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Jede junge Frau träumt davon, eine Krone zu tragen.
Außer es ist eine Fae-Krone. Denn Fae-Kronen werden mit Blut geschmiedet.
Evie hätte nie gedacht, dass sie es überlebt, bei dem monströsen Fae-König Aspen zu leben und seine Gefährtin zu werden. Denn die Fae gelten als natürliche Feinde ihres Volkes und nur eine Hochzeit zwischen den Menschen und Fae wahrt den Frieden. Doch Evie hat sich in Aspen getäuscht - und ihm ihr Herz geschenkt.
Als der Rat der Menschen ihre Verbindung für ungültig erklärt und mit Krieg droht, ändert sich alles. Evies Vergangenheit holt sie ein und schürt Zweifel in ihr. Kann sie den Kampf zwischen den beiden Reichen abwenden? Und wer ist Evie wirklich?
Fortsetzung der knisternden Romantasy-Trilogie mit Fae, Enemies to Lovers und einer Liebe, die alles überwindet
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Seitenzahl: 458
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Über dieses Buch
Titel
Leser:innenhinweis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
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Über die Autorin
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Impressum
Inhaltsinformation
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Jede junge Frau träumt davon, eine Krone zu tragen.Außer es ist eine Fae-Krone. Denn Fae-Kronen werden mit Blut geschmiedet.
Evie hätte nie gedacht, dass sie es überlebt, bei dem monströsen Fae-König Aspen zu leben und seine Gefährtin zu werden. Denn die Fae gelten als natürliche Feinde ihres Volkes und nur eine Hochzeit zwischen den Menschen und Fae wahrt den Frieden. Doch Evie hat sich in Aspen getäuscht – und ihm ihr Herz geschenkt.Als der Rat der Menschen ihre Verbindung für ungültig erklärt und mit Krieg droht, ändert sich alles. Evies Vergangenheit holt sie ein und schürt Zweifel in ihr. Kann sie den Kampf zwischen den beiden Reichen abwenden? Und wer ist Evie wirklich?
Fortsetzung der knisternden Romantasy-Trilogie mit Fae, Enemies to Lovers und einer Liebe, die alles überwindet
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Dazu findet ihr hier genauere Angaben.ACHTUNG: Sie enthalten Spoiler für das gesamte Buch.Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.
Euer Team vom ONE-Verlag
Jede junge Frau träumt davon, eines Tages eine Krone zu tragen.
Nun, ich habe nie davon geträumt, aber allmählich verstehe ich den Reiz daran. Dabei geht es weniger um die Krone an sich, sondern vielmehr darum, was damit einhergeht. Einfluss. Macht. Verantwortung. Ein König an meiner Seite.
Und für mich ist er nicht nur irgendein König.
Er ist mein Gefährte, den ich liebe. Der meine Wut ebenso oft entfacht wie meine Leidenschaft. Und ich wäre seine Königin geworden.
Ja, wäre geworden, denn das ist nun Geschichte.
Mir fiepen die Ohren, während ich auf schwankenden Beinen im Speisesaal des Bircharbor Palace stehe und ins Leere starre. Schon wieder eine Explosion – wie so viele in der letzten Stunde. Doch diesmal reagiere ich schon gar nicht mehr. Es ist nicht so, als hätte ich mich schon daran gewöhnt, dass die Soldaten unten am Strand die Korallenhöhlen sprengen, aber inzwischen empfinde ich nichts mehr. Ich stehe zu sehr unter Schock, als dass ich etwas anderes tun könnte, als dazustehen und mir zu wünschen, ich könnte die Zeit um eine Minute zurückdrehen.
Vor einer Minute hielt ich Aspen noch in meinen Armen.
Vor einer Minute wollten wir noch heiraten.
Vor einer Minute hat das Abkommen sowohl die Menschen als auch die Fae noch vor dem Verderben bewahrt.
Aber jetzt ...
»Wir ziehen in den Krieg.« Es ist meine eigene Stimme, doch sie klingt weit entfernt, fremd.
König Aspen und Botschafter Foxglove stehen genau vor mir, aber meine Augen wollen sich einfach nicht scharfstellen. Stattdessen verschwimmt alles immer mehr, der Saal schrumpft, bis er nichts weiter ist als ein kleiner Lichtfleck. Mir ist schwindelig von der Sommerhitze, die durch den Durchbruch in der Wand hereinströmt. Ich atme einmal, zweimal tief durch, aber es ist, als könnte meine Lunge nicht genügend Sauerstoff aufnehmen. Was würde ich jetzt für eine kühle Brise geben. Dafür, dass das normale Wetter des Herbsthofes zurückkehrt und den Schweiß auf meiner Stirn trocknet.
Das Rascheln von Papier bringt mich zurück in die Realität, reißt mich aus meinen wirbelnden Gedanken. Es stammt von dem Brief in Aspens Hand, den er nun in seiner Faust zerknüllt hat. Darin steht geschrieben, dass wir offiziell keine Gefährten seien. Das Abkommen wurde gebrochen. Es ist das Ende von allem, wofür ich gekämpft habe.
Das Ende von Aspen und mir.
Meine Brust zieht sich eng zusammen, und meine Gedanken drohen, mich zu verschlingen, doch ich konzentriere mich auf das Papierknäuel in Aspens Hand, wie sich seine Finger darum schließen. Allmählich hört der Raum auf, sich zu drehen, und meine Atmung beruhigt sich. Ich betrachte meinen Gefährten, studiere seine wunderschönen Gesichtszüge, als könnten sie mich noch weiter erden. Während ich ihn so mustere, werde ich mir seiner Wut bewusst. Ich sehe es an seiner steifen Haltung, dem Zucken seiner Kiefermuskeln. Sein Anblick reißt mich erst recht aus meiner Starre, denn nun ist meine Wut ebenfalls geweckt. Ich bin bereit, mich auf den gefährlichen Tanz einzulassen.
Mein Zorn verleiht mir neue Kraft.
»Nein«, presse ich hervor, »das lasse ich nicht zu. Nicht nach allem, was wir durchgemacht haben, was wir gegeben haben.«
»Überrascht dich das tatsächlich?«, murmelt Aspen.
»Ja, tut es. Wir haben alles getan, was das Abkommen verlangt. Unsere Hochzeit soll in drei Tagen stattfinden. Das ist das Datum, das uns der Rat der Menschen vorgegeben hat. Wir haben uns an alles gehalten.«
»Das kümmert den Rat anscheinend nicht. Sie werden alles dafür tun, dass wir das Abkommen nicht sichern können.«
»Wie kannst du so etwas sagen? Sie können den Krieg doch genauso wenig wollen wie wir. Außerdem hat sich bisher jeder Verdacht, dass der Rat dir Böses will, zerschlagen. Bisher war es allein Cobalt, der dafür gesorgt hat, dass du das Abkommen nicht sichern kannst.«
»Wenn dem so wäre, hätten sie den hier nicht geschickt.« Er hebt die Faust mit dem zerknüllten Brief.
»Was genau steht denn darin?« Ich blicke von Aspen zu Foxglove. Dieser hat den Inhalt des Briefs zwar knapp zusammengefasst, aber gelesen habe ich ihn nicht. »Sie müssen doch irgendeinen Grund genannt haben, warum sie der Meinung sind, dass wir das Abkommen gebrochen haben.«
»Nun, sie ...« Doch Foxglove verstummt umgehend, als Aspen ihm einen scharfen Blick zuwirft.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. »Was ist? Was verschweigt ihr mir?«
Ehrfürchtig blickt Foxglove zu Aspen, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst, als müsste er sich beherrschen, nicht mit einer gefährlichen Wahrheit herauszuplatzen.
Ich trete näher an meinen Gefährten heran. »Sag mir, was in diesem Brief steht, oder lass ihn mich selbst lesen.«
Er weicht meinem Blick aus. »Ich kümmere mich darum.«
Wut überkommt mich. So viele Widerworte jagen durch meinen Kopf, doch bevor ich auch nur ein einziges aussprechen kann, erzittert die Erde unter meinen Füßen und lässt mich schwanken. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie eine Wasserfontäne in den Himmel schießt.
Das Rumoren der Explosion verebbt, doch bevor ich mein Gleichgewicht wiedergefunden habe, wird der Palast von Neuem erschüttert. Aspen zieht mich zu sich, damit ich nicht stürze. Ich schmiege mich an ihn, nicht nur, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Seine Nähe zu spüren erinnert mich wieder daran, wie sehr ich mir wünsche, den Moment, in dem Foxglove mit dem Brief hereinkam, einfach auszulöschen. Wenn wir die Zeit doch bloß ein klein wenig zurückdrehen, uns wieder in den Armen liegen und uns Zärtlichkeiten zuflüstern könnten.
