Timeguardian.de - Anna-Maria Reichel - E-Book

Timeguardian.de E-Book

Anna-Maria Reichel

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Beschreibung

Suzans Leben wird durch einen Verkehrsunfall auf den Kopf gestellt. Sie liegt auf der Intensivstation des Staten Island Hospital in New York im Koma. An der Schwelle zum Tod begegnet sie ihrer geliebten Großmutter und erfährt, dass es zwischen Himmel und Erde weit mehr gibt, als sie bisher ahnte. Sie wird sich ihrer ganz besonderen Fähigkeiten bewusst und muss sich endlich einer weit zurückliegenden Vergangenheit stellen. Der Zeitreiseroman erzählt nicht nur die authentische Familiengeschichte deutscher, irischer und italienischer Amerika-Einwanderer, sondern auch von dem geheimnisvollen Band zwischen Großeltern und Enkelkindern.

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Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über die Autorin:

Anna-Maria Reichel ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder. Sie lebt und arbeitet in Regensburg. Die Diplompädagogin ist seit vielen Jahren als Business Coach in der Unternehmensberatung tätig.

Das Schreiben ist für sie eine Herzensangelegenheit. Ihre Geschichten findet sie auf Reisen und beim Eintauchen in die Historie von Land und Leuten.

www.timeguardian.de

FANTASY– MAGISCHER REALISMUS

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

– 1 –

NEW YORK, 26. JULI 2048 – SIDNEY, 26. MÄRZ 2018

Als Sofia auf die Terrasse ihrer Penthaus-Wohnung hinausging, hörte sie das leise Klingen des Home Communicators. Es zeigte ihr an, dass es jetzt Mitternacht war.

Bruce kam mit zwei Gläsern Champagner auf sie zu. Sie ging ihm entgegen und er reichte ihr ein Glas: „Happy Birthday, Liebes!" Die Gläser klirrten leise beim Anstoßen während im Hintergrund gerade die Musik wechselte. Dann kam ihr Lied! „A Sky Full of Stars". Bruce ergriff ihre Hände, sah ihr tief in die Augen und begann mit ihr zu swingen. Ein kurzer Schwindel, und im nächsten Moment veränderte sich alles um sie herum.

Sie sah sich um. Alles war genau wie damals. Es war helllichter Tag. Sie befand sich nicht in New York, sondern in Australien. Genauer gesagt in Sidney. Ein unglaublich gutaussehender Mann strahlte sie mit einem unwiderstehlichen Lächeln an, streckte ihr seine Hand entgegen und zog sie tanzend aus dem Pub hinaus auf die Straße. Das war Bruce! Aber es war nicht Juli 2048, sondern März 2018. Genau in diesem Moment hatten sich beide unsterblich ineinander verliebt.

Aber dies alles war bereits vor dreißig Jahren passiert! Wie war das möglich? Verwirrt und doch so stark von dem Wunsch in den Bann gezogen, diesen wunderbaren Moment noch einmal zu spüren und zu erleben, ließ sie einfach alles geschehen.

Es war ganz genau wie damals. Das musste ein Traum sein, ging es ihr durch den Kopf. Aber ein unglaublich schöner

Traum! Der Lead-Sänger von Coldplay, Chris Martin, kam mit seiner Gitarre und einer Trommel auf dem Rücken um die Ecke und sang „A Sky Full of Stars". Sofia und Bruce folgten dem Sänger tanzend mit vielen anderen Menschen durch die Straßen. Sie stießen auf die weiteren drei Bandmitglieder, die ebenso mit Musikinstrumenten ausgestattet waren, und zogen mit ihnen gemeinsam zu dem Platz, an dem das Konzert der Band stattfand. Unzählige weiße Konfettischmetterlinge flogen durch die Luft.

Das ist einfach unglaublich, ging es ihr durch den Kopf. Dann küsste Bruce sie.

Erst als die Musik endete und Bruce sie frei gab, befand sie sich wieder auf ihrer Dachterrasse in New York im Jahre 2048. Kopfschüttelnd, aber mit einem glücklichen Lächeln meinte sie zu Bruce: „Das müssen die Hormone sein, mein Schatz. Ich habe mich vollkommen zurückversetzt gefühlt nach damals, als wir uns in Sidney kennengelernt haben."

Bruce zog sie erneut an sich. „Mir ging es genauso, Liebling! Das war einfach fantastisch! Wir sollten Coldplay wieder öfter hören. Was meinst du?"

„Das sollten wir", erwiderte Sofia, noch immer etwas verwirrt.

Am darauffolgenden Nachmittag ging Sofia auf die Dachterrasse und beobachtete das Treiben unten auf den Straßen. Sie war bereits fertig für ihre große Feier und hatte noch ein wenig Zeit, bis sie abgeholt wurde. Bruce war schon vorgefahren, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Der laue Wind hier oben war angenehm. Sie ließ ihre Gedanken schweifen und dachte an den Tanz mit ihrem Mann am vergangenen Abend. An die Bilder und an das Gefühl, das sie dabei empfunden hatte. Es war so real gewesen, als hätte sie alles wirklich noch einmal erlebt. Dann schüttelte sie den Kopf und tat es als Hirngespinst ab. Noch ahnte sie nichts von den wundersamen Fähigkeiten, die fünfunddreißig Jahre inihr geschlummert hatten und über die sie schon bald wieder verfügen würde.

Sofias Home Communicator meldete einen Boten, der etwas für sie abzugeben hatte. Die freundliche Stimme fragte, ob sie den Boten empfangen wolle. Sofia bejahte und ging zurück in den Salon. Die Aufzugstür öffnete sich und Charles, der androide Portier, grüßte Sofia und trug dann zusammen mit dem Boten eine Truhe in den Salon.

Noch so eine geheimnisvolle Sendung, dachte sie. Erst heute Morgen hatte sie ein kleines Paket erhalten. Es stand kein Absender darauf, noch war eine Notiz enthalten, die auf den Schenkenden hingewiesen hätte. Der kleine Gegenstand, der darin enthalten war, war hübsch anzuschauen, aber sie wusste nichts damit anzufangen. Und nun das.

Sofia blieb nachdenklich vor der alten weißen Truhe stehen, um die eine pinke Schleife gebunden war. Woher kam sie? Wer hatte ihr diese Truhe geschickt? War das nicht die alte Truhe ihrer Großmutter?, fragte sie sich. Ja, das musste sie sein.

Charles verabschiedete sich und gab dem Boten mit einer Geste zu verstehen, die Wohnung wieder zu verlassen. Der Bote zog einen Brief aus seiner Brusttasche und übergab ihn Sofia, wobei er leise flüsterte: „Welcome back, little Sofia!" Er lächelte sie einen Moment lang an und verschwand daraufhin mit dem Portier im Aufzug.

Wie hatte er sie genannt – little Sofia? Irgendwie war es seltsam und doch auch vertraut. Wer war dieser Bote? Ihr Blick fiel auf die Truhe. All die Jahre hatte sie sich auf dem Speicher im Haus auf Shelter Island befunden. Nun stand sie plötzlich vor ihr. Hier in ihrer Stadtwohnung! Sie legte die Hand auf den Deckel und im nächsten Moment erinnerte sie sich an die geheimnisvollen Worte ihrer Großmutter. Es war kurz vor ihrem Tod gewesen. Sofia hatte beobachtet, wie sie ein Buch in die Truhe gelegt hatte.

„Eines Tages, mein Liebling, an Deinem sechzigsten Geburtstag, wirst du diese Truhe öffnen. In ihr befinden sich einige mir sehr wertvolle Gegenstände und meine Notizbücher."

„Warum soll ich sie erst öffnen, wenn ich sechzig Jahre alt bin?", hatte sie gefragt.

„Das ist mein Geheimnis. Heute könntest du damit noch nichts anfangen, mein Liebling. Aber an deinem sechzigsten Geburtstag wirst du alles verstehen. Vertraust du mir, Sofia?"

„Aber natürlich, Granny", hatte sie verwundert geantwortet.

Und da stand die Truhe nun vor ihr.

Auf der Truhe lag ein Brief, darauf stand: „Für Sofia, meine geliebte Enkeltochter, zu ihrem sechzigsten Geburtstag."

Sie nahm den Brief aus dem Umschlag und begann zu lesen.

