Tina - Nina Kette Gabrovsek - E-Book

Tina E-Book

Nina Kette Gabrovsek

0,0

Beschreibung

Tina ist die Geschichte einer Frau, Tatjana (Tina), die aus einer dysfunktionalen Familie kommt, in der sie psychisch missbraucht wird. Mutig verlässt sie sie bald, wenn auch nicht wissend, dass sie nicht auf das Leben vorbereitet ist. Ihre erste Liebesbeziehung führt dazu, dass sie schwanger wird. Sie heiratet Peter, den Mann, den sie liebt und bringt eine Tochter zur Welt. Danach wird sie von ihren Eltern zu einer Scheidung überredet. Um ihr Leben zu verbessern und frei von ihren Eltern zu sein, verlässt sie Jugoslawien, um sich ein Leben in München aufzubauen. Finanziell kommt sie gut auf die Beine, findet Trost in ihrer Tochter - und verzieht sie. Dann erkennt sie, dass sie ihr ein schlechtes Vorbild war. Das und der mysteriöse Tod Ihres geliebten Mannes, treibt sie zum Selbstmord. Sie überlebt, verlässt danach München und geht ins inzwischen unabhängige Slowenien zurück. Ihre Reise ist aber noch nicht beendet, sie folgt ihrer Tochter nach Asien weil ihr ihre zwei Enkel leidtun. Sie ist schockiert über das rassistische miteinander dort und über das falsche Spiel des Islams, von dem aber in Europa sehr wenig bekannt ist. Tina ist ein Lebens- und Liebesroman, der einen guten Einblick auf die damalige und heutige politische Situation in Deutschland, Balkan und Südost-Asien gibt, in der sich Menschen zurechtfinden wollen und müssen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 638

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ich möchte dieses Buch allen Frauen widmen, die sich im Leben schwer tun und wenig Hilfe von Mitmenschen erfahren, aus welchem Grund auch immer, denn nichts ist, was es zu sein scheint, es hängt immer alles mit anderem Dingen zusammen, die früher mal geschehen sind!

Inhaltsverzeichnis

Prolog

ERSTES BUCH

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

ZWEITES BUCH

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Prolog

Tatjanas Vater engte ihr Leben mit strengen Regeln ein, alles war verboten. Sie musste jedes Mal auf die Minute genau zuhause sein und obwohl sie immer gehorsam war, vertraute er ihr nie. Irgendwie brachte er es immer fertig, die Schläge als seine elterliche Pflicht zu entschuldigen, etwas, womit er ‚seine’ Abkömmlinge disziplinieren musste. Allerdings kam ihr merkwürdig vor, dass ihr Bruder nie diszipliniert werden musste. Sie versuchte heimlich herauszufinden, warum das so war, aber sie fand nichts außer ein paar Unterlagen, aus denen hervorging, dass ihre Eltern erst einen Monat vor ihrer Geburt geheiratet hatten. Sie war in Ljubljana, der alten Römerstadt Emona, geboren, und – Kommunisten oder nicht – in den jugoslawischen Republiken von Slowenien und Kroatien waren die Menschen, der römisch-katholischen Kirche und deren unnachgiebigen Geboten treu. Damals mussten Frauen bis zur Hochzeit jungfräulich sein. Bei ihrer Mutter war das offensichtlich nicht der Fall, und ... aber das kann doch nicht alles sein, dachte sie – und zerbrach sich weiterhin den Kopf darüber.

Die Familie fristete ein einfaches, schlichtes Dasein. Tatjanas Vater arbeitete für die jugoslawische Bundesbahn, die ihren Angestellten kostengünstig bescheidene Ferienlager an der Adriaküste zur Verfügung stellte. Jedes Jahr fuhr die Familie nach Rovinj, der vor tausend Jahren von den Römern erbauten schönen alten Kleinstadt auf der Halbinsel Istrien. Das Ferienlager lag gegenüber auf der anderen Seite der kleinen Bucht.

Tatjana liebte Rovinj. Sie liebte es, die Kirche oben auf dem Hügel zu betrachten und die eiserne Figur der Jungfrau Maria, die hoch oben auf dem Turm die Windrichtung angab. Sie liebte es, durch die engen Straßen der Stadt zu wandern, wo die Pflastersteine so alt und glänzend waren, dass sie wie Marmor aussahen und wo die Fenster der Häuser im venezianischen Stil gebaut waren. Sie liebte sogar den Geruch, der das Ferienlager einhüllte, wenn die Fischfabrik Wasser ins Meer abließ. In dieser kleinen Stadt fühlte sie sich anders, wie mit der Ewigkeit verbunden. Und obwohl sie nicht wusste, weshalb das so sein sollte, war es ein gutes, beruhigendes Gefühl.

Sie war zwölf Jahre alt und sie waren wieder auf Urlaub in Rovinj. Tatjana, ihre Mutter und ihr Bruder gingen nach dem Abendessen zurück, der Vater ging noch alleine aus.

Sie kehrten zu ihrer Holzhütte zurück – ein Zimmer mit Tisch, vier Stühlen, einem Schrank und Stockbetten an zwei Wänden. Vermutlich ist er zu einem istrischen Bauer gegangen, um zu trinken, dachte sich Tatjana und kletterte in ihr Bett. Ihr Bruder lag im Bett unter den ihren, ihre Mutter saß auf der Türschwelle und wartete auf ihren Mann.

Ihre Mutter hatte Angst, Tatjana konnte es beinahe körperlich spüren. Sie wusste, wie ihr Vater sein konnte, wenn er betrunken war. Dann war er gewalttätig, einmal hatte er ihrer Mutter sogar den Arm gebrochen. Und immer hatten seine Wutausbrüche irgendwie etwas mit ihr, mit Tatjana, zu tun. Sie wusste es, sie spürte es tief in ihren Knochen, aber sie verstand nicht, warum.

In der Wand direkt neben Tatjanas Bett, war ein kleines Loch und sie spähte hinaus, aber nie nickte bald ein.

Als sie aufwachte, sah sie ihren Vater, wie er den schmalen Pfad entlang durch den vertrockneten Boden torkelte. Er war offensichtlich total betrunken. Als er auf die Hütte zuging, sah er seine Frau auf der Türschwelle und blieb abrupt stehen. Er schüttelte den Kopf und drehte sich um, als ob er wieder gehen wollte, wobei er fast auf die trockene istrische Erde gefallen wäre. Schließlich kam er langsam auf die Hütte zu, betrat sie und schaute um sich, die Zähne voller Wut zusammengebissen. Tatjana, die ihn die ganze Zeit beobachtete, fand, dass er keinen Grund hatte, wütend zu sein, aber er war eindeutig auf der Suche nach einem Grund. Er sah seinen Sohn, der sich bequem auf dem unteren Bett ausgestreckt hatte, und sagte: „Hier ist mein Sohn..., ja, das ist mein Sohn...“ Dann sagte er, überrascht, „Warum bist du denn schon im Bett?“ Dann hob er den Kopf und sah Tatjana im oberen Bett liegen.

Seine Augen wurden ganz dunkel als er sich zu seiner Frau umdrehte. „Das ist mein Sohn..., ja, das ist mein Sohn, aber sie ist nicht meine Tochter. Sie ist hier weil du herumgehurt hast, du dumme Nutte. Und sie wird genau so werden wie du... eine ordinäre, verdammte Hure, genau wie du, du Schlampe – eine verdammte Hure!“

Seine Frau versuchte, ihn zu besänftigen, aber Tatjana merkte es kaum mehr. Sie war wie erstarrt, sie konnte kaum atmen, alles was sie denken konnte war: „Das ist es – das ist der Grund weshalb er mich schlägt und provoziert, weshalb er mich ignoriert und herumstößt. Das ist der Grund, weshalb er mir immer wehtut.“

Aber anstatt von Leid und Kummer überwältigt zu sein, fühlte sie plötzlich nichts, sie war wie leer und starrte vor sich hin.

Sie wusste nicht, wie lange sie schon die Wand angestarrt hatte, als sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter hörte: „Du musst jetzt schlafen. Du hast dich noch nicht einmal umgezogen. Worauf wartest du noch?“

Tatjana drehte sich um und schaute hinunter. Ihr Vater lag auf dem unteren Bett gegenüber und schnarchte.

Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, irgendwie hatte sie sich verloren, hatte die Zeit vergessen. Jetzt sah sie Ärger in den Augen ihrer Mutter, sah wie unfreundlich sie sie anstarrte und konnte nicht verstehen weshalb. Was hatte sie denn getan? Sie zog ihren Schlafanzug an, immer noch wie betäubt und von ihren Gefühlen abgetrennt. Kurz bevor das Licht ausgeschaltet wurde, sagte ihre Mutter mit kalter Stimme: „Gute Nacht!“

Später in der Nacht schlich sie sich geräuschlos aus der Hütte und ging hinunter zum Meer. Sie saß im Schlafanzug auf einem Felsen und umgeben von der Brandung. Sie starrte ins Wasser und sah zu, wie die Wellen kamen, zerschellten und sich zurückzogen, kamen, zerschellten und sich zurückzogen. Irgendwie entsprach dieses endlose Spiel ihrer eigenen Verfassung, ihrem Gemütszustand - es hielt sie dazu an, nicht zu denken und nicht zu grübeln. Die Zeit zum Denken wird noch kommen, wie diese Wellen, die auch immer wiederkommen; sie wird später Zeit haben, über alles nachzudenken. Jetzt kann sie sowieso nichts tun.

