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Auf einem Asteroiden betreibt das größte Firmenkonglomerat des Sol-Systems ein Geheimlabor. Kapitän Glenn und die Mannschaft der "Sonnenwind" sollen dort einen Wissenschaftler entführen. Das Lösegeld soll den Allnomaden das für die Atemluft benötigte Kleingeld in die Kassen spülen. Doch was nach einem normalen Auftrag klingt, entpuppt sich als Totalausfall und zwingt Glenn, sich auf Verbündete einzulassen, denen ehrenhafte Nomaden wie er normalerweise aus dem Weg fliegen. Und bald muss er erkennen, dass im System noch ganz andere Überraschungen lauern, von denen kein Mensch etwas weiß.
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2021
AndroSF 145
S. C. Menzel
TITANROT – NOMADEN IM ALL
AndroSF 145
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Oktober 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: S. C. Menzel
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 259 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 838 8
Für Georg
Forschungsstation im Sednagürtel
Die Eislandschaft des Asteroiden glitzerte im Licht der fernen Sol. Das Zentralgestirn stand hier in den Außenbezirken des Systems nur noch als gleißender Punkt am schwarzen Himmel. Ein Stern unter vielen. Wenn auch ein besonders heller. Seine Helligkeit reichte trotzdem aus, die Schatten der Felsformationen scharf umrissen in den Staub zu zeichnen. Oder unvorsichtige Raumnomaden zu blenden.
»Sollen die Träumer mich holen«, fluchte Glenn. Dank des kurzen Blicks in Richtung Sonne tanzten rote Flecken vor seinen Augen. Er hob die Hand, um sie sich zu reiben, und ließ sie wieder sinken. Die lagen unantastbar hinter dem Visier seines Raumanzugs verborgen. Genau wie seine juckende Nase.
Tian, sein Bordmechaniker, tippte ihm von hinten auf die Schulter und deutete in die Schatten unter vier Felsen. Die Formation ragte aus dem Geröllfeld heraus wie die Finger eines vergrabenen Riesen. Tians Hände formten das Zeichen für Tür. So nah an der Forschungsstation wagten sie nicht, sich über den Helmfunk zu unterhalten.
Tatsächlich entdeckte Glenn viereckige Umrisse unter einem der Felsvorsprünge. Tian hatte den Eingang zum Geheimlabor des Lehrsinn-Bode-Konglomerats gefunden, das sich nach den Informationen ihres Auftraggebers hier versteckte.
Der große Mechaniker zog einen Elektroschocker aus seinem Rucksack. Die Waffe wirkte in seinen Händen wie ein Kinderspielzeug. Nicht, dass das Ding ihnen bei Problemen wirklich helfen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, diese Einrichtung im Falle einer Entdeckung je wieder zu verlassen, lag etwa so hoch wie die, einen Allspaziergang ohne Anzug zu überleben.
Glenn holte tief Luft. Die Atemgeräusche im Innern seines Helms durchbrachen als einzige die Ruhe des Universums.
Dann stieß er sich ab und schwebte einige Meter weiter. Er landete in den Schatten direkt vor der Tür. Von seiner Landung aufgewirbelter Staub tanzte um ihn herum und sank wie in Zeitlupe zurück zu Boden. Sein Magen drehte sich um, als er sich wieder aufrichtete. Nach den Monaten in der Schwerelosigkeit seines Raumschiffes missfiel seinem Gehirn sogar die Andeutung einer Schwerkraft. Selbst die Sterne über ihm schienen zu wanken.
Das flaue Gefühl im Magen brachte kalte Schweißausbrüche mit sich. Sich in den Helm zu übergeben gehörte zum Letzten, was er jetzt brauchte. Er schluckte einen gefühlten Liter kalten Speichel runter. Die Tür vor ihm glänzte dunkel im Sonnenlicht. Der Anblick stellte seine Nackenhaare auf. Verborgen in den Eingeweiden dieses Asteroiden hatte Lehrsinn-Bode einen so abgelegenen Außenposten errichtet, dass sie dessen Existenz nicht einmal verleugnen mussten. Diese Einrichtung existierte für den Rest der Menschheit nicht. Und er kam hierher. Freiwillig. Um die Konglos zu bestehlen. Grandiose Idee.
Neben ihm landete Tian und starrte die Tür angestrengt an. Glaubte er, Willenskraft reiche aus, um hindurchzusehen und zu erkennen, welche Überraschungen auf der anderen Seite lauerten?
In der Ecke seines Visiers leuchtete die Bordzeit der Sonnenwind. Viertel nach drei. Fünfzehn Minuten zu spät. Er klopfte mit seinem Handrücken gegen die Tür und trat dann einen Schritt zurück. Einen Atemzug lang geschah nichts. Tian hob die Hand mit dem Elektroschocker wieder an.
Die Tür glitt auf und offenbarte eine Luftschleuse, die ihm nach der Helligkeit auf der Asteroidenoberfläche dunkel vorkam. Er erkannte nur wenig von den Metallwänden und dem dunklen Boden. Hinter einem Fenster in der gegenüberliegenden Schleusenwand stand ein moppeliger Mann mit schwarzen Locken und winkte sie heran. Doktor Kroll, der Wissenschaftler, dessen Entführung aus dem Labor ihren Sauerstoff bezahlen sollte. Wieso trug der keinen Raumanzug? Wollte er in seinem schicken Hemd aus der Luftschleuse spazieren? Das wäre ein kurzes Vergnügen in Freiheit.
Glenn tauschte einen Blick mit Tian. Grandios. Jetzt durften sie das Kindermädchen für einen Konglo spielen, der sein Leben auf Gesteinsbrocken abgesessen hatte. Felsenkleber nannten die Nomaden Leute, die ihre Zeit auf Planeten, Raumstationen, Asteroiden oder sonstigen Steinklumpen fristeten. Und Glenn hatte noch keinen getroffen, der im All zu etwas zu gebrauchen war.
Er betrat die Schleuse mit klopfendem Herz. Kalte Schauer liefen ihm über den Nacken. Das Sonnenlicht warf seinen Schatten auf ein kupferfarbenes Nilpferd mit aufgerissenem Rachen an der Wand, das Firmenlogo von Lehrsinn-Bode. In die Höhle des Konglomerats hinabzusteigen hatte nicht in der Auftragsbeschreibung gestanden. Der Felsenkleber hätte draußen abmarschbereit auf sie warten sollen. Aber offensichtlich mussten sie zuerst mit dem Mann sprechen, bevor sie hier wegkamen. Die Tür hinter ihnen glitt wieder zu und sperrte das Licht der Außenwelt aus.
Mit einem Zischen strömte die Luft des Habitats in die Schleuse. Das erste Geräusch seit Stunden, das nicht seinen eigenen Körperfunktionen entstammte. Es schmerzte nach der Stille im All in seinen Ohren. Seine Schritte schepperten dank der Astronautenstiefel so laut, dass wahrscheinlich die gesamte Einrichtung über seine Anwesenheit Bescheid wusste. Der Lärm dieser Welt überrollte ihn und sein Atem klang leise und unbedeutend.
»Ziehen Sie Ihren Anzug an, Doktor Kroll«, sagte er noch, bevor der Wissenschaftler die Glastür auf der anderen Seite der Luftschleuse öffnete. Glenn machte sich nicht die Mühe, den Helm abzunehmen. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Je länger sie brauchten, desto größer wurde die Gefahr der Entdeckung. »Jede Minute zählt.«
»Ich habe keinen Raumanzug«, erklärte der Wissenschaftler und öffnete die Tür mit seinem Dienstausweis, den er vor einen Scanner hielt.
Glenns Augen gewöhnten sich allmählich an das schummrige Licht. Leuchtende Anzeigen in den Wänden und eine große Tür, die tiefer ins Habitat führte, schälten sich aus dem Dunkel.
»Wie genau stellen Sie sich das denn vor?«, fragte er. »Wollen Sie Asteroidenstaub atmen?«
»Ich bin nicht ins Lager gekommen«, verteidigte der Mann sich. »Es wird von Sicherheitsmännern bewacht. Ich dachte, vielleicht könnten Sie … Ich meine, Sie sind doch …«
»Anscheinend sind wir umsonst gekommen«, sagte Glenn. »Die Abmachung lautete, Sie hier an der Schleuse abzuholen. Wir wandern nicht noch tiefer in Lehrsinn-Bodes Höhle und brechen in irgendein Lager ein. Wir kehren auf der Stelle zur Sonnenwind zurück.«
»Wollen Sie das Geld für meine Freiheit nicht?«, fragte der Mann und riss die Augen auf. Alle Gesichtsfarbe wich aus seinen Wangen. »Ich gebe Ihnen alles, was ich habe. Eine Million zusätzlich zu den zweien, die Sie von meinem Bruder auf Amarok bekommen.«
»Drei Millionen Kuben?«, fragte Glenn und nahm seinen Helm ab. Der saure Geruch seines seit drei Tagen ungewaschenen Körpers biss ihm in die Nase. Als hätte sein Riechorgan erst dank des Vergleichs mit der frischen Luft des Forschungshabitats gemerkt, wie sehr er stank.
