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Da Lukas Ritter den Punk-Rock-Geist seiner Jugend nie recht abgeschüttelt hat, bewahrt er auch in dieser neuen Lebenssituation einen klaren Kopf. So wie er vor Jahren ein erfolgreiches Unternehmen aus dem Boden gestampft und die guten Zeiten mit schicken Essen
und viel Champagner ausgekostet hatte, feiert er auch sein jetziges Jungesellenleben im ungenutzten Wohnwagen eines Freundes mit Bratwürsten und viel Bier.
Mitten in diesem Chaos ruft plötzlich sein Jugendfreund Krächzer an und verwickelt Ritter in abenteuerliche und illegale Geschäfte mit gefälschten Uhren, Finanzbetrügern und ominösen Chinesen. Als wäre dies nicht genug, verliert Lukas Ritter auch noch sein Herz an die verführerische, geheimnisvolle Lea.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2016
INHALT
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ÜBER DEN AUTOR
Martin Wanner, geboren 1964, lebt als Grafiker und Künstler am Zürichsee. Er veröffentlichte bisher das Tagebuch Tagedieb sowie diverse Tonträger mit eigenen Liedern.
ÜBER DAS BUCH
Lukas Ritters Leben steht auf dem Kopf: Wohnwagen statt schickes Apartment, Dosenbier statt Champagner und Bratwürste anstelle von Zürcher Geschnetzeltem. Scheiße! Oder doch nicht?
Der punkig humorvolle Roman über einen liebenswürdigen Mittfünfziger, der durch das Leben, kriminelle Machenschaften und direkt in die Arme einer geheimnisvollen Frau stolpert.
»Wanner zeichnet Ex-Punks und Ganoven mit feinem Humor, ohne sie zu verarschen oder lächerlich zu machen: Ich habe selten so gelacht.«
Dieter Meier
Für Jack
Ritter, Lukas Ritter. Durchgeschüttelt. Alles weg. Na ja, so einiges weg: Lebenspartnerin, die für lange Zeit ziemlich erfolgreiche Firma, eine großzügige Jugendstilwohnung und der langjährige Geschäftspartner. Zu erwähnen ist, dass der Verlust der Lebenspartnerin und des Geschäftspartners eng miteinander verknüpft sind. Die beiden leben seit über einem Jahr, zusammen mit ihrer gemeinsamen Tochter, in Los Angeles.
Da ich es mir nicht länger leisten konnte, meine auf der Intensivstation vor sich hin dämmernde Firma Glücksritter – Agentur für Internetlösungen – künstlich am Leben zu erhalten, und sich die Götter beim Zuflüstern sogenannter Eingebungen, in meinem Fall einer zündenden neuen Geschäftsidee, offensichtlich nicht drängen ließen, war ich zu einschneidenden Veränderungen meiner Lebensumstände gezwungen. Ich trennte mich zu meiner eigenen Überraschung ohne lange zu fackeln von so ziemlich allen materiellen Anhäufungen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, meldete mich auf dem Einwohneramt ab und kündigte meine wunderbare, aber völlig überteuerte Fünf-Zimmer-Wohnung in der Altstadt.
Dass ich trotzdem ein Dach über dem Kopf hatte, verdankte ich meinem Freund Ferdinand Troxler, oder vielmehr seiner um fünfunddreißig Jahre jüngeren Ehefrau Pipapan aus Nonthaburi. Ferdi war der langjährige Hauswart jener (umgenutzten) ehemaligen Waschmaschinenfabrik Sprinkler, in welcher Die Glücksritter Anfang der neunziger Jahre als damals erste Mieter ihre Geschäftsräume bezogen hatten. Dieses Frühjahr ging Ferdinand frühzeitig in Pension, und als ich ihn mit einer Magnumflasche Maienfelder Blauburgunder beehren wollte, traf ich auf eine sichtlich erregte Pipapan.
»Oh Ferdiii, immer Caampiing, immer Zuriseee, jede Wochenendee, jede Sommerferiee. Mag nicht mehr Caampiing, neii, neii, neii!« Sie stellte den guten Ferdinand vor die Wahl: Thailand mit Pipapan oder einsames Campen am Zürisee. Ferdi liebte seinen Wohnwagen über alles, aber ein Leben ohne die quirlige Pipapan wollte er sich doch nicht zumuten. Er befürchtete allerdings, dass sein ungenutzter Wohnwagen bei der Camping-Community Wollishofen ganz schlecht ankommen würde und der Anspruch auf den privilegierten und äußerst begehrten Standplatz in unmittelbarer Ufernähe dadurch längerfristig in Gefahr geraten könnte. Es musste sofort ein Stellvertreter her. Ferdis Freundeskreis schien eher ein Freundeskreislein zu sein, darum fiel seine Wahl auf mich, und wir wurden schnell handelseinig. Für zweitausend Franken in bar hatte ich noch am selben Nachmittag die Schlüssel seines Wohnwagens in der Tasche und war bereit für einen sechsmonatigen Campingurlaub auf dem Zeltplatz Seeblick am linken Zürichseeufer. Beachfront, Gasherd, Mikrowellenofen, praktisch neue Bico-Matratze, 150 Liter fassender Kühlschrank mit ansprechender Ökobilanz, Vorzelt mit allen erdenklichen Extras wie Klappstühlen und Tischen, Gaslaternen und Holzkohle-Kugelgrill. Am 3. Mai hatte ich meine vorübergehende Bleibe bezogen und mich im zwar engen, aber vom handwerklichen Multitalent Ferdinand äußerst praktisch eingerichteten Wohnanhänger sofort eingelebt. Der soziale Abstieg fühlte sich nach einem morgendlichen Bad im erfrischend kühlen See alles andere als übel an und half mir, den Verlust meines geliebten Arbeitslofts in der alten Sprinkler-Fabrik problemlos zu verkraften.