1

Mitten im heißesten August, den sie jemals erlebt hatte, saß sie in einem Bus, der mit mäßiger Geschwindigkeit die Landstraße entlang fuhr und sie zu ihrem neuen Wohnort brachte: Vrhnika, einer kleinen Stadt, die von den Römern Nauportus genannt wurde. Von dort aus schleppten sie ihre Schiffe über die Hügel und segelten andere Flüsse entlang, bis sie endlich die Donau und damit leichten Zugang zum Norden erreichten. Man kann die alte römische Strecke über die Hügel immer noch sehen; sie erinnerte sich, in der Schule darüber gelernt zu haben. Die Römer kannten den mysteriösen Karst, sie kannten sich in dieser außergewöhnlichen Landschaft gut aus. Sie mussten gewusst haben, dass die Flüsse hier in Dolinen verschwinden und unter der Erde weiter fließen bis sie irgendwo anders wieder auftauchen.

Während sie aus dem Fenster schaute, dachte sie daran, wie die Flüsse über Jahrmillionen die prächtigen Höhlen erschaffen hatten, für die ihr Land berühmt war. Die Hitze im Bus ließ sie heftig schwitzen und die Schweißperlen liefen ihr den Rücken hinunter während sie versuchte, sich nicht am Sitz anzulehnen. Es war ein schöner sonniger Tag im August, Urlaubszeit. Wie überall in Europa, wollten die meisten Menschen ans Meer; viele Deutsche und Österreicher gingen am liebsten in die Ferienorte an der Adriaküste.

Ihre Familie würde nächste Woche nach Rovinj aufbrechen.

Der Gedanke an Rovinj, ihre Lieblingsstadt auf der Halbinsel Istrien, ließ ihr Herz schneller schlagen aber sie drängte dieses Gefühl schnell weg. Arbeiten zu gehen, frei und unabhängig zu sein war auf jeden Fall besser, als mit ihnen zusammen sein zu müssen, dachte sie entschlossen und schaute durchs Fenster auf die sanfte Hügellandschaft.

Ein paar Wochen vorher hatte sie die Hotelfachschule absolviert. Sie hatte es im Gefühl, dass die Gestaltung ihrer Zukunft nicht ganz einfach sein würde, denn sie kannte sich außerhalb ihres direkten Umfeldes so gar nicht aus, aber dennoch hatte sie sich heimlich eine Stelle gesucht, die sie von zuhause wegholen würde. Sobald sie im Bus saß, kam sie sich vor als wäre sie soeben aus dem Gefängnis entlassen worden, aber in Wirklichkeit war sie einfach nur ´erwachsen´ geworden und dabei, ihre Familie zu verlassen.

Ihr Vater war in letzter Zeit etwas ruhiger geworden und hatte sie nicht mehr so schlecht behandelt wie vorher, er hatte aufgehört, sie zu schlagen – in letzter Zeit war es eher, als ob er sie gar nicht mehr wahrnehmen würde.

Aber dennoch reagierte er wütend, als sie ihm sagte, dass sie in einem Städtchen ungefähr 20 Kilometer weit weg Arbeit gefunden hatte. Sie wusste, warum, aber er konnte ihr nichts mehr anhaben – jetzt nicht mehr.

Irgendwie hatte sie alles überlebt, all die Schmerzen und all das Leid, verursacht von ihrer Familie. In den Jahren bei ihrer Familie hatte sie sich zurückgezogen in die stille Gedankenwelt, die sie sich aufgebaut hatte, und immerzu hatte sie davon geträumt, wie ihr Leben wohl aussehen würde, wenn sie endlich frei sein konnte – frei von ihrer Familie. Während der schmerzhaften Zeit des Erwachsenwerdens lebte sie in einer Art virtueller Realität und unterwarf sich den Vorschriften ihres Vaters nur körperlich, während ihr Geist in einem Kokon vor sich hin trübte und sie damit vor der Verzweiflung beschützte, die sie sonst hätte zerstören können. Da sie Elternliebe nie gekannt hatte, entwickelte sie ein Feingefühl für Wohlwollen und Freundlichkeit, hatte aber nie den Drang gespürt, die Gegenwart für sich in Anspruch zu nehmen und hatte noch nicht gelernt, sich zu behaupten. Alte Gewohnheiten, durch ständigen Gebrauch gefestigt, sitzen tief – aber wie sollte sie das jetzt schon wissen?

Niemand hatte es je gewagt, ihr zu helfen: sie hatte sich unzählige Male gefragt, wie es möglich sein konnte, dass Verwandte und Nachbarn nie zu bemerken schienen, dass ihr Bruder ein Eis bekam, während sie leer ausging, oder dass es an seinem Geburtstag Kuchen und Geschenke gab, während sie gar keinen Geburtstag zu haben schien.

Sie kam sich vor wie eine Ausgestoßene und musste dennoch diese Lüge leben; die Lüge, ein Teil dieser Familie zu sein. Es trieb sie fast in den Wahnsinn, immer so tun zu müssen, als sei alles normal.

Als sie aus dem Bus stieg, war all das fest in ihrem Unterbewusstsein verankert, da, wo die Erinnerungen aufbewahrt sind. Ein junger Mann half, ihr Gepäck zu der kleinen, überdachten Bushaltestelle zu tragen. Dahinter lag das Hotel, das ihr erster Arbeitsplatz sein würde. Dem Hotel direkt gegenüber standen zwei sehr alte Häuser, die Fenster reich verziert mit Ornamenten, die Eingangsbereiche im römischen Stil, gerundet und mit Skulpturen bestückt. Das Hotel selbst sah allerdings ganz anders aus, es war in einfacher Bauweise kurz nach dem letzten Krieg errichtet worden. Es sieht aus wie ein viereckiger Kasten mit einem Hut drauf, dachte sie. Wie kommt es nur, dass die alten Häuser aus der Zeit vor dem Krieg so viel mehr Charakter und Eigenleben haben als die neuen?

Sie nahm ihr Gepäck, ging langsam auf das Hotel zu und trat durch die große Glastür mit dem Aluminiumrahmen in die Rezeption ein. Dort stellte sie sich einer platinblonden Frau vor, die am Empfangsschalter saß. Die junge Frau stand auf, ohne sich selbst vorzustellen, und kam hinter dem Schalter hervor, wobei sie irgendetwas vor sich hin murmelte. Sie war klein und dick, das meiste Fett hatte sich auf ihrem Hinterteil angesammelt und es in ein riesiges Quadrat verwandelt. Sie war ungefähr so alt wie Tatjana, aber ihre ganze Ausstrahlung und ihr mürrisches Gesicht, die üppige Figur und die Art, wie sie sich bewegte, ließen sie älter erscheinen.

Sie taxierte Tatjana gehässig von oben bis unten und rief dann den Geschäftsführer. Tatjana war sich nicht sicher, ob sie seinen Namen richtig verstanden hatte. Hatte sie wirklich Herr Knoblauch gesagt? Die Arbeitsstelle war ihr von der Schule vermittelt worden, man hatte ihr keinen Kontaktnamen gegeben.

Die Blondine ging an Tatjana vorbei und verließ die Rezeption, ohne ein Wort zu sagen. Vor dem Empfangsschalter, direkt neben dem Fenster, stand ein kleiner Holztisch mit zwei Sesseln, die bequem genug aussahen, und Tatjana setzte sich hin. Sie fand die ganze Angelegenheit ebenso belustigend wie erstaunlich und schaute sich den Empfangsbereich an, während sie geduldig wartete.

Nach kurzer Zeit kam der Geschäftsführer herein, gefolgt von der Blondine. Er schaute Tatjana an, reichte ihr die Hand und begrüßte sie wortlos mit einem kurzen Lächeln und einem Kopfnicken. Dann ging er wieder, nachdem er der Blondine, ihre neue Kollegin, befohlen hatte, Tatjana ihr Zimmer zu zeigen.

„Kommen Sie bitte mit, ich zeige Ihnen das Zimmer. Es ist mein Zimmer...“ sie betonte das Wort, mein’ ... “aber es ist sonst kein Zimmer mehr frei für Hotelpersonal, deshalb hat man Sie da untergebracht.“

Tatjana wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, also sagte sie nichts, hob ihren Koffer und ihre beiden Taschen vom Boden und folgte ihr. Die dicke, gefärbte Blondine ging vor ihr her. Sie schaute ein paar Mal hinter sich, um sicherzugehen, dass Tatjana ihr folgte, aber sie bot ihr nicht an, beim Tragen zu helfen. Tatjana ging langsam hinter dem von zwei kurzen Beinen getragenen quadratischen Hinterteil her und wusste nicht, was sie denken sollte.