Meine geliebte Sofia,

wenn Du diese Zeilen liest, bin ich schon lange nicht mehr am Leben. Doch die Liebe verbindet uns und das warme Gefühl der Geborgenheit, das Eltern, Großeltern, Geschwister, ja ganze Familien zusammenhält. Genau das ist es, was uns unsterblich macht. Ich gebe zu, Familie kann leider für manche Menschen die Hölle sein. Aber das ist ein anderes Thema. Dank göttlicher Fügung hat in unserer Familie die Liebe immer wieder unser Leben geleitet. Erinnerst Du Dich an den Tag, an dem ich Dir gesagt habe, dass Du an Deinem sechzigsten Geburtstag eine besondere Nachricht bekommen wirst? Du hast mich damals etwas skeptisch angelächelt und mich gefragt, woher ich das wüsste. Das sei mein Geheimnis, habe ich Dir gesagt. Heute ist dieser besondere Tag für Dich gekommen.

Heute trittst Du, wie alle Time Guardians nach fünfunddreißig Jahren Auszeit, wieder in den Kreis der Auserwählten ein.

Sofia ließ den Brief sinken. „Time Guardian", überlegte sie. Sie spürte ein heißes Kribbeln in ihrem Herzen. Ein Glücksgefühl erfüllte sie, als wäre sie eine frisch verliebte Siebzehnjährige. Woher kam das? Sofia fühlte eine Energie in sich wie schon lange nicht mehr. Sie wusste nicht genau warum, aber es musste mit den seltsamen Zeilen ihrer Großmutter zusammenhängen. Und doch war ihr unerklärlicherweise plötzlich klar, sie war ein Time Guardian! Es war verrückt. Noch wusste sie nicht genau, was das alles bedeutete. Doch sie würde es erfahren. Dessen war sie sich sicher. Sie nahm den Brief wieder hoch und las weiter.

„Im Laufe des Tages werden Erinnerungen in Dir wach werden. Ebenso werden Gegenstände, die sich in der Truhe befinden, Dein Gedächtnis auffrischen. Auch ich war eine Time Guardian.

Ich verlor jedoch mein Wissen darüber. Nicht wegen der Auszeit, die jeder Time Guardian durchläuft, sondern aufgrund anderer Umstände. Als ich es durch Hilfe eines Freundes langsam wiedergewann, begann ich Notizen zu machen, für alle Time-Guardian-Generationen unserer Familie, die mir nachfolgen werden. In der Truhe findest Du meine Notizbücher. Mit Hilfe der Bücher kannst Du in die Zeiten reisen, die ich alleine oder mit anderen, aber auch mit Dir als Junior Time Guardian erlebt habe.

Beginne mit Buch EINS.

In Liebe, Deine Granny

Sofia drehte den Schlüssel um, der bereits im Schloss steckte. Mit einem Klick hob sich langsam der Deckel. Ganz obenauf lag ein Buch, auf dem EINS stand. Sie blätterte darin, doch nur auf ersten Seite stand ein kurzer Satz: „Halona und die Vogelfeder". Die restlichen Seiten waren leer. Sofia war irritiert und wollte das Buch schon zuschlagen. Doch sie hatte ihre ganze Handfläche für einen kurzen Augenblick auf dieser Seite ruhen lassen und im nächsten Moment war sie schon eingetaucht in die Erlebnisse von Suzan Montgommery, ihrer Großmutter.

– 2 –

STATEN ISLAND, 1985/86

Es war ein milder Herbstmorgen und Suzan Montgommery ging mit einem Kaffeebecher in der Hand durch ihren Garten. Als sie die Tasse zum Mund führte, schwebte vor ihr eine blaugrün schimmernde Vogelfeder herab. Sie dachte an Halonas Geschichte.

Halona hatte indianische Wurzeln und war Suzans beste Freundin. Sie hatte Suzan einmal erzählt, wenn sie sich etwas wirklich Wichtiges wünsche, dann schreibe sie ihren Wunsch an den großen Manitu auf Papier, rolle das Blatt zusammen, binde eine Vogelfeder daran und werfe beides zusammen in den Hudson River. Dieser Fluss wurde von den Muhhekunneuw, ihren Urahnen, „Mahicannituck" genannt, „das Wasser, das immer fließt". Er besäße magische Kräfte, erklärte Halona. Sie war vollkommen überzeugt von der Methode, denn auf diese Weise hatte sie ihren Mann bekommen.

Nachdenklich hob Suzan die Feder auf, drehte sie hin und her und dachte an ihre Tochter und ihren Sohn, die nun erwachsen und verheiratet waren. Sie wusste, dass beide sich sehnlichst Nachwuchs wünschten. Doch irgendwie klappte es bei beiden jungen Paaren nicht. In einer spontanen Eingebung entschied sie sich, diesen Wunsch für ihre Kinder zu Papier zu bringen.

Wenig später warf sie den Brief, mit der Vogelfeder zusammengebunden, in den Fluss.

Ob nun Manitu dazu beigetragen hatte oder nicht, kaum ein halbes Jahr später geschah nicht nur ein, sondern es geschahen gleich zwei Wunder. Denn nicht nur Suzans Tochter Emily, sondern auch ihre Schwiegertochter Lilly wurde schwanger. Glücklich überbrachten die Kinder die frohe Botschaft Suzan und ihrem Ehemann Jack. Alle waren vor Freude ganz aus dem Häuschen.

„Bis später, Liebling", verabschiedete sich Suzan von ihrem Mann und machte sich auf den Weg, um einkaufen zu fahren. Geplant war eigentlich gewesen, dass sie mit Jack zusammen fuhr. Heute war Samstag, Jack musste nicht zur Arbeit und hätte Suzan zu ihren Einkäufen begleiten können. Doch so gerne sie Jack um sich hatte, manche Dinge erledigte sie lieber alleine. Dann musste sie sich auch nicht mit seinen seltsamen Kommentaren herumschlagen, die er gerne zu ihren Einkäufen machte. Außerdem war er heute Morgen schlecht gelaunt, wie es in den vergangenen Monaten immer häufiger vorgekommen war. Als sie ihn gefragt hatte, was der Grund für seine schlechte Laune sei, meinte er nur: „Ich bin nicht schlecht gelaunt. Ich bin nur in Gedanken. Aber wenn du mich noch öfter darauf ansprichst, dann werde ich es wirklich."

So hatte Suzan Jack schließlich vorgeschlagen, die Einkäufe allein zu erledigen. Er war einverstanden gewesen.

Irgendetwas belastet ihn, ging es Suzan durch den Kopf, als sie das Haus verließ. Es war zu wenig Zeit, um jetzt weiter mit ihm darüber zu diskutieren. Sie wollte los, sonst würde sie noch in den üblichen Stau geraten. Außerdem wollte sie auf dem Weg noch kurz bei Halona, ihrer Freundin vorbeischauen, deren Haus auf dem Weg lag. Halona hatte eine kleine Gärtnerei, in der Suzan einmal die Woche aushalf.

Als Suzan Halonas Laden betrat, stand ihre Freundin gerade hinter der Theke und kassierte bei einer Kundin ab. Nachdem sie fertig war, kam sie auf Suzan zu und umarmte sie. „Schön, dass du vorbeischaust. Magst du einen Tee?"

„Gerne, aber ich habe nicht viel Zeit. Meine Einkaufsliste ist ziemlich lang."

„Hey, was ist los mit dir? Du machst so einen geknickten Eindruck."

„Jack war heute beim Frühstück so schlecht drauf. Anscheinend habe ich mich anstecken lassen. Er ist in letzter Zeit häufig schlechter Stimmung. Wenn ich ihn darauf anspreche und frage, was ihn bedrückt, meint er, ich würde mir das nur einbilden. Das ärgert mich!"

„Suzan, Schatz, du kannst dich den ganzen Tag ärgern – aber du bist nicht dazu verpflichtet!"

„Ich will mich gar nicht ärgern. Aber irgendwie zieht mich das auch runter. Vor allem, weil Jack es nicht zugibt. Er müsste sich mal selbst im Spiegel sehen, wenn er mir so gegenübersitzt."

„Du und ich sind auch nicht alle Tage gut drauf."

„Mal einen Tag, ja, das lasse ich mir noch eingehen. Aber seine schlechte Stimmung zieht sich schon ziemlich lange hin."

„Vielleicht steht er irgendwie unter Druck und weiß nur nicht, wie er mit dir darüber reden kann."

„Er kennt mich und weiß, dass er mir alles sagen kann."

„Wirklich alles? Bist du dir da hundertprozentig sicher?"

„Doch, er könnte mir alles sagen."

„Weiß er das?"

„Halona! Wir sind seit fast zweiunddreißig Jahren verheiratet! Er müsste mich also gut genug kennen. Der Punkt ist, ich krieg einfach nichts aus ihm heraus. Er ist so verschlossen. Mitunter denke ich, wir leben in Parallelwelten. Manchmal könnte ich ihn deswegen auf den Mond schießen. Aber ich kann nichts dafür, ich liebe diesen Kerl nun mal."

„Hast Du eigentlich gewusst, Suzan, dass auch Männer in die Wechseljahre kommen? Das ist nur nicht so bekannt."