Tian sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Bist du verrückt geworden, Käpt’n? Du musst echt mal deine Prioritäten aussortieren. Die Sicherheitsmänner sind vermutlich schon auf dem Weg. Wir müssen gehen. Bevor sie merken, dass unsere Anwesenheit hier kein Sensorfehler ist. Und bevor unser Zeitplan durcheinandergerät. Die Sonnenwind ist bereits im Anflug. Wir müssen zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt sein. Ich sitze lieber ohne Kuben auf unserem Mädchen, als mit Kuben in einer Konglozelle.«
»Die Sicherheitsmänner bemerken uns nicht«, krächzte Kroll. Er sah sich um, als erwarte er, seine Worte könnten besagte Sicherheitsmänner direkt hinter ihm aus der Luft materialisieren. »Ich habe ein Wartungsprogramm gestartet. Falschmeldungen gehören zum Testverfahren. Die Überwachungssysteme sind beschäftigt und die Bewohner sind fast alle in den Freizeitmodulen und genießen den frühen Feierabend. Wir haben eine ganze Stunde Zeit.«
Er pausierte, um die Uhrzeit in einer Anzeige neben der Tür abzulesen. »Jetzt sind es nur noch fünfundvierzig Minuten. Ihr seid zu spät.«
»Wir wären nicht zu spät, wenn wir eine bessere Beschreibung oder ein Bild vom Eingang gehabt hätten«, sagte Tian und zog ebenfalls den Helm ab. Seine Glatze mit den grünen Tätowierungen glänzte vor Schweiß. Er betrachtete Kroll wie einen Wurm, den er im Trinkwassertank gefunden hatte. »Wir haben zugesagt, Sie auf der Asteroidenoberfläche abzuholen und nach Amarok zu bringen. Mehr nicht. Wir werden weder Schiff noch Mannschaft für eine Million zusätzlicher Kuben riskieren. Wir sollten gehen, Käpt’n.«
»Wir können uns ja mal anhören, was er zu sagen hat.« Glenn kratzte sich mit seiner freien Hand die Nase und seufzte erleichtert. Eine Million zusätzlicher Kuben reichte aus, um nicht nur der Sonnenwind, sondern auch dem Dingi eine Generalüberholung zu verpassen. Und wenn sie jetzt ohne Kroll abdampften, fehlte ihnen sogar das Geld, um im nächsten Hafen die Luftfilter austauschen zu lassen.
»Ihr versteht nicht, worum es hier geht«, stammelte der Wissenschaftler. Tian nahm seinen Helm hoch, um ihn aufzusetzen. Doch Kroll klammerte sich an den Arm des Mechanikers. »Ihr müsst mich mitnehmen.«
Mit lautem Scheppern knallte der Helm auf den Boden.
»Lass los, Konglo.« Tian versuchte, den Mann von sich abzuschütteln.
»Nein«, rief Kroll. Etwas blitzte in seiner Hand und ein Reißgeräusch hallte durch den Vorraum.
»Bist du lebensmüde?«
Tians Faust traf den Wissenschaftler am Kopf. Der Mann hing immer noch am Arm des Mechanikers. Auch wenn Blut aus seiner Nase auf den silbrigen Anzug sprudelte. Er schielte und wieder riss etwas hörbar auf. Tian holte aus, um den Wissenschaftler von seinem Arm abzuschlagen. Sein Anzug klaffte an zwei Stellen weit auseinander. Normalerweise begann der Reparaturmechanismus sofort, um den Luftverlust zu begrenzen. Doch die Löcher vergrößerten sich mit jeder Bewegung des Mechanikers. Der sich erstaunlich schwer damit tat, den Wissenschaftler von seinem Arm zu pflücken.
»Dein Anzug ist kaputt«, rief Glenn. »Die Autoreparatur ist hin.«
Tian sah ungläubig auf seinen Ärmel. Der Wissenschaftler nutzte die Gelegenheit und hüpfte einige Meter zurück, in Sicherheit vor dem riesigen Mechaniker. Das dunkel schimmernde Messer hielt der immer noch fest umklammert.
»Jetzt müsst ihr ins Lager gehen. Sonst kommt ihr nicht mehr weg«, sagte Kroll mit blutigem Grinsen und schiefer Nase. Er hielt sein Messer hoch. »Molekularschneide mit elektromagnetischem Impulsgeber. Der Anzug ist hin.«
Tians Nasenflügel bebten vor Wut. »Bist du lebensmüde, Konglo?«
Glenn sprang zwischen die beiden, damit der Mechaniker den Wissenschaftler nicht einfach ins Jenseits prügelte.
»Aus dem Weg«, sagte Tian. »Der Drecksack hat meinen Anzug zerstört.«
»Du kannst dich rächen, wenn wir den Kerl verschnürt und an Bord verstaut haben.« Glenn starrte Kroll wütend an. »Jetzt besorgen wir erst einmal zwei funktionierende Raumanzüge.«
»Verschnürt?«, fragte der Wissenschaftler und der Triumph wurde aus seinem Gesicht gewischt.
»Du glaubst doch nicht, dass ich dich nach der Aktion auf meinem Schiff frei rumscharwenzeln lasse?« Glenn lächelte. »Ich bin sicher, Tian wird sich einiges einfallen lassen, wie er es dir heimzahlen kann. Ihr beide habt auf dem Weg nach Amarok genügend Zeit zum beschnuppern.«
»Ihr könnt mir nix tun«, sagte der Wissenschaftler. »Ihr dürft nicht.«
»Wir dürfen auf meinem Schiff, was ich erlaube«, sagte Glenn. »Wenn dir das nicht passt, kannst du hierbleiben.«
Ob er es damit übertrieb, dem Kerl ein wenig Respekt beizubringen? Aber sie konnten sich keine weiteren bösen Überraschungen erlauben, wenn er die Sonnenwind wiedersehen wollte.
»Aye, Käpt’n.« Tian streckte seinen Rücken durch. »Dem werd ich beibringen, noch mal die Raumanzüge ehrenhafter Nomaden anzufassen.«
Glenn setzte seinen Helm wieder auf. »Du sagst, wir haben noch eine Dreiviertelstunde? Lasst uns keine Zeit mehr vertrödeln. Führ uns zum Lager. Du gehst vor.«
»Ich? Ich dachte, ich kann hier warten.« Der Mann blickte auf Tians Miene, schluckte seine Widerworte und nickte.
Anscheinend funktionierte das Alarmsystem tatsächlich nicht. Denn Kroll führte sie ohne Probleme mithilfe seiner Dienstmarke durch etliche Türen und Flure, bis sie tief im Innern der Station vor einer letzten Tür hielten. Auch Menschen hatten sie keine getroffen.
»Dahinter liegt der Flur zum Lager«, sagte der Wissenschaftler. »Da stehen zwei Sicherheitsmänner. Ich habe versucht, deren Drohnen abzuschalten, aber ich kann nicht garantieren, dass das funktioniert hat.«
»Drohnen?« Glenn seufzte und zückte seine Waffe. Das wurde ja immer besser.
»Damit werde ich fertig, Käpt’n.« Tian zog ein schwarzes Kästchen aus seinem Rucksack und hielt es ins Licht.
»Beschreibe uns genau, wo die Wachen und Drohnen stehen«, forderte Glenn vom Wissenschaftler. »Und lass nichts aus. Dich erschieß ich zuerst, falls deine Angaben nicht stimmen.«
Der Flur hinter der Tür strahlte reinweiß. Glenn schirmte seine Augen mit der linken Hand ab, während er mit rechts zielte. Eine Frau mit schwarzem Pferdeschwanz stand auf einer Seite des Flurs. Auf der anderen hielt ein bulliger Mann mit krausem Haar Wache. Drohnen auf Rädern warteten neben ihnen. Glenn tauschte einen Blick mit den Wachleuten und ihren mechanischen Helfern. Alarm heulte auf.
Tian warf sein schwarzes Kästchen nach den Blechdosen. Die wandten sich um und feuerten. Ein Lichtblitz explodierte. Der Raum erstrahlte in gleißendem Weiß. Glenn kniff die Augen zusammen und duckte sich zur Seite. Etwas schlug gegen seinen Oberschenkel. Er hörte die Rufe der Konglos und das Schrillen einer Sirene wie durch einen Schleier. Die Wachmänner gingen unter Tians Beschuss zu Boden und blieben neben ihren Drohnen liegen.