Vor über zwanzig Jahren bezogen wir unsere Büroräume im damals ziemlich verlotterten, ausgedienten Sprinkler-Areal, und ich war dem verwitterten Charme des Backsteinbaus richtiggehend verfallen. Ich liebte alle schwer auf ihren Ursprung zurückführenden Gerüche in den Gängen und Treppenhäusern. Die flackernden, altersschwachen Fluoreszenzröhren und die riesigen, verstaubten leerstehenden Lagerhallen. Mein aus Bayern eingewanderter Partner – und damals noch Freund – Manfred Kreuzer alias Mani wäre auch in einen Neubau gezogen, er machte nie ein Hehl daraus, dass ihm Funktion wichtiger war als Ästhetik oder gar Romantik. Nicht nur in diesem Punkt hatten wir verschiedene Ansichten, aber diese Tatsache war wohl eines der Geheimnisse unserer außerordentlich erfolgreichen Zusammenarbeit. Wir betrieben eine Agentur, welche sich als eine der ersten in der Stadt auf die Gestaltung, Programmierung und Wartung von Internetseiten spezialisierte. Anfänglich nannten wir uns Kreuzritter (Kreuzer und Ritter GmbH). Da wir uns jedoch, in einem Anflug von Größenwahn, dem arabischen Markt nicht verschließen wollten, tauften wir unser Unternehmen kurzerhand inDie Glücksritter um. Der Name war Programm. Wir konnten uns schon bald vor Aufträgen kaum retten und schüchterten unsere Kunden mit Fachausdrücken ein, die wir selber kaum verstanden, um ihnen am nächsten Tag eine horrende Akonto-Rechnung zukommen zu lassen.
Die Besitzerfamilie jenes Fabrikareals, Nachkommen in dritter Generation des Küchengeräte-Pioniers Alfred Sprinkler, spekulierte darauf, das zwei Hektar große Gelände bei der erstbesten Gelegenheit an einen Großinvestor zu verscherbeln, und so waren wir, als erste Mieter der leerstehenden Fertigungshallen und Büros, Teil einer auf Zeit geduldeten Übergangslösung. Zu uns Glücksrittern gesellten sich mit der Zeit ein Kunstmaler, zwei Atemtherapeutinnen, ein Laufbahnberater sowie ein fürchterlich unbegabtes Möbeldesigner-Duo.
Nach ein paar friedlichen, von Toleranz geprägten Jahren inspirierte der damalige Zeitgeist plötzlich auch Treuhänder und Zahntechniker dazu, ihre Erwerbstätigkeiten in solcherlei alten Gemäuern auszuüben. Diese Entwicklung entging den Erben der Kochherd- und Waschmaschinen-Dynastie nicht und ließ sie fix eine neue Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen, welche ihnen bei Vollauslastung des Geländes eine bedeutend größere Rendite als bei dessen Verkauf versprach. So wurden alsbald Trennwände in Fabrikhallen gezogen, Toilettenblöcke eingebaut und Beschriftungskonzepte entwickelt. Die Eingangstür zu unseren Büros, welche dem Trakt C zugewiesen wurden, erhielt einen grünen Anstrich, der mit ein Grund für eine beachtliche Mietzinserhöhung war. Mit der Professionalisierung verabschiedete sich der von mir so geliebte Improvisationsgeist bald.
Es war ein schepperndes Klopfen, das mich weckte. Dünnwandig und blechern, ein ungewohnter, billig anmutender Klang. Durch die schräggestellten Jalousien schoss die Sonne ein paar zickige Strahlen. Das nächste Klopfen war merklich kräftiger. »Ritter, wenn du wieder stehen kannst, kommst du bitte zu mir ins Büro!« – »Was gibts?« – »Einen Satz heiße Ohren.« – »Ist ja gut, ich komm gegen Mittag.« – »Mittag war vor zwei Stunden, Ritter!« Als ich Reto davonstampfen hörte, schälte ich mich aus meiner Koje und stellte mit einer gewissen Genugtuung fest, dass sich der zu befürchtende Monsterkater in einem überschaubaren, mit einem Aspirin zu therapierenden Bereich einzupendeln gedachte. Seit knapp zwei Wochen hauste ich nun auf dem Zeltplatz Seeblick in Ferdis Wohnwagen und musste bereits zum wiederholten Mal beim (mir) durchaus sympathischen Platzwart Reto Gygax antraben. Ich ging davon aus, dass auch mein drittes Aufgebot im Zusammenhang mit disziplinarischen Verfehlungen stand. Es war Mitte Mai, und der See mit seinen knapp 17 Grad eine willkommene Erfrischung für einen strapazierten Körper und verwirrten Geist. Ich schwamm bis zur dritten Boje, stellte mir einen herzinfarktbedingten Ertrinkungstod vor, kraulte mit der Energie des jungen Mark Spitz via Sprungturm zurück und war bereit für meine Zukunft, die mir als Erstes Reto Gygax in den Weg stellte.
Reto war Ende dreißig und startete, zusammen mit seiner Frau Ruth, in die zweite Saison als Platzwart-Ehepaar des Campingplatzes Seeblick. Der liebenswürdige Prolet wohnte, zusammen mit dem braven Ruthli und den noch nicht eingeschulten Kindern Sven und Vanessa, in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung, welche vor ein paar Jahren hinter der Gemeinschaftswaschküche und dem Empfangsbüro angebaut worden war. »Mein Gott, Ritter, was soll das?« – »Was soll was?« – »Dieser Professor Birkmann geht uns allen auf den Geist, aber deshalb pisst man dem Typen doch nicht gleich unters Vorzelt!« – »Reto, jetzt musst du mir helfen.« – »Ruth hat den Berufsfischern wie immer eine Kanne Kaffee zum Steg hinuntergebracht und hat dich gesehen, als du hier hackedicht rumgestolpert bist und dem andern Arschloch ans Rad gepinkelt hast.« – »Was jetzt? Vorzelt oder Rad?« – »Scheißegal Ritter! So was geht hier einfach nicht. Wie alt bist du eigentlich? Meine Güte, du machst dich doch langsam lächerlich.«
Ich hatte allen Grund, Retos Verweis ernst zu nehmen. Im Grunde kam mir sein Tadel sogar gelegen, denn ich hatte absolut nicht vor, mich die kommenden Monate unkontrolliert gehen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Ich wollte meine Auszeit unter anderem dafür nutzen, endlich mal wieder so richtig fit zu werden. Im letzten Herbst hatte ich mit Katia Loretz, mit der ich öfter Sport trieb, den Greifenseelauf absolviert. Die Halbmarathondistanz schafften wir immerhin knapp unter zwei Stunden. So nahm ich mein Training wieder auf und rannte jeden Morgen sechs Kilometer um das Seebecken. Von Wollishofen bis zur Blatterwiese. Dort machte ich ein wenig Gymnastik, um mich danach mit dem Kursschiff zufrieden zu meinem Wohnwagen zurückschaukeln zu lassen. Während dieser glücklichen Morgenstunden konnte ich meine Zukunftssorgen für eine kurzen Augenblick vergessen. Besonders die für meine Begriffe fast schon meditative Ruhe auf der taubefeuchteten Wiese hatte es mir angetan. Eine junge, Yoga praktizierende Frau stach mir dabei besonders ins Auge. Bereits beim Aufwachen freute ich mich auf die flüchtigen Momente, in denen ich mir erlaubte, ihr – mehr oder weniger geschickt – als beiläufig getarnte Blicke zuzuwerfen.
