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»Timeless« ist der schönste Zeitreise-Roman seit Jahren
Nacht für Nacht hat die 17-jährige Michele denselben Traum: In einem Spiegelsaal steht sie einem jungen Mann mit saphirblauen Augen, rabenschwarzen Haaren und einem geheimnisvollen Lächeln gegenüber. Kurz bevor sie erwacht, sagt der Fremde stets: »Ich warte auf dich.« Aber als ein furchtbares Unglück Micheles Leben für immer verändert, begegnet sie dem Mann ihrer Träume plötzlich in der Wirklichkeit ...
Als die Mutter der 17-jährigen Michele Windsor bei einem Unfall ums Leben kommt, verliert Michele auf einen Schlag alles, was ihr lieb war: ihre Familie, ihre Freunde, ihre gewohnte Umgebung. Denn sie muss zu ihren Großeltern, die sie nie kennengelernt hat, nach New York ziehen. In deren luxuriösem Appartement fühlt Michele sich verloren – bis sie bei ihren Streifzügen durch die mit Antiquitäten vollgestellten Räume auf das Tagebuch eines ihrer Vorfahren stößt. Was Michele nicht ahnt: Das Tagebuch ist ein magisches Portal in die Vergangenheit. Ehe sie sichs versieht, findet sie sich plötzlich auf einem Maskenball im New York des Jahres 1910 wieder. Dort begegnet sie einem jungen Mann, den sie nur zu gut kennt. Nacht für Nacht blickt sie in seine tiefblauen Augen, ist gebannt von seinem umwerfenden Lächeln – in ihren Träumen. Dass Michele ihm jetzt leibhaftig gegenübersteht, verändert alles. Sie begibt sich auf eine abenteuerliche Reise zwischen Gegenwart und Vergangenheit, um eine unmögliche Liebe wahr werden zu lassen.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2012
ALEXANDRA MONIR
Timeless
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Antoinette Gittinger
Die amerikanische Originalausgabe erscheint unter dem Titel Timeless bei Delacourte Press, New York.
Copyright © 2011 by Alexandra Monir
Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion: Catherine Beck
Umschlagbild: Chad Michael Ward
Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München
Satz: Leingärtner, Nabburg
ePub-ISBN 978-3-641-07640-5V002
www.heyne-fliegt.de
Für meine Eltern
1
Michele stand allein in der Mitte eines Spiegelsaals. Die Spiegel zeigten ein Mädchen, das genau so aussah wie sie, mit dem gleichen kastanienbraunen Haar, der gleichen elfenbeinfarbenen Haut und den gleichen haselnussbraunen Augen. Es trug sogar dasselbe Outfit: dunkle Jeans und ein schwarzes Trägertop. Doch als Michele einen Schritt vortrat, bewegte sich das Mädchen im Spiegel nicht. Und während Micheles eigener Hals nackt war, trug das Spiegelbild einen seltsamen Schlüssel an einer goldenen Kette, einen Schlüssel, wie Michele ihn nie zuvor gesehen hatte.
Es war ein goldener Generalschlüssel, dessen Form der eines Kreuzes glich, aber mit einem kreisförmigen Bogen an der Spitze. In den Bogen war das Bild einer Sonnenuhr eingelassen. Der Schlüssel sah sehr alt und irgendwie weise aus – so als sei er nicht unbeseelt, sondern ein Lebewesen, das Geschichten aus über einem Jahrhundert zu erzählen hatte. Einen Moment lang wurde Michele von dem Verlangen erfasst, den seltsamen Schlüssel durch das Glas hindurch zu berühren. Doch sie spürte nur die kühle Oberfläche des Spiegels, und das Mädchen mit Micheles Gesicht schien sie nicht zu bemerken.
»Wer bist du?«, flüsterte Michele.
Doch das Spiegelbild antwortete nicht, ja, es schien sie nicht einmal gehört zu haben. Michele spürte, wie ihr Gänsehaut die Arme hinaufkroch, und schloss fest die Augen.
Plötzlich wurde die Stille durchbrochen. Jemand pfiff – eine langsame Melodie, bei der sich Micheles Nackenhärchen aufstellten. Sie riss die Augen auf – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich jemand zu dem Mädchen im Spiegel gesellte. Michele stockte der Atem. Sie fühlte sich wie gelähmt, unfähig, irgendetwas anderes zu tun, als ihn durch das Glas hindurch anzustarren.
Seine Augen, deren Farbe tiefblauen Saphiren glich, leuchteten im Wettstreit mit seinem dichten schwarzen Haar. Und obwohl er in ihrem Alter zu sein schien, war er ganz anders gekleidet als die Jungen, die sie kannte. Er trug ein gestärktes weißes Hemd unter einer weißen Seidenweste, eine weiße Krawatte, eine elegante schwarze Hose und schwarze Lacklederschuhe. In den Händen, die in weißen Handschuhen steckten, hielt er einen schwarzen, mit Seide gefütterten Zylinder. Die formelle Kleidung passte zu ihm. Er sah geradezu unwirklich gut aus, viel besser, als sich mit dem Wort »schön« ausdrücken ließ. Während sie ihn beobachtete, empfand Michele einen merkwürdigen Schmerz.
Mit wild klopfendem Herzen starrte sie ihn an, während er lässig seine Handschuhe auszog und sie zusammen mit dem Hut zu Boden fallen ließ. Dann griff er nach der Hand des Mädchens im Spiegel – und zu Micheles Verwunderung spürte sie seine Berührung. Schnell schaute sie nach unten, doch obwohl ihre Hand leer war, fühlte sie, wie sich seine Finger um ihre schlangen – eine Empfindung, die sie erschauern ließ.
Was um alles in der Welt geschah nur mit ihr?
Doch mit einem Mal war Michele keines klaren Gedankens mehr fähig, denn als sie sah, wie sich der Junge und das Mädchen im Spiegel umarmten, spürte sie starke Arme, die sich um ihre Taille legten.
»Ich warte auf dich«, murmelte er mit einem bedächtigen und merkwürdig vertrauten Lächeln, das auf ein Geheimnis zwischen ihnen hinzudeuten schien.
Und zum ersten Mal waren Michele und das Spiegelbild völlig identisch, als sie gleichzeitig flüsterten: »Ich auch.«
Michele Windsor schreckte aus dem Schlaf hoch und schnappte nach Luft. Während sie sich in ihrem abgedunkelten Schlafzimmer umsah, verlangsamte sich ihr Herzschlag, und dann erinnerte sie sich – es war nur DER TRAUM. Derselbe seltsame, aufwühlende Traum, der sie seit Jahren immer wieder verfolgte. Und auch diesmal spürte sie diesen Schmerz der Enttäuschung in der Magengrube, weil sie ihn vermisste – einen Menschen, der nicht einmal existierte.
