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Die junge Geschäftsfrau Anita aus Hamburg erfährt, dass ihr Onkel Hans unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist und ihr seinen Haubarg in Nordfriesland vererbt hat. Hans' und Maikes Adoptivsohn Jörg, der die ersten Kinderjahre Einzelkind und Mittelpunkt auf dem Haubarg war, fühlt sich durch Anita von seinem ersten Platz verdrängt. Durch seine Eifersucht – seelisch tief verletzt – wird er kriminell. Jetzt fordert er sein vermeintliches Erbe, das im Haubarg versteckt liegen soll und schreckt dabei vor nichts zurück. Kripohauptkommissar Jan Diercks versucht Anita vor der ständigen Bedrohung, die von ihrem Cousin Jörg ausgeht, zu schützen. Dabei entwickelt sich eine spannende Beziehung zwischen Anita und Jan, die beide nach England zu dem Medium Carol führt. Eingebettet in einen spannenden Krimi, begleiten wir die Protagonistin auf ihrem Lebensweg durch gefährliche Herausforderungen, denen sie sich stellen muss. Wird sie ihre Vision realisieren können?
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2024
Beate Finckh
to meet again
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Anita
Hans
Das Testament
Der Haubarg
Jörg
Die Gefahr
Susi
Auf der Flucht
Wurzeln
Treibjagd
Das Versteck
Das Profil
Andi
Der Ruf
Der Direktor
Der Weg
Alias Behling
Das Risiko
Der Mitschüler
Frauke
Hauke
Freiheit
Der Brief
Die Entscheidung
Im Steinbruch
Jörgs Hölle
Die geistige Welt
England
Das Reading
Chester
Falkenkopf
Der Pub
Der Ruf
Ins Ungewisse
Die Seance
Der Traum
Die Ermittlung
Der Zeuge
Horus
Das Haupt
Internatsleben
Marlies
Die Clique
NDE (Near-Death-Experience)
Jan
Vergebung
Vernehmung
Deal
Das Versteck
Das Geschenk
Der Traum
Die Karte
Lightning
Der Tumor
Hamburg
Falkenkopf
Letting go
Das Gericht
Fortschritte
Abschied
Jürgen
Transfiguration
Biikebrennen
Impressum neobooks
Widmung
In Erinnerung an meine starke, selbstbewusste,
mutige und liebevolle Mutter – in großer Dankbarkeit
„Wäre schön, wenn Sie die heute noch bearbeiten könnten.“ Herr Lorenzen, Anitas Chef, steht mit zwei umfangreichen Akten vor ihrem Schreibtisch. Glatt und glatzköpfig. Kühl, kompetent, distanziert. Die graue Eminenz, ohne Gesicht. Die Ehe soll kaputt sein, wird getuschelt. Für Anita eine reine Arbeitsbeziehung. Hauptmerkmal: Sachlichkeit.
„Und denken Sie an die Kaffeeproben, morgen kommt neue Ware!“ Sie nickt resigniert. Vorsichtig streckt sie ihr eingeschlafenes Bein unter der harzbeschichteten Arbeitsplatte ihres Schreibtisches aus. Sie wird wieder Überstunden machen müssen. Eigentlich wollte sie an der Alster noch ein Eis essen. Missmutig geht sie zum Fenster.
Die kräftige Herbstsonne spiegelt sich golden in den kleinen Kanälen der Speicherstadt und wirft lebhafte Reflexe auf die Wasseroberfläche. Anita bleibt einen Moment am Fenster stehen, um die Stimmung des spätsommerlichen Tages in sich aufzunehmen. Tief durchatmen. Ruhe für einen Moment. Träumen.
Der September zeigt sich in diesem Jahr von seiner schönsten Seite.
Anita reißt sich zusammen und schließt entschlossen das Fenster. Die Arbeit geht vor. Vielleicht kann sie morgen eine längere Mittagspause einlegen. Konzentriert setzt sie sich wieder vor ihren Computer.
Anita Karau ist ehrgeizig. Mit ihren 34 Jahren ist sie die jüngste Verkaufsleiterin in dem Hamburger Großhandelskonzern Boysen und Co, einem florierenden Unternehmen für Im- und Exporthandel mit Kaffee und Tee. Anita hat ein mittelmäßiges Abitur hingelegt. Begeistert nahm sie bald danach an einem amerikanisch-deutschen Austauschprogramm teil. Zwei Jahre hat sie in New York an einer privaten Universität studiert und sich den begehrten MBA–Titel (Master of Administration) erarbeitet.
Anita denkt nicht gerne an diese Zeit zurück. Recht und schlecht hatte sie versucht, sich in New York durchzuboxen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zeigte Anita bald seine klar umrissenen, engen Grenzen.
Schnell lernte sie, den flotten, scheinbar unkomplizierten Lebensstil der Amerikaner zu durchschauen. Sie passte sich an und richtete sich nach den Spielregeln. Das ständige Lächeln ließ ihre Gesichtsmuskeln erstarren, der Zwang des perfekten Outlooks versetzte sie in Dauerstress. Fassade. Außen Lachen, innen Kälte. Leere.
Aber da war die andere Seite. Die Armut in der Bronx. Verdreckte Kinder, die sie anbettelten. Zahnlose, dürre Menschen in Lumpen. Das Elend der unteren Schicht, die kein humanes Sozialhilfenetz auffängt. Der Kampf ums nackte Überleben. Trotz vieler Bekanntschaften fühlte sie sich oft einsam in der großen, anonymen Stadt. Nachts stopfte sie sich rotes Wachs in die Ohrmuscheln. Tagsüber trug sie oft Kopfhörer, Schutz gegen das Zuviel. Geräusche von den Straßen, von den Menschenmassen, aus der Luft. Sirenen. Lärm. Aufdringlich, zermürbend. In dieser Stadt hörten die Geräusche nie auf. An den Wochenenden floh sie in die Stille. Außerhalb der Stadt.
Als das Angebot der Hamburger Firma Boysen & Co kam, fiel ihr der Abschied von ihrer einstigen Traumstadt nicht schwer. Der amerikanische Traum hatte sich als Illusion enttarnt. Das hatte Anita am eigenen Leib erfahren: die Realität des „American Way of Life“, der Kapitalismus, die hohe Kriminalität und die Oberflächlichkeit im menschlichen Miteinander.
Fröhlich rannte sie durch die Sicherheitsgates am Flughafen. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Auf dem Flug zurück nach Hamburg, hatte Anita immer wieder das erste Lied aus Schuberts Winterreise im Kopf. Mit dem Jugendchor hatten sie es an einem Adventsabend gesungen.
Immerhin hat sie ihren Freund Andreas in Amerika kennengelernt. Er hatte mit zwei Freunden einen Billigflug nach New York gebucht. „Kann ich helfen?“ Anita hatte die Hilflosigkeit der jungen Männer bemerkt. „Ja bitte, wir sind hier am Ertrinken.“ Charmant hatte Andreas sie angelächelt.
Anita hat die Akten durchgearbeitet. Gähnend ordnet sie ihren Schreibtisch und wirft noch einen Blick in den Spiegel. Ihre braunen Locken liegen perfekt gestylt am Kopf an. Der frech geschnittene Bob steht ihr gut. Ihre Augen haben kein Lächeln. Früher war da Freude. Erschrocken wendet sie den Blick ab. Wo ist die Jacke?
Anita ist attraktiv und zieht die Blicke von Männern auf sich, wenn sie durch die Straßen geht. Unwichtig, so tun, als ob sie nichts merkt. Sie weiß, dass Äußerlichkeiten nichts bringen, wie ihr Tante Maike schon als kleines Mädchen eingetrichtert hat. „Du musst was Lernen, Deern, von deinem Gesicht kannst du nicht leeven.“ Tante Maike, liebe, liebe ….
Anita verlässt schnellen Schrittes ihr Büro und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Feierabend! Der Rest wird morgen erledigt. Disziplin schön und gut, aber aufopfern wird sie sich nicht mehr für diese Firma. Anita hat gelernt, auf ihre Grenzen zu achten. Die Zeiten, als sie bis Mitternacht im Büro saß und eisern einen Stapel nach dem anderen durchforstete, sind vorbei. Herr Lorenzen, der mächtige Glatte mit Glatze, ist auf sie angewiesen, sie kennt jede Kontobewegung, jeden Lieferanten. Anita weiß, dass sie im Moment schwer zu ersetzen ist.
Als sie durch die langen Lagerhallen des Kaffeekontors geht, steigt der vertraute Kaffeegeruch ihr scharf in die Nase. Sie liebt diesen würzigen, intensiven Geruch. Langsam und genießerisch zieht sie den starken Duft tief in die Lunge. Das tut gut. Hm! Die Lieferung, die sie morgen erwarten, kommt aus Ecuador. Kaffee, geerntet ohne Ausbeuterei. So wird Boysen & Co ihn auf den Markt bringen und natürlich gut verkaufen. Alternativer Kaffee.