„Aber das ist doch genau die Erklärung, die Männer immer parat haben, dass alles nur eine Sache der Hormone wäre, wenn sie sich unser Verhalten nicht erklären können."

Die beiden Freundinnen plauderten und scherzten noch etwas, bis eine neue Kundin kam, die von Halona bedient werden wollte. Suzan verabschiedete sich und fuhr weiter zum Shoppingcenter.

Nachdem sie mit den Einkäufen fertig war, machte Suzan sich auf den Rückweg. Auf den Straßen war relativ viel los. Ihr trockener Mund erinnerte sie daran, dass sie vergessen hatte, etwas zu trinken. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, spürte sie einen stechenden Schmerz im Auge und kniff reflexartig beide Augen zu. Als Suzan sie im nächsten Moment wieder öffnete, sah sie nur noch die roten Bremslichter des Wagens direkt vor ihr. Intuitiv zog sie nach rechts und bremste. Zu spät! Schon spürte sie den Aufprall. Im nächsten Moment erfolgte ein weiterer Aufprall von hinten. Ihr Kopf schlug hart gegen das Lenkrad auf. Dann wurde alles weiß.

Als sie wieder etwas wahrnehmen konnte, sah Suzan einen jungen Mann, der sich wütend und mit hochgerissenen Armen ihrem Wagen näherte, dann aber bei ihrem Anblick erschrocken innehielt.

„Es tut mir so furchtbar leid! Ich bin schuld! Ich bin auf ihren Wagen aufgefahren!", rief Suzan. Verwirrt bemerkte sie im gleichen Augenblick, dass sie sich gar nicht mehr in ihrem Fahrzeug befand. Sie stand außerhalb des Wagens und sah fassungslos ihren leblosen Körper im Auto. Ihr Kopf lag auf dem Lenkrad. Aus einer Wunde auf ihrer Stirn quoll Blut. Jack!, schoss es ihr durch den Kopf, ich muss ihn anrufen! Er wird mich hier rausholen."

Der Fahrer des Autos, auf das sie aufgefahren war, sprach mit dem Fahrer des Lastwagens, der hinter ihrem Auto stand. So wie es aussah, war er auf ihr Auto aufgefahren.

Der Lastwagenfahrer, ein großer Mann, wirkte bleich und stand vermutlich unter Schock. Doch er fing sich, stieg in die Fahrerkabine und hantierte mit dem Funkgerät. Suzan schloss für einen Moment die Augen und als sie sie wieder aufschlug sah sie, wie ein Polizei- und ein Rettungswagen am Unfallort ankamen. Sie sah, wie ein Notarzt ihren Körper noch im Wagen untersuchte und dann vorsichtig mit einem weiteren Sanitäter daraus befreite. Fassungslos verfolgte sie, wie man ihren Körper auf eine Trage hob. Sie ging neben sich her und folgte den Sanitätern in den Krankenwagen. Dann wurde für einige Zeit wieder alles weiß.

– 3 –

STATEN ISLAND, UNIVERSITY HOSPITAL, ANFANG NOVEMBER 1986 – UND EIN UNBEKANNTER ORT

Als Suzan wieder etwas wahrnahm, befand sie sich neben ihrem leblosen Körper, der in einem Krankenhausbett lag.

Entsetzt wurde ihr erneut bewusst, dass sie außerhalb ihres Körpers war. Direkt neben dem Bett saß Jack in seinem immer gleichen Lieblingshemd auf einem Stuhl. Wie oft hatte sie genörgelt, er solle dieses alte Hemd nicht mehr anziehen. Aber nun, in diesem Moment, erschien ihr der vertraute Anblick sehr tröstlich.

Sie versuchte ihn zu rütteln und zu sagen, „Hi, Jack, ich bin hier. Ich liege da nicht. Ich weiß nicht, was gerade passiert und ich finde das alles gar nicht gut!"

Er nahm sie nicht wahr, sondern rieb sich die Augen und kämpfte mit den Tränen.

Oh Gott, dachte Suzan, als sie in ein leuchtendes Weiß abdriftete. Das ist das Ende. Aber das darf nicht sein! Ich will nicht sterben! Dann war nur noch Stille und Licht.

Suzan erwachte. Jedoch nicht in ihrem Krankenbett. Sie erwachte an einem ganz anderen Ort.

„Wo bin ich?", fragte sie voller Panik. „Bitte Gott, hilf mir!", flehte sie. „Jack und die Kinder, sie brauchen mich!"

„Ich grüße Dich, Suzan", hörte sie eine ruhige Stimme zu ihr sprechen. Die Stimme gehörte einem Mann mittlerer Größe mit blondem Pagenschnitt, von dem nach und nach immer mehr sichtbar wurde. Er trug rote Turnschuhe, enge schwarze Hosen, dazu ein weißes Hemd mit einer grünen, schillernden Weste. Um den Hemdkragen war eine überdimensionale lila Fliege gebunden. Mit fröhlichen Augen strahlte er Suzan beruhigend zu.

„Wer bist du?", wollte Suzan wissen.

„Ich bin Rudy. Menschen bezeichnen mich als Doodsengel oder Sensenmann." Rudy verdrehte genervt die Augen. „Als ob ich was mit einer Sense zu schaffen hätte! Ich bin als Manager für die Abholung und den Empfang von Neuankömmlingen im Himmel zuständig. In manchen Fällen diene ich auch als Lift-Boy." Bei diesem Ausdruck lächelte er wieder verschmitzt. „Und ich spreche sämtliche Sprachen meiner Ankömmlinge – immerhin 6500 verschiedene."

„Wow", erwiderte Suzan irritiert und doch etwas beeindruckt.

Im nächsten Moment nahm er Suzans rechte Hand in seine und strich mit den Fingern über ihre Fingernägel. „So ein hübscher Nagellack, in einem unglaublich himmlischen Pink. Wusste gar nicht, dass es so einen zauberhaften Lack auf der Erde gibt."

Sie zog ihre Hand verwirrt zurück. „Wo bin ich hier?"

„Du bist in deinem Himmel."

„In meinem Himmel? Warum? Was heißt das?", fragte sie fassungslos. „Wenn das hier der Himmel ist, bin ich dann tot? Ich möchte noch nicht im Himmel sein! Ich will zu meiner Familie! Zu Jack und den Kindern!"

„Du hattest einen Unfall, Suzan. Ob du tot bist, kann ich nicht mit Sicherheit beantworten, denn du bist ein Sonderfall."

„Ein Sonderfall? Und was heißt das überhaupt, in meinem Himmel?"

„Zum Sonderfall kann ich dir keine Antwort geben. Dazu bin ich nicht berechtigt. Und zum Himmel? Naja, du bist an einem Ort, der so aussieht, wie du dir den Himmel vorstellst."

„Wenn ich eines sicher weiß, dann, dass das hier nicht der Himmel ist, den ich mir vorgestellt habe", widersprach Suzan heftig. „Du zum Beispiel! Du würdest in meinem Himmel nicht vorkommen! Ich kenne dich ja gar nicht."

„Das ist jetzt aber nicht nett von dir. Es gibt immer ein paar unbekannte Abweichungen, Suzan", antwortete der seltsam gekleidete Mann grübelnd und strich dabei einen nicht vorhandenen Fussel von seiner Weste. „Wen hättest du denn erwartet zu sehen?"

„Na, meine Eltern zum Beispiel, einfach Menschen, die mir etwas bedeuten."

Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, erfüllte sie ein wohliges Gefühl. Gleichzeitig wurden hinter Rudy mehr und mehr Menschen sichtbar, in Schwarz-Weiß und nur schemenhaft. Doch sie erkannte ihre Eltern, Tante Otti, Miss Henderson, ihre Lieblingslehrerin der ersten Klasse, und viele andere. Sie winkten ihr herzlich zu. Dann fiel Suzans Blick wie gebannt auf eine wunderschöne ältere Dame mit weißem Haar, die etwas entfernt von den anderen stand. Es war ihre Granny. Alle diese Menschen waren bereits gestorben. Langsam nahmen die Personen Farbe an. Suzans Großmutter fing an, ihren Kopf zu schütteln, wie sie es immer getan hatte, wenn sie mit etwas nicht einverstanden war, was Suzan tun wollte.

Eine Sturmwelle von Emotionen erfasste sie. Der spontane Wunsch, sich den Menschen zu nähern, wurde schlagartig abgelöst durch ein Gefühl der Furcht. „Ich bin noch nicht dazu bereit. Nein! Ich kann noch nicht hierbleiben. Versteht das. Es ist zu früh. Das kann und das will ich noch nicht!" Darauf verschwamm um Suzan herum erneut alles in hellem Nebel.

