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Tina, oder "There is no alternative" steht für ein Wirtschaftsverständnis, das außer Kosten-Nutzenerwägungen keinen Platz für andere Handlungsmöglichkeiten läßt. Neben geschäftlichen Beziehungen geraten zwischenmenschliche Kontakte immer stärker in den Blick dieses Bewertungsmusters. Weshalb ein Kurswechsel bislang immer mißglückt, zeigt das Stück auf drastische wie dramatische Weise. Tina, als Abkürzung für Christiane verwendet, steht für eine junge Modezeichnerin, die mit zwei Freunden und bescheidenen Mitteln versucht, Zeichen für ein wenig Hoffnung und Zuversicht zu setzen.
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Tina
- geht auch anders
Kapitelüberschrift 1
Gedankenspiel
Bistro in Paris in der Vorkriegszeit
Hallfort: Das ist aber mal eine Überraschung!
So elegant wie Sie heute gekleidet sind, er-
kenne ich Sie ja kaum wieder. - Wo kommen Sie
denn nur her, wenn die Frage erlaubt ist?
Storm: Zugegeben, es mag ein wenig sonderbar
klingen. Aber es ist trotzdem wahr: Von der Pfand-
leihe! Leider. - In letzter Zeit war es mir zum
Glück möglich, Geld auf die Seite zu legen. Damit
löste ich gerade eben meinen besten Anzug aus.
Hallfort: Arbeiten Sie noch immer als Gepäckträger
am Gare du Nord?
Storm: Ja, zu meinem Bedauern. Aber was bleibt
im Augenblick anderes übrig? - Die Aussichten auf
eine besser bezahlte Arbeit sind doch ziemlich
dürftig, um nicht zu sagen unmöglich, wenn man es
einmal sehr wohlwollend formulieren möchte.
Hallfort: Gewiß, Sie haben recht. Aber das muß doch
kein Dauerzustand bleiben! Lediglich darauf hoffen,
daß irgendwann einmal eine Besserung eintritt, ist
zu kurz gegriffen. Einen verhängnisvollen Zustand be-
klagen ist schlichtweg zu wenig. Schlimmstenfalls
endet das alles in einem fürchterlichen Desaster.
Mit Konsequenzen, die ich mir nicht ausmalen möchte!
Storm: Was wollen Sie dagegen unternehmen? - Wenn man
sich nichts vormachen möchte, ist es im Grunde genommen
ausgeschlossen, dagegen groß anzugehen. Mal ganz ehrlich!
Hallfort: Negativ betrachtet mag das zutreffen. Aber den
Versuch, etwas dagegen unternommen zu haben, ist man sich
selbst und der Nachwelt schuldig - ganz gleich mit welchen
Resultaten. Ideen für Lösungen sind gefragt. Alles andere
läuft auf bloße Zustimmung hinaus!
Storm: Ihr Optimismus ist aller Ehren wert. Nach meinem Da-
fürhalten sind solche Ansichten gewagt, um nicht zu sagen ris-
kant - Wenn man Sie so reden hört, schwebt Ihnen wahrschein-
lich etwas ganz Bestimmtes vor, um der Misere zu begegnen.
Hallfort: Richtig erraten! Wir hatten uns doch neulich kurz
über Wirtschaft unterhalten, was sie kann, was sie soll und
welche Schritte nötig sind, um ihre Leistungskraft zu verbes-
sern. Eine faszinierende Materie wie ich finde. Was hielten
Sie davon, wenn wir das Ganze fortsetzen würden? - Natürlich,
nicht wir beide allein.
Storm: Sondern?
Hallfort: Mit interessierten Zeitgenossen, die sich gleichfalls
Gedanken um Wirtschaft und Gesellschaft machen. Dann könnten wir
gemeinsam schauen, ob und welche Möglichkeiten bestehen, wirtschaft-
liches Handeln von den Fesseln zu befreien, die Erfolge von vorn-
herein begrenzen. Fürs erste könnten wir uns hier ganz unverbindlich
treffen.
Storm: Einen Versuch ist es sicher wert, unabhängig davon, was letzt-
lich dabei herauskommt. Ich werd' mich mal im Bekannten- und Freundes-
kreis umhören, um den einen oder anderen dafür zu begeistern.
Allzu große Erwartungen habe ich allerdings keine.
Hallfort: Wieviele wir am Anfang auch sein werden, ist eher zweitrangig.