Als sie das erste Mal von ihm geträumt hatte, war sie noch ein kleines Mädchen gewesen, so jung, dass sie noch keine Ähnlichkeit mit dem Teenager im Spiegel hatte. Damals hatte sie diesen Traum nur selten, ein- oder zweimal im Jahr. Doch mit den Jahren, während sie dem Mädchen im Spiegel immer mehr ähnelte, drangen die Träume mit einer neuen Dringlichkeit in ihr Bewusstsein – so als versuchten sie, ihr etwas zu sagen. Michele runzelte die Stirn, während sie auf ihre Kissen zurücksank, und fragte sich, ob sie es je verstehen würde. Doch rätselhafte Geschehnisse und Geheimnisse waren seit dem Tag ihrer Geburt offenbar ein fester Bestandteil ihres Lebens.
Michele drehte sich auf die Seite, mit dem Gesicht zum Fenster, und lauschte den Wellen, die draußen vor dem Venice-Beach-Bungalow ans Ufer plätscherten. Dieses Geräusch machte sie normalerweise schläfrig, nicht jedoch heute Nacht. Die Saphiraugen wollten ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen. Augen, die sich ihrem Gedächtnis eingebrannt hatten, obwohl Michele sie allein in ihren Träumen gesehen hatte.
»See that I’m everywhere, everywhere, shining down on you …«
Aus Micheles iPod ertönte der pulsierende Hip-Hop-Beat des Lupe-Fiasco-Songs »Shining Down«. Sie lugte unter der Bettdecke hervor und drückte auf die Schlummertaste. Wie konnte es schon Morgen sein? War sie nicht erst vor wenigen Augenblicken wieder eingeschlafen?
»Michele!«, ertönte es aus dem Flur. »Bist du schon auf? Ich habe Pfannkuchen gemacht. Komm, bevor sie kalt werden.«
Michele öffnete die Augen. Schlafen oder Pfannkuchen? Da musste sie nicht lange überlegen. Bei dem Gedanken an die Spezialität ihrer Mutter lief ihr das Wasser im Mund zusammen.
Sie warf sich einen Bademantel über, schlüpfte in ihre flauschigen Pantoffeln und tapste durch das schlicht eingerichtete Haus, bis sie die gemütliche Küche erreichte. Marion Windsor saß wie jeden Morgen da und studierte die neuesten Modeentwürfe in ihrem Skizzenbuch, während sie an ihrem Kaffee nippte. Das knisternde Geräusch einer alten Jazzscheibe, Marions Lieblingsplatte, die von keiner Geringeren als ihrer Großmutter Lily Windsor stammte, drang aus dem altmodischen Plattenspieler.
»Guten Morgen, meine Süße«, begrüßte Marion ihre Tochter und schaute lächelnd von ihrem Skizzenbuch auf.
»Morgen.« Michele beugte sich vor, um ihrer Mutter einen Kuss zu geben, und blickte auf die Skizze, an der sie gerade gearbeitet hatte. Ein langes, fließendes Kleid, das etwas Pocahontahaftes hatte und genau zu den anderen Stücken in der Modelinie ihrer Mutter passte, die sich durch unkonventionelle Eleganz auszeichneten: Marion Windsor Designs.
»Sieht echt gut aus«, sagte Michele anerkennend. Sie ließ sich auf ihrem Stuhl nieder, vor einem Teller mit goldbraun gebackenen Pfannkuchen und einer Schicht Erdbeeren obendrauf. »Und das sieht fast noch besser aus!«
»Bon appétit.« Marion grinste. »Wo wir gerade beim Essen sind: Bist du für heute Mittag schon mit deinen Freundinnen verabredet?«
Michele zuckte die Schultern, während sie genüsslich den Duft der Pfannkuchen einatmete. »Das Übliche, nichts Besonderes.«
»Ich habe heute Nachmittag frei und dachte, ich könnte dich mittags abholen. Wir könnten am Santa Monica Pier Burger essen«, schlug ihre Mutter vor. »Was hältst du davon?«
Michele sah sie von der Seite an. »Du hast immer noch Mitleid mit mir, oder?«
»Was? Nein!«, erwiderte Marion scheinbar entrüstet.
Michele hob eine Augenbraue.
»Okay, ja«, gab ihre Mutter nach. »Du tust mir nicht leid, weil ich weiß, dass es dir ohne ihn viel besser geht. Aber ich kann es nicht ertragen, dich verletzt zu sehen.«
Michele nickte und blickte auf ihren Teller hinunter. Es war mittlerweile zwei Wochen her, seit sich Jason, ihr erster richtiger Freund, am Abend des ersten Schultags von ihr getrennt hatte. »Babe, weißt du, du bist wirklich einsame Spitze«, hatte er gesagt. »Aber es ist mein letztes Schuljahr, und eine Beziehung würde mich nur belasten. Ich will mich einfach ein bisschen austoben, verstehst du?«
Michele hatte es nicht verstanden und musste das elfte Schuljahr mit gebrochenem Herzen beginnen. Was die Sache nicht unbedingt besser machte: In der vergangenen Woche hatte sich herumgesprochen, dass sich Jason mit einer Studentin im zweiten Studienjahr traf, einer gewissen Carly Marsh.
Marion griff über den Tisch nach Micheles Hand und drückte sie. »Süße, ich weiß, wie schwer es ist, den ersten Freund mit einer anderen zu sehen. Es dauert einfach ein bisschen, um darüber hinwegzukommen.«
»Aber ich müsste schon längst drüber hinweg sein«, entgegnete Michele wütend. »Ich meine, er hat doch nie über irgendetwas anderes geredet als Wasserpolo und war ungefähr so romantisch wie ein Zahnstocher. Ich vermisse einfach – ich weiß auch nicht …«
»Dieses Gefühl von tausend Schmetterlingen im Bauch und die Gewissheit, dass es ihm genauso geht?«, schlug Marion vorsichtig vor.
»Ja«, gab Michele kleinlaut zu. »Ja, ich glaube, das ist es irgendwie.«
»Also, ich kann dir versprechen, dass du dieses Gefühl wieder haben wirst, aber mit jemand viel Besserem«, sagte Marion bestimmt.
»Und woher willst du das wissen?«, fragte Michele.
»Weil wir Mütter solche Dinge intuitiv wissen. Wenn du also Jason mit Carly siehst, dann versuch einfach, das Ganze zu ignorieren und daran zu denken, welches Glück du hast, wieder frei für einen Jungen zu sein, der dich wirklich verdient hat!«
Erstaunt musterte Michele ihre Mutter. Es verwunderte sie immer wieder, dass ausgerechnet sie in Bezug auf Micheles Liebesleben so optimistisch war – oder dass sie, nach allem was sie in dieser Hinsicht durchgemacht hatte, noch immer an die Liebe glaubte.