Als der Nebelschleier sich lichtete, befand sich Suzan wieder im Krankenhaus und stellte verzweifelt fest, dass sich nichts verändert hatte. Sie stand neben dem Krankenhausbett und sah ihren Körper darin liegen, an dem viele Schläuche angebracht waren. Jack saß auf einem Stuhl und hatte seine Hände in einer Geste der Verzweiflung hinter dem gebeugten Nacken verschränkt. Im nächsten Moment richtete er sich auf und streichelte ihre Hand. „Du wirst wieder, Liebling. Bitte!"

„Natürlich werde ich wieder", sagte sie vor sich hin, doch er konnte ihre Worte nicht hören. Sie war unsichtbar. Sie war nicht in ihrem Körper. Ich muss wieder in meinen Körper zurück. Na klar! Das war es, dachte sie. Suzan stieg auf das Bett und setzte sich auf ihren Körper. Doch im nächsten Moment stand sie wieder vor dem Bett. Sie probierte es wieder und wieder, in ihren Körper zu gelangen. Doch jeglicher Versuch scheiterte.

– 4 –

STATEN ISLAND, UNIVERSITY HOSPITAL, ANFANG DEZEMBER 1986

Die Wochen vergingen. Emily, Suzans Tochter, erlebte ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits freute sie sich unglaublich auf das so lang ersehnte Baby, andererseits vermisste sie ihre Mutter schmerzlich. Unzählige Male griff sie nach dem Telefonhörer, um Suzan anzurufen, doch im nächsten Moment legte sie wieder auf, weil ihr bewusst wurde, dass sie ihre Mom nicht anrufen konnte. Sie brachte immer wieder frische Blumen ins Krankenhaus. Cremte Suzan die Hände ein. Kämmte sie und sprach mit ihr, stets in der Hoffnung, wenigstens eine winzige Regung zu sehen.

Eines Tages brachte Emily Suzans Lieblingsmusik mit ins Krankenhaus. Suzan mochte die Musik von Nat King Cole, Frank Sinatra und Dean Martin. Der Arzt fand die Idee gut. Emily erzählte Suzan von ihren gemeinsamen Ausflügen, überhaupt von den vielen gemeinsamen Erinnerungen. Obwohl keine Reaktion von Suzan zu bemerken war, hoffte Emily jeden Tag aufs Neue. Immer wenn sie am Bett ihrer Mutter saß, wollte Suzan sie trösten, ihr danken, dass sie sich so um sie kümmerte. Und sie wollte ihr noch so vieles sagen, von Mutter zu Tochter, doch ihre Worte blieben ungehört. Suzan fühlte sich wie von einer hohen Mauer umschlossen, durch die Stimmen eindringen, ihre eigene aber nicht nach draußen gelangen konnte.

Auch Nik, Suzans Sohn, kam, sooft sein Beruf es zuließ. Der Arzt war beeindruckt von der Fürsorge der ganzen Familie. „Das sieht man heute leider selten, dass Familien so zusammenhalten", meinte er eines Tages zu Nik, als er ihn an Suzans Bett sitzen sah. Nik bedauerte es, aus dem Leben seiner Mutter so wenig zu wissen. Ihm wurde klar, er wusste kaum etwas aus ihrer Kindheit, wie und unter welchen Umständen sie aufgewachsen war. Er fragte sich, warum ihm das erst jetzt auffiel, und hoffte sehr, die Gelegenheit zu bekommen, mehr über seine Mutter zu erfahren. Nik vermisste ihr besonderes, fröhliches Lachen, mit dem sie ihn immer begrüßt hatte und durch das er sich bei ihr stets willkommen fühlte. Er vermisste ihre mütterliche Umarmung und wie aufmerksam sie ihm immer zugehört hatte. Sie war für ihn da, seit er denken konnte. Ja, er war nun erwachsen. Er war verheiratet, wurde bald Vater. Aber er wünschte sich eine komplette Familie. Da gehörte seine Mutter definitiv dazu.

Suzan liebte ihren Sohn so sehr und es quälte sie schmerzlich, dass er sie nicht hören konnte. Sie wollte ihm sagen, was für ein Glück und eine Freude er und Emily in ihr Leben gebracht hatten und dass sie sich über jede Minute mit ihnen freuen würde. Ja, sie würde sich anstrengen, aufzuwachen.

Als Jack wieder einmal bei Suzan war, hörte er aus dem im Hintergrund laufenden Radio, wie der Moderator von Tina Turner sprach: „Da ist sie wieder. Tina Turner, die Rockröhre, die vergangenes Jahr gleich drei Grammys abgeräumt hat. Hören Sie nun ihren Song: Let's stay together."

Als das Lied vorbei war, drehte Jack das Radio leiser. „Ich möchte, dass du bleibst Suzan. Du musst dich nur ein wenig erholen und zu dir kommen, mein Schatz."

„Ich möchte so gerne wieder zu mir, in meinen Körper kommen", antwortete sie, ohne dass Jack sie hören konnte. „Aber ich weiß nicht wie." Suzan versuchte Jack übers Haar zu streichen. Aber ihre Geste blieb wie alle ihrer Reaktionen unbemerkt. Traurig schaute er auf Suzan. Dann atmete er tief ein und nahm das People Magazine in die Hand. Er las ihr regelmäßig aus ihren Lieblingszeitschriften vor.

„In der People wurde Mark Harmon zum „sexiest man alive 1986" gewählt. Findest du nicht auch, er sieht mir ein bisschen ähnlich? Na gut, er ist ein paar Jahre jünger als ich. Und er hat noch etwas volleres Haar, das noch nicht weiß ist. Und er ist um ein paar Kilos leichter als ich. Aber wir haben die gleiche Augenfarbe."

Manchmal saß er einfach nur still da und streichelte zärtlich ihre Hand. Sie hörte ihn dann tief Luft holen.

„Da sitz ich nun und heule dir was vor. Das ist wirklich das Letzte! Nein, ich werde mich zusammenreißen und lieber von unseren Kindern erzählen. Unserer Schwiegertochter geht es prima. Sie sagt, sie kann, seit sie schwanger ist, besonders gut schlafen. In ihrem Fitnesscenter trainiert Lilly jetzt schwangere Frauen. Ganz schön clever! Es macht ihr viel Spaß. Michael hat mit Emily vergangenes Wochenende das Kinderzimmer gestrichen und eingerichtet."

Wie sie vermutete, hatte Emily ihren Vater sicher gebeten, den alten Stubenwagen vom Speicher zu holen und herzurichten. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gebracht, sprach Jack ihn aus. Das musste Gedankenübertragung sein, ging es ihr durch den Kopf.

„Du kennst ja deine Tochter, die hängt an allem, was ihr in ihrer Kindheit lieb war. Ich kann mich noch so gut daran erinnern, wie Emily und Nik einmal beide bei dir in der Küche in dem alten Stubenwagen saßen. Sie waren wegen einer Erkältung sehr schlapp, hatten Tücher um den Hals und rochen nach Erkältungssalbe. Emily hat mich kürzlich gebeten, den Wagen zu restaurieren. Sie hat den Stoff gekauft, den ihr gemeinsam beim Bummeln entdeckt habt."

Was für ein wunderbarer Mann Jack doch ist, ging es ihr durch den Kopf. Er ist einfach der beste Vater für unsere Kinder. Auch deshalb liebte sie ihn so sehr. „Ich danke dir, dass du das getan hast, mein Schatz", sagte sie lautlos.

„Das habe ich gerne getan. Jetzt steht der Wagen im hellblau gestrichen Zimmer."

Was war das?, fragte sie sich verwundert. Konnte er sie hören? Sie schnalzte mit den Fingern vor ihm. Küsste ihn auf die Wange. Doch er reagierte nicht darauf. Schließlich setzte sie sich auf das Bett ihm gegenüber und hörte ihm weiter zu.

„Deine Tochter wird dir von Tag zu Tag ähnlicher. Sie ist wunderschön und wird eine fantastisch gute Mutter."

„Da hast Du recht, mein Lieber, das wird sie ganz sicher", stimmte sie Jack lautlos zu.

„Michael umsorgt sie, wo er nur kann. Übrigens, ihr Chef will nicht auf sie verzichten und hat sie gebeten, auch wenn das Baby da ist, wenigstens stundenweise in die Firma zu kommen."

„Das glaube ich gerne. Sie macht ihre Arbeit gewissenhaft und geht charmant mit ihren Kunden um. Aber will sie gleich wieder zurück?"

„Ja, und deshalb rechnet sie fest damit, dass du ihr als Granny für das Baby zur Seite stehst."

„Das würde ich gerne tun. Ich möchte nur wieder aus diesem Koma erwachen!"