Schatten schluckten Glenns Sichtfeld von den Rändern her.
»Soll der Träumer sie holen«, fluchte Tian und packte Glenn an der Schulter, bevor er umfallen konnte. Aber der Schwächeanfall dauerte nur einen Augenblick. Die Welt tauchte wieder auf und er stand, durch Tian gestützt, vor einer der Türen im Flur. Doktor Kroll zeigte einem weiteren Scanner seinen Dienstausweis und verschaffte ihnen Einlass. Die Alarmsirenen schrillten noch immer.
»Scheint, als bräuchten wir drei Anzüge«, erklärte Tian und ging durch die Tür, die sich gerade öffnete. Er hatte seinen Arm um Glenns Schultern gelegt und schliff ihn geradezu in den Raum. Es fiel ihm trotzdem schwer, sich aufrecht zu halten. Wieso funktionierten seine Füße nicht richtig? Er sah runter. Ein roter Fleck breitete sich an seinem Bein aus. Blut rann den Stoff entlang und tropfte auf den Boden. »Die haben mich getroffen.«
»Aye«, brummte Tian. »Drecksäcke.«
Im Lager stapelten sich Kisten in langen Regalreihen bis zur Decke.
»Hol die verdammten Anzüge raus. Wir müssen hier weg«, befahl Tian dem Wissenschaftler.
»Gleich«, rief Kroll und huschte zu einem Regal mit kleinen Glasbehältern. Er nahm drei davon.
»Nicht gleich«, sagte Tian. »Jetzt, du Träumer.«
»Die Anzüge sind im zweiten Gang in der dritten Kiste von links. Mittlere Reihe«, rief der Wissenschaftler, während er weitere Gläser hervorholte.
Tian knurrte wütend und legte Glenn neben der Tür ab, bevor er die Anzüge suchte.
Glenn betastete den roten Fleck an seinem Bein. Nasskalte Flüssigkeit klebte an seinen Handschuhen. Er spürte keinen Schmerz. Eigentlich spürte er gar nichts, als sei er in Watte gepackt. Die ganze Welt wirkte dunkler, leiser und ruhiger. Obwohl das Jaulen der Sirenen nur von einer lärmenden Durchsage unterbrochen wurde. Ihm fiel es schwer, die Worte zu verstehen. Schock. Er stand unter Schock.
Der Wissenschaftler kam zurück und stellte fünf Gläser neben ihn. Alle waren mindestens zur Hälfte mit Dreck gefüllt. Glenn blinzelte das Etikett des ihm am nächsten stehenden Glases an: ›Grubenaushub. Chuquicamata Mine. Fundort: Atacama-Wüste; Erde. Historische Datierung: ca. zwanzigstes Jahrhundert‹.
Dreck von der Erde? Wer zum Allwal machte sich die Mühe, Dreck von der Erde nicht nur ins All, sondern weit hinaus in die Außenbereiche des Sonnensystems zu befördern und dann in Gläsern auf einem Asteroiden einzulagern? Das ergab überhaupt keinen Sinn.
Er las das nächste Etikett: ›Vulkangestein. Fundort: Neapel; Erde. Historische Datierung: ca. erstes Jahrhundert‹.
Vielleicht funktionierte sein Gehirn aufgrund des Blutverlustes nicht mehr richtig. Er kniff die Augen zusammen und entzifferte die Beschriftung einer der kleinen Kisten in der Ecke.
›Wrackteile, Außenhülle einer Raumstation. Fundort: Trümmerfeld Adlivun 34B; historische Datierung: keine.‹
Die lagerten hier anscheinend nicht nur Dreck von der Erde, sondern auch Metallschrott aus Trümmerfeldern ein. Wieso gab Lehrsinn-Bode Geld für so was aus? Ihm fiel keinerlei gewinnbringende Unternehmung ein, die auf diesen Zutaten fußte.
Er wechselte einen Blick mit Tian, der beladen mit Raumanzügen und vom Arm baumelnden Helmen zurückkam. Der Mechaniker wirkte im Angesicht der Gläser voll Müll und Schmutz genauso verwirrt.
»Was soll das werden, wenn’s fertig ist?«, fragte Tian. Anscheinend war er so verdattert, dass er vergaß, wütend zu sein.
»Die müssen mit«, sagte der Wissenschaftler und kam mit einem weiteren Glas voller Scherben an.
Die Sirenen hörten für einen Moment auf, zu blöken. Kurz darauf meldete sich eine Frauenstimme. »Achtung – wichtige Durchsage der Stationssicherheit. Die gesamte Station inklusive aller Labors und Habitate wird mit sofortiger Wirkung abgeriegelt. Bitte warten Sie an Ihrem Platz, bis die Station wieder freigegeben wird. Bei dringenden Notfällen melden Sie sich bitte bei Ihrem Vorsteher. Es wurden Eindringlinge in der Station festgestellt. Bitte melden Sie unbefugte Personen Ihrem Vorsteher. Sicherheitsmannschaft 3 bitte zur Schleuse 1A. Eine unidentifizierte Raumfähre wurde etwa dreihundert Meter östlich der Schleuse 1A entdeckt.«
Dreihundert Meter östlich? Glenn fröstelte und Magensäure stieg in seinem Rachen auf. »Unser Dingi!«
»Was ist ein Dingi?«, fragte der Wissenschaftler.
»Unser Beiboot. Damit sind wir von der Sonnenwind hergeflogen«, erklärte Glenn.
»Wir müssen los«, rief Tian und begann Glenn in die Hosen eines Raumanzugs zu helfen. Er zog den neuen Anzug über den alten an. »Sofort.«
»Das bringt nichts.« Kroll sammelte hastig die Gläser ein. »Die sind vor uns an der Schleuse. Und die Ausgänge sind auch alle verriegelt. Mein Ausweis wird uns nicht mehr helfen. Vermutlich stehen die bereits vor der Tür.«
»Ich dachte, wir haben noch eine halbe Stunde Zeit«, sagte Glenn. Vor der Tür wurden Stimmen laut. Er drehte den Kopf zum Eingang. Die Bewegung brachte die Welt kurz ins Wanken. »Der Sicherheitsdienst schießt uns hier gleich zusammen.«
»Zum Allwal mit denen.« Tian sprang in einen blitzsauberen Kongloanzug und half Glenn, seinen Helm anzulegen. »Wir sprengen uns hier raus, Käpt’n.«
Die Schritte der Sicherheitsleute kamen vor der Tür zum Halten. Glenn versuchte, aufzustehen. Doch sein Bein gehorchte nicht. Tian reichte ihm eine helfende Hand.
»In welcher Richtung liegt der Hangar?«, fragte Glenn den Wissenschaftler. Kroll versuchte, mit dem Kinn eines der Gläser so zu fixieren, dass es ihm nicht runterfiel.
»In welcher Richtung liegt der Hangar?«, wiederholte Glenn seine Frage mit Nachdruck und nahm ihm das überzählige Glas ab, bevor es wirklich fiel.
»Etwa hundert Meter da hinten.« Der Wissenschaftler deutete mit dem jetzt freien Kinn zu einer Seite des Lagerraums. »Aber wir kommen nicht an ihnen vorbei in den Flur. Sie sind hier. Sie werden uns finden. Ich muss hier raus.«
»Was liegt zwischen dem Lager und dem Hangar?« Er steckte das Glas in seinen Rucksack.
»Die Gewächshäuser.«
»Gut. Da gehen wir durch«, entschied Glenn. »Tian, ich glaube nicht, dass ich schnell laufen kann.«
»Ich glaube nicht, dass du noch wach bist, wenn wir am Hangar sind«, erklärte Tian und rannte mit Glenn im Arm zur anderen Tür. Mit jedem Schritt legte er mehrere Meter zurück. Vorbei an weiteren Gläsern voller Dreck. Der Wissenschaftler hielt seine eigenen an die Brust gepresst wie kleine Kinder. Hinter ihnen öffnete sich die Tür zum Lager. Die Stimmen der Wachmänner und das Surren der Drohnen drangen zu ihnen herüber.
Tian heftete eine kleine Sprengladung an die Rückwand des Lagers und zündete sie. Ein kurzes Aufblitzen blendete Glenn und öffnete einen Durchgang, durch den die feuchte Hitze der Gewächshäuser strömte. Sein Visier beschlug und dimmte das Licht der Kunstsonnen, das durch das Loch fiel. Dahinter wuchsen hydroponische Kulturen auf sechs Etagen. Hellgrüne Blätter ragten aus schwarzen Gefäßen, die in langen Reihen standen.
Tian hielt nicht an, um die Umgebung zu bestaunen. Er zog Glenn im Laufschritt vorbei. Mit seinem Blut floh auch die Wärme aus Glenns Körper. Sein Bein verweigerte den Gehorsam.