»Ich meine es ernst«, beharrte Marion. »Und in der Zwischenzeit betrachte es doch einfach als Quelle deiner künstlerischen Inspiration!«
»Klar, super Idee!«, befand Michele ironisch. »Lauter deprimierte Songtexte und Gedichte werden aus meiner Feder fließen …«
»Nur zu!«, ermutigte Marion sie lachend. »Du solltest mich mal etwas davon lesen lassen!«
»Sobald ich alles noch mal überarbeitet habe? Geht klar«, antwortete Michele grinsend. »Übrigens: Ich glaube, ich nehme das Angebot von Burgern am Strand an.«
Obwohl sie ziemlich skeptisch war, was die optimistischen Vorhersagen ihrer Mutter bezüglich ihres Liebeslebens betraf, fühlte sich Michele gleich viel besser – wie immer, wenn sie ihrer Mutter das Herz ausgeschüttet hatte. Marion und sie gegen den Rest der Welt: So war es seit ihrer Geburt, und es gab kaum ein Problem, das Marion mit ihrer hartnäckigen Entschlossenheit und ihrem Humor nicht lösen, keinen Kummer, über den sie nicht hinweghelfen konnte.
»Schatz, du siehst ziemlich blass aus«, stellte sie gerade besorgt fest. »Hast du gut geschlafen letzte Nacht?«
»Nicht besonders. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, nachdem ich von Mystery Man geträumt hatte, und dann hat es ewig gedauert, bis ich wieder eingeschlafen bin.«
»Du hast ihn also schon wieder gesehen«, sagte Marion mit leuchtenden Augen. »Erzähl!«
»Mom, ich weiß, dass du die Träume cool findest, aber ich werde diesem Typen nie im echten Leben begegnen«, erinnerte Michele sie. »Deswegen finde ich die ganze Sache ziemlich irritierend.«
»Also, ich finde sie romantisch! Vielleicht sagt dein Unterbewusstsein dir auf diesem Weg, dass du Jason sofort vergessen sollst, weil schon jemand ganz Besonderes auf dich wartet.« Marion schaute auf die Uhr. »Okay, es ist schon halb acht! Du solltest dich schleunigst fertig machen.«
»Bin schon unterwegs, brauche höchstens eine Viertelstunde.« Michele lief in ihr Zimmer und schlüpfte in ein enges weißes T-Shirt, Abercrombie-Jeans mit schmalem Nietengürtel und schwarze flache Schuhe. Sie bürstete sich schnell das Haar, trug Abdeckcreme und Lipgloss auf und warf die Utensilien dann in ihre Umhängetasche.
Marion wartete schon draußen in ihrem Volvo. Als sie Richtung Santa Monica losfuhren, schaltete Marion den CD-Player ein. »Ich möchte dir meine neueste Entdeckung vorspielen«, verkündete sie. »Na ja, das ist vielleicht nicht die richtige Beschreibung, denn die Künstlerin tritt seit Jahrzehnten auf und hat schon einen Grammy gewonnen. Aber ich habe erst vor Kurzem von ihr gehört, und ich glaube, sie könnte meine Lieblingssängerin werden – nach meiner Großmutter natürlich.«
Neugierig wartete Michele auf die ersten Klänge. Ihre Mutter hatte einen speziellen und teilweise ungewöhnlichen Geschmack, sodass Michele nie wusste, was sie erwartete – und diese Musik überraschte sie völlig. Sie war eindringlich und leicht zugleich, fröhlich und schwermütig. Sobald sie die Eröffnungsakkorde der beiden spanischen Gitarren und den brasilianischen Rhythmus vernahm, fühlte sich Michele in ein exotisches Ferienparadies versetzt. Doch als eine Frau mit tiefer, rauchiger Stimme auf Portugiesisch ein an Molltönen reiches Lied sang, wusste Michele sofort, dass es um Schmerz ging. Und dennoch schien der Song eigentlich nicht traurig.
»Nostalgie«, erklärte Marion ungefragt. »Dieses Wort singt sie immer wieder, sodade – es ist das portugiesische Wort für eine so starke Nostalgie, dass wir dafür keine direkte Übersetzung haben.«
»Wow.« Michele griff nach der CD-Hülle und betrachtete das Foto der Sängerin, die in den Sechzigern oder Siebzigern zu sein schien und Cesaria Evora hieß. Schweigend hörten sich Michele und ihre Mutter den Rest des Songs an, und als die Schlussakkorde erklangen, fragte Michele: »Woran denkst du, wenn du das hörst?«
Marion zögerte kurz. »An zu Hause«, sagte sie dann so leise, dass sich Michele fast fragte, ob sie sich verhört hatte.
Sie starrte ihre Mutter an. »Wirklich?«
Aber sie waren gerade vor ihrer Schule vorgefahren, der Crossroads High. Marion antwortete nicht. Sie lächelte ihre Tochter nur an und strich ihr das Haar glatt. »Bis heute Mittag, mein Schatz.«
»Tschüss, Mom.« Michele umarmte sie kurz. »Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich auch. Viel Glück mit … du weißt schon.« Marion schenkte ihr ein bedeutungsvolles Lächeln, bevor sie mit wehendem, goldbraunem Haar davonbrauste.
Michele eilte zu ihrem Schließfach, wo ihre besten Freundinnen schon auf sie warteten. Amanda tippte gerade irgendetwas in ihr iPhone, und Kristen musterte sich kritisch in einem kleinen Spiegel. Sekunden später schlenderten die Mädchen Arm in Arm und ins Gespräch vertieft den Gang entlang zu ihrer Klasse. Michele bemerkte die Blicke, als sie an anderen Schülern vorbeigingen, doch diese Blicke galten in erster Linie ihren Freundinnen. Amanda war der klassische Modeltyp, langbeinig und blond, Kristen war der Star der Fußballmannschaft. Michele musste zugeben, dass die Tatsache, dass sie sowohl mit der Schulschönheit als auch der Starathletin aufgewachsen war, ihr schmerzlich bewusst gemacht hatte, wie durchschnittlich sie im Vergleich dazu war. Insgeheim malte sie sich oft aus, wie es wäre, wenn sie nach den Sommerferien als »neue« Michele zur Schule zurückkehren würde. Aus dem Mädchen von nebenan wäre eine geheimnisvolle, atemberaubende Schönheit geworden, und sie würde endlich den Mut aufbringen, dem Rat ihrer Mutter zu folgen, und ihre Liedtexte Plattenlabels und Sängern vorlegen – und über Nacht eine bekannte Songschreiberin werden.
»Hey, Erde an Michele!« Amanda fuchtelte mit der Hand vor Micheles Gesicht herum. »Hast du überhaupt gehört, was ich gerade gesagt habe?«
Michele zuckte kurz zusammen und lächelte ihre Freundin verlegen an. Sie musste wirklich mit den Tagträumereien in der Öffentlichkeit aufhören.