Sie war so gut wie nie unfreundlich. In dem Leben, das hinter ihr lag, hatte sie gelernt, dass man sich Freundschaft, Liebe oder Sympathie verdienen musste, aber diese gefärbte Blondine da vor ihr war dermaßen arrogant und unhöflich, dass es ihr die Sprache verschlug.

Die Blondine hatte inzwischen die Straße überquert und ging auf eines der alten Häuser zu. Dann zögerte sie einen Moment, öffnete schließlich die schwere alte Holztür und wartete auf Tatjana. Wenigstens hält sie die Tür für mich auf, dachte Tatjana und schleppte ihren Koffer und die beiden Taschen ins Haus.

„Das Zimmer ist ganz oben, im fünften Stock,“ sagte die Blondine und ging die hölzerne Treppe hinauf. Tatjana folgte ihr keuchend mit ihrem schweren Gepäck und war völlig außer Atem als sie die fünfte Etage erreichte. Sie stellte das Gepäck vor der offenen Tür ab und folgte der Blondine ins Zimmer. Das Zimmer war gemütlich: ein großes Bett mit hübschem Bettzeug, und überall persönliche Dinge, Dinge die einen Bezug zu ihrem Eigentümer hatten, zu jemandem, der dieses Zimmer als sein Eigentum betrachtete. Je mehr sie sich in dem kleinen Zimmer umsah, desto klarer wurde ihr, dass sie in die Privatsphäre ihrer neuen Kollegin eingedrungen war.

In eine Ecke geklemmt stand ein zweites Bett, kleiner und mit Hotelbettzeug bezogen. Gegenüber befand sich ein kleiner Schrank.

„Das da ist dein Bett und du kannst den Schrank da hinten benutzen,“ sagte die Blondine und zeigte auf die Ecke.

„In Ordnung,“ flüsterte Tatjana. Sie wusste nicht, was sie sonst hätte sagen oder denken sollen. Sie war hier nicht willkommen, soviel war klar. Sie drehte sich um und trug ihre Taschen ins Zimmer, legte sie auf das kleine Bett. Ohne weitere Worte öffnete sie die Taschen und fing an, den Inhalt – alles, was sie besaß – herauszunehmen.

„Wir arbeiten Wechselschicht, also werden wir uns kaum sehen,“ hörte Tatjana ihre neue Kollegin sagen.

„In Ordnung,“ sagte sie wieder, aber sie drehte sich nicht zu ihr um.

„Also, ich muss gehen. Oh, ich hätte es fast vergessen, es gibt kein Badezimmer, nur ein Waschbecken. Wir müssen uns da hinten in der Ecke waschen, hinter dem Vorhang. Und fasse bitte meine Sachen nicht an,“ hörte Tatjana sie noch spitz sagen bevor sie aus dem Zimmer ging und die Tür hinter sich zuzog.

„Was auch immer,“ murmelte sie und wandte sich der geschlossenen Tür zu. „Jetzt muss ich erst entscheiden, ob ich deinen Namen wissen will. Und was ich gerade beschlossen habe ist: ich will ihn gar nicht wissen. Ich gebe dir lieber selbst einen Namen, und zwar werde ich dich ‚Schorfa’ nennen, scharf und fett.“

Tatjana machte die Tür auf und holte ihr restliches Gepäck ins Zimmer. Dann räumte sie langsam ihre Sachen in den kleinen Schrank und streckte sich auf dem Bett aus. Vermutlich wird sie morgen schon mit der Arbeit anfangen, und natürlich würde sie die Spätschicht übernehmen müssen. Egal, dachte sie, sie kannte ja sowieso niemanden hier.

Die Arbeit selbst machte ihr keine Sorgen. Sie war eine gute Schülerin gewesen und hatte viel gelernt. In der richtigen Welt wird zwar sicher alles anders sein, dachte sie, aber irgendwo muss man ja anfangen. Sie konnte sich in drei Sprachen verständigen; ihre Sprachkenntnisse waren eher holperig – das war ihr bewusst – aber sie hoffte, sie würden ausreichen. Sie hatte vier Jahre lang Englisch gelernt, und in der Hotelfachschule hatte sie zusätzlich drei Jahre lang Italienisch und Deutsch gelernt. Mal sehen, wie viel ich davon behalten habe, dachte sie kurz bevor sie einschlief.

Irgendetwas ließ sie aufwachen. Sie schaute im Zimmer umher, musste sich erst wieder orientieren. Dann sah sie die Blondine, wie sie ein Stück Papier auf ihr Bett legte.

„Das ist der Zeitplan für diese Woche. Du hast die Spätschicht, die fängt morgen Nachmittag um vier an und geht bis Mitternacht.“

„Wie spät ist es denn jetzt?“ fragte Tatjana, noch ganz verschlafen.

„Mitternacht. Wir haben die Rezeption geschlossen und wenn du nichts dagegen hast, möchte ich mich jetzt waschen und dann sofort ins Bett gehen, ich muss ja morgen früh raus.“

„Kein Problem, mach nur ruhig.“

Tatjana merkte plötzlich, dass sie voll angezogen eingeschlafen war. Sie musste sich auch noch waschen und umziehen, bevor sie zu Bett gehen konnte. Als sie dann beide gewaschen und behaglich in ihren jeweiligen Betten lagen, wünschte Tatjana höflich „Gute Nacht.“

„Ich habe einen Freund, aber der wohnt nicht hier. Er ist Italiener,“ sagte ‚Schorfa,’ aber Tatjana konnte ihr irgendwie nicht glauben, denn ihre Stimme klang so nervös und angespannt. Wenn jemand Information von sich gibt über Dinge, nach denen man nicht gefragt hat, dann hat das einen Grund. Vielleicht hatte sie sich deshalb die Haare blond, ja fast weiß, gefärbt, um einen italienischen Mann zu ergattern. Na, das wird trotzdem nicht ausreichen, dachte sich Tatjana und murmelte:

„Hmm... schön für dich.“

Sie schlief lange und als sie wach wurde, hatte sie keine Ahnung, wie spät es war. Sie würde lernen, dass sie jedes Mal, wenn ihr Leben auch nur eine kleine Veränderung durchlief, sehr viel Schlaf brauchte. Es war wie ein Drang zum Sammeln ihrer Kräfte, und das ist etwas, was sie in der Zukunft ganz bestimmt benötigen wird!

Es war beinahe Mittag, als sie frisch gewaschen und fertig war, sich dem Tag zu stellen. Sie beschloss, eine Weile auf Entdeckungsreise zu gehen, durch diese kleine Stadt mit ihren ungefähr viertausend Seelen. Das Hotel hätte es gar nicht zu geben brauchen, wenn die Straße durch die Stadt nicht an die Adriaküste geführt hätte. Es gab noch keine Autobahn und die Fahrt Richtung Adria durch Slowenien, die nördlichste und am besten erschlossene Republik Jugoslawiens, war so langwierig, dass Touristen unterwegs Pausen einlegten, zum Mittagessen oder um sich zu erfrischen. Das Preisniveau in ihrem Land war niedrig und es gab Unmengen von Touristen. Familien mit Kindern kamen gern an die jugoslawische Adriaküste, wo die mediterrane Lebensart noch unverfälscht erhalten war. Slowenien war billiger als Italien und dem Norden näher als Griechenland oder Frankreich; besonders für Menschen aus Österreich oder Süddeutschland war die Anfahrt relativ kurz.

Sie ging die alte Holztreppe hinunter; bei jedem Schritt gaben die Stufen ein protestierendes Knarren von sich. Sie mochte das; es war, als ob die alten Stufen ihr etwas sagen wollten – sie liebte diese alten Häuser mit ihren hölzernen Treppen. Sie musste an das alte Haus in Ljubljana denken, in dem sie gewohnt hatten als sie ungefähr sieben Jahre alt war. Da war eine Nachbarin, die sie geliebt hatte, eine uralte Frau, die mit ihrer Tochter lebte. Sie hatte sie Tante Maria genannt, aber am liebsten hätte sie Oma Maria genannt, denn sie war die einzige Person, die ihr jemals das Gefühl der Geborgenheit gegeben hatte.

Als Tatjana die schwere alte Holztüre öffnete, schlug ihr die Sonne so grell ins Gesicht, dass sie die Augen schließen und erst eine Zeit lang blinzeln musste. Die Sonne brannte, der Himmel war wolkenlos und blassblau, als ob ihn jemand gewaschen und makellos reingespült hätte. Sie ging langsam den Bürgersteig entlang, der die Fußgänger auf der belebten Straße beschützte. Touristenwagen voller Feriengepäck rasten vorbei.