Einige Tage später, die Götter pusteten uns den ersten lauen Frühsommerabend zu, verspürte ich, allen sportlichen Vorsätzen zum Trotz, ein großes inneres Verlangen nach Geselligkeit und einer unbegrenzten Anzahl eiskalter Biere. Also beschloss ich, ein paar hundert Meter stadteinwärts zu marschieren, um dem Kulturzentrum in der Toten Fabrik, einem Hort meiner verschwendeten Jugend, nach vielen Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, einen Besuch abzustatten.
Als ich von der Seestraße in das Fabrikareal abbog, verlangsamte sich mein Gang augenblicklich. Im Zeitlupentempo schlurfte ich durch die Eingangspforte. Wahrscheinlich erhoffte ich mir, dass meine Erinnerungen, im Universum des Hippocampus versteckt, durch diese Entschleunigung eher dazu bereit wären, mir zu helfen, mich in die damalige Zeit zurückzuversetzen. Meine Güte, dreißig Jahre war es schon her, seit ich in einem zugemüllten Raum mit meiner an kulturhistorischer Unbedeutung kaum zu übertreffenden Punkrock-Combo Luki und die Läuse geprobt hatte. Proben für Auftritte, die allesamt im Debakel endeten. Entweder wurden wir von der Bühne gejagt, oder wir waren schon gar nicht mehr imstande, diese zu erklimmen.
Was hätte ich von einem Typen wie mir nur gedacht, hätte ich mich damals in meiner momentanen Erscheinungsform als Frührentner des benachbarten Campingplatzes in das alternative Kulturzentrum schleichen sehen?
Ich beschaffte mir einen großen, mit Lagerbier gefüllten Plastikbecher, setzte mich auf einen Stapel Holzpaletten und verabschiedete mich auf eine Zeitreise, zurück in die unbeschwerten Jahre der vergessenen Luki und die Läuse. Wie der Name verrät, stellte ich so was wie den Bandleader dar. Diese Ehre wurde mir aber nicht etwa aufgrund musikalischen Talents zuteil, sondern vielmehr, weil ich der Initiator dieses Orchesters war und, noch bevor ich eine Gitarre erwarb, den Namen der zu gründenden Kapelle einbrachte. Am Elektrobass versuchte sich mein alter Schulfreund Koni, das geborene Showtalent. Sein Aufstieg in den Rockolymp wurde lediglich auf den Sprossen der Tonleiter gestoppt. Erich drosch auf ein eigenartiges, selbstgebasteltes Schlagzeug ein, das er um sein Heiligtum, ein zur Basstrommel umfunktioniertes Ölfass, drapiert hatte. An die Heimorgel setzten wir Stefan. Er war der Einzige von uns mit einer musikalischen Vorbildung und gab unserem unstrukturierten Krach eine durchaus charmante Note. Da er jedoch auch der Einzige war, der nicht seine ganze Jugend als Punkrocker oder Vertreter einer artverwandten Subkultur verschwendete, war sein bandinternes Standing auf den Rang eines Ergänzungsspielers beschränkt. Ach ja, und da war noch Krächzer. Bürgerlich: Christoph Leutenegger. Der wohl eingefleischteste Punker unter uns. Wegen seiner absoluten Talentfreiheit schaffte er es aber nicht einmal bei uns in die Startformation, und so erfanden wir für ihn den Job des Band-Roadies. Später habe ich jedoch erfahren, dass er sich hinter unserem Rücken immer wieder als unser Manager ausgab.
Das musikalische Ergebnis unserer Proben stieß bei den Künstlerinnen und Künstlern, welche ihre Ateliers in den Fabrikräumen über und neben uns bezogen hatten, nicht auf den unserer Meinung nach angemessenen Respekt. Wiederholt wurden unsere Versuche, wenigstens den designierten Hit Rumpelfutz am Stück durchzudreschen, von aufgebrachten Artisten unterbrochen: »Bei diesem Krach kann ich nicht arbeiten!«
Koni und Erich hatten jedoch eine etwas andere Vorstellung vom Begriff »Arbeit«. Erich machte sich gerade als Karosseriespengler selbstständig, und Koni schmierte acht Stunden am Tag irgendwelche Wände mit Dispersionsfarben an, um sich den Unterhalt seines Chevrolet Camaro leisten zu können.
Obwohl Mitte der achtziger Jahre die Art von »Musik«, die wir zu spielen versuchten, längst aus der Mode war, hielten wir eisern an den berühmten drei Akkorden fest. (Wir hatten weder mit den Leistungssportlern der aufkommenden Hardcore-Bewegung noch mit den jungen Menschen, welche mit Ratten und verlausten Hunden die Fußgängerunterführungen bevölkerten, etwas am Hut.) Wir konnten nix und wollten nix. Außer ein bisschen Spaß haben vielleicht. Und den hatten wir! Den Banalitäten in unseren Texten lag durchaus eine gewisse Ironie zugrunde. Diese wurde von unserem damaligen Umfeld leider höchstens ansatzweise erkannt. Im Fall der Spuntengruppe des der Toten Fabrik angegliederten Alternativ-Restaurants Riegel leider ganz und gar nicht. Für die Küchenbrigade stellten die Amerikaner-Fässer, die unsere Rhythm Section trotz allgemeinem Parkverbot mitten ins Fabrikareal zu rollen pflegte, eine einzige Provokation dar. Die Vertreter der neuen Alternativ-Gastro-Kultur verstanden in solchen Dingen keinen Spaß. Wir mussten ernüchtert erkennen, dass die unserer Zwingli-Stadt eigene »Züri-Tirggel-Marronihüsli«-Spießigkeit auch vor Makrobioten und dem Abwaschkollektiv nicht Halt machte. Am Anfang vom Ende der Freiheit steht meistens ein Verbot. In jenem Fall: »Coca-Cola raus aus dem Riegel!« Das Coca-Cola-Verbot tangierte uns Biersäufer jedoch nur ganz am Rande.