Doch der Moment wurde zerstört. Und selbst dieser leise Nachklang wird mir genommen, als die Erschütterungen mit einem Mal durch Schreie ersetzt werden. Schreie des puren Grauens.
Zögerlich löse ich mich von Aspen und trete vor an die Brüstung. Mehrere Gestalten flüchten humpelnd von dem Ort der letzten Explosion. Viel mehr kann ich durch den Dunst aus Sand und Wasser nicht erkennen, jedoch bin ich mir ziemlich sicher, unten am Strand dunkle Flecken auszumachen. Blut.
Bei dem Anblick fängt mein Herz an zu rasen, gefolgt von Schritten aus dem Korridor, die mit jedem Herzschlag näher kommen. Ich kann mich nicht rühren, kann den Blick nicht von der Schreckensszenerie abwenden, während ich darauf warte, dass sich der Staub legt.
»Eure Majestät.«
Ich wirble zu dem keuchenden Wachmann herum, der in den Speisesaal stolpert.
Aspen stürmt auf ihn zu. »Was zur Eiche und Efeu ist gerade passiert?«
Das jungenhafte Gesicht des Wachmanns ist kreidebleich, die Augen schreckgeweitet. »Das waren die Fae von Prinz Cobalt, Eure Majestät. Wir haben sie in den Höhlen entdeckt. Sie haben versucht, unsere Bemühungen zu vereiteln. Ich wurde geschickt, um Euch mitzuteilen ...«
Aspen stürmt an ihm vorbei in den Flur. Seine Stimme ist beinahe ein Brüllen. »Ich wusste, dass er zurückkommen würde. Wo ist er?«
Der Wachmann folgt Aspen auf den Fersen, Foxglove und ich tun es ihm gleich. »Der Prinz wurde bisher nicht gesichtet«, erklärt er, »aber es waren eindeutig seine Fae. Sie haben die Truppe, die für die Explosionen zuständig ist, angegriffen, aber Eure Soldaten waren in der Lage, sie zurückzudrängen, bis die Lunte gezündet wurde. Es waren nur noch zwei Höhlen übrig. Es wurde sofort eine Truppe losgeschickt. Da wurde mir befohlen, Euch umgehend aufzusuchen.«
Aspens Kiefer mahlen. »Ich nehme an, es gibt Verletzte?«
Der Wachmann wird noch bleicher, während wir eine Treppe hinabsteigen. »Ich war bereits auf dem Weg hierher, als die letzten zwei Explosionen losgegangen sind, Eure Majestät, doch die letzte hätte nicht so dicht auf die vorherige folgen sollen. Es sei denn ...«
»Es sei denn, es war notwendig«, presst Aspen hervor. »Sind von Cobalts Fae welche aus den Höhlen aufgetaucht? Und was ist mit den Höhlen, die zu den Palasttunneln führen?«
»Die Tunnel haben wir zuerst zerstört. Ich habe keine von seinen Fae gesehen, ehe ich gegangen bin.«
Aspen rennt nun förmlich, während wir immer tiefer hinabsteigen. Wir müssen schon fast im Erdgeschoss des Palasts sein.
Ich lege einen Zahn zu und schließe zu dem Wachmann auf. »Wohin werden die Verletzten gebracht?«
Er öffnet gerade den Mund, da bleibt Aspen abrupt stehen und wirbelt zu mir herum. »Warum folgst du mir? Es ist nicht sicher.«
»Ich will helfen.«
Er wendet sich dem Wachmann zu. »Bring Miss Fairfield an einen sicheren Ort.«
Der Wachmann kommt auf mich zu, doch ich halte ihn mit einem eisigen Blick auf, ehe ich ihn auf Aspen richte. »Nein, ich werde mich um die Verletzten kümmern.«
»Du musst aber...«
»Ich kümmere mich um die Verletzten«, wiederhole ich nun lauter, langsamer, betone jedes einzelne Wort, während ich ihn mit meinem Blick durchbohre. »Dafür wurde ich ausgebildet.«
»Die Fae werden auch ohne deine Hilfe wieder gesund.«
Mit hochgezogener Braue lasse ich den Blick über seinen Oberkörper schweifen, ehe er auf der Stelle seiner alten Wunde liegen bleibt. Der Wunde, die für ihn den Tod bedeutet hätte, wenn ich ihm nicht geholfen hätte. Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Ach, ist das so?«
»Na schön«, seufzt er genervt und richtet sich wieder an den Wachmann. »Führe sie in den Ostflügel. Dort werden die Verletzten hingebracht. Aber wenn dir auch nur die kleinste Kleinigkeit auffällt, bringst du Miss Fairfield sofort in Sicherheit.«
Der Wachmann nickt, und ich widerspreche nicht weiter. Aspen sieht mir in die Augen, ergreift meine Hand und drückt sie sanft. Diese Geste sagt mehr als tausend Worte, durchbricht seine Rage und zähmt mein Herz. Doch die Berührung währt nur einen einzigen Herzschlag, ehe Aspen mich loslässt und seinen Weg den Korridor hinab fortsetzt. Als ich ihm folgen will, legt der Wachmann eine Hand auf meine Schulter. »Dieser Weg ist kürzer.« Mit einer Kopfbewegung deutet er auf eine weitere Treppe. Wir setzen uns gerade in Bewegung, da stelle ich fest, dass Foxglove auf dem Absatz stehen geblieben ist, nervös seine Hände knetet und mich mit offenem Mund anstarrt. Als wollte er irgendetwas sagen.
»Foxglove, komm mit«, hallt Aspens Stimme von unten herauf.
Der bebrillte Fae schließt den Mund und schenkt mir ein entschuldigendes Lächeln. Ich will erst gar nicht versuchen, es zu deuten, aber bestimmt hat es etwas mit dem Brief zu tun.
***
Als ich einen mir vertrauten Raum betrete, wappne ich mich innerlich. In seiner Mitte stehen drei steinerne Tische, und auf jedem liegt ein sich vor Schmerz krümmender Fae: zwei männliche, eine weibliche. Sie alle haben Wunden unterschiedlichen Schweregrads. Das Blut tropft auf die Steinplatten unter ihnen, während die unverletzten Wachen gerade dabei sind, ihre bronzenen Rüstungen zu entfernen.
Als ich an das letzte Mal denke, als ich hier war, erschaudere ich. Damals stand hier nur ein Tisch – und darauf lag Aspen. Es ist nur schwer zu glauben, dass das gerade einmal zwei Wochen her ist. Da war es mir noch egal, ob er lebt oder stirbt.
Ich schüttle den makaberen Gedanken ab und begebe mich auf die andere Seite des Raumes zu Gildmar, einer winzigen Fae mit rindenähnlicher Haut und Haaren wie Blätter. Ihre Hände fliegen nur so, während sie ihre Instrumente auf einem Tisch ausbreitet – scharfe Muschelstücke, spitze Knochen, Tücher aus Spinnenseide, Wasserschüsseln, Kräuter, Wein. Wie gut, dass ich diesmal nicht erst um den Alkohol bitten muss.
»Sind das die einzigen Überlebenden?«, frage ich.
Sie nickt. »Die letzte Explosion ist losgegangen, als sie noch mit dem Pulverfass beschäftigt waren. Die drei waren ganz in der Nähe. Die, die in der Höhle waren oder am Eingang standen, haben es nicht geschafft.«
Ich schlucke schwer und frage mich, ob sie den wahren Grund für die verfrühte Detonation kennt. »Wie kann ich helfen?«
»Lindere zuerst ihre Schmerzen.« Sie reicht mir ein Fläschchen. Ich muss erst gar nicht fragen, um zu wissen, dass es das Extrakt der Honigbirne enthält, einer psychoaktiven Fae-Frucht. Es wirkt ähnlich wie Laudanum, lindert Schmerzen und lässt die Verletzten zur Ruhe kommen.