Lüge.
Niemand hat Interesse an der Wahrheit.
Ob die Einheimischen wirklich reell für ihre Arbeit bezahlt werden? Gibt es geregelte Arbeitszeiten, ohne Kinderarbeit? Wie ist die medizinische Versorgung? Anita wird es nie erfahren.
Nach einem langen Arbeitstag geht sie gern ein paar Schritte zu Fuß. Von der Speicherstadt, in der Boysen & Co Büro und Lagerräume von einer Reederei übernommen hat, bis zum Hauptbahnhof sind es nur wenige Minuten. Meistens genießt Anita es, durch die pulsierende Stadt zu gehen. Die unverbindliche Anonymität, fremde Gesichter, die ihr entgegenkommen, Autos, die vor Ampeln warten oder an ihr vorbeirauschen, die vielen Menschen, die sich in den Hallen des Hauptbahnhofes drängen. Das geschäftige Wuseln der stolzen Hansestadt. Eine erträgliche Stadt. Sie offeriert Freiräume. Lädt ein, an Elbe oder Alster zu schlendern. Hafengeräusche, das tiefe, geheimnisvolle Tuten eines großen Schiffes in der Nacht. Die Ferne.
Aber heute fühlt sie sich fremd und verloren, während sie durch die belebten Straßen der Großstadt geht. Vielleicht, weil sie etwas überarbeitet ist. Anita schaut auf die große Bahnhofsuhr. Zehn Minuten nach acht. Kein Wunder, dass sie müde und hungrig ist. Die kalte Zugluft im U-Bahn-Schacht lässt sie frösteln.
Hoffentlich hat Andreas etwas Herzhaftes gekocht. Versprochen hat er es heute Mittag am Telefon. Aber Anita hat da so ihre Zweifel. Sie kennt Andreas zu gut, um sich auf seine Versprechen zu verlassen. Unzuverlässigkeit ist eine seiner Schwächen, die Anita großzügig zu übersehen gelernt hat. Dafür hat Andreas viele Seiten, die sie zu schätzen weiß. Fast jeden Tag sind sie zu irgendeiner Party eingeladen. Mit seinem Charme, seinen witzigen Sprüchen und seiner sozialen Kompetenz, erobert er fast alle Herzen im Sturm. Geliebte Rampensau. Du strahlender Mittelpunkt.
Dass Anita die Menschen, denen diese Herzen gehören, nicht liegen, merkt Andreas gar nicht. „Yuppies“, schrieb sie letzte Woche an ihre Jugendfreundin Claudia, die jetzt in Berlin lebt. „Andreas umgibt sich dauernd mit diesen reichen, jungen Leuten. Dann leiht er sich bei dem Chef des Autohauses protzige Schlitten, damit er angeben kann, lebt ständig über seine Verhältnisse, und ich kriege später die Rechnung serviert.“
Anita hat den Bus bis zur Gertigstraße genommen. Hier in Winterhude bewohnt sie mit Andreas einen schicken Loft. Sie kramt nach ihrem Schlüssel.
Es tut gut, in Hamburg zu leben. Sie mag das trubelige Winterhude mit den stilvollen alten Häusern. „Altbau“ hatte im Hamburger Abendblatt gestanden, als sie eine gemeinsame Wohnung suchten. Auf Anhieb hatte sich Anita in die großen, hellen Räume verliebt.
„Hallo Schatz!“
Andreas telefoniert wie üblich und winkt ihr flüchtig zu. Anita steigt ein scharfer Geruch in die Nase, der aus der Küche zu kommen scheint. Eine fast braune Fertigpizza fristet im Backofen ein trostloses Dasein. „Deine Mutter ist auf dem Anrufbeantworter, scheint dringend zu sein.“ Ein besorgter Unterton, den Anita sofort registriert, schwingt in seiner Stimme mit. Andreas, der umständlich versucht, die Pizza vom Blech zu kratzen, schaut sie nicht an.
„Lass gut sein, Andy“, geschickt überspielt sie ihre Enttäuschung. „Ich hol’ uns was vom Italiener.“ Sie lehnt sich einen Moment gegen die Wand und schließt die Augen. Nicht jetzt. Ich bin zu müde.
Da ist sie wieder diese innere Leere, die Anita oft verspürt. Ein tiefsitzender Schmerz, ein Gefühl von Sinnlosigkeit, das ganz plötzlich auftaucht und dem Anita wehrlos ausgeliefert ist. Ein schwarzer Abgrund, der sich vor ihr auftut, und sie in eine bodenlose Dunkelheit fallen lässt. Unbarmherzig. Ich will da nicht hin. Sie wehrt sich mit aller Kraft. Bis jetzt konnte sie dem Sog in die wahnsinnige Leere Einhalt gebieten. Rational und beherrscht. Wie es ihre Art ist. Berechnend wusste sie sich bisher immer schnell abzulenken Mit einem neuen Cashmere-Pullover oder einem schnellen Kinobesuch. Manchmal hat sie einfach die Flucht ergriffen und ist mit Andreas zu einer von diesen belanglosen Feten gegangen, alle erdenklichen Tricks hat sie durchgespielt, um ihren gefährlich depressiven Momenten auszuweichen. Man muss sein Leben im Griff haben. Das hat sie von den Amis gelernt. „Be in Control“, war ein Lebensmotto der Amerikaner, das sie sich als erstes angeeignet hat. Wie eine Ertrinkende.
Eine einfache Art, sein Leben auf Anhieb und schnell im Griff zu haben. Dressiert. Angepasst. Aber habe ich das wirklich? Schnell verwischt sie diese Fragen. Nicht jetzt, – später wird sie darüber nachdenken.
Die Sehnsucht bleibt und nagt. Und lässt sie stolpern.
Sie drückt auf die Play-Taste des Anrufbeantworters. Die Stimme ihrer Mutter Frauke überschlägt sich fast:
„Anita, du mus sofort koom! Hans is dood. De Kripo wär bi uns to Huus. Keener wet, wat passiert is. Alns ganz egenardig. Wi sind alns gans obgeregt! Een von de Polizei wer hier und hett mi allerhand fraag, over ik kun ja ok niks segen.“
Wie erstarrt steht Anita mitten im Raum. Fraukes herbes Plattdeutsch klingt noch in ihren Ohren nach. Onkel Hans! Mit zitternden Händen gießt sie sich etwas Whisky in ein Glas.
Fraukes Bruder Hans, Anitas Onkel, bewohnte einen großen, stattlichen Haubarg, zehn Kilometer von Anitas Eltern entfernt. In den letzten Jahren litt er an einem schweren Diabetes. Seit dem Tod seiner Frau Maike ging es mit Hans bergab. So erzählen es die Leute aus dem Dorf. Hans wurde zum Einzelgänger. Verschlossen und brummig, brach er jeden Kontakt zu seiner Schwester Frauke und anderen Menschen ab.
Ziellos wandert er durch die stillen Räume des Haubargs. Die Stille schreit. Die Trauer frisst. Sie umklammert ihn wie ein Riesenkrake mit seinen mächtigen Fangarmen. Erbarmungslos, ihn immer fester umschlingend. Verändert sein Wesen. Dem Schmerz nicht gewachsen, ihm unterliegen und erschöpft aufgeben. Er sucht ihr Lachen, ihre Wärme, nachts ertastet seine Hand das leere Bett neben ihm. Er liegt schlaflos in tiefer Nacht. Sein erschöpfter Körper fällt in eine erbarmungsvolle Bewusstlosigkeit, dann ist sie bei ihm. Er fühlt einen süßen Trost kurz nach dem Aufwachen, als hätte jemand seine Wunde zärtlich geküsst. Sein Herz bleibt für einen Moment ruhig, als ob es von goldenen Händen schützend gehalten würde. Doch dann fällt er wieder ins Bodenlose.
Anita fragte oft nach ihm. Onkel Hans? Doch Frauke schüttelte jedes Mal traurig den Kopf. „Min Broder is wohl verrückt worn. He is nu en Sonderling!“ Anita war feige, sie hatte Angst, sie drückte sich. Zurück nach Hamburg. Wieder aufgeschoben. Das eigene Leben ging vor.
Von Jörg, dem Adoptivsohn von Hans und Maike, fehlt jede Spur. Das Ehepaar hätte gerne eigene Kinder gehabt. Aber Maike verlor schon als junge Frau ihre Gebärmutter. Ein Krebsgeschwür hatte sich dort eingenistet, und alle waren froh, dass die zwanzigjährige Maike mit dem Leben davonkam. Dass diese heimtückische Erkrankung sie später wieder einholte und ihr Leben viel zu früh beendete, vermutete damals niemand. Am allerwenigsten Maike selbst, die mit ihrer sprühenden Vitalität und Lebensfreude alle Menschen in ihrem Umfeld mitzureißen und zu bezaubern vermochte.