Die allgemeine Aufbruchstimmung des Jahrzehntewechsels war der Positionierung zahlreicher Subkultur-Nischen gewichen. Vom Gothic-Rocker bis zum Psychobilly-Freak, von den Freunden der elektronischen Klangerzeugung bis zur wiederum in diverse Untergruppen aufgesplitterten neuen Heavy-Metal-Bewegung errichteten sich alle ihre eigenen Reservate. Was vor Kurzem noch simpel war (entweder man war Punk oder ein alter Hippie), wurde zusehends kompliziert. Allein die Einhaltung der Kostümvorschriften verhinderte eine befruchtende Durchmischung der Musik- und Lifestyle-Fraktionen. Auf dem Trümmerhaufen des Post-Punks wuchs das Bedürfnis nach reiner, erlösender Unterhaltung. Die Klub- und Ausgehkultur, die nur auf jemanden angewiesen war, der die Schallplatten anderer abspielte, war geboren. Dank flinkem Barpersonal, welches den Wodka-Anteil in den Blutbahnen der Vergnügungswütigen bewirtschaftete, konnte auf jegliche basisdemokratischen Grundsatzdiskussionen verzichtet werden. Der Tanz um sich selbst als kleinster gemeinsamer Nenner obsiegte und verabschiedete den klassischen Rock’n’Roll in die Endlosschleife des inzestuösen Recyclings. Die romantischen Tage der Kulturfabrik waren gezählt, und man konnte nicht einmal jemandem die Schuld dafür geben. Freiheit lässt sich nun mal schwer verwalten, und neben uns Pseudomusikern meldeten auch noch Theaterschaffende, Ausdruckstänzer, Bildhauer, Filmer und weiß der Geier was sonst noch für Figuren ihre Ansprüche und Bedürfnisse an. Es wurde schlicht unmöglich, es allen recht zu machen. Ich war trotzdem nur ungerne bereit, unser Probelokal zu räumen. Schließlich betrachtete ich mich, wenn auch in geringem Ausmaß, als beteiligt an der Eroberung des leerstehenden Areals. Auch Klein Ritterli hatte ein stimmbrüchiges »Mached us äm Staat Gurkesalat!« gekrächzt im hintersten Teil eines Demonstrationszuges, welcher das Missverhältnis der Unterstützungsbeiträge zwischen etablierter und sogenannter alternativer Kultur anprangerte.
Nun, den Staat gab es noch immer, und er war mittlerweile sogar Hauptsponsor des Dorina-Gastro-Dressings, in welchem die Gurken im Riegel-Salatschüsseli ersäuft wurden. Wir begruben Luki und die Läuse. Erich und ich starteten etwas später im Luftschutzkeller eines Geschäftshauses in der Innenstadt eine Wiederbelebungsaktion mit neuer Besatzung. Eine Schallplatte mit der in unseren Augen völlig unterschätzten Pop-Punk-Perle Squirting Queen krönte unser Comeback. In den Gängen des anonymen Bürobunkers roch es nach Javelwasser, WC-Ente und der Brissago des Hauswarts. Ich sehnte mich zurück nach dem einzigartigen Duft-Cocktail aus Bier, Rauch, Schweiß, Pisse, Blut und Tränen, welchen die feuchten Fabrikwände während eisiger Winternächte konservierten, um ihn an lauen Sommerabenden freizusetzen, gefiltert durch unzählige Graffiti-Schichten – dies in einer derart bekömmlichen Dosis, dass ich versucht war, für einen kurzen Moment dem Traum der ewigen Jugend zu erliegen.
Ja, die Tote Fabrik war auch ein bisschen meine Heimat. Nun stand ich also wieder hier, nach all den Jahren, und mein Bierbecher war genauso schnell leer wie damals.
Ich verzog mich ans Ende einer wackeligen Bank direkt am See, zückte mein Notizbuch, steigerte mich innerhalb kürzester Zeit in die Rolle eines Dichters und widmete mich meiner neuesten Leidenschaft.
Menschen
Natürlich sind wir alle gleich
wir sehen nur anders aus
und denken nicht gleichzeitig an Frau Ochsner
machen uns Sorgen
wegen morgen
und dem was nachher kommt
nach den Sorgen und dem Morgen
Dabei lauschte ich mit einem Ohr den Unterhaltungen meiner ständig wechselnden Tischnachbarn, was mich vom Schreiben ganz großer Lyrik ein wenig ablenkte, und so ertappte ich mich dabei, wie ich im Irgendwo zwischen voyeuristischem Genuss und selbstmitleidigem Vergänglichkeitsschmerz nach einer schlüssigen Erklärung suchte, weshalb ich mir das Verweilen auf jener verdammten Bank genau antat, denn ich fühlte mich alles andere als wohl dabei. Um die bösen Geister zu verscheuchen, verließ ich mich auf eine altbewährte Therapiemethode und beschaffte mir den nächsten Plastikbecher voller Lagerbier.
Als ich meinen angestammten Platz ansteuerte, war ein aufgekratzter Haufen von Jungs, die allesamt meine Söhne hätten sein können, hoch konzentriert mit dem Bau einer imponierend großen Haschischzigarette beschäftigt. »Aus lauter Gewohnheit setze ich mich jetzt einfach wieder hierhin, Sportsfreunde!« Einer der verpickelten Teenager rückte widerwillig eine halbe Arschbreite nach rechts. Weder temporäre Stammplätze noch fortgeschrittenes Lebensalter schienen der Bande ein Begriff oder gar Grund zu angemessener Rücksichtnahme zu sein. Ich kritzelte noch ein bisschen was in mein Notizbuch und griff in immer kürzeren Abständen hilfesuchend nach dem Lagerbier. »Hey Jungs, was meint ihr, sollen wir dem Alten auch was abgeben?« – »Was?« – »Ja, darfst mitsaugen, großes Tennis.« Großes Tennis? Vor ein paar Monaten hieß es noch großes Kino. Peinlich anbiedernd röhrte ich: »Großes Curling, her damit!« Ich zog kräftig an der Tüte, ganz so, als würde ich jeden Tag mit solcherlei Verrichtungen starten. Dabei hatte ich schon während der Rekrutenschule diesem Kraut abgeschworen. Ich bedankte mich höflich und wendete mich, aufgesetzt abgeklärt, meinem Notizbuch zu.