Sie hatte gehört, dass es ein Kino geben sollte, und ging in die Richtung, wo sie es zu finden hoffte. Sie ging langsam, damit sie die Häuser auf beiden Straßenseiten anschauen konnte. Sie war ganz allein. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie niemandem Rechenschaft schuldig darüber, wohin sie gehen wollte oder warum sie überhaupt ausgehen wollte. Sie ging weiter die Straße entlang. Sie drehte sich um und konnte das Hotel noch sehen. Doch, je weiter sie ging, desto verlorener kam sie sich vor. Plötzlich schien die Weite um sie herum noch größer zu werden, noch greller – endlos weit, und sie selbst wurde immer kleiner. Sie verstand nicht, warum da so ein Druck auf ihren Lungen saß, ein Druck so stark, dass sie kaum noch atmen konnte. Ihr wurde übel.

Sie machte kehrt und ging den gleichen Weg zurück, schneller und schneller und das letzte Stück rannte sie, rannte zurück zu der Sicherheit des Zimmers, welches ihr zugeteilt worden war. Sie nahm die Treppe zwei Stufen auf einmal, eilte in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Ihr Atem ging stoßweise.

„Was war das denn?“ sagte sie laut zu sich selbst. Sie starrte an die Decke, sie konnte immer noch nicht richtig atmen, die Luft draußen kam ihr bedrohlich vor. Als sie sich endlich wieder beruhigt hatte, sah sie auf ihrer Nachttischuhr. Sie musste sich umziehen, sich für die Arbeit vorbereiten. Erstaunlicherweise war sie froh darüber.

Sie merkte schnell, wie leicht sie sich in ihre Arbeit eingewöhnt hatte. Die Arbeit war nicht schwierig und sie fühlte sich gut und sicher an der Rezeption. Es machte ihr Spaß, mit den Touristen umzugehen und sich mit ihren holperigen Sprachkenntnissen auf Deutsch, Englisch oder Italienisch zu verständigen.

Und da sie und ‚Schorfa’ in Wechselschicht arbeiteten, begegneten sie sich kaum.

2

“Da arbeitet ein neues Mädchen im Hotel... sie sieht ganz gut aus,“ sagte Bojan zu seinem Bruder und sah ihn aufmerksam an.

„Ach ja?“ antwortete Peter und tat so, als ob ihn das gar nicht interessierte, auf dem Weg in den verwilderten großen Garten hinter dem Haus. Niemand kümmerte sich um den Garten, alle sagten, dass sie ihn so mochten, wie er war, so wild und romantisch. Natürlich war das nur eine Ausrede, weil einfach niemand den Garten pflegen wollte. Vier große Apfelbäume standen darin, und drei Pflaumenbäume mit dichtem Astgewirr, alt und dürr, weil sie niemals gestutzt worden waren. Außerdem wucherte hier und da eine Menge wildes Gesträuch, und nur eine einzige Stelle im ganzen Garten sah so aus, als ob sie je von menschlicher Hand berührt wurde: das Beet, wo ihre Mutter Gemüse anpflanzte.

Ganz hinten im Garten, zwischen grünem Gebüsch, stand ein Plumpsklo, eine kleine Holzhütte, wo die ganze Familie zur Toilette ging, wo Peter jetzt hinging.

„Wann fängst du endlich an zu arbeiten?“ brummelte seine Mutter hinter ihm her. Sie wusste, dass sie keine Macht über ihn hatte. Auch nicht über ihre anderen Kinder, die ebenfalls nicht auf sie hörten. Sie hörten noch weniger auf ihren Vater, der viel zu gutmütig war, um mit seinen sieben Riesenkindern fertig zu werden. Sie waren jetzt praktisch alle erwachsen, nur die Jüngste der sieben ging noch in die Schule, ein gut aussehendes Mädchen, groß und schlank. Die beiden ältesten Töchter arbeiteten in Deutschland, der älteste Sohn war fünf Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nach Australien ausgewandert. Zu der Zeit gab es in Jugoslawien noch keine Ausreiseerlaubnis, es dauerte einige Jahre, bevor Tito die Grenzen für sein Volk öffnete. Ihr Erstgeborener war aus dem Land geflohen, hatte heimlich die Grenze nach Italien überquert und war mit einem Schiff voller Auswanderer nach Australien gezogen.

Die Familie war arm, obwohl sie dieses große, leicht verwahrloste Haus mit dem riesigen wilden Garten besaß. Wie so viele Menschen in Slowenien waren sie sehr religiös und gehörten dem römisch-katholischen Glauben an. Das Haus hatte kein fließendes Wasser; Wasser musste von der öffentlichen Wasserstelle zehn Meter vor dem Haus geholt werden. Sie waren der letzte Haushalt ohne fließendes Wasser in der ganzen Umgebung. Die Mutter musste sich um die vielen Kinder kümmern und hatte nie arbeiten gehen können und jetzt war sie zu alt, um eine Anstellung zu finden. Der Vater war noch älter und die Familie musste mit sehr wenig Geld auskommen. Der Vater war Schuhmacher, aber er konnte nicht mit den viel billigeren Schuhen aus der Massenproduktion konkurrieren und sie mussten von dem leben, was er mit dem Reparieren alter Schuhe verdienen konnte. Deshalb versuchten die Kinder alle, so schnell wie möglich von zuhause weg zu ziehen, anstatt im Haus zu helfen – es waren einfach zu viele in diesem Haushalt. Aber jetzt war die Familie noch zusammen und es war offensichtlich, dass sie sich alle lieb hatten und sich umeinander kümmerten.

Die drei jüngsten Kinder waren in der Stadt geboren, Peter war vier Jahre alt und kränklich als sie in die kleine Stadt zogen. Deshalb umsorgte ihn seine Mutter ganz besonders und erwartete weniger von ihm. Aber er wurde bald kerngesund und wuchs zu einem großen, wilden jungen Mann heran, körperlich stark und schön anzusehen, mit außerordentlich männlicher Ausstrahlung. In diesem stattlich-männlichen Körper wohnte allerdings immer noch ein Kind. Zuhause rebellierte er, in der Schule und unter Freunden musste er sich ununterbrochen bewähren und maß sich mit sämtlichen Jungen seines Alters. In letzter Zeit war es allerdings eher anders herum: er hatte nicht mehr das Bedürfnis, sich behaupten zu müssen, aber jetzt wollten die Anderen ihn andauernd herausfordern, um sich an seiner Kraft zu messen.

Er verließ die Schule nach der achten Klasse; die junge Lehrerin wurde mit ihm nicht fertig – genau wie so viele andere Mädchen und junge Frauen, wenn auch auf eine etwas andere Art. Er war immer auf der Suche, aber er hätte nicht sagen können, wonach. An Mädchen kam er sehr leicht heran, er musste sie nicht einmal ansprechen, sie kamen zu ihm. Und da er keine nennenswerte Bildung hatte, nahm er an, dass sie hauptsächlich hinter seinem Körper her waren. Und natürlich machte er das Beste aus all den Möglichkeiten, die ihm so frei dargeboten wurden.

„Warum hängen die sich bloß alle so an mich?“ beklagte er sich eines Tages voller Ironie bei seinem Bruder. „Sobald sie mich irgendwo sehen, laufen sie mir nach, ohne jegliches Schamgefühl. Ich nehme nichts von ihnen an, aber sie versuchen andauernd, mir Sachen zu geben; ihre Goldringe, Uhren, alles Mögliche. Was glauben sie denn – dass ich das tragen würde?“

Bojan bewunderte seinen Bruder und war auch ein bisschen neidisch auf ihn, denn er hatte solche Probleme nicht und hätte ganz gern gewusst, wie das ist, wenn man sie hat. Er sah ebenfalls gut aus, war auch hoch gewachsen, aber dennoch hatte er nicht diese Wirkung auf Mädchen. Er musste ihnen nachstellen und sich bei der Jagd anstrengen, in Wort und Tat.

„Ich gehe jetzt schwimmen“, verkündete Peter bei seiner Rückkehr. Er stand vor dem Haus, wo drei alte Bussitze gegen die Wand gelehnt waren, wie eine Art Sofa.

„Du solltest dir lieber Arbeit suchen... du verschwendest deine Zeit mit Nichtstun, “ beklagte sich seine Mutter. Sie lebten jetzt in besseren Zeiten, dem Land ging es recht gut und es gab Arbeit für alle, die arbeiten wollten. Wer aber sehr ehrgeizig war, trat den Kommunisten bei, um einen Fuß auf die Erfolgsleiter zu setzen. Aber die Wilden, die Rebellen und die Ruhelosen hatten nichts im Kopf als Elvis, Rock’n’roll und Spaß haben.

„Das werde ich auch,“ antwortete Peter, „aber nicht jetzt... es ist so schön um diese Jahreszeit... es ist August! Nörgele doch nicht immerzu an mir herum, lass mich mal in Ruhe.“ Seine Stimme war laut und ärgerlich.