Ich bewege mich von einem Fae zum nächsten, verabreiche jedem eine Pipette des Extrakts, während Gildmar die Wunden eines weiteren Soldaten mit Kräuterwasser reinigt. Nachdem die Honigbirne ihre Wirkung entfaltet hat, greife ich mir eine Schüssel mit Wein und trete an die bewusstlose weibliche Fae heran. Ich desinfiziere meine Hände mit dem Alkohol und begutachte ihre Wunden. Korallenstücke stecken in ihrem blutigen Fleisch, das nicht von ihrer Rüstung geschützt wurde. Vorsichtig hebe ich ihre Leinentunika an und sehe, dass ihr Brustkorb bläulich verfärbt ist, wahrscheinlich durch den eingedrückten Brustpanzer. Ich schütte den Wein über ihre Wunden. »Schweben sie in Lebensgefahr?«
Gildmar schüttelt zwar den Kopf, doch ihre Miene bleibt unverändert ernst. »Solange wir ihre Blutungen stoppen und sie ruhigstellen können, sollten ihre Wunden von selbst heilen. Da weder Esche noch Eisen im Spiel war, sind ihre Selbstheilungskräfte nach wie vor stark. Aber wenn sie zu viel Blut verlieren, werden ihre Körper zu schwach.«
Ich bin erleichtert zu hören, dass die Heilungschancen gut stehen, auch wenn es nur schwer vorstellbar ist, dass jemand überleben kann, wenn er eine Explosion so hautnah miterlebt hat. Allein die Druckwelle hätte jeden Menschen getötet. »Was wurde für die Sprengung benutzt? Schwarzpulver?«
»Höchstwahrscheinlich Sumpfgas«, erwidert Gildmar mit ihrer knarzenden Stimme. »Man findet es hauptsächlich in den Sümpfen, wo der Feuer- an den Windhof grenzt. Eine barbarische Sache, wenn du mich fragst. Wir sollten die Natur nicht in Flaschen abfüllen, wie es die Menschen tun, und die Elemente dafür benutzen, anderen zu schaden. Das haben wir nicht getan, bevor dein Volk auf die Fair Isle kam.«
Zwar sagt sie es eher nüchtern statt vorwurfsvoll, aber mich überkommt dennoch ein schlechtes Gewissen. »Wie lange wird es dauern, bis sie sich erholt haben?«
»Ihre Wunden sind zwar gravierend, aber bei ihnen ist es anders als beim König.«
Wieder muss ich daran denken, wie nahe Aspen dem Tode war. Wie die schwarzen Striemen seine Haut überzogen, ein Zeichen dafür, wie sehr das Eisen sein Blut vergiftet hatte. Ich war um ihn besorgt, aber nur, weil er mein Patient war. Ich war bei weitem nicht so verzweifelt, wie ich es jetzt wäre, sollte ihm etwas zustoßen. Nicht, nachdem wir uns so nahe gekommen sind.
Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Unsere Bindung wurde immer stärker, ehe der Brief eintraf. Ich hatte ihn endlich dazu gebracht, seiner Wut darüber, dass ich seinen Namen gegen ihn verwendet hatte, Ausdruck zu verleihen. Wir hatten uns gerade erst wieder vertragen. Ich war so kurz davor, ihm zu sagen, dass ich ...
Ich schüttle die Erinnerungen daran ab. Die Gedanken an Aspen und den mysteriösen Brief müssen warten. Fürs Erste muss ich mich auf meine Arbeit konzentrieren.
Bis Gildmar und ich die Verwundeten versorgt haben, ist es bereits Mittag. Vollkommen erschöpft verlasse ich den Ostflügel, dicht gefolgt von Aspens Wachmann. Aber es macht mir nichts aus, so müde zu sein, schließlich ist es das Resultat meiner harten Arbeit. Wir haben ihre Wunden gesäubert, genäht und verbunden. Danach wurden die Verletzten in einen Raum mit richtigen Betten verlagert, damit sie sich erholen können. Als ich gegangen bin, haben sie alle drei friedlich geschlafen, aber davor saß ich bei jedem Einzelnen und legte ihnen für mehrere Minuten die Hände auf.
Zum Glück wartete der Wachmann währenddessen vor der Tür. Hätte mich irgendjemand beobachtet, wäre mir die Schamesröte ins Gesicht gestiegen, ganz gleich, wie harmlos mein Tun von außen betrachtet auch erscheinen mochte. Doch insgeheim hoffte ich, dass meine Hände mehr ausrichten könnten, als nur ein wenig Trost zu spenden. Ich bin immer noch nicht davon überzeugt, dass ich Loreleis Wunde am Bein geheilt oder irgendetwas mit Aspens schneller Genesung nach der Eisenvergiftung zu tun hatte. Ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht doch über irgendwelche Kräfte verfüge, die mir dabei geholfen haben, die Operation an Aspen ohne meine Instrumente durchzuführen.
Wäre mir solch ein Gedanke vor zwei Monaten gekommen, hätte ich laut aufgelacht und mich selbst für verrückt erklärt. Aber jetzt, nach allem, was ich gesehen, erlebt und getan habe ...
Inzwischen glaube ich, es besteht zumindest eine gewisse Möglichkeit. Warum sollte ich auch nicht daran glauben, wenn ich dadurch anderen helfen kann?
Am Ende des Korridors erwartet uns eine weibliche Wache, die zögerlich auf uns zukommt. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, denn ich rechne schon mit dem Schlimmsten. »Ist Aspen zurückgekehrt?«
»Nein, er wurde nicht allzu weit von hier entfernt in ein Gefecht mit Cobalts Fae verwickelt«, erklärt sie, »was auch der Grund ist, warum ich zu Euch gekommen bin. Königin Melusine steht unten am Strand, umringt von unseren Wachen. Sie verlangt, mit Euch zu sprechen.«
»Worüber will sie denn mit mir sprechen?«
»Das wollte sie nicht sagen. Sie hat lediglich versprochen, Euch nichts zu tun, und sich auf einen friedlichen Wortwechsel berufen, was bedeutet, dass Gewaltanwendung während des Gesprächs untersagt ist. Sollte sie Euch dennoch angreifen, würden die Soldaten sofort zur Gegenwehr ansetzen.«
Ich kaue auf der Innenseite meiner Wange. »Was hast du ihr gesagt?«
»Nichts. Die Entscheidung liegt allein bei Euch, ob Ihr ihr eine Audienz gewähren wollt. Jetzt, da König Aspen abwesend ist, habt Ihr das Sagen.«
Die Bedeutung ihrer Worte löst in mir einen Schwindel aus. Ich habe das Sagen.
Der Wachmann räuspert sich und wendet sich mir zu. »König Aspen würde nicht wollen, dass Ihr Euch ohne ihn mit ihr trefft. Er würde es für zu gefährlich halten.«
»Dann seht lieber zu, dass mir nichts geschieht.« Damit wende ich mich wieder an die Soldatin. »Bring mich zu Königin Melusine. Ich will wissen, was sie vorhat.«
Es ist vielleicht nicht unbedingt der klügste Zug, aber vielleicht weiß sie etwas über den heutigen Angriff. Vielleicht hat sie Informationen bezüglich Cobalt, Amelie, des Briefes, des Abkommens ... Nein, ich bin zu voreilig. Sollte sie auch nur irgendetwas wissen, wird sie mich ohnehin nur täuschen und es zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Ich sollte mir also lieber keine falschen Hoffnungen machen.
Ich atme einmal tief durch, um meine wirbelnden Gedanken zu beruhigen, und folge den Wachen hinunter zum Strand. Da die Höhlen nun verschüttet sind, nehmen wir den langen Weg, umrunden die Palastmauern und steigen eine in die Felswand gehauene steile Treppe hinab. Unten angekommen, entdecke ich den ungebetenen Gast sofort. Wie schon beim ersten Gespräch mit der Meereskönigin, steht Melusine auch jetzt mit stolz gerecktem Kinn und selbstbewusst lächelnd da. Diesmal wird sie jedoch von Aspens Wachen umringt. Zum Glück scheint sie allein gekommen zu sein. Mit ihren faszinierenden Augen in der Farbe des Sturms, den korallenroten Lippen und dem blauschwarzen Haar, das sich in Wellen über ihren menschenähnlichen Oberkörper ergießt, ist sie so schön wie eh und je. Dort, wo eigentlich die Beine sein sollten, geht ihr Körper in einen blaugrünen Schlangenschwanz über, dessen Ende nervös durch den Sand peitscht.
»Ach herrje, wie fürchterlich du aussiehst«, säuselt sie mit ihrer melodiösen Stimme, ehe sie die spitzen Zähne fletscht, was wohl ein Lächeln darstellen soll. Einige Meter vor ihr bleibe ich stehen, flankiert von meinen beiden Wachen. Erst jetzt werde ich mir meiner Erscheinung bewusst. Bisher haben mich Foxglove und Lorelei immer fein säuberlich herausgeputzt, wenn ich mich mit Königin Melusine getroffen habe, doch nun trete ich ihr in einem mit Blut besudelten Kleid und mit zerzaustem Haar gegenüber.