Wälzend
Die Nacht ist schwer
wie Doppelrahm auf der Nusstorte
der Schlaf so leicht
wie die Polyesterdecke im Budgetmotel
die Sonne bräunt zurzeit fremde Bäuche
und der Mond hängt blöd wie immer über den Dächern
wir lassen uns etwas Vertrautes vorgaukeln
weil wir nicht wissen wollen
was hinter all den andern Monden behauptet wird
Ich ließ mir meinen neuesten lyrischen Erguss wiederholt auf der Zunge zergehen und befand ihn jedes Mal für noch ein wenig besser. Meine Selbstbeweihräucherung gipfelte in einem fiebrigen Tagtraum, in welchem ich als Stargast des Literaturklubs auftrat.
»Sorry Jungs, ich sollte mir mal kurz die Füße waschen!« Ich peilte, ohne eine Antwort auf mein grenzwertiges Standard-Sprüchlein abzuwarten, die Toilette an, um die letzten zwei Becher Lagerbier zur städtischen Abwasserentsorgung beizusteuern.
Während ich dem Plätschern lauschte, wanderten meine Pupillen über die Wand, die mit Tausenden von Aufklebern und Millionen von Kritzeleien zu einem organisch gewachsenen Gesamtkunstwerk verschmolz, sich aber immer bedrohlicher vor mir auftürmte. Ich scheiterte beim Versuch, die Originalfarbe des Grundanstriches zu ergründen, und tauchte – einem Höhlenforscher gleich – immer tiefer ein. Dass dieses versiffte Gemäuer sich anschickte, ausgerechnet mich auf eine Reise in seine bis dahin geschickt verheimlichte Dreidimensionalität mitzunehmen, war mit größter Wahrscheinlichkeit auf die sich langsam ausbreitende Wirkung des inhalierten Tetrahydrocannabinols zurückzuführen.
Ein vergilbter Sticker sprang mir besonders ins Auge. Er wies auf eine Demonstration vom vierzehnten September neunzehnhundert und irgendwas hin und forderte zur Zerschlagung des Bullenstaates auf. Das Wort »Bullenstaat« faszinierte mich ungemein! Besonders der Buchstabe »B« zog mich magisch an. Weshalb sieht der Buchstabe »B« so aus, wie das »B« eben aussieht? War es nicht erstaunlich, dass ich mir diese Frage noch nie gestellt hatte? Nie! Entsprang die Form des »B« einem Brustkorb? »Bumm, bumm, bumm«, mein Herz begann vor Aufregung deutlich lauter zu pochen. Oder lag es doch eher auf oder besser in der Hand, dass das »B« die Konturen zweier Brüste nachzeichnete? Breasts, boobies, balloons! Ich legte den Kopf auf meine Schulter, um mir die Busenform aus ihrer naturgegebenen, den Gesetzen der Schwerkraft folgenden Perspektive zu begutachten. Während ich mich noch für meine fast schon nobelpreisverdächtige Alphazeichenforschung beglückwünschte, schien mich plötzlich ein innerer Vertrauter warnen zu wollen. Mein geistiges Auge fuhr, mit dem Schwung einer dieser modernen Schwenkarmkameras, ein paar Meter hinter mich und übermittelte meinem fiebrig arbeitenden Hirn ein ebenso bedenkliches wie komisches Bild: Ein Typ, verbogen wie eine Banane, stand beidhändig abgestützt mit heruntergelassenen Hosen vor einem Pissoir-Trog und drückte sich an der vollgeschmierten Wand die Nase platt. Das entblößte Geläut baumelte ratlos hin und her und symbolisierte so was wie eine Alarmglocke, welche vor längerer Zeit den Betrieb eingestellt hatte. Verdammt! Ich brauchte dringend etwas Ablenkung oder besser noch eine Erfrischung. Das charmante grüne Pflänzchen, das mich durch meine verwirrte Pubertät begleitet hatte, war durch hundertfache gentechnisch unterstützte Kreuzungen eine gewalttätige Bestie geworden.
Wild entschlossen bahnte ich mir den Weg Richtung Bootssteg, riss mir die Kleider vom Leib und sprang ins dunkle Nass.
Lukas Ritter schwamm. Vor ein paar Jahren hätte ich noch auf einem Luxusboot die Seen des Mittellandes unsicher machen können. In der Mitte des Sees war ich gezwungen, unter dem Kursschiff Rapperswil–Bürkliplatz hindurchzutauchen. Die auf jener Tiefe vorherrschende, kalte Wasserschicht ließ mich noch klarer denken. Was waren das für unbeschwerte Jahre, und wie schnell gingen sie vorbei. Gestern bestellte ich die CruClassé-Bordeaux im Brioni-Anzug und wurde von den Kellnern der angesagten Restaurants mit Handschlag begrüßt. Heute stelle ich mir die tiefgekühlten Suppen in den Mikrowellenofen. Zusammen mit den Wellen des Kursschiffes ließ ich mich ans Ufer schwemmen und entstieg auf der Höhe des Chinagartens dem See. Ein Tablaspieler empfing mich mit einem virtuos getrommelten Wirbel. Indische Schönheiten, nackt wie ich, fassten mich an den Händen, und wir tanzten uns gemeinsam durch die sieben Chakras ins Gleichgewicht, bis uns der Affengott Hanuman, der das Treiben von einem nahen Ahornbaum herab beobachtete, anerkennend applaudierte.
Tanzen macht hungrig. Ich hechtete zurück ins Wasser und kraulte nonstop seeabwärts in Richtung Bellevueplatz, die Bratwurst vom Sternen-Grill vor dem frisch geschärften geistigen Auge. Auf der Quaibrücke empfing mich das Spiel der Stadtpolizei Zürich mit einer rassigen Version von When the Saints Go Marching In. Der Tourismusdirektor half mir in den Bademantel, und Tina Turner stöckelte mit einer perfekt gegrillten Kalbsbratwurst auf mich zu. You’re Simply the Best, hauchte sie mir ins Ohr. Das Ganze war mir dann doch ein wenig unangenehm. Sicherlich bin ich ein guter Schwimmer, aber der beste? Oder meinte sie mein Talent, mit Delfinen sprechen zu können? Diese warteten bereits ungeduldig auf mich. Hatte ich ihnen doch versprochen, noch in jener Nacht zusammen nach Schmerikon zu tauchen. Ich verabschiedete mich, Luftküsschen verteilend, von den Ehrengästen auf der VIP-Tribüne und gesellte mich mit einem Rückwärtssalto zu meinen sechsunddreißig Schwimmkameraden. Die Delfine klatschten ihre Flossen im Takt zu Yellow Submarine. Mit diesen wunderbar blechernen Klängen wurden wir vom Bullenorchester verabschiedet, während uns der Zürichsee aufs Neue verschluckte.