Sie sagte nichts mehr, sie konnte sich nur zu gut an das tragische Unglück auf Peters erster Arbeitsstelle in der Tabakfabrik erinnern. Er leistete gute Arbeit und verdiente gutes Geld bis das Unglück passierte. Er hatte den Aufzug genommen, um eine Ladung Kisten wegzubringen, der Aufzug hatte sich losgerissen und war drei Stockwerke hinunter gekracht. Peter hatte sein Rückgrat verletzt, seinen Arm gebrochen und vier Monate im Krankenhaus verbracht. Gott sei Dank war alles gut gegangen, dachte sie jetzt und schüttelte ihren Kopf als wollte sie die Erinnerung dran vertreiben. Und als er wieder nach Hause kam, hatten sie das Problem mit der Krankenschwester gehabt, die im Krankenhaus gearbeitet und sich in ihn verliebt hatte. Sie kam ihn andauernd besuchen und jedes Mal musste seine Mutter lügen und sagen, Peter sei nicht da, denn er wollte sie nicht sehen. Zu guter Letzt hatte die Mutter sie weggejagt, hatte ihr gesagt, sie solle sich nicht lächerlich machen. Sie wusste, dass Krankenschwestern oft eine Bindung zu ihren Patienten verspüren und manchmal nicht in der Lage sind, Grenzen zu ziehen. Zweifellos hatte der kleine Mistkerl mit ihr geschlafen, dachte sie und schaute ihm nach, wie er wegschlenderte, und schüttelte ihren Kopf noch mehr.

„Gehst du zum Schwimmbad oder zum Fluss?“ fragte Bojan mit lauter Stimme, denn sein Bruder war bereits unterwegs. Er nahm an, dass Peter nun hinter dem neuen Mädchen im Hotel her sein wird, und er wollte vor ihm da sein. Wenn ihm das nicht gelang, würde er keine Chance haben, das wusste er. Aber Peter hatte keine Eile, hatte nie irgendwelche schnellen Anmachsprüche drauf, so war er nicht. Er wartete einfach, bis die Mädchen zu ihm kamen. Jetzt wollte er einfach nur schwimmen und sich abkühlen. Vielleicht würde er aber am Abend hingehen, etwas trinken und sie beobachten.

Er lächelte als er an seinen Bruder dachte. Er wusste, dass Bojan zum Hotel gehen und versuchen würde, sie mit seinem Charme zu betören. Egal, dachte er, Bojan geht bald nach Deutschland. Ihre Schwester hatte dort einen gut bezahlten Job für ihn gefunden. Danach kann er sie natürlich mit Geld betören, er kann sie sozusagen kaufen, dachte Peter kurz und schüttelte den Kopf. Das wäre mir aber nicht gut genug. Mit Geld kann man mehr oder weniger jeden kriegen.

Später am Abend, frisch gewaschen und in engen Jeans, die seine Schultern noch breiter aussehen ließen, ging er zur Hotelbar und setzte sich an einen Tisch beim Fenster, direkt neben der Rezeption, sodass er sie beobachten konnte. Sie hatte schönes, dickes, leicht gelocktes dunkelblondes Haar, sie trug es lang, hinter die Ohren geschoben. Ihre Lippen waren voll und sensibel, ihre Augen groß, schön geformt und blau, aber ihre Nase war, wie er fand, ein bisschen zu groß. Sie war kleiner als für ein Modell erforderlich, aber sie war nicht zu klein. Na ja, niemand ist perfekt, sinnierte er, trank sein Bier leer und ging. Im Haus der Jugend fand eine Party statt, mit live Musik und jeder Menge Mädchen, das wollte er natürlich nicht verpassen!

Zwei Tage später bekam er Besuch von einem Mann, den er nicht näher kannte. Er hatte ihn bei einem etwas unangenehmen Vorfall kennen gelernt. Drei junge Typen wollten ihre Kraft an ihm messen und hatten eine Prügelei angefangen. Natürlich hatte er sie windelweich gehauen und sie waren ziemlich kleinlaut abgezogen. Aber einer von ihnen war nach der Prügelei wiedergekommen und hatte so getan, als ob er reden wollte. Peter hatte keine Lust zu reden und sagte ihm, er solle abhauen. Aber jetzt war er wieder da, mit einem Huhn und einem Kaninchen, enthäutet und fertig für ein Lagerfeuer irgendwo in den Wäldern oberhalb der Stadt. Peter dachte, dass das eigentlich keine schlechte Idee war. Das Wetter war ideal für so ein Vergnügen, und er sagte zu.

Er schlug den Hügel oberhalb der kleinen Stadt vor, wo eine schöne alte Kirche, die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit, seit dem zweiten Weltkrieg einsam dastand.

Peter hatte im Gefühl, dass der Bursche nichts Gutes im Schilde führte, aber er hatte keine Angst vor ihm. Er nahm an, dass er einer dieser miesen Typen war, die nach verlorenem Kampf so tun, als wären sie dein Freund, um deine Schwächen herauszufinden. Egal, dachte er. Ein gebratenes Hühnchen und ein junges Kaninchen in einer so heißen Augustnacht, unter einem wolkenlosen Himmel mit blitzender Sternenpracht, das ist etwas, was man nicht verpassen sollte!

Sie gingen durch die schmalen Gassen des kleinen alten Stadtkerns und Peter fragte ihn, ob er alles dabei hätte, was sie brauchten. Trockenes Holz gab es genug, und Steine, um eine Feuerstelle zu bauen, und Peter hatte ein Messer von zuhause mitgebracht, um Holz und Fleisch zu schneiden.

„Hast du Salz und Pfeffer dabei?“ fragte er ihn, als sie gerade am Hotel vorbeigingen, hinter dem sich ein schmaler Pfad Richtung Kirche den Hügel hinauf schlängelte.

„Nein, das habe ich vergessen,“ sagte der Typ, dessen Namen Peter immer noch nicht kannte. Er fragte ihn nicht, es interessierte ihn gar nicht.

„Vielleicht hat das Hotel noch auf. Ich geh mal hin und frage nach, Salz und Pfeffer ist ja kein großes Drama. Du kannst schon vorgehen, einfach den Pfad entlang, dann kommst du an der Kirche aus. Direkt daneben sind ein paar gute Stellen für Lagerfeuer. Ich gehe schnell zum Hotel, bin gleich wieder da.“

Peter ging schon Richtung Hotel bevor er mit dem Reden fertig war, er hörte ein kurzes „OK“ hinter sich und ging direkt zur Rezeption, die noch hell erleuchtet war. Das neue Mädchen saß alleine am Empfangsschalter. Sie hörte ihn hereinkommen, schaute auf und hob die Augenbrauen. Er sah nicht aus wie ein Tourist. Er hatte kein Gepäck dabei und er trug enge Jeans und ein Hemd mit abgeschnittenen Ärmeln, welches seine breiten, von der Sonne gebräunten Schultern betonte. Er lächelte und kam näher.

„Hallo, ich heiße Peter. Tut mir Leid, dass ich dich stören muss, aber mein Kumpel und ich wollen hier oben im Wald ein Hühnchen und ein Kaninchen braten und wir haben Salz und Pfeffer vergessen. Könntest du uns das vielleicht leihen?“

Er schaute ihr tief in die Augen aber er sah nichts außer Neugierde in ihrem Blick, sie reagierte überhaupt nicht auf sein Aussehen. Sie stand auf, lächelte und sagte, sie würde Salz und Pfeffer für ihn holen, bat ihn aber höflich, außerhalb der Rezeption auf sie zu warten. Das tat er auch. Sie lächelte immer noch, als sie mit zwei kleinen Plastiktütchen Salz und Pfeffer zurückkam.

„Danke schön. Ich danke dir. Du kannst gern dazukommen, wie lange musst du denn noch hier sein, wann macht ihr zu?“

„Ungefähr in einer Stunde,“ sagte sie. Ihr Gesichtsausdruck war seltsam, sie sah verwirrt aus.

„Gut, dann hol ich dich ab,“ sagte Peter und ging hinaus, bevor sie noch etwas sagen konnte. Sie starrte ihm nach, sie wusste nicht, was sie denken sollte.

Genau eine Stunde später war er wieder da, er stand vor dem Hotel und wartete auf sie. Sie schloss die Rezeption ab und warf die Schlüssel durch das kleine Fenster mit dem eisernen Sicherheitsgitter hinter dem Schalter. ‚Schorfa’ hatte ihre eigenen Schlüssel, mit denen sie am nächsten Morgen aufschließen konnte.

„Hallo,“ sagte er und trat näher an sie heran. „Du kommst doch mit, oder?“

Er erwartete, dass sie zuerst nein sagen würde und bereitete sich darauf vor, sie überreden zu müssen, aber sie zuckte nur mit den Schultern und sagte:

„OK.”