Jörg ist vier Jahre älter als Anita. „Du dummer kleiner Fratz. Hau ab.“ Und das kleine Mädchen rennt weinend zu Tante Maike.
Eindringling!
Maike steht in der Tür seines Zimmers. Gute Nacht, mein Junge. Er schleicht ihr nach. Schaut vorsichtig durch den Türspalt. Sie sitzt bei Anita. Streicht ihr über den Kopf. Anita fragt, Maike lacht und antwortet. Die kleine Nachttischlampe wirft einen warmen Schein über seine Mutter und das Mädchen. Aber nicht auf ihn. Jörg steht im Dunkeln. In der Kälte. Außerhalb. Er bemerkt nicht, dass Tränen über sein Gesicht laufen.
Er entwickelt sich zu einem hinterhältigen, brutalen, kleinen Jungen. Eines Tages verbrennt er Anitas Katze, später prügelt er auf andere Kinder ein, stiehlt in Geschäften, in der Schule. Als Jörg vierzehn Jahre alt ist, entschließen seine Adoptiveltern sich schweren Herzens, ihn in ein Internat zu geben. Sie werden mit Jörg nicht mehr fertig. Untragbar, sagt Hans, und Maike weint sich abends am Kamin die Augen aus. Sie hatten viele Monate darum gekämpft, den kleinen Jörg überhaupt zu bekommen.
Die Behördengänge waren anstrengend und nervenaufreibend. Im Büro der Landeshauptstadt Kiel hatten sie viele Stunden vergeblich Akten und Babyfotos angeschaut. Sie wurden in tragische Familienschicksale eingeweiht. Väter, die Alkoholiker geworden waren, junge Mütter, die von der Droge nicht mehr loskamen, sie wurden mit bitterer Armut konfrontiert, mit Krankheit und Tod. Die Unterhaltung mit den Sachbearbeitern war deprimierend und belastend. Hans hatte auf der Rückfahrt trotzig geschwiegen, und Maike versuchte vergeblich ihren sensiblen Ehemann auf andere Gedanken zu bringen.
Als sie bei der Adoptionsvermittlungsstelle in Hamburg ein Foto von dem süßen, blauäugigen Jörg sah, war es um Maike geschehen. Diesen kleinen Jungen wollte Maike haben und ihm ihre ganze Liebe schenken, ihn umsorgen und großziehen. Jörg war in einer Decke gewickelt aufgefunden worden. Es gab keinen Hinweis auf seine leiblichen Eltern. Hans hätte lieber Genaueres über die Herkunft des Kindes erfahren, für das er ein Leben lang sorgen würde, und dessen Vater er werden sollte. Aber als er Maikes leuchtende Augen sah und die Vorfreude, die in ihrer Stimme mitschwang, sobald sie über den kleinen Knirps redete, erklärte er sich einverstanden. Nach etlichen Besuchen von Beamten und Verantwortlichen der Adoptionsstelle wurde ihnen der kleine Jörg, so hatte eine Krankenschwester ihn getauft, gebracht.
Nach der gesetzlich geregelten Pflegezeit erklärte das Sozialgericht Schleswig Hans und Maike Karau zu Jörgs Eltern. Es folgten vier glückliche Jahre. Harmonisches, sorgloses Miteinander. Eine glückliche Familie, Maike eine stolze Mutter, Hans zufriedenes Familienoberhaupt und fürsorglicher Vater. Maike blühte in ihrem Muttersein auf, dem kleinen Jörg fehlte es an nichts. „Du verwöhnst ihn“, sagte Hans. „Bei aller Liebe, ein Kind braucht auch Grenzen“. Als Jörg sechs Jahre alt ist, beginnt sich sein eigenartiges Verhalten abzuzeichnen. Acht Jahre später, als Jörg vierzehn Jahre alt wurde, war sein Jugendstrafregister umfassend gefüllt, besser gesagt, auffallend voll. Die hiesige Polizei kannte ihn nur zu gut, das Jugendamt war unterrichtet, die Adoptionsvermittlungsstelle war eingeweiht. Der kleine, kriminelle Karau. Abstand halten. Der Hausarzt, der Jörg für einen schwer gestörten Jungen hielt, überredete Maike und Hans dazu, ihn wegzugeben. Eine Therapie hielt der zu Rate gezogene Jugendpsychiater, für aussichtslos. Nach eingehenden Prüfungen und gründlichen Untersuchungen kam er zu dem Schluss, dass Jörgs schlechter Charakter wohl Veranlagung wäre. „Der Junge wird sich nicht mehr ändern“, sagte er, und die Adoptionsstelle stimmte ihm zu. Hans und Maike Karau wurden mit ihrem Sohn nicht mehr fertig.
So verbrachte Jörg die Zeit zwischen seinem vierzehnten und siebzehnten Lebensjahr in einem Internat bei Flensburg. Mit siebzehn Jahren wurde er wegen einer Vergewaltigung verurteilt, die Jörg aufs heftigste bestritt. Der amtierende Staatsanwalt erhob Anklage, da der Bericht eines Polizeibeamten Jörg schwer belastete. Der Rechtsanwalt, den Hans für seinen Adoptivsohn beauftragt hatte, plädierte auf Freispruch, da auch Polizisten bestechlich seien. Doch die Indizien waren zu belastend. Der hartgesottene Staatsanwalt zeigte weder Milde noch Nachsicht, auch wenn Jörgs Schuld nicht einwandfrei bewiesen werden konnte. Aufgrund seiner Vorgeschichte und weil Hans einen ärztlichen Gutachter sehr gut bezahlte, wurde er statt in den Jugendknast in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie eingewiesen. Von dort entwischte Jörg, als er achtzehn Jahre alt war, und verschwand spurlos.
Hätten sie durchhalten müssen? Hätten sie leidenschaftlicher um Jörg kämpfen müssen? Hatte das Ehepaar Karau zu schnell aufgegeben und Jörg zu früh abgeschoben? Diese Frage war für zwei Wochen Thema Nummer eins des örtlichen Dorfklatsches. Maike quälte sich mit diesen Fragen, die sich im Laufe der Jahre zu schweren Selbstvorwürfen steigerten, und die sie ihr ganzes – leider viel zu kurzes – Leben lang nicht mehr losließen. Der Zweifel nagte in ihr und schien sie manchmal von innen her zu zerschneiden. Hätte ich doch… wäre ich doch… versagt haben. Endgültig.
Sie hatte Jörg aufs Innigste und von ganzem Herzen geliebt. Ihn dann von sich zu stoßen, abzugeben, weiterzureichen – kam ihr im Laufe der Zeit mehr und mehr als ein unverzeihlicher Fehler vor, für den es keine Entschuldigung gab. Irgendwie schaffte Maike es, ihren inneren Tumult, ihre selbstzerfleischenden Vorwürfe vor Hans geheim zu halten. Und dann gab es zum Glück die kleine Anita. Hans` Liebling und Maikes Augenschein. Momente des Glücks. Flüchtig. Lichte Momente, die Maike am Leben erhielten. Aber die Zeit heilt nicht alle Wunden. Und Schuld ist eine Wunde, die sich – statt irgendwann barmherzige Narben zu bilden – tiefer und tiefer nach innen frisst. Schleichend. Aggressiv und bösartig. Heimtückisch und namenlos. Krankmachend. Tödliche Wucherungen hervorrufend. Chronische Dissoziation, paranoide Wahnvorstellung, würde der Facharzt konstatieren. Der Mensch fällt aus der Einheit, sagt der Heilpraktiker. Mit achtundfünfzig Jahren verlor Maike den Kampf. Sie unterlag der Macht ihrer Selbstanklage.
„Tortellini oder Pizza? Ich geh schnell!“ Andreas hält Anita die Karte des italienischen Restaurants vor die Nase. Wie in Trance geht Anita an Andreas vorbei in ihr Zimmer. „Ich muss nach Nordfriesland, jetzt gleich!“ Wahllos schmeißt sie ein paar Pullover in eine offene Reisetasche. Ihre Bewegungen sind fahrig. Sie ist nicht ansprechbar. Der Schock presst ihren Brustkorb mit einer eisigen Zange zusammen. Andreas hält sie fest.
„Lass mich doch fahren. Wir müssen nicht heute Abend gleich durchstarten. Du kannst nichts mehr tun, warum willst du überhaupt fahren?“ Hilflos streicht Andreas ihr übers Haar. Aber Anita will nicht diskutieren.