Ich verenge die Augen zu Schlitzen, denn mein Erscheinungsbild ist gerade mein geringstes Problem. Wenigstens etwas, das der Wahrheit entspricht, denn es gibt nun Dringenderes zu erledigen. »Warum seid Ihr hier, Eure Majestät?«
»Ich würde gern wissen, was mein lieber Sohn mit meinen wunderschönen Höhlen anstellt«, erwidert sie schmollend.
»Euer Sohn will nicht mit Euch sprechen.« Hoffentlich hört sie aus meinen Worten nicht heraus, dass Aspen momentan gar nicht da ist – falls sie das nicht ohnehin schon längst weiß.
»Das ist mir durchaus bewusst. Seit dem Vorfall mit seinem Bruder habe ich jeden Tag versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen.«
Vorfall? Wut überkommt mich. Was für eine nette Bezeichnung für Cobalts Versuch, Aspen seines Throns zu berauben. »Also wolltet Ihr stattdessen mit mir sprechen?«
Sie zuckt mit einer Schulter. »Es hat funktioniert, oder nicht?«
Ich hasse es, dass sie recht hat. Aspen hat es die ganze Zeit geschafft, sie zu ignorieren, während ich sofort springe. Meine Neugier gewinnt einfach immer die Oberhand. »Lassen wir den ganzen eisenverseuchten Kelpie-Mist und kommen direkt zur Sache«, entgegne ich mit einem zuckersüßen Lächeln. »Warum seid Ihr wirklich hier?«
Schnaubend verdreht sie die Augen. »Ich will, dass du mit Aspen redest.«
»Und was soll ich ihm sagen?«
»Dass ich ein Bündnis schließen will.«
Mir fällt die Kinnlade herunter. »Ein Bündnis? Ist das nicht der Sinn des Rats? Hättet Ihr nicht längst seine Verbündete sein sollen, ehe Ihr beschlossen habt, ihn durch Cobalt zu ersetzen?«
Sie errötet, presst die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und wirkt zum allerersten Mal verunsichert. »Das war falsch von mir. Ich hätte Cobalt niemals unterstützen sollen.«
Mir entweicht ein verbittertes Lachen. »Warum nicht? Weil er sich gegen Euch gewandt hat? Weil er gelogen hat? Weil Ihr begriffen habt, dass er niemals nach Eurer Pfeife tanzen wird?«
»Cobalt hat seine Fähigkeit zu lügen von einem Menschen gestohlen und sie gegen mich verwendet«, zischt sie. »Das ist unverzeihlich. Aber vor allem respektiere ich die Entscheidung des Alles von Allem, was er niemals tun wird. Aber das Alles von Allem sollte niemals infrage gestellt werden. Das ist in uns Unseelie fest verankert.«
»Ich bin sicher, Aspen weiß das zu schätzen«, erwidere ich kalt. »Aber warum wollt Ihr nun ein zusätzliches Bündnis?«
Sie schürzt die Lippen, als würde es sie schmerzen, die folgenden Worte auszusprechen. »Ich brauche seinen Schutz.«
»Seinen Schutz? Wovor?«
»Vor meinem anderen Sohn.« Jedes Wort ist gespickt mit wachsendem Zorn. »Er hat meinen Hof übernommen. Die Hälfte meiner Soldaten denkt, jetzt ihm dienen zu müssen, und sein erbärmliches menschliches Haustier stolziert in seiner Selkie-Haut umher, als wäre es nun die Meereskönigin.«
Ich kneife die Augen zusammen. »Das erbärmliche Haustier ist meine Schwester.«
Sie funkelt mich finster an. »Dann weißt du ja, wie verachtenswert sie ist.«
Wütend bohre ich die Fingernägel in meine Handballen. »Melusine, Ihr seid eine der mächtigsten lebenden Fae. Die gesamte See steht Euch zur Verfügung. Wozu braucht Ihr da noch Schutz von Aspen?«
»Ich kann mich nicht gegen meinen Sohn verteidigen, wenn er seine Macht gegen mich unter Wasser ausübt. Ich brauche einen Unterschlupf an Land, bis man sich um ihn gekümmert hat«, erklärt sie mit bebenden Schultern.
Dass sie so aufgebracht wirkt, trifft mich vollkommen unvorbereitet. Wie kann es sein, dass sich Königin Melusine vor Cobalt, ihrem eigenen Sohn, fürchtet? Er hat vielleicht die Macht über das Element Wasser, aber er ist nicht einmal halb so furchteinflößend wie sie. Oder?
Als könnte sie meine Gedanken lesen, ergreift sie erneut das Wort. »Ich kann Cobalt jetzt, da er sich nicht mehr an die Regeln der Fae hält, nicht länger vertrauen. Er kann lügen wie ein Mensch und seine Verbündeten hintergehen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Und nun, da er so viele meiner Soldaten auf seine Seite gezogen hat, habe ich keine Ahnung, was er als Nächstes tun wird. Aber ich will es lieber nicht herausfinden.«
Mir wird schwer ums Herz. Wenn sie neuerdings nicht ebenfalls lügen kann, meint sie es wirklich ernst.
Sie gleitet näher an mich heran, doch Aspens Wachen stellen sich ihr in den Weg. »Rede mit Aspen. Bitte«, presst sie hervor.
»Das alles habt Ihr ihm auch schon selbst gesagt?«
»Er will mir nicht zuhören.«
»Und was lässt Euch glauben, dass er mir zuhören wird?«
Ihr Gesichtsausdruck verhärtet sich. »Du hast eine Macht über ihn wie niemand zuvor.«
Meint sie damit meine Macht, seinen Namen gegen ihn zu verwenden ... oder etwas anderes? Sie weiß doch sicherlich, dass ich seinen Namen niemals ihr zuliebe benutzen würde. Es ist mir schon schwer genug gefallen, es zu tun, um ihm das Leben zu retten. »Ich schaue, was sich machen lässt.«
»Ist das ein Versprechen?«
»Nein.«
Sie verzieht die Lippen zu einem Grinsen, das schon fast an Bewunderung grenzt, ehe sie leicht den Kopf neigt. »Nun gut.« Damit wendet sie sich zum Meer um und gleitet davon. Die Wachen halten sie eng umringt und geben Acht, dabei nicht über die Korallenstücke zu stolpern, die den Strand übersäen. Ich lasse die Königin nicht aus den Augen, ehe nicht auch noch ihre Schwanzspitze unter der Wasseroberfläche verschwunden ist.
***
Als ich in den Palast zurückkehre, gibt es von Aspen noch immer keine Neuigkeiten. Mit klopfendem Herzen gehe ich im Kopf alle Sorgen durch, die mich plagen – das Gefecht, in das Aspen verwickelt wurde, Melusines Angst vor Cobalt, der Brief. Der Brief. Jedes Mal, wenn ich daran denke, dreht sich mir der Magen um. Ich wünschte, er hätte ihn dagelassen, damit ich ihn selbst lesen kann. Ich muss wissen, was darinsteht, was es zu bedeuten hat, warum das Abkommen gebrochen und unsere Verbindung für nichtig erklärt wurde. Ich muss jeden Abschnitt auseinandernehmen, jeden Satz analysieren, jedes Wort, jeden Schnörkel, um es zu verstehen. Ich muss wissen ... was das alles für Aspen und mich bedeutet.
Da mir nichts anderes bleibt, als auf seine Rückkehr zu warten, mache ich mich auf den Weg ins Schlafzimmer, um meine blutige Kleidung zu wechseln. Hinter dem Raumteiler schäle ich mich aus dem ruinierten Nachthemd und dem Morgenmantel und entscheide mich für ein leichtes blaues Kleid mit einem fließenden mehrlagigen Rock. Ich bin gerade fertig, da betritt Lorelei das Zimmer. Mit einem warmen Lächeln auf den Lippen kommt sie auf mich zu, über ihrem Arm hängt ein Stück schimmernde Seide, und ihr Gang hat etwas Beschwingtes.
»Man hat mir ausgerichtet, dass du die Verwundeten fertig versorgt hast«, sagt die Waldnymphe. »Ist alles gut gegangen?«
»Ja, alles ist gut«, erwidere ich, doch ein Lächeln bringe ich nicht zustande. »Die Patienten erholen sich jetzt.«
Sie runzelt die Stirn, denn mein fehlender Enthusiasmus scheint ihr nicht zu entgehen. Doch sie bohrt nicht weiter nach und hält mir stattdessen den luxuriösen Stoff entgegen. »Dein Hochzeitskleid ist bereit für die letzte Anprobe.«
Als mein Blick auf das Kleid fällt, spüre ich einen Stich im Herzen. Meine Gefühle drohen, mich zu übermannen, doch ich zügle sie und zwinge meine Stimme, ruhig zu klingen. »Ich weiß nicht, ob es überhaupt eine Hochzeit geben wird, Lorelei.«
Sie legt das Kleid auf das Sofa und fasst mich an den Schultern. »Warum sagst du so etwas? Ist zwischen euch irgendetwas vorgefallen?«
Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. »Ich ... ich weiß es nicht.«
»Was auch immer er gesagt oder getan hat – ihr schafft das schon. Du weißt, dass er dich liebt, oder?«
Dieses Wort – Liebe – ist zu viel für mich. Mir kommen die Tränen, und mir entweicht ein Schluchzen.