Klack, klack, klack, »Ritter!« Was will denn Reto schon wieder? »Bist du wach?« – »Nein, im Tiefschlaf. Komm morgen wieder.« Ich wollte mich zur Seite drehen, da stand Reto bereits neben der Bett-Koje. »Wir müssen reden, Lukas.« – »Schon wieder?« – »Ja, mehr denn je!« Ich setzte mich auf und bemerkte, dass ich splitternackt war. »Hoppla, hatte ich noch Besuch gestern?« – »Beinahe! Ruth war kurz davor, den psychiatrischen Notdienst anzurufen.« Ich stieg in ein paar ausgebeulte Unterhosen und versuchte, die Kaffeemaschine in Gang zu bringen. »Sag mal, Lukas, geht es dir eigentlich gut?« – »Ich bin mir noch nicht ganz sicher, hab da irgendwie eine kleine Lücke. Ich glaube, du musst mir helfen.« – »Gegen zehn Uhr gestern Abend fuhr Ruth in Richtung Stadt. Sie wollte an der Tankstelle ein paar Gasflaschen auffüllen, da gabelte sie dich nackt und verwirrt auf der Seestrasse auf. Sie hätten dir die Kleider gestohlen, während du schwimmen warst, sollst du gestottert haben. Zum Glück hatte Ruth die Kinder nicht dabei. Meine Güte, Ritter. Du bist fünfzig! Ich meine, das ist doch irgendwie ein passendes Alter, um langsam erwachsen zu werden. Du weißt, dass ich dich echt gut leiden kann, und ich will auch nicht den Lehrmeister spielen, aber so bist du hier bald nicht mehr tragbar, mein Freund!« Reto gab mir die Hand und versuchte, mich mit ernster Miene zu fixieren. Dann verließ er den Wohnwagen.
Ich schaltete die Kaffeemaschine wieder aus, goss eine Tasse Grüntee auf und begann mir, wie soeben empfohlen, Gedanken zu machen. Gedanken über mich im Allgemeinen und auch darüber, ob ich das falsche Bild von mir, das sich bei Ruth Gygax in den letzten Tagen wahrscheinlich verfestigt hatte, korrigieren sollte. Ich beschloss, es bleiben zu lassen. Beim Gedanken an einen Typen, der den Leuten in die Vorzelte pisst und nackt durch die Straßen irrt, schien mir der Aufwand, die gute Ruth von der Existenz meiner feinfühligen und verantwortungsvollen Seite zu überzeugen, schlicht zu groß.
Es war Ende Mai, und der Spätfrühling, der sich zaghaft anschickte, sein Sommerröcklein zu montieren, brach ein erstes Mal ein: Nieselregen, gefühlte zehn Grad und Nebelschwaden über dem See. In meinem Wohnwagen begann die Feuchtigkeit ihre schwammigen Flossen auszubreiten. Von der nahen Abfallentsorgungsstelle beim Toilettenblock breitete sich ein süßlich-modriger Gestank über die ganze Anlage aus. Was hatte ich noch in der Woche zuvor mit meiner großartigen Lebensqualität herumgeprahlt! Nun schien sich das Blatt bereits gewendet zu haben. Der Elektroofen glühte, aber die Stimmung kühlte rasant ab. Es gab nichts zu tun, außer dem Versuch, mein Leben zu ordnen. Ich schob La Bohème in den CD-Player, schlug eine neue Seite in meinem Notizbuch auf und begann eine größere Auslegeordnung mit der Überschrift: Lukas Ritter, neunundvierzigjährig, Single, mit temporärem Wohnsitz auf dem Campingplatz Seeblick am Zürichsee. Ich teilte das Blatt mit einem senkrechten Strich. Links kritzelte ich ein Plus-, rechts ein Minuszeichen hin und beschloss, zur Aufmunterung mit der Plusseite zu starten.
1. Keinen Ballast, jawohl, keinen Ballast: Ich hatte den größten Teil meines Hab und Gutes verkauft. Die paar wenigen Dinge, von denen ich mich nicht trennen konnte, lagerten in einem Kellerabteil neben Ferdinand Troxlers ehemaliger Werkstatt. Der ganze Rest passte in die zwei Rollkoffer, mit denen ich hier eingecheckt hatte.
2. Unabhängigkeit: Da ich meine Lebenskosten radikal minimierte, sollte ich vorerst über die Runden kommen, ohne meine Pensionskasse anzutasten. Die ganz großen Sprünge konnte ich mir jedoch abschminken. Eine neue Einnahmequelle zu finden, war Teil meines Aufgabenkataloges, den ich im Vorfeld meines »Campingurlaubes« aufgestellt hatte.
3. Hmmm, drittens, also drittens … vielleicht noch was zum zweiten Punkt:
Eine gewisse Unabhängigkeit genoss ich natürlich nicht zuletzt, weil ich keine sozialen Verpflichtungen hatte. Sonja war mit Manfred nach L.A. abgehauen, meine Eltern hatten sich in Ligurien ein Haus gekauft und tauchten nur noch sporadisch unter die Nebeldecke des Mittellandes ab. Meine Schwester Rosmarie lebte mit ihrem Mann und den zwei Töchtern glücklich versorgt in Chur. Also: Ritter war total unabhängig und – alleine. Ich würde nicht gerade sagen einsam, ich hatte ja meine Freunde, aber doch irgendwie alleine. Je länger ich darüber nachdachte, desto überzeugter war ich, dass Punkt zwei eigentlich eher auf die rechte Seite meiner Plus/Minus-Bilanz gehörte. Überhaupt kamen mir trotz größter Anstrengungen keine weiteren Argumente mehr in den Sinn. Um meiner aufkommenden Frustration Einhalt zu gebieten, schritt ich direkt zur Auswertung der Ritterschen Selbstanalyse: »Lukas Ritter war ein dem einschnürenden Ballast materieller Anhäufungen entkommener Freigeist, der akut gefährdet zu sein schien, sich in Richtung eines asozialen Kauzes zu entwickeln.« Mir verging die Lust auf weitere Auseinandersetzungen mit mir selbst. Stattdessen verspürte ich unvermittelt ein dringendes Bedürfnis nach Ablenkung. Eigentlich kannte ich nur zwei Ablenkungsdisziplinen. Saufen und Sport. Bei mir als nicht praktizierendem, unfreiwilligen Protestanten konnte König Alkohol mit seinen Verführungskünsten erst nach vollbrachtem Tagwerk punkten. Es blieb also auch an diesem grauen Morgen nur der Lauf um das Seebecken. Ich schnürte meine Joggingschuhe und rannte los.