»Nein, war gerade woanders, tut mir leid. Was denn?«
»Ich hab gefragt, ob deine Mom schon eine Idee für unsere diesjährigen Halloween-Kostüme hat.«
»Oh, stimmt, das hätte ich fast vergessen. Sie geht heute Nachmittag mit mir Burger essen, dann frage ich sie danach. Aber es ist ja noch einen Monat hin, oder?«
»Ich weiß, aber da wir dieses Jahr eine Party geben, müssen wir besonders tolle Kostüme haben«, sagte Amanda wichtigtuerisch. »Ich meine, die Leute erwarten inzwischen eine Menge von den Entwürfen deiner Mutter.«
Michele kicherte. »Okay, mach dir keine Sorgen. Du weißt ja, sie bekommt das hin, jedes Mal wieder.«
Seit sie klein waren, hatten die drei Mädchen ihre Kostüme aufeinander abgestimmt; Marion hatte sie immer entworfen und genäht. Von ihren »Süßes oder Saures«-Feldzügen als Kinder bis zu den ersten Halloween-Partys – Michele liebte das Gefühl der Zusammengehörigkeit, wenn sie und ihre besten Freundinnen in ihren wunderschönen Kostümen gemeinsam durch die Nacht zogen.
Gerade als es zum letzten Mal klingelte, eilten die drei Mädchen in die Klasse. In der ersten Stunde stand Wirtschaft auf dem Stundenplan, ein Fach, in dem Schüler der elften Klasse gemeinsam mit Schülern des Abschlussjahrs unterrichtet wurden. Als sich Michele setzte, sah sie unwillkürlich zu Jason hinüber. Beim Anblick seines dunkelblonden Haars und der braunen Augen, die demonstrativ an ihr vorbeisahen, meldete sich der vertraute Schmerz irgendwo zwischen Magengrube und Herz, doch sie versuchte ihn zu ignorieren.
»Guten Morgen«, begrüßte Mrs. Brewer die Klasse. »In Übereinstimmung mit unserem Thema Handelsgeschichte werden wir uns heute mit einem der größten Kaufleute in der amerikanischen Geschichte befassen.«
Michele erstarrte. Leider war sie sich ziemlich sicher, von wem Mrs. Brewer da sprach.
»August Charles …« Michele spürte, wie sich ihr ganzer Körper anspannte, wie jedes Mal, wenn dieser Name fiel.
»Windsor«, sagte Mrs. Brewer. »Aus der berühmten Familie Windsor. Er war Amerikas erster Multimillionär. August Charles wurde 1760 als Sohn einer armen niederländischen Familie geboren, war jedoch von Kindesbeinen an für seinen brillanten Verstand und seinen glühenden Ehrgeiz bekannt. Mit einundzwanzig stieg er in den Pelzhandel ein – der Grundstein seines späteren sensationellen Wohlstands, den er sich durch Handel und Immobilien erwarb. Seine Nachkommen brachten das Imperium noch weiter voran, indem sie zu Geschäftsführern des neu entstehenden Unternehmens der New Yorker Eisenbahn wurden …«
Mrs. Brewers Stimme schien leiser und leiser zu werden, während sich Michele umschaute und ihre Klassenkameraden betrachtete, von denen einige zuhörten und sich Notizen machten, der Rest jedoch eindeutig mit den Gedanken abschweifte. Doch keiner von ihnen hätte wohl je geglaubt, dass Michele Windsor, ihre Mitschülerin an der Crossroads High, eine Nachfahrin dieser Familie war.
Marion sagte oft, dass ihre Geschichte eine Warnung für alle Erbinnen von Manhattan sei und dass Privilegien immer mit einer Schattenseite einhergingen, die nur wenige zu sehen vermochten. Ihre Nachbarn in der ruhigen Stadt Venice Beach in der Nähe von Los Angeles hielten Marion und Michele Windsor für das Paradebeispiel einer alleinerziehenden Mutter mit Tochter, ohne auch nur im Entferntesten an eine Verbindung mit der berühmten, an der Ostküste lebenden Familie gleichen Namens zu denken. Und genau das gefiel Marion: die Anonymität.
Während Micheles Tanten, Onkel und Großeltern in New York ein Leben voller Glamour und Luxus führten, die Sommer in Europa verbrachten und Einladungen zu Dinnerpartys im Weißen Haus und zu Premieren am Broadway erhielten, kämpften Marion und Michele, um mit Marions bescheidenem, mit Kleiderentwürfen verdientem Einkommen über die Runden zu kommen. Mit einem Job als Kellnerin verdiente sich Michele ein bisschen Taschengeld dazu.
Während der oft schmerzlichen Tage der Kindheit, in denen nie genug Geld da gewesen war, um mit ihren Freundinnen ins Zeltlager zu fahren oder coole Klamotten und den neuesten Technikschnickschnack zu kaufen, wäre es leicht gewesen, verbittert zu reagieren. Doch Michele wusste schon früh, dass sie kein Recht hatte, sich zu beklagen, denn sie wäre nie geboren worden, wenn Marion nicht »im Exil« gelebt hätte.
Als Michele alt genug war, um die ganze Geschichte zu verstehen, hatte Marion sie ihr erzählt – ein einziges Mal nur. Es war eine Geschichte, die sich Michele unauslöschlich eingeprägt hatte, eine, deren Details sie sich sofort ins Gedächtnis rufen konnte, ohne ihrer Mutter je wieder den Schmerz bereiten zu müssen, das Thema zur Sprache zu bringen.
Im Jahr 1991 hatte sich die sechzehnjährige Erbin Marion Windsor in Henry Irving verliebt, einen Neunzehnjährigen aus der Bronx. Die beiden lernten sich in einem Fotografiekurs im Museum of Modern Art kennen, und Marion war auf Anhieb von Henry fasziniert. »Er war so … völlig anders als all die Jungen, die ich sonst kannte. Es war, als käme er aus einer anderen Welt. Alles an ihm, selbst sein Name, schien mir besonders und einzigartig zu sein.«
Michele erinnerte sich, wie ihre Mutter schon an dieser Stelle innegehalten, schwer geschluckt und ein paarmal tief Luft geholt hatte, so als nehme sie all ihren Mut zusammen, um überhaupt weitererzählen zu können.
»Er wohnte allein – seine Eltern waren weit weg –, was ihn viel älter und reifer erscheinen ließ. Ich hatte mich so an die schlampigen Jungs der späten Achtziger und frühen Neunziger gewöhnt, mit ihren tief sitzenden weiten Hosen, den hängenden Schultern und der nachlässigen Art, mit der sie uns Mädchen behandelten. Als ich dann Henry an diesem ersten Tag im Kurs kennenlernte, stand er aufrecht da, war gut angezogen und nahm tatsächlich seine Mütze ab, als er sich mir vorstellte – ganz wie ein Gentleman. Ich war auf der Stelle Feuer und Flamme.«
Im Verlauf des Kurses verliebte sich Marion in den Ausdruck völliger Konzentration, mit dem Henry einen Druck studierte, in die Art, wie er die Schönheit und Einzigartigkeit von Objekten und Schauplätzen zu erkennen vermochte, denen sonst niemand Beachtung schenkte. Er betrachtete die Welt auf eine ganz eigene Weise, die Marion zu ihm hinzog, als wäre er ein Magnet.
»Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen, also habe ich mir eines Tages ein Herz gefaßt und mich im Unterricht neben ihn zu setzen. Und weißt du, das war genau der Tag, an dem der Lehrer uns Gruppenarbeit machen ließ«, hatte Marion ihrer Tochter mit leicht zittriger und ungewohnt dunkler Stimme erzählt. »Nach der Hälfte des Unterrichts war mir irgendwie klar, dass er genauso begeistert von mir war wie ich von ihm. Er bat mich um meine Telefonnummer, und am darauffolgenden Samstagabend hatten wir unser erstes Date.«
Die Beziehung wurde bald ernster, und als sich Henry in sie verliebte, konnte Marion ihr Glück kaum fassen. Doch ihre konservativen, strengen Eltern hielten den Jungen aus dem Arbeiterviertel für eine inakzeptable Wahl für ihre einzige Tochter.
»Zuerst dachten sie, es sei nur eine Schwärmerei, die vorübergehen würde. Deswegen haben sie mir, obwohl sie die Sache missbilligten, nicht verboten, mit ihm auszugehen. Während meiner letzten beiden Jahre auf der Highschool waren wir zusammen. Doch in der Abschlussklasse zwangen meine Eltern mich, zu Verabredungen mit Söhnen ihrer Freunde und zu diesen lächerlichen Debütantinnenpartys zu gehen, damit ich Jungs kennenlernte, die ihren Vorstellungen entsprachen. Henry und ich wussten beide, dass mein Nachname mir immer mehr zur Falle werden würde, und uns war klar, was das hieß.«
Als Marion achtzehn wurde und die Highschool fast hinter sich hatte, beschloss Henry, das Problem zu lösen – indem er ihr einen Antrag machte. Er wollte ein gemeinsames Leben mit ihr wagen. Marion hatte immer gewusst, dass er der Richtige für sie war, und nahm den Antrag entzückt an.
»Ich erwartete nicht, dass meine Eltern glücklich darüber wären … aber nie hätte ich mir vorstellen können, dass sie so entsetzt reagieren würden, als ich ihnen die Neuigkeit eröffnete«, hatte Marion gesagt, und bei der Erinnerung daran hatte sich ihr Blick verfinstert. »Mom hat die ganze Nacht geweint, und Dad hat getobt, dass ich die letzte Nachfahrin einer jahrhundertealten Familie sei und eine Ehe mit Henry dem Namen Windsor Schande bringen würde. Da ich keine Brüder hatte, erwartete man von mir, dass ich einen Geschäftsmann heiratete, der das Windsor-Empire leiten könnte, jemanden aus einer Familie, die zum alten Geldadel gehörte und dabei helfen würde, den Windsors weiterhin die Herrschaft über die Society von Manhattan zu sichern.« Überflüssig zu sagen, dass Henry keiner dieser Erwartungen entsprach. Doch Marion liebte ihn und weigerte sich, ihn aufzugeben.
»Das wird nie funktionieren mit euch beiden. New York wird es nicht akzeptieren, und wir auch nicht«, hatte Marions Mutter erklärt.
Und so hatten Marion und Henry beschlossen, dass ihnen keine andere Wahl blieb, als New York zu verlassen … und die Windsors. Wie hätte sich Marion mit gerade mal achtzehn Jahren auch nur vorstellen sollen, den Rest ihres Lebens ohne den Menschen zu verbringen, den sie am meisten auf der Welt liebte? Henry hatte durch seinen Teilzeitjob ein bisschen Geld gespart, und ein Freund aus dem Fotografiekurs, der vor Kurzem nach Los Angeles gezogen war, bot ihnen an, bei ihm zu wohnen, bis sie eine eigene Bleibe gefunden hätten. Und so schmiedeten Henry und Marion Pläne für ein neues Leben an der Westküste.
Am Abend des 10. Juni 1993, dem Tag nach ihrem Highschool-Abschluss, packte Marion unbemerkt von den Hausangestellten ihre wichtigsten Habseligkeiten in einen Rucksack und wartete dann nervös darauf, dass ihre Eltern endlich zu einer Dinnerparty aufbrachen. Eine halbe Stunde, nachdem sie das Haus verlassen hatten, holte Henry sie ab.
Marion sah sich ein letztes Mal in dem wunderschönen Schlafzimmer um, in dem sie achtzehn Jahre lang jeden Tag aufgewacht war, und schlich dann durchs Haus. Im Salon ihrer Mutter im zweiten Stock kritzelte sie eine hastige Nachricht auf einen Zettel, eilte zur Haustür hinaus und in Henrys Arme.
An Los Angeles mussten sie sich erst gewöhnen, denn Marion und Henry hatten beide Heimweh und fühlten sich in Kalifornien fehl am Platz. Trotz der Konflikte mit ihren Eltern vermisste Marion sie und hatte mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Doch kein einziges Mal äußerten sie oder Henry Zweifel an ihrer Entscheidung. »Wir wussten immer, dass es das Richtige war. Und sobald wir in unsere eigene Wohnung zogen, war es genau das, was ich mir immer unter häuslichem Glück vorgestellt hatte«, erinnerte sich Marion mit einem traurigen Lächeln. »Er war so brillant, dass ich ihn ermutigte, einen unbezahlten Assistentenjob bei einem Physikprofessor an der University of California anzunehmen, um dafür kostenlos Kurse am College besuchen zu können. Er arbeitete bis spätabends, während ich in einer Bar kellnerte, aber wir waren jung und verliebt und hatten vor, nach Vegas zu gehen, um dort zu heiraten, sobald wir genügend Geld für die Reise beisammen hätten. Wir hatten einfach das Gefühl, dass wir alles haben, tun oder sein konnten – solange wir nur zusammen waren.«
Doch nur wenige Wochen später verwandelte sich der Traum in einen Albtraum. Marion kam von einer Spätschicht nach Hause, und Henry war nicht da. Als er schließlich auftauchte, wirkte er zerstreut und verstört, als befände er sich in einer anderen Welt. Er umarmte und küsste sie zwar wie immer – doch ohne sie wirklich zu sehen. Als Marion ihn fragte, was los sei, schenkte er ihr ein verkrampftes Lächeln und behauptete, einfach nur müde zu sein. »Es war, als beschäftige ihn etwas, über das er nicht mit mir reden konnte.«
Am nächsten Tag fand Marion die Wohnung wieder leer vor. Zuerst machte sie sich wenig Gedanken darüber, nahm einfach an, dass er lange zu tun hatte. Doch dann kam er überhaupt nicht mehr nach Hause.
In Panik rief Marion alle nur erdenklichen Leute an – seinen Chef, den Freund, bei dem sie nach ihrer Ankunft in Los Angeles gewohnt hatten, Menschen, mit denen sie während ihrer kurzen Zeit in Kalifornien Bekanntschaft gemacht hatten – doch keiner hatte irgendetwas von ihm gehört. Sie rief die Polizei an und alle Krankenhäuser in der Umgebung, doch er schien spurlos verschwunden zu sein.