»Nein, das weiß ich nicht. Und vielleicht werde ich es niemals erfahren.«
»Wie meinst du das?«
Ich kneife die Augen zu, balle die Hände zu Fäusten, schlucke meine Tränen herunter und ersetze meinen Schmerz durch Wut. »Ich bin so schrecklich müde«, presse ich hervor.
Sie weicht einen Schritt zurück. »Dann gehe ich jetzt, damit du dich ausruhen kannst.«
»Ich bin es leid, wegen des Abkommens in ständiger Angst zu leben.«
Als ich die Augen aufschlage, betrachtet sie mich voller Sorge und kaut auf ihrer Unterlippe.
»Du hast eine schwere Zeit hinter dir, ich weiß.«
»Es ist mehr als nur das«, erwidere ich. Mein Zorn wird immer stärker, brennt die Angst aus meinem Gehirn, den Schmerz aus meinem Herzen. »Wir haben alles getan, was man von uns verlangt hat. Wir haben die Gefährtenzeremonie abgehalten. Wir haben das Bindungsritual rechtzeitig durchgeführt. Wir haben Aspens Thron von Cobalt zurückerobert. Das Datum für die Hochzeit steht. Und jetzt kriegen wir einen Brief von Eisleighs Rat, in dem steht, dass unsere Verbindung nicht anerkannt wird.«
Während sie das Gesagte verarbeitet, werden ihre Augen immer größer. »Nicht? Aber das würde ja bedeuten ...«
Ich nicke. »Das bedeutet, dass das Abkommen gebrochen wurde. Dass wir in den Krieg ziehen.«
Sie schüttelt den Kopf. »Nein, das muss ein Missverständnis sein. König Aspen wird sich schon darum kümmern.« Sie ergreift meine Hand. »Du musst fest daran glauben, dass er die Sache in Ordnung bringen wird.«
Ich wünschte, ich könnte ihr zustimmen, aber es gibt nur so viel, was Aspen noch tun kann. Außerdem, was ist, wenn er doch recht hatte? Was, wenn der Rat der Menschen den Krieg tatsächlich will? Was, wenn sie nur eine Entschuldigung gebraucht haben, um endlich das zu bekommen, was sie schon die ganze Zeit wollten? »Ich habe das Gefühl, alles hat sich gegen uns verschworen. Vielleicht sind wir einfach nicht füreinander bestimmt. Vielleicht gibt es einen Grund, warum immer wieder etwas zwischen uns kommt.«
»Sag so etwas nicht. Das zwischen euch ist echt. Ich sehe es doch. Ich spüre es. Was auch immer kommen mag – ihr werdet es zusammen durchstehen.«
Ihre Worte lassen die Wut und die Angst in mir zwar ein wenig abklingen, aber wirklich beruhigen können sie mich nicht, denn über allem hängt noch eine viel dunklere Wolke: ein möglicher Krieg. Wenn die Fair Isle tatsächlich von Krieg überschattet wird, ist es nicht damit getan, mich mit Aspen gemeinsam den Herausforderungen zu stellen. Zumindest nicht für mich. Nicht, wenn mein Volk – und damit auch meine Mutter – auf der anderen Seite der Mauer leiden wird. Sie werden Tod und Zerstörung erfahren – wegen eines Abkommens, das ich mit meiner Heirat hätte sichern sollen.
Mit einem Mal ist die Wut wieder voll da. »Es muss doch irgendetwas geben, das ich tun kann.«
»Ja, vielleicht.« Foxglove steht im Türrahmen und knetet seine Hände. »Aber es wird dir nicht gefallen.«
Ich springe auf, während Foxglove den Raum betritt. »Was soll das heißen? Wo ist Aspen? Geht es ihm gut?«
»Ja, es ist alles in Ordnung«, versichert mir Foxglove. »Die Gefahr wurde gebannt, und der König ist unversehrt.«
Ich seufze erleichtert. »Wo ist er jetzt?«
»In seinem Studierzimmer, aber deshalb bin ich nicht hier. Ich wollte persönlich mit dir sprechen. Es gibt da ... gewisse Dinge, die du vielleicht besser wissen solltest, bevor du mit dem König sprichst.«
»Was hat das zu bedeuten? Verheimlicht er mir irgendetwas?«
»Das würde ich so nicht sagen, es ist nur ...« Er seufzt. »Wir sollten uns lieber setzen. Vertrau mir.«
Während ich uns zum Sofa führe, habe ich das Gefühl, meine Beine könnten jeden Augenblick unter mir nachgeben. Da ich es nicht übers Herz bringe, neben meinem seidenen Hochzeitskleid über der Armlehne Platz zu nehmen, setze ich mich gegenüber in den Sessel, während sich Foxglove und Lorelei auf dem Sofa niederlassen.
Foxglove rückt seine Brille zurecht und verzieht das Gesicht. »Ach, wie ich es hasse, wenn ich ...«
»Sag es mir einfach.«
»Na schön. Wie du weißt, hat der Rat der Menschen einen Brief geschickt, in dem er deine Bindung mit König Aspen annulliert.«
Ich nicke und beuge mich nervös vor. »Stand in dem Brief auch, warum?«
Er schluckt schwer. »Darf ich dich etwas fragen, meine Liebe? Stammst du von Fae ab?«
Verwundert reiße ich den Kopf zurück. »Nein, natürlich nicht. Ich bin ganz offensichtlich ein Mensch.«
Er zieht eine Augenbraue hoch. »Besteht nicht einmal die geringste Möglichkeit, dass in deinen Adern Fae-Blut fließt?«
Ich öffne den Mund, doch ich will so viel gleichzeitig sagen, dass ich kein einziges Wort herausbringe. Warum fragt er mich so etwas? Es ist unmöglich, dass ich ... dass ich ...
»Das wüsste ich doch«, erwidere ich schließlich.
»Ist das so?« Er sieht mich entschuldigend an.
»Ja. Wie sonst erklärst du dir, dass ich Eisen berühren kann, ohne dass es mir Schaden zufügt? Oder dass meine Wunden nicht so schnell heilen wie eure? Dass mich Eberesche vor Manipulation schützt?« Instinktiv fasse ich mir an den Hals, um die roten Beeren zu befühlen. Irgendwie habe ich es geschafft, diese Kette nicht zu verlieren, obwohl ich von Cobalt entführt und auf dem Kelpie durch das Meer geritten bin. Jedoch ist sie ziemlich mitgenommen, der Faden ausgefranst, und hier und da sind die Beeren abgefallen. Aber ich bringe es nicht übers Herz, sie abzulegen – und zwar nicht nur, weil sie mich schützt. Sie erinnert mich an Mutter. Und wohl oder übel auch an Amelie.
»Man weiß nicht sonderlich viel über die Unterschiede zwischen Fae und Halb-Fae«, erklärt Foxglove. »Bisher dachten wir immer, dass die Nachkommen von Menschen und Fae alle Schwächen der Fae besitzen und nur wenig von ihrer Magie. Aber es besteht ja nie die Notwendigkeit oder auch die Möglichkeit, es herauszufinden. Ich glaube kaum, dass schon einmal überprüft wurde, wie die Kinder der bisherigen Auserwählten auf Eisen reagieren. Es könnte also gut sein, dass sie genauso sind wie du.«
»Aber meine ...« Ich verstumme. Meine Mutter ist ein Mensch, wollte ich sagen. Sie hätte es mir doch gesagt, wenn ich keiner wäre, oder?
Aber ich habe ja noch einen Vater.