Die Sonne ließ die Wolken verdunsten, und meine Stimmung begann sich zaghaft aufzuhellen. Lag doch ein ganzer verpflichtungsfreier Sommer vor mir, und den wollte ich auskosten, wie damals als Knirps, als die Sommerferien noch endlos schienen. Damals, als es noch dieses fantastische Wassereis mit dem Namen Napoli gab und sich die Mütter der Proletenkinder mit Tropenöl einschmierten, um zu glänzen wie marinierte Schweinshälse, wenn sie den ganzen Tag auf ihren Klappbetten neben dem Planschbecken vor sich hin schmorten und in Illustrierten blätterten. Frau Kündig, Frau Eglin und Frau Nyfeler steckten sich dabei die Muratti Doppelfilter im Viertelstundentakt mit dumpfer »Was sein muss, muss sein«-Miene an, die Klein Ritterchen so nachhaltig abstieß, dass er bis heute alles unternimmt, um sich den Umgang mit dieser Sorte Mitmensch sparen zu können.
Mir lag der Duftcocktail aus sonnenschutzfaktorfreier Sonnenmilch, Fußpilz-Desinfektionsmittel, überchlortem Pool-Wasser, zerlaufenem Softeis und verbrauchtem Frittieröl sofort wieder in der Nase. All diese Düfte waren untrennbar mit Freiheit verbunden. Keine Schulaufgaben, Sprünge vom Ein-, Drei- und Fünf-Meter-Turm und ein bisschen später das erste Kribbeln beim verstohlenen Blick auf Bikinis und eng anliegende Badeanzüge. Es waren sorgenfreie Sommertage voller Vorfreude auf die Umsetzung immer konkreter werdender erotischer Träume.
Beim Hafen Enge riss mich die monströse Umhängetasche eines Velokuriers aus meinen Tagträumen. Dieses glatzköpfige, über und über tätowierte Arschloch zwängte sich zwischen mir und einer Mutter mit Zwillingskinderwagen hindurch und rammte mir seinen schwer beladenen Beutel in die Nieren. »Blöder Idiot, pass doch auf!«, schrie ich ihm hinterher. Natürlich vergeblich. In seinen riesigen, gepiercten Segelohren steckten Kopfhörerknöpfe. Wahrscheinlich untermalte er seine gehetzte Fahrt von A nach B mit Minimal-Electro-Gepiepse oder ähnlichem Müll. Ich weiß nicht mehr, ob es der Zwillingskinderwagen war, der mich zurück in meine bereits verdrängte Lebenssituationsanalyse schleuderte. Jedenfalls traf mich Punkt zwei meiner Aufstellung, also als kinder- und dementsprechend familienloser Einzelgänger alt und gebrechlich zu werden, leicht verzögert, aber mit voller Härte. Die komplette Befreiung von Verpflichtungen: keine Kindergeburtstage, keine Ferien während der Schulferien, keine Elternabende, keine Nachwuchsfußballspiele, keine Klavierstunden, keine Nachhilfestunden und keine Gutenachtgeschichten. Mochte auf den ersten Blick zwar verlockend klingen, konnte aber auch der tragische Ursprung eines entsozialisierten, sich zwischen Selbstüberschätzung und Selbstbemitleidung einpendelnden Daseins sein.
Auf Höhe der Badeanstalt Utoquai hatte ich den unflätigen Velokurier sowiedie Folgen ausbleibender Fortpflanzung fürs Erste verarbeitet und zog einen Sprint in Richtung Blatterwiese an. Schwer keuchend, aber zufrieden durchriss ich dort das imaginäre Zielband, ballte die Becker-Faust und zischte ein trotziges »Yes« über den See in Richtung Wollishofen. Für einen kurzen Moment spielte ich mit dem Gedanken, auf einen Marathon hin zu trainieren. Als ich wieder bei Sinnen war und mein Pulsschlag auf einer normalen Frequenz zu arbeiten begann, fühlte ich mich plötzlich beobachtet. Übertrieben langsam drehte ich mich um die eigene Achse. Ziemlich genau bei der Hälfte meiner Umdrehung leuchteten die roten Haare jener athletischen, jungen Yoga praktizierenden Frau auf, die mir seit Tagen die Morgenstunden versüßte. Anmutig und elegant wechselte sie von der Brett-Positionin den Down Dog. Theatralisch ließ ich mich auf die Wiese sinken und musste feststellen, dass diese nach den ausgiebigen Regengüssen der letzten Tage reichlich aufgeweicht war. »Verdammt, Ritter, jetzt nur nicht in eine falsche Hektik verfallen!« Die Unbekannte sollte denken, mich brächten solche Nebensächlichkeiten nicht aus der Ruhe. Es könnte ja sein, dass ich in selbstgeschaufelten Iglus übernachtete, gegrillte Kakerlaken vertilgte und immer mal wieder die Saharawüste durchwanderte. Ich richtete mich langsam auf und begann, unauffällig in ihre Richtung blickend, an meinen Turnschuhen herumzunesteln. Mit dem Rücken zu mir rollte sie ihre Yogamatte ein. Dann drehte sie sich plötzlich, die Matte unter einen Arm geklemmt, um und lachte mir direkt ins Gesicht. Sie deutete mit ihrem Zeigefinger auf mich und mit dem Daumen der anderen Hand in Richtung Mars oder Neptun. Herrgott, wie durfte ich diese Gebärdensprache deuten? Mir fiel nichts Gescheiteres ein, als ihr mit einer hilflosen Geste zuzuwinken. Das muss etwa so gewirkt haben wie ein dementer Opa, der ein kreischendes Baby zu beruhigen versucht. Lady Yoga zog die Augenbrauen hoch, legte den Kopf leicht in den Nacken, und ihre Lippen umspielte ein Lächeln, bei dem ich eine leicht spöttische Note nicht restlos ausschließen konnte. Dann verschwand sie. Ernüchtert setzte ich mich auf eine Parkbank und versuchte, das Geheimnis des aufgerichteten Daumens zu lüften. Meine Bierwampe hatte ich auf einen vertretbaren Umfang abtrainiert. Weshalb sollte sie mich jedoch für diese Leistung loben? Ich senkte meinen Blick auf die Problemzone und stellte zufrieden fest, dass sich das ausgewaschene Ramones-Logo auf meinem T-Shirt tatsächlich nur minimal verzog. Ramones? Verdammter Blödmann, Miss Sonnengruß gratulierte mir zu meinem »Gabba Gabba Hey«-Statement! Hatten die Götter für Lukas Ritter doch noch eine Idealfrau auf Erden geschickt? In Hollywoodfilmen hängen sich Typen in solchen Fällen sofort an die Fersen der Unbekannten, verwickeln sie in Gespräche, kritzeln Handynummern auf Kaffeebecher, führen Rückwärtssaltos vor oder besingen kniend die Liebe auf den ersten Blick.