Während Marion versuchte, nicht in Hysterie zu verfallen, hörte sie plötzlich das schrille Läuten des Telefons. Sie sprang auf und hob ab, sicher, dass es Henry sein musste. Als sie stattdessen die Stimme seines Chefs hörte, des exzentrischen Physikprofessors Alfred Woolsey, wurde ihr das Herz schwer.
»Nein, er ist heute nicht zur Arbeit erschienen«, hatte Alfred langsam gesagt. »Aber … ich wollte Sie wissen lassen, Marion, dass ich fest glaube, dass mit ihm alles in Ordnung ist.«
»Aber wo ist er?«, fragte Marion mit lauter werdender Stimme. »Wie in aller Welt wollen Sie wissen, dass mit ihm alles in Ordnung ist?«
»Ich weiß nicht, wo er ist«, entgegnete Alfred voller Bedauern. »Aber … ich glaube, Sie sollten wissen, dass Ihre Eltern gestern in meinem Büro angerufen haben, um mit ihm zu sprechen. Sie haben fast eine Stunde miteinander gesprochen, und nach dem Telefonat schien Henry … nun ja, irgendwie verändert.«
Marion stockte der Atem. Ihre Eltern hatten ihn angerufen? Ihre eigenen Eltern hatten vielleicht etwas mit seinem Verschwinden zu tun? Sie beendete das Telefonat mit Alfred so schnell wie möglich und nahm kaum wahr, dass er noch sagte, Henry habe etwas für sie in seinem Büro hinterlassen.
»Ich habe Mom und Dad sofort angerufen … und sie haben zugegeben, dass sie Henry eine Million Dollar angeboten hätten, und zwar dafür, die Verlobung mit mir zu lösen. Aber sie haben gesagt, er habe ihr Angebot abgelehnt, und sie seien fast erleichtert, weil sie wegen der ganzen Sache große Schuldgefühle hätten.« Marion schnaubte verächtlich. »Ich weiß, dass sie gelogen haben. Sie waren fähig, ihm dieses abscheuliche Angebot zu machen, also waren sie auch fähig, die Sache durchzuziehen und zu lügen, um sich in ein besseres Licht zu rücken. Ich weiß, dass er mich deswegen verlassen hat. Meine Eltern haben vielleicht gedacht, ich würde danach wieder nach Hause kommen, aber die Sache hat nur dazu geführt, dass ich endgültig mit ihnen gebrochen habe.«
Zwei Wochen später entdeckte Marion, noch tief erschüttert vom Betrug ihres Verlobten und ihrer Eltern, dass sie schwanger war. Henry hatte nicht nur sie verlassen – ihr Kind würde ohne Vater aufwachsen.
»Ich muss zugeben, dass ich am absoluten Tiefpunkt angelangt war. Aber dann wurde mir bewusst, dass ich alles verloren hatte – meinen Verlobten, meine Familie, mein Zuhause –, und jetzt gab Gott mir etwas, für das es sich zu leben lohnte«, hatte Marion gesagt und Micheles Hand genommen. »Es gab einen Grund für all diesen Schmerz. Vielleicht musste ich Henry Irving kennenlernen und mich in ihn verlieben, um dich auf die Welt zu bringen. Und als ich dich sah, war es Liebe auf den ersten Blick. Ich schwor mir, dass ich dir eine gute Mutter sein würde. Ich würde al-les sein, was dein Vater und deine Großeltern nicht sein konnten.«
Und Marion hielt Wort. Sie war mehr als eine Mutter – sie war für Michele fast wie eine beste Freundin. Wann immer Michele Freunde zu Hause besuchte und die traditionelle Familie mit zwei Elternteilen und Großeltern erlebte, machten die üblichen Spannungen zwischen Eltern und Kindern es ihr leicht, daran zu glauben, dass sie das bessere Los gezogen hatte.
Nach Henry war Marion keine ernsthafte Beziehung mehr eingegangen. Sie hatte sich voll und ganz in die Rolle als Mutter und Designerin gestürzt und schien darin Erfüllung gefunden zu haben. Man könnte also sagen, dass sich die Gesamtsituation überraschend gut entwickelt hatte. Dennoch war es schmerzlich für Michele, von den berühmten Windsors zu lesen oder zu hören. Während sie für andere Menschen den amerikanischen Traum verkörperten, sah Michele sie so, wie sie wirklich waren: gefühlskalte, herrische Menschen, die beinahe ihre Mutter zerstört hätten.
Kaum war ihre Mutter mit ihrer Geschichte fertig gewesen, hatte Michele die Frage gestellt, die sie am meisten beschäftigte: »Wie … wie bist du bloß jemals damit fertiggeworden? Wolltest du nicht am liebsten sterben?«
Marion hatte Michele an den Schultern gepackt und ihr fest in die Augen gesehen: »Hör mir zu, Michele! Nichts im Leben kann dich jemals zerstören, das kannst nur du selbst. Allen Menschen passieren furchtbare Dinge, aber du kannst in einem solchen Moment nicht einfach zusammenbrechen und sterben. Du musst dich wehren. Tust du das nicht, bist du diejenige, die letzten Endes verliert. Aber wenn du weitermachst und kämpfst, wirst du gewinnen. So wie ich mit dir gewonnen habe.«
Obwohl sie noch ein Kind gewesen war, hatte Michele in diesem Moment gewusst, dass ihre Mutter stärker war als alle anderen. Dass sie etwas Besonderes war.
»Michele? Michele!«
Michele fuhr hoch. Ihre Lehrerin sah sie streng an.
»Mal sehen, ob du aufgepasst hast«, sagte Mrs. Brewer. »Wie heißt die Familie, die zum größten Rivalen der Windsors wurde, sowohl in wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher Hinsicht, und warum wurde sie das?«
»Die Familie Walker«, ratterte Michele automatisch herunter. »Sie waren die Haupteigner bei einigen der Eisenbahn-Unternehmen, auf die es die Windsors abgesehen hatten. Und die Frauen der beiden Familien versuchten immer, sich bei gesellschaftlichen Anlässen gegenseitig die Show zu stehlen.«
Mrs. Brewer zog die Augenbrauen hoch, eindeutig überrascht über diese Antwort. »Das stimmt«, sagte sie dann langsam.
Kristen schaute zu Michele hinüber, und die beiden wechselten einen vielsagenden Blick. Kristen war diejenige, die Michele von den Walkers erzählt hatte. Sie und Amanda waren die einzigen Freundinnen, die Micheles Geheimnis kannten. Neugierig, etwas über ihre berühmte Familie zu erfahren, hatten die beiden ihr bei der Recherche geholfen. Doch sie hüteten das Geheimnis wie ihr eigenes. Niemand aus der Schule hätte sich je vorstellen können, dass Michele Windsor aus einer adligen und reichen Familie stammte.