Ich schüttle den Gedanken ab. »Warum fragst du mich das? Was hat das mit dem Brief zu tun?«
»Der menschliche Rat ist der Meinung, dass du nicht voll und ganz Mensch bist. Dass du und deine Schwester zur Hälfte Fae seid. Und da das Abkommen verlangt, dass menschliche Mädchen nach Faerwyvae geschickt werden ...«
»Kann ein Mädchen, das halb Fae ist, nicht das Abkommen sichern«, flüstere ich und lasse die Schultern hängen. »Aber wie kommen sie denn überhaupt auf die Idee?«
»In dem Brief steht, dass ihnen Beweise vorliegen.«
»Welche Beweise?«
Foxglove schüttelt den Kopf. »Das haben sie nicht gesagt. Aber kannst du dir vorstellen, dass es vielleicht doch stimmen könnte?«
Ich fasse es nicht, dass ich überhaupt mit dem Gedanken spiele, aber ich zwinge mich, ihn auszusprechen. »Wenn, dann durch meinen Vater, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Mutter hat nie auch nur irgendetwas davon erwähnt, dass ihre Beziehung in irgendeiner Form ungewöhnlich war. Sie hat nie viel über ihn gesprochen, meinte immer nur, er sei ein anständiger Mann.«
Nachdenklich kneift Lorelei die Augen zusammen. »Du hast ihn nie kennengelernt?«
»Als sie sich getrennt haben, war ich noch ein Baby.«
»Und wo ist er jetzt?«, will Foxglove wissen.
Ich zucke mit den Schultern. »Wahrscheinlich immer noch auf dem Festland, in Bretton. Mutter meinte, sie hätten sich getrennt, weil er nicht mit uns nach Eisleigh gehen wollte. Deshalb ergibt das alles überhaupt keinen Sinn. Warum sollte mich mein Vater als Fae – oder Halb-Fae oder was auch immer er sein soll – auf dem Festland halten wollen? Bedeutet es für die Fae nicht den sicheren Tod, so weit von Faerwyvae entfernt zu sein?«
Ich erinnere mich an die Geschichte, die mir Cobalt erzählt hat, über den Feuerkönig, der am Ende des Krieges ins Exil verbannt wurde. Sie schickten ihn zum Sterben aufs Festland, weil er der Erste war, der die Menschen in die organisierte Gewalt verwickelt hatte. Im Gegenzug stimmten die Menschen der Tradition der Hundertjährigen Ernte zu, die mir diesen ganzen Schlamassel überhaupt eingebrockt hat.
»Das stimmt, für die Fae bedeutet es den sicheren Tod, die Fair Isle zu verlassen«, erwidert Foxglove mit finsterer Miene. »Unsere Magie lässt schon auf der anderen Seite der Mauer nach. Und ohne sie leben wir nicht so lange.«
»Dann ist der verstoßene Feuerkönig also definitiv tot?« Mir dreht sich der Magen um. Ich will mir selbst nicht eingestehen, wie ich überhaupt auf diese absurde Frage kam.
Foxglove nickt. »Der Feuerkönig hat genauso lange gelebt wie ein Mensch, nachdem er auf das Festland geschickt wurde. Nach seinem Tod wurden Botschafter ausgesandt, um sein Ableben zu bestätigen.«
Ich seufze laut. Das wäre dann schon mal eine verrückte Möglichkeit weniger. »Gab es noch andere? Andere Fae, die in diesem Jahrhundert ins Exil geschickt wurden?«
Foxglove und Lorelei wechseln einen Blick. »Nicht dass ich wüsste«, antwortet Foxglove. »Und kein Fae würde je freiwillig aufs Festland gehen.«
»Dann ergibt das alles keinen Sinn. Entweder hat der Rat keinerlei Beweise und erfindet nur irgendetwas, um das Abkommen zu brechen, oder es liegt ein Missverständnis vor.«
»Das werde ich heute Abend herausfinden«, erwidert Foxglove. »König Aspen schickt mich zum Bürgermeister von Sableton, um die Sache umgehend aufzuklären. Wenn es sich nur um ein Missverständnis handelt, kümmere ich mich darum. Ich werde ihnen anbieten, was sie als angemessen empfinden, um den Fehler wiedergutzumachen, der zu dieser Annahme geführt hat. Und dann kann die Hochzeit wie geplant stattfinden.«
Langsam dreht Lorelei den Kopf in Foxgloves Richtung. »Und was, wenn es kein Missverständnis ist? Oder wenn du sie nicht davon überzeugen kannst, dass sie unrecht haben?«
»Dann gilt das Abkommen als gebrochen«, erwidere ich, »und wir ziehen in den Krieg, stimmt's?«
Wieder verzieht Foxglove das Gesicht und schiebt mit zitternden Fingern seine Brille hoch. »Nicht unbedingt.«
Eigentlich sollte ich jetzt erleichtert sein, aber in seiner Miene spiegelt sich keinerlei Hoffnung wider. »Was ist?«
»Jetzt kommt der Teil – wahrscheinlich einer von vielen –, der dir nicht gefallen wird«, setzt er an. »Der Rat der Menschen hat dem König eine letzte Möglichkeit geboten, das Abkommen doch noch zu sichern. Wenn sie mit ihren Vermutungen richtigliegen, werden zwei neue Mädchen nach Faerwyvae geschickt, und alle drei erforderlichen Teile des Abkommens müssen umgehend erfüllt werden. Die Gefährtenzeremonie, das Ritual und die Menschenhochzeit. Alles. Sie haben uns sogar schon die Namen der neuen Auserwählten genannt. Maddie und Marie Coleman. Und der Rat besteht darauf, dass Aspen derjenige ist, der heiratet, nicht irgendein Cousin oder ein sonstiger Verwandter, wie es bisher der Fall war.«
Mir wird speiübel, während seine Worte mir das Herz brechen. Aspen wird nicht nur eine andere heiraten müssen, sondern ausgerechnet Maddie Coleman. Das Mädchen, das ich mehr hasse als alle anderen Dorfbewohner. »Natürlich ist sie es«, murmle ich mit einem verbitterten Lächeln auf den Lippen. Ich erinnere mich, wie eifersüchtig sie war, als wir uns vor der Farm der Holstroms begegnet sind. Wie sie damit geprahlt hat, dass sie eigentlich der Ersatz für die Holstrom-Mädchen hätte sein sollen. Sie war rasend vor Zorn, weil Aspen stattdessen mich verlangt hatte. Und ich natürlich auch. Aber ... könnte es sein, dass sie hinter alledem steckt? Ihre Eifersucht mag Antrieb genug sein, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie so viel Einfluss hat, selbst wenn ihr Onkel der Bürgermeister von Sableton ist. Nein, hinter der Sache muss etwas viel Größeres stecken.
Ich atme tief ein und balle so fest die Fäuste, dass sich meine Fingernägel in meine Handflächen bohren. »Das ist der einzige Weg, um einen Krieg zu vermeiden?«
Foxglove nickt. »Der Bürgermeister will, dass ich dieser neuen Vereinbarung zustimme, wenn wir uns heute Abend treffen. Wenn ich das tue, werde ich Sableton um Mitternacht mit zwei neuen Auserwählten verlassen.«
Da ich nicht weiß, was ich darauf erwidern soll, sage ich nichts und lasse den Blick auf mein Hochzeitskleid neben Lorelei schweifen, das zunehmend vor meinen Augen verschwimmt.
Foxglove beginnt wieder, seine Hände zu kneten. »König Aspen hat mir jedoch befohlen abzulehnen.«
Mein Blick schnellt zu ihm. »Wie bitte?«
»Er entscheidet sich eher für das gebrochene Abkommen als für zwei neue Auserwählte.«
»Und riskiert damit einen Krieg?«
»Er hat seine Gründe«, erwidert Foxglove. »Und einige davon sind sogar nachvollziehbar. Selbst ich als Botschafter verstehe, dass man sich nicht alles gefallen lassen darf, ohne sich zur Wehr zu setzen.«
Ich springe auf, um Aspen aufzusuchen und die Tür seines Studierzimmers einzutreten. Doch Foxglove steht ebenfalls auf und hebt die Hände, als wollte er mich aufhalten. »Ich habe dir das nicht erzählt, damit du dich jetzt mit dem König streitest.«
Mir entweicht ein verbittertes Lachen. »Nun, das werde ich aber trotzdem tun.«
»Ich habe es dir erzählt, weil es dich auf eine viel persönlichere Weise betrifft, als dir bisher bewusst ist. Der Bürgermeister hat deine Mutter. Der Rat hat angeordnet, sie in Gewahrsam zu nehmen. Wenn Aspen sich weigert, eine der neuen Auserwählten zu heiraten, bedeutet das nicht nur Krieg, sondern auch die Exekution deiner Mutter.«
Ich spüre, wie mir das Blut aus dem Gesicht weicht. »Sie wollen meine Mutter hinrichten? Was hat sie denn mit alledem zu tun?«
Foxglove runzelt die Stirn. »Sie wird gefangen gehalten, weil ihr vorgeworfen wird, dass sie eure Fae-Abstammung verheimlicht hat. Den Fae ist es nicht erlaubt, auf der anderen Seite der Mauer zu leben und schon gar nicht, sich als Mensch auszugeben. Ihr wird vorgehalten, das Abkommen in Gefahr gebracht zu haben. Aspens Entscheidung, ob er die neue Auserwählte heiratet oder nicht, sollte eigentlich nicht über das Schicksal deiner Mutter entscheiden, aber sie wollten es ihm – oder besser gesagt euch – wohl noch schwerer machen, sich zu weigern.«
Ich muss mich zusammenreißen, um nicht das erstbeste Möbelstück zu zerschmettern, so rasend bin ich vor Wut. »Wann reist du ab, um dich mit dem Bürgermeister zu treffen?«, presse ich hervor.