Hinter ihnen erklangen das Trampeln von Magnetstiefeln und aufgeregtes Rufen. Die Sicherheit hatte das Loch in der Wand gefunden. Er sah sich nicht um. Seine Füße schliffen nutzlos über den Boden.
»Sie haben uns gleich«, rief der Wissenschaftler. Die Gläser mit Dreck und Scherben hielt er fest umklammert. Glenn starrte ihn verständnislos an. Wieso ließ der den Dreck nicht fallen?
»Allerdings«, sagte Tian und nahm Glenn auf den Arm, um schneller fortzukommen. Dank der geringen Schwerkraft stellte das den Mechaniker vor keinerlei Probleme. »Ist das der Ausgang zum Hangar?«
Etwa zwanzig Meter vor ihnen öffnete sich eine Tür.
»Rauchbombe rechte Tasche!«, rief Tian. Glenn langte in die Rucksacktasche und erfühlte das runde Metallbehältnis. Er warf es in die Truppe aus Wachmännern, die in das Gewächshaus drängten. Dichte Rauchschwaden umhüllten alles und jeden im Umkreis von zwanzig Metern. Die Wachmänner, die keine Anzüge trugen, husteten und keuchten. Irgendwo fielen Körper dumpf auf den Metallboden.
Der Schatten einer Drohne tauchte aus den Rauchschwaden im Raum auf und Glenn fischte ohne Aufforderung den Störsender aus Tians Rucksack. Er startete ihn, bevor er ihn auf den Boden fallen ließ, um der Metallbüchse keine Gelegenheit zu geben, das Gerät zu zerstören. Hoffentlich waren das die letzten Schrotthaufen, die sie ausschalten mussten.
Die Drohne fiel mit lautem Scheppern zu Boden. Das Licht flackerte. Irgendwo im Rauch raschelte es. Jemand stand auf.
Kalter Speichel sammelte sich in Glenns Mund. Das lag nicht an der ungewohnten Schwerkraft. Es fühlte sich an, als ströme Eiswasser statt Blut durch seinen Körper. Der Blutverlust drohte, ihn außer Gefecht zu setzen.
»Wir haben euer Dingi gefunden«, rief jemand aus dem verrauchten Gewächshaus. »Ihr kommt hier nicht mehr weg. Ergebt euch.«
Für wie dumm hielten diese Konglos sie? Die ließen niemanden aus einer Geheimanlage spazieren, nur weil man sich ergab. Tian warf eine Sprengladung hinter sich auf den Boden und flüchtete in den Rauch. Der Wissenschaftler rannte neben ihnen. Die Gläser klinkten durch die Bewegung aneinander.
»Zündung«, raunte Tian und Glenn spürte, wie er runtergedrückt wurde. Irgendwo hinter ihnen donnerte es. Er hörte das Scheppern der Wandteile, die zu Boden krachten.
»Weiter, weiter!«, rief der Wissenschaftler. »Da hinten ist ein Shuttle, das zur Evakuierung im Notfall gedacht ist.«
Der Rauch vernebelte Glenns Sicht und allein der Anblick ließ seinen Hals kratzen. Sie hielten vor einem Shuttle an und Kroll fummelte an einem der Paneele neben der Transportklappe rum. Die Gläser presste er mithilfe seines Oberkörpers gegen die Bordwand.
»Ich komm nicht rein! Ich komm nicht rein!«, rief der Wissenschaftler.
»Sind eure Anzüge in Ordnung?«, fragte Tian.
»Ja«, antworteten Glenn und Kroll gleichzeitig.
»Dann sprengen wir uns rein. Wir brauchen keine Atmosphäre in der Raumfähre. Ein Guckloch in der Außenwand kann uns egal sein.«
Raumhafen im Orbit des Zwergplaneten Pana
Chan stand im Aussichtsmodul der Raumstation über Pana. Der Ort erinnerte ihn an ein Fischglas. Mit dem Unterschied, dass die Glasbewohner die Außenwelt durch den durchsichtigen Boden beobachteten und nicht umgekehrt. Die Rotation der Station ließ den Planeten unter seinen Füßen aufgehen wie einen Mond.
Es sah zugegeben hübsch aus. Eiswüsten glitzerten im Licht der Habitatkuppeln und schwarze Gebirge ragten aus dem Schnee wie Zähne aus dem Schlund einer Muräne. Beinahe fünfzehn Milliarden Menschen lebten auf dem Planeten und den ihn umgebenden Orbitalstationen. Fünfzig große Raumstationen und unzählige kleinere umtanzten den Zwergplaneten. Die Naturreservate in den Orbitalringen boten eine Artenvielfalt, die im ganzen Sednagürtel ihresgleichen suchte. Mehrere Lichtsekunden dicht besiedelten Raums gehörten zum Kerngebiet der Verwaltung Panas. Das hätte Pana im Solschwarm des inneren Sonnensystems zu einem Außenposten unter vielen gemacht. Hier draußen im Sednagürtel jedoch, wo die Sonne dank der Verdunkelung durch den Habitatschwarm beinahe unsichtbar zwischen den funkelnden Sternen glomm, stellte Pana ein Zentrum menschlichen Treibens dar. Ein kulturelles Leuchtfeuer, das Nomaden und Felsenkleber anzog wie Honig die Fliegen.
Die Raumhäfen spuckten so viele Raumschiffe, Shuttles und Frachtmodule aus, dass es aussah, als fächerten sie ein aus Metallperlen geknüpftes Netz über dem gesamten Gebiet auf. Chan erinnerte sich nicht, wann er das letzte Mal so viele Dinge gesehen hatte. Aus seinem Labor auf dem Kolonieschiff Rhea sah er meist nur die Schwärze des Alls.
Die Rhea befand sich ebenfalls unter den Objekten, die den Planeten umkreisten. Ihre silbrige Hülle reflektierte die Lichter der Zivilisation und neben dem Planeten wirkte sie wie ein winziges, dunkelsilbernes Ei mit Fensterreihen, die leuchtende Streifen über ihre ganze Länge zeichneten. Frachter und Dingis trugen unablässig Waren und Menschen in ihren weit geöffneten Rachen. Ein endlos scheinender Strom an Rohstoffen, die weit weg vom Trubel des Sonnensystems eine Kolonie aufbauen sollten. Das Schiff würde rappelvoll sein, wenn er zurückkehrte. Pana war der letzte Raumhafen, den die Rhea je anlaufen würde. Nach eintausend Jahren Raumfahrt wagte die Menschheit endlich den Sprung in ein anderes Sternensystem.
Chan suchte in dem nur vom Widerschein Panas beleuchteten Aussichtsraum nach Hinweisen, welcher der Anwesenden seine Verabredung sein könnte. Der fremde Helfer, der angeboten hatte, sein Lebenswerk zu vollenden, versteckte sich wohl kaum in der kreischenden Kinderschar, die gerade die Aussichtsplattform stürmte. Auf kurzen Beinchen stoben sie, zum Leidwesen ihrer Erzieher und Chans, quiekend und schnatternd in alle Richtungen auseinander. Die Kleinen ließen sich auf den Boden plumpsen, drückten ihre Nasen an den durchsichtigen Paneelen platt und schrien vergnügt auf, als eine der anderen Raumstationen sich ins Panorama unter ihren Füßen schob.
Jemand zupfte von hinten an Chans Mantel. Er fuhr herum. Bereit, dem Balg eine Standpauke zu halten, die ihren Namen verdient hatte. Vor ihm stand eine rot glänzende Drohne auf Rädern. Ein rundes Köpfchen saß auf ihrem Rücken und an einem dünnen Greifärmchen baumelten Ohrstöpsel.
Er seufzte vor Enttäuschung. Kein Mensch würde zu dem Treffen kommen. Dann betrachtete er den Kurier zweifelnd. Informationen dieses Stellenwertes vertraute man keiner Technik an. Den einzig sicheren Ort für solche Schätze trug der Mensch im Kopf spazieren. Jedes Kind wusste das. Eigentlich.
Mit schweißnassen Fingern nahm er die Stöpsel und steckte sie in die Ohren. Sie fühlten sich kalt an und viel zu groß. Zumindest brachten sie das Geschrei der Kinder zum Verstummen. Chan atmete auf.
»Verzeihung«, sagte eine Stimme aus dem Lautsprecher der Drohne. Der fremde Freund klang erstaunlich jung. Hatte ein Jungspund ein Problem gelöst, mit dem er sich seit Jahrzehnten herumschlug? Oder zumindest jemand, der genug Eitelkeit besaß, um sich als jung auszugeben. Ein bitterer Geschmack belegte seine Zunge.
Besaß der Fremde überhaupt den Anstand, die eigene Stimme zu nutzen? Immerhin stand er einer Drohne gegenüber. Ziemlich unhöflich.
»Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen physisch Gesellschaft zu leisten«, erklärte die Stimme. »Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel?«
»Natürlich nicht.« Sein Nacken kribbelte. Wie immer, wenn er jemanden belog. »Uns verbinden Ideen und keine Körper.«
»Schön gesagt«, antwortete der Fremde. »Ich vermute, Sie sorgen sich um die Sicherheit der Daten?«
Standen ihm seine Befürchtungen so deutlich ins Gesicht geschrieben? Chan verteilte sein Gewicht gleichmäßig auf seinen Füßen und richtete sich auf. Er sollte an seinem Gesichtsausdruck für konspirative Treffen arbeiten.
»Eine Vermutung meinerseits«, erklärte die Stimme, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Alleswisser nervten. Vor allem, wenn sie wirklich alles wussten.
Das Greifärmchen kam wieder in Bewegung und zog eine Datenkarte aus dem Köpfchen hervor. Im Nachtlicht der Aussichtsplattform blitzte sie grünlich auf.
Er streckte die Hand nach dem Wissen aus, das die Knoten in seiner Programmierung lösen und seiner Reise hinter die Grenzen der menschlichen Zivilisation einen Sinn geben sollte. Doch Millimeter, bevor seine Finger den Schlüssel berührten, zögerte er. Es gab nichts umsonst. Welchen Preis würde er dafür zahlen müssen?
»Die Karte enthält, was ich versprochen habe. Nicht mehr und nicht weniger.« Die Worte klangen, als grinste der Sprecher.
Chans Fingerspitzen bebten im Takt seines Herzschlags. »Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was Sie dafür von mir verlangen.«
Die Stimme seufzte. »Ich denke, wir sind uns einig, was die Unsinnigkeit gewisser Beschränkungen für Ihre Forschungstätigkeiten angeht. Mir reicht es, wenn Sie sich von der Engstirnigkeit anderer unbehelligt ihrem Projekt widmen. Denn es wird den Lauf der menschlichen Geschichte verändern.«
Die Worte klangen für Chans Geschmack zu gefühlsduselig. Aufgeladen mit einem Pathos, der das Zeug hatte, Dummköpfe zu verführen. Seine Backenzähne knirschten aufeinander. Machte es ihn zu einem Dummkopf, wenn ihm die Worte gefielen?
»Und Sie sind sicher, dass kein Unbefugter Zugang zu den Daten hatte?«
Die unsichere Übergabe verknotete Chans Gehirn. In den Vorgesprächen hatte er sich durch Fangfragen davon überzeugt, es mit jemandem zu tun zu haben, der dieses Handwerk verstand. Sonst hätte er sich die Mühe nicht gemacht, sein Labor zu verlassen. Und nun so etwas.
Aus den Ohrstöpseln klang ein blechernes Lachen. »Die Daten sind verschlüsselt. Niemand, der zufällig über sie stolpert, wird damit etwas anfangen können.«
Chan runzelte die Stirn. Zufällige Halunken, die aus Spaß an der Zerstörung über die Drohne herfielen und sie ausraubten, bereiteten ihm keine Sorgen. Die wüssten nichts mit dem Inhalt anzufangen, selbst wenn er ihnen in Klartext vor die Nase gehalten würde.
»Den Schlüssel besitzen Sie ja bereits«, erklärte der Fremde. »Es ist unwahrscheinlich, dass jemand diese Drohne und unsere Nachrichten abgefangen hat.«
»Ihre Antworten enthalten den Schlüssel?«, fragte Chan und leckte sich die Lippen.
»Natürlich.« Die Stimme klang gelangweilt. Wie jemand, der einem Begriffsstutzigen das Offensichtliche erklärte.
Chan schüttelte seine Zweifel ab und griff zu. Die Karte löste sich mit einem Klicken aus ihrer Halterung, welche mitsamt der Drohne augenblicklich zu intelligentem Staub zerfiel, der im Luftzug der Klimaanlage im Raum verwirbelte. Drohnenpartikel rieselten wie rot glitzernde Schneeflocken auf seine Kleidung und Schuhe. Mit einer Hand versuchte er, seine Hose abzuklopfen. Aber der intelligente Staub erwies sich als hartnäckig. Vermutlich würde erst eine Wäsche den Stoff von den Drohnenüberresten befreien können.
Chan sah sich um. Aber weder die Kinder noch ihre verzweifelten Aufpasser interessierten sich für den Vorgang. Und es ertönte auch kein Alarm, der alle anwies, auf ihren Plätzen zu verharren.
Er befühlte die feinen Linien und Gebilde auf der Karte. Staubreste hafteten an dem Datenträger und erinnerten an die Gletschergebilde des Planeten unter seinen Füßen. Eine ganze Welt hielt er in Händen. Sein Herz sprang vor Aufregung. Nicht nur eine Welt. Einen Verstand, so weit, wie das Universum. Wenn der fremde Freund sein Versprechen gehalten hatte.
Seine Hand zitterte vor Aufregung und die Karte bebte zwischen seinen Fingern. Er konnte es kaum erwarten, mit der Arbeit zu beginnen. Er konnte es kaum erwarten, mit dem Geschöpf zu sprechen, welches er erschaffen würde.
Forschungsstation von Lehrsinn-Bode im Sednagürtel
Alles drehte sich. Glenn saß auf einer Bank hinter dem Pilotensitz der Raumfähre, die sie Lehrsinn-Bode gestohlen hatten. Und die Flucht vom Asteroiden gab ihm den Rest. Sein Kopf schwirrte vom Blutverlust, den er der Schusswunde im Oberschenkel zu verdanken hatte. Dunkle Schlieren waberten durch sein Gesichtsfeld und immer wieder verschwamm das Bild vor seinen Augen. Beim Einatmen musste seine Muskulatur doppelt arbeiten, um gegen die Beschleunigung des Shuttles anzukämpfen. Sein schwächelnder Körper wog mit einem Mal ein Vielfaches seines Gewichts. Dank der geringen Anziehungskraft auf dem Asteroiden hatte er dort nicht einmal ein Kilo gewogen. Nun presste das Gefühl der Schwere auf seinem Brustkorb die Luft aus seinen Lungen. Eiskaltes Blut strömte durch seine Gliedmaßen und staute sich bleiern in Händen und Füßen, bis seine Fingerspitzen im Rhythmus seines Herzschlags pochten.
Lächerlich. Als Kapitän eines Nomadenschiffs sollte er das auf einer Hinterbacke absitzen. Vor allem als Kapitän der Sonnenwind, einem der schnellsten Schiffe im Sektor. Er würde durchhalten. Ausruhen konnte er sich, wenn er in seinem Beschleunigungstank lag. Oder im Medisarg.
»Hat die Sonnenwind sich gemeldet?«, fragte er durch den Helmfunk. Seine Worte purzelten abgehackt und keuchend von seiner Zunge. Als versuchte alle Luft, auf einen Schlag aus seinen Lungen zu fliehen, sobald er den Mund öffnete.
»Unser Peilsender ist im Dingi, das wir auf dem Asteroiden zurückgelassen haben, Käpt’n«, sagte Tian vom Pilotensitz, ohne sich zu ihm umzudrehen. »Wir können der Sonnenwind nicht verklickern, wer wir sind. Die halten uns für Konglos.«
»Funk Dan an und gib ihm Bescheid. Mit dieser lahmen Bohnendose von einem Shuttle kommen wir nicht rechtzeitig an.« Glenn fühlte sich, als schwappte Wasser zwischen seinen Ohren. »Die sollen uns entgegenkommen.«
Sein Magen drohte damit, die letzte Mahlzeit wieder rauszuschmeißen. Bitterer Speichel strömte in seinen Mund.
»Ich kann nicht sprechen«, rief Tian.
»Was?« Glenn schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Hatte Tian gerade gesagt, dass er nicht sprechen konnte? »Du sprichst doch gerade mit mir.«
»Ja, durch den Helmfunk. Das Mikro funktioniert aber nur unter Atmosphäre. Und da wir uns hier reingesprengt haben, ziert ein schönes Guckloch unsere Seite.« Tian zeigte links hinter sich.
An Krolls schockstarrer Gestalt vorbei sah Glenn durch das in der Außenhülle klaffende Sprengloch direkt ins All und auf den Asteroiden unter ihnen. Dessen Felsformationen strahlten im Sonnenlicht und schrumpften mit jedem Herzschlag zusammen, während sich die Raumfähre entfernte. Bis sie aussahen, wie die Zierriffe in einem Aquarium.
»Das hat der Träumer eingefädelt«, fluchte er. Natürlich funktionierte das Mikro nicht. Im Vakuum gab es keine Geräusche, keine Stimme, die um Hilfe bitten konnte.