„Wir telefonieren jeden Tag und sie macht sich viel zu viele Gedanken um mich."

Das ist halt unsere Tochter. Sie liebt ihren Dad, ging es Suzan durch den Kopf.

„Verdammt!", entfuhr es ihm und er schlug sich mit der Faust auf den Oberschenkel. „Ich mache mir Vorwürfe, dass ich Dich am Tag deines Unfalls nicht begleitet habe, so wie es geplant war. Dann wäre doch der Unfall nie geschehen!"

Wenn das Wörtchen „wenn" nicht wäre ... Ich möchte nicht, dass du dir Vorwürfe machst. Ich hätte ja auch an dem Samstag nicht unbedingt fahren müssen. Was würde ich nur darum geben, dich trösten zu können, Jack, dachte sie.

„Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich es tun", fuhr Jack fort. „Du hast mich an dem Morgen auch noch gefragt, was mit mir los sei. Und ich war so patzig zu dir. Das tut mir unendlich leid, Liebling. Wir hatten einmal geschworen, uns nie im Streit zu verabschieden. Na ja, es war kein richtiger Streit. Doch es war eine ungute Stimmung, für die du ganz sicher keine Schuld trägst. Ich mache mir Vorwürfe, weil ich zu feige war, dir von meinen Problemen in der Werft zu erzählen.

Seit sechs Monaten habe ich einen neuen Vorgesetzten."

Suzan war verblüfft und erleichtert: Endlich, mein Lieber, erfahre ich, was dir so zu schaffen macht.

„Pixton ist nicht mal halb so alt wie ich und bildet sich ein, alles besser zu wissen. Es gab da eine Yacht, die ich angeblich als seetüchtig freigegeben haben soll. Aber das habe ich nicht getan. Im Gegenteil, ich habe sogar davor gewarnt, weil der Rumpf erhebliche Schwachstellen zeigte. Die Yacht war beim Transport von der Halle nach draußen vom Transporter gerutscht und gegen den Laster geprallt. Wie man mir sagte, wurde sie kurz darauf samt Schaden zu einem sehr günstigen Preis verkauft. Als ich aus dem Urlaub kam, war die Yacht nicht mehr da. Sie sank nach der ersten Ausfahrt." Er machte eine Pause.

Wie schlimm, fuhr es Suzan durch den Kopf, überzeugt davon, dass dieser Schaden in keiner Weise auf eine Nachlässigkeit Jacks zurückzuführen war. Sie kannte ihren Mann und seine Gewissenhaftigkeit nur zu gut. Nie hätte er dies zugelassen, hätte es in seiner Macht gestanden.

„Wir können von Glück sagen, dass dabei kein Personenschaden entstanden ist. Die Yacht lag ohne Besatzung im Hafen, als sie volllief. Die Versicherung untersuchte den Fall. Auf den Kaufunterlagen war nichts von der Reparatur und dem vorangegangenen Schaden zu lesen. Die Yacht wurde, wie ich annehme, von einem Händler, der die Reparatur laienhaft durchgeführt hatte, zum vollen Preis verkauft. Auf der Checkliste für die Endkontrolle war alles als o.k. abgehakt – und meine Unterschrift stand darunter."

Das ist eine echte Schweinerei! Diesen Pixton, den müsste man festnehmen, überlegte Suzan wütend.

„Dass ich noch in der Werft arbeite, habe ich nur meinem alten Chef zu verdanken. Am liebsten würde ich alles hinwerfen, aber darauf wartet Pixton nur. Außerdem brauchen wir das Geld. In meinem Alter noch einen Job zu bekommen, ist nicht so leicht. Zu allem Übel hat man mir den Lohn gekürzt und ich bin am rätseln, wie wir das mit unserer Altersversorgung hinbekommen. Unsere Reserven sind ziemlich am Ende. Wir müssen uns mehr einschränken oder neue Einkommensquellen auftun." Dabei ließ er den Kopf sinken.

Das war es also, was dich die ganze Zeit belastet hat. Du stehst wirklich unter Druck. Suzan ging im Zimmer auf und ab und blieb wieder am Krankenbett neben Jacks Stuhl stehen.

Wenn du mich nur hören könntest, Jack. Warum hast du mir nicht vertraut? Wir hätten gemeinsam nach einer Lösung suchen können. Wie gerne würde ich dich in den Arm nehmen.

Sie strich ihm über den Rücken und wollte ihn umarmen. Aber ihre Hände griffen ins Leere. Mutlos setzte sie sich auf das Krankenbett.

„Wenn du aufwachst, mein Schatz, werde ich jeden Tag dafür dankbar sein, dass du wieder an meiner Seite bist.

Die Probleme mit der Arbeit bekomme ich in den Griff. Das verspreche ich dir! Ich hoffe und wünsche uns, dass wir noch viele Jahre vor uns haben."

„Das wünsche ich mir auch von ganzem Herzen, Jack. Ich vermisse dich genauso", antwortete Suzan lautlos.

Als Jack aufstand, erhob sie sich ebenfalls und wollte ihm nachgehen. Doch das ging nicht. Sobald sie einen Fuß aus dem Zimmer tat, wurde sie von einer unsichtbaren Macht zurückgezogen und landete wieder neben ihrem Körper am Bett.

Aufgebracht ging sie im Zimmer auf und ab und sprach mit sich. Ich könnte vor Wut aus der Haut fahren! Im nächsten Moment schüttelte sie ihren Kopf, setzte sich auf das Bett, sah ihren Körper an und dachte, was für ein Irrwitz! Wenn ich nur wüsste, wie ich wieder hineinkäme. Dann versank alles in einem weißen Nebel.

– 5 –

SUZANS HIMMEL, MITTE DEZEMBER 1986

Kurz nach Jacks Besuch erwachte Suzan erneut in ihrem Himmel. Sie befand sich mit Rudy in einem hellen Raum.

„Der Boss will dich sehen, Suzan."

Verwirrt über den Wechsel fragte Suzan: „Welcher Boss?"

„Das wirst du gleich erfahren."

Im nächsten Moment standen sie vor einer überdimensional großen Flügeltür, die sich wie von Geisterhand öffnete. Sie traten ein. Die Tür schloss sich lautlos hinter ihnen. Es war ein großer Raum, in dem ein gemütlicher Ohrensessel in der Farbe Pink stand. Genau so einen hatte Suzan sich schon so lange für ihr kleines Schreibzimmer gewünscht, ihn aber nirgends gefunden.

Rudy sah sie an und lächelte. „Der Boss weiß, du liebst Pink.

Nimm bitte Platz, er wird gleich bei dir sein."

Der Sessel war nicht nur schön, sondern auch überaus bequem. Mein Himmel ist pink, ging es Suzan schmunzelnd durch den Kopf. Doch im nächsten Moment wurde ihr der Ernst der Lage bewusst. Sie wollte endlich wissen, was der Grund ihres Hierseins war und ob sie nun sterben oder weiterleben würde.

Suzan schaute sich um. Rudy, der gerade noch neben ihr gestanden hatte, war verschwunden. Das Licht veränderte sich.

Es wurde dunkel. Millionen von Sternen begannen über und unter ihr zu leuchten. Sie sah keinen Boden mehr und schien in ihrem Sessel zu schweben. Dann wurde das Licht eines einzelnen Sternes immer größer, bis Suzan sich, geblendet von der Helligkeit, die Hände vor die Augen hielt.

Aus dem Licht sprach eine weibliche Stimme zu ihr. „Hallo Suzan, willkommen in der Zentrale."

„Wer bist du? Und wo bist du?", fragte Suzan sich umsehend.

„Wer ich bin, das weißt du bereits. Und: Ich bin hier", antwortete die Stimme.

„Wo hier? Ich sehe nichts, weil mich das Licht so stark blendet", erwiderte Suzan verwirrt.

„Ich bin das Licht, Suzan."

Erschrocken erkannte Suzan, dass die Stimme sich wie ihre eigene anhörte. War das ein Albtraum? „Du hörst dich an, wie meine eigene Stimme. Wer bist du?", fragte sie.

„Was glaubst du, wer ich bin?"

„Gott kannst du ja dann wirklich nicht sein, der ist doch männlich, oder?"

Suzan hörte ein herzhaftes Lachen.

„Du machst dich lustig über mich!", erwiderte sie fassungslos.

„Nein. Aber deine Worte sind so typisch für euch Menschen.

Wärst du ein Mann, dann würde ich mit deiner männlichen Stimme zu dir sprechen. Ich spreche immer mit der gleichen Stimme der Menschen meiner Schöpfung."

„Bist du etwa ...?" Suzan war sprachlos.

„Yep, das bin ich. Nenn mich lieber Boss. So nennen mich alle, die in diese Dimension gelangen, unabhängig von ihrer Religion."