Ich jedoch blieb wie festgeschraubt sitzen und rekapitulierte mein Liebesleben der letzten zwanzig Jahre. Fünfzehn Jahre davon teilte ich mit Sonja. Es war für uns beide die erste wirklich ernst gemeinte Beziehung mit gemeinsamen Möbeln, Versicherungen und all dem ganzen Kram. Sonja war ein gescheites und strenges Mädchen, das sich nie richtig mit meiner Sprunghaftigkeit und dem latenten Hang zur Schlampigkeit abfinden konnte. Der Vorwurf der Oberflächlichkeit lag deshalb stets in der Luft. Viele Jahre versuchte ich ihr klarzumachen, dass die Tatsache, dass mir einfach kein Lebensweg als abschließend und unumstößlich richtig erschien, mich daran hinderte, die von ihr verlangte Zielstrebigkeit an den Tag legen zu können. Eigentlich war unsere Zweisamkeit ein einziges Missverständnis. Am schlimmsten waren die sonntäglichen Besuche bei ihren Eltern. Sonjas Vater, Ruedi F. Huber, war die fleischgewordene Überheblichkeit. Eine durch und durch unangenehme Person, die sich bei einer Versicherungsanstalt vom KV-Lehrling bis zum Mitglied des Verwaltungsrates hochgekämpft hatte und, als der Laden an einen französischen Großkonzern verscherbelt wurde, kräftig mitkassierte. Seine Monologe, am äußersten rechten Rand der Politskala angesiedelt, waren nur mit viel Alkohol zu ertragen. Sonja, eine stramme Wählerin der Sozialdemokraten, ließ, zu meiner wachsenden Verärgerung, trotzdem zu keinem Zeitpunkt auch nur die kleinste kritische Bemerkung zum ehrenwerten Papa zu. Hoch anrechnen musste ich ihr allerdings ihre Unterstützung beim Aufbau unserer Agentur Die Glücksritter. Sonja bewahrte uns vor diversen strategischen Fehlentscheidungen und bot dem »Brachialverkäufer« Mani noch die Stirn, als ich bereits eingeknickt war. Umso verwirrender war es für mich, als sie letztes Frühjahr aus Santa Monica anrief, um mir mitzuteilen, dass sie mit Mani in dem Haus, das ihr lieber Papi einst als Fluchtpunkt gekauft hatte – »Amerika wird das letzte freie Land auf Erden sein, merk dir das gut, Lukas!« –, neu anzufangen gedenke. Dass Mani perfekt lügen konnte, war mir stets bewusst und viele Jahre auch sehr recht. Mit seiner Münchner Riesenschnauze verkaufte er Internetlösungen zu Wucherpreisen, die wir von indischen Studenten gegen geizige Pauschalzahlungen zusammenschustern ließen. Mir war nicht immer wohl dabei, und Sonja fand es eine Schweinerei, aber spätestens bei der korrekten Aufteilung des Reingewinnes verstummte unsere Kritik. Jedenfalls lebten die beiden nun in L.A., und Sonja gebar im stolzen Alter von einundvierzig Jahren Töchterchen Cécile. Natürlich war ich eifersüchtig, fühlte mich verraten und verarscht. Wer stellt sich schon gerne seinen Geschäftspartner mit der Frau vor, neben der man all die Jahre aufgewacht ist? Meine selbstmitleidige Trauerphase war jedoch von kurzer Dauer. Zum einen war ich den Vollidioten Ruedi F. los, und zum anderen hatte unserer Beziehung schon lange die Erotik gefehlt. Für spontane Schweinereien war Sonja selten empfänglich. Mit meiner guten Freundin, der Marketingfachfrau Katia Loretz, hatte ich deshalb seit Jahren regelmäßige »Meetings« der angenehmen Art. Wir zogen zusammen um die Häuser und landeten in der Regel in ihrer gepflegten Altbauwohnung, aus der ich spätestens im Morgengrauen zu verschwinden hatte, so die Abmachung. Katia bestand darauf, alleine aufzuwachen. Ihre freche, ein bisschen burschikose Art war mir wesentlich näher als die verkrampfte Ernsthaftigkeit von Sonja. Hätten wir uns jemals verliebt, wäre vielleicht etwas aus uns beiden geworden, aber Katia war irgendwie nicht der Beziehungstyp. Zudem war mir stets klar, dass ich nicht der Einzige war, der sie spätnachts nach Hause begleitete.
Am Nachmittag, ich war gerade damit beschäftigt, ein paar neue Gedichte ins Reine zu tippen, winkte mich Reto zu sich ins Verwaltungsbüro. Ich ahnte Böses, doch es kam anders – im Nachhinein sogar schlimmer als befürchtet. »Ritter, Telefon für dich. Ein gewisser Herr Leutenberger oder -egger.«
»Hey Alter, alles klar? Ich muss dich dringend sehen, ich habe ein größeres Projekt, das wir besprechen sollten.«
Christoph Leutenegger alias »Krächzer« drängte sich ungefragt in mein Leben zurück. Vor drei Jahrzehnten spielte sich der Kerl als Manager von Luki und die Läuse auf, seither hatten wir uns nur noch sporadisch getroffen. Das letzte Mal vor neun Jahren, an Erichs vierzigstem Geburtstag, auf dem unsäglichen Waldhüttenfest im Säuliamt. Die abgelaufenen Kalbsbratwürste, die der von jeher als Geizhals verschriene Krächzer zur allgemeinen Überraschung offerierte, erinnerten die Gäste noch lange Zeit an jene Trauerfeier.