Hans war früher der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Vater und Lehrer, ein Mensch bei dem sie zu Hause war. Das alles verbindet sie mit ihrem Onkel. Deshalb hat sie die zwei Jahre in New York durchgehalten. Hans hat ihr ein Fundament fürs Leben mitgegeben, ein starkes Fundament aus Sicherheit und Liebe.
Später, als sie auf der Autobahn Richtung Norden fährt, hat Anita sich etwas beruhigt. Warum hat sie den Kontakt zu Hans einschlafen lassen? Sie versucht, sich zu konzentrieren. War es der neue Job in Hamburg? Ihre Beziehung zu Andreas? Die Gerüchte, dass Hans verrückt geworden war? Ein kauziger, alter Mann, vor dem sie Angst hatte? Sie zündet sich eine von den Zigaretten an, die Andreas immer im Handschuhfach liegen hat, und schaltet das Fernlicht ein.
Nein! Es war ihre eigene Veränderung, die wie eine trotzige Sperre zwischen ihrem jetzigen Leben und ihrer Kindheit steht. Als eine andere war sie aus New York zurückgekehrt. Perfektionistisch, ehrgeizig und karrieregeil. Wild entschlossen, zu siegen und, sie gesteht sich ein, viel Geld zu verdienen. Unbewusst hat sie diesen klaren Schnitt zwischen dem naiven Teenager aus der Provinz und der zielstrebigen Großstädterin vollzogen. Vielleicht etwas übertrieben, denkt Anita. Sie erinnert sich jetzt, wie sehr sie Hans vermisst hat. Wie oft hat sie ihm aus New York geschrieben. Ab und an hat Hans ihr mit einer Postkarte geantwortet. Aber Briefe schreiben, schreiben überhaupt, war nicht seine Stärke, das wusste sie, und hat sich umso mehr über jedes Lebenszeichen ihres Onkels gefreut.
„Hemme“. Anita sieht das gelbe Ortsschild im grellen Scheinwerferlicht aufleuchten. Wenn kein Gegenverkehr in Sicht ist, hat sie immer das Fernlicht an. Sie fährt die Ausfährt hinunter auf die Bundesstraße. Noch 30 Kilometer. In einer halben Stunde wird sie zu Hause sein.
Anitas Eltern, Frauke und Kurt, leben auf einem Bauernhof. Beide sind Rentner, die Landwirtschaft wurde vor vier Jahren aufgegeben. Der Kontakt zu ihrer einzigen Tochter ist fast eingeschlafen. Frauke, eine dem Leben sehr zugewandte, praktische Frau, leidet sehr unter dieser Situation. Oft versucht sie, Anita in Hamburg anzurufen, aber Anita hat keine Lust, engeren Kontakt zu haben. Ihre Eltern sind Bauern und deshalb uninteressant.
Ihren herrischen Vater Kurt hasst sie bis aufs Blut. Kurt Karau war und ist ein Patriarch, wie man ihn sich schlimmer nicht vorstellen kann. Anita erinnert sich an bedrückende Mahlzeiten, die sie schweigend mit ihrer Mutter einnahm, während ihr Vater vom Sofa aus, kurze, barsche Befehle rief. Unnahbar, streng und kalt.
Kurt Karau war das Oberhaupt der Familie und ließ daran keinen Zweifel aufkommen. Seine Tochter und Frauke mussten parieren und seine Anordnungen widerspruchslos befolgen. Zumindest taten sie so. Doch hinter verschlossenen Türen zwinkerte Frauke ihrer Tochter zu. „Alter Stinkstiefel.” Oder: „Ist mit dem falschen Bein aufgestanden.“ Manchmal sagte sie auch: „Hör einfach nicht hin.“ Mit ihrem unverwüstlichen Humor schaffte Frauke es, etwas Wärme in die eiskalte Atmosphäre des Karau-Hofes zu bringen.
Ob Kurt jemals zärtlich zu seiner Frau war? Als Teenager hat Anita oft darüber nachgedacht. Oder stellte Frauke ihre eigenen Bedürfnisse zurück? Und funktionierte, wie eine Maschine zu funktionieren hat, um den landwirtschaftlichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Hatte ihre Mutter sich aufgeopfert oder fiel ihr keine andere Perspektive für ihr Leben ein?
Irgendwann hat Anita es aufgegeben, sich Gedanken über die Ehe ihrer Eltern zu machen. Sie hatte Hans und den Haubarg, sie hatte Maike, die ihr zweimal die Woche warme Klump mit Sirup kochte und gemütliche Abendstunden vor dem Kamin. Ein warmes Nest, ein Zuhause.
Ein entgegenkommendes Fahrzeug blinkt auf. Hastig schaltet Anita das Fernlicht aus. In Gedanken versunken fährt sie durch vertraute Dörfer und an kleinen Städten vorbei. Der deftige Dünger von den Weiden erfüllt das Auto mit seinem aufdringlichen Geruch. Anita verzieht die Nase und lässt das leicht geöffnete Fenster schnell hochfahren. Sie schüttelt sich. Landleben, das wäre nichts mehr für sie.
Die kurzen Besuche bei ihren Eltern, die, wie Anita findet, Pflicht sind, gestalten sich schwierig. Anita hat keinen Bezug mehr zu der Schönheit der Landschaft, zu Jugendfreunden oder Nachbarn. Nach ihrem Studium in Amerika traute sie sich nicht mehr, ihren Onkel zu besuchen. Zuviel Negatives hatte ihre Mutter über die eigenartige Veränderung ihres Onkels erzählt, und Anita gleichzeitig gewarnt, dass Hans nicht mehr „er selber“ sei. Es würde weh tun, ihn so zu sehen. Den Menschen, der ihr so nahegestanden hatte, den sie heiß und innig geliebt hatte, kümmerlich und verschroben, verändert und sonderbar vorzufinden. Ein Fremder, den sie nicht wiedererkennen würde. Davor hatte sie Angst.
Der einzige Lichtblick und der wirklich zwingende Grund (würde sie sonst überhaupt noch nach Nordfriesland fahren?), ist Mona. Den alten Riesenschnauzer liebt sie über alles. Mona darf ihre Pumps schmutzig machen und sogar ihre kostbaren Seidenstrümpfe zerreißen. Wenn Anita mit Mona allein ist, erlaubt sie es sich, ihre künstlich antrainierte Fassade der starken, distanzierten Geschäftsfrau abzulegen. Anita kann mit Mona ganz sie selbst sein.
Auch jetzt, als sie den Plattenweg zu dem alten Bauernhof hinauffährt, hört sie Mona schon aufgeregt bellen.
Es ist, als ob der Hund sogar die Motorgeräusche ihres Autos wiedererkennt. Schwingungen, feines Gespür, Ahnung, der sechste Sinn. Die Hündin weiß, dass Anita hinter dem Steuer sitzt und nicht irgendein anderer Besucher. Herzklopfen auf beiden Seiten. Echte Aufregung. Als sie die Autotür öffnet, kommt Mona auf sie zugerast. Sie kann gerade noch aus dem Auto steigen, da springt Mona schon freudig jaulend an ihr hoch und hinterlässt dabei ein paar schwarze Matschflecken auf ihrem leichten, hellen Daunenanorak.
„Hallo meine Große, ja, ist ja gut Mona, ich bin doch da!“ Ein warmes Gefühl der Freude erfüllt Anita. Sie hatte Mona vor zwölf Jahren bei einem Züchter ausgesucht. Mona war von den sechs Riesenschnauzer-Welpen die kleinste. Etwas kümmerlich hatte sie ausgesehen, weil ihre stärkeren Geschwister sie von der mütterlichen Milchquelle ständig weggedrängelt hatten.
Frauke hat erst eine Weile in der offenen Tür gewartet, um dem bekannten Begrüßungsritual nicht im Nieselregen zusehen zu müssen. Nachdem Mutter und Tochter sich kurz umarmt haben und Anita ihre Reisetasche aus dem Kofferraum genommen hat, stößt Frauke einen tiefen Seufzer aus. „Ik bin noch ganz verstört wie dat passeren kun, ne, sowat, dat heff ik noch ne erleft!“
Über alles andere hätte Anita jetzt reden können, aber nicht über Hans. Nicht über ihren Onkel, der tot ist. Der vielleicht ermordet wurde.
Ich geh schlafen. Tee? Ja.
In ihrem alten Kinderzimmer lässt Anita sich erschöpft aufs Bett fallen. Mona kommt sofort hinterher und legt ihren zottigen Kopf auf ihren Bauch. Mit ihren großen, braunen Augen schaut sie Anita unverwandt an. „Meine Große.“ Anita streicht ihr zärtlich über den Kopf.
Als Frauke nach zehn Minuten mit einer dampfenden Tasse und Schinkenbroten ins Zimmer kommt, schläft ihre Tochter tief und fest, das Gesicht in Monas Fell vergraben.