„Oh!", stieß Suzan erstaunt aus und hielt die Hand vor den Mund, um nichts Unüberlegtes zu sagen. Das hier war sicher das absolut Außergewöhnlichste, was sie bisher in ihrem Leben erfahren hatte.

„Sorry, aber das ist ja unglaublich!"

„Ja, du bist nicht die einzige, die das so empfindet."

Suzan schüttelte ungläubig den Kopf. Träumte sie das eben?, fragte sie sich. Das musste mit ihrem Unfall zusammenhängen!

„An was kannst du dich erinnern?", fragte die Stimme aus dem Licht.

„Ich erinnere mich, dass ich einen Unfall hatte. Soweit ich weiß, war ich beim Einkaufen. Auf dem Weg nach Hause hatte ich einen Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug."

„Stimmt! Du hattest einen Unfall. Der Unfall war ziemlich heftig. So heftig, dass wir dich eigentlich hätten dabehalten müssen. Doch du hast noch einige wichtige Aufgaben, Suzan.

Deshalb überlegen wir, dich wieder zurückzuschicken.

Suzan hatte Angst, gleich hysterisch zu werden. Fragen schossen ihr wie Blitze durch den Kopf. Wer ist ,wir' und was wird mit mir weiter geschehen? Bin ich von Spinnern entführt worden oder werde ich verrückt? Sie hörte die Stimme lachen.

„Was ist so lustig?", fragte sie.

„Ich kann deine Gedanken lesen. Es gibt keinen Grund dich zu fürchten, Suzan. Wie es scheint, kannst du dich wirklich an nichts mehr erinnern, richtig?"

Suzan schüttelte verzweifelt den Kopf. „Nein, beim besten Willen nicht. Ich weiß nichts. Nicht das Geringste."

„Erinnerst du dich wenigstens noch an deinen Brief?"

„Welchen Brief?"

„Den Brief, in dem Du mich gebeten hast, deine Kinder zu Eltern werden zu lassen."

„Ach ja, klar erinnere ich mich an den", erwiderte sie, völlig perplex darüber, dass der Brief wirklich angekommen war.

„Danke, dass du den Wunsch erfüllt hast."

„Nicht ich habe den Wunsch erfüllt. Was glaubst du, wie viele Briefe ich bekomme mit derartigen Wünschen und Bitten? Ich würde gerne alle diese Bitten erfüllen. Ich liebe Kinder. Doch ich überlasse die Wahl der Eltern immer den Kindern selbst. Zugegeben, wie sie sich entscheiden, ist in manchen Fällen nicht immer verständlich. Manchmal irren sie bei ihrer Wahl gewaltig. Und manchmal, sogar in den meisten Fällen, treffen sie eine ausgezeichnete Entscheidung. Das trifft ganz sicher für die deiner Enkel zu, die sich als Eltern deine Kinder ausgesucht haben. Also bedanke dich bei ihnen."

„Das würde ich wahnsinnig gerne, wenn du mich nur lässt", Suzans Stimme war jetzt laut und schrill.

„Beruhige dich, Suzan. Du bist aus zwei Gründen hier. Der erste ist, dass du einen schweren Unfall hattest. Der zweite ist, dass du eigentlich noch unerledigte Aufgaben hast. Und nun zu deiner brennenden Frage, ob du wieder zurück zu deiner Familie kommen wirst."

Gespannt wartete Suzan auf die Antwort.

„Das kann ich dir noch nicht sagen."

„Aber warum das denn? Du bist doch der Boss!"

„Auch wenn ich der Boss bin. Die Entscheidung liegt in dir selbst, Suzan. Ob du zurückkannst oder nicht, wird sich zeigen."

„Wie zeigen? Was muss ich tun? Welche unerledigten Aufgaben gibt es für mich?"

Aber im nächsten Moment verschwand alles um sie herum wieder in weißem Nebel.

Langsam tat sich über Suzan eine Art überdimensionales Kino auf. Sie sah sich selbst als Sechsjährige auf dem Baseballplatz.

Es schien ihr, als wäre sie mitten im Geschehen. Suzan konnte sich genau an das Gefühl von damals erinnern, als wäre es gestern gewesen; sie hatte den Ball gerade so kraftvoll geschlagen wie noch nie davor.

Die Sechsjährige rannte los, rannte in einem unglaublichen Tempo, direkt an der erwachsenen Suzan vorbei.

Die erwachsene Suzan erinnerte sich genau, wie es sich angefühlt hatte. Damals war es ihr so vorgekommen, als würde sie regelrecht über die Bahn fliegen.

Die kleine Suzan erreichte die erste, dann die zweite und schließlich die dritte Base, bevor der Ball zurückkam.

Das war damals ihr erster Home Run gewesen! Suzan sah die fassungslose Freude im Gesicht des Mädchens. Die Kleine stand völlig außer Atem an der Base. Die Menge jubelte, und ihre Teamkameraden nahmen sie auf die Schultern. Sie trugen sie unter lautem Triumphgeheul über den Platz. Die Begeisterung war übergroß! Besonders Suzans Großmutter freute sich mit ihr und jubelte in den Zuschauerrängen lautstark mit.

Ein Junge fragte die kleine Suzan, wie sie das nur geschafft habe, und sie antwortete: „Ich habe fest daran geglaubt, es zu schaffen, und ich habe trainiert."

Der Film in dem überdimensionalen 3-D-Kino lief weiter, wechselte die Szene. Suzan flog in einem kleinen Flugzeug.

Neben ihr ein Kind. Sie flogen hoch über dem Central Park.

Das Kind war wieder sie selbst, jetzt im Alter von ungefähr sieben Jahren. Sie fühlte sich in das Kind von damals hineingezogen, und plötzlich war sie es selbst. Dann saß da noch ein anderes Kind. Ein Junge. Sie flogen über Manhattan, immer weiter hinaus, flogen über die Brooklyn Bridge, drehten eine Schleife darüber. Dann ging es weiter nach Long Island.

Suzan sah, wie die Sonne im Wasser glitzerte und konnte den Duft des Meeres riechen. Unter ihr ließen sich Segelboote vom Wind vorwärtstreiben. Sie glitten die Küste entlang, an der sich wunderschöne Sommerhäuser mit herrlichen Gärten wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihten. Suzan spürte eine unglaubliche Lebensfreude in sich. Eines Tages werde ich hier in einem so schönen Haus wohnen. Ich werde es schaffen.

Wieder wechselte die Szene. Suzan beobachtete sich als Zehnjährige, wie sie bedrückt auf einer Treppe saß und ihre Eltern lautstark streiten hörte. Die Eltern warfen sich gegenseitig harte Worte an den Kopf, knallten Türen und ließen einander wütend und traurig zurück. Suzan hörte die Gedanken ihres noch jungen Selbst: Warum verhalten sich erwachsene Menschen manchmal so doof? Warum verletzen sie sich und andere, die sie lieben? Ich will es eines Tages besser machen und ich werde lernen, Menschen dabei zu helfen, sich und anderen weniger weh zu tun. Ich glaube das kann ich. Ich werde es schaffen.

Die Bilder verschwammen, lösten sich langsam auf. Wieder wurde alles weiß um sie herum.

„Was ist aus deinen Träumen geworden, Suzan?", hörte sie eine vertraute Stimme fragen. Es war die Stimme ihrer Großmutter.

– 6 –

STATEN ISLAND UNIVERSITY HOSPITAL, ENDE DEZEMBER 1986

Das Nächste, das Suzan wahrnahm, ohne jegliches Gefühl dafür zu haben, wie viel Zeit inzwischen verstrichen sein mochte, war ihr Körper, der sich schwer wie Blei anfühlte.

Sie konnte weder etwas sagen noch irgendein Körperglied bewegen. Alles war dunkel. Das Piepen der Herzmaschine erinnerte sie daran, dass sie sich im Krankenhaus befand.

Erst jetzt realisierte sie, dass sie wieder in ihren Körper zurückgekehrt war. Also bin ich nicht tot, stellte sie fest.

Dann fühlte sie, dass jemand ihre Füße bewegte, und hörte Stimmen. Man sprach über sie. Die eine Stimme, so schien es ihr, kam von einem Arzt. Er sagte: „Es wird Zeit, der Familie Bescheid zu geben, dass es mit ihr zu Ende geht. Ihre Werte verschlechtern sich. Sie sollten sich von ihr verabschieden können."

„Meinst du nicht, wir sollten bis morgen warten? Heute ist Silvester", erwiderte eine weibliche Stimme und eine Hand strich sanft über Suzans Arm.

Aber, ich bin noch da, wollte Suzan rufen. Doch in diesem Augenblick wurde um sie herum alles dunkel.