“Gut, dann können wir ja,” sagte er. „Geh einfach hinter mir her, ich glaube nicht, dass du den Weg kennst.“ Nach ein paar Schritten drehe er sich um und fragte sie:

„Übrigens... wie heißt du?“

„Tatjana.“

Sie ging hinter ihm und lächelte ihn an, als er sich drehte, um ihr den schmalen Pfad in den Wald zu zeigen. Es war schon nach Mitternacht und richtig dunkel im Wald, obwohl die Sterne und ein heller Halbmond ihr bestes taten, um die Finsternis zu erleuchten. Er wunderte sich, wie einfach sie mitgekommen war. Sie spielt nicht diese Frauenspielchen, wo sie dir zeigen wollen, wie interessant sie sind, und sie redet auch nicht viel, dachte er, während er langsam den schmalen Pfad entlang vor ihr her ging.

Sie waren schnell an der Stelle angekommen, wo sein ‚Kumpel’ schon eine Feuerstelle vorbereitet hatte. Als er Peter mit einem Mädchen kommen sah, sprang er erstaunt auf und machte einen Schritt auf sie zu.

Wer ist das Mädchen, dachte er als er sie abschätzend ansah. Sie hatte sehr schöne, lange, dichte Locken, sie fielen wie ein Wasserfall über ihre Schultern. Als sie herumstanden und beredeten, wo sie es am besten anfangen sollten, sah Peter, wie der andere Mann sie mit scharfen Blicken durchbohrte, die er vor ihm jedoch zu verbergen versuchte. Peter beschloss, Tatjana nicht aus den Augen zu lassen.

„Tatjana und ich gehen jetzt Feuerholz sammeln, das wird nicht lange dauern. In der Zwischenzeit kannst du das Fleisch vorbereiten, OK?“ sagte Peter. Er nahm sie bei der Hand bevor er zu Ende gesprochen hatte und sie gingen weg. Der Blick seines ‚Kumpels’ brannte auf seinem Rücken.

Sie wanderten eine Weile den schmalen Pfad entlang, dann zog Peter sie ins Gebüsch und sagte, dass es dort mehr dürres Kleinholz gäbe. Sobald sie vom Pfad aus nicht mehr gesehen werden konnten, setzte er sich, nahm ihre Hand und zog sie zu sich hinunter. Ohne ein Wort setzte sie sich neben ihn und lächelte, und er wunderte sich wieder über sie. Er legte einen Arm um ihre Schulter und legte die andere Hand an ihren Kopf. Er streichelte eine Weile das lange dichte Lockenhaar, dann zog er sie an sich und küsste sie. Sie bewegte ihre Lippen nicht, aber sie verschloss sie auch nicht.

„Hast du einen Freund?“ fragte er, als er seinen Mund von dem ihren entfernte.

„Nein,“ antwortete sie ruhig.

Während sie still an seiner Schulter lehnte, schob er seine Hand in ihre Bluse, hob ihren Rock an und zog ihr das Höschen herunter. Sie wehrte sich nicht, aber sie half ihm auch nicht, und er wunderte sich noch mehr über sie. Er wusste einfach nicht, was er denken sollte. Trotzdem, er war erregt und so beschloss er, mit ihr zu schlafen. Er legte sie behutsam hin und versuchte, in sie einzudringen. Aber bevor er noch fühlen konnte, dass er in ihr war, schrie sie auf, stieß ihn weg und sprang auf.

„Das tut weh,“ sagte sie mit fester Stimme. Er starrte sie mit offenem Mund an, er hätte zu gern ihr Gesicht gesehen.

„Tatjana... komm her, ich werde nichts tun, was du nicht willst.“ Er stand auf, zog sich so schnell er konnte seine Jeans wieder an, nahm ihre Hand und fragte: „Sag mir – bist du noch Jungfrau?“

„Und wenn schon,“ sagte sie. Im Halbdunkel konnte sie an seinem Gesicht erkennen, wie erstaunt er war.

3

„Komm, lass uns Feuerholz sammeln,“ sagte Peter zu Tatjana und ging zum Pfad zurück. Er hob einen trockenen Ast auf. Sie folgte ihm ohne etwas zu sagen. Bald hatten sie genug Feuerholz gesammelt und gingen langsam den schmalen Pfad entlang, auf die Stelle zu, wo sein ‚Kumpel’ auf sie wartete. Als sie ihn sahen, drehte sich Peter zu ihr und sagte mit ruhiger, fester Stimme:

„Tatjana, bitte bleib immer nah bei mir, solange wir hier sind.“

Sie nickte und sagte, OK.

Die Nacht war wunderschön, das Fleisch war zart und schmeckte gut, aber die Spannung war fast unerträglich. Sie unterhielten sich kaum. Peter versuchte, Tatjana vor den stechenden, scharfen Blicken eines hungrigen Wolfes zu beschützen. Sie fühlte, wie er sich Sorgen machte, und blieb ganz in seiner Nähe.

Sobald sie mit dem Essen fertig waren, gingen sie.

„Ich bringe Tatjana jetzt nach Hause und danach gehe ich auch nach Hause. Ich bin müde. Gute Nacht.“ sagte Peter warnend zu seinem ‚Kumpel.’ Er nahm ihre Hand und führte sie den schmalen Pfad entlang Richtung Altstadt.

Bald schon erreichten sie das alte Haus, gegenüber von Hotel und Parkplatz. Er schob die schwere alte Holztür für sie auf und folgte ihr ins Dunkel des alten Hauses. Sie wusste, er würde sie küssen, aber sie wusste nicht, dass er sie in die Arme nehmen und ihren Kopf und ihr Haar küssen würde. Während er sie noch an sich drückte und sein Kinn auf ihren Kopf gelegt hatte, fragte er, wann sie am nächsten Tag zur Arbeit gehen müsse. Sie sagte es ihm.

„OK, dann hol ich dich um zehn Uhr morgens ab. Wir gehen schwimmen,“ sagte er resolut, ließ sie los und ging hinaus.

Sie schlich auf Zehenspitzen ins Zimmer, wusch sich hinter dem Vorhang und legte sich ins Bett. Als sie sich die Decke über den Kopf zog, hörte sie, wie ‚Schorfa’ aufstand und sich für die Arbeit fertig machte. Sie wusste, dass sie im ganzen Hotel herumerzählen würde, dass sie die ganze Nacht weggeblieben und erst am Morgen nach Hause gekommen war.

Wenn ich eine halbe Stunde später gekommen wäre, hätte sie überhaupt nichts zu erzählen, weil sie mich verpasst hätte, dachte Tatjana unter ihrer Decke. Aber sie wusste auch, dass sie nur noch vier Ruhestunden vor sich hatte.

Sie wachte auf, weil jemand an die Tür klopfte. Sie rieb sich noch den Schlaf aus den Augen, als sie zur Tür ging.

Sie wusste, wer da stehen würde. Als sie die Tür auf machte, lächelte Peter sie an. Er hatte seine langen Beine wieder in den engen Jeans stecken, trug aber ein anderes Hemd. Es war genauso eng anliegend wie das von gestern Nacht. Oh Mann, er steht wirklich auf dieses Männlichkeitsgetue, dachte sie, während sie ihn verschlafen anschaute, er will wohl aussehen wie Steve Reeves oder Johnny Weissmuller.

Das amüsierte sie. Sie ließ die Tür auf für ihn und ging zurück ins Zimmer. Er trat ein, schloss die Tür, ging ein paar Schritte nach vorn und setzte sich auf ‚Schorfas’ Bett.

„Bist du bald fertig?“ fragte Peter, ein bisschen lauter weil sie hinter dem Vorhang verschwunden war, um ihr Gesicht zu waschen.

„Du brauchst nicht so laut zu reden, der Vorhang ist keine Wand,“ sagte sie und kam wieder zum Vorschein, während sie ihr Gesicht mit einem Handtuch abtrocknete. Ihr dickes langes Lockenhaar war total zerzaust, es fiel ihr lose um die Schultern und ließ ihren Kopf groß aussehen.

Dann warf sie das Handtuch auf ihr Bett und drehte sich zum Schrank, um eine Bluse herauszuholen. Sie sah nicht, wie er sie anlächelte und hörte nicht, dass er zu ihr kam als sie plötzlich seine Hände auf ihrer Schulter fühlte. Er zog sie an sich. Sie lächelte, es fühlte sich so gut an. Sie spürte seine Hände auf ihrer Brust, auf ihrem Bauch, wie sie sie sanft auf und ab streichelten. Dann drehte er sie um, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Er ließ sie kurz los, hob sie behutsam an und legte sie auf ‚Schorfas’ Bett.

Das kann ich nicht zulassen, schoss es ihr durch den Kopf, aber wieder tat sie nichts, um ihn aufzuhalten. Er küsste sie zärtlich auf die Schultern und die Lippen bevor er seine Jeans aufknöpfte, ihr Höschen herunterzog und versuchte, in sie einzudringen. Sofort spürte er, wie sich ihr Körper unter ihm versteifte aber er hoffte, dass sie sich langsam entspannen würde. Dieses Mal konnte er ein wenig tiefer in sie eindringen bevor sie aufsprang und wieder sagte: „Das tut weh!“

Das kann ja heiter werden, dachte er und sah sie an, während er versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Aber sie war so ganz anders, sie war süß und sie war einfach so, wie sie war. Sie spielte keine Frauenspielchen, sie redete ihm nicht um den Mund, das war schon angenehm, das war erfrischend. Er sah ihr zu, wie sie Jeans und eine weiße Bluse anzog. Er fühlte sich wohl in ihrer Nähe.