Mit einem Schlag wachte er aus seinem Tran auf. Die Kälte floss noch durch seine Adern und sein Atem ging zu flach und zu schnell. Aber der Schleier über seinen Gedanken klärte sich. Ohne funktionierendes Funkgerät gab es keine Möglichkeit, der Sonnenwind mitzuteilen, dass sie sich in einem Shuttle von Lehrsinn-Bode befanden und Hilfe brauchten. Sein Raumschiff würde an ihnen vorbeifliegen, ohne zu wissen, wer sich an Bord befand. Wenn es sie überhaupt bemerkte.
Er schlug auf die Armlehne und fing sich einen verwirrten Blick Krolls ein. Der Konglo verstand das Problem nicht. Dämlicher Felsenkleber. Sie liefen Gefahr, ins Leere zu düsen und für immer zu verschwinden. Was gab es da nicht zu verstehen?
Das Schiffchen erzitterte unter einem Treffer. Der Schlag rammte den Sitz mit einer Wucht gegen Glenns Gesäß, dass sein Steißbein wie eine Metallglocke nachklang.
Krolls Dreckgläser flogen aus seinem Arm quer durch die Kabine an die gegenüberliegende Wand. Dort zersprangen sie und ergossen einen Regen aus Scherben und Dreck über die leeren Bänke des Shuttles. Kroll stieß einen lauten Schrei aus, der dank des Helmfunks in Glenns Ohren rang.
»Meine Gläser!«, jammerte der Wissenschaftler.
Einen Moment später stoppte die Beschleunigung und die Last verschwand von Glenns Brust. Seine Arme und Beine schwebten ohne sein Zutun vor ihm und eine Wolke aus Erde und Scherben blieb in der Kabine hängen, als stünde die Zeit still.
Aus dem Loch in der Außenhülle erspähte Glenn die Umrisse kleiner Flieger, die vom Asteroiden her auf sie zurasten.
»Die Jäger sind los«, rief er in den Helmfunk.
»Aye«, brummte Tian. »Und sie haben unseren Hauptantrieb zerlegt. Die müssen uns jetzt nur noch einsammeln.«
Kroll versuchte Scherben und Dreck mit seinen ungelenken Handschuhen aus der Luft zu fischen. Dann ging eine seiner Hände zu seinem Anschnallgurt.
»Nein!«, rief Glenn. »Wagen Sie es nicht, Ihren Gurt anzufassen, Kroll.«
Der Wissenschaftler murmelte etwas vor sich hin, gehorchte aber. Glenn verstand nur Fetzen. Die Wörter »Gläser«, »Beweise« und »alles umsonst«. Der Typ hatte mit seinen Proben anscheinend auch seinen Verstand verloren.
»Starte die Seitenborder, Tian!«, rief Glenn. Nicht, dass die Konglos ihnen die Gelegenheit geben würden, sich aus dem Staub zu machen. Anscheinend wollten ihre Verfolger sie jedoch lebend. Und Glenn würde sich bis zum letzten Atemzug zur Wehr setzen. Nur aufzugeben bedeutete, mit Sicherheit zu verlieren.
»Aye«, erklärte Tian mit Nachdruck und die Raumfähre ruckte einmal nach rechts. Die erneute Beschleunigung drückte ihn diesmal sehr sanft in die Armlehne von Krolls Sitz. Ein Teil der Staub- und Scherbenwolke flog aus dem Guckloch in der Seite und hinterließ einen glitzernden Schweif im All. Kroll wimmerte wie ein kleines Kind.
Die Jäger kamen schnell näher. Auf ihren Nasen prangten rote Nummern und das kupferfarbene Nilpferd. Die wollten ein Verhör. Sonst hätten sie das Schiffchen bereits zu Staub zerpulvert. Das war’s. Die Antriebskraft dieses Shuttles reichte nicht aus, um eine Verfolgungsjagd zu gewinnen. Er schnaufte vor Frustration. Genoss er gerade seine letzten Momente in Freiheit? Den Konglos sagte man bei den Nomaden allerlei unsinnige Seltsamkeiten nach. Aber dass sie sich in Gehirnwäsche verstanden, stand außer Frage und neue Arbeitsdrohnen brauchten die immer. Lieber trieb er in der Leere, bis das Universum starb, als nie wieder seine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Dann sprang Kroll von seinem Sitz auf und Glenn schrie vor Wut. Diesen Wissenschaftler zu hüten war schlimmer, als mit bloßen Händen ein Leck zu schließen. Er griff nach seinem eigenen Gurt, um ihn zu lösen. Den Verrückten musste Glenn offensichtlich vor sich selbst retten und auf seinem Platz festzurren.
Erneut erschütterte ein Schlag das Shuttle. Der Seitenantrieb erstarb mit einem letzten Ruckeln. Kroll kreischte und flog quer durch den Raum direkt an Tians Kopf vorbei ins Cockpit. Tian fing den Wissenschaftler an einem Fuß ein und stieß ihn in Glenns Richtung. Krolls Arme ruderten unbeholfen.
»Verdammte Konglos«, fluchte der Mechaniker. »Sollen die Träumer sie holen. Das sieht nicht gut aus, Käpt’n.«
Glenn fing den Wissenschaftler auf und setzte ihn wieder in den Sitz neben sich. Die Bewegung verursachte ihm Schwindel und Übelkeit.
»Meine Scherben«, murmelte Kroll, ließ sich aber ohne Widerstand von Glenn anschnallen.
Glenn sah hinaus zu den Jägern. Ein winziger Schatten zog an einigen Sternen vorbei. Er kniff die Augen zusammen, bis er fürchtete, seine Augäpfel träten vor Anstrengung aus ihren Höhlen. Was war das? Ein neuer Verfolger? Eine Einbildung seines blutleeren Hirns?
Ein weiterer Treffer jagte die Scherben wie wütende Hornissen durch die Kabine. Die Energie des Aufpralls pfefferte eine davon gegen Glenns Oberarm. Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn und die Scherbe blieb in seinem Fleisch stecken. Der Fremdkörper bohrte sich bei jeder Bewegung tiefer in seinen Arm. Glenn zog ihn raus. Blutstropfen schwebten aus dem kleinen Riss im Anzug. Doch das Material verschloss sich innerhalb eines Atemzugs und verhinderte, dass seine Luft ins Nichts verschwand.
»Das wird eng«, sagte er und verschwieg die neue Wunde. Die Wolke aus Scherben und Dreck prallte an der Außenwand ab und flog zurück in die Kabine.
Wieder fiel der Antrieb aus. Ein Ruck ging durch das Shuttle und weitere Scherben prallten gegen die Wand, wurden in kleinere Stücke zermahlen und verloren an Schwung. Doch es würde eine ganze Weile dauern, bis sie als glitzernder Kristallstaub zur Ruhe kämen. Stillstand. Das Endergebnis jeglicher Reibereien. Würde auch er verharren, wenn Lehrsinn-Bode ihn in seine Fänge bekam?
Draußen holte der Schatten die Jäger in wenigen Wimpernschlägen von hinten ein. Und dann zeichneten sich die Umrisse eines länglichen Schiffes, das aus den Tiefen des Alls heranraste, vor dem Sternenhimmel ab.
»Sonnenwind«, schrie er. »Sie ist da!«
Tian drehte sich um und starrte aus dem Loch. »Hoffentlich halten die uns nicht für Konglos.«
Die Sonnenwind rammte vier ihrer Verfolger auf einmal. Die Jäger zerplatzten beim Aufprall wie Glasfiguren. Ihre Einzelteile flogen nach allen Seiten ins All. Manche stürzten zurück auf den Asteroiden, andere stoben auf Nimmerwiedersehen davon in die Schwärze. Wenn die Sonnenwind sie nicht erkannte, dann standen dieses Shuttle und seine Passagiere kurz davor, genauso zerlegt zu werden, wie die Jäger. Glenn ballte seine Fäuste.
Verdammte Träumerbrut! Vom eigenen Schiff über den Haufen geflogen. Diesen Abgang fand er noch erbärmlicher, als den Konglos in die Hände zu fallen. Die Zeit schien stillzustehen, als sein Tod herannahte.
Die Sonnenwind drehte sich und zeigte mit dem Heck auf die Fähre. Das Glühen der Triebwerke schmerzte in seinen Augen und er wandte das Gesicht ab. Was sollte das? Wollte seine Navigatorin das Shuttle abfackeln? Doch die Sonnenwind drehte sich erneut und das gleißende Licht verschwand.
Glenn wagte, den Blick auf sein Schiff zu richten und entdeckte ein schwächeres Leuchten. Die Bugklappe, dachte er. Die Sonnenwind hatte abermals gewendet. Ein Lichtstreifen leuchtete am Bug des Schiffes. Die Luftschleuse des vorderen Frachtraums stand offen. Sein Schiff raste mit heruntergelassener Klappe genau auf das Shuttle zu. Vielleicht sammelten seine Leute den Metallschrott der Drohnen ein?