Die Geburtstermine der Enkel rückten immer näher. Über Nacht war es Winter geworden. Die Notfallkoffer für die Klinik standen gepackt bereit. Alle hofften jeden Tag, dass Suzan wieder aus dem Koma erwachen würde und ihre Enkel sehen und erleben könnte.

Am Morgen des 31. Dezembers 1986 klingelte das Telefon.

Die Klinik teilte Jack mit, dass sich der Zustand von Suzan dramatisch verschlechtert hätte. Er verständigte den Rest der Familie. Alle kamen ins Krankenhaus, um sich von Suzan zu verabschieden.

Nik trat aus dem Krankenzimmer, nahm erst seine Frau und dann Jack in den Arm. Vergeblich bemühte er sich, seine Tränen zurückzuhalten. „Wo sind Emily und Michael?", fragte er, als er sich einigermaßen gefangen hatte.

„Sie holen Kaffee."

Nik wischte sich die Tränen weg.

Jack legte den Arm um seine Schultern: „Fahr mit Lilly nach Hause, Junge. Du musst auf deine Frau und euer Baby achten.

Emily und Nik werde ich das auch empfehlen."

„Aber Dad, wir können dich hier nicht alleine lassen!"

„Doch, das könnt ihr. Das müsst ihr sogar. Denkt an euer Baby! Lilly, habe ich recht? Du brauchst Ruhe."

Lilly zog müde und hilflos ihre Schultern nach oben. „Ich kann meinen Mann verstehen", erwiderte sie und drückte seine Hand.

Nik schaute liebevoll auf seine Frau, strich ihr über den Babybauch und meinte: „Vermutlich hast du recht, Dad. Mom würde das Gleiche sagen wie du, wenn sie könnte. Wir fahren nach Hause."

Auf dem Weg nach draußen kamen ihnen Emily und Michael mit dem Kaffee entgegen. Sie wechselten ein paar Worte.

Danach verließ Nik mit seiner Frau das Krankenhaus und Emily kam mit Michael leise ins Zimmer von Suzan. Suzan lag völlig ruhig in ihrem Bett.

Nachdem Jack einen Kaffeebecher erhalten hatte, wandte er sich mit leiser Stimme an die beiden. „Kann ich euch draußen sprechen?" Er deutete in Richtung Tür. Emily und Michael folgten ihm auf den Flur hinaus.

„Mom würde wollen, dass du dich ausruhst", meinte Jack zu seiner Tochter. „Bitte fahre mit Michael nach Hause, Emily.

Du und der Kleine braucht eure Kräfte für die bevorstehende Geburt."

Mit Tränen in den Augen sah Emily ihren Vater an. „Ich kann nicht gehen, Dad. Bitte schick mich nicht weg wie ein kleines Kind. Ich möchte in ihrer Nähe sein.

Jack nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen.

„Dein Vater hat recht, mein Schatz. Wir können nichts für deine Mom tun. Sie würde wollen, dass du dich schonst", drängte Michael in sanftem Ton.

Sie sah beide eindringlich an und bemühte sich, mit fester Stimme zu sprechen. „Ich will das selbst entscheiden. Ich gehe jetzt zu Mom. Wenn ich wieder herauskomme, sehen wir weiter."

Beiden Männern war klar, dass Emily nicht umzustimmen war, und nickten schließlich.

Dann verschwand sie in Suzans Zimmer.

„Hi Mom." Sie kam näher und setzte sich auf den Stuhl neben Suzans Bett. „Die Ärzte haben mir gesagt, ich soll mich von dir verabschieden", sagte Emily mit brüchiger Stimme. „Aber das kann ich nicht. Du bist noch da. Ich kann das spüren." Dabei nahm sie Suzans Hand in ihre. „Bitte Mom, ich flehe dich an, werde wieder wach!"

Suzan fühlte den Schmerz ihrer Tochter.

„Ich liebe Dich. Habe ich dir das oft genug gesagt?"

Das weiß ich doch mein Kind, wollte Suzan ihre Tochter trösten. Doch ihr Mund blieb still.

„Ich flehe dich an, geh nicht! Es gibt noch so viel, was ich dich fragen möchte. Wir brauchen dich! Bald wird unser Sohn, dein Enkel zur Welt kommen. Fühl mal! Ich habe schon seit einiger Zeit Übungswehen." Emily nahm Suzans Hand und legte sie auf ihren Bauch. „Sie werden immer häufiger."

Suzan meinte etwas zu spüren. Ja, sie spürte tatsächlich, wie Emilys Bauch sich zusammenzog. Überwältigt wollte sie das ihrer Tochter sagen und zeigen, dass sie die Bewegungen wahrnehmen konnte. Doch weder ihre Hand noch ihr Mund oder irgendetwas von ihr war in der Lage, ihrer Tochter ein Zeichen zu geben.

„Es wird ein Junge, Mom. Den Kleinen willst du doch noch erleben, ihn in deinem Arm halten! Mit ihm Späßchen machen und rumtollen, so wie du es mit mir und Nik getan hast."

Oh ja, schoss es Suzan durch den Kopf. Wie gerne möchte ich das!

„Wir haben uns für einen besonderen Namen entschieden.

Er soll Benjamin heißen. Und Niks Sohn soll Samuel getauft werden."

Benjamin, Samuel, wie mein Vater. Was für eine schöne Idee von den Kindern, dachte Suzan und erschrak im nächsten Moment über den Ton, den ihre Tochter jetzt anschlug.

„Mom, verdammt noch mal, wach auf!", brach es wütend aus Emily heraus. Gleich darauf sackte sie weinend in ihrem Stuhl zusammen. Im nächsten Moment verspürte Emily einen stechenden Schmerz in ihrem Unterleib und hielt schmerzverzerrt ihren Bauch. Sie versuchte zu atmen, wie sie es im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte. Diese Wehe war eindeutig anders als alle anderen davor. Langsam flaute sie wieder ab.

„Ich glaube, Mom, jetzt geht es los. Dein kleiner Enkelsohn will auf die Welt. Ich bleibe im Haus. Ich wechsle nur die Station, damit du Bescheid weißt." Mühsam stemmte sie sich aus dem Stuhl hoch. Bevor sie das Zimmer verließ, gab sie ihrer Mutter noch einen Kuss auf die Wange und flüsterte:

„Wir sehen uns, Mom!"

Suzans Herz tobte wie wild. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, hätte Emily in den Arm genommen und ihr zugerufen, ich bin da! Ich bin so dankbar, dich als Tochter zu haben! Und ich bin stolz auf dich, wie du dein Leben meisterst. Du wirst die Geburt großartig durchstehen und eine wunderbare Mutter sein. Ich liebe dich! Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.

Als Michael Emily aus dem Zimmer kommen sah, frage er leise:

„Ist alles in Ordnung, Liebling? Fährst du nun mit mir nach Hause, um dich auszuruhen?"

„Mit dem Nachhausefahren wird das wohl nichts mehr.

Ich hatte gerade eine Geburtswehe. Wir können gleich zur Entbindungsstation weitergehen."

Kaum kamen sie dort an, trafen sie auf Nik. „Was machst Du hier?", fragte Michael und klopfte Nik auf die Schulter, der an der Rezeption stand.

„Lilly ist schon im Entbindungszimmer. Wir hatten das Krankenhaus gerade verlassen, da fingen bei Lilly die Wehen an."

Auf Suzans Familie wartete eine lange, bedeutsame Nacht.

Nik saß bei Lilly und Michael bei Emily in den jeweiligen Entbindungszimmern.

Jack saß bei Suzan am Bett und grübelte darüber nach, wie er nur ohne sie zurechtkommen könnte. Er fing schließlich leise an zu beten. „Oh Gott, ich pack das nicht. Ich bitte dich inständig, nimm mir nicht meine Frau!"

Plötzlich wurde er aus seinem Gebet gerissen. Das Piepen der Herzmaschine veränderte sich. Er sprang hoch, drückte den Alarmknopf. Das Piepen wurde langsamer. Er rannte zur Tür. Schrie in den Flur hinaus um Hilfe und eilte sofort wieder zurück zu Suzan. Noch während er auf das Bett zustürzte, veränderte sich das Geräusch in einen lang gezogenen grellen Ton.

„Nein!" schrie Jack.

Auf dem Bildschirm erschien eine rote durchgezogene Linie.

„Draußen geschieht etwas Wunderbares. Wach auf, Suzan!

Deine Familie wartet auf dich! Merke dir deinen sechzigsten Geburtstag. Da wirst du wieder von mir hören", vernahm Suzan die Stimme ihrer Großmutter, die immer leiser wurde.

Plötzlich spürte sie ein heißes Brennen im ganzen Körper, gerade so, als ob ein Blitz durch sie hindurch fahren würde.