»Am Nachmittag.«
Ich will gerade etwas erwidern, als ein Schatten zur Tür hereinfällt. Ich muss mich erst gar nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Aspen ist.
Lorelei stellt sich mit steifen Schultern neben Foxglove. »Wir sollten euch lieber ein wenig Privatsphäre geben«, sagt sie und zerrt ihn zur Tür. Sie verbeugen sich tief vor dem König, doch dieser durchbohrt Foxglove mit seinem Blick.
»Du hast es ihr gesagt«, knurrt er.
Foxglove ist mutiger, als ich dachte, denn er sieht Aspen direkt in die Augen, ohne auch nur zu zittern. »Es tut mir leid, Eure Majestät. Aber sie verdient es, davon zu erfahren.«
Aspen tritt beiseite, damit die beiden an ihm vorbeihuschen können, und richtet den Blick dann auf mich.
»Hättest du meine Mutter einfach sterben lassen, ohne mir etwas davon zu sagen?«
Er kommt auf mich zu. »Ich wollte dir gerade alles erzählen.«
»Alles? Wirklich alles? Oder nur das, was ich deiner Meinung nach wissen soll?«
»Ich hätte es nicht zugelassen, dass sie deine Mutter hinrichten.«
Dass er meiner Frage so ausweicht, ist für mich Antwort genug. Ich stemme die Hände in die Hüften. »Oh, und was willst du dagegen unternehmen?«
»Das weiß ich noch nicht.« Er wirft die Hände in die Luft. »Ich hätte mir schon etwas einfallen lassen. Sie aus dem Gefängnis befreien. Sie nach Faerwyvae bringen. Jeden, der sich mir in den Weg stellt, töten, bis sie in Sicherheit ist.«
Es überrascht mich, was er für sie zu tun bereit wäre, und gleichzeitig ängstigt es mich, wie leichtfertig er darüber spricht, jemanden zu ermorden. Aber es würde ohnehin nur eins von vielen Problemen lösen. »Das würde aber trotzdem nicht das Abkommen sichern, Aspen. Sie haben dir ein anderes Angebot unterbreitet, und du hast Foxglove befohlen, es auszuschlagen.«
»Ja«, gesteht er ohne Scham.
»Warum?«
»Weil ich dich nicht verlieren will.« Der Schmerz in seinen Augen raubt mir die Luft zum Atmen. Die Verletzlichkeit und die Angst in seinem Gesicht erweichen mein Herz. Doch dann erinnere ich mich daran, was das bedeuten könnte. Was seine Treue zu mir uns kosten könnte.
»Hier geht es aber nicht um uns«, erwidere ich mit zitternder Stimme. »Die Insel vor einem Krieg zu bewahren, ist so viel wichtiger als wir. Wir sind nichts im Vergleich.«
Seine Verletzlichkeit verschwindet und versteckt sich wieder hinter der eiskalten Maske, die er so oft trägt. Als er erneut das Wort ergreift, ist seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Nichts? Das sind wir also für dich?«
Nein, wir sind so viel mehr. Du bist so viel mehr. »Ja.«
Er schüttelt den Kopf, sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an und lächelt verbittert. »Das glaube ich dir nicht.«
Ich mache einen Schritt auf ihn zu und erwidere sein Grinsen mit einem finsteren Blick. Ich weiß, dass meine nächsten Worte wehtun werden, doch sie sind meine einzige Waffe. Meine einzige Verteidigung gegen seine leidenschaftliche Hingabe, auch wenn ich weiß, dass es mich umbringen wird, sie auszusprechen. »Warum nicht? Glaubst du denn, mich so gut zu kennen, nur weil du mich einmal ins Bett gekriegt hast?«
Er verzieht kaum eine Miene. »Und ob ich dich kenne.«
»Wenn du mich tatsächlich so gut kennen würdest, dann wüsstest du, dass ich alles dafür tun würde, um das Abkommen zu sichern.«
»Selbst wenn es bedeutet, mich an eine andere Frau zu verlieren?«
Seine Worte lösen Bilder in mir aus, von denen mir speiübel wird. Ich schlucke das Wort, das ich eigentlich sagen möchte, herunter und ersetze es durch eine Lüge. »Ja.«
Er wendet sich ab und stürmt auf die Weinkaraffe auf dem Nachttisch zu. »Ich werde das nicht tun«, knurrt er und leert ein Glas von der roten Flüssigkeit in nur einem Zug.
»Doch, wirst du. Wenn es das ist, was es braucht, um das Abkommen zu sichern ...«
»Vielleicht ist das Abkommen es nicht wert, gesichert zu werden.«
Ich reiße die Augen auf. »Wie kannst du so etwas sagen? Wenn es unsere Völker vor dem Krieg bewahrt, lohnt es sich natürlich, es zu sichern.«
Er atmet zittrig aus und fährt sich durch das blauschwarze Haar zwischen seinem Geweih. »Das ist kein Abkommen, Evie. Es ist eine Klinge, die sich die Räte abwechselnd zuwerfen, um zu sehen, wer sich zuerst daran schneidet. Ich habe dieses Spiel so satt. Ich habe es satt, dass beide Seiten die Klinge auf mich richten.«
Mir läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, ob er damit vielleicht recht haben könnte. Habe ich nicht fast das Gleiche zu Lorelei gesagt? Ich bin es leid, wegen des Abkommens in ständiger Angst zu leben. Ich schüttle den Kopf. »Wenn wir mit der Sicherung des Abkommens Leben retten können, dann ist es das allemal wert. Solange wir eine Wahl treffen können, die Frieden bedeutet, müssen wir es versuchen.«
»Es ist aber keine Wahl, wenn mir gar keine andere bleibt.«
Bei aller Liebe zum Eisen, wie stur er doch ist. »Selbst wenn du recht hast und das Abkommen absichtlich gebrochen wurde, denkst du denn, ein Krieg würde die Sache besser machen? Könntest du noch in den Spiegel schauen in dem Wissen, dass du schuld bist an allem, was kommt?«
»Wenn es Freiheit bedeutet, dann ja.«
Meine Wangen beginnen zu glühen. »Nun, ich würde mit dieser Schuld nicht leben können.«
Aspen schenkt sich ein weiteres Glas ein und stürzt den Inhalt herunter. Seine Brust hebt und senkt sich, während er mich mit seinem Blick durchbohrt. »Was willst du mir damit sagen?«
»Ich will damit sagen, dass ich nicht der Grund sein will, warum mein Volk leidet. Das weißt du genau.«
»Dein Volk. Dir ist aber schon bewusst, dass ein Krieg sowohl die Menschen als auch die Fae betreffen würde, oder?«
»Natürlich bin ich mir dessen bewusst.«
»Aber die Menschen sind dir wichtiger.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Ich versuche auch, deinen Thron zu beschützen. Ich habe mich Cobalt nicht umsonst entgegengestellt. Wenn du das Angebot des Menschenrats ablehnst, wird der Rat der Fae beenden, was Cobalt begonnen hat.«
»Das Alles von Allem hat sich für mich entschieden. Das wird der Rat beherzigen.«
»Nein, das Alles von Allem hat sich für mich entschieden«, widerspreche ich. »Wenn der Rat der Elf Höfe denkt, ich wäre schuld am Bruch des Abkommens, wird die Entscheidung des Alles von Allem niemanden mehr interessieren. Sie werden sich gegen uns beide wenden.«
Ohne Widerworte zu geben, presst er die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Wahrscheinlich, weil er genau weiß, dass ich recht habe. »Es muss noch eine andere Möglichkeit geben.«
Seufzend löse ich meine verschränkten Arme, und meine Wut lässt ein wenig nach. »Das hoffe ich doch auch. Deshalb werde ich Foxglove später begleiten. Ich will sehen, ob ich ihnen beweisen kann, dass ich nicht die bin, für die sie mich halten.«
»Auf gar keinen Fall. Das ist viel zu gefährlich. Wenn die Menschen beschließen, dass deine Mutter eine Verräterin ist, könntest du ebenfalls in Gefahr schweben.«
»Ich werde aber nicht hier herumsitzen, während meine Mutter leidet. Nicht, wenn ich etwas dagegen unternehmen kann.«
»Wenn man etwas tun kann, wird Foxglove es tun. Es gibt nichts, was du tun könntest und er nicht.«
»Ich kann ihnen beweisen, dass sie unrecht haben.«
»Und was, wenn sie doch recht haben?«
Darüber kann ich jetzt nicht nachdenken. Ich kann nicht. Nicht, wenn das bedeuten würde ...