2
Als ein paar Stunden später die Glocke zur Mittagspause läutete, sprang Michele von ihrem Stuhl hoch, erleichtert, dass sie die Mathestunde hinter sich hatte. Mathematik war eindeutig nicht ihr Ding, und schon gar nicht Infinitesimalrechnung. Sie warf Buch und Heft in ihre Tasche, eilte aus dem Klassenzimmer und in Richtung Ausgang. Marion war noch nicht da, und Michele setzte sich auf eine Bank und wartete. Freunde kamen auf dem Weg zum Mittagessen an ihr vorbei, blieben stehen, um Hallo zu sagen und den neuesten Klatsch zu erzählen.
Zehn Minuten später war von ihrer Mutter noch immer nichts zu sehen. Michele zog ihr Handy aus der Tasche und wählte Marions Nummer, landete jedoch bei der Mailbox. Als sie gerade eine Nachricht hinterlassen wollte, wurde sie von einem Polizeiauto abgelenkt, das vor der Schule vorfuhr. Michele starrte den Polizisten an, der mit ernstem Gesicht aus dem Wagen stieg. Neugierig fragte sie sich, welcher ihrer Klassenkameraden in Schwierigkeiten stecken mochte.
Der Polizist schaute sie an, warf dann einen Blick auf etwas, das er in der Hand hielt, und schaute sie erneut an. Voller Angst sah sie, dass er nun direkt auf sie zuhielt. Er wird nur fragen, ob ich Informationen über jemanden oder etwas habe, beruhigte sie sich und rutschte nervös auf der Bank hin und her. Als der Polizist näher kam, konnte sie ihre Fantasie kaum länger im Zaum halten. Bilder von Drogen, die jemand in ihrem Schließfach deponiert hatte, und ähnliche Szenarien schossen ihr durch den Kopf, doch sie versuchte ruhig zu bleiben.
»Hallo. Sind Sie Michele Windsor?«, fragte der Polizist, ein rotgesichtiger Mann in mittlerem Alter.
Zittrig nickte Michele und stand auf. Sie erschauderte bei dem Gedanken, dass ihre Mutter wohl jeden Moment bei der Schule vorfahren würde, nur um zu sehen, dass sie von einem Polizisten verhört wurde.
Sanft legte er ihr die Hand auf die Schulter. »Ich fürchte, ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Sie sollten sich besser hinsetzen.«
Michele erstarrte. Sie stolperte zurück auf die Bank und schaute vom Polizisten zum Schulparkplatz, hin- und hergerissen zwischen dem verzweifelten Bedürfnis, herauszufinden, was los war, und dem gleichermaßen verzweifelten Bedürfnis, wegzulaufen.
»Ich komme gerade aus dem Santa Monica Hospital«, fuhr er ruhig fort. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Mutter heute Morgen um Viertel nach acht in einen Autounfall verwickelt wurde. Ein anderer Fahrer ist mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren, hat eine rote Ampel übersehen und ist mit dem Wagen Ihrer Mutter zusammengeprallt. Es tut mir leid, aber … sie hat es nicht überlebt.«
»Was?«, fragte Michele verständnislos. Sie musste sich verhört haben.
»Ihre Mutter ist« – der Polizist schaute betreten zu Boden – »tot.«
Nein. Nein, nein, nein, nein, nein, nein. Verzweifelt schüttelte Michele den Kopf und sprang von der Bank hoch. Die Abschiedsworte ihrer Mutter klangen ihr noch in den Ohren. »Bis heute Mittag, mein Schatz.«
»Nein!«, keuchte Michele. »Das ist unmöglich. Sie haben die Falsche erwischt. Ich hab meine Mom heute Morgen noch gesehen; sie hat mich hier abgesetzt, und sie wird jede Minute hier sein, um mich zum Mittagessen abzuholen …« Aufgeregt schaute sie sich um, wollte den Volvo durch Willenskraft dazu bringen, vor der Schule vorzufahren. »Sie werden sehen, sie wird jeden Moment da sein!«
»Miss Windsor, ich verstehe, dass dies ein entsetzlicher Schock ist«, sagte der Polizist mit ernster Stimme. »Sie hatte den Unfall, direkt nachdem sie Sie hier abgesetzt hat. Ich wünschte, es wäre anders, aber … Wir wurden sofort zur Unfallstelle gerufen, zusammen mit einem Krankenwagen. Alle haben ihr Bestes getan, aber wir haben es nicht geschafft, die beiden Fahrer wiederzubeleben. Wir haben die Brieftasche Ihrer Mutter in ihrer Handtasche gefunden, und so habe ich Sie ausfindig gemacht.« Er reichte ihr den Gegenstand, den er in der Hand hielt – Marions verblichene Lederbrieftasche mit Micheles Schulfoto, das aus einer der Klappen hervorschaute.
Während sie ungläubig auf die Brieftasche starrte, stand sie auf einmal völlig neben sich. Ihr wurde schwindlig, schwarz-weiße Punkte tanzten ihr vor den Augen, und das einzige Geräusch, das sie wahrnahm, war ein scheußliches Klingeln in den Ohren.
»Das ist nicht wahr.« Sie schluckte, kämpfte gegen die aufsteigende Gallenflüssigkeit an.
Der Polizist versuchte, sie zu trösten, doch Michele stieß ihn von sich. Wenn sie nur von der Schule wegkommen könnte … wenn sie ihre Mom finden und alles in Ordnung bringen könnte … Doch als sie versuchte wegzulaufen, hatte sie das Gefühl, als würde die Erde unter ihr beben. Mit einem Schrei fiel sie auf den Asphalt. Und alles wurde schwarz.
»Michele?«, fragte eine zaghafte Stimme.
Michele, die im Bett lag, antwortete nicht und hielt die Augen geschlossen. Es war der zehnte Tag nach Marions Beerdigung, und Michele verbrachte ihn so, wie sie seither alle Tage verbracht hatte: verkrochen im Gästezimmer in Kristens Haus. Sie konnte ihr eigenes Zuhause nicht betreten, konnte es nicht ertragen, es jetzt, nach Marions Tod, zu sehen. Ihre Freundinnen hatten ihr ein paar Sachen von dort geholt, und jeden Tag hatte sie Besuch, doch nichts linderte den unerträglichen Schmerz. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte Michele kaum etwas gegessen und kaum ein Wort gesagt. Sie hatte fast zehn Pfund abgenommen und wusste, dass ihr Verhalten allen Angst machte. Kristens Eltern hatten sie sogar angefleht, sie zum Cedars-Sinai Medical Center bringen zu dürfen, doch Michele weigerte sich. Sie wollte nicht, dass es ihr besser ging. Sie wollte nur ihre Mom zurück.
»Michele?«, wiederholte Kristen noch einmal.
Widerstrebend öffnete Michele die Augen, drehte sich auf die Seite und sah Kristen an. Amanda war ebenfalls da. Die beiden hatten dunkle Ringe unter den Augen.
»Es tut mir wirklich leid, aber Miss Richards ist hier, und sie besteht darauf, dich zu sprechen«, sagte Kristen verlegen. »Sie hat Neuigkeiten … Ich muss sie reinlassen.«
Michele vergrub das Gesicht im Kissen. Miss Richards, eine Sozialarbeiterin, war nach Marions Tod in Micheles Leben getreten, angeblich um dem Gericht bei der Entscheidung zu helfen, wo Michele von nun an leben sollte. Weil ich jetzt eine Waise bin.