Genau wie unsere Überreste, dachte er dunkel. Sein Herz zersprang vor Aufregung. Der Aufprall würde sie pulverisieren. Sie würden sterben.
Er fing an zu kichern. Glenn Michels, freischaffender Kapitän der Schwarzen See. Über den Haufen geflogen vom eigenen Schiff. Ein Abgang, der an Lächerlichkeit die Lieblingszoten der Geschichtenerzähler übertraf.
Die Sonnenwind schwenkte zur Seite. Vielleicht streifte das Schiff sie nur und sie überlebten die nächsten Augenblicke. Aber was dann? Sie flögen mit neuem Schwung der Leere entgegen. Ohne Hoffnung auf Rettung. Er zog einen kurzen, schmerzhaften Unfalltod dem langsamen Dahinsiechen bei vollem Bewusstsein vor. Vielleicht sollte er das Visier öffnen und das All begrüßen?
Bevor seine Gedanken tiefer in morbide Gefilde abdrifteten, erfasste die Sonnenwind das Shuttle. Der Schlag warf ihn mit voller Wucht in die Anschnallgurte. Er konnte im Innern des Anzugs hören, wie seine Knochen brachen. Sein Kopf schleuderte nach vorn. Und trotz der Stoßdämpfer im Helm bekam er einen heftigen Schlag auf seinen Denkkasten. Das Nichts schluckte ihn.
Sonnenwind, auf dem Weg zur Forschungsstation
In den Beschleunigungstank drang nichts ein, was die Navigatorin aus ihrem Dämmerzustand erwecken konnte. Kein Licht, kein Geräusch. Nicht einmal die Vibrationen des Maschinenraums. Nur die Projektion der bunten Linien und Zahlenreihen des Navigationsprogramms forderten ihre Aufmerksamkeit. Ein roter Punkt namens Sonnenwind blinkte auf einem Orbit, der sie in der Nähe des Asteroiden vorbeiführte. Auf dieser Umlaufbahn lag auch ein grüner Marker, der den Treffpunkt kennzeichnete, an dem sie das Dingi, in dem Glenn und Tian auf die Abholung warteten, einsammeln würde.
»Lena?«, fragte Dan, der Funker übers Kom. Seine Stimme erreichte sie durch einen Schleier aus Bedeutungslosigkeit. Der Sinn des Wortes entglitt ihr wie ein Traum beim Aufwachen. Über den Navihelm steuerte sie die Sonnenwind mit ihren Gedanken. Jegliche Ablenkung gefährdete ihre Kontrolle über das Schiff. Jede unbedachte Bewegung, jedes Gefühl, jeder Gedanke verursachte Hirnaktivitäten, die von dem silbrigen Gestell auf ihrem Kopf missinterpretiert werden konnten. Zwar flog das Schiff in diesem Moment auf Autopilot. Doch einer ihrer Gedanken reichte, um die Steuerung zu übernehmen. Das Nichtstun gehörte zu den wichtigsten Fähigkeiten einer Navigatorin und versetzte sie in einen tranceähnlichen Zustand, der sie mit jeder Minute tiefer in eine Welt der Leere abgleiten ließ. Bis ihr Bewusstsein sich darin auflöste.
»Lena«, wiederholte Dans Stimme den Namen.
Ihren Namen. Sie entkoppelte die Kontrolle des Navihelms mit einer Bewegung ihres Zeigefingers von den Schiffsfunktionen. Das salzige Gel, das den Tank, ihre Gehörgänge, ihren Mund und sogar ihre Lungen ausfüllte, floss bei jeder Bewegung seidig über ihre Haut.
»Ja?«, fragte sie in Gedanken. Sie brauchte ihre gesamte Konzentration, um das Wort zusammenzusetzen. Und weil sie dank des Gels in ihren Atemwegen und dem Schlauch im Rachen nicht sprechen konnte, übersetzte der Beschleunigungstank ihre Hirnaktivität in Sprache. Ihre eigene Stimme hallte ungewohnt piepsig wie ein Fremdkörper zwischen den Wänden wider. Dans ebenfalls computergenerierte Stimme antwortete. Aber der Funker klang für sie wie immer.
»Der Peilsender des Dingis wurde angeschaltet. Wir empfangen ein starkes Signal.« Er hörte sich unzufrieden an. »Das Signal kommt von der Asteroidenoberfläche. Und wir haben eine Nachricht erhalten.«
Die Überbleibsel der Navitrance fielen von ihrem Denken ab und gaben ihr Bewusstsein endgültig frei. Wieso aktivierte Glenn den Peilsender direkt neben der Anlage von Lehrsinn-Bode? Etwas war schiefgelaufen. »Spiel die Nachricht ab, Dan.«
Glenns Stimme hallte durch den Tank. »Hier spricht Käpt’n Michels. Rufe Sonnenwind. Wir haben den Auftrag erfolgreich durchgeführt. Ich möchte Sie darum bitten, das Rendezvous an den abgesprochenen Koordinaten zu bestätigen.«
»Das ist nicht Glenn«, sagte sie mehr zu sich selbst, als zu Dan. Eine Stimme nachzustellen gehörte zu den einfachsten Übungen. Den Charakter einzufangen gelang allerdings nur mit genügend Daten.
»Soweit waren wir schon«, schaltete sich Nance, die Programmiererin, in das Gespräch ein. »Was machen wir denn jetzt?«
Gute Frage. Die Konglos hatten das Dingi gefunden, den Peilsender angeschaltet und wussten, wem es gehörte. Wahrscheinlich befanden sich Glenn und Tian in ihrer Gewalt. »Wir sollten verschwinden. Das klingt nach einer Falle.«
»Wir können uns doch jetzt nicht verziehen!«, protestierte Nance.
»Ich sagte, wir sollten verschwinden. Nicht, dass wir das tun werden«, erklärte Lena. Eine Idee regte sich in ihren Gehirnwindungen. Kalte Schauer liefen über ihre Haut, als sie den Gedanken hervorzog. »Ich werde die Sonnenwind auf einen Kollisionskurs mit der Forschungseinrichtung bringen.«
»Bist du übergeschnappt?«, fragte Dan mit schriller Stimme. »Was soll das bringen? Außer unserem Tod und dem von Glenn und Tian?«
»Soweit kommt es nicht«, erklärte sie sicherer, als sie sich fühlte. »Du wirst diesen Konglos nämlich sagen, was wir vorhaben.«
»Dir ist bewusst, dass die Abwehrmechanismen dort haben?«, fragte Nance. »Allein schon, um Meteoritenschauer davon abzuhalten, ihre teure Station zu demolieren. Und du willst denen sagen, wo sie hinzielen müssen?«
»Die Sonnenwind ist kein Eisklumpen. Die werden es nicht schaffen, einen verheerenden Einschlag abzuwenden. Und deshalb bieten wir denen an, das Dingi samt Glenn und Tian einzusammeln, während wir eine Kollision vermeiden. Natürlich werden sie uns angreifen. Wir müssen schneller sein. Bevor wir Gefahr laufen, wirklich auf dem Asteroiden einzuschlagen, wenden wir eh ab. Macht ihr mit?«
»Ein Bluff? Was, wenn die statt Tian und Glenn ‘ne Bombe aufs Dingi setzen?«, fragte Nance. Dann seufzte sie. »Bin dabei. Aye.«
»Du bist dabei?«, fragte Dan und klang erschöpft. »Hast du nicht selbst gerade was von einer Bombe gefaselt? Ich bin von Irren umgeben.«
»Bist du dabei, Dan?«, hakte Lena nach.
»Aye«, sagte der Funker. »Ich werde versuchen, Kontakt mit dem Dingi aufzunehmen, sobald wir es auf dem Schirm haben. Tian wird uns hoffentlich warnen, bevor sie uns in die Luft sprengen.«
»Hoffentlich«, sagte Lena. »Ich werde die Sonnenwind beschleunigen, damit wir genügend kinetische Energie einpacken, um unsere Drohung ernst klingen zu lassen. Dann gibst du den Konglos unsere Forderungen durch. Wenn die Tian und Glenn rausrücken, müssen wir abbremsen, das Dingi einsammeln und wieder beschleunigen. Ich werd das alte Mädchen bis an ihre Grenzen triezen.«
»Wir sind die Grenzen ihrer Belastbarkeit«, erklärte Dan, als fürchtete er, sie könnte das vergessen haben.
»Nehmt die Blutungsstiller, wenn ihr euch unwohl fühlt.« Lena schloss die Augen, um sich für das Bevorstehende zu sammeln. Mit einer Fingerbewegung übernahm sie die Kontrolle über das Schiff und beschleunigte. Die Triebwerke im Heck katapultierten die Sonnenwind durch die Leere. Der Druck, der auf ihr lastete, schmerzte selbst im Tank.