Hauptsache, der erste Schritt ist einmal gemacht. - Also bis demnächst.
Kapitelüberschrift 1
Gründertreffen
Gleiches Bistro
Hallfort: Schön, daß Sie alle den Weg hierher gefunden haben. Es ist wohl
alles andere als selbstverständlich, daß in so beschwerlichen Zeiten, in denen
es jeden Tag ums Überleben geht, Menschen überhaupt bereit sind, sich Gedanken
für eine bessere Zukunft machen. - Und das, obwohl die Chancen für Scheitern
und Erfolg eng beieinanderliegen. Das ist in meinen Augen couragiert und
äußerst nachahmenswert.
(Beifall)
Woran es im Augenblick in Wirtschaft und Staatswesen krankt ist uns, denke ich,
allen klar. Jeder kann mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten, seinen Einfluß-
chancen - und mögen die noch so verschwindend gering scheinen - ein Stück weit
dazu beitragen, daß Änderungen geschehen können. Auch wenn sie sehr, sehr lange
dauern.
Gapard: Mit welchen Zeiträumen rechnen Sie dabei? Ein Punkt, der mich als Historiker
natürlich besonders interessiert.
Hallfort: Jahrzehnte, Generationen wird das dauern, wenn's nur reicht. Wir selbst
werden das wohl nicht mehr erleben. Aber das ist im Grunde genommen nebensächlich.
Storm: Wir sehen uns gegenwärtig einer Entwicklung gegenüber, in der viele Staaten
durch eine Steigerung ihrer Ausgaben künstlich für mehr Nachfrage sorgen wollen. Wann
und wie die dabei entstehenden Schulden zu begleichen sind, ist völlig offen. Ein
ungedeckter Wechsel auf die Zukunft.
Horman: Die Menschen haben im Extremfall kaum noch genügend Geld für den eigenen
Bedarf übrig, weil sie die öffentlichen Schulden dann nämlich mit ihren Steuern
begleichen dürfen.
Gapard: Die Leute müssen deshalb eben selbst Geld leihen oder einfach mehr arbeiten,
um die benötigten Dinge kaufen zu können. - Aber wenn dazu die Bereitschaft fehlt, was
soll sich dann eigentlich ändern? Welcher Betrieb stellt schon Artikel her, von denen
er nicht weiß, ob diese dann irgendwann überhaupt gekauft werden.
Storm: Ein Gleichgewicht von Warenerzeugung und Absatz, also dem Verkauf aller herge-
stellter Güter, ist bei solchen Unwägbarkeiten, was die Absichten zum Erwerben von Pro-
dukten anbelangt, so nie und nimmer erreichbar.
Hallfort: Die Bereitschaft, angemessen für Artikel zu bezahlen, muß einfach auch stets
vorhanden sein.
Horman: Aber genau daran mangelt es gegenwärtig. Die Leute wollen einfach nicht so viel
ausgeben. Wenn jedoch weniger Ware abgesetzt werden kann, sind auch weniger Menschen für
deren Herstellung nötigt. Und das bedeutet folglich eben mehr Arbeitslosigkeit.
Allgemeine Zustimmung: Wie recht Sie haben!
Horman: Arbeitslosigkeit, was ihre Dauer und die hohe Zahl an Personen ohne eigenes
Einkommen angeht, ist das Ergebnis von Forderungen der Gewerkschaftsverbände, welche
die Lohnsätze immer weiter in die Höhe treiben. Das schmälert die Fähigkeiten im Wett-
bewerb, was die Verkaufsaussichten von Gütern anbelangt. Und ohne Arbeitslosenunter-
stützung wären die Gewerkschaften und ihre Politik längst Vergangenheit. Arbeitslosen-
unterstützung ist als befristete Hilfe vorgesehen, für die Zeit der Suche nach einem
neuen Broterwerb. Doch viele Unterstützungsempfänger betrachten das bereits als Normalität.
Dieser Ansicht läßt sich leider nur schwer begegnen.
Storm: Vergessen wir bitte nicht die hohe Anspruchshaltung, die damit einhergeht, weil
Arbeitslosenunterstützung als eine Art Ausgleichsleistung für eingzahlte Beiträge in die
Sozialkasse verstanden wird. Diese staatliche Geldleistung ist ein Teil der Gründe für
Arbeitslosigkeit, die als Massenphänomen und Dauerzustand gilt. In der Meinung von breiten