Im nächsten Moment eilten ein Arzt und eine Krankenschwester herbei. Geräusche einer Silvesterparty drangen aus dem Stationszimmer in den Flur. Ein Defibrillator wurde ins Zimmer geschoben. „Bitte treten Sie zur Seite", forderte der Arzt Jack auf. Doch bevor sie das Gerät benutzen konnten, fing Suzans Herz von alleine wieder an zu schlagen.

Zuerst noch etwas unregelmäßig. Doch langsam pendelte es sich in einen gleichmäßigen Rhythmus ein. Der Arzt tätschelte Suzans Hand, und sie versuchte nach seiner zu greifen.

„Sie ist wieder da, Ihre Frau. Sie wacht auf", hörte Suzan den Arzt sagen. „Sehen Sie nur!" Jack verfolgte ungläubig staunend, wie sich Suzans Hand langsam um die des Arztes schloss.

„10,9,8,7,6." Was passiert nun?, schoss es Suzan durch den Kopf. „5,4,3,2,1. Frohes Neues Jahr!", riefen Stimmen von draußen. Ihre Augenlider fingen an sich zu bewegen. Das Nächste, das Suzan spürte, waren warme weiche Lippen auf ihrem Mund, die ihr unglaublich lieb und vertraut waren.

„Frohes Neues Jahr, Liebling!", klang es an ihrem Ohr.

„Jack", war ihr erstes Wort, das ihr noch etwas schwach über die Lippen kam. Sie blinzelte langsam und schaute in tiefblaue Augen, die sie unfassbar glücklich ansahen.

„Du bist wieder da, Liebling! Endlich!", brachte Jack mit Tränen in den Augen hervor, völlig überwältigt von seinen Gefühlen.

Genau um Mitternacht war Suzan aus dem Koma erwacht.

Fast zeitgleich erblickten ein Stockwerk tiefer ihre beiden Enkel das Licht der Welt. Samuel, der Sohn von Nik und Lilly, wurde um 23.50 Uhr und Benjamin, der Sohn von Emily und Michael, um 23.55 Uhr geboren. Der erste Schrei der Jungs erschallte fast gleichzeitig durch die Entbindungsstation, wie eine gegenseitige Begrüßung. Die frisch gebackenen Eltern ließen Jack über die Geburt der Babys informieren. Daraufhin erfuhren sie vom Erwachen der Mutter aus dem Koma.

Als Nik gegen zwei Uhr den Kopf durch Suzans Zimmertüre schob, sah er seinen Vater immer noch neben seiner schlafenden Mutter sitzen. Jack blickte auf, als sein Sohn näher kam. Beide umarmten sich ohne Worte.

– 7 –

STATEN ISLAND UNIVERSITY HOSPITAL, JANUAR 1986

Am nächsten Morgen fragte Suzan Jack: „Wann kann ich Samuel und Benjamin sehen?"

Überrascht blickte er sie an. „Woher weißt du ihre Namen?"

„Ich weiß es einfach", erwiderte sie müde."

„Meinst du nicht, dass du ein bisschen zu schwach dafür bist? Sollten wir nicht besser noch etwas warten damit?"

Suzan schüttelte den Kopf.

Jack sah seiner Frau die Erschöpfung an, doch er kannte diesen Blick, der ihm sagte, dass Widerspruch zwecklos war.

„Mal sehen, was sich machen lässt", gab er lächelnd nach.

Am Nachmittag kamen die jungen Eltern mit ihren Babys. Als Suzan ihre Enkelkinder zum ersten Mal sah, spürte sie ein überwältigendes Glücksgefühl. Ohne zu wissen warum, war ihr klar, dass die Kinder eine ganz besondere Rolle in ihrem Leben spielen würden. Das musste einfach der Grund dafür sein, dass der „Boss" ihr die Chance gegeben hatte, zu ihrer Familie zurückzukommen.

Die Tage vergingen, und langsam besserte sich Suzans körperlicher Zustand. Jack war jeden Tag der erste und der letzte Besucher an Suzans Bett.

Als er eines Abends nach der Arbeit ihr Zimmer betrat, sah er sie mit einem Lächeln im Gesicht in ihrem Bett sitzen.

„Ich habe gerade über unsere Enkel nachgedacht. Nun sind wir Großeltern, Jack! Ich kann es noch kaum fassen. Sind sie nicht einfach wundervoll? Was haben wir doch für ein Glück.

Ein dickes Dankeschön, du da oben!"

Er folgte ihrem Blick und meinte: „Du hast Recht. Ich danke Gott, dass alles gut gegangen ist. In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, was wirklich wichtig ist in unserem Leben.

Wie fühlst du dich heute, mein Schatz?"

„Es geht mir eigentlich recht gut. Aber die Glieder tun mir weh. Ich fühle mich etwas steif und mein Hals fühlt sich immer noch komisch an. Das liegt an dem Beatmungsschlauch, den ich fast zwei Monate im Hals gehabt habe, hat man mir gesagt."

Suzan hielt die Hand an ihren Hals und aus heiterem Himmel brach sie plötzlich in Tränen aus. Das Gefühl der Angst der vergangenen Wochen, nicht wieder bei ihrer Familie sein zu können, sie nicht umarmen zu können, für sie da zu sein, überwältigte sie plötzlich.

Jack fragte erschrocken, „was ist mit dir, Liebling? Geht es dir schlechter? Soll ich einen Arzt holen?"

Er wollte aufspringen, doch sie hielt seine Hand fest und schüttelte den Kopf.

„Nein, keinen Arzt", fing sie langsam an. „Ich hatte so große Angst."

„Schatz, es ist alles gut", versuchte er sie zu beruhigen und strich ihr sanft über den Rücken. „Du bist hier bei mir. Du wirst wieder ganz gesund."

Sie sah ihm in die Augen. „Es war furchtbar, Jack! Einerseits war es schön euch bei mir zu haben und eure lieben Worte zu hören. Ich habe gehört, wie du aus der Zeitung vorlesen hast, und habe die Musik gehört, die Emily mir vorgespielt hat. Ich weiß ganz genau, was sie und Nik mir am Tag des Erwachens gesagt haben. Doch meine Versuche, mit dir und den Kindern zu reden, klappten einfach nicht. Ihr konntet meine Worte nicht hören. Sie blieben in mir gefangen. Es war zum Haareraufen. Es klingt seltsam, aber ich bin während des Komas hier durch das Zimmer gewandert. Ich habe ganz normale Tagesabläufe erlebt und vieles mitbekommen, was um mich herum geschehen ist." Suzan machte eine Pause.

Jack wartete ab und hörte ihr weiter aufmerksam zu.

„Ich wollte dir nachgehen, aber es ging einfach nicht. Ich war gefangen in diesem Raum." Wieder eine Pause.

Suzan blickte angestrengt zur Decke und versuchte sich zu erinnern. „Aber da gab es noch einen anderen Ort, an dem ich war. Es hat sich wie ein Traum in einem Traum angefühlt. Da waren Menschen, die mir viel bedeuteten, aber schon lange gestorben sind. Meine Mom, mein Dad und viele andere. Und da war meine Großmutter."

Suzan machte erneut eine Pause, dann fuhr sie fort. „Ich habe den Silvester-Countdown gehört, Jack, ich habe deine Hand gefühlt, ich wollte so sehr zu dir und aufwachen. Aber ich habe das Gefühl, dass es meine Großmutter war, die mir letztendlich dabei geholfen hat wieder zurückzukommen.

Ich weiß, das klingt jetzt alles ein wenig verrückt... ich finde es selber so verwirrend. Meine Großmutter hat mir immer wieder gesagt, ,Wach auf Suzan!' und ich habe gemerkt, wie während ihrer Worte alles zu kribbeln angefangen hat – und dann war ich wach ... und bei Dir!"

Jack, der ihr die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, strich ihr über die Wange und sagte: „Großer Gott, was hast du da nur erlebt?"

„Ich bin verwirrt. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll."

„Deine Großmutter muss dir sehr wichtig gewesen sein.

Seltsam, du hast mir kaum von ihr erzählt. Was ist aus ihr geworden?"

„Wir hatten, nachdem mein Vater gestorben war, keinen Kontakt mehr."

„Wie kam es dazu?"

„Ich weiß es nicht genau. Doch ich vermute, dass es daran lag, dass meine Mutter und meine Großmutter sehr verschieden waren. Sie waren beide wunderbar und wollten sicher beide das Beste für mich. Meine Mutter war sehr bodenständig und realistisch. Das Leben hatte sie gelehrt, dass man es als Frau nicht immer einfach hat und sie wollte mich vor Enttäuschungen schützen. Mit meiner Großmutter wiederum war alles ein großes Abenteuer.