»Lena!«, rief Dan nur wenige Augenblicke später. »Es gibt Bewegungen auf der Asteroidenoberfläche. Eine Raumfähre verlässt die Station.«
Die Worte erreichten sie noch an der Schwelle zur Navitrance. Sie entkoppelte ihre Kontrolle.
»Das braucht uns nicht zu interessieren«, erklärte sie. »Schick den Konglos unsere Forderungen.«
»Aber da stimmt was nicht«, sagte Dan. »Auf dem Video der Außenkamera sieht’s aus, als habe die Raumfähre ein Loch in der Seite.«
»Ein Loch?«, fragte Lena. »Was soll das heißen?«
»Die halbe Backbordseite fehlt.«
»Und die fliegen?« Die Verwirrung nahm ihr die Ruhe, die sie zum Navigieren brauchte. Das war kein Zufall. Ein kaputtes Shuttle flog aus dem Hangar einer schnieken Konglostation, während Glenn und Tian dort ihr Dingi vermissten? Kein Felsenkleber startete mit einer offenen Seite ins All.
»Zeig mir die Aufnahmen, Dan«, sagte Lena. Die Bilder einer Kamera ploppten neben der Navikarte im Dunkel ihres Tanks auf. Ein silbernes Shuttle mit aufgerissener Seite entfernte sich vom Asteroiden. Drohnenjäger erschienen und verfolgten es. Etwas blitzte an der Shuttlehülle auf und das ganze Schiffchen erzitterte.
»Die schießen! Die bringen Tian und den Käpt’n um«, rief Nance.
»Niemand bringt hier irgendwen um«, sagte Lena. »Haltet euch fest. Das wird kurz und schmerzhaft, Leute.«
»Aye«, erklärten die beiden anderen ihre Bereitschaft einstimmig.
Lena betrachtete die Videoaufnahmen. Jetzt musste sie möglichst schnell und möglichst tief ins Nichts der Trance abtauchen.
Zehn. Sie schloss die Augen. Neun. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Brust. Acht. Sie stellte sich vor, wie ihr Blut vom Herzen in Arme und Beine floss. Sieben. Ihre Gedanken wurden fortgespült. Fünf. Das Medium umfing sie wie ein Panzer. Vier. Sie schwebte reglos im Tank. Drei. Sie übernahm die Kontrolle über das Schiff. Zwei. Sie befahl der Sonnenwind, die Beschleunigung zu erhöhen. Eins. Das Schiff gehorchte.
Die Fliehkräfte drückten sie tief ins Gel und nahmen ihr jegliche Bewegungsfreiheit. Das Schrillen des Tankalarms warnte die Besatzung vor zu großen Belastungen. Die Anzeige der Vitalfunktionen blinkte in der Dunkelheit rot auf. Ein Befehl der Navigatorin brachte den Tank zum Verstummen. Zurück blieb die Dunkelheit der Trance. Das Shuttle und die Drohnenjäger leuchteten auf der Navianzeige. Ihre Flugbahnen schimmerten vor ihr wie goldene Schienen im Nichts. Die Jäger feuerten wieder und wieder auf die Fähre. Jeder Schuss ein winziger Lichtpunkt. Ein einzelner Gedanke bahnte sich an die Oberfläche ihres Bewusstseins: Die Schüsse galten Glenn.
Sie veränderte den Kurs der Sonnenwind. Zwang das Schiff, den Abstand zwischen sich und den Jägern zu verkürzen. Sie zielte, beschleunigte und traf. Die Drohnen zerbarsten. Im Tank spürte ihr Körper nichts von dem Aufprall. Das Gel dämpfte alle Erschütterungen. Doch sie erlebte den Zusammenstoß in ihren Gedanken und ihre Armhärchen stellten sich auf. Kein Navigator fügte seinem Schiff ungerührt einen Kratzer zu.
»Jetzt«, dachte die Navigatorin, um die anderen Menschen an Bord vor dem bevorstehenden Bremsmanöver zu warnen. Ihre computergenerierte Stimme hallte durch den Tank. Doch sie wartete nicht auf eine Bestätigung. Sie drehte das Schiff um hundertachtzig Grad, sodass das Heck mit den Triebwerken zur Flugrichtung zeigte. Die Fliehkräfte drückten ihr Blut in die untere Hälfte ihres Körpers, als die Sonnenwind herumschleuderte, wie in einer Zentrifuge. Schmerz brannte in ihren Gliedern. Die Navigatorin ignorierte ihn. Ihr Körper hielt das aus. Winzige Pumpen stellten die Blutzufuhr zu ihrem Gehirn sicher. Das Gel in ihren Atemwegen verhinderte den Kollaps ihrer Lungenflügel. Alles andere besaß keinerlei Bedeutung. Der Medisarg konnte alles andere wieder herrichten.
Dann gab sie Schub entgegen der Flugrichtung, um das Schiff abzubremsen und die Drehung zu stoppen. Wieder drückte die Gewalt des Manövers ihren Körper tief ins Gel. Mit einem Gedanken öffnete sie die Bugklappe, die nun in Richtung des Asteroiden zeigte. Auf der Karte vor ihr verkleinerte sich die Strecke zwischen dem unbenannten Punkt, der das Shuttle darstellte, und dem Punkt namens Sonnenwind. Das Bremsmanöver brauchte zu viel Platz. Sie würde es nicht schaffen, das Schiff auf eine sichere Geschwindigkeit abzubremsen, bevor sie mit dem Shuttle zusammentraf. Die Navigatorin gab Schub, um die Geschwindigkeit weiter zu verringern. Die Wucht, mit der die Sonnenwind abbremste, zerrte an jeder Faser ihres Körpers. Ihre Aufmerksamkeit aber galt allein den Anzeigen vor ihr. Noch dreihundertzwanzig Kilometer bis zum Auftreffen. Sie würde das Schiff wieder drehen müssen, damit die Bugklappe rechtzeitig in Richtung der Fähre zeigte.
Noch hundertachtzig Kilometer. Die Navigatorin gab in dem Versuch, noch mehr Geschwindigkeit aus dem Manöver zu nehmen, erneut Schub auf die Triebwerke, bevor sie das Schiff herumriss. Wieder ignorierte sie die Schmerzen.
»Signifikante Temperaturerhöhung auf der Asteroidenoberfläche. Vermutliches Hochfahren der Laser«, sagte Nance. Selbst ihre computergenerierte Stimme klang angestrengt. Als spreche sie durch zusammengebissene Zähne. Die Navigatorin verstand die Worte nicht. Aber sie erkannte die Änderung in den Anzeigen vor ihren Augen. Sie brachte die Sonnenwind auf einen Abfangkurs mit der Fähre. Das Shuttle mit der Bugklappe einzufangen bedeutete, dass sie keinen Meter daneben liegen durfte. Sie traf. Die Fähre landete im vorderen Frachtraum.
Der Aufprall jagte ihr das Adrenalin bis in die Haarwurzeln. Bilder von Glenn, der mit verrenkten Gliedmaßen im Buglager trieb, drängten in ihr Bewusstsein. Ihre Muskulatur verspannte sich. Die Sonnenwind reagierte mit einem Aussetzer in der Beschleunigung. Sie musste sich beruhigen.
Glenn trug einen Anzug. Einen Helm. Sonst hätte er nicht in einem Shuttle mit einem Loch in der Seite gesessen. Der Kopf war sicher. Der Medisarg konnte ihn retten, solange das Hirn intakt blieb. Trotzdem. Hatte sie ihn gerade umgebracht?
Diesmal brauchte die Navigatorin einen Herzschlag, um die Gedanken zu verscheuchen, bevor sie abermals beschleunigte. Die Sonnenwind schoss davon. Ein Treffer erschütterte das Schiff. Wieder blinkten die Anzeigen.
»Außer Reichweite«, sagte Nance. Ihre Stimme klang noch immer angestrengt. Ihre Worte abgehackt. Aber der Ton war weniger schrill. »Die Treffer rütteln uns durch. Aber das alte Mädchen wird sie abschütteln.«
Die Navigatorin schaltete die Computersysteme und damit die Warnungen des Schiffes vor gefährlichen Manövern, wieder an. Sofort schrillte Alarm. Die Sonnenwind warnte ihre Besatzung, dass sie durch eine Fortsetzung der Beschleunigung physischen Schaden davontragen konnten, und schlug vor, die Triebwerke zu drosseln.
»Manöver fortsetzen«, befahl die Navigatorin. Von hier an brauchten sie keine lebensgefährlichen Manöver mehr, die sich dem Willen der Programmierung widersetzten. Der Computer übernahm und Lena zog sich erschöpft in die Tiefen der Trance zurück.
Kolonistenkreuzer Rhea in der Schwarzen See
