriecht in mir hoch. Ich verkrampfe mich und werde stocksteif.

„Scht, Frigg“ flüstert Sören. „Alles ist gut.“ Er lockert seinen Arm. „Niemand will dir etwas.“

Ruckartig setze ich mich auf und atme tief.

„Ich sollte dich vorwarnen, Thorik muss dich anfassen, um deine Haltung zu korrigieren. Und ich werde nicht da sein, um zu übersetzen.“

„Es fällt mir schwer.“

„Wie viele Jahre hast du in der Hölle gesteckt?“

„Zehn, wobei die letzten sechs die schlimmsten waren.“

„Uff. Du hast das Vertrauen verloren. In alle und dich selbst.“ Kaum ist er aufgestanden, verlässt er den Raum.

Beim Frühstück redet er auf Thorik ein. Ich weiß, dass ich der Grund bin, obwohl ich meinen Namen nicht höre.

„Ich wünschte, ich könnte hierbleiben“, sagt Sören traurig. „Aber noch geht es nicht. Mein Ausstieg muss gut vorbereitet sein. Und außerdem muss ich mich noch um sein Problem kümmern.“

„Welches?“, frage ich verwirrt.

„Er hat keine Papiere mehr, kann sich nicht ausweisen. Es ist alles verbrannt.

Sein Leben, seine Liebe.“

„Er war verheiratet?“

Sören nickt. „Ihr beide habt eine schwere Vergangenheit. Er gibt sich Mitschuld an ihrem Tod, weil er jagen war, anstatt sie zu beschützen.“ Zusammen bereiten wir seine Abreise vor. Ein weiteres Pferd lässt er hier allerdings ohne Sattel, da Thorik keinen benötigt.

„Mögen die Götter euch beschützen“, ruft er uns zu, bevor er im Wald verschwindet.

Zu zweit erledigen wir schnell die Hausarbeiten und dann winkt Thorik mir zu. „Komm.“

In der Waffenkammer stellt er verschieden lange Bögen neben mich, bis er den richtigen gefunden hat. Er reicht mir nur bis zur Nasenspitze. Thorik sucht sich ebenfalls einen, nimmt Pfeile und geht hinaus.

An der langen Seite des Hauses stellt er sich hin, deutet auf die Füße und dreht sie leicht. Nun steckt er die Pfeile bis auf einen in die Erde. Mit seinem linken, ausgestreckten Arm hält er den Bogen, legt ein Pfeil auf die Sehne und zieht. Schwirrend trifft dieser auf das Holz, als er loslässt. Zitternd bleibt er stecken. „Du stehen“, sagt er und sieht mich an.

Es dauert etwas, bis ich die richtige Position habe.

„Bleib.“

Thorik kommt näher und hält mir seine Hand vor die Augen, damit ich den Griff sehe. Mit einer kleinen Berührung legt er meinen Zeigefinger etwas anders. Nun führt er vor, wie der Pfeil aufgelegt und an die Sehne geklemmt wird. Er reicht ihn mir. Genau beobachtet er, wie ich ihn einspannte.

Er dreht meinen linken Arm etwas nach außen, damit der Pfeil besser aufliegt. Dann stellt er sich hinter mir und schiebt mit seinem Bogen die Hand hoch, bis sie waagrecht zum Boden ist.

„Zieh und warte“, weist er an.

Eine Berührung am Ellenbogen lässt mich ihn höher heben.

„Zieh und Pff.“

Der Bogen fängt an zu zittern, als ich ihn noch weiter spanne und dann lasse ich los.

Der Pfeil prallt locker von der Wand ab.

„Falsch Holz“, sagt Igor und deutet auf den Bogen. „Ich Arbeit.“

Ich nehme einen weiteren Pfeil und probiere erneut. Aber das Zittern bleibt und obwohl ich kräftiger ziehe, ist das Ergebnis gleich.

„Nein, du warten. Falsch Holz.“ Er nimmt mir den Bogen ab und geht ins Haus. Mit Werkzeug kommt er zurück. „Ich Arbeit, du …“, sagt er und gibt mir ein Buch.

„Lesen“ helfe ich ihm.

Thorik nickt. „Lesen.“

Ich setze mich so, dass ich ihm dabei unauffällig zusehen kann. Seine Bewegungen sehen gekonnt aus, es wird nicht der Erste sein, den er anfertigt. Eigentlich lese ich keine Seite, ich bin einfach fasziniert von seiner zügigen Arbeit.

Nach einigen Stunden holt er ein Brett und klemmt den Ast zwischen Nägeln ein, damit er gebogen wird. Das Hämmern der Axt schallt durch das Tal.

„Pause“, ruft er zu mir. Nimmt das Gestell und lehnt es an die Wand im Schatten. „Reiten?“

Hörbar klappe ich das Buch zu. „Ja.“

Während ich mich umziehe, macht er die Pferde fertig und wartet, bis ich aufsitze. Erst dann nimmt er den Bogen und einen Köcher, schwingt sich aus dem Stand auf den Rücken und galoppiert an.