„Können wir jetzt endlich gehen?“ fragte er sie.

„Klar – ich bin fertig,“ sagte sie und nahm eine kleine Tasche mit Handtuch und Badeanzug an sich.

„Aber du hast dich noch gar nicht gekämmt,“ sagte er.

„Selbst zwei Tage nach der Haarwäsche komme ich da kaum mit einem normalen Kamm durch,“ sagte sie und holte einen Kamm hervor, bei dem jeder zweite Zahn heraus gebrochen war. Sie zog ihn zweimal durch ihr Haar, hielt es im Nacken fest und zog es mit einem Gummiband zusammen. Dann hob sie trotzig ihr Kinn.

„Gehen wir,“ sagte sie und wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte. Sie traten in die grelle Sonne eines Augusttages und sie blinzelte und wünschte, sie hätte eine Sonnenbrille.

„Wo gehen wir hin?“

„Es ist nicht weit... komm einfach mit mir,“ sagte er freundlich. Er ging auf die Kreuzung zu und nahm dann die Straße, die aus der Stadt führte, der alten Brücke über den Fluss entgegen. Hinter der Brücke bog er nach links ab und folgte dem Pfad aufs Land hinaus, wo der Fluss eine Kurve machte.

Es ist bald Mittag, das heißt, sie hat noch fünf Stunden Zeit, dachte er als sie plötzlich stolperte und er hielt sie fest, bevor sie hinfiel. Er sah sie nachdenklich an, der Pfad war wirklich nicht schwierig.

„Na, du bist aber ganz schön tollpatschig,“ neckte er sie.

Sie wollte ihm nicht antworten. Sie war wütend auf sich selbst. Auf keinen Fall wollte sie eine Brille auf ihre große Nase setzen, das hatte sie beschlossen. Sie war ein wenig kurzsichtig, aber das wollte sie ihm nicht sagen. Beim Lesen musste sie eine Brille tragen, besonders wenn es im Zimmer nicht hell genug war. Sie war dankbar, dass die Rezeption von hellem Neonlicht erleuchtet war, sodass sie ihre Brille da nicht brauchte, und außerdem hatte sie eine besondere Art zu blinzeln entwickelt, und manchmal zog sie ihre Augen so, dass sie mandelförmig aussahen.

Aus unerfindlichen Gründen schien das ihre Sehkraft zu verbessern.

Sie kamen zu einer verlassenen Stelle am Fluss, weit weg von der Straße und hinter Gebüsch versteckt, und er warf die Plastiktasche mit dem Handtuch, die er unter seinen Arm geklemmt hatte, auf den Boden.

Sie war immer noch wütend, aber sie nahm ihren Badeanzug und ging ruhig hinter einen Busch, um sich umzuziehen. Dann kam sie wieder, warf ihre Kleidungsstücke auf die Tasche, ging zum Fluss und sprang sofort hinein.

Sie konnte sehr gut schwimmen und kraulte schnell voran. Peter lächelte und sprang ebenfalls hinein. Er schwamm hinter ihr her, holte sie ein, zog sie unter Wasser und ließ sie das gleiche mit ihm machen. Dann tauchte sie weg und er sah, wie sie ganz unten das Flussbett erkundete. Als sie zum Atmen hoch kam, rief er nach ihr. Er war inzwischen hoch auf einen Baum geklettert und wollte, dass sie zusah, wie er in den Fluss sprang. Dann schwammen sie beide ausgelassen im Fluss herum und jagten verspielt hintereinander her.

Sie war nicht mehr wütend.

Nach ungefähr einer Stunde wurden sie müde. Sie streckten sich auf ihren Handtüchern aus und Peter schaute sie an, ihr Gesicht, ihr nasses Haar, ihren Mund und ihre Augen. Er begehrte sie so sehr, dass er zitterte, lehnte sich über sie and begann, sie zu streicheln, ihren Körper, ihre Lippen; er beugte seinen Kopf und küsste sie, sanft und zärtlich. Scheu und mit offenen Augen erwiderte sie seine Küsse. Dann legte er seinen Körper auf den ihren, sah ihr tief in die Augen und sagte mit rauer Stimme:

„Ich werde zärtlich und vorsichtig sein... lass mich dich lieben. Bitte lass mich dich lieben.“ Sie nickte ohne etwas zu sagen und er versuchte, in sie einzudringen, war beinahe am Ziel als er hörte, wie sie ihre Zähne zusammenbiss und ihn wieder von sich weg schob. „Tut mir Leid,“ sagte sie. „Es tut so weh.“

Sie sah die Verzweiflung in seinen Augen und drehte sich weg; diesmal tat es ihr wirklich Leid, aber sie wusste nicht, was sie machen sollte.

Auf dem Rückweg ging sie hinter ihm und schaute ihn an, wie er den schmalen Pfad am Flussufer entlang ging. Seine Beine bewegten sich so entspannt, alle seine Bewegungen waren geschmeidig und selbstsicher. Ein großer Mann mit einem schmalen, schönen Hinterteil, breiten Schultern und einer Menge Muskeln, die unter seinem Hemd versteckt waren.

Er sieht männlich aus, dachte sie, sehr männlich, und stellte fest, dass sie noch nie darüber nachgedacht hatte, wie ein gut aussehender Mann denn eigentlich aussehen sollte. Wahrscheinlich sollte er so aussehen wie er.

Tatjana hatte keine tiefe Lebensphilosophie und war noch auf der Suche nach dem Sinn ihrer Existenz. War Liebe der Sinn des Lebens? Sie wusste es nicht. Und wenn ja, wie fühlte sich Liebe an? Sie wusste es nicht. Aber jetzt war sie nicht aus Liebe hier, sie ging nicht aus Liebe mit ihm. Liebe konnte es nicht sein, denn sie wusste ja immer noch nicht, wie sich Liebe anfühlte. Er hatte ihr Herz nicht berührt, sie fühlte sich nicht anders als vorher.

Sie nahm an, dass sie mit ihm ging, weil sie endlich leben wollte, und irgendwo musste sie ja anfangen. Sie wollte natürlich Freunde finden, was sollte sie denn tun? Sich mit den hässlichen Typen abgeben, damit sie sich sicher fühlen konnte? Und außerdem, was macht das schon für einen Unterschied? Und mit diesem Gedanken hörte sie auf, über ihr erstes Liebeserlebnis nachzugrübeln. Sie fühlte sich immer noch allein und einsam, aber wenigstens war sie endlich von ihrer lieblosen Familie weg und brauchte nie mehr dorthin zurückzugehen.

Die ganze Woche lang holte Peter sie jeden Tag ab, ging mit ihr zum Fluss, wo sie schwammen und miteinander Spaß hatten. Er versuchte nicht mehr, sie zu lieben, sondern küsste sie zärtlich und streichelte ihren Körper, ihre Lippen, küsste ihr Haar und hielt sie an sich gepresst. Er merkte, wie ihr Körper sich langsam entspannte und mehr auf ihn einging.

„Wann wechselst du denn zur Frühschicht, damit wir mal ins Kino gehen können, oder so?“ fragte er als sie auf ihren Handtüchern lagen, sich ausruhten und über den Sonnenschein freuten.

„Keine Ahnung, diese Woche habe ich wieder Spätschicht zugeteilt bekommen. Sie nutzen mich aus weil ich neu bin, da kann ich nicht machen.“

„Na, solange das Wetter so gut bleibt, soll es uns egal sein, oder?“ „Denk ich auch,“ sagte sie. „Es ist so schön, auch wenn der August fast vorbei ist, ich komme mir vor wie im Urlaub.“

Peter dachte in letzter Zeit andauernd an sie. Er war mit vielen Mädchen zusammen gewesen, aber bei keiner von ihnen hatte er sich so gefühlt wie jetzt. Er wusste, dass einige von ihnen auf eine feste Beziehung aus waren, aber er wusste auch, dass die Eltern ihn niemals akzeptieren würden, weil seine Schulbildung kaum der Rede wert war.

Warum sollte er sich Probleme suchen, dachte er, und außerdem hatte er nie das Gefühl, es würde sich lohnen. Keine von ihnen war so ehrlich, so ohne Allüren, so ruhig, so anspruchslos wir Tatjana, mit keiner war das Zusammensein so einfach.

Er würde noch früh genug Arbeit finden, dachte er. Im Moment machte er ein bisschen Geld, indem er Kleinigkeiten in Italien einkaufte und sie hier mit geringem Gewinn verkaufte. Er brauchte sowieso nicht viel Geld und machte sich kaum Gedanken darüber. Er würde natürlich arbeiten gehen, aber er würde nie die Karriereleiter hochklettern, denn dafür musste man in die kommunistische Partei eintreten. Also sah seine Zukunft sowieso nicht besonders rosig aus.