Am nächsten Morgen fährt Anita in die nahe Kreisstadt.
In der Gerichtsmedizin wird die Leiche ihres Onkels für Untersuchungen aufbewahrt. Anita möchte Abschied nehmen. Doch Kriminalbeamte halten sie auf.
Der Kommissar kann Anitas Fragen nicht beantworten. Keiner weiß, wie Hans umgekommen ist. Die forensischen Ergebnisse stehen noch aus.
Traurig will sie wieder gehen, doch Hauptkommissar Jan Dierks nimmt sie am Arm und lässt sie durch einen Nebeneingang in den Kellertrakt.
„Wenn Sie hier bitte warten könnten“, er verschwindet im Labor, um mit dem Gerichtsmediziner Dr. Michaelsen kurz unter vier Augen zu sprechen.
Die beiden Männer führen Anita kurz darauf in einen steril wirkenden Raum, in dem sich die Kühlräume für die Leichen befinden.
Der aufdringliche Geruch von Desinfektion steigt ihr scharf in die Nase.
Der Gerichtsmediziner öffnet schweigend einen der Schränke und zieht eine Bahre heraus, auf dem ein Körper unter einem weißen Tuch liegt.
Dr. Michaelsen sieht den Kommissar fragend an. Jan Dierks nickt.
Der Arzt schlägt das Tuch zurück.
„Hans Karau“, sagt er und geht zur Seite, um Anita Platz zu machen.
Anita hält den Atem an und zwingt sich, Hans` Leiche anzuschauen.
„Aber nur fünf Minuten!“ Der Kommissar hat leise gesprochen und gemeinsam mit dem Gerichtsmediziner diskret den Raum verlassen.
Anita steht stumm vor dem toten Körper ihres Onkels. Ein paar Tränen rollen über ihr Gesicht.
Bilder von fernen, glücklichen Sommertagen auf dem Haubarg, steigen in ihr auf.
Stallgeruch, die weichen Nüstern der Pferde, erste Reitversuche auf der Koppel.
Huckepack ist Hans mit ihr durch die langen Gänge des Stalles gegangen. Jede Kuh hatte einen Namen, immer mit demselben Anfangsbuchstaben.
Seine ruhige Stimme im Umgang mit den Tieren. Freundlich, sanft.
Er mistet pfeifend den Stall aus.
Anita spielt mit den Kälbern.
Beim Heueinfahren hat sie geholfen, beim Kalben. Handlämmer auf ihrem Arm.
Anita weiß nicht, wie lange sie an dem Totenbett ihres Onkels gestanden hat, aber irgendjemand nimmt sie sachte am Arm und zieht sie nach draußen. Ihre eiskalten Hände zittern.
Der nette Kommissar gibt ihr seine Visitenkarte. Falls ihr noch irgendetwas einfällt. Sie nickt und nimmt gedankenverloren das Taschentuch, das der Kommissar ihr anbietet.
Eine Woche später sitzt Anita mit ihren Eltern im Büro des Rechtsanwaltes, der mit monotoner Stimme das Testament vorliest.
„Im vollen Bewusstsein meiner geistigen und körperlichen Kräfte wird mein flüssiges Vermögen, alle Wertpapiere und“
…in diesem Moment wird ruckartig die Tür geöffnet und ein Mann kommt wortlos herein, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich mit einem Grinsen neben sie. Seine Haare sind ölig nach hinten gekämmt und lassen auf seiner Stirn eine kleine Narbe erkennen.
„Jörg!?“, Anita starrt ihren Cousin entgeistert an. Sie weiß, woher diese Narbe stammt. Jörg grinst weiter und zündet sich eine Zigarette an.
Unmerklich rückt Anita zur Seite. Scharf – wie ein Peitschenhieb – steigt der Hass in ihr auf. Beklemmend. Aggressiv. Anita starrt auf den polierten Parkettfußboden und wartet, bis die schwarzen Flecke vor ihren Augen verschwinden.
Für einen Moment ist es vollkommen still im Raum.
Ungehalten sieht Rechtsanwalt Peters Jörg an.
„Sind Sie Herr Jörg Karau, der Adoptivsohn von Hans Karau?“
Jörg raucht schweigend und nickt unmerklich mit dem Kopf. Anwalt Peters ist verunsichert, bemüht sich aber sachlich zu bleiben. Er nimmt einen neuen Anlauf.
„Dürfte ich Ihren Personalausweis sehen?“
Herr Peters ist misstrauisch. Nicht wegen Jörgs äußerlicher Erscheinung, sondern weil es so schwierig war, ihn über die Ämter ausfindig zu machen.
Und jetzt dieser unhöfliche Auftritt.
Aber Jörgs Papiere sind in Ordnung und der Anwalt fährt nach einigen Minuten fort:
„Im vollen Bewusstsein meiner geistigen und körperlichen Kräfte, wird mein flüssiges Vermögen, alle Wertpapiere und Anlagen mein Sohn Jörg erben.“
Jörg nimmt einem tiefen Zug von seiner Zigarette, und scheint für einen kurzen Augenblick wie in Gedanken.
„Den Haubarg mit den gesamten Ländereien vererbe ich meiner Nichte Anita Karau… Anita, meine Kleine, vergiss nie, dass ich dich liebe wie eine eigene Tochter. Genauso wie ich diesen Haubarg und mein Land liebe. Vertraue mir! Wir werden uns dort wiedersehen.“
Der Rechtsanwalt räuspert sich und klappt seine Mappe zu. Anita sitzt wie versteinert auf ihrem Stuhl.
Jörg lacht kurz auf, kalt und zynisch.
„Du hast große Titten gekriegt, Anita!“ Jörg streicht ihr anzüglich über den Hals. Anita zuckt zurück.
Beherrschung.
Ihr Herz schlägt hart.
„Herr Karau, wenn Sie bitte hier Ihre Kontonummer eintragen würden …“, der Rechtsanwalt kommt ins Stottern, ihm ist die Situation unangenehm und peinlich … „und Ihre Unterschrift.“
Jörg unterschreibt, grinst Frauke und Kurt kurz an und verlässt das Büro.
Anita steht mit Mona vor dem großen, alten Haubarg. Die Herbstsonne lässt das stattliche Anwesen mit dem riesigen Reetdach einladend und freundlich erscheinen.
Sie schiebt ihr Fahrrad den kleinen Warfthügel hoch und lehnt es gegen die Stallwand hinter dem Wohntrakt. Stall- und Wohnräume unter einem großen Reetdach, so hat Hans es ihr früher erklärt, das ist ein Haubarg. Mit vier oder sechs Holzständern, um das Gewicht des riesigen Reetdaches zu verteilen und abzustützen.
Noch hat die Polizei Stall- und Eingangstür mit weiß-roten Bändern abgesperrt. Sie schaut durch die Fenster in das vertraute Wohnzimmer. Die alten Möbel sind von den Durchsuchungen verrückt, die Tapeten kommen von den Wänden, über Stühle, Tische und auf dem Boden liegen persönliche Gegenstände ihres Onkels verstreut. Schockiert weicht Anita einen Schritt zurück. Wie ungepflegt, wie chaotisch alles wirkt! Abstoßend!
Diese Räume waren vor einigen, sie verbessert sich, vielen Jahren, ihre Zuflucht, ein gepflegtes, gemütliches Heim. Ihre Festung, ihre sichere Burg! Wie sehr sie diese Räume liebte, früher – vor vielen, vielen Jahren. Als ob sie sich an etwas erinnert, das ein anderes Leben war.
Mona läuft schnüffelnd um die alten Mauern herum bis zu den Stallgebäuden.
Anita ruft den Hund zurück, doch Mona ist im Dunkeln des verfallenen Stalles verschwunden.
Nachdenklich steht sie in dem verwilderten Garten. Dort im Apfelbaum ist sie als Kind herumgeklettert und hat von den unreifen Äpfeln, die sie gegessen hatte, Bauchschmerzen bekommen.
Mona bellt vom Inneren des dunklen Stalles. Vorsichtig, um nicht über Gerümpel und Schutthaufen zu stolpern, geht Anita in den dunklen Stall. Die Hündin bellt ein paar Ratten an, die sich schnell verkriechen.
Sie steigt die morsche Stiege zum Dachboden hinauf, dicht gefolgt von Mona, die ihr Frauchen nicht aus den Augen lässt – die ständig schnüffelnde Schnauze dicht am Boden, die Ohren wachsam aufgestellt, fest entschlossen Anita zu beschützen und zu bewachen, komme, was da wolle.
Über Ihnen wölbt sich das riesige Reetdach, das früher Wohnräume und Stallungen bedeckte.