»Wenn sie doch recht haben«, erwidere ich, »werde ich mich den Konsequenzen stellen.«
Er stellt das Weinglas ab und lässt verzweifelt die Schultern hängen. »Ich will dich aber nicht verlieren«, knurrt er.
Ich schlucke schwer. »Das wirst du auch nicht, wenn Foxglove es schafft, diesem Irrsinn ein Ende zu bereiten. Dann wird meine Mutter freigelassen, das Abkommen ist gesichert, und ich kehre zu dir zurück.«
»Versprich es mir.«
Ich schüttle den Kopf. »Du musst mir etwas versprechen. Versprich mir, dass du die neue Auserwählte heiratest, sollte ich nicht zurückkommen.«
Seine Hände ballen sich neben seinem Körper zu Fäusten, doch er erwidert nichts.
Ich durchbohre ihn mit meinem Blick. »Versprich mir, dass du tun wirst, was nötig ist. Beiden Völkern zuliebe. Versprich mir, dass du das Abkommen sichern wirst. Und wenn du es schon nicht für die Insel tust, dann wenigstens für mich.«
Er funkelt mich ebenso finster an. »Ich verspreche es.«
»Was genau versprichst du mir?«
»Ich verspreche dir, dass, wenn alles den Bach runtergeht, ich eine Entscheidung treffen werde, die keinem von uns beiden gefallen wird«, presst er hervor.
Es ist zwar nicht das Versprechen, das ich hören wollte, aber wenn man bedenkt, dass es ohnehin keine Lösung gibt, die mir gefällt, ist es wenigstens eins, das er halten kann. Ich hasse alle Lösungen. Die Auflösung des Abkommens. Dass Aspen Maddie Coleman heiraten könnte. Dass meine Mutter gefangen gehalten und ihr sogar die Todesstrafe angedroht wird. Und wie passe ich ins Bild? Was passiert mit mir?
»Gut«, erwidere ich und wende mich zum Gehen.
»Warte.«
Eigentlich sollte ich nicht stehen bleiben, doch das tue ich. Da ich es nicht wage, ihn noch einmal anzusehen, konzentriere ich mich auf das Geräusch seiner näher kommenden Schritte. Eintausend Herzschläge scheinen zu vergehen, während ich mit angehaltenem Atem auf ihn warte. Als ich ihn an meinem Rücken spüre, wie er sanft die Arme um meine Taille schlingt und seine Hände auf meinen Bauch legt, beginnt mein Puls, noch schneller zu schlagen. Mein Körper reagiert instinktiv auf seine Berührung. Als mir der Rosmarin- und Zimtduft seiner Haut in die Nase steigt, breitet sich Verlangen in meiner Brust aus.
»Geh noch nicht«, bittet er mit tiefer, erstickter Stimme und schmiegt das Gesicht an meinen Hals.
Ich schließe die Augen und neige den Kopf, spüre, wie seine Lippen über mein Schlüsselbein streifen.
»Wir haben noch Zeit«, flüstert er. »Wir sollten sie bestmöglich nutzen. Nur für den Fall ...«
Er muss den Satz nicht zu Ende sprechen, um genau zu wissen, was er sagen will. Wenn alles schiefgeht, wäre es möglich, dass dies unser letzter gemeinsamer Moment ist. Jemals. Vielleicht sehe ich ihn nie wieder.
Dieser Gedanke ist so schrecklich, dass mir die Tränen kommen. Ich spüre, wie meine Knie zu zittern beginnen.
Während eine warme Hand auf meinem Bauch liegen bleibt, legt er die andere an mein Kinn und dreht meinen Kopf zu sich. Unsere Lippen sind nur noch einen Atemzug voneinander entfernt. »Evie.«
Ich will nichts sehnlicher, als die Distanz zu schließen und seine Lippen auf meinen zu spüren. Nur eine klitzekleine Bewegung und ich könnte mich an ihn schmiegen, mich seiner tröstenden Umarmung hingeben, der Wärme seines Körpers. Was, wenn dies wirklich unser letzter gemeinsamer Moment ist, die letzte gemeinsame Erinnerung? Mit flachem Atem versuche ich, gegen das brennende Verlangen in mir anzukämpfen. Ich muss. Denn wenn ich jetzt nachgebe, weiß ich nicht, ob ich ihn dann noch verlassen kann.
Ich drehe den Kopf weg und weiche zurück. »Ich muss jetzt gehen.«
Diesmal hält er mich auf meinem Weg zur Tür nicht auf. Doch als ich die Schwelle erreiche, ergreift er noch einmal das Wort. »Komm zu mir zurück, Evie.«
Ich bleibe nur kurz stehen. »Das kann ich dir nicht versprechen.« Dann bewegen sich meine Füße wie von selbst, bringen mich so schnell von Aspen weg, wie sie nur können, während ich hemmungslos schluchze.
Ich kann Aspen vielleicht nicht versprechen, dass ich zu ihm zurückkehren werde, aber ich schwöre, dass jeder Schritt, den ich mich von ihm entferne, wie ein Stich ins Herz ist.
Ich habe es schon fast bis in meine Stube geschafft, als ich gezwungen werde, meine Schritte zu verlangsamen.
Eine Gestalt schwebt auf mich zu. Eine mit goldbrauner Haut, honigfarbenem Haar und gelben Schmetterlingsflügeln. Königin Dahlia ist gerade die letzte Person, die ich sehen will. Ich bin jetzt nicht in der Verfassung, Gäste zu empfangen, und ihr strahlendes Lächeln lässt meinen Schmerz nur noch größer werden. Schnell wische ich mir die Tränen von den Wangen, ehe ich an der Schwelle zu meiner Stube stehen bleibe und vor der Sommerkönigin knickse. Ich vermeide es, ihr dabei in die Augen zu sehen in der Hoffnung, dass sie mich einfach ignoriert und weitergeht.
»Meine liebe Miss Fairfield. Ist alles in Ordnung? Sie wirken ziemlich aufgebracht.«
Ich presse die Kiefer aufeinander und erlaube meiner Wut, meinen Schmerz zu übertünchen. Zum Glück kommt mir die Lüge leicht über die Lippen. »Es gab heute Morgen einen Unfall, Königin Dahlia. Ich habe mich um die Verwundeten gekümmert, aber ich trauere um die, die es nicht aus den Höhlen geschafft haben.«
»Ich habe davon gehört«, schnaubt sie. »Geschieht ihnen ganz recht. So mit Sumpfgas zu hantieren ...«
Diese Aussage macht mich fuchsteufelswild, auch wenn ich ihr zustimmen muss, dass es durchaus leichtsinnig war. Ich will einfach nur, dass sie geht, damit ich allein sein kann, aber ich kann mir einen Kommentar einfach nicht verkneifen. »Wie lange haben wir denn noch das Vergnügen mit Euch? Es war sehr großzügig, Bircharbor Euer Wetter zu leihen, aber inzwischen ist alles wieder trocken. Und es gibt auch so etwas wie zu viel Sonne.«
Sie schenkt mir ein affektiertes Lächeln. »Vielleicht noch ein paar Tage, Miss Fairfield. Nur zur Sicherheit. Ich hoffe doch sehr, dass wir noch ein wenig Zeit zusammen verbringen können. Ich glaube, die Sonne tut Ihnen gut. Man könnte fast behaupten, dass Sie nicht mehr ganz so glanzlos wirken.«
Ich zwinge mich zu lächeln. »Fast.«
Sie macht einen Schritt auf mich zu und senkt die Stimme, doch ihre Miene bleibt unverändert. »Ich hoffe wirklich, dass alles in Ordnung ist. Wie ich gehört habe, hat der König einen äußerst ärgerlichen Brief erhalten.«
Mein Lächeln verschwindet umgehend, und ich versuche auch nicht, es wieder aufzusetzen. »Die Korrespondenzen des Königs sind seine Sache. Er wird sich schon darum kümmern.«