„Besuchst du bald deine Eltern?“ fragte er. Sie hatte weder Eltern noch Geschwister erwähnt, und er machte sich Gedanken.

„Nein, sie sind nicht zuhause, sie sind in Urlaub,“ sagte sie.

„Aber sie kommen wieder, oder?“

„Vermutlich.“

„Und dann gehst du nach Ljubljana um sie zu sehen, richtig?“

„Vielleicht... wahrscheinlich.“

„Tatjana, was ist los?“

„Wieso? Nichts ist los.“

Er drehte sich zu ihr, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie zärtlich, spürte, wie ihre weichen Lippen seinen Kuss erwiderte und hörte auf, weil er Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren. Also drehte er sich auf den Bauch und schaute sie an. Mit einer Hand streichelte er ihre Lippen.

„Du hast Probleme mit deiner Familie, oder?“

„Ja.“ Sie schaute in seine Augen und er sah ihren Schmerz, er konnte ihn beinahe körperlich fühlen.

„Alles wird gut, es wird gut, mach dir keine Sorgen,“ sagte er, aber die Vorahnung von dem, was auf sie beide zukommen würde, ließ ihn erzittern.

Auf einmal spürte er ihre Hand auf seinem Nacken, sie zog ihn zu sich. Das ist das erste Mal, dass sie so reagiert, dachte er als er sie lang und zärtlich küsste. Er vertiefte seinen Kuss und verlor sich in seinen Gefühlen.

„Tatjana, ich muss dich lieben,“ flüsterte er, seine Stimme rau. Seine Augen flehten sie an, waren gefüllt mit verzweifeltem Verlangen. Sie nickte stumm.

Dieses Mal liebten sie sich wirklich.

„Muss gehen, sonst komme ich zu spät,“ sagte sie, nachdem sie auf ihre Armbanduhr geschaut hatte. Sie zog ihr Höschen hoch und sah, wie ein Tropfen Blut an ihrem Bein hinunter lief. Sie sah ihn an und schaute schnell wieder weg, wusste aber, dass er es auch gesehen hatte. Er zog sie an sich, kreuzte seine Arme über ihrer Schulter, presste sie nah an seinen Körper und legte sein Kinn auf ihren Kopf.

„Bald wird es nicht mehr wehtun. Ich... ich...“ Er konnte nicht mehr reden, die Worte blieben ihm in der Kehle stecken.

September kam und brachte die ersten Wolken, aber es war immer noch sehr heiß.

„Heute ist es bewölkt,“ sagte er als er in ihr Zimmer trat.

„Macht nichts, wir müssen ja nicht jeden Tag schwimmen gehen. Zeig mir das Kino,“ sagte sie mit einem leichten Lächeln. Sie wusste immer noch nicht, wo das Kino war. Das Kino war wichtig – es war die einzige Möglichkeit, etwas über die Welt außerhalb ihres Landes zu erfahren und zu sehen, wie es woanders aussah, wie andere Leute lebten und dachten. Egal wie unecht die meisten Geschichten auch waren, die Filme waren an wirklichen Orten gedreht worden, Orten, die zu besuchen sie sich niemals leisten könnten.

„Also gut, aber wir haben noch viel Zeit. Hast du etwas zu trinken da?“

„Eine Flasche Orangeade ist auf dem Tisch. Mehr habe ich hier nicht, ich esse immer im Hotel.“

„Ist schon gut,“ sagte er während sie sich ein Kleid an zog.

Sie sieht hübsch aus in ihrem engen blauen Kleid, es betonte das Blau ihrer Augen und ihre Lockenmähne, dachte er und sie mochte nun die Art wie er sie ansah. Jetzt wartete sie schon darauf, dass er zu ihr kommen und sie küssen würde, und dass er sie lieben würde.

Sie brauchte nicht lange zu warten. Er schloss sie in seine Arme, küsste sie, tiefer und tiefer, je mehr sie auf ihn einging, machte ihr Kleid auf und trug sie auf ihr Bett.

Sie neckte und küsste und streichelte ihn während sie sich liebten.

Später gingen sie langsam Richtung Kino, vorbei am Hotel und den drei alten Eichen mit ihren dicken Stämmen und Ästen, die in den Himmel ragten. Unter den Baumkronen standen ein paar Tische, die zu einem kleinen Café gehörten. Sie wollte unter diesem sommerlichen Blätterdach sitzen, etwas trinken und die Fußgänger beobachten wie auch die Touristen in ihren Autos, die der Adriaküste entgegenrasten.

„OK,“ sagte er, „aber ich habe kein Geld.“

„Macht nichts, ich kann bezahlen,“ sagte sie und freute sich, mit einem Mann, einem so gut aussehenden jungen Mann, in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Jetzt konnte ja niemand mehr etwas gegen unternehmen, niemand konnte es verhindern, niemand konnte es ihr verbieten. Sie war frei. Sie konnte alles tun, alles was sie nur wollte. Nachdem sie ausgetrunken hatten, zeigte er ihr das Kino und anschließend das Jugendzentrum, welches hinter dem Kino lag.

„Wenn du Frühschicht hast, sehen wir uns einen Film an oder wir gehen hier tanzen. Jeden Samstagabend kann man hier tanzen,“ sagte er und sah, wie sie zögerte.

„Was... was hast du?“ fragte er sofort.

„Ich habe noch nie getanzt und ich kenne diese modernen Tänze nicht. In der Schule haben wir im Gymnastikunterricht mal Foxtrott gelernt, aber leider war ich dabei nicht besonders gut.“

„Tatjana, mach dir keine Sorgen! Ich werde es dir beibringen,“ sagte er beruhigend und fasste den Beschluss, mehr über ihre Vergangenheit herauszufinden.

Als sie still und langsam dem alten Haus entgegen schlenderten, dachte sie wieder, wie gut sie sich jetzt fühlte. Jemand hatte sie lieb, und zum ersten Mal in ihrem Leben glaubte sie an sich selbst. Allerdings konnte sie nicht wissen, wie sehr sie die Macht der Liebe unterschätzt, die Gefühle die sie so lange in sich eingeschlossen hatte.

Oder wie wenig sie sich auskannte mit diesem Spiel namens Liebe.

4

„Der Geschäftsführer will dich sprechen!“ fuhr ‚Schorfa’ sie an sobald Tatjana die Rezeption betrat, um ihre Arbeit aufzunehmen.

„Was, jetzt?“ fragte sie.

„Ja, du sollst in sein Büro gehen, bevor du mit der Arbeit anfangst.“ ‚Schorfa’ sah sie trotzig an, sie hatte etwas Boshaftes, Provokatives in den Augen. Tatjana war sofort beunruhigt. Sie drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Jetzt wird es Ärger geben, dachte sie, klopfte an der Tür des Geschäftsführerzimmers an und trat ein, sobald er „herein“ gesagt hatte.

Er stand auf, blieb aber hinter seinem Schreibtisch, sah sie an und sagte, sie solle auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz nehmen.

„Tatjana,“ fing er an. „Ihre Kollegin, ihre Zimmerkameradin, hat sich über Sie beschwert. Dieser junge Mann, der einen sehr schlechten Ruf hat, der besucht Sie jeden Tag. Und das ist noch nicht alles. Sie behauptet..., äh..., wie soll ich das ausdrücken, dass Sie mit ihm auf ihrem Bett geschlafen haben. Sie hat sich sehr aufgeregt, weil da ein Blutfleck auf ihrem Bett war. Und ich muss sagen, dass ich ihr zustimme. Das ist nicht akzeptabel!“ Er sprach sehr langsam.

Tatjana konnte sich an den Tag erinnern, aber nicht an Blutfleck. Sie hatte nachgeschaut und da waren keinerlei Blutflecken auf der Bettdecke. Sie war allerdings jetzt nicht in der Lage, das abzustreiten, denn sie hatte keine Beweise und es war Ihr ohnehin peinlich. Außerdem wollte sie auch gar nicht darüber reden und so blieb sie still. Anscheinend verstand er, wie sie sich fühlte, denn als er fortfuhr, war er ein wenig freundlicher.

„Tatjana, dieser Junge ist ungebildet und er will nicht arbeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, warum Sie sich mit ihm eingelassen haben. Ich würde Ihnen raten, nicht mehr mit ihm zusammen gesehen zu werden. Jedenfalls können Sie auch nicht mehr in dem Zimmer bleiben, Ihre Zimmerkameradin will, dass Sie ausziehen und dafür haben Sie ihr ja auch einen guten Grund gelieferz. Es wird über Sie geredet und ich muss entsprechend handeln,“ sagte er.

„Wann muss ich ausziehen?“ fragte Tatjana.

„So schnell wie möglich,“ forderte er.

Als sie zur Rezeption zurückkam, warf ‚Schorfa’ ihr einen triumphierenden Blick zu.

„Ich muss aus diesem Zimmer ausziehen,“ teilte sie Peter mit, als er am nächsten Morgen hereinkam.

„Wieso?“