Anita entdeckt die kleine Kammer, die früher – so hatte Hans es ihr erklärt – von den Knechten bewohnt worden war. (Heute, hatte er ihr erklärt, gäbe es keine Knechte mehr, alle Menschen seien gleichberechtigt, heute würde man einen Mann, der im Stall hilft, Mitarbeiter nennen.)
Es war Anitas Lieblingsplatz, ihr Spielzimmer, ihr „Storchennest“, dass sie zeitweilig Wigwam, Barbarossa-Höhle oder Biberburg nannte – je nachdem, welches Thema gerade in der Schule besprochen wurde und die Vorstellungskraft der kleinen Anita dann tagelang beschäftigte.
Onkel Hans hatte ihr eine große Puppenwiege gebaut, damit ihre zahlreichen Puppenkinder es warm hatten. Doch eigentlich war die Wiege Susis Stammplatz gewesen. Zufrieden schnurrend hatte die kleine Katze das weiche Plätzchen auf den karierten Decken für sich erobert und sofort beschlagnahmt. So hatte Susi quasi über Nacht die leblosen Puppen aus der Wiege und aus Anitas Herz verdrängt.
Erstaunt sieht sie sich in dem kleinen Raum um.
Alles ist unverändert. Die alten Möbelstücke stehen noch am selben Platz, als ob Hans dieses Zimmer als eine Erinnerung aufbewahrt hatte.
Merkwürdig berührt, setzt sie sich einen Moment auf das alte Bett und gibt der Holzwiege einen kleinen Stoß. Etwas von der vergilbten, hellgrünen Farbe blättert ab und fällt leise knisternd zu Boden. Sogar die Bettdecken, die Maike ihr gestickt hatte, liegen ordentlich gefaltet obenauf.
Sie streicht zärtlich über den groben Stoff. Wie glücklich sie hier oben war!
Anita fühlt sich plötzlich alt, sehr alt und müde.
Es scheint alles so lange her zu sein. Ein anderes Leben, brutal abgetrennt. Wann?
Wo ist das fröhliche Mädchen, das sie einmal war? Wer ist sie jetzt?
Das durchdringende Klingeln ihres Handys schreckt sie auf. Es ist Andi. Er wartet gerade auf einen Kunden und will wissen, wie es war, beim Rechtsanwalt und wann sie wieder nach Hause kommt.
„Bald“, sagt Anita, „tschau.“ Sie weiß, dass Andreas nicht begreifen würde, dass sie mit dem Haubarg ein Stückchen ihres Lebens zurückbekommen hat. Wertvolle Erinnerungen, die lange verschüttet waren.
Aber warum sie die glückliche Zeit in den hintersten Teil ihres Herzens verdrängt hat, ist ihr ein Rätsel.
Anitas Blick schweift hinaus auf die weiten Felder. Das alte Fenster ist so schmutzig, dass Anita es aufmacht. Sie zuckt zurück.
Eine Gestalt kommt auf einem Moped die Auffahrt heraufgefahren.
Der Mann stellt das Moped am Schuppen fünfzig Meter vor der Auffahrt ab. Vorsichtig schaut er sich um, ob jemand in der Nähe ist. Dann kommt er schnellen Schrittes auf den Haubarg zu.
Es ist Jörg.
Mona jault leise auf. Anita hält ihr die Schnauze zu und bedeutet mit einem „Pscht“, ganz ruhig zu sein. Mona versteht. Anita zögert nicht lange. Sie darf Jörg hier nicht begegnen. Jörg ist gefährlich, unberechenbar. Sie zieht die alte Luke auf. Eine schmale Treppe führt vom Dachboden in die Wohnräume hinunter. Mona gibt keinen Laut von sich.
Sie hört Jörgs Schritte durch die Stallgebäude hallen und dann die Stiege hinaufgehen.
Anita steht jetzt in der alten großen Haubarg-Küche. Früher war die gemütliche Küche der Lebensmittelpunkt des Haubarges. Sie erinnert sich an lebhafte Mahlzeiten, an Maikes Lachen, an den sonnigen, üppig beladenen Frühstückstisch. Jetzt wirkt das Durcheinander von Töpfen und Tellern fast gespenstisch, Medikamente und Spritzen liegen auf dem Küchentisch herum.
Anita hört, wie Jörg versucht, die Luke zu öffnen. Zum Glück hat sie den Riegel von innen vorgeschoben.
Anita atmet hart. Jörg tritt brutal auf die alten Bretter ein. Sie hat nicht viel Zeit.
„Komm Mona“, flüstert sie und schleicht durch das Esszimmer in das Wohnzimmer und weiter in das Schlafzimmer von Onkel Hans. An einigen Stellen hat die Kripo Markierungen und Striche hinterlassen.
Sie kriecht unter das alte Doppelbett und zieht Mona hinter sich her.
Jörg hat die Luke aufgebrochen. Laut fluchend steigt er die Treppe hinunter.
Anita nimmt Mona fest in den Arm und legt ihr beruhigend die Hand auf die Schnauze.
Mona spürt ihre Angst und schleckt ihr einmal quer übers Gesicht.
Jörg scheint sich in der Küche aufzuhalten. Anita hört, dass er Schubladen auskippt, Schränke durchwühlt, Geschirr zerdeppert. Er scheint irgendetwas zu suchen.
Fluchend nähert er sich dem Schlafzimmer. Die heftigen und wilden Suchgeräusche werden immer wieder von zornigem Gemurmel unterbrochen, das sie nicht verstehen kann.
Sie hört, dass Jörg Kommoden zur Seite schiebt, das Sofa umkippt, Sessel verrückt.
Mona fängt an, heftig zu zittern. Anita streichelt sie beruhigend. Hoffentlich hält Mona durch.
Panische Angst steigt in ihr auf und drückt ihr die Luft ab, wie ein zu enges Korsett, das ihren Körper einengt.
Jörgs Beine werden in der Schlafzimmertür sichtbar. Seine Schuhe sind zerlöchert und vor Schmutz kaum noch zu erkennen. Jörg durchwühlt den Kleiderschrank. Alte, Anita sehr vertraute Pullover und Jacken fallen auf den Boden.
„Alter Wichser, der Haubarg gehört mir, ich bin Dein Sohn, du Mistkerl.“
Jörg hockt jetzt vor der Nachttischschublade. Anita hält den Atem an. Jörgs Füße sind zum Greifen nahe.
„Ich bring’ sie um, diese feine Stadtmaus von Kusine, ich würg’ sie, bis sie keinen Mucks mehr sagt!“
„Anita, Papas Liebling, die kleine süße Anita“, Jörgs Stimme, die jetzt ganz nahe ist, klingt hart, bitter und hämisch, „kriegt meinen Haubarg.“
Jörg ist er wieder an der Schlafzimmertür. Anita atmet lautlos aus.
Plötzlich dreht er sich um, macht zwei schnelle Schritte auf das Bett zu und reißt Bettdecke und Laken herunter.
Anita liegt unter der rechten Seite des Bettes. Ganz eng hat sie sich an Mona gepresst und ihr die Schnauze zugehalten.
Jörg reißt die Matratze der linken Seite hoch. Anitas Herz hört einen Moment auf zu schlagen.
Aber Jörg scheint zu wütend und aufgeregt zu sein, um genauer zu suchen.
Mit einem „Verdammt“, geht er aus dem Schlafzimmer in Richtung Küche. Anita entkrampft sich und atmet tief durch. Jörg stürmt die Stufen zur Luke hoch.
Leise läuft sie ihm nach, nachdem sie Mona signalisiert hat, in der Küche „Sitz“ zu machen und „zu bleiben“.
Vom Dachboden aus beobachtet sie, wie Jörg das Reet in einer Stallbox durchsucht und dann eilig das Gebäude verlässt.
„Was kann das sein, wonach er so wahnsinnig sucht“, fragt Anita sich, während sie beobachtet, dass Jörg die Auffahrt Richtung Schuppen hinuntergeht.
Anita pfeift nach Mona. Sie muss dringend an die Luft.
Nach der Aufregung fühlt sie sich schwach und schwindelig.
Vor dem Stall lässt sie sich in das wilde, hochgewachsene Gras fallen.
Langsam beruhigt sie sich.
„Was hat er bloß gesucht?“ Sie schüttelt den Kopf.
Nachdenklich schaut sie den großen Haubarg an.
„Dort werden wir uns wiederfinden …“, was hatte Onkel Hans mit dieser Botschaft gemeint?“
Mona fängt plötzlich an, giftig zu knurren. Anita springt auf. Breit grinsend kommt Jörg auf sie zu.
Das Fahrrad! Er muss daran vorbeigelaufen sein.
Mona bellt Jörg böse an. Er zieht ein Messer aus der Tasche.