In den vergangenen zwei Wochen hatte Michele unzählige Male über diese Worte nachgedacht, doch sie kamen ihr immer noch unwirklich vor.
»Ich werde nicht bei euch bleiben, stimmt’s, Kristen?«, fragte Michele müde.
Kristen war den Tränen nahe. »Du weißt, dass wir das möchten! Meine Eltern sind bereit, sofort die Vormundschaft für dich zu übernehmen.«
»Meine auch«, fügte Amanda hinzu und setzte sich neben Michele aufs Bett. »Aber die Entscheidung liegt nicht bei uns … Das weißt du.«
Michele antwortete nicht, und wenige Augenblicke später stand Kristen auf, um die Sozialarbeiterin hereinzulassen. Miss Richards, eine zierliche Frau mit lockigem braunen Haar und sanften Augen, betrat das Zimmer und zog einen Stuhl neben Micheles Bett. Beklommen setzten sich Amanda und Kristen ans Fußende.
»Wie fühlst du dich, Liebes?«, fragte Miss Richards.
Michele machte sich nicht die Mühe, diese Frage zu beantworten.
Miss Richards griff in ihre Aktentasche und zog Micheles Akte heraus. »Ich habe gute Nachrichten für dich.«
»Ich werde bei Kristen oder Amanda leben?«, fragte Michele.
»Äh … nein. Die gute Nachricht ist, dass der Gerichtsanwalt und ich Kontakt mit den Vormunden aufgenommen haben, die deine Mutter in ihrem Testament genannt hat, und sie wollen dich sofort bei sich aufnehmen. Ich habe hier einen Brief von ihnen.«
»Was?« Michele setzte sich auf. »Welche Vormunde? Ich habe nicht gewusst, dass meine Mom jemanden ernannt hat, und wenn, dann bestimmt Amandas oder Kristens Eltern.«
»Das Testament war eindeutig, und es wurde kein alternativer Vormund benannt. Nur Marions Eltern, Walter und Dorothy Windsor.«
»Was?«, stießen Michele, Amanda und Kristen gleichzeitig hervor.
Micheles Gedanken überschlugen sich, und zum ersten Mal seit Wochen spürte sie noch etwas anderes als Schmerz.
»Das muss ein Irrtum sein«, sagte sie mit zittriger Stimme. »Meine Mutter hatte keinen Kontakt zu ihren Eltern, schon vor meiner Geburt nicht mehr. Sie haben meinen Dad weggejagt. Ich habe sie noch nie im Leben gesehen! Es kann gar nicht sein, dass sie ihnen die Vormundschaft …«
»Ich erlebe so etwas nicht zum ersten Mal«, unterbrach Miss Richards sie. »Oft hat eine Mutter oder ein Vater nicht die beste Beziehung zu den eigenen Eltern, ist aber dennoch der Meinung, dass sie die richtigen Personen sind, um für ihr Kind zu sorgen, falls ihnen etwas passieren sollte.«
»Das kann nicht sein.« Ungläubig schüttelte Michele den Kopf. »Ich muss doch nicht wirklich zu ihnen, oder? Sie können mich nicht zwingen.«
»Da du noch minderjährig bist, unterstehst du der Kontrolle der Familiengerichte«, sagte Miss Richards vorsichtig. »Das Testament anzufechten bedeutet in diesem Fall, dass du zuerst mindestens drei Monate lang bei den Windsors leben musst. Aber ich muss dich warnen: Selbst danach könnte es ein langwieriger Prozess werden, die Sache anzufechten. Da du fast siebzehn bist, ist es wahrscheinlich besser, wenn du es bei deinen Großeltern aushältst, bis du achtzehn wirst.«
»Warten Sie … Michele muss also nach New York ziehen?«, fragte Amanda fassungslos.
»Ja.« Miss Richards reichte Michele einen FedEx-Umschlag. »Ich kann es nicht erklären, aber das war Marions Wunsch.«
Michele starrte einen Moment lang das schmale Päckchen an und riss es dann auf. Innen steckte ein cremefarbener Umschlag mit ihrem Namen, geschrieben in ausgefallener Schönschrift. Der Absender war mit einem Stempel aufgedruckt: Windsor Mansion, 790 Fifth Avenue, New York, NY 10022.
30. September 2010
Liebe Michele,
ich kann kaum glauben, dass dies nun unser erster Briefkontakt ist. Ich habe jeden Tag an dich gedacht und mir Gedanken über dich gemacht. Auch wenn wir am Leben des jeweils anderen nicht teilhatten, waren du und deine Mutter immer in meinem Herzen wie auch in dem deines Großvaters. Wir wünschten so sehr, zwischen uns wäre es anders gelaufen.
Wir sind zutiefst erschüttert über Marions Tod. Wir haben uns so große Sorgen gemacht, wie du ohne deine Mutter zurechtkommst, und waren erleichtert zu erfahren, dass Marion uns in ihrem Testament zu deinen Vormunden ernannt hat. Deswegen haben wir in deinem Namen ein Bewerbungsschreiben bei der Berkshire Highschool eingereicht, eine der besten Privatschulen des Landes. Sie war die Alma Mater von Marion und im Lauf des letzten Jahrhunderts auch von den meisten anderen Mädchen der Windsors.
Wir möchten, dass du so bald wie möglich nach New York kommst. In dieser schmerzlichen Zeit wird es der einzige Lichtblick in meinem und dem Leben deines Großvaters sein, dich kennenzulernen und bei uns zu haben.
In Liebe
Dorothy Windsor
Dreimal las Michele den Brief und wartete darauf, dass die Worte ihr real vorkamen. Meinte ihre Großmutter, was sie geschrieben hatte? Und warum hatte Marion ihre Eltern als Micheles Vormunde ausgewählt? Sie musste gewusst haben, dass Michele versuchen würde, dagegen anzugehen.
Miss Richards brach das lange Schweigen. »Ich weiß, dass es nicht das ist, was du wolltest, Michele. Ich weiß, dass es viel verlangt ist, deine Schule, deine Freunde und dein Zuhause zu verlassen. Aber denk an Folgendes: Du wirst in demselben Haus wohnen, in dem deine Mutter aufgewachsen ist. Mr. und Mrs. Windsor haben mir gesagt, dass du Marions altes Schlafzimmer bekommst und auf ihre Schule gehen wirst. Vielleicht hat deine Mom ihre Eltern ausgewählt, damit du auf diese Weise mit ihr verbunden bleibst.«
Michele schwieg und ließ Miss Richards Worte sacken. Ihr größter Wunsch war es zu spüren, dass ihre Mutter wieder bei ihr war. Was, wenn dies der Weg dazu war?
Plötzlich wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrer letzten Autofahrt mit Marion, als sie den Song über Nostalgie gehört hatten: »Sodade.«
»Woran denkst du dabei?«
