Tina-geht auch anders. - Michael Fettig - E-Book

Tina-geht auch anders. E-Book

Michael Fettig

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Beschreibung

Tina, oder "There is no alternative" steht für ein Wirtschaftsverständnis, das außer Kosten-Nutzenerwägungen keinen Platz für andere Handlungsmöglichkeiten läßt. Neben geschäftlichen Beziehungen geraten zwischenmenschliche Kontakte immer stärker in den Blick dieses Bewertungsmusters. Weshalb ein Kurswechsel bislang immer mißglückt, zeigt das Stück auf drastische wie dramatische Weise. Tina, als Abkürzung für Christiane verwendet, steht für eine junge Modezeichnerin, die mit zwei Freunden und bescheidenen Mitteln versucht, Zeichen für ein wenig Hoffnung und Zuversicht zu setzen.

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Seitenzahl: 47

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Tina

- geht auch anders

Kapitelüberschrift 1

Gedankenspiel

Bistro in Paris in der Vorkriegszeit

Hallfort: Das ist aber mal eine Überraschung!

So elegant wie Sie heute gekleidet sind, er-

kenne ich Sie ja kaum wieder. - Wo kommen Sie

denn nur her, wenn die Frage erlaubt ist?

Storm: Zugegeben, es mag ein wenig sonderbar

klingen. Aber es ist trotzdem wahr: Von der Pfand-

leihe! Leider. - In letzter Zeit war es mir zum

Glück möglich, Geld auf die Seite zu legen. Damit

löste ich gerade eben meinen besten Anzug aus.

Hallfort: Arbeiten Sie noch immer als Gepäckträger

am Gare du Nord?

Storm: Ja, zu meinem Bedauern. Aber was bleibt

im Augenblick anderes übrig? - Die Aussichten auf

eine besser bezahlte Arbeit sind doch ziemlich

dürftig, um nicht zu sagen unmöglich, wenn man es

einmal sehr wohlwollend formulieren möchte.

Hallfort: Gewiß, Sie haben recht. Aber das muß doch

kein Dauerzustand bleiben! Lediglich darauf hoffen,

daß irgendwann einmal eine Besserung eintritt, ist

zu kurz gegriffen. Einen verhängnisvollen Zustand be-

klagen ist schlichtweg zu wenig. Schlimmstenfalls

endet das alles in einem fürchterlichen Desaster.

Mit Konsequenzen, die ich mir nicht ausmalen möchte!

Storm: Was wollen Sie dagegen unternehmen? - Wenn man

sich nichts vormachen möchte, ist es im Grunde genommen

ausgeschlossen, dagegen groß anzugehen. Mal ganz ehrlich!

Hallfort: Negativ betrachtet mag das zutreffen. Aber den

Versuch, etwas dagegen unternommen zu haben, ist man sich

selbst und der Nachwelt schuldig - ganz gleich mit welchen

Resultaten. Ideen für Lösungen sind gefragt. Alles andere

läuft auf bloße Zustimmung hinaus!

Storm: Ihr Optimismus ist aller Ehren wert. Nach meinem Da-

fürhalten sind solche Ansichten gewagt, um nicht zu sagen ris-

kant - Wenn man Sie so reden hört, schwebt Ihnen wahrschein-

lich etwas ganz Bestimmtes vor, um der Misere zu begegnen.

Hallfort: Richtig erraten! Wir hatten uns doch neulich kurz

über Wirtschaft unterhalten, was sie kann, was sie soll und

welche Schritte nötig sind, um ihre Leistungskraft zu verbes-

sern. Eine faszinierende Materie wie ich finde. Was hielten

Sie davon, wenn wir das Ganze fortsetzen würden? - Natürlich,

nicht wir beide allein.

Storm: Sondern?

Hallfort: Mit interessierten Zeitgenossen, die sich gleichfalls

Gedanken um Wirtschaft und Gesellschaft machen. Dann könnten wir

gemeinsam schauen, ob und welche Möglichkeiten bestehen, wirtschaft-

liches Handeln von den Fesseln zu befreien, die Erfolge von vorn-

herein begrenzen. Fürs erste könnten wir uns hier ganz unverbindlich

treffen.

Storm: Einen Versuch ist es sicher wert, unabhängig davon, was letzt-

lich dabei herauskommt. Ich werd' mich mal im Bekannten- und Freundes-

kreis umhören, um den einen oder anderen dafür zu begeistern.

Allzu große Erwartungen habe ich allerdings keine.