„Schick Deinen Köter weg oder er ist tot.“ Anita hält Mona zurück. Sie denkt an ihre Katze, die er damals, als sie Kinder waren, verbrannt hat.
„Lauf Mona, lauf` nach Hause, nach Hause, lauf!“ Eindringlich redet sie auf Mona ein und Mona versteht. Sie schleicht sich knurrend an Jörg vorbei und rast los. Jörg sieht dem Hund misstrauisch nach. Diesen Moment versucht Anita auszunutzen und rennt durch den alten Obstgarten auf die Weiden zu.
Doch auf dem unebenen Boden hat sie keine Chance. Als sie über herumliegende Äste stolpert, ist Jörg schon neben ihr.
Brutal drückt er ihre Arme auf den Rücken und stößt sie in den Stalleingang im alten Obstgarten.
„Bleib ganz ruhig, kleine Anita“, Jörgs Stimme ist gefährlich leise, „Du wirst mir jetzt etwas sagen, okay?“ Hart stößt er sie in eine Box, in der Reet aufgestapelt ist. Sie fällt kopfüber auf die Reetstangen.
„Wo ist der Nolde?“ Jörgs Stimme ist scharf. „Wo ist der verdammte Zitronengarten oder -hain, der Alte hat es dir bestimmt gesagt, du warst doch sein Liebling! Wo hat er ihn versteckt?“
Anita dreht sich um. Sie ist völlig überrascht.
„Welcher Nolde?“ Sie will sich aufrichten. Doch Jörg tritt ihr mit einem Fuß so brutal in den Bauch, dass sie zurückfällt und hart mit dem Kopf an der Holzwand aufschlägt. Während er ihre Knöchel an die Stallpfosten kettet, spricht er bedrohlich auf Anita ein.
„Du dumme Gans! Das Original, das Mister Superkünstler meinem Vater damals geschenkt hat. All die Jahre hat es neben dem Kamin gehangen!“
Anita erinnert sich an das farbenfrohe Bild, das ein eigenartiges Liebespaar unter einem Zitronenbaum zeigte. Sie mochte es nicht besonders, aber ihr Onkel war sehr stolz auf dieses Bild.
Mit seinen Schuhen fährt Jörg Anita an den Beinen entlang bis unter den Rock. Anita bleibt cool, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlägt.
„Jörg“, Anitas Stimme bebt vor Entsetzen, sie spürt, dass das Blut ihr warm über die Stirn läuft. Mit ihrer ganzen Kraft versucht sie, selbstbewusst und sicher zu sprechen, “ich weiß nicht, wo dieses Bild ist. Es hat mich auch nie interessiert. Dass es ein Original war, hat Hans mir nie erzählt. Ehrlich! Ich weiß nur, dass Onkel Hans mit Emil Nolde eng befreundet war, mehr nicht!“
Doch Jörg nimmt ihr die Geschichte nicht ab. Provozierend langsam zündet er sich eine Zigarette an.
„Bist du dir da vollkommen sicher?“ Er hält die Zigarette dicht an den Reethaufen, Anita stockt der Atem, sie versteckt ihre zitternden Hände. „Ich kann es nämlich nicht finden.“ Jörgs Stimme ist rau und entschlossen. Er nimmt zwei Reetstangen und entzündet sie mit seiner Zigarette.
„Den ganzen Haubarg habe ich abgesucht. Was meinst du, wie oft ich schon hier war. Ganze Nächte lang habe ich das Gebäude durchsucht. Der Alte hatte nichts Flüssiges, kleine Anita! Ich habe gar nichts bekommen, nichts außer ein paar Euros!“
Anita ist starr vor Angst. Immer wieder schwenkt er die brennenden Stangen vor ihrem Gesicht und dicht an dem Haufen Reet vorbei.
„Vielleicht möchtest du nochmal ganz genau nachdenken?“
Anita kann nicht mehr sprechen. Verzweifelt schüttelt sie den Kopf.
„Rück den Nolde raus, und du siehst mich nie wieder!“
Anita schweigt.
Plötzlich greift Jörg Anita in die Haare und zieht ihren Kopf mit Gewalt an sein Gesicht heran, sodass sie vor Schmerzen aufschreit.
„Weißt du eigentlich, was so ein Original wert ist, Süße?“
Sie riecht seinen schlechten Atem. Ihr wird plötzlich übel. Anita schüttelt wieder mit dem Kopf.
Jörg lacht hart auf und streicht mit den Stangen ganz dicht an ihrem Körper entlang. Anita muss sich übergeben. In diesem Moment wirft Jörg die brennenden Stangen in das Reet, das sofort Feuer fängt.
„Tschau Kleine“, Jörg ist schon im Gehen, “und viel Spaß mit Deinem Haubarg.“
Panisch versucht Anita, sich loszumachen. Doch Jörg hat die alten Viehketten benutzt und die Schlösser einschnappen lassen. Sie steckt fest. Sie schiebt das brennende Reet in die andere Ecke der Box und kauert sich an den Pfosten, an den sie angekettet ist. Der Rauch steigt ihr scharf und schmerzhaft in die Lunge. Anita hustet hart. Todesangst. Fieberhaft sucht sie nach einem Ausweg.
Inzwischen ist Mona nach Hause gelaufen. Sie spürt, dass ihr Frauchen in Gefahr ist. Instinktiv hat sie die Abkürzung über die Felder genommen. Sie ist durch Stacheldraht- und Weidezäune gerobbt und hat breite Gräben durchschwommen, zweimal hat sie einen elektrischen Schlag abbekommen.
Laut bellend erreicht sie endlich das Bauernhaus von Anitas Eltern. Frauke hat den Hund schon gesehen. Wie ein Verrückter ist er die Auffahrt hinaufgelaufen. Frauke ruft nach ihrem Mann und geht zur Haustür.
Mona gebärdet sich wie wahnsinnig. Sie kläfft Frauke und Kurt an, wie sie es noch nie zuvor getan hat. Immer wieder läuft sie zur Haustür. Sie springt an Frauke hoch und zieht sie am Hosenbein. Kurt schüttelt den Kopf.
„Is he nu tollwütig worn?“ Kurt kann kein Hochdeutsch.
Aber Frauke wird nachdenklich. Sie weiß, dass ihre Tochter mit Mona zum Haubarg wollte.
„Komm Mona“, Frauke rennt zum Auto. Mona überholt sie jaulend. „Da stimmt was nicht“, ruft Frauke ihrem Mann zu, der stur in der Tür stehen bleibt.
Frauke lässt Mona ins Auto und gibt Gas.
„Alter Miesepeter!“ In solchen Momenten findet Frauke ihren Mann einfach zum Kotzen.
Anita kämpft um ihr Leben. Die Flammen schlagen höher und kreisen sie ein. Sie zieht ihre Jacke aus, um auf die Flammen einzuschlagen. Als sie ausholt, fallen ein Schlüsselbund, ihr Handy und eine Visitenkarte aus der Tasche. Hustend wählt Anita eine Nummer, aber Andreas hat nur die Mailbox an.
Sie wählt neu. Zuhause geht keiner ans Telefon. Der Notruf!! Anita hat einen Polizeibeamten am anderen Ende der Leitung.
„Schnell!“
Anita schreit ins Handy.
„Bitte kommen sie schnell … das Reet brennt, ich komme nicht los, ... zum Haubarg!“
Doch der Beamte kennt den Haubarg nicht. Umständlich versucht Anita, ihm den Weg zu beschreiben. Sie kriegt kaum noch Luft. Der Stall fängt an, sich um sie zu kreisen. Anita gibt auf.
Da sieht sie vor sich die Visitenkarte des netten Kripobeamten, der sie zu Onkel Hans gelassen hatte. Jan Dierks. Hauptkommissar. Mit letzter Kraft wählt sie seine Handynummer.
Jan Dierks schaltet sofort. Anita scheint in Lebensgefahr zu sein. Während er zum Auto rennt, alarmiert er die Leitstelle der Feuerwehr und mehrere Kollegen. Ein Streifenwagen befindet sich nicht weit vom Haubarg.
„Und gib Gas!“ Jan Dierks schreit in sein Handy hinein.
Der Streifenpolizist wundert sich, weil Hauptkommissar Dierks eigentlich einer von der ruhigen Sorte ist, rast aber in den Feldweg hinein, der auf den Haubarg zuführt. Frauke trifft fast zur gleichen Zeit mit dem Streifenwagen ein.
Schon von weitem ist das Feuer im Stallgebäude zu sehen. In einiger Entfernung heult die Feuerwehrsirene.
Anita liegt bewusstlos auf dem Boden der kleinen Pferdebox, Ihre Jacke hat Feuer gefangen. Frauke stürmt in den Stall, doch der Beamte zerrt sie mit Gewalt wieder zurück.