Ich folge ihm in den Wald, über einen Hügel in das nächste Tal.

Thorik hebt die Hand und wird langsamer. Mit dem Zeigefinger auf dem Mund streckt er seinen anderen zu dem Bach.

Es dauert etwas, bis ich eine winzige Bewegung wahrnehme, dann erkenne ich ein Reh.

Lautlos rutscht er herunter und schleicht sich an.

Ich höre den Pfeil und den Laut des Tieres, als es zusammenbricht. Erst dann verstehe ich, was passiert ist.

Er hat das Reh getötet. Einfach so. Als ob es das Normalste auf der Welt wäre. Auf der Schulter trägt er es zu mir und wirft es hinter mir auf das Pferd. Mit Lederschnüren bindet er es fest.

„Langsam reiten. Essen lecker.“ Nachdem er seinen Bogen geholt hat, springt er auf und führt mich nach Hause.

Thorik bittet mich um Hilfe, um das Reh zu häuten und zu zerlegen. Er zeigt mir die Handgriffe, lässt mich viel allein machen, damit ich es lerne.

Den Ekel überwinde ich schnell. Hier kann man nicht in den Supermarkt gehen und einkaufen. Wenn man Fleisch haben möchte, muss man den Mut haben, ein Tier zu töten. Allerdings bemerke ich, dass kaum Abfälle gibt. Alles ist verwendbar.

Wir sind viel im Wald. Ich lerne Pflanzen zu erkennen und mithilfe eines Buches die Namen. Thorik zeigt mir seine Welt, die Natur mit allem, was kreucht und fleucht.

Nach einer Woche nimmt er meinen Bogen aus der Halterung und erledigt kleine Restarbeiten. Schleifen und mit Lederbändern den Griff umwickeln. Aus dem Rehdarm hat er die Bogensehne gedreht und getrocknet.

Er hält ihn mir mit beiden Händen entgegen. „Fertig, Frigg. Bitte probieren.“ Der Bogen fühlt sich komplett anders an. Er liegt still in meiner Hand, ist eher eine Verlängerung davon.

Ich stelle mich vor die Wand und muss noch mal die Grundstellung üben.

Erst als Thorik zufrieden ist, reicht er mir einen Pfeil.

Nach einem tiefen Atemzug lege ich ihn auf, spanne und lasse los. Mit einem trockenen Knall bleibt er in der Hauswand stecken.

„Gut Holz du brauchen. Du können gut“ lobt Thorik. Er hängt mir einen Köcher mit Pfeilen um und erklärt mir anschaulich, wie ich aus weiterer Entfernung die gleiche Stelle treffe. Immer drei Schritte und die Hand ein paar Millimeter anheben. Dazu hat er einen Kranz aus Zweigen an die Wand genagelt.

„Augen sehen, Kopf denken.“

Ich nicke, denn ich soll die Entfernung abschätzen und umrechnen.

Nach zwei Tagen fällt es mir leicht, den Kreis zu treffen aus allen Weiten. Dann verlagert er das Training auf das Pferd. Auch da habe ich keine Probleme, ich kann es mit den Knien lenken, damit ich die Hände frei habe.

Wir reiten früh morgens auf den Berg und rufen Sören an. Thorik spricht lange mit ihm, bevor er mir das Handy gibt.

„Hallo Frigg“, sagt er fröhlich. „Ich habe es schon gehört. Deine hervorragende Leistung. Selten hatte er so einen gelehrigen Schüler mit dieser Fähigkeit. Sein Unterricht ist nun zu Ende, er kann dir nichts mehr beibringen. Allerdings besteht er auf eine Abschlussprüfung.“

„Gerne. Was soll ich dafür tun?“

„Drei Aufgaben“, meint er ernst. „Ein Reh, ein Hase und einen Vogel. Allerdings allein ohne seine Anwesenheit. Erst dann darfst du zurück zum Haus. Traust du dir das zu?“

„Ja, mein Jarl Sören“, antworte ich perplex. „Und, ich werde euch nicht enttäuschen.“

„Das will ich doch hoffen. So wie er dich lobt, ist er von deiner Kunst selbst überrascht. Andere brauchen Jahre, was du innerhalb von ein paar Tagen gelernt hast. Oder konntest du es schon vorher?“

„Nein“, sage ich hastig. „Nein, ich habe es erst hier gelernt.“

„Du bist eine geborene Kriegerin. Sei stolz auf dich. Ich freue mich schon auf unser Turnier. Mal sehen, ob du Ragnar besiegen kannst. Er hat bisher jedes Bogenschießen gewonnen. Und der Preis für den Sieg ist ein freier Wunsch. Also denk schon mal nach.“

Ich höre, wie er damit rechnet, dass ich es schaffe. „Mache ich. Wann beginnt die Prüfung?“

„Wenn du ihm das Handy zurückgibst. In vier Tagen bin ich endlich bei euch. Ich hoffe, dass du bis dahin wieder da bist.“