Hallfort: Wieviele wir am Anfang auch sein werden, ist eher zweitrangig.

Hauptsache, der erste Schritt ist einmal gemacht. - Also bis demnächst.

Kapitelüberschrift 1

Gründertreffen

Gleiches Bistro

Hallfort: Schön, daß Sie alle den Weg hierher gefunden haben. Es ist wohl

alles andere als selbstverständlich, daß in so beschwerlichen Zeiten, in denen

es jeden Tag ums Überleben geht, Menschen überhaupt bereit sind, sich Gedanken

für eine bessere Zukunft machen. - Und das, obwohl die Chancen für Scheitern

und Erfolg eng beieinanderliegen. Das ist in meinen Augen couragiert und

äußerst nachahmenswert.

(Beifall)

Woran es im Augenblick in Wirtschaft und Staatswesen krankt ist uns, denke ich,

allen klar. Jeder kann mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten, seinen Einfluß-

chancen - und mögen die noch so verschwindend gering scheinen - ein Stück weit

dazu beitragen, daß Änderungen geschehen können. Auch wenn sie sehr, sehr lange

dauern.

Gapard: Mit welchen Zeiträumen rechnen Sie dabei? Ein Punkt, der mich als Historiker

natürlich besonders interessiert.

Hallfort: Jahrzehnte, Generationen wird das dauern, wenn's nur reicht. Wir selbst

werden das wohl nicht mehr erleben. Aber das ist im Grunde genommen nebensächlich.

Storm: Wir sehen uns gegenwärtig einer Entwicklung gegenüber, in der viele Staaten

durch eine Steigerung ihrer Ausgaben künstlich für mehr Nachfrage sorgen wollen. Wann

und wie die dabei entstehenden Schulden zu begleichen sind, ist völlig offen. Ein

ungedeckter Wechsel auf die Zukunft.

Horman: Die Menschen haben im Extremfall kaum noch genügend Geld für den eigenen

Bedarf übrig, weil sie die öffentlichen Schulden dann nämlich mit ihren Steuern

begleichen dürfen.

Gapard: Die Leute müssen deshalb eben selbst Geld leihen oder einfach mehr arbeiten,

um die benötigten Dinge kaufen zu können. - Aber wenn dazu die Bereitschaft fehlt, was

soll sich dann eigentlich ändern? Welcher Betrieb stellt schon Artikel her, von denen

er nicht weiß, ob diese dann irgendwann überhaupt gekauft werden.

Storm: Ein Gleichgewicht von Warenerzeugung und Absatz, also dem Verkauf aller herge-

stellter Güter, ist bei solchen Unwägbarkeiten, was die Absichten zum Erwerben von Pro-

dukten anbelangt, so nie und nimmer erreichbar.

Hallfort: Die Bereitschaft, angemessen für Artikel zu bezahlen, muß einfach auch stets

vorhanden sein.

Horman: Aber genau daran mangelt es gegenwärtig. Die Leute wollen einfach nicht so viel

ausgeben. Wenn jedoch weniger Ware abgesetzt werden kann, sind auch weniger Menschen für

deren Herstellung nötigt. Und das bedeutet folglich eben mehr Arbeitslosigkeit.

Allgemeine Zustimmung: Wie recht Sie haben!

Horman: Arbeitslosigkeit, was ihre Dauer und die hohe Zahl an Personen ohne eigenes

Einkommen angeht, ist das Ergebnis von Forderungen der Gewerkschaftsverbände, welche

die Lohnsätze immer weiter in die Höhe treiben. Das schmälert die Fähigkeiten im Wett-

bewerb, was die Verkaufsaussichten von Gütern anbelangt. Und ohne Arbeitslosenunter-

stützung wären die Gewerkschaften und ihre Politik längst Vergangenheit. Arbeitslosen-

unterstützung ist als befristete Hilfe vorgesehen, für die Zeit der Suche nach einem

neuen Broterwerb. Doch viele Unterstützungsempfänger betrachten das bereits als Normalität.

Dieser Ansicht läßt sich leider nur schwer begegnen.

Storm: Vergessen wir bitte nicht die hohe Anspruchshaltung, die damit einhergeht, weil

Arbeitslosenunterstützung als eine Art Ausgleichsleistung für eingzahlte Beiträge in die

Sozialkasse verstanden wird. Diese staatliche Geldleistung ist ein Teil der Gründe für

Arbeitslosigkeit, die als Massenphänomen und Dauerzustand gilt. In der Meinung von breiten