Gekonnt schießt er die Kettenschlösser durch, die Anitas Knöchel umschließen und löscht die brennende Jacke mit seinem Mantel.
Schnell zerrt er Anitas Körper aus der Box, weg vom Feuer, das sich inzwischen auf drei weitere Stallboxen ausgebreitet hat. Die Hitze sticht wie Nadeln in seine Haut, hustend schleift er Anitas bewusstlosen Körper ins Freie.
Mona hört nicht auf zu bellen. Immer wieder leckt sie ihrem Frauchen übers Gesicht. Frauke hilft dem Polizeibeamten, Anitas Körper auf den Hofplatz zu tragen.
Als Jan Dierks den Haubarg erreicht, ist die Feuerwehr schon im Einsatz.
Jan sieht Anita im Hof liegen, ihren Hund winselnd daneben.
„Wo ist der Notarzt“, wieder schreit er seinen Kollegen an. Jan fasst an Anitas Handgelenk und fühlt, dass sie Puls hat. Er atmet erleichtert aus. Zum Glück!
Warum ist er so aufgeregt? Jan versteht sich selbst nicht.
Zwei Sanitäter der Feuerwehr übernehmen die Erstversorgung.
Frauke und der Kommissar beobachten die professionellen Handgriffe der Feuerwehrleute angespannt: Herzpumpen, Beatmung … Anita zeigt keine Reaktion.
Als Frauke in ein heftiges Schluchzen ausbricht, öffnet Anita die Augen. Sie will etwas sagen, aber Mona leckt ihr aufgeregt übers Gesicht. Frauke hält Mona fest.
Anitas Blick bleibt für einen Moment an Kommissar Dierks hängen, der sie besorgt beobachtet.
Dann wird sie wieder bewusstlos.
Im Krankenhaus der Kreisstadt wird getuschelt. Ein Mordversuch ist eingeliefert worden, eine junge Frau aus Hamburg. Der Hubschrauber ist gestern Abend auf der Rasenfläche hinter dem Krankenhaus gelandet. Die Putzfrauen haben Kripobeamte im Chefsekretariat gesehen.
Vor Anitas Zimmer sitzen Frauke, Kurt und Andreas. Ein Polizeibeamter geht im Gang auf und ab.
Es ist früher Morgen. Frauke war die ganze Nacht im Krankenhaus.
Hellwach. Unruhig. Den linoleumbeschichteten Gang auf und ablaufend.
Erst als der Arzt ihr sagte, dass Anita außer Lebensgefahr ist, aber eine schwere Rauchvergiftung, Gehirnerschütterung und einen Kreislaufkollaps erlitten hat, ist sie auf dem harten Stuhl eingeschlafen.
Andreas trommelt nervös mit den Fingern auf seiner Stuhllehne. Kurt schaut Andreas genervt an. Andreas beendet das Trommelkonzert, sucht nach seinen Zigaretten und geht wortlos nach draußen.
Anitas Zimmertür öffnet sich und der behandelnde Arzt, gefolgt von einer Schwester, kommt auf Frauke und Kurt zu.
„Sie will keinen von Ihnen sehen“, der Arzt zuckt mit den Schultern, „obwohl ihr Zustand stabil ist. Sie steht offensichtlich noch stark unter Schock.“
„Aber…“, Frauke springt auf und geht auf Anitas Zimmer zu. Unmöglich! Sie muss jetzt zu ihrer Tochter. Doch die Schwester versperrt ihr den Weg.
„Sie möchte nur mit einem Herrn Dierks von der Kripo sprechen! Bitte, Frau Karau“, die Schwester schiebt Frauke sanft, aber bestimmt zu ihrem Stuhl zurück.“
„Haben Sie etwas Geduld, ihre Tochter hat Schlimmes durchgemacht.“
Anita schaut in die hellen, grünblauen Augen von Jan Dierks. Er ist sofort gekommen, als Anita nach ihm gefragt hat.
„Wo ist Mona?“ Anita richtet sich ruckartig auf. Jan Dierks legt ihr besänftigend die Hand auf den Arm:
„Mona ist nichts passiert, der Hund und Ihr Handy haben Ihnen das Leben gerettet.“ Er schaut sie ernst an.
„Es war sehr, sehr knapp!“
Sie weicht seinem Blick aus.
„Das Fahrrad … hätte ich …“, verwirrt versucht Anita sich genauer zu erinnern, aber der Schock sitzt ganz tief. „…wieso ein Original, davon wusste ich nichts…“
Wieder setzt sie sich auf. Bleich, traumatisiert.
„Wo ist Jörg?“ Panisch krallen ihre Hände sich in die Bettdecke. Sie atmet keuchend. Der Kommissar nimmt ihre Hände in seine und spricht ruhig auf sie ein.
„Frau Karau, Sie müssen mir alles erzählen, …. aber bitte nacheinander!“
Anita sieht sein sympathisches Lächeln. Es tut gut, dass jemand lächelt. Sie lehnt sich zurück.
„Ich werde es versuchen“, sie spürt die Wärme seiner Hände. Tief Luft holen, alles ist gut, alles ist gut, alles ….
Frauke steht mit Andreas vor dem Krankenhaus. Andreas raucht eine Zigarette nach der anderen.
„Was ist so ein Hausstand eigentlich wert?“ Andreas klopft sich etwas Asche von seinem Designeranzug. Frauke kann nicht glauben, dass Andreas jetzt an Geld denkt.
„Das heißt Haubarg, min Jung, um das Heu zu bergen! Heute stehen die Haubarge unter Denkmalschutz, weil sie Zeitzeugen einer hochentwickelten bäuerlichen und handwerklichen Kultur in der nordfriesischen und eiderstedtischen Landschaft sind!“
Frauke hat sich in Rage geredet.
Dann lässt sie Andreas stehen und geht zurück ins Krankenhaus.
Als Anita nach einigen Tagen wieder nach Hause kommt, dreht Mona fast durch. Laut winselnd drückt sie sich an Anitas Beine, springt an ihr hoch.
Kurt pfeift den Hund zurück, aber Anita hockt sich auf die Erde und nimmt Mona fest in die Arme. Mona darf Anitas Gesicht abschlecken, als wäre es eine Sahnetorte. Kurt geht brummend ins Haus:
„Wat isse doch sentimental, dine Tochter!“ Frauke setzt ihm einen Becher Kaffee vor die Nase.
„Anita ist unsere Tochter, Kurt, und ist, im Gegensatz zu dir, ein liebesfähiger Mensch!“
Frauke knallt die Küchentür hinter sich zu.
Anita und Andreas sitzen im Wohnzimmer. Mona läuft aufgeregt um das Sofa herum.
„Willst du eigentlich einen Makler einschalten?“ Andreas legt einen Arm um Anitas Schultern und zieht sie zu sich heran.
Andreas weiß immer noch nicht, was sich genau auf dem Haubarg abgespielt hat. Er bemerkt nicht, dass Anita irgendwie verändert ist. Das eingespielte Miteinander ist einer geheimnisvollen Distanziertheit gewichen. Anita rückt etwas von Andreas’ Arm ab.
„Wieso Makler?“ Andreas schlägt ihr mit der Hand auf den Oberschenkel:
„Mensch, Nita, wir könnten uns in Hamburg selbstständig machen. Vielleicht kriegst du ’ne Mille für den alten Kasten! Stell dir doch mal vor! Oder eine Eigentumswohnung! In Pöseldorf!“
Vor Begeisterung ist Andreas aufgesprungen und läuft im Zimmer auf und ab. Anita guckt auf den Fußboden. Sie ist müde.
„Ich lege mich oben etwas hin“, Anita geht schnell aus dem Zimmer. „Aber Schatz...“, Andreas läuft ihr hinterher, doch Anita verriegelt ihre Zimmertür und legt sich erschöpft auf ihr Bett.
Andreas klopft vorsichtig. Aber Anita dreht sich zur Wand. Andreas passt nicht hierher! Zum ersten Mal geht er ihr richtig auf die Nerven. Wie kann man nur so unsensibel sein.
„Fahr zurück nach Hamburg, Andy, ich bleibe noch ein paar Tage hier.“
Anita will weder Erklärungen abgeben noch Andreas in ihrer Nähe haben. Andreas steht verdattert vor Anitas verschlossener Tür.
„Gut Nita, wenn du nachkommst, trinken wir ein Gläschen Schampus auf deinen Onkel. Liebe dich!“
Andreas lässt sich seine gute Laune nicht verderben. Anitas Verhalten erscheint ihm unheimlich und fremd. So ernst hat er sie noch nie erlebt. Ist doch alles gutgegangen, denkt Andreas, als er ins Auto steigt, und geerbt hat sie auch. Eigentlich ein Grund zum Feiern.
